erschienen in: "Junge Welt vom 01.02.1995 und "Neues Deutschland" vom 09.02.1995
Autor: Reimar Paul
Durch Blut- und Genanalysen haben US-Wissenschaftler die Identität eines angeblichen Waisenkindes in El Salvador feststellen können. Der heute 13-jährige Junge, der unter dem Namen Juan Carlos in einem SOS-Kinderdorf in der Stadt Santa Tecla lebt, heißt in Wirklichkeit Nelson Anibal Ramos. Soldaten der Regierungsarmee hatten das damals sechs Monate alte Baby bei einer Militäroperation in der Provinz Chalatenango im Mai 1982 geraubt und entführt.
Vor Journalisten schilderte die Mutter von Nelson Anibal, María Magdalena Ramos, am 20. Januar, wie Angehörige eines Elite-Bataillons bei der später als "Mai-Massaker" in die Geschichte des Landes eingegangenen Militäroperation im Norden Chalatenangos mehrere hundert Campesinos und ihre Familie zunächst aus ihren Hütten gejagt und auf einem Hügel zusammengetrieben hatten. Die Soldaten erschossen alle Männer, die sie der Zusammenarbeit mit der Befreiungsfront FMLN verdächtigten und entrissen dann den Müttern die Kinder. Mindestens fünfzig Mädchen und Jungen im Alter von wenigen Monaten bis zu drei Jahren, erinnert sich María Magdalena, seien in Hubschraubern abtransportiert worden. "Eure Kinder werden zukünftig der Regierung gehören und nicht mehr euch", habe ein Soldat gebrüllt und sie anschließend mit dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen. Mit den wenigen Überlebenden des Massakers floh María Magdalena Ramos nach Honduras. 1988, Regierung und FMLN verhandelten unter UN-Vermittlung bereits über ein Ende des Krieges, kehrte sie nach El Salvador zurück. Für die 31-jährige und andere Eltern verlief die Suche nach ihren verschwundenen Kindern zunächst ergebnislos. Die Behörden hätten jede Auskunft verweigert, Offiziere sie mehrfach aus der Kaserne gejagt, berichtet María Magdalena Ramos. Erst die vorsichtige politische Öffnung in den letzten Monaten ermöglichte genauere Nachforschungen. Eine Gruppe von Kirchenleuten und RechtsanwältInnen um den Jesuiten-Pater Jon Cortina half bei der Recherche. Nachdem örtlich Menschenrechtsorganisationen auf die von ihnen vermutete tatsächliche Identität von "Juan Carlos" hingewiesen hatten, entnahmen die Wissenschaftler der Mutter und dem Sohn im Herbst 1994 Blutproben. Nach den Worten von Dr. Eric Stover, dem Leiter der in Boston ansässigen Organisation "Ärzte für Menschenrechte" (Physieians for Human Rights, PHA), besteht an dem Verwandschaftsverhältnis "überhaupt kein Zweifel". Das komplizierte wissenschaftliche Verfahren, bei dem zentrale Bausteine des Erbinformationsträgers Desoxyribonukleinsäure (DNS) aus weißen Blutkörperchen der untersuchen Personen extrahiert und miteinander verglichen werden, sei "zu 99,81 Prozent" sicher. "Der erste Hinweis, dass zumindest einige der damals geraubten Kinder in den SOS-Kinderdörfern leben, kam vom Roten Kreuz", so Cortina, der im Dezember 1989 selbsrt nur knapp dem Mordanschlag auf seine Glaubensbrüder in der Zentralamerikanischen Universität entgangen war. MitarbeiterInnen des Hilfswerks hätten sich erinnert, wie ihnen Militärs im Sommer 1982 mehrere Dutzend Kinder übergaben. Sie seien von ihren Eltern verlassen worden, so ein Offizier.
Viele der im Krieg entführten Kinder - die Gruppe um Jon Cortina schätzt die Zahl auf weit über 200 - befinden sich schon lange nicht mehr im Land. Der Geistliche will von "zahlreichen Fällen wissen, in denen die Jugendlichen bei Adoptiveltern in Europa leben". Allein in Frankreich seien es mehr als fünfzig. Die Rechtsanwältin Mirna Perla Anaya ist sich sicher, dass die salvadorianischen Behörden bei den damaligen Adoptionsverfahren Unterlagen manipuliert haben. So hätten die leiblichen Eltern einer Adoption zustimmen müssen. "Doch diese Dokumente wurden entweder gefälscht oder es wurde wahrheitswidrig behauptet, dass die Eltern nicht mehr leben."
Ungewiss ist derzeit noch, ob das Militär damals im Auftrag der Regierung handelte oder die Kinder auf eigene Rechnung entführt und zu verkaufen versuchte. Das von ehemaligen Präsidenten Cristiani kurz nach Friedens-abschluss durchgedrückte Amnestiegesetz gilt nicht für Beteiligung an Entführungen. Frau Anaya ist deshalb zuversichtlich, dass der Kindesraub "irgendwann nicht nur aufgeklärt, sondern auch geahndet wird".
Um weitere Fälle aufklären zu können, erwartet die Rechtsanwältin zunächst von den SOS-Kinderdörfern in El Salvador mehr Entgegenkommen. Leiterin der vier salvadorianischen Horte der nach 1945 in Österreich ins Leben gerufenen Einrichtung SOS-Kinderdorf ist María de Garcia, die hauptberuflich als Chefsekretärin in der Deutschen Botschaft arbeitet. "So weit wir wissen", so de Garcia im Januar, "wurde Juan Carlos im Alter von ungefähr einem Jahr zu uns gebracht. Gemeinsam mit anderen Kindern, die in einem Guerrilla-Lager von ihren Eltern verlassen worden waren."
Wandmalerei in Arcatao über das Massaker vom Sumpul