= Fahrwinkel des Vorderrades (Kap. 2)) findet man die Gleichgewichtsbedingung als:
eine Lösung.

Für ein typisches Fahrrad liegt vcrit
bei 6 - 7 km/h. Natürlich existieren auch bei kleineren
Geschwindigkeiten Gleichgewichtslagen des Lenkers. Die Voraussetzung
für die lineare Näherung, dass kleine Verkippungen zu kleinen
Auslenkungen führen, ist jedoch unterhalb vcrit
nicht mehr erfüllt. Sogar beim aufrechten Fahrrad liegt die
Gleichgewichtsauslenkung nicht mehr bei 0 Grad. Dies wird im nächsten
Abschnitt besprochen.
Bild 7: Gleichgewichtsausdrehung des Lenkers bei 10 km/h als Funktion der Rahmenverkippung. Blaue Kurven ohne Kreiseldrehmoment, rote Kurven inkl. Kreiseldrehmoment. Durchgezogene Linien entsprechen stabilen Lösungen.
Interessant ist das Verhalten bei grossen Winkeln, bei denen die
Kleinwinkel-Näherung nicht mehr zulässig ist. Dies soll in Bild 7 am
Beispiel v = 10 km/h dargestellt werden. Um das Verständnis für die
Physik zu vereinfachen, wurde das Gleichgewicht zunächst unter
Vernachlässigung des Kreiseldrehmoments berechnet (blaue Linien). Für
kleine Verkippungen existiert eine stabile Lösung mit kleiner
Lenker-Ausdrehung (durchgezogene Linie) und eine instabile
(gestrichelte Linie) mit grosser Ausdrehung. Die instabile Linie
entspricht der Lösung Nachlauf = 0. Bei einer Verkippung von ungefähr
18° kreuzen sich die Lösungen und vertauschen ihre Stabilität. Für
grössere Verkippungen ist jetzt Nachlauf = 0 die stabile Lösung. Wird
das Kreiseldrehmoment eingeschlossen (rote Linien), so tritt am
Übergangspunkt bei 18° eine Phase auf, in der das Kreiseldrehmoment
dominiert und eine Kreuzung verhindert. In den übrigen Bereichen ist
der Einfluss des Kreiseldrehmoments gering.
Wie man im Bild 7 sieht, erstreckt sich der quasilineare Bereich der stabilen Lösung bis etwa Θ
= 12°. Bei 10 km/h genügt dies, da grössere stationäre Verkippungen
kaum auftreten. Würde jedoch kr gegenüber dem hier angenomenen Wert von
6 cm vergrössert, so würde sich die Nachlauf = 0 Lösung in Bild 7 nach
unten verschieben und der quasilineare Bereich entsprechend
verkleinert. Ein Regelverhalten, das den Fahrer unterstützt, ist nur im
quasilinearen Bereich erfüllt. Bild 7 zeigt, dass mit kr = 6 cm ein
guter Kompromiss zwischen einem vernünftigen Stabilitätsbereich und
einfachem Handling erreicht ist.
Zusätzliche Drehmomente
In speziellen Fahrsituationen treten zusätzliche Drehmomente am Lenker auf.
Wird mit der Vorderradbremse gebremst, so greift am Kontaktpunkt des Vorderpneus die entsprechende Bremskraft an. Sie übt ein rückstellendes Drehmoment auf, das heisst der Lenker tendiert sich gerade zu stellen.
Sobald das Vorderrad bei einer allgemeinen Lenkerausdrehung zu rutschen beginnt, ist die in der Fahrebene liegende Kraft gegeben durch die Gleitreibung. Sie liegt entgegengesetzt zur Fahrtrichtung und hängt nicht mehr von der Lenkerausdrehung ab. Das resultierende Drehmoment wirkt rückstellend. In tiefem Sand oder Schnee wird der effektive Angriffspunkt der Gleitreibung nach vorne geschoben. Dies kann so weit gehen, dass aus dem Nachlauf ein effektiver Vorlauf wird. Dadurch wirkt das Drehmoment der Gleitreibung ausdrehend. Die Lenkerausdrehung wird instabil, der Lenker droht sich querzustellen und die Sturzgefahr steigt dramatisch. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich dagegen schützen, indem man den Schwerpunkt möglichst weit nach hinten verlegt.