Entführung und Verschwindenlassen sind überall auf der Welt Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In El Salvador wurden sie zu einer besonderen Form der Aggression gegen Kinder und ihre Familien. Diese Verbrechen verletzten die Menschenrechte in vielfacher Weise, denn sie betreffen das Recht auf Leben, auf Freiheit, auf Integritát, auf Frieden, Sicherheit und Wohlergehen. Solange die entführten und verschwundenen Personen nicht wieder auftauchen oder gefunden werden, hält die Verletzung ihrer Rechte an. Im konkreten Fall El Salvadors war diese Art von Menschenrechtsverletzungen während des internen Krieges eine übliche Praxis des Staates, ausgeübt von Sicherheitskräften, Militärs und Privatpersonen, die diese Verbrechen mit Unterstützung oder Zustimmung des Staates begingen. Im Bericht der Wahrheitskommission sind über 5.000 Fälle von Entführung und Verschwinden-lassens dokumentiert, aber nach Angaben der Mütter-Komitees sind es über 9.000. Hinter den Hauptopfern, den Verschwundenen, stehen deren Familien, die ebenfalls Opfer sind, weil sie auf eine Antwort warten auf ihre Forderung nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Das Verschwindenlassen ist eines der schmerzlichsten Kapitel der salvadorianischen Geschichte und offenbart eine Pathologie der ganzen Gesellschaft: die Straflosigkeit.
Demonstration von Familienangehörigen von Pro Búsqueda vor dem salvadorianischen Parlament am 29.09.2008
Nach den Unterlagen von Pro Búsqueda sind die Streitkräfte und die aufgelösten Sicherheitskräfte für 92 % der dokumentierten Fälle verantwortlich. Die Art des Verschwindenlassens war nicht immer dieselbe. In einigen Fällen wurden die Kinder ihren Müttern von Angehörigen der Streitkräfte buchstäblich aus den Armen gerissen, die an den Militäroperationen gegen die Aufständischen teilnahmen. In vielen anderen fällen wurden die Kinder nach einem Massaker oder einer militärischen Auseinandersetzung von den Soldaten lebend zwischen den Leichen gefunden und entführt. Angehörige der Guerrilla FMLN (Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí) müssen in 8 % der von Pro Búsqueda dokumentierten Fälle für die erzwungene Trennung der Kinder von ihren Familien verantwortlich gemacht werden. Auch gab es Fälle, in denen die FMLN ihre KämpferInnen zwang, Söhne und Töchter in "Sicherheitshäusern" zu lassen, um als Tarnung von klandestinen Aktivitäten zu dienen. In wieder anderen Fällen wurden Minderjährige für Kurirdienste oder als KämpferInnen rekrutiert.
Die Untersuchungen von Pro Búsqueda ergeben eine allgemeine Klassifizierung des Verbleibs der verschwundenen Kinder: unter denen, die wieder gefunden wurden, wuchsen einige in verschiedenen Waisenhäusern El Salvadors auf. Andere wurden "legal" von Familien im Ausland adoptiert, wobei ihre Identität ganz oder teilweise geändert wurde. Wieder andere wurden Opfer des Kinderhandels. Nur wenige der wieder gefundenen Kinder sind in Kasernen aufgewachsen.
"Vergessen verboten" - Großveranstaltung salvadorianischer Menschenrechtsorganisationen am 14.11.2008
Mütter suchen ihre verschwundenen Kinder