Bachmuscheln
Hans Buxbaum
Wissenschaftliche Beratung durch die 'Koordinationsstelle für Muschelschutz Bayern'
TU München, Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie
https://www3.ls.tum.de/aquasys/muschelkoordination/willkommen/
Für was braucht man Muscheln - warum Muschelschutz?
Artenvielfalt und Ökosystemvielfalt sind Lebensgrundlage des Menschen. Durch ihr komplexes Zusammenwirken erbringen sie verschiedene Leistungen von denen der Mensch profitiert.
Muscheln sind für die Gewässerökologie von großer Bedeutung. Ihre Filtrierleistung ist sehr hoch. Eine einzelne Muschel kann 2-3 Liter Wasser pro Stunde filtrieren. Diese Leistung und das Überleben im Bach ist von den Parametern Wasserqualität, Fischbestand und Substratqualität abhängig. Nur wenn alle drei Parameter intakt sind, ist der Bach in einem guten Zustand. Deshalb: Muschelschutz ist Gewässerschutz.
Artikel des LfU zur Biodiversität: Bayerisches Landesamt für Umwelt - Biodiversität
Muschelschutz ist Gewässerschutz
Die Bachmuschel lebt in kleinen Bächen - sog. Gewässer III. Ordnung. Von solchen Bachläufen gibt es in Bayern 60.000 km. Sie speisen alle die größeren Gewässer.
Von den größeren Gewässern (I. und II. Ordnung - wie Isar, Loisach, etc.) gibt es 10.000 km Flusskilometer in Bayern.
Damit ist klar: die kleinen Bachläufe sind quantitativ und qualitativ die Kinderstube der größeren Flüsse.
Die Bachmuschel ist ein Indikator für die Qualität der Zuläufe aus den Bächen in die Flüsse.
Öffentliche Wahrnehmung, Wissen und Information fördern
Anfang des 20. Jh. waren die Bachmuscheln noch flächendeckend vorhanden und wurden an die Schweine verfüttert. Bis zum Ende des 20. Jh. sind die Bestände um 90 % eingebrochen. Heute gibt es nur noch wenige, meist kleine Restbestände die voneinander isoliert sind. Die Populationsdichte reicht oftmals nicht aus um den Bestand zu erhalten.
Die Gründe dafür sind vielfältig: Bachbegradigung und -verbauung - Bachräumung - Wasserverschmutzung durch Besiedelung, Industrie, Landwirtschaft - Nährstoffeintrag, Überdüngung - Feinsedimenteintrag, Humus - Veränderung der Fischfauna, fehlende Wirtsfische - invasive Fressfeinde, Bisam - Ausbreitung des Bibers - Trockenperioden - Freizeitdruck.
Die wenigen Restbestände sind meist nicht bekannt. Deshalb verschwinden sie auch unbemerkt. Das Fehlen der Bachmuschel ist ein sicheres Zeichen, dass das Ökosystem Bach seine Funktionalität verloren hat. Das Zusammenwirken von Wasserqualität, Fischbestand und Substratqualität (mit dem Makrozoobenthos - Gesamtheit der im Bachgrund lebenden Organismen) ist gestört.
Durch die Globalisierung entstanden weitere Probleme mit sog. Neozoen. Das sind Muschelarten die sich durch menschliche Einflussnahme in einem Gebiet etabliert haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren. Z. B. die Wandermuschel und die chinesische Teichmuschel. Die Wandermuscheln setzen sich auf der Schale der Bachmuschel in der Nähe der Einströmöffnung fest und beeinträchtigen die Nahrungsaufnahme. Die chinesische Teichmuschel wird im Internet in fahrlässiger Weise als Malermuschel (heimische Muschel) angeboten. Sie ist wesentlich größer und hat eine vielfach höhere Reproduktionsrate, wodurch sie die Bachmuscheln verdrängt. Außerdem verhindert sie die Fortpflanzung von Fischen, z. B. des Bitterlings. Der legt seine Eier in den Kiemenraum einer Wirtsmuschel. Die chinesische Teichmuschel stößt sie jedoch ab.
Das Leben der Bachmuschel spielt sich im Verborgenen ab und erfährt daher wenig oder keine Aufmerksamkeit.
Informationen zum Muschelschutz: ANL Akademie f. Naturschutz u. Landschaftspflege, Muscheln LfU Bayerisches Landesamt f. Umwelt, AHP Muscheln
Infotafel am Mooshamer Weiherbach
Idee / Initiative: Hans Buxbaum
Layout: Koordinationsstelle für Muschelschutz der TU-München
Herstellung: Landratsamt Bad Tölz - Wolfratshausen
Rahmen: Fa. Hörschelmann Wolfratshausen
Aufstellung: Bauhof Gemeinde Egling
Herzlichen Dank allen Unterstützern
Es gibt immer noch unentdeckte Bachmuschelvorkommen
Solche Muschelfunde oder Probleme in Muschelgewässern bitte melden an:
Technische Universität München
TUM School of Life Sciences
Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie
Koordinationsstelle für Muschelschutz Bayern
Mühlenweg 22, 85354 Freising
Tel.: 08161 71-3947
email: muschel@tum.de
Ansprechpartner: Dr. Andreas Dobler, Michaela Tille M.Sc.
Fotogalerie
Mooshamer Weiher
Mooshamer Weiherbach
Muscheln
Edelkrebs
Süsswasserschwamm
Die Bachmuschel
Sie braucht:
Fließgewässer nährstoffarm, strukturreich, naturnaher Verlauf
Gewässergüteklasse min II, besser I-II
Wirtsfische Elritze, Aitel, Mühlkoppe
Gewässersohle sauberes, sandig-kiesiges Substrat
Schutzstatus:
BNatSchG §44 streng geschützt
FFH Richtlinie Anhang II und IV
Rote Liste Bayern vom Aussterben bedroht
Fischereigesetz ganzjährig geschont
Komplizierte Fortpflanzung der Bachmuschel
Die Bachmuschel ist getrennt geschlechtlich. Die männlichen Muscheln geben ihre Spermien ins Wasser ab, wo sie von den weiblichen Muscheln mit dem Atemwasser aufgenommen werden um die Eier in den Marsupien zu befruchten. Die Eier entwickeln sich weiter zu Glochidien (Larven), die von der weiblichen Muschel mit einem Wasserstrahl ausgestoßen werden. Sie heften sich an einen Wirtsfisch und leben dort einige Zeit parasitär. In dieser Zeit entwickeln sie sich zu fertigen Jungmuscheln. Sie fallen dann vom Fisch ab und graben sich im Sediment ein. Dort wachsen sie heran und erscheinen nach längerer Zeit an der Oberfläche des Sediments.
Graphik: TUM
Glochidienausstoß
Heimische Großmuschelarten in Bayern
Flußperlmuschel
Große Flußmuschel
Malermuschel
Bachmuschel
Große Teichmuschel
Gemeine Teichmuschel
Abgeplattete Teichmuschel
Hilfsaktion für die Bachmuschel in Schwaben
Die Situation der Bachmuscheln im Nebelbach (Donauzufluß) bei Oberglauheim war 2015 dramatisch. Grund war die extreme Trockenheit vor allem im Sommer. Das Karstgestein der umliegenden Wälder liefert immer weniger Wasser. Die Trockenperioden treten immer häufiger und in immer kürzeren Abständen auf. Der Bach mußte 2015 während mehrerer Wochen über dafür angelegte Teichanlagen und einen Hydranten bewässert werden.
Letztendlich hat alles nicht gereicht und der Bach ist komplett ausgetrocknet. Die Folge war ein gedeckter Tisch für den Bisam und die Wanderratten.
Um zu retten was noch zu retten war, wurde am 19.11.2015 eine Evakuierungsaktion der noch vorhanden Bachmuscheln durchgeführt.
Organisation und Leitung erfolgte durch den 'Verein Donautal aktiv' mit Susanne Kling und der 'Koordinationsstelle für den Muschelschutz in Bayern' mit Dr. Katharina Stöckl. Ich bin dem Hilferuf gefolgt und konnte mit weiteren 11 ehrenamtlichen Helfern 621 Bachmuscheln und 72 Teichmuscheln retten.
Das Gewässersystem des Nebelbaches war bis vor 10 Jahren noch ein bedeutendes Bachmuschel Vorkommen mit ca. 12.000 Muscheln. Mittlerweile ist die Population um 90 % zurückgegangen.
Erforschung der Lebensraumansprüche der Bachmuschel Unio crassus
Forschungsprojekt der TU München, Bericht und vorläufige Ergebnisse der Studie von Dr. Katharina Stöckl
Im Landkreis Bad Tölz existiert einer der bayernweit größten Bestände der vom Aussterben bedrohten Bachmuschel Unio crassus. Die Lebensraumansprüche dieser Art sind noch nicht vollständig verstanden und werden derzeit am Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie der TU München erforscht. Die Koordinationsstelle für Muschelschutz ist an den Lehrstuhl angegliedert und fungiert als Schnittstelle zwischen angewandter Forschung und Praxis im Muschelschutz. Unter tatkräftiger Mitwirkung von Hans Buxbaum, wurde aktuell ein bayernweites Forschungsprojekt zu den Lebensraumansprüchen der Bachmuschel durchgeführt. Ziel des Projekts war es, im Labor aufgezogene Jungmuscheln in fünf verschiedene Gewässer Bayerns auszubringen und die Überlebens- und Wachstumsraten zu vergleichen. Die Jungmuscheln waren dabei in so genannten Lochplatten exponiert. Das sind Hälterungskäfige, die senkrecht in die Wassersäule gestellt und dabei vom Bachwasser durchströmt werden. Die Gewässer variieren hinsichtlich Kalk- und Nährstoffgehalt als auch hinsichtlich ihrer physikalischen Verhältnisse wie zum Beispiel der Strömungsverhältnisse. Auf diese Weise sollten Zusammenhänge zwischen den vorherrschenden Umweltparametern und der physiologischen Entwicklung der Muscheln erschlossen werden. Pro Gewässer wurden insgesamt drei Lochplatten eingesetzt, wo sie für ca. 10 Monate verblieben. Am Ende des Versuches wurden die Platten geöffnet und die Muscheln vermessen. Auch im Mooshamer Weiherbach wurden drei dieser Lochplatten ausgebracht. Da die Platten mit einer feinen Gaze versehen sind, die durch die im Wasser schwebenden Partikel schnell verstopft, musste eine monatliche Reinigung erfolgen. Diese wurde durch Hans Buxbaum durchgeführt. Die vorläufigen Ergebnisse der Studie sind überraschend. Sowohl in nährstoffarmen als auch in nährstoffreichen Gewässern war die Überlebensrate der Muscheln in einer Lochplatte mit bis zu 90% sehr hoch, wenngleich es bereits zwischen den Platten innerhalb eines Gewässers signifikante Unterschiede gab. Dies bedeutet, dass auch die Lage der Platte in einem Gewässer das Ergebnis beeinflussen kann. Vermutlich spielt hier die Stärke der Durchströmung der Platte eine wichtige Rolle. Sind die Platten in Bereichen mit höherer Fließgeschwindigkeit exponiert, ist wahrscheinlich die Nährstoff-und Sauerstoffversorgung der Muscheln im Inneren der Platte besser. Auch hinsichtlich der Wachstumsraten gab es beträchtliche Unterschiede. Das beste Wachstum konnte in einem Gewässer im Landkreis Traunstein festgestellt werden. Hier erreichten die 10 Monate alten Muscheln eine Größe von 7 mm. Der geringste Zuwachs war in einem Gewässer im Unterallgäu zu verzeichnen. Die Muscheln erreichten nur eine Größe von 1.5 mm. Derzeit wird noch ausgewertet, welcher Parameter dieses Ergebnis am besten erklärt. Aus bisherigen Studien ist bekannt, dass das Wachstum von Muscheln als Vertreter von wechselwarmen Tieren sehr stark von der umgebenden Wassertemperatur abhängt. Die ersten Auswertungen lassen vermuten, dass auch der Kohlenstoffgehalt eines Gewässers eine wichtige Rolle spielt. Der Versuch stellt einen ersten Schritt in der Erforschung der Lebensraumansprüche von Jungmuscheln dar. In weiteren Studien sollen unterschiedliche Hälterungsmethoden und unterschiedliche Muschelherkünfte verglichen werden, um detailliertere Informationen über optimale Bedingungen für Jungmuscheln zu erhalten. Ein großer Dank geht an Hans Buxbaum für seine tatkräftige Mitwirkung und die monatlichen Kontrollgänge! Ebenso bedanken möchten wir uns beim örtlichen Fischereiverein, der dem Vorhaben zugestimmt hat.
Dr. Katharina Stöckl