Antragsschluss: 31. Juli 2026, 12 Uhr
Die Geschichte des Kommunismus und die Überwindung kommunistischer Diktaturen in Europa waren das Lebensthema des Mannheimer Historikers Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Weber (1928–2014), dem er sich gemeinsam mit seiner Frau Gerda Weber (1923–2021) in Forschung, Publizistik sowie als Akteur der Erinnerungskultur und -politik gewidmet hat. 2028 hätte der Mannheimer Historiker seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Jahr später, 2029, werden vierzig Jahre seit den Friedlichen Revolutionen in Europa und damit der Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Europa vergangen sein. Sie waren der Auftakt für die Öffnung der Archive und der Beginn einer neuen, intensiven Kommunismusforschung. Mit der Wiedererlangung der deutschen Einheit 1990 begann die Aufarbeitung der deutschen Teilung und der SED-Diktatur sowie die Neuordnung des Archivwesens, die Hermann Weber im ersten Jahrzehnt wesentlich mitgeprägt hat.
Vor diesem Hintergrund werden die Hermann-Weber-Konferenzen in den Jahren 2028 bis 2030 erstmals drei aufeinander bezogenen Themen gewidmet sein, die mit dem Programmschwerpunkt der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur „Geteilte Geschichte – Gemeinsame Gegenwart“ korrespondieren. Die Konferenz des Jahres 2028 soll den Blick auf Archive, Überlieferungsbildung und Quellenkritik als Grundlagen der Kommunismusforschung richten. Die Konferenz des Jahres 2029 soll im Horizont von vierzig Jahren Friedlicher Revolutionen die in der Politik, Kultur sowie der Gesellschaft umkämpfte Erinnerung an den Kommunismus in Europa und darüber hinaus untersuchen. Abschließend fragt die Konferenz des Jahres 2030 nach der Neuordnung des Wissens über kommunistische Herrschaft seit 1989/90 und damit nach den institutionellen, politischen und fachlichen Bedingungen der Kommunismusforschung.
Für jede Konferenz stehen bis zu 20.000 Euro Fördermittel zur Verfügung. Die Beiträge der geförderten Tagungen werden in der Regel zwei Jahre nach der Konferenz im „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung“ veröffentlicht. Die Konferenzen sollen Forschungsimpulse setzen, fachliche Vernetzung befördern und zur weiteren Profilierung der historischen Kommunismusforschung beitragen.
Die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung lädt mit dieser Ausschreibung gemeinsam mit dem „Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung“ dazu ein, sich mit einem Exposé um die Ausrichtung der 10. Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung im Jahr 2028 zu bewerben. Bewerbungsschluss ist der 31. Juli 2026, 12 Uhr.
Konferenzschwerpunkt 2028: 10. Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung
Archive und Kommunismusgeschichte
Gesucht werden Konferenzkonzepte, die Archive als Quellenräume, Wissensordnungen und historische Akteure der Kommunismusgeschichte begreifen. Dabei soll deutlich werden, wie sehr die Erforschung des Kommunismus von Fragen der Überlieferung, der Archivpolitik und der Quellenkritik abhängt.
Erwünscht sind insbesondere Exposés, die mehrere Ebenen zusammenführen: erstens das Archivwesen kommunistischer Parteien, Organisationen und transnationaler Zusammenschlüsse, wie etwa Parteiarchive, Komintern-Bestände, Exilüberlieferungen sowie Ordnungs- und Selektionspraktiken; zweitens die Spiegelung kommunistischer Bewegungen und Herrschaftssysteme in staatlichen, polizeilichen und geheimdienstlichen Akten, etwa in den Beständen der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit, sowie in jener verstreuten Überlieferung, die infolge der zahlreichen Spaltungen kommunistischer Bewegungen häufig auf dem Weg von Nachlässen in universitäre Sammlungen oder an andere Aufbewahrungsorte gelangte; drittens die unter Gorbatschow einsetzende Archivrevolution in der Sowjetunion, die seit 1989/90 erfolgende Öffnung von Partei-, Staats- und Sicherheitsarchiven im einstigen sowjetischen Herrschaftsbereich sowie die Frage nach einschlägigen Beständen in Westeuropa und ihrer unterschiedlichen Zugänglichkeit als Einschnitt und Herausforderung für Forschung, politische Aufarbeitung und Öffentlichkeit.
Willkommen sind darüber hinaus Fragen nach der Vernichtung, Rettung und Neuordnung von Überlieferung, Beiträge zu methodischen Problemen der Quellenkritik, zu Digitalisierungsstrategien, Editionsprojekten, Archivkooperationen, Sammlungsbildungen im Exil sowie zu Ausstellungen und digitalen Formen der Vermittlung. Ausdrücklich erwünscht sind dabei auch vergleichende Zugänge. Ein aussagekräftiger Entwurf eines Tagungsprogramms sollte erkennen lassen, wie aus archivbezogenen Fragen ein klarer Beitrag zur Kommunismusgeschichte entwickelt wird.
Bereits an dieser Stelle sei auch auf die Themenschwerpunkte der Hermann-Weber-Konferenzen in den Jahren 2029 und 2030 hingewiesen. Ihre Ausschreibung erfolgt im ersten Quartal 2027:
Ausblick 2029: 11. Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung
Umkämpfte Erinnerung: Der Kommunismus in der internationalen Erinnerungskultur
Vierzig Jahre nach den Friedlichen Revolutionen von 1989 und dem Zusammenbruch kommunistischer Diktaturen in Europa widmet sich die 11. Hermann-Weber-Konferenz der umkämpften Erinnerung an den Kommunismus im 20. und 21. Jahrhundert in Politik, Kultur und Gesellschaft. Im Mittelpunkt stehen Deutungen, Bilder und politische Instrumentalisierungen des Kommunismus sowie die Institutionen, Medien und Akteure, die diese Erinnerungen prägen. Dabei soll die wissenschaftliche Kommunismusforschung allenfalls am Rande behandelt werden. Sie ist Gegenstand der 12. Hermann-Weber-Konferenz im Jahr 2030.
Das Jahr 2029 bietet dafür einen besonderen historischen Rahmen: Die Friedlichen Revolutionen von 1989 waren der Ausgangspunkt einer intensiven politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kommunismus. Zugleich werden 25 Jahre seit der EU-Erweiterung von 2004 vergangen sein, mit der die Aufarbeitung kommunistischer Diktaturen, ihrer Verbrechen und ihrer Nachwirkungen verstärkt auf die Agenda europäischer Institutionen gelangte.
Erwünscht sind Exposés, die innerhalb dieses weiten Feldes ein klar fokussiertes Tagungsprogramm entwerfen. Im Mittelpunkt sollen öffentliche und politische Formen der Kommunismuserinnerung stehen, ihre Träger, Medien und Konfliktfelder: etwa Museen, Gedenkorte, Denkmäler, Jahrestage, Filme, Literatur, Schulbücher, Medien und digitale Öffentlichkeiten, ferner staatliche sowie suprastaatliche Geschichtspolitik, zivilgesellschaftliche Initiativen, Opferverbände und Formen dissidenter Gegen-Erinnerung. Ein wichtiges Thema sind dabei auch die Erinnerungskonflikte seit 1989/90 in West- und Osteuropa sowie im weiteren internationalen Vergleich, darunter Auseinandersetzungen um Opferhierarchien, um das Verhältnis von Kommunismus- und NS-Erinnerung und um nationale und transnationale Deutungsangebote.
Gewünscht sind Konferenzkonzepte, die diese Fragen in ihrer europäischen und internationalen Dimension behandeln — mit Blick auf die Folgen der EU-Erweiterung, die Debatten um den 23. August als europäischen Gedenktag, die Resolutionen des Europarats und des Europäischen Parlaments sowie auf unterschiedliche erinnerungspolitische Entwicklungen in West- und Osteuropa. Erwartet wird ein Programm, das ausgewählte Fragen historisiert, vergleichend einordnet und damit einen substanziellen Beitrag zur internationalen Kommunismusforschung leistet.
Ausblick 2030: 12. Hermann-Weber-Konferenz zur Historischen Kommunismusforschung
Wissen über den Kommunismus. Geschichte, Akteure und Bedingungen eines internationalen Forschungsfeldes seit den 1920er-Jahren
Vierzig Jahre nach der deutschen Einheit fragt die 12. Hermann-Weber-Konferenz danach, wie sich die Erforschung des Kommunismus und kommunistischer Herrschaft seit den 1920er-Jahren konstituiert, entwickelt und — nach 1989/90 — institutionell, personell und international neu geordnet hat. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines Forschungsfeldes: seine intellektuellen Kontroversen, seine Träger und Institutionen, seine Finanzierung und seine politischen Kontexte — von den ersten systematischen Analysen der kommunistischen Bewegung in den 1920er-Jahren bis zur globalisierten Wissenschaftslandschaft der Gegenwart. Dabei soll es nicht um Archive als solche und auch nicht vorrangig um öffentliche Erinnerungskonflikte gehen, sondern um die Frage, wie Kommunismusforschung angestoßen, organisiert und politisch kontextualisiert wurde.
Das Forschungsgebiet hat eine längere Vorgeschichte, als die Zäsur von 1989/90 vermuten lässt. In den USA und Westeuropa entstanden im Kalten Krieg Forschungsstrukturen, die durch staatliche und private Mittel aber auch geheimdienstnahe Institutionen finanziert wurden und die Themenkonjunkturen des Feldes nachhaltig prägten. Sie standen insbesondere seit den 1970er-Jahren in zunehmender Konkurrenz zu einer wachsenden und sich immer stärker ausdifferenzierenden linken Forschungs- und Publikationstätigkeit. Deren ideologisches Spektrum reichte von moskautreuen, teils aus dem Ostblock unterstützten Verlagen, Zeitschriften und Akteuren, darunter auch Hochschullehrkräfte, über maoistische und eurokommunistische Positionen bis hin zur unabhängigen Linken und der von ihr geprägten „Geschichte von unten“. Von besonderem Interesse sind dabei die biografischen Prägungen der unterschiedlichen Akteure — sowie die Frage, welche Themen von wem gestellt, finanziert oder systematisch ausgeblendet wurden.
Ein weiteres Thema ist die Neuordnung der Forschungslandschaft nach 1989/90: die Gründung und Transformation von Forschungsinstituten, Zeitschriften und Editionsprojekten, die Entwicklung von Förderlandschaften und Themenkonjunkturen, transnationale Kontroversen wie jene um das „Schwarzbuch des Kommunismus“ (1997) sowie die außeruniversitären Forschungsmilieus, insbesondere in Ostdeutschland, wo vormalige Akademie- und Hochschulhistorikerinnen und -historiker der DDR in neuen institutionellen Zusammenhängen weiterarbeiteten.
Erwünscht sind vergleichende Zugänge zu nationalen Forschungstraditionen, personellen Netzwerken und der Zirkulation von Begriffen und Deutungsmustern — ausdrücklich über Deutschland hinaus, mit Blick auf Westeuropa, die Staaten des ehemaligen Ostblocks, Russland und die USA.