27.06.2021: Es hat sich herausgestellt, dass ich mit meinen misstrauischen Fragen bezüglich der Langsamkeit des Impfzentrums unseres Landkreises nicht allein gewesen bin. Vorletzten Freitag habe ich in den Medien gelesen, dass es etliche Beschwerden anderer Bürger gab, dass die Zahlen und Vergleiche bestätigen, dass unser Landkreis mit seinen Impfungen signifikant hinterherhinkt. Die Darlegung möglicher Ursachen für diesen Zustand ist für mich ungenügend, nicht wirklich nachvollziehbar, absolut nicht überzeugend. Ein Artikel wiederholt zwischen den Erklärungsversuchen immer nur so was wie "es ist kompliziert". Wie soll ich die Rechtfertigung, der Landkreis hätte vergleichsweise zu wenig Impfstoff erhalten, verstehen, wenn die SZ dazu schreibt: "'Seit fast einem halben Jahr verimpfen wir alles, was wir bekommen', so Petz weiter. Sogar sonst verfallende Impfdosen seien von anderen Landkreisen übernommen worden."? Häh, man hat zu wenig Impfstoff und verteilt davon auch noch was an andere Landkreise weiter? Heißt das, man hat nicht genügend Impfwillige im Landkreis gefunden? Aber sich beschweren, dass Leute beim Impfzentrum auftauchen und den Betrieb aufhalten, weil man sie wieder wegschicken muss? Und dann beteuern, dass es NICHT an der Organisation läge? Wer soll das verstehen? Vielleicht ist nicht das Personal im Impfzentrum vor Ort an der Misere schuld, aber irgendwer muss doch für die Organisation der Impftermine verantwortlich sein. Im übertragenen Sinne heisst es, schuld seien die Bürger, die ihre Termine nicht wahrnehmen oder sich im Registrierungsportal nicht abmelden, obwohl sie beim Hausarzt bereits eine Impfung erhalten haben. Wenn man so was weiß, dann sollte man sein Prozedere eventuell überdenken und anpassen. Denn darauf zu hoffen und daran zu appellieren, dass die Bürger sich vernünftig verhalten, ist leider der falsche Lösungsansatz. Apropos Hausärzte: Auch eine schöne Ausrede - der Landkreis hätte zu wenig Hausärzte, weshalb nicht genügend Leute geimpft werden könnten. Hallo? Es geht um die Effektivität des Impfzentrums, nicht um die Hausärzte! Wenn es die nicht gäbe, wären die Impfzahlen im Landkreis noch verheerender! Liebe Organisatoren des Impfzentrums: Wacht auf! Jetzt seht mal zu, dass ihr in die Pötte kommt! Vielleicht sollte man doch mal den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht nur automatisch generierte SMS und e-Mails verschicken. Und wenn die Leute nicht auf Terminanfragen reagieren, dann impft diejenigen, die vor Feierabend bei Euch vor der Tür stehen! Offiziell ist die Priorisierung aufgehoben worden. Der Bürger, der sich nach einem halben Jahr Impfen immer noch nicht damit beschäftigt, wie er einen Termin (im Impfzentrum bekommt), hat vermutlich kein Interesse daran!
Und übrigens, auch ich bin nur ein ganz normaler Bürger: Ich wurde zwar schon am 8. Juni beim Hausarzt zum ersten Mal geimpft, aber ich hatte mich bisher absichtlich nicht vom Registrierungsportal abgemeldet. Aus reiner Neugier wollte ich so erfahren, wann ich denn mit Prio 3 eine Impfeinladung vom Impfzentrum erhalten hätte. Vor zwei Tagen war es zumindest so weit, dass die SMS kam. (Liegt vielleicht daran, dass der Landkreis jetzt eine Sonderlieferung an Impfstoff erhalten hat. Jetzt muss das Impfzentrum beweisen, dass es nur an der Menge an Impfstoff gelegen .) Für wann ich einen Termin erhalten hätte, habe ich nicht versucht rauszubekommen, denn einen gewissen Anstand und Gemeinschaftssinn habe ich doch noch: Ich habe meinen Account auf dem Portal der Impfregistrierung in Bayern gelöscht. Anders kommt man aus der Terminverteilung nicht raus. Meines Erachtens auch kein besonders schlaues System: Denn bei der nächsten Impfkampagne muss ich mir wieder einen neuen Account anlegen.
11.06.2021: Vor einer Woche hatte ich frei und war in der Heimat. Und weil der Sommer so langsam aber sicher aufgewacht ist und Deutschland mit Sonnenstunden versorgt, war rein wettertechnisch nichts gegen meinen etwas anspruchsvollen Wunsch einzuwenden, Samstag einen Tagesausflug an die Ostsee zu machen. Auch wenn die Zahlen seit ein paar Wochen in einem erfreulichen Sinkflug sind, hatte MeckPomm die Bundesland-internen Corona-Verordnungen auch bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr geändert. Also durfte die Reise bis nach Schleswig-Holstein gehen. Timmendorfer Strand. Und meine Familie hat mitgemacht, einschließlich der 3,5 Stunden langen Autofahrt (einfache Strecke). Und ich finde, es hat sich absolut gelohnt. (Ökologisch astrein war es nicht, aber eine Zugreise wäre mit der Kirche ums Dorf zeitraubender und unwirtschaftlich gewesen. Ich kann mich nur rausreden, dass wir die Autos personell effektiv genutzt haben und solche Fahrten nicht jedes Jahr machen.)
Jedenfalls kamen wir gegen Mittag dort an und als ich aus dem Auto stieg, war ich schon beim ersten Atemzug absolut happy: Frische Meeresbrise! Am Strand war es voll, aber es ließ sich trotzdem noch ein Plätzchen für uns finden. Die Idee mit dem Strandkorb hatte nicht nur mein Vater, also mussten wir darauf verzichten. Strandmuscheln waren auch nicht erlaubt. Mein Vater begnügte sich mit einem Platz direkt in der Sonne und wurde mit krebsroten Bauch belohnt. Meine Schwester hat sich den Gewinn mit ihm geteilt. Der Rest von uns hat sich davor halbwegs drücken können. Zwei von uns waren sogar in den Wellen der Ostsee baden, die anderen haben sich damit begnügt, nur die Füße in die Fluten zu halten und sich dabei von der einen oder anderen Welle bis zum Knie erwischen zu lassen. Oh man, wie ich das gebraucht habe: Wasser, Wind und Wellen. Wie kann man je darauf verzichten? Ich habe den Tag genossen, die Füße in den Sand geschoben, die Horizontlinie zwischen blauen Himmel und blauen Meer nicht aus den Augen gelassen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Die Luft war angefüllt mit dem vom Meer gedämpften Lärm von Menschen und Möwen. Überall das Gewusel der Leute am Strand. Kein Zeichen von hitzeschwangerer Ramdösigkeit. Und selbst die See bot Unterhaltungsprogramm: Neben den üblichen Minimuscheln bzw. Muschelresten und glattpolierten Steinen hat meine Mutter sogar einen lebenden Seestern gefunden. Das gab es hier früher noch nicht. Der Klimawandel ist also eindeutig an der Ostsee angekommen.
Zu einem idealen Tag im Strandurlaub gehört natürlich auch ein bisschen Bummeln über die Promenade, zwischen Cafés, Souvenir- und Kruschläden. Haben wir Frauen also gemacht. Trotz Maske-Tragen und Personenzahlbeschränkungen in den Läden war es so herrlich normal. Also nicht alltags-normal, sondern urlaubs-normal. Alle sind entspannt, lässig gekleidet und in Badelatschen, es riecht nach Meeresluft, Sand und Sonnencreme. Und zum Abschied gab es dann am Abend noch Fischbrötchen für alle.
Das Leben kann manchmal so einfach, so schön sein.
Montag morgen. Mein Berlin-Wochenende mit Ostsee-Ausflug ist leider vorbei und gleich muss ich wieder zur Arbeit. Noch ca. 15 Minuten. Da klingelt plötzlich das Telefon und bevor ich das Gerät erreiche (ja, wir haben neben unseren Handys auch noch Festnetz!), ahne ich, dass das DER Anruf ist. Von unserer Hausarztpraxis. Und tatsächlich, es ist die Arzthelferin und sagt, dass wir am nächsten Tag um 11 Uhr zur Corona-Impfung vorbeikommen können. Endlich. Ein Lichtblick in diesem viel zu engen Loch der Ungeduld. Auch wenn es nur Astrazeneca ist. Ist mir egal. Ich bin da ganz wie Sandra Bullock, als sie in „Während Du schliefst“ der Warterei überdrüssig sagt „Ich will endlich diesen verdammten Stempel in meinem Pass!“. Sie meinte zwar Italien in ihrem Reisepass, aber letztlich kommt es auf’s Selbe raus: Wir wollen raus und verreisen.
Angesichts meiner diversen Volksleiden von Allergie bis Zipperlein bin ich relativ optimistisch wegen etwaiger Nebenwirkungen durch die Impfung gewesen. Vielleicht war ich aber auch einfach nur so erleichtert, dass es vorwärts geht, dass ich über eine Impfreaktion nicht weiter nachgedacht, sie nicht ernsthaft in Erwägung gezogen habe. Zumal ich bei Erkrankungen in den letzten 25 Jahren nie wirklich Fieber hatte, sodass ich eher davon ausging, dass mein Immunsystem so trottelig ist, dass es mit einem Impfstoff überhaupt nichts anfangen kann.
Sebastian, der seine Erkältungen regelmäßig ausfiebert, spürte überhaupt keine Reaktion. Und ich dachte zunächst, dass das bei mir auch so sein würde. Aber Pustekuchen!
Doch der Reihe nach… Jedenfalls sind wir dann am Dienstag zum Hausarzt und entgegen meiner naiven Erwartungshaltung waren wir nicht die einzigen, die für 11 Uhr einen Impftermin hatten. Außerdem verursachte ein Teil der Patienten doch Stirnrunzeln bei mir: Wie kann es sein, dass es Anfang Juni noch immer Ü70-jährige gibt, die nicht vollständig geimpft sind bzw. auf die Hinzuziehung der Hausärzte in die Impfkampagne angewiesen sind?
Da stehen alte Leutchen mit Schlauch in der Nase und bekommen jetzt erst ihren zweiten Pieks? Da stimmt doch was nicht? Was hat das Impfzentrum unseres Landkreises in den letzten Monaten gemacht? Ernsthaft! Und es ist mir egal, ob es am fehlenden Impfstoff oder Schnarchnasen von Organisatoren liegt! Das kann nicht sein, dass anderswo schon Prio-Gruppe 3 zum Impfzentrum geladen wird und man hier vermeintlich Prio-Gruppe 2 beim Hausarzt schneller impfen kann. Das will nicht in meinen Kopf und ich darf auch nicht darüber nachdenken, sonst rege ich mich noch bis zur nächsten Pandemie auf.
Es war also voll, eine Warteschlange bis raus auf die Straße hatte ich bei unserem Hausarzt auch noch nicht erlebt. Und das lag nicht nur am Abstandhalten. Erlebt hatte ich auch noch nicht, dass Herr Doktor wie ein Fluglotse die Patienten in den Räumlichkeiten koordinierte: Sie bitte hier lang, Sie bitte dort lang, Sie setzen sich noch mal kurz dort hin. Das hätte sich bestimmt auch nie ein Arzt träumen lassen, dass er Warteschlangen managen muss, während seine Arzthelferinnen an der Anmeldetheke, am Telefon und im Impfzimmer rotieren.
Als wir nach einer halben Stunde Wartezeit tatsächlich dran waren, ging es dann auch eigentlich ganz fix. Sebastian und ich wurden gleichzeitig ins Behandlungszimmer geführt.
Eigentlich bin ich Spritzen vom Blutabnehmen gewöhnt. Aber dabei wird dem Körper ja etwas entzogen, herausgenommen. Bei einer Impfung wird dagegen etwas hereingedrückt, dementsprechend hat es fies gepiekst. Aber ich bin ja biologisch erwachsen, da muss ich tapfer sein. Das war also Schritt 1, in etwa 10 Wochen bekommen wir unseren nächsten Termin mitgeteilt, je nach Impfstoff-Verfügbarkeit.
Bis abends um 21 Uhr spürte ich keinerlei Auswirkungen der Impfung. Aber dann fing der Arm an zu schmerzen. Erst fühlte es sich nur wie ein gemeiner Muskelkater an, wurde dann aber berührungsempfindlich, als wäre der Arm in eine heftige Prügelei verwickelt gewesen. Ich kenn mich glücklicherweise nicht mit Prügeleien aus, aber so stelle ich mir zumindest die körperlichen Folgen vor. Ansonsten war ich aber noch fit wie ein Turnschuh – innerhalb meiner üblichen Gesundheitsparameter.
Doch dann wurde ich gegen 3 Uhr nachts unsanft von meinem Körper geweckt. Gliederschmerzen! Der Arzt hatte gesagt, dass man bei Schmerzen durch die Impfung ruhig Ibuprofen nehmen könnte. Aber ich hatte kein Ibuprofen im Haus. Und von Aspirin hatte er nichts gesagt. Also aushalten ohne Schmerztabletten. So richtig gut geschlafen habe ich dann nicht mehr und dementsprechend beschloss ich am nächsten Morgen, Arbeiten ausfallen zu lassen. Abgesehen davon, dass ich mich eh wie durch den Fleischwolf gedreht fühlte, vor Unwohlsein völlig unfähig war, stille zu liegen oder zu sitzen, konnte ich mir nicht vorstellen, mit diesem Klotz von schmerzenden Arm ein Auto zu lenken. Und mit den Öffis zur Arbeit wäre es eine Weltreise voller unnötiger Umwege.
So, jetzt überspringen wir den Mittwoch einfach, weil sich mein Zustand an dem Tag nicht verändert hat. Aber siehe da, am Donnerstagmorgen musste ich meinen Kreislauf zwar noch etwas wachrütteln – kein Wunder, wenn der quasi einen Tag Zwangsurlaub hatte -, aber ich bin dann wieder zur Arbeit und mein Gesundheitszustand war wieder im normalen Bereich.
Schön zu wissen, dass mein trotteliges Immunsystem nicht ganz so trottelig ist wie ich dachte.
28.05.2021: Unglaublich, aber heute kann ich etwas Positives und gleichzeitig Negatives im Zusammenhang mit Corona berichten. Fangen wir ausnahmsweise mit dem Positiven an: Sich testen zu lassen, geht schneller als es dauert, mein Test-Erlebnis zu beschreiben. Das Negative: Mein Test-Ergebnis. Naja, das ist jetzt nicht besonders überraschend. Wo soll ich mir den Virus auch eingefangen haben? Etwa im menschen-entleerten Atrium meiner Arbeitsstelle, die ich leider am effektivsten mit dem Auto erreiche? Oder gar bei den Wochenend-Ausflügen ins Hinterland der oberbayerischen Wald- und Wiesen-Pampa?
Jedenfalls habe ich mich nach über einem Jahr Corona-Situation das erste Mal überhaupt testen lassen. Warum? Naja, vordergründig, weil ich nächste Woche meine Eltern in Berlin besuchen will. Aber tatsächlich wohl eher deswegen, weil ich immer noch keinen Impftermin habe. Und dabei gehöre ich der Priorisierungsgruppe 3 an. Aber im Landkreis scheinen die Mühlen etwas langsamer zu mahlen. In den Medien ist immer nur die Rede, wieviel unsere Hausärzte inzwischen impfen. Von den Impfzentren hört man kaum noch was. Gibt es die überhaupt noch? Irgendwie nervt das. Die Medien verbreiten den Eindruck, als wären wir schon auf der Zielgeraden, als wäre Ottonormalverbraucher schon so gut wie befreit von den Beschränkungen. Wenn es darum geht, welche Lockerungen wieder möglich sind, z.B. die Öffnung der Biergärten, dann werden immer Bilder von jungen Menschen gezeigt. Anscheinend gibt es mehr Medizin- und Pflegepersonal unter 30 als alte Leute über 70…? Keine Ahnung. Sicher, ich bin ungeduldig und neidisch, auf die, die schon durch mit der Impfung sind. Aber sind die Geimpften wirklich Leute wie ich, oder ist das nur ein verzerrter Eindruck? Ich übe mich in Zurückhaltung und harre der Dinge, die da kommen. Aber ich habe mal ausgerechnet: Wenn ich in dieser letzten Mai-Woche meine erste Impfung mit AstraZeneca – auf was anderes wage ich gar nicht zu hoffen, auch wenn es keine Empfehlung für meine Altersgruppe gibt, aber was soll man machen? – kriegen würde, dann wäre ich erst in der zweiten September-Woche immun. Das klingt noch nach einer furchtbar langen Wartezeit. Dazwischen liegt noch ein ganzer Sommer. Und von einer Impfung noch in dieser Woche ist nicht mehr auszugehen. Jetzt ist schon Freitag und habe noch nicht mal ein Termin-Angebot. Ich kann also nur auf die im Moment stark sinkenden Infektionszahlen hoffen, dass mehr möglich ist. Letzte Woche hat die Ungeduld sich meiner derart bemächtigt, dass ich einfach mal eine Ferienwohnung an der Ostsee für September gebucht habe. Ja, natürlich mit Stornierungsoption. Aber jetzt habe ich endlich wieder eine Reise, auf die ich mich freuen kann. Von der ich träumen kann. Der sehnsüchtige Gedanke ans Meer, die raue Küste, berauschende Wellen und eine steife Brise, die einem die Haare verzottelt, hat sich so sehr in mir festgesetzt, dass ich versuche, bei meinem Berlin-Besuch nächste Woche, einen Trip ans große Wasser einzubauen. Der direkte Weg an die Ostsee wäre entfernungstechnisch machbar, allerdings ziert sich MeckPomm bezüglich der Einreise von Tagestouristen aus anderen Bundesländern. Vor ein paar Wochen habe ich das gut verstanden, bei den aktuell nur noch sinkenden Inzidenzen verlassen mich meine empathischen Fähigkeiten. Jetzt ist die Überlegung, eine dreistündige Autofahrt in Kauf zu nehmen, um an die Ostseeküste von Schleswig-Holstein heranzukommen. Dort ist man mutiger. Alternativ müsste ich mich mit dem Müggelsee oder Wannsee begnügen. Da hätte ich zwar ausreichend Wasser, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Atmosphäre dort für meine Bedürfnisse maritim genug ist.
Neben dem Bedürfnis nach Meeresluft dürstet es mich auch nach kultureller Zerstreuung. Vor zwei Wochen waren wir endlich wieder im Kino. Wenn auch nur Autokino, aber es gab wenigstens Popcorn und – wenn auch durch die Autos getrennt – Publikum. Mir war nicht klar, dass ich es tatsächlich vermissen könnte, mit vielen anderen, fremden Menschen in einem dunklen Saal zu sitzen und eine „flimmernde“ Leinwand stundenlang anzustarren. Aufgrund der bis vor kurzem geltenden Ausgangssperre konnten die Filme nicht erst in der Dunkelheit des späten Abends stattfinden. Deswegen hat sich das Autokino eine LED-Leinwand angeschafft, mit der man auch Filme am helllichten Tage zeigen kann. Aber trotz der 50 qm-Fläche empfand ich die Leinwand als nicht groß genug. Ich wollte von Bild und Sound zugedröhnt werden, aber das ging nicht. Auch wenn wir mit unserem Standplatz in der 4. Reihe relativ weit vorn waren. Und der Film „Tenet“ hätte es prinzipiell hergegeben. Jetzt wünsche ich mir, ganz bald ein epischen Machwerk im Kino ansehen zu können, wo ich dann fast ganz vorn sitzen möchte. Vielleicht klappt es mit „Dune“, der Trailer war vielversprechend.
07.04.2021: Ostern 2021 kam still und ging leise vorüber. Es grenzt an Nostalgie, wenn ich daran denke, was ich gern zu Ostern gemacht hätte… Und dann versucht jetzt auch noch der Winter eine Wiederkehr. Ich weiß nicht, was angesichts der Unmöglichkeit von Unternehmungen blöder ist: Schlechtes oder schönes Wetter?
Aber ich will nicht nur jammern, sondern zur Abwechslung voller Begeisterung von meiner ersten „Party“ nach Monaten Abstinenz von sozialen Vergnügungstreffen berichten. (Für alle nicht-Eingeweihten: Bei mir bedeutet ‚Party‘ nicht automatisch Suff, Krach und Huppebums, sondern vielmehr eine fröhliche, Intellekt-anregende Kommunikationsrunde.) Jedenfalls wurden wir anlässlich des runden Geburtstages eines alten Freundes eingeladen, an einem digitalen Treffen teilzunehmen. Inzwischen ist fast jeder mit Online-Meetings vertraut, aber meine Stirnrunzeln verursachende Vorstellung, wie ca. 30 Teilnehmer in einer Videokonferenz versuchen, mehrere Wortwechsel zu generieren, basierte auf meinen bisher unzureichenden Erfahrungen mit den technischen Möglichkeiten. Das Zauberwort in diesem Fall hieß „Wonder“ und die Gastgeberin und Frau des Geburtstagskindes hatte eine digitale Geburtstagslocation mit Bierzelt, Cocktailbar und dem besten Hort des gepflegten Gesprächs, die Küche, eingerichtet. Gott, hat mir das gefehlt: Der verbale, frotzelnde, gern auch mal sprücheklopfende Austausch mit mehr als drei Menschen gleichzeitig. Da wurden gleich wieder Erinnerungen an unsere Stammtischrunden vom Modernen Schwertkampf lebendig. Kurz vorher waren Sebastian und ich noch skeptisch, ob wir es lange in der Videokonferenz aushalten würden. Aber es lief so gut, wir hatten so viel Spaß, dass wir uns tatsächlich erst gegen 23 Uhr – und das mitten in der Arbeitswoche – verabschiedeten. Ich wäre gern noch länger (online) geblieben.
Und weil das soziale Leben so schön ist, war ich dann glücklicherweise schon am nächsten Tag noch mit einer Freundin zum abendlichen Picknick verabredet. Face-to-Face, in live und in Farbe. Eine Kontaktperson ist ja erlaubt. Wir wollten die fast schon sommerlich anmutenden Temperaturen ausnutzen und den lauen Abend im Olympiapark genießen. Und tatsächlich blühten dort schon die Kirschbäume in einer Wolke aus Rosa und Pink. Nicht zu fassen, dass es eine Woche später schon wieder schneit. Meteorologisches Durcheinander. Naja klar, ist ja auch April, der weiß nicht, was er will. Oder Klimawandel. Wer weiß das schon so genau. Und weil das noch nicht „irre“ genug ist: Mein Mann war am Wochenende, als sich das Frühlingshafte langsam wieder zurück ins kalte Ungemütliche verwandelte, im Kiessee (oder Weiher, wie der Bayer es nennt) baden. Es war wohl nicht so kalt wie im Dezember (oder war es Januar?), aber den Neoprenanzug hat er trotzdem gebraucht. Ich würde ja auch gern mal wieder ein bisschen durchs Wasser pflügen, aber ich bin mehr der Schwimmhallen-Nutzer und diese Einrichtungen sind momentan leider immer noch geschlossen. Also muss ich mich ab und an wenigstens auf den guten, alten Drahtesel hocken, wenn ich Abwechslung zum üblichen Spaziergang haben will.
Um noch ein paar konkrete Corona-Ereignisse zu Protokoll zu geben: In Berlin wurde wohl viel Werbung gemacht, sich an Ostern impfen zu lassen. Meine Eltern, die in der Ü60-Gruppe sind, folgten dem Ruf und haben tatsächlich nach einem gescheiterten Marathon in der Warteschleife im 2. Anlauf einen Impf-Termin bekommen, der dann aber eigentlich beinahe sinnlos war. Denn sie haben schließlich ca. 3 Stunden lang angestanden, mit vielen anderen Pieks-Willigen. Sie waren erstaunt, dass die Leute trotz der Planungspanne und der damit erforderlichen Geduldsprobe ruhig und gesittet geblieben sind. Es wirkte beinahe englisch. Denn im stoischen Schlange-Stehen sind die Engländer Weltmeister. Und am Ende hat es sich halbwegs gelohnt: Meine Eltern haben ihre erste Impfung bekommen. Wermutstropfen gleich hinterher: Der zweite Termin ist erst im Juli!
21.03.2021: Es ist eine ganze, lange Weile her, dass ich das letzte Mal schrieb. Inzwischen ist mehr als ein halbes Jahr vergangen und auch wenn es inzwischen eine Impfung gegen Corona – oder wie ich sie nur noch nenne: Cordula – gibt, so hat sich nichts wirklich gebessert. Mit dem Ende des Sommers gingen auch die relativ niedrigen Infektionszahlen und dann Anfang November hatten wir einen Lockdown Light. Die Politik und jeder andere hoffte so, dass Weihnachten gerettet werden könnte. Aber daraus wurde nichts. Knapp 10 Tage vor Weihnachten wurde aus dem Lockdown Light ein echter Lockdown und nur für die Feiertage gestattete man: Ja okay, es darf ein kleines bisschen über den eigenen Haushalt hinaus sozialisiert werden, aber nur mit Augen zu. Fraglich bleibt, inwiefern sich die Bevölkerung im Privaten tatsächlich an die Kontaktbeschränkungen hält. Und da rede ich nicht von Zusammenkünften mit 5 Personen, sondern von größeren Ansammlungen. Ich unterstelle niemandem irgendwas, schließlich habe ich keine Beweise, zumal der Mensch einfach unverbesserlich ist und wir uns alle über notwendige Besserung unseres Verhaltens den Mund fusselig reden können. Irgendwer tanzt am Ende wieder aus der Reihe. Und wenn sich jeder für die Ausnahme hält, dann ist die Ausnahme der Normalfall. Irgendwo müssen diese vielen Neuinfektionen herkommen. In den Medien wurde dann Anfang Januar festgestellt, dass erstaunlicherweise weiter in die Höhe schießende Infektionszahlen nach Weihnachten ausgeblieben sind. Ich glaube mich zu erinnern, dass es hieß, dass Deutschland seinen höchsten Neuinfektionsstand mit knapp über 30.000 Personen innerhalb eines Tages am 18. Dezember hatte. Das war kurz nach Beginn des neuen Lockdowns. Und jetzt, also eigentlich Ende Februar wollte Deutschland den Bürgern wieder erlauben, ihre Nase aus der Tür zu stecken – mit Maske selbstverständlich, aber zumindest etwas unbeschränkter. Anfang März durften die Friseure wieder öffnen. Letztes Jahr hatte mich die fehlende Möglichkeit eines Friseurbesuchs nicht gestört, aber mein üblicher 2-jähriger Turnus von „Haare ab“ neigt sich dem Ende. Und meine dünnen Zotteln brauchen dann doch mal wieder einen Experten.
Sind wir es nicht inzwischen alle müde? Wir müssen nur noch bisschen durchhalten. „Ein bisschen“ – was für eine dehnbare Zeitspanne. Hören wir das doch seit November immer wieder. Es muss doch noch andere Konzepte geben als Lockdown und Lockdown light. Wie schaffen wir es, innerhalb von 12 Monaten mehrere Impfstoffe auf der Welt zu entwickeln, aber keinen vernünftigen Plan, mit dem verdammten Virus zu leben? Denn der Virus wird nicht so schnell verschwinden. Auch wenn meine eigenen 4 Großeltern inzwischen ihre zweifache Impfung erhalten haben, so wartet der Rest von Deutschland, von Europa, von der Welt immer noch drauf. Schön für Israel, dass sie dort durchgeimpft sind. Auch wenn dort weniger Menschen leben, aber dort wurde überall geimpft und es schien auch genug Impfstoff vorhanden zu sein. Wieso dauert das so lange? Wieso kann Deutschland nicht ein Mal mutig sein und bestimmte bürokratische Hürden weglassen? Und wenn auch nur unter dem Motto: Tankstellen-Impfung auf eigene Gefahr. Aber wie gesagt, die Impfung scheint nicht das Allheilmittel gegen Cordula zu sein. Cordula ist nämlich wandelbar und momentan ist britischer Stil bei ihr ganz en vogue. Das soll auch jeder in Deutschland mitbekommen. Und wer weiß, was die nächste Mutation mit sich bringt, wenn dann mal nicht mehr der Impfstoff wirkt. Fangen wir dann wieder von vorn und wieder mit Lockdowns an? Da hilft uns auch ein Lehrmeister Lauterbach mit seinen apokalyptischen Wenn-Dann-Formeln nicht weiter. Denn jede neue Äußerung im Sinne von „so schnell wie möglich zurück in den Lockdown“ verpufft bei den Leuten. Denn im Grunde habe ich das Gefühl, seit November nicht mehr aus dem Lockdown rausgekommen zu sein. Okay, Weihnachten habe ich wie alle anderen kurz die Augen zugekniffen und meine Eltern in Berlin besucht. Mehr aber auch nicht. Kein Weihnachtsmarkt, kein Weihnachtsshopping. Apropos. Für Weihnachten war die Post irgendwo sehr langsam, also eigentlich viel zu langsam. Die 2 Wochen (!) vor Weihnachten bestellten Fotobücher sind nicht rechtzeitig bei meinen Eltern angekommen, bzw. galten als verschollen. Dabei hatte die Post versprochen, rechtzeitig zu liefern, wenn man gar erst 5 Tage vor Weihnachten etwas aufgeben hatte. Sah dann an Heiligabend irgendwie doof aus. Ich musste mit meiner Schwester improvisieren. Gut, dass man bei Fotobüchern das Ergebnis auch digital angucken kann. Es war jedenfalls trotz guter Planung nicht so gut gelaufen, wie es hätte sein sollen. Ende Januar war dann das Weihnachtsgeschenk für meine Eltern – aufgrund erneuter Auslieferung – da. Wenigstens habe ich Rabatt und Gutschein bekommen, aber das half mir für eine schöne Bescherung auch nicht mehr weiter… Und jetzt fällt auch noch Ostern ins Wasser. Haben wir letztes Ostern, als Cordula noch jung, neu und unerfahren war, völlig naiv darauf gehofft, nein, eigentlich geplant, dass das nächste Eierfest wieder wie immer sein wird, so wurde letzte Woche mit den Worten „Die dritte Welle ist schon da“ jedwede Planung, das im letzten Jahr Verpasste in 2021 nachzuholen, zunichte gemacht. Letztes Jahr hatten wir noch Hoffnung, dass es „bald“ wieder besser wird. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich habe irgendwie resigniert. Cordula wird nicht so schnell die Nase voll haben von uns, es ist gerade so richtig gemütlich. Wir müssen lernen mit ihr auszukommen.
Und in meiner schlechten Einstellung zu Cordula muss ich noch nicht mal einen Balanceakt mit Homeschooling und Homeoffice vollführen. Ich weiß nicht, wie es ist, aber ich kann es mir trotzdem vorstellen, wie anstrengend und ermüdend es sein muss, nicht nur die eigene Frustration oder zumindest Haltlosigkeit bezüglich des kompletten Hickhacks „Beschränkung, ja, nein, vielleicht, nur halb, manchmal, ganz oder gar nicht, wenn, dann, weil“, sondern auch noch die der eigenen Kindern zu ertragen.
Vielleicht sollte ich dazu übergehen, von erfreulichen Dingen zu sprechen. Denn trotz Cordula gibt es sie. Die kleinen Momente des Glücks: Vor einigen Wochen hatte Deutschland ein kleines Winterwunder. Soll heißen, das Land wurde mit Schnee UND Sonnenschein beglückt. Während die eine Hälfte sich beim Schlittenfahren tummelte, haben wir uns ins Auto gesetzt und eine kleine Burgentour gemacht. Das ist für uns wie Urlaub. Auch wenn ich mich jedes Mal, wenn ich einen Hügel keuchend hochkrieche, schnaufend frage, wer mich dazu überredet hat, da hoch zu laufen, so ist jede mittelalterliche Ruine es wert, wieder zu Atem zu kommen. Es geht doch nichts über ein paar alte, romantisch drapierte Steine, am besten noch mit Aussicht. Das hat so viel Spaß gemacht, dass wir ein Wochenende später, der Winter war einem Hauch von freundlichem Frühlingsansinnen gewichen, noch mal losgezogen sind. Auf zu neuen Ruinen! Glücklicherweise gibt es schon ein paar passende Orte im Umkreis von 1-2 Stunden Autofahrt. Und weil die zu einem historischen Ausflugsziel fehlende Infrastruktur momentan geschlossen ist - keine Innenbesichtigung (wenn es noch Räumlichkeiten gibt), kein Souvenirshop, keine Gaststätte, kein Biergarten nebenan – begegnet man nur wenigen Leuten bis gar niemandem.
Wenn wir schon von urigen Gemäuern reden, soll ich noch vom Schottland-Urlaub 2020 schwärmen?
24.07.: Der Corona-Alltag ist inzwischen schon so normal geworden, dass ich langsam befürchtete, dass ich nichts „Corona-mäßiges“ mehr zu erzählen hätte. Inzwischen sind wir noch mal mit dem Zug nach Berlin gefahren, diesmal aber ohne jegliche Aufregung. Die permanent und überall obligatorische Maskenpflicht ist mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, allerdings sind jetzt Durchsagen nötig, die die Leute darauf hinweisen, dass es „Mund-Nasen-Schutz“ und nicht „Kinn-Schutz“ heißt. In Berlin war ich mit meiner Familie, sprich meiner Schwester, ihrem Mann und meinen Eltern in einem Escape-Room. Bis auf das Maske-Tragen im Vorraum gab es keinen organisatorischen Unterschied zu meiner bisherigen Escape-Room-Erfahrung. Außerdem habe ich mich mit meinen drei engsten Berliner Freundinnen in einem Restaurant getroffen, wo wir mit anderen Menschen auf der Terrasse gesessen haben. Hätte der Kellner keine „Schweißermaske“ getragen und wäre die Begrüßung/Verabschiedung meiner Freunde nicht als emotional ausgebremster Ellbogen- oder Fuß-Check erfolgt statt in herzlicher Umarmung, wäre das Thema Corona überhaupt nicht spürbar gewesen. Alles irgendwie ganz normal wie immer. In der bayerischen Gastronomie, also in bayerischen Biergärten, läuft es ein bisschen anders: Da werden erstmal Personalien am Eingang aufgenommen, natürlich mit dem typisch deutschen Bedürfnissen angepassten Verweis auf den Datenschutz, und dann, zumindest in dem großen Biergarten auf dem Land, wurde man sogar persönlich zu einem Tisch geführt. Da waren wir drei Erwachsene und ein Kind und durften uns nur nebeneinander setzen um die gegenüberliegende Sitzbank an unserem Tisch frei zu lassen, weil am Nachbartisch mehr Leute waren, die beide Sitzbänke ihres Tisches beanspruchten. Auf dem dazugehörigen Spielplatz lag die Priorität dann doch mehr auf dem Spaß- als dem Coronaschutz-Faktor. Nicht, dass die Erwachsenen immer genau zu wissen scheinen, was 1,5 Meter sind, aber für Kinder ist Abstand eher eine charakterliche Veranlagung: Die schüchternen halten sich instinktiv von anderen Kindern fern, die neugierigen und geselligen nicht ganz so.
Und abgesehen davon, dass ich mich bei meinen letzten Supermarkt-Besuchen immer wieder dabei erwische, wie ich kurz davor bin, dem Impuls zu folgen, meine Maske einfach so abzunehmen – es ist angenehmer, die Maske outdoor statt indoor zu tragen – hat sich das Leben mit Corona so entwickelt, dass es mittlerweile keine berichtenswerten Vorkommnisse mehr diesbezüglich gibt. Dachte ich bis gestern. Ich spielte schon mit dem Gedanken und werde sicherlich nochmal darauf zurückkommen, dass ich auch über völlig Corona-unabhängige Themen schreiben könnte. Aber! Aber dann war da die Verabredung mit einer befreundeten ehemaligen Kollegin. Wir wollten ins Autokino. Da muss ich jetzt kurz ein Stöckchen zum Hölzchen werden lassen für die, die mich nicht so genau kennen: Also bis Ende letzten Jahres habe ich beim Filmfest München gearbeitet. Und hatte mich darauf gefreut, dieses Jahr das Filmfestival mal am Roten Teppich kennenzulernen, hinter den Kulissen kannte ich mich ja nun gut genug aus. Doch dann kam Corona und das Filmfest wurde wie so viele andere Veranstaltungen abgesagt. Nix war’s mit einem Stelldichein mit Stars und Sternchen. Nix mit Gucken von Filmen, bei denen ich nicht weiß, ob sie mein kommerzialisiertes Herz berühren, das nach eskapistischer Unterhaltung lechzt, oder nur meinen Intellekt fordern. Doch dann kam das Autokino, die kleine Corona-Filmfest-Lösung. Und meine liebe Ex-Kollegin hat das eine mit dem anderen verbunden. Wir treffen uns endlich mal wieder und das Ganze im Rahmen des diesjährigen Filmfests. Es nennt sich Filmfest München Popup. D.h. es gibt eine Filmpremiere mit Fotografentermin und Q&A mit anwesendem Cast&Crew, nur halt nicht in einem kleinen Kino in der Innenstadt, sondern in einer alten Kiesgrube, die zum Autokino umfunktioniert wurde. Es war eine laue Sommernacht und so kam tatsächlich so etwas wie Festivalstimmung auf. Und es war wunderbar, nicht nur eine, sondern gleich mehrere ehemalige Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen. Der Film hatte zwar das typisch deutsche behäbige Erzähltempo, war aber dank der witzigen Dialoge sehr unterhaltsam und gelungen. Das klingt jetzt schon fast wie eine profane Filmkritik. Daran muss ich noch arbeiten: Kurzweilig und witzig berichten. Leider kann ich nicht immer Verbalknaller produzieren und spaßige Metaphern liefern. Manchmal muss der Leser sich auch mal mit banalen Sätzen zufriedengeben. Eines sei aber noch gesagt: Das Zuschauerdasein bei einem solchen motorisierten Festival-Kinobesuch ist nicht weniger anspruchsvoll als in einem Kinosaal: Statt sich brennend heiß geklatschte Hände zu holen, artet der Applaus im Autokino in anstrengender Arbeit aus, weil man als Zeichen von Jubel und Begeisterung ständig zum Hupen aufs Lenkrad drücken und Licht geben muss, vor allem wenn man ganz vorne steht.
Bevor ich jetzt noch ausführlich erzähle, dass sich wegen Corona mein jährlicher Frauenarzt-Termin um ganze drei Monate verschoben hat oder dass ich trotz Schwerfälligkeit, die Welt zu verbessern, den Kauf von Gemüse, das eigentlich als hochgradig deutsch gilt, aber neuerdings aus Ägypten (Kartoffeln!) und Neuseeland (Zwiebeln!) importiert wird, kopfschüttelnd und fassungslos verachte, will ich nochmal mein Corona-schweres Thema vom letzten Beitrag aufgreifen: Unseren Schottland-Urlaub.
Vor ca. zwei Wochen hat die Lufthansa beschlossen, unseren Hinflug nach Edinburgh zu canceln. Bämm! Man hatte uns als Alternative einen Flug vier Tage früher angeboten, der einen Umstieg in Frankfurt am Main inkludierte. Nein danke! Wir haben storniert. Das war gottseidank relativ leicht, weil man nur dem entsprechenden Link folgen musste. Noch habe ich mich nicht getraut zu prüfen, ob die Lufthansa die Kosten inzwischen rückerstattet hat, denn ich vermute, dass es sich bei unserer Flugstreichung um eine weniger Corona-bedingte als vielmehr wirtschaftlich begründete Maßnahme handelte. Den Rückflug hatten wir aus organisatorischen Gründen bei easyjet gebucht, da ist bisher noch alles wie gehabt.
Als wäre der Wegfall unseres Hinfluges nicht genug Grund zur Panik, kam außerdem die Mitteilung einer unserer gebuchten Unterkünfte, dass wir bei ihnen nicht mehr übernachten können, weil sie Corona-bedingt schließen mussten. Keine optimistischen Aussichten damals, vor zwei Wochen. Glücklicherweise hat sich seitdem aber einiges getan: Schottland hat die Quarantäne-Nummer u.a. für aus Deutschland Einreisende zurückgenommen und die Hotels durften seit letzter Woche wieder in Betrieb gehen. Und wir haben bei Ryanair einen neuen Hinflug gebucht, sogar schon den Check-In erledigt. Und eine Ersatz-Unterkunft für die weggefallene haben wir auch gefunden. Ich bin die Kugel in einem metaphorischen Flipperautomat und dengel emotional zwischen optimistischer Vorfreude und gespenstischer Angst, dass doch noch irgendwas dazwischenkommen könnte, hin und her. Schottland, wir kommen – ich muss einfach positiv bleiben und daran glauben.
22.06.: Achtung, dieser Beitrag wird 100% egoistisch sein und enthält Jammern auf hohem Niveau. Denn während sich das allgemeine Geschehen um mich herum normalisiert – trotz weiter bestehender Maskenpflicht und gruseliger neuer Corona-Ausbrüche in Deutschlands Fleischereifabriken - stecke ich in meiner eigenen persönlichen kleinen Corona-Krise: Ich will im September unbedingt nach Schottland und habe Panik, dass ich das nicht kann!
Wenn ich für dieses Jahr keine Pläne bezüglich meiner beruflichen Laufbahn hatte, so war ich doch in einer Sache sehr zielgerichtet und fokussiert: Ich wollte endlich wieder nach Orkney. Und ich hatte die Reise schon organisiert. Und dann kam Corona und ich musste alles absagen, in der Hoffnung, es ungeachtet meiner beruflichen Zukunft nächsten Sommer nochmal zu versuchen. Nach der Stornierung meiner Orkney-Reservierungen legte ich all meine Hoffnung in unsere ebenfalls bereits gebuchte Schottland-Reise. Ich sehne mich danach, in einer rauen Küstenlandschaft zu stehen, mich von den Wogen des Meeres hypnotisieren zu lassen, mich mit dem Rauschen der gegen Felsen schlagenden Wellen zuzudröhnen, von Wind und Wetter getriezt zu werden. Ich sehne mich nach den Farben der unruhigen See und der wilden schottischen Natur. Ich brauche keinen Einlass nach Spanien, Italien oder Griechenland. Ich will, ich muss nach Schottland!
Doch aktuell gibt es keinen Anlass für Optimismus. Schottland ist bis auf weiteres dicht für Touristen von außerhalb. Die Zahlen der Neuinfektionen sind in Großbritannien immer noch zu hoch. Selbst wenn hier, in Bayern, immer weitere Lockerungen den Alltag wieder normalisieren und ich dankbar bin für jedes Treffen mit Freunden, so bleibt doch das für mich an Corona entscheidendste Manko bestehen: Reisen nach Schottland ist nicht möglich. Ich bin ein kleines, bockiges Ding und will unbedingt. Leider würde es nichts an der Situation ändern, wenn ich wütend mit dem Fuß aufstampfe oder wie ein Schlosshund heule. Ich glaube noch nicht mal, dass mich das tröstet, denn ich bin im Moment untröstlich. Alles, was ich dieser Tage möchte, nein, was ich WILL, ist diese verflixte Reise im September nach Schottland antreten und wie geplant durchziehen. Wir hätten bis auf die Flug-Nummer auch keine Risiko-Situationen, denn Schottlands Natur ist ja glücklicherweise nicht der Ballermann-Strand auf Mallorca. Und wir müssen auch nicht unbedingt irgendwo rein ins Museum oder Restaurant. Wir wären auch ganz leise und unauffällig und zurückhaltend. Könnte man nicht für uns eine kleine Ausnahme machen? Ich habe schon überlegt, welchen Fernsehsender oder welches Magazin ich anfragen könnte, ob nicht ein Beitrag über Schottland wünschenswert wäre, denn für die mediale Berichterstattung sind Reisen erlaubt, weil systemrelevant.
15.06.: Okay, okay. Es hat ein bisschen gedauert, eigentlich wollte ich schon vor zehn Tagen darüber schreiben, was ich im Moment so treibe. Also etwas verzögert: Mein Mann hatte vor zwei Wochen in den Medien gelesen, dass die Familienkrebshilfe SONNENHERZ nicht nur von Freising nach Moosburg umgezogen war, sondern wegen Corona seinen bisherigen Bücher-Flohmarkt erstmals als Online-Shop veranstalten wollte und dafür noch Helfer bräuchte. Da sage ich nur „Amor librorum nos unit“ (das lateinische Motto unserer Hochzeit: Durch die Liebe zu Büchern verbunden.)
Also bin ich vorletzten Mittwoch ins Gewerbegebiet gefahren und habe mir das mal angeschaut. Na gut, nach einer Minute stand ich bereits zwischen lauter Regalen aus Bierbänken und habe Bücher alphabetisch in Bücherreihen einsortiert. War voll mein Ding! Und wenn der junge Chef vom Dienst nicht „Feierabend“ verkündet hätte, wäre ich wohl noch bis Mitternacht dort geblieben. Und wenn man das mehrere Tage hintereinander macht, zusätzlich auch noch Mehrfach-Exemplare und -Editionen diverser Titel zählt, dann hat man schnell das Gefühl, mit mindestens jedem zweiten Buch in Berührung gekommen zu sein. Unser Juniorchef meinte, dass es wohl um die 70.000 Bücher sind, die in dem großen Lagerraum auf ein neues Zuhause warten. Inzwischen läuft der Online-Shop ganz gut. Und nachdem wir die letzten Tage Bücher gescannt haben, wurden heute nur Lieferscheine abgearbeitet, indem man sich in die sortierten Büchermassen stürzt und die gekauften Titel sucht. Nach einigen Stunden bin ich ganz wirr im Kopf geworden, da kann man ein Buch schon mal leicht übersehen. Und wo ist nur das Buch vom Dalai Lama gewesen? Es war weder unter „D“ noch unter „L“, sondern unter „H“ – dem Namen des Verlegers. Hat eine Kollegin gefunden. Ich kenn mich besser in der Kinder- und Jugendbuch-Abteilung aus, weil ich dort die meisten Bücher allein gescannt habe. Und es sind einige echte Schätzchen dabei – für nur 1,50 EUR. Okay, ich mach Werbung. Aber nicht weil es uns an Arbeit mangelt, sondern weil es ja am Ende für den guten Zweck ist. Also für alle, die sich jetzt fragen, ob ich wieder in Lohn und Brot stehe: Nein, ich mache das freiwillig und unentgeltlich. Bücher machen Spaß. Ab und zu kommt in mir eine Art Futterneid hoch, weil ich ein verkauftes Buch, das ich raussuche, schön bzw. interessant finde. Aber dann denke ich an meinen eigenen To-Do-Stapel bzw. meine drei To-Do-Stapel zu Hause mit den Büchern, die ich noch lesen wollte und dann sehe ich ein, dass diese Sonnenherz-Bücher auch woanders als bei mir ein neues, gutes Zuhause erhalten werden.
Noch ein anderes Thema, das mit Corona zu tun haben könnte: Ich habe festgestellt, dass Corona es mit seinen Hygiene-Anforderungen geschafft hat, dass wir unsere heimischen Seifen-Vorräte runtergewirtschaftet haben. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal Seife gekauft habe. Die letzten Jahre haben wir von unseren Mitbringseln aus Hotel- und Pensions-Unterkünften gelebt. Nicht dass jemand denkt, wir hätten uns vor Corona nicht zu den üblichen Gelegenheiten die Hände gewaschen, aber vielleicht machen wir es jetzt einfach noch häufiger und gründlicher. Oder es liegt daran, dass ich aktuell nicht zu einem Arbeitsplatz fahre, wo ich tagsüber bisher meine Geschäfte im Waschraum verrichtet habe. Jedenfalls vermute ich, dass ich demnächst mal wieder Umsatz für die Seifenindustrie generieren muss.
01.06.: Wow, nachdem ich noch vor dem Berlin-Trip meinen 1. Biergarten-Besuch seit Beginn der Corona-Situation erlebt habe, konnte ich in Berlin weitere erste Male in der Corona-Zeit „testen“:
1. Shoppingbummel 1. Restaurantbesuch 1. Spielplatz-Aufenthalt 1. Tierpark-Besuch.
Ist es bezeichnend, dass mein Shoppingbummel mich zuerst in den „Elbenwald“ geführt hat und mein erster Kauf-„Erfolg“ eine Harry-Potter-Figur ist?
Der Restaurantbesuch war eigentlich kein richtiger im klassischen Sinne, denn wir haben „nur“ draußen an einer Straßenecke gesessen (und nicht im Innenbereich) und wollten nur was trinken. Nach einer halben Stunde habe ich mich dann aber doch hinreißen lassen, eine Kleinigkeit zu essen zu bestellen.
Dass es mich so bald auf einen oder gar mehrere Spielplätze führen würde, habe ich wohl meinem kleinen Neffen zu verdanken. Wie geplant, habe ich drei Vormittage hintereinander Kinderbetreuung gemacht. Glücklicherweise wohnt meine Schwester in einer kinderfreundlich ausgestatteten Gegend. Es gibt nicht nur einen Tierhof, sondern diverse Sport- und Spielplätze in der Nähe. Da ist es sehr einfach, einen Vierjährigen auszupowern und glücklich zu machen: Schaukeln, Wippen, Rutschen und viel, viel Sand.
Der Familienausflug in den Tierpark hatte sich bei den guten Wetteraussichten an Pfingsten einfach angeboten. Wir waren aber nicht im Berliner Tierpark, sondern im Freizeitpark in Germendorf. Nichtsdestotrotz war der Parkplatz voll. Wie nicht anders zu erwarten. Aber trotzdem macht man sich zu Anfang noch ein paar Gedanken angesichts von Corona und der Maßgabe, Menschenansammlungen zu meiden. Interessanterweise trug eigentlich niemand eine Schutzmaske, die Kinder waren auf den Spielplätzen scheinbar völlig unbekümmert zugange, aber beim Anstehen an den Imbiss-Möglichkeiten wurde Abstand gehalten. Ob das immer 1,5 Meter waren, möchte ich bezweifeln, aber zumindest das Grundsätzliche haben wohl die meisten verinnerlicht. Und bei den Sitzgelegenheiten konnte ich beobachten, dass die Leute in ihren Grüppchen unter sich blieben.
Und dann habe ich zwei meiner engsten Freundinnen wieder getroffen. Eine von den beiden gehört aufgrund einer Vorerkrankung zur Risikogruppe und ist quasi seit Mitte März zuhause eingesperrt. Glücklicherweise wohnt sie nicht in der Innenstadt in einer Wohnung, sondern in einer Reihenhaus-Siedlung am Stadtrand und hat einen kleinen Garten. Aber sie macht HomeOffice und die Einkäufe hat ihr Mann übernommen. Da bleibt sozialer Kontakt bis auf einige wenige Besuche von ihren Eltern oder ihrer Schwester auf der Strecke. Und dann fiel auch noch unser Mädels-WE aus. An Pfingsten hatte sie jetzt Geburtstag und da war es eine wunderbare Idee, dass wir zu einem Überraschungsbesuch vorbeikamen. Schön mit Abstand, aber schön!
26.05. Reisefieber mal anders: Normalerweise bin ich vor einer Reise immer etwas unruhig, weil ich in hypochondrischer Sorge lebe, dass es Zugverspätungen oder sonstige Störungen und Unterbrechungen geben könnte. Aber diesmal reise ich mit einem Ticket, das eigentlich schon vor 2 Wochen genutzt sein sollte. Denn eigentlich hatte ich mit meinen Mädels einen Wochenendtrip in den Harz geplant, um den ich einen Heimataufenthalt in Berlin herumgebaut hatte. Den Trip in den Harz konnte ich bei der Bahn wieder stornieren (Regio-Tickets). Die Tickets für die ICE-Reise musste ich behalten, wenigstens gelten sie aber bis Ende Oktober. Und jetzt, wo man laut der aktuellen Corona-Verordnung in Bayern offiziell auch wieder seine direkten Anverwandten besuchen darf, wage ich es, die sichere Wohnstatt zu verlassen. Vielleicht kann ich meiner Schwester und ihrem Mann helfen, die beide berufstätig sind und sich seit den Ausgangsbeschränkungen inklusive Schließungen von Kita und Schule irgendwie mit ihren zwei Jungs (10 und 4) im Homeoffice und Schichtdienst reinteilen. Seit dieser Woche darf der Kleine zwar wieder in die Kita, aber nur zwei Tage und nur für 4 Stunden. Und der Große ist auch nur einen halben Tag in der Schule, natürlich an einem anderen Tag als die Kita-Termine seines Bruders.
Jedenfalls sitze ich jetzt im Zug nach Berlin. Mit Mundschutz. 5 Stunden lang. Aber ich freue mich auf „Zuhause“. Trotzdem ist mein Bauch immer noch verspannt. Das letzte Mal in einer „Großstadt“ war ich Anfang März, also vor mehr als 2,5 Monaten. Und schon beim Ausflug letzten Mittwoch in die nächste Stadt war ich nicht ganz locker. Ich habe keine Angst mich anzustecken, es ist einfach nur irgendwie…. Ungewohnt. Anders. Als ob man erstmal prüfen muss, ob man es noch kann. Sich frei bewegen. Gedankenlos der Nase nach. Aber man muss seine Sinne beieinanderhaben, sonst vergisst man seinen Mundschutz. Mit dem wir alle entweder wie Chirurgen auf dem Weg zum OP oder wie bunte Amateur-Räuber aussehen. Ich bin jedes Mal so erleichtert, wenn ich das durchgehechelte Stück Stoff wieder abnehmen kann. Und das war bisher immer nur bei Einkäufen, die nicht länger als 45 Minuten dauerten. Jetzt bekommt mein Mundschutz die echte Belastungsprobe. Ich trage das Ding jetzt seit 9 Uhr und werde es wohl erst gegen 16 Uhr abnehmen können. Aber ich werde schummeln. Irgendwann muss ich ja auch mal was essen oder trinken. Apropros: Ich hab Hunger.
Aber einen Vorteil hat so ein Mundschutz schon: Man kann gähnen, lautlos vor sich hinsprechen oder mitsingen und sonst was für Schnuten mit dem Mund ziehen, es sieht keiner!
Und ganz eigentlich würde ich jetzt gar nicht in Deutschland sein, sondern auf (m)einer schottischen Orkney-Insel und mir vom stürmischen Wind die Haare zersausen lassen, an einer Küstenlinie herumspazieren und den Blick auf wilde Wellen genießen. Stattdessen bleibt mir nur ein kleiner Trost und eine Hoffnung: Wenn ich in ein paar Tagen wieder von Berlin zurück bin, gibt‘s Haggis. Und ich „bete“ zu den alten und den neuen Göttern, dass im September alles soweit gut ist, dass wir wenigstens unseren Urlaub auf dem schottischen Festland und seinen westlicheren Eiländern durchziehen können.
09.05.: Perle, Herkules, Select, Tradition. Ich trinke zwar immer noch kein Bier, aber ich kann jetzt 2 Wochen praktische Erfahrung mit der Grundzutat des Gebräus vorweisen. Ich habe eine Menge gelernt und zwar nicht nur über Landwirtschaft. Arbeit im Freien macht einen guten Teint. Aber ich bin eindeutig besser bei einer Bürobeschäftigung. Und ich bin eine echte Bummelliese. Akkordarbeit wäre nichts für mich. Und wenn ich mit Hopfen hantiere, fühlt es sich eher an als würde ich mit einem kleinen mehrarmigen Drachen kämpfen. Und doch kann es ein beinahe romantisches Erlebnis sein, in einem freien Feld zu sitzen und nichts anderes zu hören als das Zwitschern der Vögel und das Pfeifen des Windes. Allerdings nur, wenn der Wind nicht nur in den oberen Lagen durch die Drähte surrt, denn dieses Geräusch wirkt so dröhnend beunruhigend wie summende Strommasten. Das kann einen wahnsinnig machen.
Glücklicherweise war für unseren geplanten zweiten Einsatztag Regen angesagt, sodass wir zu Hause bleiben durften. Da konnte ich mich erholen, denn der Premierentag auf dem Feld hatte mich völlig in die Knie gezwungen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
Am ersten Tag hatte ich die Arbeit im Knieen erledigt, weil wir ein „Knie-Kissen“ bekommen haben. Aber nachdem ich gesehen habe, dass andere sich beim Binden hinsetzen, habe ich es ihnen gleich getan. Das ständige Hinsetzen und Aufstehen ist aber nicht weniger anstrengend. Während unserer Zeit ist der Hopfen hier und da weiter in die Länge geschossen. Am Ende hatte ich regelmäßig Triebe in der Hand, die größer waren als ich. Das heißt, dass ich das Hochbinden nicht nur im Sitzen erledigen konnte. Aber der menschliche Körper ist ein Wunder der Natur und gewöhnt sich relativ schnell an Anstrengungen. So sehr einem der Rücken während der Arbeit schnell mal weh tut, sind die langfristigeren Schmerzen eher in den Knien, den Füßen und den Händen. Bis auf den ersten Morgen danach bin ich die Tage immer gut aus dem Bett gekommen und der Muskelkater war auszuhalten bzw. jeden Morgen geringer. Heiß duschen nach der Arbeit war dabei sicherlich hilfreich.
Nachdem ich 4 Monate lang aufstehen konnte, wann ich wollte – und das habe ich oft erst am späten Morgen getan - begannen diese letzten Tage immer um 6:30 Uhr. 6:30 Uhr! Damit wir um 8 Uhr auf dem Bauernhof mitten in der Hallertauer Pampa in den Traktoranhänger mit ca. 15 anderen Leuten und Mundschutz einsteigen und uns durchgerüttelt zum Feld bringen lassen konnten. Erst relativ spät habe ich gelernt, dass man ein Feld mit Hopfen nicht Feld, sondern Hopfengarten nennt. Wenn Garten bedeutet, dass es sich um eine eingezäunte Fläche handelt, dann ist das bei Hopfen gar nicht so eine schlechte Idee. Denn bei den Hopfengärten ohne Zaun gab es viele von Rehen abgeknabberte Triebe, natürlich immer nur die besten Stücke. Beim Hopfenbinden gibt es eine Menge zu beachten, vor allem wenn man Anweisungen vom Senior Chef, vom Junior Chef UND von der Oma bekommt. Ein Hopfen-Kollege meinte, dass diese Arbeit keine geistige Anstrengung erfordere, aber für meine Person kann ich nur sagen, dass ich mich sehr konzentrieren musste, alles richtig zu machen. Das braucht Zeit, leider zu viel. Jedenfalls bei mir. Ich habe das Geheimnis des schnellen Hopfenbindens nicht lüften können und war bis zum Schluss meistens das Schlusslicht im Feld.
Wettermäßig hatten wir wirklich Glück. Insgesamt ein typischer April-Mix aus Sonne, Wind und Regen. In der ersten Woche gab es tagsüber zwar immer mal wieder kurze Regenschauer, aber richtig nass wurde es eigentlich nur nach Feierabend. An manchem Morgen war der Boden noch feucht, sodass man schnell einen Klumpfuß hatte, weil matschige Erdbrocken an den Schuhen klebten. Morgens hatte ich ab und an kalte Hände, aber zum Glück trägt man üblicherweise Arbeitshandschuhe, die temperieren einem die Finger bis die Dynamik der Beschäftigung Wärme erzeugt. In den letzten Tagen war es dann aber so sonnig, dass die Studenten teilweise oben ohne arbeiteten und fast alle eine Kopfbedeckung als Sonnenschutz trugen. Sogar ich. Also die Kopfbedeckung, nicht das oben ohne. An einem Tag saß ich aber mal kurzärmelig im Feld, musste dies aber schnell als Fehler erkennen. Die Triebe haben nämlich lauter winzige Widerhaken und wenn man seine Arme nicht mit Stoff schützt, sieht man an manchen Stellen schnell aus, als ob man mit einer kratzigen Katze gespielt hätte. Bei mir reichten die Kratzer bis ins Gesicht, denn wie bereits oben erwähnt: Der Hopfen und ich hatten ein eher streitlustiges Verhältnis.
Ursprünglich hatte ich ahnungsloses Stadtkind gedacht, dass Hopfenbinden so funktioniert, dass man die Hopfenpflanzen mit Bindfaden irgendwo festknotet. Aber jetzt weiß ich es natürlich besser: Zu jedem Hopfenstock werden zwei, manchmal sogar drei Drähte zwischen Himmel und Erde in „V“-Form aufgehangen. In einem Gespräch mit dem Junior-Chef haben wir mal kalkuliert, dass es bei ihren fast 35 Hektar Hopfenfelder etwa 70.000 Drähte sein müssten. Wenn man aber 8-9 Stunden permanent diese Drähte vor der Nase hat, kann man schon leicht irre davon werden. Sobald man im Feierabend entspannen wollte, tauchte vor dem inneren Auge das „V“ der Drahtpaare auf.
Finale Erkenntnis: Es hat etwas für sich, an der frischen Luft zu arbeiten. Aber ich habe einfach kein wirkliches Faible für Grünzeug und Natur allgemein. So schnell werde ich keinen Hopfen mehr binden.
23.04.: Demnächst gehen mir meine Schilddrüsen-Tabletten aus und weil ich nicht weiß, wie mein Alltag auf dem Hopfen-Feld in den nächsten zwei Wochen aussieht, musste ich heute zu meinem Hausarzt. Eigentlich hatte ich mir überlegt, mit Mundschutz dorthin zu gehen. Dann habe ich mir aber gedacht, dass a) ein Mundschutz auf dem Weg zum Arzt durch unsere relativ menschenleere Kleinstadt doch unnötig ist und b) die Mundschutzpflicht erst ab nächster Woche gilt, und auch dann „nur“ für den Öffentlichen Nahverkehr und den Einkauf (die Abholung eines Rezepts fällt wohl nicht in die Konsum-Kategorie). Den von meiner Schwiegermutter selbstgenähten Mundschutz habe ich trotzdem eingepackt, nur für alle Fälle. Letztlich habe ich meine medizinische Erledigung ohne Mundschutz gemacht. Das Personal in der Praxis trug natürlich eine Maske, aber bei den anderen zwei, drei Patienten war die Schutzvermummung halbe-halbe. Einerseits habe ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich mich auf den Schutzmaßnahmen der anderen „ausruhe“. Aber andererseits gehöre ich auch zu den Leuten, die seit Mitte März zu Hause geblieben sind und deren einzige Aufenthalte in Menschennähe nur im Supermarkt und in der Apotheke waren, wobei sie den Mindestabstand sehr diszipliniert eingehalten haben. Beim Gang durch die Stadt sieht man doch immer wieder Jugendliche, teilweise sogar zu viert, die entweder noch nichts vom Mindestabstand von 1,5 Meter gehört haben oder die nicht wissen, wie lang 1,5 Meter sind. Da stehen sie beieinander und stecken die Köpfe über ihren Handys zusammen. Na, da kann man sich doch jetzt schon auf die nächste Ansteckungswelle freuen.
Auf dem Rückweg bin ich am Bahnhof stehen geblieben, weil die sich senkende Schranke einen Zug ankündigte und ich das Bedürfnis hatte, mal wieder einen Zug zu sehen. Das klingt vielleicht ein wenig kindisch oder albern, aber in meiner Vorstellung ist ein Zug, der Menschen von Stadt A nach Stadt B bringt, ein Stück Normalität. Und tatsächlich standen auch ein paar wenige Leute auf dem Bahnsteig. Ich war beinahe aufgeregt. Gleich würde ich die Bahn sehen und könnte die Aussteigenden zählen. Aber dann… dann kam etwas ziemlich schnell angerast. Ich stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom Bahnhofshäuschen, sodass ich den einfahrenden Zug zuerst nicht sehen konnte. Aber das Geräusch der Geschwindigkeit ließ darauf schließen, dass der Zug nicht anhalten würde. Die Enttäuschung darüber wurde dann jedoch noch gesteigert: Es war kein Zug mit Waggons, sondern nur der Zug, die Lok ohne alles. Menno! Wegen Corona ist alles anders.
17.04.: Ich kann nicht immer nur Fotos digital sortieren und das Wetter ist verdammt verführerisch. Also haben wir gestern den aktuellen Trendsport in Angriff genommen und sind auf’s Rad gestiegen. Wir sind zum Aqua-Park gefahren, die hiesige Kiesgrube mit Freibad-Charakter. Gott, der Anblick eines Gewässers hat mir echt gefehlt! Es war unsere erste Radtour in diesem Jahr und ziemlich warm. Gut, dass wir etwas zu trinken eingepackt hatten. Besser und schöner wäre es gewesen, in einem Biergarten einzukehren, gemütlich die Beine in der Sonne auszustrecken und noch mehr Erfrischungen zu sich zu nehmen. Aber ich musste mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass das im Moment nicht geht, dass alle Lokalitäten geschlossen sind. Das ist so was von schade! Und ich bin nun wahrlich kein häufiger Biergarten-Nutzer.
Seit gestern wissen wir ja nun, dass es Anfang Mai wieder spürbare Lockerungen geben soll. Bin mal gespannt, wie sich das entwickelt. Ich glaube aber erst wieder an Normalität, wenn wir wieder alles machen können, vor allem Verreisen. Ob mit oder ohne Mundschutz ist mir wurscht. Ich will zwar keinen tragen, aber für eine Reise mit Flug und Übernachtung würde ich es tun.
15.04.: Ostern kam, sah und ging vorüber. Eigentlich sollte an diesem Wochenende meine Familie aus Berlin zu Besuch kommen. Wäre bestimmt eine fröhliche Zeit geworden, aber was soll man machen? Dann halt irgendwann anders. Also war es ein Sonntag wie jeder andere Frühlingssonntag auch, d.h.: Joggen am Vormittag. Wenigstens gab es einen Osterbraten und ich habe das letzte Stück Wild zubereitet. Inzwischen verstehe ich meine Mama besser, dass sie zum Mittagessen immer erst mal ein paar Minuten braucht, bevor sie mit Essen beginnt. Kochen strengt an. Und vor allem ist es verrückt – um nicht zu sagen ineffektiv -, dass man 1-2 Stunden in der Küche mit der Zubereitung der Mahlzeit verbringt, damit es dann innerhalb von nicht mal einer halben Stunde im Magen der Esser verschwindet.
Apropros Zeitverbrauch: Durch diese arbeitsfreie Alltagslosigkeit ist mir mein Zeitgefühl verloren gegangen; ständig ist mir wie Wochenende. Das merke ich daran, dass ich bis spät in die Nacht aufbleibe und spät am Vormittag erst aufstehe. Dass mir das schöne Wetter auffällt. Dass ich das Bedürfnis habe, Ausflüge zu machen. Dass man ständig Familien auf Fahrrädern sieht, die wie Wochenendausflügler durch die Gegend touren. Dass die Stadt still, aber entspannt in der Sonne liegt. Sebastian möchte diese Atmosphäre eines Hängematten-Sonntags anders ausdrücken: Man weiß nicht, ob die Apokalypse noch bevorsteht oder schon vorbei ist.
Dieser Verlust der Zeitfeststellung wird nun auch noch dadurch verstärkt, dass Sebastian im Moment Urlaub hat und sich nicht mit Home Office beschäftigen muss. Ich muss jeden Tag auf den Kalender schauen: Heute ist schon wieder Freitag. Normalerweise würden wir unseren Urlaub, der länger als 1 Tag dauert, nicht zu Hause verbringen. Oh man, wo könnten wir eigentlich überall hinfahren… Muss ja noch nicht mal ins Ausland sein. Aber das Wetter ist doch so schön, dass selbst ein Couch Potatoe wie ich feststellen muss, dass man nicht die ganze Zeit, dieselben Wände und dieselbe Aussicht anstarren kann. Deswegen haben wir versucht, virtuell ein Museum zu besuchen. Wir wollten in den Louvre, aber dort haben wir keine besonders sehenswerten Gemälde gesehen und der digitale Spaziergang ist etwas holperig und schwerfällig in der Handhabung. Dafür haben wir entdeckt, dass es in Karlsruhe eine Gemäldegalerie mit ein paar spannenden Werken gibt. Das ist jetzt jedenfalls auf meiner Ausflugs-ToDo-Liste gelandet.
10.04.: Was machen Hobby-Germanisten wie ich, wenn sie zu viel Zeit haben? Sie fangen an, berühmte Werke in Frage zu stellen. „Der Handschuh“ von Schiller, zum Beispiel, der wirft ja eigentlich kein gutes Licht auf Frauen. Sie sind zickig und anmaßend:
„Und zu Ritter Delorges, spottenderweis,
Wendet sich Fräulein Kunigund:
"Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiß,
Wie Ihr mirs schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf!"“
Das Männerbild dagegen zeugt von Gelassenheit und Vernunft im Umgang mit solchem Verhalten:
„Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
"Den Dank, Dame, begehr ich nicht!"
Und verläßt sie zur selben Stunde.“
Egal, welches Geschlecht – obwohl Statistiken da ja doch eine eindeutige Sprache sprechen – sollte man sich für niemand anderen in sinnlose Gefahr begeben, sich nicht erniedrigen lassen.
09.04.: Die Tage plätschern so ein bisschen vor sich hin. Das Wetter ist schon unverschämt sonnig, da sollte man wenigstens die Möglichkeit des Spazierengehens nutzen. Glücklicherweise hab ich eine Motivationskanone von Mann, die schon dafür sorgt, dass ich Couch Potatoe auch von meiner bequemen Couch runterkomme. Es ist nicht so, dass ich nichts tue, es ist nur so, dass das, was ich tue, für manche bestimmt nichts getan ist: Osterkarten basteln, Fotos sortieren (ja, letzteres zieht sich noch eine Weile hin, schließlich sind noch 4 Jahresurlaube in der Pipeline!).
Die Medien vermitteln das Gefühl, dass Deutschland in Aufbruch- ähh, besser Ausbruchsstimmung sei. Als läge Ungeduld in der Luft und jedermann steht hinter seiner Tür und schart mit den Hufen. Ich wünsche mir auch wieder eine Lockerung der Schutzmaßnahmen, aber eigentlich nur, wenn wir nicht in drei Wochen wieder Ausgangsbeschränkungen bekommen. Und eigentlich am liebsten nur für die, die sich anständig an die Maßnahmen gehalten haben.
Letzte Woche oder so gab es in den Nachrichten doch die Bilder von bärtigen Ziegen, die sich aufgrund der Ausgangssperre getraut haben, eine walisische Stadt unsicher zu machen. Und allgemein gibt es Meldungen, dass Flora und Fauna den Rückzug der Menschen ausnutzen. So auch bei uns in Moosburg. Also zumindest vermitteln Vögel diesen Eindruck: Auf dem Schornstein des Daches gegenüber unserem Wohnzimmer-Fenster posieren auffällig häufig Tauben oder Krähen. Manchmal kann man auch kleine Dramen beobachten, wenn sich zwei Vögel dort niederlassen und dann ein dritter als Spielverderber dazustößt. Und heute war ein Exemplar sogar so tollkühn und verwegen und hat sich auf unserem Fensterbrett niedergelassen. Ob die rein und mit mir über Klimaschutz diskutieren wollte?
Und auf der anderen Seite unserer Wohnung, auf unserem Balkon hatte Sebastian gestern ein Zusammentreffen mit einer „Ninja“-Taube. Dazu muss man wissen, dass unsere Wohnung im Dachgeschoss liegt und dass man über eine Luke mit ausklappbarer Stiege vom Balkon auf unseren Dachboden gelangt. Sebastian hat sich dort mit Hobbit-Tür und Hängematte neben den üblichen Lagerflächen seine „Männer-Höhle“ gemütlich eingerichtet. Und in den letzten Tagen war das auch sein Arbeitsplatz, aber da es gestern so wunderbar sonnig war, fand sein Home Office im Liegestuhl auf dem Balkon statt. Die Stiege zum Dachboden war aber trotzdem ausgeklappt, die Luke offen. Und dann kam die Taube. Erst saß sie ganz unschuldig in der Regenrinne des Hinterhauses. Dann aber, Sebastian schwört, er hat ihren angriffslustigen Blick gespürt, flog sie hoch zu unserem Balkon. Und zwar direkt rein in die Dachluke! Glücklicherweise hat sie dort wohl nichts gefunden, dass ihr einen Grund für einen längeren Aufenthalt gegeben hat. Und gottseidank keine Ninja-Attacke, sondern nur Tauben-Neugier!
Manchmal fällt es mir schwer, mich auf andere zu verlassen. Zum Beispiel auf die Post. Denn am Montag musste ich meine Krankenversicherungskarte an meinen Arzt verschicken Denn weil Praxisbesuche im Moment keine gute Idee sind, wollte ich mir das neue Rezept für die Desensibilisierungstropfen zu meiner Birken-Allergie postalisch zuschicken lassen. Wofür die Praxis andersrum eben zunächst meine Karte benötigte. Und da hatte ich eben etwas Bammel, dass das Ding beim Versand verloren geht. Aber letztlich ist alles gutgegangen und die Post hat ihren Job gemacht: Heute war ein Brief von meinem Arzt im Briefkasten: mit Rezept UND Krankenversicherungskarte.
05.04.: Wir sind heute wieder zum sonntäglichen Joggen unterwegs gewesen. Dabei kamen wir an dem Areal eines Gebrauchtwarenhändlers vorbei, wo gerade ein Auto hielt und 2 Männer ausstiegen. Sie gingen schnurstracks auf 2 weitere Männer zu. 1. Das sind 2 Personen zu viel. 2. Schütteln die sich doch ernsthaft die Hände!?!? Da konnte ich nicht an mich halten und hab einen lauten Kommentar über den Zaun gerufen. Es gibt immer noch Leute, die den Schuss nicht gehört haben! Händeschütteln ist untersagt! Diejenigen, die sich jetzt nicht an die Schutzmaßnahmen halten, werden die ersten sein, die sich im Krankenhaus beschweren, dass sie ihre notwendige Behandlung nicht bekommen. Diejenigen, die sich jetzt nicht an die Ausgangsbeschränkung halten, werden die ersten sein, die das Ende dieser Situation fordern. Glauben die, dass die Ausgangsbeschränkungen und Schutzmaßnahmen allen anderen Spaß machen? Wir wollen das auch nicht, aber wir müssen – und deswegen tun wir es. Manchmal müssen wir vernünftig sein. Gott, wie ich Ignoranz hasse! Da fängt es immer gleich an, mir im Bauch zu brummen, als würde sich dort ein Riesenpups entwickeln, der unbedingt rauswill, aber nicht weiß wie.
Mein Ärger hat dann noch mal Nachschlag bekommen, als wir nachmittags erfuhren, dass die Feuerwehr in Freising ausrücken musste, weil einer Gruppe Jugendlicher an der Isar ihre Grill-Aktion außer Kontrolle geraten ist. Ich weiß gar nicht, über welchen Aspekt dieser Nummer ich mich zuerst aufregen soll.
Ansonsten gab es heute noch Waffeln, Pizza, Steuererklärung, Wäsche gewaschen, ich hab das Osterpaket für meine Familie in Berlin fertig geschnürt und dann habe ich noch Karottenkuchen gebacken. Leider ohne Icing. Und die Kakaoglasur ist mir auch erst wieder eingefallen, als wir bereits die ersten Stücke gegessen hatten. Jetzt stürze ich mich wieder in meine Fotosammlung.
04.04.: Mir geht dieser blöde TV-Beitrag von gestern nicht aus dem Kopf. Die Reporterin meinte einleitend „Wer jetzt auf seine Urlaubsreise verzichten muss…“ – Was heisst hier „wer“? Das klingt so, als gäbe es Leute, die nicht darauf verzichten müssen. Dann möchte ich gern zu diesen Leuten gehören! Was muss ich dafür tun?
Beim Frühstück haben Sebastian und ich uns darüber unterhalten, dass die Corona-Zeit eine echte Bewährungsprobe für den Menschen als gesellschaftliches Wesen ist. Wir, die Mitglieder einer Gesellschaft, vor allem der westlichen Wohlstandsgesellschaft, haben uns auf die Fahne geschrieben, dass wir human sein wollen, Genfer Konvention und so. D.h. dass Menschenleben mehr wert ist als Geld. Aber dieser vernünftige Vorsatz hält nur bis zur Grenze des individuellen Einzelschicksals. Am Ende geht es doch immer darum, die eigenen gefährdeten Bedürfnisse zu beschützen. Da kann man schon mal leicht das Gemeinwohl aus den Augen verlieren. Dann geht es nicht mehr darum, was ich für andere tun kann, sondern was ich erwarte, dass andere für mich tun. Wenn man als Risikopatient eine Infizierung unbedingt vermeiden will, erwartet man, dass sich alle an die Schutzmaßnahmen halten. Ist man erkrankt, erwartet man die beste medizinische Hilfe. Ist man von der Stilllegung „nicht System-relevanter“ Betriebe betroffen, erwartet man vom Staat schnelle finanzielle Hilfe. Ist der eigene Job durch die aktuelle Situation gefährdet, erwartet man ebenfalls vom Staat schnelle finanzielle Hilfe. Ist man „nur“ von den Ausgangsbeschränkungen betroffen, erwartet man, dass die Normalität schnellst möglichst zurückkehrt. Doch welche Form der „Normalität“ erwarten wir? Wir beginnen jetzt schon auf das Ende der Ausgangsbeschränkungen zu hoffen, jeder aus seinen eigenen Gründen. Wenn ich ‚wir‘ sage, meine ich die undefinierte Masse aus Medienberichten, Rückmeldungen von Freunden und meinem eigenen Gefühl. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein Couch-Potatoe und in einer günstigen Lebenslage, ich halte noch eine ganze Weile zu Hause aus. Aber ich leide an periodischem Reisefieber. Was vermutlich eines der unwichtigsten Luxusprobleme unter den individuellen Bedürfnissen ist. Aber es geht darum, dass wir alle unser Leben VOR Corona wiederhaben wollen. Aber solange es keine Impfung gibt, wird Corona wohl weiterhin wie ein Damoklesschwert über unserer Gesellschaft hängen. Nur, weil wir uns jetzt für drei, vier Wochen vor dem Virus verstecken, um die medizinische „Logistik“ zu entlasten, ist es danach ja immer noch nicht vorbei.
03.04.: Damit jetzt auch alle Facebook-Verweigerer die Beschreibungen meines Lebens in Zeiten von Corona konsumieren können, habe ich meinen alte Website aktiviert und schreibe zukünftig hier weiter. Man verzeihe mir die altmodische Einfachheit. Übrigens eine Anmerkung für alle Tagebuch-Laien: Nur weil es "Tagebuch" heisst, bedeutet das nicht automatisch, dass ich jeden Tag schreibe. Aber ich werde mich bemühen, fleissig zu sein.
Wenn man eigentlich Zeit zu Hause hat um Sinnvolles zu erledigen, dann verfällt man schnell in Lethargie und die führt bei mir direkt zur Prokrastination. Die äußert sich bei mir dann immer im Kochen. Das ist wenigstens halbwegs zweckmäßig und nicht ganz so doof wie putzen oder über die Zukunft nachzudenken. Gestern gab es jedenfalls leckere Lasagne. Heute haben wir das letzte Drittel dann mittags kalt gegessen. Schade, dass nichts mehr davon übrig ist. Das nächste kulinarische Projekt ist für morgen angedacht (okay, eigentlich wollte ich das heute schon machen, hatte aber keine Lust): Carrot Cake. Apropros Karotten. Wir haben jetzt einige auf Vorrat. Wenn beim Kuchenbacken einige Möhren übrig bleiben, bekommt die der Osterhase als Bestechung, dass er überhaupt nächstes Wochenende auftaucht. Und weil wir schon bei infantilen Gedankengängen sind: Sebastian und mir ist ein hochinteressantes, höchst wissenschaftliches Experiment eingefallen: Wie lange muss man einen durchgekauten Kaugummi braten bis er knusprig ist?
Sebastian hat mich gestern tatsächlich dazu gebracht, 25 Situps zu machen und ich habe mein 2. Harry-Potter-Diorama endlich vollendet. Am Ende ging es ja nur noch darum, die geflügelten Schlüssel anzuordnen. Allerdings hab ich unterschätzt, wieviel Platz Dioramen benötigen, vor allem, wenn sie Flügeltüren haben...
Ich möchte mir keine Atemschutzmaske basteln und ich will auch keine tragen. Ich habe mir sagen lassen, dass die total unbequem sind. Das heisst, ich würde mir am Ende doch nur wieder ins Gesicht fassen, weil ich an dem Ding nur rumzuppeln würde.
In einem Fernsehbeitrag hat man heute den Tipp gegeben, dass wenn man jetzt auf eine Urlaubsreise verzichten muss, dass man dann zur Aufmunterung den nächsten Urlaub planen soll. Sehr witzig! Für wann denn? 2023? Ob dafür schon Flugbuchungen möglich sind?
02.04.: Ich poste endlich wieder eine kleine, unscheinbare Malerei von mir und bekomme prompt die Anfrage, wo mein Corona-Tagebuch ist. A voilá! Ab jetzt gibt es jeden Tag eine Anmerkung. Heute habe ich noch nichts weiter gemacht, als eine „Rückblende“ zu schreiben.
April:
01.04.: Sebastian hat recht. Auch wenn jetzt Corona herrscht, sollte ich meine Zeit irgendwie trotzdem dafür nutzen, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Aber ich bin auf diesem Gebiet so vernagelt wie eine Berghütte zur Corona-Pandemie. Also flüchte ich mich in andere Beschäftigungen, die mir kreativer als Candy Crash oder Papier sortieren erscheinen: Ich male. Obwohl, ist die Nutzung meines Pünktchen-Rades wirklich malen? Das kann ich doch besser. Es ist minimalistisch, aber ganz nett geworden. Wenn ich meine 20 Situps mache, hilft mir Sebastian, mein zweites Diorama fertigzustellen. Ich brauche ein 2. Paar Hände um die Flying keys anzuordnen.
Heute haben wir das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und waren vor dem Einkauf bei einer Eisdiele, wo man Eiskrem zum Mitnehmen kaufen kann. Eigentlich ist es noch ein bisschen zu kalt für Eis, aber wenigstens scheint die Sonne. Und wir wollen den lokalen Mittelstand weiter unterstützen. Deswegen haben wir letzte Woche auch schon Pizza beim Italiener zum Mitnehmen und letzte Nacht online bei der Moosburger Buchhandlung Ostergeschenke bestellt. Beim Einkauf habe ich diesmal darauf bestanden, Toilettenpapier zu kaufen. Man weiß ja nie und wir haben nur noch 4 Rollen. Am Eingang stand eine große Palette voll mit 5 EUR-teurem Klopapier – wer kauft denn sowas? Bei uns scheint es aber glücklicherweise keine Klopapier-Krise zu geben, denn im üblichen Regal stand noch das normalpreisige Hygieneprodukt.
Oh gott, eine Spinne. Sebastian lag schon im Bett, war schon eingeschlafen und ich war mit meiner Fotosortierung auch schon kurz vorm „Feierabend“. Da schau ich auf und gegenüber an der Wand mit Fenster krabbelt (uähh, würg) eine riesige, eklige Spinne (buah, doppel-würgh!). Ich fange an zu schreien, Sebastian muss unbedingt wach werden und das Vieh wegmachen. Sonst werde ich das Haus verlassen müssen und die Nacht ohne Schlaf draußen verbringen müssen. Mein Lärm führt zur gewünschten Wirkung. Zumindest hoffe ich inständig, dass das tote Tier, das Sebastian nach draußen bringt, tatsächlich jenes welche ist, das eben noch an der Wand war. Warum muss Sebastian das Einfangen dieser Tiere immer so „spannend“ machen?
Di, 31.03.: Sebastian hat ab heute auch auf Home-Office umgestellt. Er hat sich zum Arbeiten aber gleich auf den Dachboden verkrochen, damit er sich nicht so leicht von mir oder so ablenken lässt.
Mo, 30.03.: Sebastian fährt heute mit dem Auto nach Freising, weil die Bahn diverse Regionalzüge auf der Strecke Moosburg-München eingestellt hat.
Und ich kann bald keine digitalen Fotos mehr sehen. Ich habe schon von Venedig-Gassen auf Großbritannien-Dörfer umgeschwenkt, aber es sind zu viele Fotos! Warum mache ich das nur?
So, 29.03.: Es ist Frühlingswetter und ich habe keine überzeugenden Ausreden mehr, um das Joggen zu vermeiden. Also ist unsere diesjährige Jogging-Saison eröffnet. Nicht, dass ich groß Hoffnung hätte, die Runde durchhalten zu können, aber jede große Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, wie voll es im Wald ist. Normalerweise ist der Moosburger Stadtwald Sonntagvormittag nur von uns und gegebenenfalls ein, zwei anderen Walkern oder Gassigehern bevölkert, aber diesmal war es gefühlt voller als in der Innenstadt. Wir sind bestimmt mindestens zwanzig Leuten begegnet.
Nachmittags haben wir dann unseren wöchentlichen Einkauf erledigt. Es konnte aber keiner ahnen, dass wir direkt in ein Scripted-Reality-Drama ala „Blaulicht-Report“ oder so reingeraten würden. Da denkt man sich nichts Böses, wandelt durch die Regalreihen und plötzlich wird es im Kassenbereich laut. Als wir uns dort anstellen, bekommen wir die volle Ladung Story-Action: Ein Kunde mit gebrochenem Akzent brüllt herum, dass niemand seinen Rucksack anfassen darf. Das Supermarkt-Personal von etwa 5 Leuten ist bei ihm versammelt. Man versucht ihm auf alle möglichen Weisen zu erklären, dass es sich hier um eine Taschenkontrolle gemäß Dienstanweisung handele. Ich weiß nicht, ob es sich um kommunikatives Missverständnis handelt oder sture Bockigkeit des Kunden. Die Kassiererin wirft uns entschuldigende Blicke zu, während es unvermittelt zu einer Tätlichkeit kommt zwischen dem Kunden und – wie sich herausstellt – der Geschäftsführerin. Der Kunde erhält umgehend Hausverbot, will aber nicht gehen. Anscheinend fordert er irgendwelche Rechte ein, die ihm nicht zustehen. Und wir glauben, dass er nicht versteht, dass er sich mit dem Boss angelegt hat, den er zu sprechen wünscht. Ja, der Boss ist hier eine Frau, kein Mann. Als wir dann endlich bezahlen können, ist inzwischen die Polizei eingetroffen. Oh man, meine Neugier hätte mich am liebsten dortbehalten, um zu gucken, wie es weitergeht. Aber ich muss ja den Anschein als halbwegs vernünftige Bürgerin wahren.
Fr, 27.03.: Nachdem ich die Übernachtung für meine Family storniert habe, die an Ostern kommen wollte, habe ich mich schweren Herzens auch dazu entschieden, meine Flugbuchung für Orkney zu canceln. Ursprünglich wollte ich noch bis Mai abwarten bzw. bis die Airline mir „kündigt“, aber ich glaube, dass diese Warterei nicht notwendig ist. Dabei habe ich festgestellt, dass die mir eh schon meine Flugroute verändert hatten – ohne mir Bescheid zu geben. Statt am selben Tag des Abflugs Montagabend anzukommen, hat man mir den Flug gestrichen und in meine Buchung einen Flug für den nächsten Morgen reingesetzt. Wann wollten sie mir das mitteilen? Dadurch wären unnötige Übernachtungskosten angefallen bzw. was ist überhaupt der Grund für diese Änderung? Den Betreibern des B&B in Stromness hab ich auch geschrieben, dass ich meine Übernachtung bei ihnen stornieren werde. Ich will gar nicht darüber nachdenken, dass ich noch vor zwei Wochen unseren Schottland-Urlaub für September geplant und gebucht habe… Oh mann, dass Orkney ausfällt, bedrückt mich sehr. Vermutlich klingt das für andere nach Luxusproblem, aber es war aktuell der größte und konkreteste Plan, den ich für meine Auszeit hatte.
Do, 26.03.: Sebastian hat uns auf einer Website zur Unterstützung der lokalen Landwirtschaft angemeldet. Prompt hat ihn ein Bauer aus der Moosburger Gegend kontaktiert. Er braucht Ende April Hilfe für seinen Hopfen. Bin gespannt, ob ich dann nach Ostern tatsächlich auf dem Feld arbeitet. Meine größte Sorge ist nicht die körperliche Anstrengung, weil das eh keinen Sinn macht, sondern, ob ich die bayerischen Erklärungen verstehen werde.
Mi, 25.03.: Abends bin ich mit meinen Berliner Mädels zur Skype-Session verabredet. Es ist ihre erste Woche ganztags zuhause mit den Kids, weil wegen Corona inzwischen deutschlandweit alle Kitas und Schulen geschlossen sind. Eigentlich hat es mich bisher nicht gestört, dass ich allein zuhause sitze und im Prinzip nur Live-Kontakt mit Sebastian habe, aber das Quatschen und Lachen mit den Mädels war geradezu belebend. Ich war danach wie aufgezogen. Und an unserem Mädels-WE im Mai wollen wir vorerst noch festhalten.
Sa, 21.03: Ab heute gelten in Bayern Ausgangsbeschränkungen. Sebastian geht morgens gegen 8 Uhr auf den Markt. Er meinte, dass es rappelvoll war. Er hatte keine Lust, sich beim Bäcker anzustellen. Ich bin 3 Stunden später nochmal los. Diesmal war der Markt gähnend leer. Es wurde aber trotzdem Abstand gehalten.
Fr, 20.03.: Sebastian hat heute Urlaub und ist zuhause. Den freien Tag hatte er schon im Januar beantragt, Resturlaub vom letzten Jahr. Zur Feier des Tages werde ich wieder Wild zum Mittagessen zubereiten. Im Februar war ich auf Wunsch eines einzelnen Herrn beim Freisinger Forstbetrieb, bei dem man seit Neuestem Wild kaufen kann. Der Hirschrücken im Februar war exzellent und ist moralisch eine gute Alternative zu gebeutelten Supermarkt-Schweinefleisch.
Nachmittags sind wir noch im Verbrauchermarkt einkaufen. Gottseidank haben wir noch 8 Rollen Klopapier. Deshalb ist es für uns egal, dass die Regale zwar tatsächlich erschreckend leer, aber zumindest noch einige wenige Packungen verfügbar sind. Allerdings mit dem Hinweisschild: Jeder nur ein Kreuz, ähh, nur eine Packung. Und plötzlich gibt es im Supermarkt auf den Boden geklebte Streifen an der Kasse, damit man die Abstände einhält. Allerdings funktioniert das nur im Kassenbereich. Ansonsten scheint es so, als würden die Leute des dörflichen Moosburgs ihren üblichen Schnack von der Straße in den Supermarkt verlegt haben. An der Kühltheke ist jetzt nicht ewig Platz. Trotzdem standen da drei, vier Leute zusammen und mussten unbedingt quatschen. Das mit dem Verzicht auf sozialen Kontakt müssen wir nochmal lernen. Dabei leben wir doch schon im digitalen Zeitalter. Dummerweise musste ich mich dann im angeschlossenen Getränkemarkt nochmal anstellen, weil ich vergessen hatte, die Gutschrift vom Leergut einzulösen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich flach ein- und ausatme. Mann, ich versuche ernsthaft, die Luft anzuhalten. Und das Bedürfnis zu husten, das man als Heuschnupfen-Allergiker nun mal im Frühling hat, wird weggeräuspert.
Do, 19.03.: E. hat Geburtstag. Eigentlich hatte sie am kommenden Sonntag zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Erst wollte sie mit uns auswärts essen, dann hat sie aber schon auf „zu Hause“ umgeschwenkt. Weil ich aber erkältet war, hatten wir schon am Dienstag mal vorsichtshalber abgesagt. Jetzt fällt die ganze Feier ins Wasser.
S. hat mich beim Whatsappen gefragt, ob meine Orkney-Reise im Mai ausfällt. Ich bin voller Hoffnung und halte daran fest.
Di, 17.03.: Die Halsschmerzen sind weg, aber ich hab Schnupfen und huste ein bisschen. Bin verunsichert. Vielleicht sollte ich doch mal beim Doktor anrufen, ob ich einen Corona-Test brauche. Aber vermutlich haben meine beiden Hausärzte im Moment andere Probleme. Also rufe ich erstmal die Nummer vom Gesundheitsdienst an. Bevor ich mit einem echten Menschen verbunden werde, gibt es eine automatische Bandansage mit Corona-Informationen: Man wird auf Corona nur getestet, wenn man Fieber, Atemwegserkrankungen und Kontakt zu einem Corona-Infizierten hat. Hmm? Fieber? Nein. Husten? Das bisschen ist keine Atemnot, sondern nur Lösen von Schleim. Kontakt zu Corona-Infiziertem? Woher soll ich das wissen? Leider hat Corona keine Masern- oder Röteln-Symptome wie Pusteln. Das wäre irgendwie praktisch. Jedenfalls beschließe ich aufzulegen. Und entscheide: Ich habe kein Corona. Außerdem hab ich eh kaum Kontakt zu Menschen. Bin ja die meiste Zeit zu Hause.
Mo, 16.03.: Okay, ich bin krank. Bleibe im Bett und schlafe viel. Eigentlich wollte ich Fieber messen, aber ich kann das Thermometer nicht finden, von dem ich glaube, dass ich es besitze. Ich bilde mir ein, tatsächlich mal eines besessen zu haben, aber ich habe es schon ewig nicht mehr gesehen. Egal, ich habe sowieso kein Fieber. Es ist nur eine Erkältung.
So, 15.03.: In Bayern sind Landtagswahlen und in Moosburg sollen wir außerdem noch ein Kreuzchen für den neuen Bürgermeister machen. Der Wahlgang ist wie immer. Abends fühle ich mich irgendwie unwohl und es kratzt ein bisschen im Hals.
Sa, 14.03.: Am Donnerstag hat Kanzlerin Merkel in einer TV-Ansprache darum gebeten, dass wir auf unsere sozialen Kontakte verzichten. Meine Schwester feiert heute in Berlin ihren Geburtstag mit ihren Freunden bei sich zuhause. Ihre Kinder sind bei meinen Eltern. Und wir sind mit H. und T. zum Marktbummel und Frühstück hier in Moosburg verabredet. Eigentlich hatten Sebastian und ich gedacht, wir würden nach dem Einkauf bei uns was essen, aber mit der kleinen „Motte“ haben wir uns für das unterhaltsamere Café auf dem Plan entschieden. Auch wenn das unsere vorerst letzte Verabredung war und wir grundsätzlich im Moment nicht so viel Sozialpflege betreiben, haben wir den Sozialverzicht auch bis zur letzten Sekunde aufgeschoben.
Do, 12.03.: Endlich habe ich mich bei den Harry-Potter-Studios beworben! Auch wenn ich mir nicht viele Hoffnungen mache, habe ich es zumindest versucht.
März:
In der ersten Märzwoche bin ich zu O.‘s Abschiedsfeier im Augustiner eingeladen. Viele liebe Menschen, die zum Teil auch nicht mehr für das Filmfest arbeiten, sind da. Wir sitzen dicht gedrängt und gesellig beieinander. Es tut mir gut, mit Menschen, die ich mag, zusammen zu sein, zu quatschen und Spaß zu haben. Noch besser, wenn ich am nächsten Tag auch noch verreisen werde. Weil ich vor einigen Wochen einen „Verliebt-in-Berlin“-Marathon durchrauscht hatte, wollte ich unbedingt den Hauptdarsteller in einem aktuellen Theaterstück in Bern sehen, wenn auch nur in einer Nebenrolle. Also nichts wie ab in die Schweizer Hauptstadt. Mit dem Bus ging es zunächst nach Zürich. Im Bus sitzt eine Frau mit Atemschutzmaske, sonst ist es wie jede andere Busfahrt auch. Es sind fast alle Sitze besetzt. Und ich buche von unterwegs meine Bahnreisen für Anfang Mai nach Berlin und für unser Mädels-Wochenende in den Harz. Als wir abends in unserem Hotel in Bern ankommen, erfahren wir, dass einige Gäste ihre Reservierungen storniert haben. Deshalb erhalten wir ein Zimmer-Upgrade. Die Stadt ist hübsch, das Wetter schön. Als ich am Sonntagvormittag aus dem Kunstmuseum komme, stelle ich fest, dass mir die „Demo“ der Berner Frauen anlässlich des Frauentages entgangen ist. Am Sonntagabend ging es dann ins Theater, nur um dort auf eine verlassene Halle zu stoßen. Wegen einer kranken Künstlerin („Aber nicht Corona!“) fiel die Vorstellung aus. Der für 5 Jahre gültige Gutschein war nicht besonders tröstlich. Zumindest hatte ich meine Mails nicht vorher gecheckt, sonst hätte ich schon am Freitagabend gewusst, dass der Grund meiner Bern-Reise sich in Luft aufgelöste hatte. Wenigstens war es unser erster Besuch in Bern und Sebastian konnte sich bei einem zweitägigen Workshop für Contact Improvisation austoben.
Februar:
Ich habe meinen Flug nach Orkney für die letzte Mai-Woche gebucht. Gott, wie ich mich darauf freue! Am liebsten wäre ich sofort geflogen, aber ich möchte unbedingt die Puffins sehen und die kommen erst Ende April, Anfang Mai. Stattdessen bin ich erstmal mit einer Freundin für einen Kurztrip nach Madrid geflogen. Am Flughafen in München haben wir nur zwei Menschen mit Atemschutzmasken gesehen. Unser Flieger hatte Verzögerungen bei der Landung, weil der Flughafen von Madrid kurzfristig geschlossen wurde. Der Pilot überlegte sogar, nach Saragossa zum Zwischenlanden zu fliegen. Ich glaubte als Grund irgendwas mit „Corona“ verstanden zu haben. Hatte ich aber missverstanden, die etwa halbstündige Schließung wurde durch Drohnen verursacht. Madrid war wunderschön und stand schon mitten im Frühling: Es war sonnig, lebhaft und es grünte und blühte überall.
Ansonsten habe ich in dem Monat viel ferngesehen, war aber wenigstens ein paar Mal in München. Das Faschings-Tamtam ist überhaupt nicht mein Ding, aber zu einem leckeren Krapfen alias Himburger von Rischart sage ich nicht „Nein“. Diese Ausflüge in die „Zivilisation“ tun mir Couch Potatoe ganz gut. Sebastian und ich treffen uns mal wieder mit Linda in der Pommes-Boutique an der LMU. Linda kann stricken und ich hätte gern noch einen coolen Ravenclaw-Schal für meinen Geburtstagsausflug in die HarryPotter-Studios im September. Aber erstmal wird sie aus der Stadt in die Berge ziehen. Wir verabreden uns, im April mal einen Termin zu finden, damit ich sie besuche und sie mir das Stricken beibringt.
Corona ist auch nur ein Virus wie die Grippe. Kann im schlimmsten Fall tödlich sein, muss aber nicht, vor allem wenn man grundsätzlich gesund ist. Wenn ich mir also in den vergangenen Jahren über eine virale „Erkältung“ keine großartigen Gedanken gemacht habe, wieso jetzt? Interessanteste Nachricht zum Thema: Weil die Chinesen wegen „ihrer“ Epidemie wegbleiben, muss man beim Schloss Neuschwanstein nicht mehr anstehen.
Am 24.02. heißt es noch, die WHO stufe die Sache noch nicht als Pandemie ein. Ab 27.02. häufen sich Meldungen zu Corona-Verbreitung in Deutschland. Aber bitte keine Panik! Nö, warum auch? Und das sorgfältige Händewaschen habe ich mir schon vor einigen Jahren angewöhnt, seit ich mal einen Beitrag dazu gesehen hatte.
Januar:
In China ist eine Lungenkrankheit namens „Corona“ ausgebrochen, Experten munkeln von einer eventuellen Pandemie. Aber China ist so weit weg. Ende des Monats gibt es zwar die ersten paar bestätigten Fälle in Deutschland, aber es gibt Nachrichten, die mich mehr beschäftigen: Ein Blödmann, der sich nicht mal die Haare kämmen kann, aber einen Brexit bejubelt, der völlig sinnfrei ist. Eine mediengeile Tussi will mit ihrem königlichen Anhängsel in die amerikanische Heimat zurück, weil sie keiner in Europa so anhimmelt, wie sie das gern hätte. Und noch eine dumme Blondine, an der nichts sympathisch ist und die sich trotzdem für den Nabel der Welt hält – schlimm ist nur, dass diese Personifikation von Dummheit ernsthaft beliebt in ihrem Land ist.
Vorbemerkung:
Ende letzten Jahres (2019) hatte ich meinen Job gekündigt, mich aber nicht arbeitslos gemeldet, weil ich in dieser selbstgewählten sabbatical-Zeit einige Hobbyprojekte erledigen, an Sehnsuchtsorte reisen und vielleicht sogar auf einen erfüllenden Job stoßen wollte, den ich schon immer gesucht habe.