Die Dorfchronik

Teufelsfels, jeder im Umkreis von drei Tagesmärschen kennt unser Dorf hier im Düsterwald, die wenigsten allerdings aus nächster Nähe. Nach dem, was wir hier erlebt haben, ist es auch nicht verwunderlich, dass wir im Düsterwald, wenn nicht weiter, traurige Berühmtheit erlangt haben. In den letzten fünfzehn Jahren haben wir die Hölle auf Erden erlebt, dachten Luzifer selbst würde unter uns wandeln bis wir das wahre teuflische Ungeheuer stellen und vernichten konnten. Zumindest dachten wir das. Unseren Irrtum zahlten viele mit ihrem Leben. Die Schrecken einer einzelnen Nacht kann und vermag ich nicht durch Worte erneut heraufbeschwören, denn am Morgen dachten wir Überlebenden, dass das Ende unseres Dorfes besiegelt wäre.

Aber wir sind hier, wir sind nach unserem Rückzug zurückgekommen und haben unser Dorf wieder erbaut. Es war ein mühsamer Weg, wir waren wenige, das Verfallene wieder instand zu setzen war schwerer als es ein vollständiger Neubau gewesen wäre, aber wir haben es geschafft. Unser Teufelsfels ist wieder eine florierende kleine Gemeinde und selbst den Gottesdienst können wir wieder selber feiern und müssen nicht jeden Sonntag in die Kapelle des nahen Schneppenbachs ziehen. Dies stellt gerade für die leicht besaiteten Gemüter unter uns Teufelsfelsern eine ungeheure Erleichterung dar, denn die Schneppenbacher trauen dem Frieden nicht und meiden uns als wären wir Aussätzige. Manche munkelten auch schon von einem möglichen Eingreifen der höchsten kirchlichen Instanzen, das aber sollte mit unserem neuen, dorfeigenen Priester hinfällig sein.

Mit dessen Hilfe konnte ich, Christopher Langschied, auch endlich eine richtige Dorfchronik anlegen, die zeigen wird, dass die dunklen Tage von Angst und Schrecken ein für alle mal vorbei sind! In den vergangenen Jahren haben wir viel erduldet, aber dieses Schriftstück wird den Weg in eine glänzende Zukunft unseres Teufelsfelses beweisen! Gott lächelt auf uns herab, wir haben seine Prüfungen überstanden und werden in die Geschichte eingehen als seine Kämpfer gegen teuflisches Unheil.


Das erste Jahr unseres Wiedererstarkens (Rückblick)

Frühjahr - die ersten Erkundungen in unserem Dorf. Zurückgelassener Besitz, verendete Tiere, tiefe Rillen im Stein.

Sommer - Nach Entfernen der düsteren Hinterlassenschaften, dem Tausch zerfetzter Balken und dem Abschleifen angsteinflößender Spuren konnten wir Gott sei Dank den Schneppenbacher Dorfkleriker überzeugen unseren Dorfgrund zu weihen und die letzten verbliebenen Gottlosigkeiten auszumerzen. Unsere jungen kräftigen Burschen konnten den Waldbestand soweit lichten, dass wir sowohl genug Holz zur Reparatur der Hütten hatten als auch dem Düsterwald ein paar seiner Schatten nehmen. Schließlich sollen unsere Kinder und Kindeskinder ohne die Angst vor dem Wald und dem, was in ihm lauert, aufwachsen können.

Winter - Fortschritte, die wir verzeichnen können: Es haben sich die ersten Familien angesiedelt: die Bäckersfamilie Runkelbeißer, die beiden Schwarzenbergs, auch im Schulhaus hat sich eine Gemeinschaft gebildet, der alte Wirt mit seinem Sohn und mein Herr, der alte Graf, der sich um die Geschäfte außerhalb des Dorfes kümmert. Gerd Haselmann wurde zum Hauptmann gewählt. ChL


Das zweite Jahr unseres erneuerten Dorfes

1. April:

Das Dorf hat den ersten Winter gut überstanden, auch wenn er bitterkalt war. Die Hütten haben den Sturmböen getrotzt und die tapferen Dorfbewohner dem Schnee. Gott stellte uns mit der Witterung erneut auf die Prüfung, aber auch diese haben wir überstanden. Der Herr segnet uns mit einem warmen Frühling. Aber unsere Selbstversorgung ist noch nicht ausreichend, wir benötigen noch mindestens zwei bis drei Bauern und einen Schmied. Die Schneppenbacher verlangen horrende Preise von uns, vermutlich immer noch Überbleibsel ihrer abergläubischen Angst. Dafür ist ein junger Priester, dessen Name mir entfallen ist, schließlich redet jeder ihn mit “Herr Pfarrer” an, zu uns gestoßen. Wir müssen nicht mehr nach Schneppenbach, sondern haben unsere eigene Kirche. Durch seine Anleitung kann ich nun auch die Chronik unseres Dorfes beginnen, auf dass sich jeder unserer Geschichte und Tapferkeit erfreue! ChL


1. August

Unser schönes Dorf hat nun einen Ort zum geselligen Zusammensein, denn zum Wirt kam noch ein junger Bursche, der so schnell ausschenkt, dass einem schwindelig wird und eine Magd die die alte Schenke wieder in altem Glanz erstrahlen lässt. Woher unsere neuen Dorfbewohner kommen, interessiert hier niemanden - wir sind schließlich offen und warmherzig, v.a. im Vergleich zu den unleidigen Schneppenbachern. Da Teufelsfels für seine Gastlichkeit bekannt ist und es nette, gute Menschen sind, erfreuen wir uns unseres geselligen Gasthauses. Der Frühsommer war etwas zu heiß, von Gewitterstürmen sind wir jedoch verschont geblieben. Ein frohes Fest konnten wir mit der Taufe des kleinen Mädchens der Familie Schmidt feiern. ChL


Michaelistag

Wir haben eine wahrhaft prächtige Ernte eingefahren und unser Dorf entwickelt sich mit seinen Familien, den gut gemästeten Tieren und den vollen Speichern zu einem Ort, an dem Milch und Honig fließen. Wie könnte auch nur jemand der Meinung sein, in unserem herrlichen Teufelsfels ginge etwas nicht mit rechten Dingen zu. ChL


31. Dezember

Das zweite Jahr unseres neuen Dorfes geht zur Neige. Neben dem Wirtshaus haben wir keine weiteren Neuzugänge. In den letzten Wochen war deutlich weniger Wild im Wald anzutreffen, diesen Winter wird es wohl kein Fleisch zum heiligen Fest geben. Ein tragisches Ereignis überschattet das Jahr, Christopher Langschied, unser Dorfchronist, ist wohl unter dem Einfluss des Weingeistes in die Schlucht gestürzt und wurde durch die spitzkantigen Steine so schwer verletzt, dass wir morgens nur noch seinen schwer entstellten Körper gefunden haben. Gott möge sich seiner Seele erbarmen. Unser guter, griesgrämiger Frerich hat sich um eine ordentliche Beerdigung gekümmert. Wenn ich meinen Küster nicht hätte, ich wüsste nicht, wie ich die Kirche gut verwalten könnte. Christophers Vermächtnis fortzuführen, obliegt nun mir, dem Pfarrer, dessen Name offensichtlich nicht wichtig ist... Aber de mortuis nil nisi bene.


Das dritte Jahr des Neuaufbaus

1. März

Der Winter war lang und hart, wir haben immer noch vereinzelt mit Schneefällen zu kämpfen und Schwierigkeiten das Vieh durchzubringen. Die Kunde von vereinzelten Wölfen versetzt die alten Dorfbewohner in Schrecken. Abergläubische Narren! Als ob ein paar streunende Wölfe einem Dorf etwas anhaben könnten. Da macht unser alter Seemann das ganze auch nicht besser, der von Schätzen und Meeresungeheuern brabbelt.


15. Juni

Der milde Frühling war wahrhaftig ein Segen, die Dorfgemeinschaft atmet auf und ist wieder frohen Mutes. Wir haben sogar Neuzugänge, zwei junge, freundliche Schwestern, die sich hier niederlassen möchten und sich augenscheinlich in der Familie Runkelbeißer heimisch fühlen, ich muss mich mal nach den Verwandtschaftsbeziehungen erkundigen... Und natürlich werde die beiden soweit unter meine Fittiche nehmen, dass sie nicht vom rechten Weg abkommen. Jutta, meine alte Haushälterin hat sich bereits angeboten mir das abzunehmen, aber das Vokabular kann ich jungen Dingern wirklich nicht zumuten!


1. November

Die Ernte hätte besser sein können, aber es sieht nicht so aus, als ob wir hungern oder betteln müssten. Der Herr bürdet uns nie mehr auf, als wir tragen können. Alles in allem wirkt unser Teufelsfels wieder wie eine ruhige Ortschaft hier im Düsterwald.


Das vierte Jahr seit Neuaufbau

1. Januar

Einige unserer Schafe und Hühner wurden in den letzten Wochen gerissen, die Spuren ließen sich durch die eisige Trockenheit nicht ausmachen. Der Hauptmann schimpfte sehr über diese Tatsache, schließlich waren es hauptsächlich seine Tiere. Ich habe ihn aber auch die letzten Male nicht bei der Messe gesehen, ich werde ihn wohl so einmal aufsuchen. In Schneppenbach geht das Gerücht um, dass verwahrloste Hunde eines alten Einsiedlerhofs ihr Unwesen treiben. Der Graf musste deswegen gestern abend schon ein Machtwort in der Schenke sprechen, da die alten Dorfbewohner mit ihren abergläubischen Geschichten Unruhe stifteten. Der Verlust des Viehs schmerzt, aber Schauermärchen sind fehl am Platz.


1. Mai

Es ist wieder Ruhe im Dorf eingekehrt. Das Gebiet ist voller Wild, die Obstbäume stehen in voller Blüte. Die Gaukler haben im Dorf Halt gemacht und gastieren im Wirtshaus, einen jungen Kräuterkundigen haben sie auch dabei - eine wahrhaftig angenehme Abwechslung!


Michaelistag

Dieses Jahr ist ein Fest, das wir unserem Allmächtigen verdanken, der uns reich beschenkt in seiner Gnade: die Ernte war hervorragend, wir haben den Viehbestand deutlich vergrößern können und der Jäger, der zu uns gestoßen ist und die Kinder in Wald- und Wildkunde unterrichtet, stellt eine große Bereicherung für Teufelsfels dar.


31. Dezember

Der Schnee liegt hoch im Dorf, die Tage sind klirrend kalt. Der Graf ist besorgt, da dieses Wetter zu langen Umtrünken am Feuer einläd und damit die düstersten Geschichten aus den alten Zechern lockt. Die Gaukler, dieses Mal ohne den jungen Heiler, waren dazu am letzten Vollmond da und die vermaledeite Hexe, die ab und zu ihr Unwesen treibt, hatte nichts besseres zu tun als in ihrem wirren, abergläubischen Gestammel großes Unheil vorauszusagen. Meine armen Schäfchen sind dadurch stark verunsichert und uns, die solche Scharlatanerei durchschauen können, obliegt es, wieder Mut und Zuversicht fern des Alkohols in unsere Brüder und Schwestern zu flößen. Als wenn es etwas gäbe, das wir in unserem Dorf nicht mit vereinten Kräften schaffen könnten.


Fünf Jahre nach der Dorfneugründung


15. Februar

Ein Teil unseres eingelagerten Getreides ist dem Ungeziefer zum Opfer gefallen. Schon unken die Alten, dass die Hexe recht hätte. Verbrennen sollte man diese Giftspuckerin dafür! Also hätte sie sich nicht schon vor Wochen aus dem Staub gemacht, kein Wunder, ihre Tränke haben mehr geschadet als genutzt. Der Graf wird hier wohl ein Machtwort sprechen müssen, dieses gottlose Gerede führt nur zu Problemen. Vereinzelt haben sich heidnische Vagabunden hier niedergelassen und hausen meistens in ihren Zelten, manchmal kommen sie in einem der Häuser unter. Mein gutes Zureden und meine Warnungen stießen beim Graf auf taube Ohren. Alle hoffen darauf, dass es endlich eine Dorfheilerin gibt, da nimmt der Graf abergläubisches Gesinde erstmal gern in Kauf, schließlich gibt es die Möglichkeit, dass sie dennoch nutzbringendes Wissen besitzen. Ich setze es mir als Ziel diesen Vagabunden unseren Herrn näher zu bringen, ansonsten muss ich wohl zu anderen Mitteln greifen.

Durch das hervorragende Erntejahr haben sich glücklicherweise weitere, dieses Mal gläubigere Zuzüge angekündigt, sobald die Wetterlage passt. Solange diese Neuen nicht nur nutznießen wollen, sind sie hier allen herzlich willkommen.


1. Mai

Betroffenheit herrscht im Dorf. Eins der Kinder ist beim Spielen spurlos verschwunden. Ich bin seit Tagen fast nur bei den erstarrten Eltern. Die Gemeinschaft hofft, dass das Kind nur zu weit in den Wald gelaufen ist und der Jäger es wohlbehalten findet und nach Hause bringt. Der Hauptmann und ich dagegen fürchten, dass es am Schluss in die Schlucht gestürzt ist. Durch die vergangenen Sturmregen ist der Bach zu einem reißenden Strom angeschwollen und ein kleiner Leib könnte kilometerweit den Hahnenbach entlang getrieben sein. Und wir haben alle noch das Bild von Christophers Leib vor Augen. Herr, schütze dieses unschuldige Kind und schenk uns allen Gnade.


Michaelistag

Gott sei Dank, die Ernte war trotz des vielen Regens gut. Die ersten fünf Jahre unseres neuen Teufelsfelses neigen sich dem Ende zu, wir haben ihnen getrotzt, uns behauptet und sind gewachsen. Wie es in Dorfgemeinden so ist, gibt es natürlich auch bei meiner Herde Aberglauben, Spukgeschichten und allerhand kleinere Gottlosigkeiten, aber es sind liebenswerte Menschen, die niemanden einen Schaden zufügen könnten und das Herz am rechten Fleck haben. Umso mehr freue ich mich auf unser großes Dorffest mit Wein, Speis und Spiel, das um den nächsten Vollmond herum stattfindet und das ganze Dorf ist jetzt schon in heller Aufregung. Die Schneppenbacher werden Augen machen was wir hier als Gemeinschaft zustande gebracht haben!