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Otte¹ klappte das Buch zu, denn der solarbetriebenen Leselampe ging der Saft aus. Auch im gesamten Rest des Hauses pflegte um diese Zeit der Strom seinen Dienst zu entsagen. Als Bestätigung hörte sie die Eltern - ebenfalls Freunde des spätabendlichen Lesens – leise fluchen. Sie lachte leise und wühlte sich aus ihrem Bett, ihr langes (und vor allem immer gut temperiertes) Nachthemd schleifte über den Boden. Es war ihr viel zu groß, denn die frühere Besitzerin, die garantiert vor vielen vielen Jahrzehnten, ja vielleicht sogar ein paar Jahrhunderten gelebt hatte, war eindeutig viel größer gewesen als sie selbst. Trotzdem trug sie es jeden Nacht, seitdem sie es vor sechs Jahren auf dem Dachboden gefunden hatte. Nur selten wusch sie es, denn Otte hatte das Gefühl, dass bei jedem Waschgang ein wenig der Magie des Kleidungsstückes verloren ging. Zwar versteckte sie es tagsüber, doch das hielt nur so lange, bis ihre ihre Mutter das Versteck2 entdeckt hatte. Jedes Mal, wenn es doch zu einer solchen Tragödie gekommen war, dauerte es ewig, bis das Kleid auf - dem Dachboden an einem alten Balken aufgespannt – wieder seine wundersam geheimnisvolle Aura, bestehend aus Erinnerungen und Abenteuern, aufnahm.(Bearbeitet)
Mit leisen Schritten tapste sie an das Fenster, das etwa zwei Meter hoch und einen breit war. Es war so gebaut, dass der zu öffnende Teil erst etwa einen dreiviertel Meter über dem Boden anfing. Wennman es also richtig anstellte und diese gläserne Barriere überwand, trat man auf einen Balkon - etwaeineinhalb Fuß (ca. 45 cm) breit - und so lang, dass er die nebeneinanderliegenden Eltern- und Kinderschlafzimmer von außen verband. Früher, als hier noch Fürsten, Grafen, Gutsherren, Gelehrte und andere Intellektuelle ein und ausgegangen waren (auch schon etliche Jahrzehnte/Jahrhunderte her), war Ottes Zimmer für gute spezielle Gäste bestimmt gewesen. Mithilfe der äußeren Verbindung war, falls es mal ein Unglück gegeben hätte, Hilfe sogleich zur Stelle oder (und das war eher der Fall) es konnten sich Gastgeber und ihre Nachbarn sich jederzeit spontan treffen, unterhalten und diskutieren. Noch dazu mit fantasieanregendem Ambiente:
Die beiden (inzwischen nicht mehr ganz so prunkvollen) Zimmer lagen nämlich direkt über dem Eingang des Hauses, sodass man das gesamte „Haupt“-Grundstück plus den angrenzenden, von Ottes Eltern verpachteten Feldern. Links von ihr quietschte es. Bald darauf lugte ihres Vaters Kopf aus dem Fenster seines Schlafraums, doch Otte beachtete ihn nicht weiter. Die beiden begegneten sich oft auf diese Weise in den späten Abendstunden, denn Otte hatte diese seltsame Angewohnheit von ihm persönlich geerbt. Gedankenverloren stützte sie sich an dem Geländer ab und richtete ihrenBlick auf die nebelverhangene Landschaft weit weg in der Nähe des Horizontes, welches - so vom Mond beschienen – einen märchenhaften Anblick bot. „Die beiden Träumer“ nannte ihre Mutter dieBeiden immer, obwohl das inzwischen wohl bereits eher auf ihre Tochter zutraf, als auf ihren Mann,Tristan. Er kam fast nur noch aus Gewohnheit hinaus, denn ihm war längst klar, das seine Tochter seinen Platz (zumindest in Sachen Träumen) längst übernommen hatte. Manchmal unterhielten sich die Beiden stundenlang über Gott und die Welt, doch nicht selten schwiegen sie auch einfach, wie jetzt, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Als Tristan am nächsten Morgen wieder hinaustrat, traf er Otte genau in der selben Position wie am Abend an, breit lächelnd.³
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¹ (Anm. d. Autors) „Otte“ wird mit französischem Akzent ausgesprochen. „Ott“. Mann könnte diesen seltsamen Namen vielleicht aus „Jaquotte“ ableiten (welchen Namen ich nicht minder schön finde), jedoch bleibt es jedem frei, wie er ihn interpretiert. Er könnte ja ebenso gut die weibliche Version von Otto sein. Eigentlich ist es ja auch egal, irgendwas französisches halt.
² Augenblicklich ein doppelter Fußboden im Kleiderschrank. Einer der Handwerker, der gleichzeitig auch eine ArtHausmeister ist, hatte ihr beim zimmern geholfen.
³ (Anm. d. Autors) Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Otte stand nicht die ganze Nacht da draußen. Ich will hiermit nur zeigen, dass das ihr Lieblingsplatz ist und dass sie gern träumt. Außerdem, dass ihre Stimmung je nach Laune immer vollkommen verschieden sein kann.