Wie erwartet ging der Tag ohne Probleme vorüber und ich mache mich von der Firma auf den Weg in eine kleine Bar, in der ich sonst mit Kollegen am Ende der Woche oft noch ein oder zwei Biere trinke. Es ist ein ganz schöner Fußweg bis dahin, jedoch gibt es zwischendurch keine Möglichkeit zu parken. Die unglaublich tolle Atmosphäre und entschädigt aber dafür. Davon abgesehen, ist die Bedienung, welche dort arbeiten, sehr nett und wunderschön.
Als ich an einer Seitenstraße vorbei komme bemerke ich, wie eine Gruppe von ca. sechs oder acht Jungen und Mädchen dabei ist, sich über ein einzelnes, pinkhaariges, Mädchen lustig zu machen. Sie alle sind wahrscheinlich um die 18 Jahre alt. Irgendwie hat dieses einzelne Mädchen etwas an sich, das mich fasziniert. Sie zeigt keine Gefühlsregung während allerlei Verspottungen und Beschimpfungen auf sie einregnen. Sie ist allein aber irgendwie erträgt sie das alles mit Würde und ohne darauf zu antworten.
Ich denke darüber nach dazwischen zu gehen. Wahrscheinlich wird es beim nächsten mal dann für sie aber nur noch schlimmer. Das will ich nicht für diese unglaublich starke Schönheit. Also setze ich meinen Weg fort ohne bemerkt worden zu sein. Ich bin nur ein paar Schritte weiter gegangen und höre plötzlich das, mir wohl bekannte, Geräusch einer Ohrfeige aus der Seitenstraße die ich eben hinter mir gelassen habe. Ich habe schon so viele davon gegeben, dass ich sofort wusste, dass da jemand wirklich voll ausgeholt haben muss. Noch bevor ich überhaupt wieder Einsicht in die Seitenstraße habe, kann ich jemanden rufen hören “Schlag richtig zu! Es juckt eh keinen was mit der Schlampe passiert.” Dann höre ich etwas, was ein dumpfer Schlag sein könnte, vielleicht mit einer Faust. Ich komme zurück in die Seitenstraße und tatsächlich hat einer der Jungen seine Faust noch in Ihrer Magengrube.
“Hey, was soll das hier?!” rufe ich und gehe entschlossen auf die Gruppe zu. Sie sind scheinbar überrascht davon, erwischt worden zu sein und rennen davon. Nur das einzelne Mädchen bleibt zurück. Ich laufe zu ihr, aber noch bevor ich sie erreichen kann, sinkt sie in sich zusammen. Als ich sie erreiche, kauert sie, mit vor dem Bauch verschränkten Armen, auf dem Boden. Es überrascht mich, dass sie immer noch keinen Laut von sich gibt. Allerdings scheint sie so weggetreten zu sein, dass sie mich nicht einmal wahr nimmt. Ich hocke mich vor sie. “Hey, kann ich dir irgendwie helfen?” sage ich leise um sie wenigstens aus ihrer Trance heraus zu holen. Dann hebt sie den Kopf und schaut mich mit ihrem wunderschönen aber völlig ausdruckslosen Gesicht an. “Nein. Mir kann niemand helfen. Und Sie haben jetzt alles nur schlimmer gemacht. Morgen werden sie sich dafür rächen, dass sie heute unterbrochen wurden.” sagt Sie zu mir in einem völlig monotonen, eigentlich schon teilnahmslosen Tonfall.
“Warum tun die das?” frage ich sie schockiert. Es will mir immer noch nicht in den Kopf das man in so jungen Jahren überhaupt schon zu so viel bewusster Grausamkeit fähig ist. “Das geht sie nichts an.” Mit diesen Worten steht sie auf und versucht einen Schritt zu machen, bricht aber wieder zusammen. Diesmal fange ich sie jedoch auf. “Lass mich!” schreit sie einfach und reißt sich los. Sie versucht sich, sehr mühsam, weiter die Seitenstraße entlang zu schleppen. Ich denke mir nur das ich sie so nicht alleine lassen kann und stelle mich ihr in den Weg. “Ich kann dich so nicht einfach gehen lassen. Du kannst dich ja kaum auf den Beinen halten.” Sie versucht erfolglos mich weg zu schieben und bleibt einfach stehen.
“Was muss ich tun damit du mich durchlässt? Soll ich dir einen blasen? Ein alter Sack wie du hat es bestimmt mal wieder nötig.” Auf so eine Aussage war ich nicht gefasst. Sie ist kaum in der Lage zu stehen und macht so ein Angebot, und das in ihrem Alter. “Mit wem redest du über deine Probleme?” versuche ich irgendwie einen Zugang zu ihr zu finden. “Niemand interessiert sich für meine Probleme.” war ihre kalte Antwort. “Dann bin ich jetzt der erste der es tut. Wo wohnst du denn?” Auch darauf bekomme ich nur eine Antwort die, vom Tonfall her, sehr nach an “Mir egal was du erzählst.” liegt: “Gleich da vorne”. Ich nehme darauf hin eine meiner Visitenkarten und drücke sie Ihr in die Hand. “Auf der Handynummer bin ich immer zu erreichen. Rede mit mir wenn es dir schlecht geht” Sie erwidert nichts und schleppt sich weiter. Ich lasse sie ziehen und beobachte sie, wie sie in einer der Türen verschwindet. Nachdem ich eine Weile, völlig gedankenverloren, regungslos da stehe, drehe ich um und mache mich wieder auf den Weg in die Bar. Die Kellnerin war wie immer unglaublich schön anzusehen und hat sich ihr Trinkgeld verdient aber in meinem Kopf gibt es gerade nur Platz für dieses tapfere, pinkhaarige, Mädchen.