Die Bauten in ihrer architektonischen Gestaltung

von PETER LEMBURG (BAB Architekten), TORSTEN VOLKMANN 

(der Text "Die Beelitzer Heilstätten — Bauanlage und Architekten" wurde erstmalig in dem Band "Die Beelitzer Heilstätten", herausgegeben vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege in der Potsdamer Verlags-Buchhandlung, 1997, ISBN 3-91019-627-6 im Kapitel „Entwicklungsgeschichte und Beschreibung“ abgedruckt. Dieser Band ist leider vergriffen. Der nachfolgende Text konnte dank der freundlichen Genehmigung der beiden Autoren an dieser Stelle abermals veröffentlicht werden)

Die Bauten der Heilstätte entstanden in einem Zeitraum von gut 30 Jahren. Während die Schmieden-Bauten vom Einstiegshäuschen in die unterirdischen Heizungs- und Luftschächte über die Pförtner- und Wohnhäuser bis zu den großen Sanatorien einen völlig übereinstimmenden Architekturcharakter besitzen, spiegeln die von Schulz aus-geführten Bauten die Etappen des jeweils vorherrschenden architektonischen Zeitstils.

»Die Formgebung im Aeusseren und Inneren hat sich den praktischen Zwecken, welche die Anstalt zu erfüllen hat, unterordnen müssen. Jeder dekorative Aufwand mußte vermieden werden. Gleichwohl war bei der aufwendigen Art, mit welcher alle hygienischen Bedürfnisse befriedigt wurden, auch die äussere Erscheinung nicht zu vernachlässigen. So hat dann die Aussenarchitektur, indem sie der umgebenden Waldesnatur angepasst wurde, ein recht freundliches Gesicht bekommen.« Mit diesen aus heutiger Sicht überraschenden Worten aus der ersten Festschrift muß man sich auseinandersetzen, wenn man die Architektur der Heilstätten vom künstlerisch-architektonischen Standpunkt betrachtet. Nach unserem Verständnis sind es gerade die aufwendigen dekorativen — fälschlicherweise immer wieder mit dem Jugendstil in Verbindung gebrachten — Außenformen, die den Charakter der Gebäude bestimmen. Zwar ist es zutreffend, daß man die zum Teil bis ins Spielerische gesteigerte Auflösung von Baukuben und Wandflächen auch an anderen zeitgleichen Gebäuden findet und die Wohnhäuser der leitenden Beelitzer Ärzte auch in jeder Villenkolonie in und um Berlin stehen könnten, doch muß man angesichts der so reich gestaffelten, durch Erker, echtes wie auch nur vorgeblendetes Fachwerk, Giebel und Dachlaternen strukturierten und belebten Gebäude feststellen, daß sie — zumal in ihrer direkten Ausweisung als Bestandteil der Arbeiterheilstätte — doch weitaus reicher als gewöhnlich ausgebildet sind. Insofern gehören auch die Beelitzer Heilstätten zu der großen Gruppe von Nutzbauten des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Gestalt weniger vom Zweck allein, als durch ihre Verbindung des Zweckmäßigen mit dem seinerzeit üblichen Repräsentationsanspruch geprägt wird. Ein wichtiger Aspekt in der Bewertung der Heilstättenbauten der ersten Phase ist der aus damaliger Sicht gelungene Versuch, die Bauten mit der sie umgebenden Natur in Einklang zu bringen. Dieses geschah mit Hilfe der reich gestaffelten und damit malerischen Erscheinung und der Polychromie — roter Backstein, mehrfarbig glasierte Dachpfannen, Naturputz, grün und braun abgesetztes Holzfachwerk, weiße Fensterhölzer und -sprossungen etc. Gerade diese Farbskala trifft man — sozusagen als optische Verschmelzung von Natur und Baukunst — zeitgleichen deutschen Landhaus- und Villenbau an. 


Ein herausragendes Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes stellt das Kraftwerk dar (C 9). Im Bewußtsein, hier bezüglich Umfang und potentieller Leistung ein technisches Meisterwerk europäischen Spitzenstandards zu schaffen, erhielt es eine äußere Gestaltung, die sich von den übrigen Bauten der Heilstätten abhob. Die Verkleidung des hochaufragenden Wasserturms mit mehrfarbigen Glasursteinen erinnert an die Türme repräsentativer Industriebauten im Berliner Stadtbild — etwa denen der alten Borsigfabriken oder denen der Mosaikwerke von Puhl & Wagner. Etwas zurückhaltender in der Form, aber nicht minder herausragend in Umfang und Funktion, präsentiert sich die zentrale — d. h. für die Sanatorienpatienten beiderlei Geschlechts — konzipierte Badeanstalt (C 2). Besonders der nahe der Chaussee gelegene Beckentrakt selbst, der sich unter Rückgriff auf antike Thermenarchitektur an neuzeitliche Heilbäder anlehnt, wird in seiner oktogonalen, von einem hohen Dachhelm abgeschlossenen Gestalt als bedeutender Bauteil akzentuiert. Durch die Berufung von Fritz Schulz als entwerfenden Architekten vollzieht sich eine zunächst allmähliche, dann aber immer deutlicher werdende Verschiebung der architektonischen Akzente. Seine beiden Pavillons für Lungenkranke von 1905-07 (A 4, B 5) sind ebenso wie die entlang der Bahnlinie errichteten Wohnhäuser für Anstaltsbeamte noch sehr an den älteren Schmieden-Bauten orientiert, obwohl die Gestaltung der Fassaden straffer und der kleinteilige Dekor zugunsten kräftigerer Details aufgegeben wird. Es findet eine Monumentalisierung der Bauten statt, was auch die dekorativen Bauteile wie die Portale und Erkervorbauten in Naturstein belegen. Zwei im Gesamtzusammenhang scheinbar untergeordnete Bauten, die Bäckerei und die Fleischerei von 1907-08 (C 10, C 11) leiten den Umschwung ein. Beide sind im wesentlichen Putzbauten mit mächtigen, doppelgeschossig ausgebauten Walmdächern. Fachwerkgliederungen werden aufgegeben, und auffällig sind die Asymmetrien an einigen Hauptschauseiten. Die Architektur dieser beiden Infrastrukturgebäude orientiert sich an der Baukunst, die im wesentlichen von Alfred Messel in Berlin entwickelt wurde und die sich bald nach der Jahrhundertwende in allen Bereichen der Baukunst rasch verbreitete. Damit zeigt sich Schulz als ein die zeitgenössischen Bestrebungen in der Architektur rasch aufnehmender Baumeister. Ebenso klar wird das bei dem schräg gegenüber liegenden Wäschereigebäude von 1926/27 (C 12). Mit diesem Bauwerk schließt er sich nun klar an die vor allem mit dem Namen Fritz Högers verbundene expressionistische Architektur der zwanziger Jahre an. Es handelt sich um einen roten Klinkerbau mit asymmetrisch eingebrochenen Fensterzonen, scharfkantigen Giebeln, Hausteinapplikationen etc. Die Portalzone wird nun nicht mehr dem Gebäude vorgelagert, sondern sie bleibt — wenn auch unter besonderer formaler Ausbildung — in der Fläche der Umfassungsmauer. Das Relief einer Wäscherin über dem Portal gibt — einmalig unter den Beelitzer Bauten — einen Hinweis auf die Funktion. Fraglos gehört die Wäscherei zu den interessantesten und qualitätvollsten Gebäuden der gesamten Anlage. Den Schlußpunkt der Bauten von Schulz bildet das Tuberkulose-Krankenhaus auf dem Gelände der Frauen-Lungenheilstätte (A 11) von 1928-30. Auch bei diesem umfangreichen Gebäude schloß sich der Architekt an die expressionistische Formensprache an, doch vermißt man die Klarheit und Eindeutigkeit, die der Wäscherei zugrunde liegt. Das verhinderte nicht zuletzt das viel umfangreichere Bauprogramm und die Grundrißsituation, die noch nahezu mit den Krankenpavillons der Schmieden-Ära identisch ist. Das Bauwerk wirkt daher wie ein Kompromiß als Altem und Neuem — die Adaption neuartiger Bauglieder wie die keramikverkleideten Stützen der südlichen Liegehallen sowie die Kargheit der Fassaden kann über den etwas antiquierten Aufbau — Symmetrien, Betonung der Risalite des Gesamtbaukörpers — nur schwer hinwegtäuschen. Besonders wird das an der willkürlich gestaffelten, vom mittigen Operations-Trakt dominierten Rückfront deutlich.


Mit diesen Gebäuden kam um 1930 die bauliche Entwicklung der Heilstätten zu einem vorläufigen Abschluß. Neben der Errichtung untergeordneter Anlagen galt es von nun ab, die älter werdenden Gebäude baulich zu unterhalten. Bis in die Jahre des Krieges blieb die Heilstätte im wesentlichen von Veränderungen unberührt, wenn man von einer vollständigen Zerstörung der Anstaltskirchel8 und Teilzerstörung des Frauen-Lungenheilgebäudes (A 5) sowie des Ärztehauses (B 2) absieht. Nach der Übernahme der Heilstätten durch die sowjetischen Truppen als größtes Militärhospital außerhalb des eigenen Territoriums begann eine Zeit, die für den Altbaubestand gewissermaßen glücklich und unglücklich zugleich verlief. Zu ersterem gehört, daß die Bauten in ihrem Gesamtbestand im wesentlichen erhalten blieben — keine der andernorts üblichen durchgreifenden Modernisierungen oder gar Abrisse sind zu beklagen. Andererseits stellten sich alle erhaltenen Bauten zuletzt in einem erbärmlichen Zustand dar, was auf chronischen Geldmangel, aber auch gravierendes Unverständnis gegenüber der architektonischen Qualität und medizinhistorischen Bedeutung schließen läßt.  


Abb. oben: Grundriss Männersanatorium , Abb. rechts: Querschnitt durch das zentrale Badehaus , Abb. unten: Heizkraftwerk um 1906.

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