Hat es eigentlich schon immer Fußballerinnen gegeben? Entwickelte sich ein von Männern unabhängiger Fußball?
Fußball? – Von wegen Männersache! Schon 1895 begannen Frauen Fußball zu spielen. Die ersten Fußballerinnen waren Engländerinnen und spielten in langen Röcken (siehe Bild 9). Auch in Deutschland kam der Fußball für Frauen ins Gespräch, jedoch deutlich später. Ob Frauen überhaupt Fußball spielen sollten, wurde kontrovers diskutiert. In den 1920er-Jahren galt Fußball als typisch männlicher Kampfsport. Schon 1925 erläuterte Walter Huit in der Zeitschrift „Sport und Sonne“, warum Frauen nicht Fußball spielen sollten (siehe Bild 12). Er bezog sich auf den „völkischen Standpunkt“ und erklärte, dass dieser den Frauenfußball ablehne. Außerdem sei der Sport zu brutal für Frauen und wirke sich schlecht auf das weibliche Gemüt aus.
Trotz des Widerstands entwickelten sich erste Frauenmannschaften. Lotte Specht gründete 1930 den ersten „Damen-Fußball-Club“ (siehe Bild 1). Der Verein wurde von Beginn an heftig von der Presse kritisiert. Dies zeigt zum Beispiel ein Titelartikel von P. E. Hahn aus dem „Illustrierten Blatt“ vom 27.03.1930 (siehe Bilder 2, 3, 5). Frauen wurden als „schwaches Geschlecht“ beschrieben und es wurde laut über die Fragen nachgedacht, ob Frauen wirklich Fußball spielen sollten und, ob es denn schön anzusehen sei, wie die „Fußball-Anfängerinnen“ mit ihren „zarten Beinchen“ vor den Ball treten. Frauen wurden als sehr verletzlich und zu fein für den Sport dargestellt. 1931 löste sich der Verein infolge der Verspottung durch die Presse wieder auf.
Während der NS-Zeit war Frauenfußball nicht erlaubt. Dieser passte nicht in das Bild der deutschen Hausfrau, deren größtes Ziel die Mutterschaft sein sollte.
In der Nachkriegszeit im Jahr 1957, zwei Jahre nach dem expliziten Verbot des Frauenfußballs durch den DFB, kam erneut die Frage auf, ob Frauen Fußball spielen dürfen. Diesmal versuchte Dr. med. Albert Zapp auf medizinischer Ebene, Frauen den Fußball auszureden (siehe Bild 10). Zunächst schlug er vor, die Spielregeln für Frauen zu erleichtern, damit sie ein Spiel durchhalten könnten und dem Spiel die „Härte genommen werde“. Er wies darauf hin, dass Frauen durch den Fußball die Weiblichkeit und Weiche ihres Körpers verlören. Außerdem seien Mann und Frau anatomisch unterschiedlich aufgebaut. Dadurch würden Frauen natürlicherweise X-Beine haben und so beim Gehen schwanken, was wiederum zu Schwierigkeiten beim Fußballspiel führen würde. Insgesamt sei das Spielniveau „beträchtlich niedriger“ als das von Männern. Dr. Zapp versuchte alle Seiten der Physiologie der Frau zu beleuchten, um ein ausgewogenes Urteil zu bilden. Er begründete seine Meinung jedoch unzureichend und brachte keine tatsächlichen Beweise für seine steilen Thesen an. Viele seiner Argumente beziehen sich tatsächlich nur auf die Ästhetik des Frauenfußballs.
Das Frauenideal der damaligen Zeit bestand in einer schmalen Taille, einer breiten Hüfte und einer großen Oberweite. Das intensive Betreiben eines Sportes wie Fußball wurde als diesem Ideal abträglich erachtet. Für Männer jedoch bestärkte dem Arzt zufolge Fußball die ,,Schönheit der Kraft”. Männer sollten breite Schultern haben und kräftig gebaut sein. Wenn Frauen also Fußball spielten, galten sie als nicht mehr schön, Männer wurden durch das Fußballspiel jedoch um so schöner (siehe Bild 10).
Auch die Kleidung der Frauen spiegelt die Zeiten. Zu Beginn (1858) spielten Frauen in Röcken Fußball (siehe Bild 9) Das erste Trikot aus Baumwolle und dann im Stile der Männer mit T-Shirt und kurzer Hose gab es im Jahr 1980. Es handelte sich dabei um ein für Männer geschnittenes und designtes Trikot (siehe Bild 6). Die Frauen mussten in Hinblick auf ihre Kleidung erst noch eigenständig werden.
Zwischen den Jahren 1957 und 1965 fanden inoffizielle Länderspiele der Frauen statt, obwohl noch ein Verbot des Frauenfußballs durch den DFB bestand. Ein Artikel von Dr. Othmar Hermann vom 14.06.1963 zeigt, dass der Frauenfußball auch auf positive Resonanz stoßen konnte (siehe Bild 8). Jedoch betonte der Autor, dass Frauen auf einem deutlich schlechteren und sanfteren Niveau spielen würden als Männer.
1957 bezog sogar eine Werbung von Hansaplast Beiersdorf klar Stellung zur Diskussion. Darin hieß es, dass Fußball wegen seiner Brutalität ein nur für Männer geeigneter Sport sei (siehe Bild 7).
1970 wurde das Verbot des Frauenfußballs durch den DFB aufgehoben. Doch noch immer wurden Frauen nicht ernst genommen. Dies zeigt ein Zitat des Hertha BSC Spielers Uwe Witt: „Wenn meine Frau spielt: Scheidung! Jetzt machen sie unseren Sport zum Zirkus.“ (siehe Bild 11). Der Fußballer spiegelte mit seiner Meinung einen Großteil der Bevölkerung wider. Die Ablehnung des Frauenfußballs blieb weit verbreitet.
1982 wurde schließlich die erste offizielle Frauen-Nationalmannschaft durch den DFB gegründet. Die Frauen wurden schnell ein Teil der Weltspitze und gewannen 1989 die Europameisterschaft in Deutschland. Darauf folgten weitere siegreiche Jahre mit olympischen Medaillen und weiteren EM- und WM-Titeln. Da die Frauen keinen Profi-Vertrag hatten, wurde ihnen für den EM-Gewinn 1989 bei der Ehrung ein Porzellan-Service überreicht, weitere Bezahlung erhielten die Frauen nicht (siehe Interview mit Petra Landers). Auch der erste Bundestrainer der Frauen, Gero Bisanz, war männlich. Er trainierte die Mannschaft von 1982 bis 1996 (siehe Bild 4).
Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Frauen für zu schwach, zu zart und zerbrechlich gehalten wurden, um den „Kampfsport“ Fußball ausführen zu können. Sie wurden verspottet und ihre Leistungen wurden für weniger wert erachtet. Bis heute müssen sich Frauen gegen diese Klischees wehren. Frauenfußball wird noch immer mit Männerfußball verglichen und für schlechter und weniger sehenswert gehalten.
Betrachtet man den Frauenfußball aus historischer Perspektive, unter den damaligen Umständen und dem Mangel an Anerkennung, sind die untersuchten Artikel deutlich verständlicher als aus heutiger Sicht. Die Anerkennung von Frauen war insgesamt sehr gering. Frauen durften keine eigenen Entscheidungen über ihr Leben treffen, daher durften sie auch keinen Fußball spielen. Außerdem wurden sie aufgrund ihrer angeblichen körperlichen und geistigen Veranlagungen als schwächer und unfähiger angesehen. Frauen mussten sich zunächst grundsätzliche Rechte erkämpfen, beispielsweise das Wahlrecht oder die Gleichberechtigung beider Geschlechter. Deshalb stand Sport wie Fußball nicht im Vordergrund. Dass man überhaupt unter bestimmten Umständen Fußball spielen konnte, war eine Besonderheit.
Aus heutiger Sicht sind die Verleumdungen, der Spott und die Verunglimpfungen, die Frauen über sich ergehen lassen mussten, natürlich unzumutbar. Die Geschichte des Frauenfußballs ist auch eine Geschichte der Emanzipation der Frauen. Für Frauen heute ist es unvorstellbar, sich Fußball verbieten zu lassen. Die Freiheit, Fußball zu spielen, ist heute eine Selbstverständlichkeit für Frauen in Deutschland. Trotzdem gibt es im Bereich des Frauenfußballs viele Ungerechtigkeiten (Beispiel: Bezahlung), gegen die noch weiter gekämpft werden muss. Der Weg der Emanzipation und damit auch des Frauenfußballs hin zur Gleichberechtigung ist noch nicht zu Ende.