Berlin bummst Bayern
Wir Berliner sind mit unserem „Tach" noch ziemlich nahe und verständlich am guten alten hochdeutschen „Guten Tag". Der Bayer aber macht seine Begrüßung gleich wieder arg universell und schrecklich religiös zugleich (sie sind ja ein ach so frommes, katholisches Volk) und grunzt bzw. die Bayerinnen grünzeln ein „Gruaß Gott". Wenn mensch ein wenig mit der bajuwariscchen Heimatkunde vertraut ist, weiß er zumindest, was der Typ da aus dem bayrischen Dorf zu ihm gesagt hat, wirklich verstanden hat er es aber nicht. Nicht nur, weil der Bayer selbst seinen eigenen Dialekt so undeutlich spricht (um nicht zu sagen nuschelt), sondern auch, weil jeder normale Mensch keine Ahnung hat, wie er an Gott einen Gruß ausrichten soll. Sollte ein Bayer wirklich davon ausgehen, dass sein Gegenüber öfter in die Kirche geht bzw. betet als er selbst und mit dem Gruß an Gott sein schlechte Gewissen erleichtern möchte? Oder will er nur, dass genug Leute bei ihrem Gebet den lieben Gott daran erinnern, dass der Gott-Grüßende auch noch da und nicht vom Herrn da oben im Himmel vergessen werden möchte? Oder glaubt er wirklich, dass die Alpen derart hoch sind (wehe Du redest als Hochdeutscher von einem Berg aus Deiner Gegend!), dass mensch bis zum Reich Gottes hoch hinaufreicht?
Na gut, soviel Dummheit kann ich bei den Bayern nicht vermuten, schließlich haben sie das beste Abitur Deutschlands zu bieten. (Nichts im Vergleich zum armseligen Berliner Abitur, wo das Vorweisen einer gelernten toten Sprache nicht unbedingt notwendig ist. Hey, dafür hab ich wenigstens ‘ne Eins in Deutsch!). Zurück zum Gottgrüßen. Hat Gott eigentlich noch Zeit so viele Grüße entgegenzunehmen; sieht er überhaupt noch durch, wer ihm da wessen Grüße übermittelt? Und was machen eigentlich Leute wie ich, die nicht an einen Gott glauben und auch nicht im Traum daran denken, bei einem atheistisch heraus gerutschten Gottseidank oder leidergottes noch irgendwelche Grüße von Frau Meier, der Supermarktkassiererin, oder Herrn Schulze, dem Hausmeister, auszurichten?
Mag mensch es stur nennen, aber ich bin ehrlich und sag nur selten, was ich nicht meine. Deshalb bleibe ich auch als Zugereiste diesem „Gruaß Gott" fern. Bin aber unter Umständen bereit mich auf den Kompromiss der deutschsprachigen Kultur einzulassen und statt „Tach" einen „Guten Tag" zu wünschen.
Wissen Sie, was eine Schrippe ist? Eine Berliner Schrippe nennt der Durchschnittsdeutsche Brötchen. Wissen Sie, was eine Semmel ist? Hier scheiden sich die deutschen Kulturen. Der Bayer verweigert das Wort Brötchen und sagt Semmel. Wenn Sie als Bayer aber in Berlin eine Semmel verlangen, werde Sie sich unter Umständen über den Preis und die Größe der Tüte wundern, wie Sie die doppelte Menge erhalten würden. Denn in Berlin ist eine Semmel ein doppeltes Brötchen, zwei Schrippen, die aneinander hängen. Warum muss der Bayer immer solche Extrawürste braten? Jeder Durchschnittsdeutsche brät Würste oder grillt sie. Der Bayer muss seine kochen. Und dann ißt er sie nicht zur Mittags- oder Abendzeit und kaut sie. Nein, er zutzelt (sieht eher aus wie zutschen und nicht besonders appetitanregend) sie aus der Pelle heraus und das auch noch vor dem Mittagessen. Vielleicht mag mensch den Vergleich mit den verrückten Briten und ihren kleinen, nicht definierbaren Würstchen zum Frühstück heranziehen, doch hier geht es um die deutsche Wurst... äh Kultur.
Ich, gebürtige Berlinerin, werde in den alten Dorfadel der bajuwarischen Stadt einheiraten (Gut, dass mein Freund Stammhalter ist), die Herrschaft an mich reißen und dann nach und nach alles kleinstädtische, dörfliche, piefige niedertrampeln und stattdessen echte Großstadt-Infrastruktur aufbauen, egal wie (die CSU wird mir garantiert das Geld für meine Berlin-Pläne zur Verfügung stellen):
Eine echte Stadt braucht Straßenbahn, Bus, S-Bahn, U-Bahn - und zwar rund um die Uhr, nicht drei Mal werktags.
Dann wird es eine Regelung zur Stadtverpflegung geben, die vorsieht, dass es zur bayrischen und internationales Küche auch Berliner Hausmannskost in anständiger Qualität und noch anständigeren Preisen gibt:
Buletten statt Fleischpflanzerl, Döner ohne "scharf", aber mit Kräutersoße und zwar zum Preis von 2 EUR und jeder Laden, der Läberkaassemmel anbietet, muss auch Currywurscht mit Schrippe zur Verfügung stellen.
Ganz wichtig ist die Einführung von Touristen-Kultur. Die bayrische Kleinstadt braucht einen richtigen Fernsehturm, damit ich mich auch richtig wie zuhause fühlen kann. Aber ich rede von einem echten Telespargel mit Charme und nicht so ein hochnäsiges Mikadostäbchen mit steifer Halskrause!
Außerdem müssen alle Dienstleister wie Werkstätten und Ärzte in einen Hochdeutsch-Sprachkurs, damit jeder sogenannte Zug'reiste auch versteht, welche Dienstleistung man ihm antun will.
Berlinbashing – ja, spinnt ihr oder was? Leben wir immer noch im 18., 19. Jahrhundert, oder was? Es ist richtig, dass man historisch betrachtet, Berlin weder mit Paris noch mit London vergleichen kann und auch an die Höhen von New York City reicht die deutsche Hauptstadt nicht heran. Es gibt jedoch keinen Grund, den Begriff Berlinbashing zu erfinden, wenn man keine anderen Argumente gegen diese Großstadt hat, die nicht auch für viele andere Weltmetropolen gelten. Dreck, Verkehrslärm – meine Güte, das gibt es doch überall. Ich möchte nur mal wissen, wer sich den Begriff Berlinbashing ausgedacht hat!? Derjenige hatte zumindest keine Ahnung von Großstädten, geschweige denn von Berlin. So sehr wie sich die Politik an der Vergangenheit der Stadt aufhängt, so sehr klammert sich die Wirtschaft an die Zukunft von Berlin. Aber Berlin ist nicht mehr das, was es mal war und Berlin ist auch nicht das, was es mal wird. Berlin ist wie es ist. Es ist nicht wie das frische Hamburg und auch nicht wie das noble München, überhaupt nicht wie letzteres. Ein Münchner und ein Berliner haben soviel gemeinsam wie Grunewald und Hellersdorf. Sie gehören geographisch zum selben Areal, sind aber in ihrem Wesen völlig unterschiedlich. Und München als Großstadt zu bezeichnen, ist sowieso anzuzweifeln. Aber es geht gerade nicht um Münchenmeckern, sondern um angeblich vorherrschendes Berlinbashing. Als stolze Berlinerin, die nach Bayern gezogen ist, treffe ich immer wieder Menschen, die Berlin nur als Besucher, als Touristen oder sogar nur vom Hörensagen kennen. Natürlich gibt es in Bayern viele Menschen vom Lande, denen Berlin mit Titel Großstadt einfach zu groß und zu städtisch ist, und daher nicht so recht wissen, was sie von der Stadt halten sollen. Aber der große andere Rest gerät ins Schwärmen, sobald der Name meiner geliebten Heimatstadt fällt. Oja, in Berlin sei immer was los, die vielen Kneipen und Clubs und man könne dort soviel unternehmen und erleben. Vor einigen Jahren fiel dann auch immer wieder das Superwort Loveparade. Aber trotz Wegfall dieses touristischen Supergaus, werden die Menschen nicht müde, von Berlin zu schwärmen. Als gebürtige Berlinerin und eingefleischte Großstädterin, die mittlerweile erfahren musste am Beispiel von München, das deutsche Großstadt nicht gleich deutsche große Stadt ist, steh ich dann der Begeisterung dieser Menschen, die keine Berliner sind, denen kein hauptstädtisches Blut durch die Adern fließt gegenüber und kann leider nie sagen, wo sie die beste Kneipe und den hippsten Club der Welt innerhalb Berlins finden können, wo sie Abenteuer und Unterhaltung erleben können. Denn ich mache mir nicht allzu viel aus Clubs und Kneipen und erlebe mein Berlin auf persönliche, heimatliebende Art. Viele Touristen versuchen in der Stadt, die sie gerade erkunden, herauszufinden, wie es ist in dieser Stadt zu leben. Ich mag es, typische Touristenaktivitäten mit meinem Status als waschechte Berlinerin zu verbinden.
Ich brauche keine Kneipe und keinen Club, sondern nur einen bekannten und hübschen Platz in Berlin, gutes Wetter und Freunde. Und schon kann man Berlin erleben, wie es ist und das ganze ohne wenn und aber und ohne schöne Schnörkel. Die Strecke zwischen Alexanderplatz und dem Brandenburger Tor am Pariser Platz beinhaltet und zeigt alles, was Berlin ist. Dabei muss man genau hinsehen. Natürlich ist Berlin dreckig, sogar an seinen (ehemals) elegantesten Straßen. Aber zumindest gilt Unter den Linden immer noch als Prachtstraße. Und man kann dort bummeln und Berlin erleben. Berlin ist heute eine Stadt, die immer mehr von Zugezogenen bewohnt wird. Aus anderen Bundesländern, aus anderen Staaten, aus anderen Kontinenten. Die Leute behaupten immer Berlin sei multikulturell und wollen damit die Stadt auf eine Stufe mit London und New York stellen. Richtig ist, dass Kreuzberg als Türkenviertel gilt und auch Neukölln so ziemlich als eines verschrien ist. Doch so multikulti ist Berlin nun auch wieder nicht. Sehen Sie sich die Leute in einer Londoner U-Bahn an, ziehen die Touristen ab und dann vergleichen Sie die U-Bahngäste in Berlin ohne Touristen und dann wissen Sie welche Stadt multikulti ist und welche nicht. Was einen waschechten Berliner ausmacht, wirkt eigentlich in der eigenen Stadt kaum. Der Berliner ist ein meckerndes, jammerndes Stehaufmännchen. Er schimpft über den Dreck, den Lärm, die Politik, die Gesellschaft und das ganze Leben, aber wenn er nicht darüber schimpfen könnte, wäre er noch viel unglücklicher. Der echte Berliner liebt seine Stadt und wenn einer in seiner Gegenwart sogenanntes Berlinbashing ausübt, dann kann derjenige sich warm anziehen. Berlinbashing darf nur ein Berliner machen und das nur, weil er Berlin liebt. Denn Liebe ist, wenn man den Geliebten kennt und ihn trotzdem gern hat. Berlin ist so wie sein Berliner – ne waschechte Jöre, die meckern kann wie’n Rohrspatz und erst wieda Ruhe jibt, wenn Mutti nen Lolli vom Einkoofen mitjebracht hat und vespricht, dasset Nudeln mit Tomatensoße jibt.
Also liebe Süddeutsche Zeitung, wenn Berlinbashing, dann nur aus der heutigen Zeit und nur von Leuten, die wissen, wovon sie reden – und damit meine ich keine selbsternannten Berlinkenner, sondern nur die waschechten Spreegören!
Großstadt-Gedicht Berlin
Über der Stadt
- Mittelpunkt und Außenseiter zugleich -
ragt der Fernsehturm.
"Icke dette kieke mal." - "Döhna oda Cörriwurscht?"
"Ick glob, mir jeht 'n Licht uff!"
Dazwischen dudelt's Radio.
Einmal schlucken, um Gestank und Lärm
zu akzeptieren, zu ertragen, zu verdrängen.
Frische Luft
im Zoo oder im Treptower Park.
Behausungen gegensetzen sich:
Im Grunewald posieren hochnäsige Villen.
Im Prenzelberg verdrecken alte Mietskasernen.
Woanders langweilen sich nicht mehr moderne Neubauten.