Zum Nachlesen‎ > ‎

Ethik

(aus Alois Reutterer: „Erkennen und Handeln“)
 
 

1. Wozu Moral?

Das Wort Ethik kommt vom griechischen Wort ethos, was soviel wie Gewohnheit, Sitte oder Brauch bedeutet. Moral stammt vom lateinischen mos und hat hier dieselbe Bedeutung wie ethos im Griechischen. Mit Moral meinen wir eher die Praxis, mit Ethik mehr die Theorie. Ethik ist die Philosophie oder die Lehre von der Moral. Robinson Crusoe konnte (mehr oder weniger) tun und lassen was er wollte, bis ihm Freitag begegnete. Der Mensch als Gemeinschaftswesen darf sein Triebverlangen, seinen Egoismus nur in bestimmten Grenzen und Formen befriedigen, er muss sich einer allgemeinen Ordnung fügen. Von der Moral zu unterscheiden ist das Recht. Während das Recht mehr das äußere Verhalten der Menschen regelt – das mitunter moralisch völlig belanglos sein kann (wie etwa die Rechtsfahrordnung im Straßenverkehr) – betrifft die Moral die Gesinnung des Menschen. Bestrafen kann man natürlich immer nur Verstöße gegen das geltende Recht, nicht aber Verstöße gegen die Gesinnung, wenngleich diese in schwerwiegenden Fällen mitberücksichtigt wird. (Es kann davon z. B. die Verurteilung wegen Mordes oder “nur” wegen Totschlags abhängen.) Die Moral sagt uns, was gut und böse ist. Das Recht legt fest, was erlaubt und was strafbar ist. So ist z. B. Abtreibung für viele Menschen moralisch verwerflich. Dennoch ist sie in Österreich in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen nicht strafbar.

Für den religiösen Menschen, der die von seiner Religion vorgegebenen Ge- und Verbote ungefragt übernimmt, wäre eigentlich eine Diskussion über Moral und deren Begründung überflüssig. Nun ist es aber so, dass zum einen nicht alle Menschen religiös sind und zum anderen eine religiöse Moral häufig nicht einmal von den Gläubigen wirklich gelebt wird (man denke an das Verbot empfängnisverhütender Mittel durch den Papst, das selbst Theologen nicht immer unterstützen).

Wir müssen daher nach einer für alle Menschen verbindlichen Moral suchen. Dies scheint heute dringlicher denn je. Die verschiedensten Skandale - z.B. in der Politik - lassen den Ruf nach ernsthafter Beachtung wichtig scheinender moralischer Grundwerte wie Redlichkeit, Anständigkeit (was heißt das?) laut werden, sowie auch die Forderung nach einer neuen, unserer Zeit angepassten Moral.

Angesichts globalen Terrors und Rüstungswahnsinns scheint eine weltweite Moral vonnöten. Nur eine weltweit gültige (und auch durchsetzbare!?) Moral kann verhindern, dass sich die Menschheit selbst ausrottet: sei es durch einen Atomkrieg oder durch eine ökologische Katastrophe.

Wir brauchen daher eine Ethik, die eine Moral zu begründen erlaubt, die von weiten Kreisen, im Idealfall von allen Menschen, akzeptiert werden kann.
 

2. Eine kurze Geschichte der Ethik

Griechisch-römische Antike

Längst bevor es überhaupt Philosophie gab, hatten die vielfältigsten ethischen Probleme im Leben und Denken der Menschen einen festen Platz. Ob wir uns auf das babylonische Gilgamesch-Epos oder auf altägyptische Literaturdenkmäler, auf die Gesetzestafeln eines Hammurabi oder eines Moses, auf die ältesten indischen Veden beziehen: alle diese Werke liefern zahlreiche Beispiele dafür, wie aktuell und bedeutsam ethische Probleme zu allen Zeiten für den Menschen waren. Bei allen Völkern sind Hinweise auf verbindliche sittliche Normen und ihre Begründung zu finden.

Im alten China lehrte Kung fu tse (latinisiert Konfuzius) als Haupttugenden des Menschen Nächstenliebe und Ehrfurcht vor den Mitmenschen: “Was du selbst nicht erleiden möchtest oder bei anderen tadelst, das tue selbst nicht!”

Im Abendland lautete für die alten Griechen die wichtigste ethische Frage: “Wie kann ich ein gutes Leben führen?” Dabei verstand man unter einem “guten Leben” ein glückliches und zufriedenstellendes Leben.

Die Sophisten
Die ersten Versuche, diese Frage zu beantworten, stammen von den Sophisten. Für diese Wanderlehrer war ein gutes Leben ein erfolgreiches Leben, wobei einige Sophisten unter “Erfolg” hauptsächlich politische Macht, andere Geld und wieder andere ein Leben in Genuss verstanden. Viele von ihnen behaupteten, andere das erfolgreiche Leben lehren zu können, und ließen sich diese Unterweisung bezahlen. Der Sophist Protagoras erklärt: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge” – auch der sittlichen Normen.
 
Sokrates – Platon – Aristoteles
Sokrates gilt als der erste große Ethiker des Abendlandes. Seiner Meinung nach ist der Mensch von Natur aus gut – eine Auffassung, die im Gegensatz zur Erbsündenlehre des Christentums steht. Niemand tut freiwillig Böses, sondern nur aus Unwissenheit. Tugend ist Wissens. Wenn wir die Konsequenzen unseres Tuns ausreichend überlegen würden, könnten wir nicht schlecht handeln. Gut handeln bedeutet rational handeln. Auch gibt es im Menschen ein Daimonion, das Gewissen, welches uns sagt, was wir tun sollen. Sokrates fordert uns auf, stets der inneren Stimme zu folgen und so das Gute zu tun.

Auch bei Platon, dem berühmten Schüler von Sokrates, ist Tugend auf Einsicht gegründet. Lust ist nur Begleiterscheinung des Guten, nicht Prinzip. Höchste Tugend ist die Weisheit.

Aristoteles, der bedeutendste Schüler Platons tritt für das Maßvolle ein. Dies ist seine Lehre von der goldenen Mitte. Mut etwa steht zwischen den Extremen Tollkühnheit und Feigheit.

Der Hedonismus
Eine ganz andere Art von Ethik hatte ein Zeitgenosse Platons entwickelt: Aristipp(os) von Kyrene sieht, dass die Menschen Lust suchen und Unlust (Schmerz) meiden. Im Zentrum des Hedonismus (hedone, gr. = Lust) steht die sinnlich-körperliche Lust, die bei Essen, Trinken, Entspannung, Schlaf und sexueller Tätigkeit auftritt.

Im Vergnügungstrubel unserer Zeit oder in der geringen Schmerztoleranz wird der Hedonismus heute wieder lebendig.

Der Eudaimonismus
Epikur(os) von Samos (um 300 v.Chr.) lehrte einen verfeinerten Hedonismus, indem er auch geistige Genüsse als Quellen des Glücks mit einbezog. In einem gepflegten Garten mit Freunden zu philosophieren war für ihn das Höchste. Eine stille Ausgeglichenheit macht den Menschen dem Schicksal überlegen.

Der Stoizismus
Begründer der Stoa (gr. = Säulenhalle) ist Zenon aus Kition (ebenfalls um 300 v.Chr.). Stoische Philosophie und Moral beherrschten ein halbes Jahrtausend die antike Welt. Philosophisch waren die Stoiker Materialisten, ethisch standen sie der Lehre des Epikur gar nicht so fern. “Ertrage und verzichte!” war ihr Leitspruch. Wir dürfen nicht zum Sklaven von Leidenschaften werden. Sklaverei und Ausbeutung anderer Völker lehnten sie als unmoralisch ab. Alle Menschen sind Brüder. Dadurch wurde die Lehre der Stoa für viele Menschen sehr anziehend. Zwei berühmte Stoiker waren Epiktet, ein Sklave, und Marc Aurel, ein römischer Kaiser.

Das Christentum

Hier ist die wichtigste Frage nicht mehr “Wie kann ich ein gutes, mich befriedigendes Leben führen?”, sondern “Wie lebe ich gottgefällig?” Für ein solches wurde ewiges Leben in Aussicht gestellt. Aufgrund der gemeinsamen Gotteskindschaft sind auch alle Menschen Brüder (wie in der Stoa!). Im Widerspruch dazu wurde vom Christentum lange Zeit die Sklaverei unterstützt. In der Theorie jedenfalls sind Gottes- und Nächstenliebe die wesentlichen Element christlicher Ethik. Auch ist die Einstellung, dass jeder Mensch als Person zu achten sei oder dass man dem Schwachen helfen soll, christlichem Einfluss zu verdanken.
 

Neuzeit

Eine weltliche Ethik wurde im Europa der Neuzeit zuerst in England entwickelt. Um 1600 lehrte Thomas Hobbes einen ethischen Egoismus: “Behandle deine Mitmenschen so, dass du vor ihnen geschützt bist und ihre Mitarbeit gewinnst!”

David Hume meinte hundert Jahre später: “Behandle die anderen so, dass du dadurch möglichst viele deiner Leidenschaften, einschließlich der altruistischen befriedigst! Die Vernunft soll die Sklavin der Leidenschaft sein.”
 

Der kategorische Imperativ Kants

Der -wohl größte- deutsche Philosoph Immanuel Kant, wollte die absolute Geltung sittlicher Normen beweisen, ohne sie auf eine göttliche Ordnung zurückzuführen. Oberste Norm ist der Kategorische Imperativ: “Handle so, dass die Maxime (=Richtschnur) deines Tuns zum Gesetz für alle Menschen gemacht werden könnte!”

Kants rein formale Handlungsgrundlage scheint problematisch:

  • Was ist, wenn einer zu stolz ist, sich von anderen helfen zu lassen? Soll dieser niemandem helfen?
     
     
  • Manche Ziele lassen sich nur durch bedenkliche Mittel erreichen. Heiligt der Zweck immer die Mittel? Ich könnte etwas tun müssen, das nur in einer ganz bestimmten Lage für mich gut ist; würde es jeder tun, könnte dies verwerflich sein.
     
     
  • Max Scheler Vertrat die Auffassung, dass eine Ethik ohne inhaltliche Bestimmungen (konkrete Gebote) nicht auskommt.
 

Wertabsolutismus - Wertrelativismus

Max Scheler entwickelte eine materiale Wertethik, wonach Werte, die wir in unserem Handeln verwirklichen sollen, unveränderliche platonische Wesenheiten sind. Der Wertblinde sieht sie nicht. Werte müssen erfühlt werden (Wertfühlen, Wesensschau). Es gibt eine objektive Rangordnung der Werte - unabhängig vom Urteil der Menschen. Ähnlich gelten auch für Nicolai Hartmann Werte unabhängig vom Dafürhalten des Menschen (Wertabsolutismus).

Eng verbunden mit der Auffassung einer solchen Wertmetaphysik ist die Naturrechtslehre, wonach Verhaltensnormen aus der “Natur (dem Wesen) des Menschen” abgeleitet werden können.

Gegen diese Lehre und den Wertabsolutismus wendet sich der Wertrelativismus, der behauptet, dass Werte immer nur bezogen auf einen Wertenden gelten und somit relativ sind. Werte werden den Dingen, Eigenschaften oder Handlungen von einem Wertenden zugeschrieben und bestehen nicht “an sich”. Etwas, was für mich einen Wert hat, kann für einen anderen wertlos sein. Was ich heute für erstrebenswert halte, kann morgen für mich ohne Wert sein. Was in einer Kultur als gut angesehen wird, ist in einer anderen vielleicht verwerflich.
 

Warum lässt Gott das Böse in der Welt zu?

Diese Frage wurde in der christlichen Theologie immer wieder als das Problem der “Theodizee” diskutiert. (. theos, gr. = Gott + dike = Gerechtigkeit). Man bemüht sich gleichsam um eine Rechtfertigung Gottes.

Nach David HUME ist das Theodizeeproblem unlösbar, da es auf einer in sich widersprüchlichen Annahme beruht. Der Widerspruch besteht zwischen den Annahmen, dass es einen Gott gibt, dass dieser Gott eine zugleich allwissende sowie allmächtige und sittlich vollkommene Persönlichkeit darstellt. Wenn aber Gott allmächtig ist, so ist er auch für alle Übel dieser Welt verantwortlich, sofern er um diese Übel weiß. Und wenn er für die Übel verantwortlich ist, so ist er nicht sittlich vollkommen. Es ergibt sich daher eine viergliedrige logische Alternative: entweder (a) es gibt überhaupt kein Übel in der Welt, oder (b) Gott weiß nichts von diesem Übel, oder (c) Gott ist nicht allmächtig, oder (d) Gott ist sittlich nicht vollkommen.

Da die Existenz von Bösem in der Welt nicht zu bestreiten ist, bilden unter der Voraussetzung, dass Gott existiert, die drei Eigenschaften Gottes – Allwissenheit, Allmacht und sittliche Vollkommenheit – eine widerspruchsvolle Satzklasse.

Die christliche Theologie beantwortet die Frage, warum Gott Böses zulässt, indem darauf verwiesen wird, dass sich der Mensch nur in der Auseinandersetzung mit dem Bösen sittlich bewähren könne und der Wille Gottes “unerforschlich” sei.
 

Friedrich Nietzsche

Geradezu das Gegenteil einer christlichen Sittenlehre bildet die Morallehre Friedrich Nietzsches. Christliche Moral beruht auf Liebe und Verzeihung. Diese Auffassung greift Nietzsche wütend an. Er wirft ihr sklavische Gesinnung vor. Das Christentum preise Güte, Mitleid, Armut, Schwäche, verherrliche das Leiden und trachte nach Gleichberechtigung der Menschen.

Diese Auffassung komme hauptsächlich den Schwachen, Unglücklichen und Mittelmäßigen zugute. Diese versuchten den “Starken”, (den “Herren”), einzureden, dass sie in Wirklichkeit ja Schwache, sie aber, die Mittelmäßigen, die wahrhaft Starken seien, vor denen man sich beugen und auf die man Rücksicht nehmen müsse. Angesichts dieser Einstellung, die Nietzsche als verweichlicht und dekadent bezeichnet, errichtet er seine eigene “Herrenmoral”, die, wie er sagt, eine “Umwertung aller Werte” bedeutet. Höchster Wert ist das mächtige und fröhliche Leben.

Im Leben aber sind es die Starken, die durch einen Überschuss an Kraft, an Mut und Kühnheit die Oberhand gewinnen. Der stärkste und höchste Lebenswille findet seinen Ausdruck nicht in einem kümmerlichen Kampf ums tägliche Brot, sondern im Kriegswillen, im Macht- und Herrscherwillen. Die eigentlichen moralischen Tugenden sind aristokratisch und kriegerisch: Kraft, Mut, Machtwille, Hochmut, Härte, Grausamkeit.

Die vom Christentum gepriesenen falschen Tugenden, die Sklavengesinnung verraten, sind ihnen genau entgegengesetzt: Gerechtigkeit, Klugheit, Ergebenheit, Demut, Mitleid, Barmherzigkeit.

Nietzsche ersehnt die Ankunft des Übermenschen, der als geborener Herrscher zu sich selbst und zu den anderen hart ist und der sich selbst seinen eigenen Maßstab moralischer Werte schafft. Gut ist allein der Wille zur Macht. Es ist nicht verwunderlich, dass sich die Nationalsozialisten auf eine solche Moralideologie beriefen.
 

Schopenhauer: Mitleidsethik

Im Gegensatz zu Nietzsche und zu den rational begründeten Ethikmodellen geht Schopenhauer davon aus, dass moralisches Verhalten einem spezifischen Gefühl entspringt. Normalerweise sind wir in allen Handlungen vom Egoismus geleitet, es geht um das individuelle Wohl. Es gibt aber ein Gefühl, in dem die Trennung zwischen mir und den anderen schwindet: Dieses Gefühl ist das Mitleid. Im Mitleid empfinde ich das fremde Leiden als eigenes. Während der Egoismus die Quelle des Bösen ist, entspringt aus dem Mitleid das Gute im Sinne des uneigennützigen Handelns. Im Mitleid wird sich der Mensch der Trennung und Verschiedenheit bewusst und fühlt das einheitliche Prinzip der Welt.

Marxismus – sozialistischer ‑ Humanismus – Utilitarismus

Kurz erwähnt sei noch die Maxime der Moral des Marxismus. Walter Ulbricht: “Sittlich ist, sich aktiv für den Sieg des Sozialismus einzusetzen.” Gut ist, was geeignet ist, das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft zu erreichen, auch wenn dies für den Einzelnen hart sein mag und Opfer verlangt, er seine Freiheit einschränken muss.

Verschiedene Neomarxisten (so Adam Schaff) haben einen sozialistischen Humanismus, einen Marxismus mit menschlichem Antlitz gefordert. Dieser gebietet nicht nur, die Menschen zu lieben, sondern auch die Feinde dieses Humanismus zu hassen. Persönliches Glück kann nur durch das Glück der Gesellschaft erzielt werden.

Einen ähnlichen Sozialeudaimonismus, hatte schon Jeremy Bentham (um 1800) gelehrt. Er sah das Ziel einer Moral und den Sinn des Lebens im größtmöglichen Glück für möglichst viele Menschen.

Eine andere Form des Eudaimonismus, die den Schwerpunkt auf den Nutzen verlagert, ist der Utilitarismus (utilis, gr. = nützlich): Gut ist, was nützt. Eine Handlung ist gut, wenn ihre Folgen eine größere Nützlichkeit bewirken, als wenn sie unterlassen worden wäre.
 

3. Moderne Ethik

Problembereiche

Die Grundfrage der Ethik ist die nach dem richtigen Handeln: Was soll ich tun? Wie sollen wir uns unseren Mitmenschen gegenüber verhalten? Damit verbunden ist eine Reihe anderer Probleme wie: Was heißt »sittlich gut«? Nach welchen Zielen und Werten habe ich mein Handeln einzurichten? Gibt es eine ewig gültige Moral, oder wandeln sich moralische Normen? Wie lassen sich moralische Normen begründen? Sollen wir moralisches Verhalten nach dem Erfolg oder nach der Gesinnung, die dahinter steht, beurteilen? Was ist Gewissen? Was heißt »Gerechtigkeit«? Hat das Leben einen Sinn?

In der modernen Ethik werden drei Themenbereiche unterschieden:

(1) Die normative Ethik

Sie versucht, moralische Normen aufzustellen und zu begründen und ist damit zweifellos die wichtigste Disziplin. Sie untersucht Fragen wie: Was ist gut, und was ist schlecht? Welche Handlungen soll man ausführen, und welche soll man unterlassen? Welche Handlungen sind richtig, und welche sind verboten? Ist Stehlen immer etwas Schlechtes? Darf man in gewissen Situationen lügen?

Dabei werden zwei Theoriebereiche unterschieden: a) Theorie des rechten Handelns, b) Theorie des Guten (Werttheorie).

(2) Die Meta-Ethik (analytische Ethik)

Vom übergeordneten Standpunkt einer Meta-Sprache untersucht diese Fragen wie: Welche Bedeutung haben die moralischen Begriffe »gut« und »böse«? Was ist die Funktion von Moralurteilen und ethischen Normen?

(3) Die empirisch-deskriptive Ethik

Sie gehört eigentlich nicht zur Philosophie, sondern in die Kompetenz von Historikern, Soziologen und Psychologen, eventuell Ethnologen (Völkerkundlern) und Ethologen (Verhaltensforschern; moralanaloges Verhalten von Tieren!). Die beschreibende Ethik beschäftigt sich mit Fragen wie: Was hat dieser oder jener Mensch, diese oder jene Gesellschaft für Moralvorstellungen? Was ist die Auffassung der katholischen Kirche über den Tyrannenmord? Wie rechtfertigt der Islam den “Heiligen Krieg”?

Meta-Ethik und empirische Ethik untersuchen moralische Normen, stellen aber keine solchen auf. Es gab auch Philosophen (etwa des Wiener Kreises), die Ethik auf eine empirische Ethik reduzieren wollten, weil sie glaubten, dass ethische Probleme nicht wissenschaftlich behandelbar seien. Heute werden die normative sowie die Meta-Ethik sehr wohl wissenschaftlich betrieben. Es gibt sogar eine eigene Logik, mit deren Hilfe der Zusammenhang von Normen untersucht wird. Der Auffassung, dass ethische Probleme nicht wissenschaftlich untersucht werden könnten, lag die Meinung zugrunde, dass ethische Werturteile keine Aussagen seien, sondern lediglich Sätze, die einen inneren Zustand ausdrücken, nämlich Zustimmung oder Ablehnung wie “Pfui, stehlen!”.
 

Grundlegung (Verankerung) moralischer Normen

Da die Aufzählung moralischer Gebote willkürlich sein und endlos fortgeführt werden kann, scheint es vorteilhaft, ein oder zwei grundlegende Normen (ethische Prinzipien) anzugeben, aus denen die anderen abgeleitet werden können. Das war ja einer der Gründe, warum Kant versuchte, ein allgemeines Prinzip für moralisches Handeln aufzustellen. Bei einer solchen apriorischen Begründung der Ethik bleiben freilich konkrete Lebensbedingungen unberücksichtigt. Auch werden Normen, welche die menschliche Triebstruktur nicht berücksichtigen und den Menschen überfordern, häufig nicht eingehalten.

Für jemanden, der ungefragt eine heteronome Moral (z.B. “die 10 Gebote Gottes”) akzeptiert, stellt sich die Frage einer Begründung nicht. Doch aus der Sicht einer Ethik als Wissenschaft ist es unabdingbar, moralische Normen zu “verankern”.

Der Kognitivismus (cognitio, lat. = Erkenntnis) hält ethische Sätze für beschreibende Aussagen, die wahr oder falsch sind. Zwei Standpunkte sind unterscheidbar: der Reduktionismus und der Intuitionismus.

Der Reduktionist hält die praktischen Sätze der Ethik für verkleidete Aussagen (Sätze mit Wahrheitswert). »X ist gut« bedeutet »X bereitet Lust« (Hedonismus). »Die Handlung ist richtig« bedeutet dasselbe wie »Die Mehrheit billigt die Handlung« Der metaphysische Reduktionismus besagt z.B. »X ist gut« bedeute soviel wie »Gott befiehlt, X zu verwirklichen«.

Der Intuitionist vertritt die Meinung, moralische Prinzipien seien nur subjektiv-willkürlich und irrational, nicht objektiv-wissenschaftlich und rational zu verankern. Ethische Sätze können daher auch nicht intersubjektiv kritisiert werden. Sie sind Aussagen über moralische Fakten, die aber nur durch Intuition (Wesensschau), Evidenz (unmittelbare Einsicht) oder über das Gewissen erfasst werden können.

Wenn die kognitivistischen Positionen verworfen werden, bleibt als Alternative der Non-Kognitivismus. Danach beschreiben Normen keine Tatsachen. Sie sind keine Aussagen und daher auch nicht wahr oder falsch, sondern eher gut und zweckmäßig oder schlecht und unzweckmäßig. Ich kann nicht sinnvoll sagen “‘Du sollst nicht töten!‘ ist wahr.” Es ist dies eben kein Indikativsatz, sondern ein Imperativ, der in menschlichen Gesellschaften zweckmäßig und daher gut erscheint. Auch beim Non-Kognitivismus können zwei Positionen unterschieden werden: der Präskriptivismus und der Emotivismus. Nach ersterem haben Normen nur vorschreibende Funktion (“Du sollst nicht stehlen!”), nach letzterem sind Moralnormen lediglich Ausdruck von Gefühlen der Zustimmung oder Ablehnung (“Pfui, stehlen!”).

Seit David Hume wissen wir, dass aus Aussagen keine Normen abgeleitet werden können und daher eine logische Verankerung von Normen nicht möglich ist. Dennoch müssen (und dürfen!) moralische Normen nicht völlig willkürlich sein. Wie also können ethische Normen rational begründet werden? Nun, indem bestimmte Ziele und Basisnormen durch Übereinkunft festgesetzt werden. Diese Konventionen sind nicht beliebig, sondern stehen am Ende eines Entscheidungsprozesses. Die getroffenen (vernünftigen) Entscheidungen können aufgrund neuer Erfahrungen immer wieder in Frage gestellt und revidiert werden. Eine solche Begründung ethischer Normen ist zwar nicht logisch, aber dennoch rational. Und da somit ethische Normen Ergebnisse von Konventionen sind, ergibt sich daraus die Forderung nach Toleranz gegenüber anderen Letztzielen und daraus resultierenden Moralvorstellungen.

Wenn auch aus dem Sein des Menschen nicht - wie dies die Naturrechtslehre tut - deduziert werden kann, wie er sich verhalten soll, so können doch auf der Grundlage empirischer Erkenntnisse z.B. über die Triebstruktur des Menschen oder darüber wie höhere Tiere ihr moralanaloges Sozialverhalten regeln, indirekt Normen abgeleitet werden: Wenn dieses oder jenes Ziel erreicht werden soll, dann müssen wir uns so oder so verhalten. Beispiel: Wenn die Freiheit des einzelnen in Bezug auf seine Bedürfnisbefriedigung möglichst groß sein soll, so muss jeder sich so weit einschränken, dass die Freiheit des anderen möglichst wenig beeinträchtigt wird.
 

Die obersten Ziele und Normen

Da oberste Ziele und Normen einer Moral auf Übereinkunft beruhen, ist verantwortungsvolle Gewissensentscheidung nicht nur bei persönlichen moralischen Entscheidungen in bestimmten Situationen und bei der Festsetzung von Rechtsnormen notwendig, sondern schon bei der moralischen Grundsatzentscheidung in Bezug auf ethische Sätze. Die festzusetzenden obersten Ziele, die in einer Gesellschaft erreicht werden sollen, müssen von möglichst vielen Menschen akzeptiert werden können. Festzusetzende Normen dienen dazu, dieses Ziel zu erreichen.

Der österreichische Philosoph Victor Kraft, Mitglied des Wiener Kreises, hält optimale Begehrensbefriedigung und optimales Funktionieren der Gesellschaft für zwei oberste Ziele, die jeder einsichtige Mensch aufgrund seiner Triebstruktur wollen muss. In Einsicht der Zweckmäßigkeit dieser Ziele muss jeder auch erkennen, dass eine Selbstbeschränkung notwendig ist, um diese Ziele zu erreichen und auch selbst den größtmöglichen Vorteil bei der Befriedigung seiner Wünsche zu haben. Lustgewinn und Egoismus sind so mit Altruismus durchaus vereinbar. Bei der Festsetzung oberster Ziele kann man verschieden vorgehen:

  • Man trifft eine Mehrheitsentscheidung. Diesen Weg, den Kraft beschritten hat, ist für den österreichischen Ethiker Edgar Morscher bedenklich, weil hier eine Mehrheit Recht dekretiert. Das kann zu ungerechten Gesetzen führen. Er hält deshalb eine andere Option für günstiger:
     
     
  • Man frage sich, ob man das Ziel auch in jeder möglichen Rolle, die man spielen könnte, akzeptieren würde. Ein Konsens darüber ist notwendig.
     
     
  • Ähnlich schlägt der amerikanische Ethiker John Rawls vor, sich in einem Gedankenexperiment vorzustellen, dass wir kein Wissen über unsere eigene Position in der Gesellschaft hätten. Er nennt dies den “Schleier des Nichtwissens”. Ich tue so, als wüsste ich nicht, ob ich gesund oder krank, reich oder arm, weiblich oder männlich usw. bin und frage mich dann, ob ich dennoch eine bestimmte Norm befürworten würde. Wenn ich z.B. nicht weiß, ob ich Frau oder Mann bin, werde ich wohl für Gleichberechtigung eintreten.
     
     
  • Der deutsche Wissenschaftsphilosoph Franz von Kutschera schlägt ein ethisches Grundgesetz vor, das folgende Frage beantwortet: Was sollen wir tun angesichts der Tatsache, dass andere von unseren Handlungen betroffen sind? Ein sich daraus ergebendes Prinzip der Ethik könnte dann lauten: Nimm bei jeder Entscheidung Rücksicht auf die Interessen aller davon Betroffenen. Dabei muss der andere als Person und seine Menschenwürde geachtet werden. Die Überzeugung, dass alle Menschen prinzipiell die gleiche personale Würde haben, ist nicht selbstverständlich, wie Folter, Sklavenhalterei, Kinderarbeit, Frauenfeindlichkeit, Rassendiskriminierung und Fremdenhass zeigen.
     
     
  • Ein wesentlicher Grundsatz der Verallgemeinerung ist das Prinzip der Fairness : Es dürfen nicht nur Vorteile beansprucht und die Opfer anderen aufgebürdet werden. Vor- und Nachteile, die sich aus Vorschriften ergeben, müssen gerecht verteilt sein. Die Menschen müssen in ähnlichen Situationen gleich behandelt werden.

Gerechtigkeit und Fairness sind neben der Achtung der personalen Würde jedes Menschen (auch einer künftigen Generation!) Bausteine einer grundlegenden Theorie der Moral.

Ein Problem ist die Durchsetzbarkeit moralischer Normen in der Praxis. Es wird immer Menschen geben, denen der (oft kurzfristige) eigene Vorteil wichtiger ist als die Einhaltung von Gesetzen oder gar bloß moralischer Normen, deren Durchsetzung nicht durch Sanktionen erzwungen werden kann.
 

Normative Ethik

In der Normativen Ethik geht es um die Frage »Was soll ich tun, um moralisch richtig zu handeln?« Die deontologische Theorie (deon, gr. = das Gesollte, die Pflicht) oder Gesinnungsethik beurteilt eine Handlung nach der ihr zugrunde liegenden Gesinnung, die teleologische Theorie (telos, gr. = Ziel) oder Erfolgsethik nach deren Erfolg.

Vor Gericht sind beide Aspekte zu berücksichtigen, sonst wäre ja Mord von Totschlag oder gar unabsichtlicher Tötung (etwa im Straßenverkehr) nicht unterscheidbar.

Eine besondere Form der Erfolgsethik ist der Utilitarismus: Gut ist, was nützt. Wobei der Egoist nur an seinen Nutzen denkt, der Altruist aber v.a. das Wohl der anderen im Auge hat. Die Evolutionäre Ethik zeigt, dass altruistisches Handeln einem (vorausschauenden) Egoismus entspringen kann, weil der einzelne (gemäß der Goldenen Regel) erwarten darf, vom anderen in einer ähnlichen Situation auch entsprechend behandelt zu werden.
 

Das Gewissen

In Zusammenhang mit moralischen Wertungen ist das Phänomen des Gewissens ein vieldiskutiertes ethisches Problem.

In der theologischen Ethik ist das Gewissen häufig als “Stimme Gottes” gedeutet worden. Nach Sigmund Freud ‑ teilweise auch nach Viktor FRANKL ‑ ist das Gewissen vor allem Produkt der Erziehung und sozialen Umwelt. Im Zuge der Sozialisierung entwickelt das Kind Gewissen und Schuldbewusstsein: Verstößt es gegen die übernommenen Normen, so hat es ein schlechtes Gewissen und fühlt sich schuldig. Ein Gewissenskonflikt entsteht aus der Unvereinbarkeit zweier sittlichen Ansprüche.

Eine Gewissensentscheidung ist immer persönlich und muss aus der Sicht der Gesamtgesellschaft nicht unbedingt zu deren Wohl sein. Eine für andere schlechte Handlung wird nicht dadurch gut, dass der Handelnde von ihrer Richtigkeit überzeugt ist.

Zweifellos also ist das Gewissen der Menschen (abhängig von der jeweils gültigen Moral) historisch und soziokulturell mitbedingt. Nicht überall gelten dieselben Taten als “gut” und “böse”. Die christliche Religion verbietet den Selbstmord, während im Altertum die Stoiker für den Freitod eintraten.

Das Gewissen kann äußerst unterschiedlich ausgeprägt sein. Der eine hat ein skrupelhaftes Gewissen, der zweite ein laxes und der dritte scheinbar überhaupt keines. Er handelt “gewissenlos”. Ein Mensch, der außerhalb der Normen seiner Gesellschaft steht, hat auch keine ”Gewissensbisse”, wenn er diese Normen verletzt. Dennoch kann sich auch bei ihm das Gewissen regen, wenn er gegen die von ihm akzeptierten Normen einer Subkultur, etwa gegen die Normen der “Gano-venehre” (z.B. den Moralcodex der Mafia), verstößt.

Zu den traurigsten, aber leider unleugbaren Erfahrungen unseres Jahrhunderts gehört die Tatsache, dass das Gewissen durch Indoktrination (massive, psychologische Mittel nützende Beeinflussung einzelner oder ganzer Gruppen), entsprechenden Drill oder Drogen vernichtet werden kann.
 

Das Problem der Willensfreiheit

Der Begriff »Freiheit« ist vieldeutig. Wir sprechen von einer politischen, sittlichen oder psychologischen Freiheit. Letztere ist die Willensfreiheit. von der allein hier die Rede sein soll. Die Frage, ob der Wille des Menschen frei sei, lautet exakt formuliert, ob er in einer gegebenen Situation sich für jede beliebige Wahlmöglichkeit entscheiden kann oder nicht.

Der Indeterminismus behauptet, dass wir in unseren Entscheidungen (mehr oder weniger) frei sind. Freiheitsgefühl (das Gefühl, auch anders handeln zu können), die Gefühle von Verantwortung, Reue und Schuld seien ohne Willensfreiheit sinnlos. Allerdings ist das Verantwortungsgefühl eher ein Motiv für unser Handeln als das Resultat freien Wollens. Und reuige Selbstvorwürfe richten sich gegen die Umstände, die zu einer bestimmten Entscheidung geführt haben.
 

Argumente für einen “wohlverstandenen” Determinismus

Richtig ist zwar, dass der Indeterminismus strenggenommen nicht widerlegbar ist, da die Faktoren, die eine bestimmte Handlung determinieren, niemals vollständig aufweisbar sind. Die seelischen Prozesse sind zu komplex. Es gibt jedoch gewichtige empirische Argumente und Überlegungen, die eher für einen wohlverstandenen Determinismus sprechen, also dafür, dass wir frei nur in einem gewissen eingeschränkten Sinne handeln können:

  • Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge zeigen verblüffend ähnliche Verhaltensweisen und Vorlieben. Vermutlich ist ein viel größerer Teil unserer Entscheidungen genetisch vorprogrammiert, als wir gemeinhin denken. Vielleicht ist unser Vertrauen in unsere Willensfreiheit auch deshalb so groß und unerschütterlich, weil uns die Begegnung mit einem erbgleichen Doppelgänger in aller Regel erspart bleibt.
  • Wenn das Denken untrennbar mit chemischen und physikalischen Gehirnprozessen verknüpft ist – und daran ist ja wohl nicht zu zweifeln –, muss der strengen logischen Struktur des Denkens eine ebenso streng kausal bestimmte Folge materieller Prozesse entsprechen. So konnte nachgewiesen werden, dass etwa die Absicht, einen Finger zu krümmen, 0,2 Sekunden vor der entsprechenden Muskelbewegung im Gehirn existiert, dass jedoch die dazugehörigen Hirnströme bereits 0,4 Sekunden vor der Handlung nachweisbar sind. Bereits eine Fünftelsekunde bevor die Handlung bewusst wird, “beschließt” also eine Planungsstelle im Großhirn, den Finger zu krümmen. Möglicherweise “befürwortet” unser Bewusstsein nur noch Entscheidungen, die irgendwo im Gehirn längst gefällt wurden.
  • Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die Untersuchungen an Patienten mit gespaltenem Großhirn, wo beide Hemisphären getrennt arbeiten. Sperry: “Die Tatsache, dass zwei freie Willen innerhalb desselben Schädels wohnen, erinnert uns daran und verstärkt die Vermutung, dass der freie Wille eine Illusion ist, wie das Auf- und Untergehen der Sonne. Je mehr wir über Hirn und Verhalten lernen, umso deterministischer, gesetzmäßiger und kausaler erscheint es uns.”
  • Ein wirklich freier Wille würde dazu führen, dass wir uns auf niemanden mehr verlassen könnten. Ohne die Möglichkeit der Erwartung bestimmten Verhaltens anderer Menschen wüssten wir nicht, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollten.

Eines ist freilich wahr: Es sind meine ureigenen Gefühle, Bedürfnisse oder Interessen, die als Motiv zu einer Wahlentscheidung führen. Immer bin ich durch Motive bestimmt, sonst könnte ich überhaupt nicht

zu einer Entscheidung kommen. Ein strenger Freiheitsbegriff – in jeder Wahlsituation jede beliebige, jede denkbare Verhaltensmöglichkeit wählen zu können – ist offensichtlich unsinnig. Denn ich kann ja nicht wollen, dass irgendein - zufälliges - Motiv zum Zug kommt. Wir wählen vielmehr jene Handlung, die unserer Persönlichkeit am besten entspricht. Freiheit besteht höchstens in dem Sinne, dass der Mensch nur durch sich selbst, nicht durch äußere Umstände determiniert ist; als Entschluss kommt das heraus, was ich will. Diese Auffassung ist nicht mit dem Fatalismus zu verwechseln. Dieser erklärt, dass alles Geschehen außerhalb der menschlichen Kontrolle liege und dass sich alles in vorbestimmter Weise ereigne, was wir auch unternehmen mögen. Der wohlverstandene Determinismus hingegen lehrt, dass wir sehr wohl zur Ursache von Ereignissen werden können; der Mensch erfährt sich als Verursacher und fühlt sich daher frei. Und er ist in seinen Handlungen auch meist frei, frei nämlich von äußerem Zwang. Echte Freiheit besteht darin, nicht von außen, sondern von innen her durch uns selbst bestimmt zu sein. Der Begriff des Determinismus darf nicht mit dem der Unfreiheit verwechselt werden.
 

Strafrecht und deterministisches Weltbild

Da unser Strafrecht in seiner heutigen Form weitgehend auf der Ideologie des freien Willens aufbaut, ist zu klären, wie Strafe im Rahmen eines indeterministischen Weltbildes zu deuten ist. Der Rechtsbrecher wird nach allgemeiner Auffassung ja für sein freiwillig böses Wollen bestraft. Nur wenn er eine Handlung ”freiwillig” ausgeführt hat, also nicht etwa im Affekt oder aus einem abartigen Trieb heraus, kann der Mensch für seine Tat zur Verantwortung gezogen werden. Wenn jemand so handeln musste, wie er es getan hat, so kann man ihn für seine Tat nicht zur Rechenschaft ziehen. Genau genommen verlieren in einem deterministischen Weltbild “Schuld” und “Strafe” als Vergeltungsmaßnahme oder Rache ihren Sinn. Ohne Schuldvorwurf kann aber niemand bestraft werden. Allerdings kann es sehr notwendig sein, die Gesellschaft vor ihm als Ursache eines Übels oder Leids durch entsprechende Maßnahmen zu schützen. An die Stelle eines Strafrechts (= Vergeltungsrecht) hat ein Besserungsrecht sowie ein Schutz- und Bewahrungsrecht zu treten. Mittels geeigneter Maßnahmen soll das gesellschaftsschädigende Verhalten des Delinquenten zu einem gesellschaftsfreundlichen umgewandelt werden. Wieweit es im Erwachsenenalter noch möglich ist, Erziehungsfehler oder gar charakterliche Anlagen zu korrigieren, ist freilich eine andere Frage. Strafe als Erziehungsmaßnahme ist auch dann sinnvoll, wenn es keinen freien Willen gibt, doch hat sie Zukunftssinn und ist keine Vergeltung. Von diesem Standpunkt aus ist es unmöglich, die Todesstrafe zu rechtfertigen. Sie hat keinen Zukunftssinn: weder für den Delinquenten noch als Abschreckung für andere potentielle Straftäter, wie Kriminalstatistiken belegen.


Ein Staat, der tötet, signalisiert seinen Bürgern, dass menschliches Leben nicht unbedingt schützenswert ist

Ein Staat, der tötet, trägt zur Verrohung der Sitten bei
Ein Staat, der tötet, erhöht nachweislich die Zahl der Gewaltverbrechen
Ein Staat, der tötet, richtet immer auch Unschuldige hin
Ein Staat, der tötet, befriedigt die perversen Bedürfnisse von Spießern
Ein Staat, der tötet, erhebt die Blutrache zum gesellschaftlichen Prinzip
Ein Staat, der tötet, stellt sich auf die gleiche moralische Stufe wie seine Mörder
Ein Staat, der tötet, muss mit Hilfe der Weltgemeinschaft aus dem Neandertal geführt werden
(aus dem Internet)


4. Biologie und Ethik

Spätestens mit dem Abwurf der ersten Atombombe hat die Naturwissenschaft “ihre Unschuld verloren”. Das bedeutet, dass der Wissenschaftler für mögliche Anwendungen seiner Forschungsergebnisse mitverantwortlich ist. Heute sind es vor allem auch Biologen und Mediziner, die mit Erkenntnissen aufwarten können, deren Anwendung mitunter ethisch bedenklich oder gefährlich sein könnte. Es ist daher notwendig, unsere moralischen Normen den technischen Möglichkeiten anzupassen und zu überlegen, ob – und wenn ja, wie weit – diese durch entsprechende juridische Maßnahmen eingeengt werden müssen.
 

Bioethik

Die Bioethik behandelt neben medizinischen Fragen wie Euthanasie, Schwangerschaftsabbruch usw. auch die Problematik technischer Eingriffe in die menschliche Fortpflanzung (Stichwort “Retortenbaby”) oder Manipulation am menschlichen Erbgut (Gen-Ethik).

Beispiel: Kind mit 5 Elternteilen

Wie sollen wir das folgende “Rezept” bewerten: Man nehme eine menschliche Eizelle, die auf operativem Wege dem Eierstock von Frau A entnommen wurde, befruchte sie mit dem Sperma von Herrn B, verpflanze den so entstandenen Embryo (vielleicht nach einer mehrjährigen Lagerzeit in einem Gefrierbehälter) in die Gebärmutter von Frau C und lasse das nach neun Monaten geborene Kind vom Ehepaar D & E adoptieren.

Die Frage, ob eine solche Vorgangsweise, die einem Kind fünf “Elternteile” beschert, zulässig ist, macht klar, dass sich Wissenschaft und Technik - wieder einmal - schneller entwickelten als unsere moralischen Normen: wir können etwas tun, ohne zu wissen, ob wir es tun sollen oder dürfen. Das führt uns zur Frage: Hat die Bewertung einer Ethik sich an den außermoralischen Folgen zu orientieren, die ihre Anwendung mit sich bringen würde?

Der teleologisch orientierte Konsequenzethiker (in seinem Glauben, dass eine Entwicklung von vornherein zweckmäßig sei) wird dies bejahen. Er wird zunächst vor allem die positiven Konsequenzen betonen, so die Überwindung psychisch belastender Unfruchtbarkeit oder die Verminderung von Erbkrankheiten. Es gibt aber auch Einwände: So können bei der In-Vitro-Fertilisation (Reagenzglaszeugung) auch Pannen auftreten, die ein erhöhtes Schädigungsrisiko bedeuten. Auch Missgriffe bis hin zur Menschenzüchtung durch Genmanipulation wären denkbar.

Bereits Tatsache ist die Kommerzialisierung der Reproduktionstechnologie, etwa in Form der Ammenschwangerschaft, bei der “Leihmütter” einen fremden Embryo für ein (unfruchtbares) Ehepaar austragen. In etlichen Ländern, so auch in Österreich, ist diese Praktik inzwischen verboten.

Der Deontologe (mit seiner Gesinnungsethik) wird darauf hinweisen, dass es Handlungen gibt, die auch dann unmoralisch sind, wenn sie keine negativen Konsequenzen haben. So seien Klonieren (das Züchten erbidentischer Mehrlinge) oder Chimärenbildung (Erzeugung von Mischwesen) beim Menschen Techniken, die in besonders schwerwiegender Weise gegen die Menschenwürde verstoßen.

Den beiden Standpunkten liegen zwei grundverschiedene Menschenbilder zugrunde.

· Der Konsequenzethiker betont die menschliche Selbstbestimmung. Der Mensch kann in freier Entscheidung über sein Schicksal verfügen.

Aufgabe der Ethik ist es, diese Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zu fördern: Die Ethik ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Ethik.

· Der Deontologe glaubt an die Begrenztheit dieser Autonomie. Der Mensch ist durch Gott oder die Natur festgelegt. Ethik hat diese Grenzen bewusst zu machen.

Wir haben zwischen den beiden Standpunkten zu wählen. Einen “archimedischen Punkt” gibt es nicht, es gibt keine “richtige” Lösung. Lösungen ethischer Probleme müssen in rationaler Diskussion erarbeitet werden.
 

Ökethik

Die Ökethik oder Ökologische Ethik, auch Umweltethik, befasst sich mit moralischen Belangen von Umweltschädigungen durch den Menschen: Die Menschheit ist dabei, ihre eigene Lebensgrundlage auf dem Planeten Erde zu zerstören. Eine Rettung aus der Krise ist nur möglich, wenn die angemaßte Sonderstellung des Menschen gegenüber der Natur aufgegeben wird zugunsten eines Konzepts, in dem der Mensch sich als Teil der Natur versteht und als solcher sich einzugliedern bereit ist. Der Ökethik geht es primär um die Frage, wie weit Menschen für die (v.a. belebte) Natur mitverantwortlich sind.
 

Evolutionäre Ethik

Die Evolutionäre Ethik geht davon aus, dass nicht nur unsere kognitiven Strukturen im Zuge der Evolution entstanden sind (was die Evolutionäre Erkenntnistheorie untersucht), sondern auch zahlreiche Verhaltensweisen. Viele Neigungen und Handlungsweisen sind genetisch determiniert. Unsere Antriebe oder Fähigkeiten zur sozialen Organisation sind zu einem guten Teil biologisches Erbe, das durch Erziehung und soziales Lernen nicht beliebig zu überspielen ist. Statt von einer extremen ”Formbarkeit” des Menschen auszugehen, müsse man – so meinen die Vertreter der Evolutionären Ethik – mit Grenzen dieser Formbarkeit und auch Belastbarkeit durch moralische Vorschriften rechnen.

Die Grenzen der Kulturfähigkeit seien darauf zurückzuführen, dass unsere unbewusste Natur im wesentlichen eine Anpassung an die Lebensverhältnisse des frühen Menschen als Jäger und Sammler und später als Ackerbauer und Viehzüchter darstelle. Was aber früher zweckmäßig gewesen sein mag, kann heute unvernünftig sein; was früher Überleben garantierte, mag heute Chaos und Ende bedeuten. Hans Mohr: “Die pathologische Sorglosigkeit, mit der wir uns unsinnig weiter vermehren und den Planeten vollends ausplündern, ist biologisches Erbe: Wir verstehen nicht, was wir tun.”

Wir müssen versuchen, die angeborenen Verhaltensweisen durch Vernunft und Moral stärker zu zügeln und zu kanalisieren, als dies bisher geschehen ist. Denn ohne praktische Vernunft und ohne Einsicht in die Notwendigkeit einer Traditionsanpassung werden wir die Erde als Lebensraum zerstören. Wir müssen den Spielraum, den uns die Gene lassen, besser nützen.

Bei der Konzeption einer Ethik müssen diese biologisch-genetisch-evolutiven Tatsachen genauso berücksichtigt werden wie andere Fakten einer Deskriptiven Ethik.

 Evolutionäre Ethik

  • Moralisches Verhalten ist wie Erkennen evolutionär bedingt und im Tierreich als moralanaloges Verhalten vorgegeben.
  • Eine (idealistische) Ethik, welche die menschliche Natur nicht berücksichtigt, ist zum Scheitern verurteilt.
  • Tiere kooperieren aus egoistischen Gründen, weil sie aus einem solchen Verhalten Vorteile ziehen (reziproker Altruismus).
  • Altruismus ist auf Egoismus zurückführbar. Moral soll Harmonie zwischen Egoismus und Altruismus herstellen.
  • Wir müssen versuchen, die angeborenen Verhaltensweisen zu kanalisieren und den Spielraum, den uns die Gene lassen, besser nützen.
  • Die Einsicht, Angehörige einer Spezies zu sein, sollte zu einer globalen Ethik führen und zur Idee der Mitmenschlichkeit.
  • Zu fordern ist eine Ethik, die das Überleben der Menschheit in Würde zum Ziel hat.


5. Brauchen wir eine neue Moral?

Lüge, Bestechung, “Freunderlwirtschaft” scheinen in vielen Lebensbereichen gang und gäbe zu sein. Nicht nur in der Politik, sondern auch im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft gab es immer schon Leute, die sich auf Kosten anderer bereichert und sich damit in den Augen der meisten Menschen ”unmoralisch” verhalten haben.

Mit “ohnmächtiger Wut” müssen wir zusehen, wie “wirtschaftliche Zwänge” zu systematischer Zerstörung von Lebensgrundlagen führen: die Regenwälder werden abgeholzt, die Meere verseucht, Boden und Trinkwasser vergiftet, die Luft verpestet und die Ozonschicht zerstört. Dies geschieht zwar meist nicht in böser Absicht – von bewusstem Öko-Terror und Ökokrieg abgesehen ‑ aber doch wissentlich. Letztlich geht es stets um Geld und Macht. Man denke auch an das weltweit blühende Waffengeschäfte, das immer wieder zu Kriegen führt.

Ein anderes höchst virulentes Phänomen ist der Drogenhandel, durch den zahllose Menschen ganz bewusst ins Unglück gestürzt werden.

Angesichts solcher Fakten fragt man sich, ob der Mensch überhaupt zu moralischem Verhalten fähig ist oder mit welchen Mitteln solches „erzwungen” werden könnte. Zumindest aber wird eine Rückkehr zu „alten” Werten beschworen bzw. die Forderung nach einer „neuen Moral” erhoben (wie immer, wenn Zivilisationen in bedrohliche Krisen geraten).


Hans Jonas: Das Prinzip „Verantwortung”

Hans Jonas (1903 - 1993) studierte bei E. Husserl und M. Heidegger. Im Zentrum seines ethischen Konzepts steht der Versuch einer Überwindung der Kluft zwischen Sein und Sollen. Bereits in den 60er Jahren hat er ethische Themen der Medizin aufgegriffen, insbesondere die Gefährdung der “Idee des Menschen” durch Humanexperimente und Gentechnologie.

Jonas kritisiert Ethiken, die in der heutigen Zeit die globale Wirkung von Natureingriffen nicht berücksichtigen. Der in unserer Zeit endgültig entfesselte Prometheus ruft nach einer Ethik, die sich freiwillig Zügel anlegt. Jonas geht von der derzeitigen Lage der Menschheit aus. Was der Mensch von heute tun kann und womit er konfrontiert ist, hat nicht seinesgleichen in vergangener Erfahrung. Er fordert eine Ethik der Global-Verantwortung. Solche Verantwortung erstreckt sich auf die ganze Biosphäre des Planeten. Es ist notwendig, Fernwirkungen einzukalkulieren: Jonas wandelt das Sprichwort In dubio pro reo ab zu In dubio pro malo: Aufgrund der Tatsache, dass der Mensch nicht befähigt ist, alle Vernetzungen zu analysieren, muss er, wenn er im Zweifel ist, der schlimmeren Prognose vor der optimistischen Gehör schenken. Der neue ethische Imperativ muss heute lauten: Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein! Handle im Zweifelsfall nach der pessimistischen Prognose!

Die traditionellen Moralsysteme werden nach Szczesny immer mehr durch eine weltweite Zivilisationsmoral unterlaufen. Diese ist eine Universalmoral, die es schrittweise und ohne Zwang zu verwirklichen gilt. Wir brauchen einen neuen Humanismus, eine echte menschliche Revolution, die von der Masse der Menschen akzeptiert wird; zwar nicht eine Umwertung aller Werte, aber doch eine neue zukunfts- und vor allem auch ökologisch orientierte Moral.

Der neue Humanismus muss unserem Zeitalter und dessen Krisen angemessen sein. Die neue Moral muss rational konzipiert sein, da irrationale Wertsysteme an der Realität scheitern. Bisher unantastbare Normen, die nicht mehr akzeptabel erscheinen, müssen umgestoßen werden.

Konrad Lorenz (1983) sieht eine enge Beziehung zwischen dem Schwund an Menschlichkeit und der Selbstvernichtung der Menschheit. Grundursache aller Umweltkrisen sei der egoistische Materialismus. Die Erkenntnis hat es schwer, sich gegen ein technokratisches System durchzusetzen, in dem Freude am Wachstum, Statusstreben und Machtgier dominieren. Aber auch ideologisch-dogmatische Verblendung verhindert eine Humanisierung der Menschheit. Ein grundlegendes Problem bildet auch die Überbevölkerung der Erde.

Die Idee einer Geburtenkontrolle stößt vielfach immer noch auf heftige Kritik, weil sie in Widerspruch zu alten, traditionellen moralischen Konventionen steht. Manfred SCHLAPP (1973) meint jedoch zu Recht: „Der Humanismus stirbt mit jedem neuen Menschen.”

Klassische Morallehren sind vor allem auf Individuum und private Gesinnung fixiert und von Nächstenliebe geprägt – wobei der „Nächste” meist nur der Angehörige der Familie oder der Sippe, ein Freund oder guter Bekannter ist. Der Mensch ist - wie Lorenz meint - gut genug für eine kleine Gruppe, aber nicht für eine Massensozietät.


Welche Werte sollen in einer modernen Gesellschaft gelten?

Leben nach der Goldenen Regel - Der Kommunitarismus von Amitai Etzioni

Bürger und Politiker konstatieren eine “Ego-Gesellschaft” und ein “Moral-Vakuum” und rufen nach Tugenden und Gemeinsinn. Antje Vollmer: “Wir brauchen eine zweite Umweltbewegung: den Wiederaufbau der sozialen Umwelt.” Neben den moralischen Tugenden (Aufrichtigkeit, Mitleid, Großzügigkeit) sind vor allem die Bürgertugenden (Mut, Höflichkeit, Fleiß, Anpassungsfähigkeit, Mäßigung) von Bedeutung. Sie geben dem Miteinander der Menschen eine Ordnung. Der US-Soziologe Amitai Etzioni fordert den Westen zum Wiederaufbau einer “moralischen Infrastruktur” auf. In den Schulen müsse verstärkt Werteerziehung stattfinden. Die wichtigste Instanz der Charakter- und Gewissensbildung ist die Familie. Kinder lernen zunächst am Vorbild der Eltern. Jedes schlechte Beispiel trübt die Motivation zur eigenen Tugendhaftigkeit. Laissez-faire-Erziehung aus Desinteresse oder Ratlosigkeit verhindert die Orientierung der Kinder.

Die wichtigsten Werte für eine Gesellschaft sind nach Etzioni persönliche Freiheit, eine soziale Ordnung, die auf den Werten der Mitglieder der Gesellschaft basiert und nicht auf polizeilicher Überwachung und schließlich ein vorsichtig austariertes Gleichgewicht zwischen den Freiheiten und der sozialen Ordnung. Die neue Goldene Regel, die sich an den Kategorischen Imperativ Kants anlehnt (“Handle so, wie du willst, dass die anderen handeln!”), lautet: Respektiere die soziale Ordnung der Gesellschaft genauso, wie die möchtest, dass die Gesellschaft deine persönliche Freiheit respektiert. Die soziale Ordnung beruht darauf, dass die Menschen meistens das Richtige tun, weil sie daran glauben, und andere ermutigen, auch so zu handeln. Ein gewisser Druck -oder besser eine Ermutigung- ist nötig, damit die Menschen auf dem Pfad der Tugend bleiben.

Eine neue Bewegung legt jetzt auch bei Kleinigkeiten wieder Wert auf Normen. So wird es nicht mehr toleriert, wenn die Leute das Radio zu laut stellen oder die Straße als Toilette benutzen. Folge: Wenn man kleinere Verstöße nicht zulässt, dann gehen auch die ernsten Delikte zurück.

Es geht darum, eine der Natur des Menschen und unserer Krisenzeit angepasste Moral zu schaffen. Diese muss menschengerecht, sachgerecht (z. B. umweltgerecht) und praktikabel sein. Zuerst gilt es, allgemeine Ziele festzusetzen, die durch die “neue” Moral erreicht werden sollen. Und da offensichtlich verschieden Ziele angenommen werden können, ergibt sich die Forderung nach Toleranz gegenüber anderen Letztzielen.

Ein mögliches Ziel wäre etwa das Überleben in Würde. Die entsprechende Supernorm würde dann lauten: “Die Menschheit soll überleben!” Denkbar wäre auch ein weniger menschenbezogener Standpunkt, der sich in folgender Forderung ausdrückt: „Die Biosphäre soll möglichst so, wie sie ist, erhalten bleiben!”

Während im ersten Zielbeispiel der Mensch im Mittelpunkt steht, wird bei Annahme der zweiten Supernorm moralisches Verhalten auch in Bezug auf alle anderen Lebewesen gefordert. Es gibt also verschiedene Standpunkte, die einer neuen – ökologisch orientierten – Ethik zugrunde gelegt werden können.
 
 

Modelle einer Umweltethik

(nach Hafemann, Michael in "Psychologie heute" 2/1988)

Die zahlreichen Umweltprobleme und Umweltkatastrophen machen deutlich, dass unser Umgang mit der Natur egoistisch, kurzsichtig und von mangelndem Verständnis für die großen Zusammenhänge gekennzeichnet ist. Verschiedene Modelle einer ökologischen Ethik stehen zur Diskussion.

Anthropozentrische Umweltethik

Ziel ist die Erhaltung der Umwelt für den Menschen. Er steht im Mittelpunkt. Er darf die Natur nicht beliebig zerstören, weil er sich dadurch letztlich selbst schadet.

Pathozentrische Umweltethik

Auch Tiere haben Anrecht auf optimales Wohlergehen, vor allem soweit sie (vermutlich!) schmerzfähig sind. (Tierhaltung, Tierversuche!)

Biozentrische Umweltethik

Alle Lebewesen haben Rechte und müssen dementsprechend behandelt werden. Im Extremfall dürfte auch ein schädliches oder gefährliches Tier nicht getötet werden.

Holistische Umweltethik

Da die belebte Natur ohne die unbelebte nicht möglich ist, muss die Natur als Gesamtheit erhalten werden.

Der Mensch ist Bestandteil der Natur und er muss in ihr überleben. So muss jede ökologische Ethik letztlich menschbezogen (anthropozentrisch) sein. 



Die “neue” Ethik

Eine neue, ökologisch orientierte Ethik sollte auf zweifache Weise eine Fernethik sein: sie muss auch das Wohl künftiger Generationen zu ihrem Anliegen machen, und sie muss global gelten, also die gesamte Menschheit einbeziehen.

Die schonende Nutzung der Lebensgrundlagen, ihre Erhaltung, Pflege und Regeneration darf nicht weiterhin Angelegenheit nur einiger selbsternannter Natur- und Umweltschützer bleiben. Sie muss überlebenswichtiges Anliegen aller werden. Es gilt die Maxime: Handle so, dass die Überlebensinteressen aller heutigen und künftigen Lebenssysteme – auch zum Vorteil des Menschen – gewährleistet sind!

Diese Maxime sollte ein neues Konsumdenken zur Folge haben, das ein Verschwenden von Rohstoffen nicht mehr duldet und an eine Selbstbeschränkung jedes einzelnen appelliert.

Weltweite Solidarität und Zusammenarbeit, Arbeitsteilung und Brüderlichkeit sind wichtige, aber sehr schwer erfüllbare Forderungen an eine zukünftige Ethik. Schwer erfüllbar deshalb, weil sie über den unmittelbaren Lebensbereich des einzelnen weit hinausgreifen und daher schwer zu vermitteln sind.
 

Hedonismus als zeitgemäße Ethik (?)

(nach einem Vortrag von Bernulf Kanitscheider)

Das Programm des Hedonismus ist ein individualistisches Lebensideal, in dem das eigene Glück das Ziel ist. Der Mensch strebt von Natur aus nach Lust. Nicht die Vernunft, sondern die Erfahrung liefert den obersten Wert. Aufgabe der Vernunft ist es, das Begehren zu verwalten. Sie wird nicht gebraucht, um eine Tugendlehre zu begründen, sondern zur Bilanzierung von Lust und Unlust. Da auf Ausschweifungen jeder Art nur um so schmerzhaftere Rückschläge zu folgen pflegen, muss die Vernunft das Streben nach Glück leiten und zügeln.

Epikur von Samos (um 300 v.Chr.) lehrte einen verfeinerten Hedonimus, den er auf empirischer Basis aufbaute. Erst muss man den Menschen aufklären über die vielen metaphysischen Illusionen, denn die Furcht vor den traditionellen Göttern steht dem Glück im Wege, die Furcht vor dem Tode führt zur Täuschung des Glaubens an die Unsterblichkeit der Seele. Die hedonistische Ethik ist eine von metaphysischer Sparsamkeit getragene Lebensphilosophie. Anerkennung des Lustprinzips Vernunft reichen zu ihrer Konstituierung aus. Es werden keine metaphysischen Voraussetzungen (wie Götterlehre, Unsterblichkeit der Seele, Vorsehung) benötigt. Aufgrund dieser Unabhängigkeit von äußeren Sinnbezügen und seiner Autonomie kann der Hedonismus gerade heute als lebensphilosophische Option einer naturalistischen Weltsicht gelten.

Diese sparsame Basis macht den Hedonismus zur geeigneten Ethik für die moderne Zeit, in der einerseits das naturwissenschaftliche Weltbild vorherrschend ist und andererseits das individuelle Glück der Person im Mittelpunkt steht.

Die Auffassung, Hedonisten seien egoistische Lustoptimierer, die sich um keine Tugenden, nicht um die Gemeinschaft, ja nicht einmal um das Wohlergehen der Objekte ihrer Begierde kümmern, wäre voreilig. Hedonisten anerkennen Tugenden, deuten diese jedoch anders: Der Wert der Tugend ist nicht absolut, sondern instrumentell. Tugenden dienen dazu, das angenehme Leben zielstrebig zu erreichen.

Beispiel Gerechtigkeit: Der Ungerechte kann nie sicher sein, dass seine Übervorteilung von Mitmenschen für alle Zukunft verborgen bleibt; dadurch wird seine Gemütsruhe und Glückseligkeit beeinträchtigt – und zwar mehr, als die rechtswidrig angeeigneten Güter es gut machen können. Andererseits tragen Wohlwollen, Liebe und Unterstützung zu unserer ausgeglichenen Seelenverfassung bei. Freunde sind nicht nur wichtig, weil sie uns Wohltaten erweisen, sondern auch das Gute, das wir ihnen tun, zu unserem eigenen angenehmen Leben beiträgt. Dies gilt auch bei ökologischen Überlegungen über eine lebenswerte Umwelt für unsere Nachkommen. Tugenden ergeben sich aus folgenorientierten Klugheitsüberlegungen. Wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft vorausdenkende Egoisten wären, wären keine Gesetze vonnöten.

Die Metaphysikfreiheit der epikureischen Lehre führte zu heftigen Abwehrreaktionen. Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. wird der Epikureismus zum Gegenstand christlicher Polemik und verschwindet. Erst in der Renaissance wird die Philosophie der Lebensfreude wieder erweckt. In der Zeit der Aufklärung war Julien Offray de la Mettrie der radikalste Verteidiger einer lustorientierten Ethik. Im 19. Jahrhundert kommt die Tradition der Lustethik unter dem Einfluß der kantischen Pflichtethik fast ganz zum Erliegen. Nur im angelsächsischen Raum hielt sich ‑ getragen durch den Utilitarismus ‑ eine Lebensphilosophie hedonistischer Prägung. So meinte David Hume, “Die Vernunft ist die Sklavin der Leidenschaften sie soll es bleiben.” In unserem Jahrhundert betont Bertrand Russell eines der hedonistischen Wesensmerkmale, die Bedeutung des Augenblicks, auf die schon Horaz (carpe diem) hingewiesen hatte. Auch Herbert Marcuse kommt von einer gänzlich anderen philosophischen Ausgangsposition zu einem hedonistischen Gesellschaftsmodell: Wir brauchen ein neues Verhältnis zur Arbeit, das nicht mehr ausschließlich dem Leistungsideal, sondern auch dem Lustprinzip verpflichtet ist. Er beantwortet auch die Frage, warum das Modell so wenig Akzeptanz gefunden hat. Der Hedonismus ist antiautoritär, unbrauchbar für Ideologien und er lässt sich nicht zur Rechtfertigung einer Ordnung verwenden, die mit Unterdrückung der Freiheit verbunden ist. Helmut Schelsky: “Das beste Instrument zum Erzwingen von Angst und Gehorsam ist die Unterdrückung der Triebsphäre.”

 

Die 6 Haupt-Moraltypen der Gegenwart

Nach Robert Wuthnow

“Hauptsache ich”

die individualistischen Utilitaristen

(Utilitarismus = reines Nützlichkeitsdenken). Tun das, was den eigenen Interessen förderlich ist. Kein Widerstand, wenn sie ethisch Bedenkliches tun müssen.

“Jawoll, Chef!”

Die Gruppen-Utilitaristen.

Tun das, was dem Arbeitgeber (bzw. Einer anderen Autorität, der sie sich verpflichtet fühlen) nützlich ist, auch wenn es fragwürdig ist.

“Irgendwie find’ ich das Kacke”

Die Gefühlsmoralisten.

Lassen sich in ihren Wertentscheidungen von (oft spontanen) Emotionen leiten (nicht unbedingt vom Gewissen).

“Ich will helfen”

Die Altruisten.

Wollen andere Menschen unterstützen, auch wenn sie sich dafür über Normen hinwegsetzen müssen.

“Das muss einfach so sein”

Die Moral-absolutisten.

Glauben zu wissen, was gut und böse ist, lassen keine Relativierung zu.

“Das ist Gottes Gesetz”

Die Religiösen Moralisten.

Tun das, von dem sie glauben, dass Christus (bzw. ein anderer Religionsstifter) es tun würde.


6. Macht und Recht

Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Es liegt in seiner Natur, Gruppen zu bilden. In jeder Gruppe aber findet eine Rollendifferenzierung statt. Besonders wichtig ist dabei die Führerrolle.

Es liegt nahe zu vermuten, dass sich bereits bei unseren frühesten Vorfahren kräftige und mutige Männer etwa bei der Jagd oder bei Stammeskriegen besonders hervortaten und daher zu Anführern aufstiegen. Durch Eroberungsfeldzüge mögen solche Stammeshäuptlinge ihr Territorium ausgeweitet haben und so immer mächtiger geworden sein. Ein Herrscher regierte ursprünglich vermutlich meist autoritär. Er besaß große Macht über seine Untertanen.

Erst von der Aufklärung gingen jene Impulse aus, die den schrittweisen Wandel von absolut regierten Staaten über die Gewaltentrennung im Staat zur parlamtentarischen Demokratie auslösten. In einer parlamentarischen Demokratie “geht alle Macht vom Volke aus” – wenigstens auf dem Papier. Vielfach freilich sind an die Stelle eines absolut regierenden Herrschers Strukturen getreten, mit deren Hilfe einige wenige die Mehrzahl der Staatsbürger fallweise nicht weniger wirksam beeinflussen als die Zwangsbeglücker eines überwundenen Obrigkeitsstaates. Daneben gibt es eine Reihe von Staaten, deren Bewohner unter diktatorischen Regimen zu leiden haben. Einen Tyrannen zu stürzen ist äußerst schwierig und von innen her oft fast unmöglich, weil ein ausgeklügeltes Spitzel- und Unterdrückungssystem dies wirkungsvoll zu verhindern weiß. Heute gibt es zwar von der UNO deklarierte Menschenrechte, aber diese werden weltweit immer wieder verletzt.


Naturrecht oder positives Recht?

Auch wenn das Recht nach der Verfassung einer parlamentarischen Demokratie “vom Volke aus geht”, so sind es doch einige wenige Rechtsgelehrte, welche die Gesetzte machen. Eine wesentliche Voraussetzung dafür sind gewisse Moralvorstellungen, von denen sich die Verantwortlichen leiten lassen müssen. Dabei sind gewisse Zielvorstellungen - wie “optimales Zusammenleben der Menschen in möglichst großer Freiheit” – notwendig.

Die Auffassung, dass man Rechtsnormen aus der Natur des Menschen ablesen könne, bezeichnet man als Naturrechtslehre. Der Grundgedanke des Naturrechts ist auf den ersten Blick naheliegend: Der Mensch ist nicht nur ein Produkt seiner Kultur, sondern auch das Ergebnis einer langen Entwicklung oder einer Schöpfung Gottes. In beiden Fällen muss er eine bestimmte eigene “Natur” haben. Wenn es gelänge, diese Natur (das “Wesen”) des Menschen zu erkennen, so müsste es möglich sein, aus dieser Natur Rechte des Menschen abzuleiten.

Hinter der Naturrechtslehre verbirgt sich vielleicht der Wunsch, das gewollte oder gerade geltende Recht als ursprüngliches und unabänderliches Recht zu deklarieren. Von einem Naturrecht kann man nur in einem anderen Sinn sprechen, nämlich in Hinblick auf jene “natürlichen”, biologisch vorgegebenen Verhaltensregeln, ohne deren Beachtung der Bestand der Gesellschaft gefährdet wäre und die daher in jede Rechtsordnung aufzunehmen sind. “Ethische Forderungen, die nicht von konkreten biologischen Gegebenheiten ausgehen, sind unsinnig.” (Wickler 1972)

Der Gegensatz zum Naturrecht ist das positive (von Menschen gesetzte) Recht. Der Rechtspositivismus bestreitet die Möglichkeit absoluter Rechtsnormen und Werte mit dem Hinweis auf die großen Unterschiede der Rechtssysteme der einzelnen Völker in Vergangenheit und Gegenwart.

Er verweist dabei auf die durch seine intellektuellen Fähigkeiten gegebene Verhaltensformbarkeit des Menschen. Auch gibt es bezüglich der Werte, die in den verschiedenen Kulturen geschätzt wurden, außerordentlich große Unterschiede. Abgesehen davon, dass kein einziger Rechtssatz tatsächlich bei allen Völkern und zu allen Zeiten in Geltung war, könnte das “ideale Naturrecht” auch niemals ergänzend oder korrigierend auf das jeweils geltende Recht einwirken, weil ersteres ja unveränderlich wäre.

Wie so oft dürfte auch hier die Wahrheit in der Mitte liegen. Zwar gibt es sicher kein aus der Natur des Menschen direkt ableitbares Naturrecht (aus dem Sein ist überhaupt kein Sollen deduzierbar), wohl aber gibt es biologisch verankerte und daher empirisch auffindbare Verhaltensnormen, die das Verhalten des einzelnen in überschaubaren Gruppen regeln und insofern allgemein gültig sind. Als vernunftbegabtes Wesen kann der Mensch freilich andere Wertordnungen und ihnen entsprechende Verhaltensregeln setzen, als sie triebmäßig vorgegeben sind. Eine solche Vergewaltigung seiner Natur war allerdings noch nie zu seinem Besten. Denn „idealistische Ethiken enthalten Gebote, die die menschlichen Möglichkeiten so falsch einschätzen oder überfordern, dass sie zwangsläufig zum Scheitern verurteilt sind; idealistische Ethiken stellen Verhaltensregeln auf, denen zeitlich bedingte Gültigkeit zukommt, die aber Übles zur Folge haben, wenn man für sie immerwährende Gültigkeit beansprucht.” (Szczesny 1971)


7. Hat das Leben einen Sinn?

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben.…Wenn ich mich frage, weswegen diese Frage dringlicher als irgendeine andere ist, dann antworte ich: der Handlungen wegen, zu denen sie verpflichtet. […] Galilei, der eine schwer wiegende wissenschaftliche Wahrheit besaß, leugnete sie mit der größten Leichtigkeit ab, als sie sein Leben gefährdete. […] Diese Wahrheit war den Scheiterhaufen nicht wert. […] Dagegen sehe ich viele Leute sterben, weil sie das Leben nicht für lebenswert halten. Andere wiederum lassen sich paradoxerweise für Ideen oder Illusionen umbringen, die ihnen einen Grund zum Leben bedeuten (was man einen Grund zum Leben nennt, das ist gleichzeitig ein ausgezeichneter Grund zum Sterben). Also schließe ich, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens die dringlichste aller Fragen ist. Wie sie beantworten?” (Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos)

Im Gegensatz dazu hielten etwa die Empiristen des Wiener Kreises die Fragen nach dem Lebenssinn für ein Scheinproblem und lehnten daher eine Stellungnahme von der Philosophie her ab.

Nun ist aber die Frage nach dem Lebenssinn für jeden einzelnen von höchster Bedeutung. Sie lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass man sie zu einem Scheinproblem erklärt. Zeigt eine genauere Analyse, dass die Fragestellung unklar oder gar semantisch unzulässig ist, so muss zunächst versucht werden, sie zu präzisieren. Sollte sich dann herausstellen, dass die Frage wissenschaftllich in keiner Weise beantwortet werden kann, so ist doch mit der Klärung des Problems einiges geleistet: etwa dass die Beantwortung der Sinnfrage an den Glauben zurückverwiesen oder die Sinngebung dem einzelnen überantwortet werden muss.

Der Mensch neigt dazu, Angst und Ungewissheit zu beseitigen, indem er allem Handeln und schließlich dem ganzen Leben einen Sinn zu verleihen sucht. Unser Verlangen nach Sinngebung ist sicherlich eine der Wurzeln aller Religionen. Ideologien und Religionen behaupten, einen absoluten Sinn des Lebens zu kennen. Dabei ist interessant, dass die meisten Lebensdeutungen pessimistisch sind. So ist für den Buddhismus alles Leben Leid, von dem es sich zu befreien gilt.

Für den Christen ist der Wille Gottes zwar „unerforschlich”, gibt jedoch dem menschlichen Leben immer einen (oft verborgenen) Sinn.

Heute werden die Antworten der Religionen auf die Lebenssinnfrage von vielen Menschen nicht mehr als befriedigend empfunden. Deshalb machen sich Aberglaube und oft äußerst menschenverachtende miese Ersatzreligionen in erschreckendem Maße breit. Die Tatsache, dass es auch zufriedene glückliche Menschen gibt, die nach einem Sinn des Lebens gar nie fragen, weil sie ein sinnerfülltes Leben führen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass zahlreiche Menschen in Angst und Unsicherheit leben, existenziell frustriert sind, einem existenziellen Vakuum leben, an einer Sinnlosigkeitsneurose leiden (Viktor Frankl). Dem modernen Menschen fehlt die existenzielle Geborgenheit, die ihm früher der überlieferte Glaube gab.


Der Tod und der Sinn des Lebens

Andererseits ist es gerade die Absurdität des Todes, die den Menschen immer wieder drängt, die Frage nach dem Sinn dieses kurzen und oft leidvollen Lebens zu stellen. Besonders der zufällige Tod vor allem junger Menschen erscheint uns sinnlos. Camus: „Es ist widersinnig, dass wir geboren werden, und ebenso, dass wir sterben.” Nach Camus ist die ganze Welt ohne Sinn, das Leben hoffnungslos. Der Tod ist nur durch Verachtung zu besiegen. Das Absurde hat Sinn, indem man sich mit ihm abfindet. Je weniger Sinn, desto besser wird das Leben gelebt.

Jede Antwort auf die Lebenssinnfrage muss den Tod mitbedenken. Die Versuche, dem Tod seine Unheimlichkeit zu nehmen, sind zahllos. Die Idee der Unsterblichkeit oder einer Seelenwanderung sind Beispiele dafür.

Seneca meint ”Der wolle nicht leben, der nicht sterben will. Denn das Leben ist uns mit der Bedingung des Todes geschenkt, er ist der Weg zu diesem Ziel. Unsinnig ist es daher, den Tod zu fürchten; denn nur das Ungewisse fürchtet man, dem Gewissen sieht man entgegen. Der Tod bedeutet eine gerechte und unabwendbare Notwendigkeit. Wer wollte sich beklagen, in einer Lage zu sein, in der sich alle ausnahmslos befinden. …Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung des Todes. Der Tod ist die Erlösung von allen Schmerzen und völliges Aufhören; über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus.”

Noch einprägsamer bagatellisiert Epikur den Tod: „Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an, weil, solange wir sind, der Tod nicht da ist; ist er aber da, so sind wir nicht mehr.”

Diese Interpretationen übersehen, dass

  • dem Toten zwar nichts mehr Böses, aber auch nichts Gutes widerfahren kann;
  • wir uns so sehr vor dem Totsein als vor den Umständen des Sterbens fürchten;
  • wir uns vor allem grämen über den Verlust lieber Mitmenschen;
  • der Mensch den Drang nach einer unbegrenzten Zukunft hat und oft unfähig ist, sich vorzustellen, einmal nicht mehr zu sein.

Was jedoch dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn. Bertrand Russell: „Das Glück ist wahr, auch dann, wenn es ein Ende finden muss, und auch das Denken und die Liebe verlieren nicht ihren Wert, weil sie nicht ewig währen.”


Arten von Lebenssinn

Während der gläubige Mensch den von seiner Religion vorgegebenen Lebenssinn übernimmt, muss der kritische Philosoph versuchen, auf andere Weise einen solchen zu finden.

Zunächst sind einige Begriffe, die in diesem Zusammenhang auftreten zu analysieren: Sinn, Wert, Ziel, Zweck.

Einen Sinn oder Wert “an sich” gibt es nicht. Er haftet keinem Ding oder Ereignis an, sondern wir vom Menschen zugeschrieben. Etwas erhält für mich einen Sinn, wenn ich ihm einen Wert beimesse. Auch von Ziel oder Zweck kann nur geredet werden, wo es Zielsetzungen durch ein bewusst handelndes intelligentes Wesen gibt. Sinn besteht in der Verwirklichung eines gesetzten Ziels, das von mir als wertvoll angesehen wird. Und was mir heute erstrebenswert erscheint, ist es morgen möglicherweise nicht mehr. Was mir wertvoll erscheint, ist für einem anderen vielleicht wertlos. Sinn, Wert, Ziel und Zweck sind relative Begriffe. Etwas ist immer für jemanden wertvoll oder sinnvoll.

Das bedeutet, dass ein objektiver, für alle Menschen verbindlicher Sinn des Lebens außerhalb desselben liegen müsste und daher für uns nicht erkennbar wäre. Nur eine überirdische metaphysische Instanz würde diesen Sinn kennen. Die Frage ist nur, was hätten wir davon.

Der österreichische Philosoph Robert Reininger (1947) schreibt: “Die Zielsetzung, die einen Lebenssinn gewähren soll, kann vom einzelnen selbst ausgehen, sie könnte aber ebensogut auch von außen an ihn herantreten und sich ihm als unabweisbar darbieten. ”Letztlich aber spricht Reininger vom „egozentrischen Charakter” der Lebenssinnfrage. Das heißt: Jeder muss für sich selbst entscheiden, worin für ihn sein ganz subjektiver Lebenssinn liegt. Wir selbst haben es in der Hand, unserem Leben ein ganz individuelles Ziel, einen Sinn zu geben. Der Mensch ist in der Beantwortung der Lebenssinnfrage autonom. Verschiedene Autoren geben recht unterschiedliche Lebensziele an.

Reininger unterscheidet drei mögliche Sinninhalte:

a) Selbsterhaltung (Biologismus),

b) Selbstbeglückung (Hedonismus),

c) Selbstvervollkommnung (Perfektionismus)

mit den Oberwerten Leben, Glück und Vollkommenheit.

Die Psychologin Charlotte Bühler fand auf Grund von Lebenslaufanalysen vier Menschentypen, die unterschiedliche Lebensziele verfolgen:

a) Der expansiv Schaffende sieht die Erfüllung seines Lebens vor allem im Aufbau von Besitz, im Herstellen von Produkten und Leistungen, die er auch der Nachwelt zu übermitteln hofft und die seine Identiät überdauern.

b) Den sich anpassenden Typ befriedigt die Einordnung in die gegebene Umwelt, in Kultur und Natur.

c) Der dritte Typ ist in erster Linie auf Befriedigung von Genüssen, auf Liebe, Glück und ein schönes Leben bedacht.

d) Zur vierten Gruppe gehören Menschen, denen ihr Seelenfriede am wichtigsten ist. Sie legen Wert auf Harmonie und ein gutes Gewissen.

Roy Baumeister zählt vier Bedürfnisse auf, die das psychologische Gerüst jeder Sinn-Konstruktion darstellen:

a) Das Leben ist sinnvoll, wenn es darin Ziele gibt.

Neben den Alltagszielen gibt es weitergreifende Ziele (Glück, Zufriedenheit, Bedürfnislosigkeit, Liebe, Traumjob). Meist entpuppen sich diese Erfüllungs-ziele als Mythos, dem ein Leben lang vergeblich nachgejagt wird.

b) Das Leben ist sinnvoll, wenn es von festen Wertvorstellungen geprägt wird.

Je sicherer jemand in Religion oder ethischen Wertsystemen verankert ist, desto leichter gewinnt er auch “sinnlosen” Ereignissen einen Sinn ab.

c) Das Leben ist sinnvoll, wenn Menschen das Gefühl haben es zu kontrollieren. Die Überzeugung, das eigene Geschick zu lenken oder

 
zumindest beeinflussen zu können, ist sinnbegünstigend.

d) Das Leben ist sinnvoll, wenn Menschen das Gefühl haben, wertvoll und wichtig zu sein. Das Selbstwertgefühl kann sich aus Leistung, Gefühl der Überlegenheit oder auch aus der Zugehörigkeit zu einer Prestige-Gruppe speisen.

Viktor Frankl sieht folgende Möglichkeiten, das Leben „mit Sinn anzureichern”:

a) Bewusstes Erleben von Natur oder Kunst;

b) Begegnung und Liebe zu einem Menschen;

c) Kreativ ein Werk schaffen, durch sich einer Aufgabe völlig hingeben;

d) Hinnehmen, was nicht zu ändern ist (Leid zu einer Leistung umgestalten). Nietzsche: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.”

Da wir also einen für alle Menschen gültigen absoluten Sinn nicht zu erkennen und „das große Glück” wohl selten zu erreichen vermögen, muss jeder einzelne sein Leben durch viele kleine Dinge, die uns glücklich machen, mit „Sinn anreichern”. Dies gibt schließlich auch dem Ende des Lebens, dem Tod, einen Sinn.

Es liegt an jedem einzelnen, sein Leben Tag für Tag sinnvoll zu gestalten. Carpe diem! (Pflücke den Tag! aus einer Ode von Horaz) Nicht zuletzt kann uns der Humor - der nur dem Menschen mögliche Abstand zu ärgerlichen Dingen – wenigstens in nicht allzu ernsten Situationen helfen, das Dasein als sinnvoll zu erleben.


Zusammenfassung „Ethik“

(1) Ethik ist die Lehre von der Moral. Sie betrifft die Gesinnung, sagt, was gut und böse ist. das Recht regelt eher das äußere Verhalten der Menschen, es legt fest, was erlaubt und verboten (strafbar) ist.

(2) Bei allen Völkern gab und gibt es einen Moralkodex, oft verbunden mit Religion. Auch jede Philosophie versucht die Frage nach dem richtigen Handeln und Leben zu beantworten.

(3) Die normative Ethik versucht moralische Normen aufzustellen, die Meta-Ethik fragt nach Sinn und Funktion moralischer Begriffe und Urteile sowie nach der Möglichkeit einer Begründung von Normen. Die empirisch-deskriptive Ethik untersucht konkrete historische Moralauffassungen sowie ihre biologisch-evolutiven Voraussetzungen.

(4) Die Verankerung (Grundlegung) moralischer Normen erfolgt am besten im Konsens über bestimmte Grundwerte und oberste Ziele, die durch moralisches Verhalten erreicht werden sollen. Im Gedankenexperiment “Schleier des Nichtwissens” (wir wissen nicht, welche Rolle wir in der Gesellschaft spielen) können wir uns in beliebige Rollen versetzen und uns fragen, ob wir auch in diesen bestimmte Normen befürworten würden.

(5) Gerechtigkeit und Fairness sind neben der Achtung der personalen Würde jedes Menschen (auch einer künftigen Generation!) Bausteine einer zeitgemäßen Ethik. Jedes moralische Normensystem sollte auch die Triebstruktur des Menschen berücksichtigen, da es sonst zum Scheitern verurteilt ist.

(6) Die normative Ethik untersucht die Frage “Was soll ich tun?”. Während deontologische Theorien vor allem die Gesinnung berücksichtigen (hier spielt auch das Gewissen eine wichtige Rolle), beurteilen teleologische Theorien vor allem die Folgen einer Handlung. In der Rechtspraxis ist ein Mischsystem notwendig (sonst wäre etwa Mord von Totschlag nicht unterscheidbar).

(7) Das Problem der Willensfreiheit ist im Sinne eines wohlverstandenen Determinismus lösbar. Letztlich entscheiden wir entsprechend unserer Persönlichkeitsstruktur. Frei sein heißt bestimmt sein von innen.

(8) Neue Möglichkeiten der Biologie und Medizin werfen neue ethische Probleme auf: Genmanipulation am Menschen, Reagenzglasbefruchtung, Leihmutterschaft, Cloning, Euthanasie.

(9) Die Ökethik befasst sich mit der moralischen Verantwortung des Menschen für seine (v.a. lebendige) Umwelt.

(10) Die evolutionäre Ethik betont die stammesgeschichtliche Bedingtheit auch des moralischen Handelns.

(11) Zu fordern ist eine “neue” Ethik, die auch das Wohl ferner Menschen und künftiger Generationen berücksichtigt.

(12) Für den Einzelnen scheint ein wohlverstandener Hedonismus akzeptabel, der über das eigene Glück auch das des Nächsten nicht aus dem Auge verliert.

(13) Die Lehre vom Naturrecht besagt, dass die Normen menschlichen Handelns aus der “Natur des Menschen” abgeleitet werden können. Der Rechtspositivismus bestreitet diese Möglichkeit. Aus dem Sein folgt kein Sollen. Normen werden vielmehr bewusst vom Menschen gesetzt.

(14) Ein für alle Menschen gültiger umfassender Lebenssinn ist rational nicht auffindbar. Jeder einzelne muss den Sinn seines Daseins selbst finden. Ein wichtiges Element der Lebenskunst ist der Humor und die Fähigkeit, über den Dingen zu stehen.
 

Texte zur Ethik

Warum soll ich gut sein?

(Martens, Ekkehard: Zwischen Gut und Böse, 1997)

Warum ich gut sein soll und was dies im einzelnen bedeutet, lässt sich daher weder durch Berufung auf Gott, die Natur oder die Vernunft als absolute Instanz bestimmen. Wer wir als Menschen sind oder sein sollen und was wir jeweils zu tun haben, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit bestimmen. Warum aber, so bleibt trotzdem zu fragen, sollen wir gut sein, und was beinhaltet diese Forderung genauer? Offensichtlich gibt es für das »gut sein« weder absolute Instanzen, auf die wir uns als Begründung berufen könnten, noch sichere Argumente, die uns zu einer bestimmten Einsicht zu bewegen vermöchten. Allerdings wird vermutlich jeder zustimmen, dass wir einen Menschen gut nennen, wenn er in seinem Denken und Tun nicht nur seine eigenen Interessen berücksichtigt, sondern auch die Interessen anderer Menschen, vielleicht sogar anderer Lebewesen oder der Natur generell. Warum aber sollten wir die Interessen anderer berücksichtigen? Wenn uns die Berücksichtigung der Interessen anderer selber nicht weiter schadet und kurz- oder langfristig sogar nutzt, entstehen dabei keine weiteren Probleme. Erst bei einer Einschränkung unserer Eigen- durch Fremdinteressen oder bei einer Nullsumme, wenn wir »nichts davon haben«, stellt sich uns die Frage, warum wir selbstlos oder moralisch gut sein sollen. Warum also sollen wir gut sein? Offensichtlich haben wir keine »letzten« Gründe, um diese Frage zu beantworten. Auch die Berufung auf ein Gericht im Jenseits ist keine Antwort, da sie nicht Selbstlosigkeit, sondern lediglich klugen Eigennutz durch das Prinzip von Lohn und Strafe begründet. Für eine mögliche Antwort müssen wir daher nach Gründen suchen, für die wir selber die Verantwortung übernehmen. Sich verantworten aber kann nur jemand, der sich entscheiden kann und entschieden hat. Daher können wir uns zur Beantwortung unserer Frage vorstellen, dass wir uns in einer Entscheidungssituation befinden. Auf der einen Seite haben wir eine “gute” Lebensweise vor Augen, in der jeder Mensch oder jedes Lebewesen in seinen Rechten zu respektieren ist, auf der anderen Seite eine “schlechte” Lebensweise, in der die Rechte anderer lediglich für die eigenen Zwecke als Mittel instrumentalisiert werden.

   

Gut ist die Lust

(Epikur: Von der Überwindung der Furcht; hrsg. v. Gigon 1949)

Dafür, dass die Lust das Lebensziel ist, liegt der Beweis darin, dass die Lebewesen von Geburt an daran Gefallen finden, dagegen dem Schmerz naturgemäß und ohne Überlegung sich widersetzen. Aufgrund unserer eigenen Erfahrung also fliehen wir den Schmerz. [...] Für Menschen, die zu überlegen fähig sind, enthält der wohlgefestigte Zustand des Fleisches und die zuverlässige Hoffnung im Bezug auf ihn die höchste und sicherste Freude. Man muss das Edle, die Tugenden und dergleichen Dinge schätzen, wenn sie Lust verschaffen; tun sie dies nicht, dann soll man sie fahren lassen.

 

Ist unser Wille frei?

(Schopenhauer, Arthur: Die beiden Grundprobleme der Ethik. In: Sämtliche Werke, Bd. 3, 1968)

Um die Entstehung dieses für unser Thema so wichtigen Irrtums speziell und aufs deutlichste zu erläutern, wollen wir uns einen Menschen denken, der auf der Gasse stehend zu sich sagt: “Es ist sechs Uhr abends, die Tagesarbeit ist beendigt. Ich kann jetzt einen Spaziergang machen; oder ich kann in den Klub gehen; ich kann auch auf den Turm steigen, die Sonne untergehen zu sehen; ich kann auch ins Theater gehen; ich kann auch diesen, oder aber jenen Freund besuchen; ja, ich kann auch zum Tor hinauslaufen in die weite Welt und nie wieder kommen; tue jedoch davon jetzt nichts, sondern gehe ebenso freiwillig nach Hause zu meiner Frau.” Das ist geradeso, als wenn das Wasser spräche: “Ich kann hohe Wellen schlagen (ja! nämlich im Meer und Sturm), ich kann schäumend und sprudelnd hinunterstürzen (ja! nämlich im Wasserfall), ich kann frei als Strahl in die Luft steigen (ja! nämlich im Springbrunnen) usw.; tue jedoch von dem allen jetzt nichts, sondern bleibe freiwillig ruhig und klar im spiegelnden Teiche.”

Wie das Wasser jenes alles nur dann kann, wenn die bestimmenden Ursachen zum einen oder zum anderen eintreten, ebenso kann jeder Mensch, was er zu können wähnt, nicht anders, als unter derselben Bedingung. Bis die Ursachen eintreten, ist es ihm unmöglich: dann muss er es, so gut wie das Wasser, sobald es in die entsprechenden Umstände versetzt ist. Ebenso irrig meint mancher, indem er eine geladene Pistole in der Hand hält, er könne sich damit erschießen. Dazu ist das wenigste jenes mechanische Ausführungsmittel, die Hauptsache aber ein überaus starkes und daher seltenes Motiv, welches die ungeheure Kraft hat, die nötig ist, um die Lust zum Leben oder richtiger, die Furcht vor dem Tode zu überwiegen; erst nachdem ein solches eingetreten, kann er sich wirklich erschießen, und muss es; es sei denn, dass ein noch stärkeres Gegenmotiv, wenn überhaupt ein solches möglich ist, die Tat verhindere.

Ich kann tun, was ich will: ich kann, wenn ich will, was ich habe, den Armen geben und dadurch selbst einer werden, - wenn ich will! Aber ich vermag nicht, es zu wollen, weil die entgegenstehenden Motive viel zuviel Gewalt über mich haben, als dass ich es könnte. Hingegen, wenn ich einen anderen Charakter hätte, und zwar in dem Maße, dass ich ein Heiliger wäre, dann würde ich es wollen können; dann aber würde ich auch nicht umhin können, es zu wollen, würde es also tun müssen.

 

Deontologische und teleologische Ethik

Morscher, Edgar: Ethik und Technik. In: Neumaier (Hrsg.): Wissen und Gewissen, 1986)

Man ist sich heute weitgehend einig, dass sowohl ein extrem deontologischer Standpunkt unhaltbar ist, weil er unter Umständen – wie bei Kant – unter dem Deckmantel der Moralität sogar unmenschliche Handlungen rechtfertigt, als auch ein rein teleologischer, weil er dazu führen kann, dass offenkundige Ungerechtigkeiten moralisch zulässig sind; nicht einmal bei der utilitaristischen Version des teleologischen Standpunkts sind solche Ungerechtigkeiten ausgeschlossen, da eine ungerechte Verteilung von Vorteilen und Lasten unter Umständen sogar optimal für die Allgemeinheit sein könnte, obwohl sie eben ungerecht ist. [...] Die MoraIphilosophen stimmen daher heute fast ausnahmslos darin überein, dass wir keine rein teleologische und keine rein deontologische Ethik akzeptieren können, sondern dass wir eine grmischte Theorie brauchen, welche die richtigen Grundideen, die in beiden Ansätzen stecken, miteinander verbindet. Als Ergänzung zum Utilitarismus werden daher gewisse Prinzipien aufgestellt – etwa Universalisierbarkeitsprinzipien, die besagen, dass man von einer bestimmten Person nur das moralisch verlangen kann, was man auch von jeder anderen verlangen würde, wenn sie sich unter gleichen Voraussetzungen in derselben Situation befände; manche Autoren schlagen auch vor, die teleologischen Theorien durch Gerechtigkeitsprinzipien zu ergänzen oder gar durch eine eigenständige Gerechtigkeitstheorie.

 

ldealistische Ethiken überfordern den Menschen

Szczesny, Gerhard: Das sogenannte Gute, 1971)

Die Fruchtlosigkeit oder gar Gefährlichkeit spekulativen Moralisierens ist begründet in der den Geist charakterisierenden und in der Tat wunderbaren Fähigkeit, jede Art von Lebensmodellen zu erdenken, ohne dass diese erdachten Modelle sich einer Prüfung durch die Realität stellen müssten. Das heißt, solange sich der Mensch nicht darüber im klaren ist, dass gewisse Grundtriebe nicht nur nicht ignoriert werden können, sondern das positive Fundament der Moralität sind, wird er spekulative Lebensmodelle als Verhaltensmuster postulieren, die weil sie keine Rücksicht auf die reale Triebausstattung nehmen, ohne Wirkung bleiben oder gar eine die instinktiv-humanitäre Intention pervertierende Wirkung haben. Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, dass der ”idealistische” Geist die menschliche Moralität unter die tierische drücken kann und gedrückt hat. Was bei Tieren nur in ganz extremen Ausnahmesituationen vorkommt, ist beim Menschen üblich: die Tötung des Artgenossen. Lebensbedrohend ist die Verselbständigung der Welt der sogenannten Werte, nicht aber die vor jeder gedanklichen Verarbeitung funktionierende Moralität des Menschen.

 

Die Moral von morgen

Steinbuch, Karl: Falsch programmiert, 1969)

Zukünftige Wertsysteme müssen sehr konkret formuliert werden, sie müssen leicht verständliche Anweisungen zu praktischem Handeln ermöglichen und haben nichts zu tun mit Kalendersprüchen etwa der Art: “Edel sei der Mensch.” Der Mensch der Zukunft soll die Möglichkeit haben, in persönlicher Freiheit Denk- und Verhaltensformen zu entwickeln, die bisher unbekannt waren und so den Bereich menschlichen Erlebens vergrößern. Diese Freiheit darf nur dort eingeschränkt werden, wo die Existenz und Freiheit anderer Menschen geschädigt wird.

 

Wer sind die Betroffenen?

(Morscher, Edgar: Ethik und Technik. In: Neumaier (Hrsg.): Wissen und Gewissen, 1986)

Nicht nur die derzeit Lebenden sind von Entscheidungen und Entwicklungen heute betroffen, sondern auch die zukünftigen Generationen. Diese müssen daher in unsere ethischen Überlegungen mit eingebunden werden.

Außerdem sind nicht nur wir Menschen davon betroffen, sondern auch nicht-menschliche Lebewesen (Tiere und Pfianzen) [...]. Neben [...] “Einzelwesen” der Natur treten auch noch ganze Systeme wie Tierarten, Landschaften, Biotope usw. Auch sie sind als mögliche Betroffene in ethische Überlegungen mit einzubeziehen.

Das ist ein neuer Aspekt der heutigen Ethik gegenüber der früheren, die eindeutig anthropozentrisch war und alle moralischen Fragen ausschließlich auf den Menschen zugeschnitten und von ihm her beurteilt hat. Nunmehr werden auch nicht-menschliche Wesen, insbesondere Tiere als moralische Objekte aufgefasst.

Dazu kommt noch ein weiterer grundsätzlicher Schritt, der die Lösung von der alten, anthropozentrischen Ethik vervollständigt: Die Einbeziehung der Tiere und anderer nicht-menschlicher Lebewesen erfolgte zunächst nur im Hinblick darauf, dass sie dem Menschen nützen oder ihn erfreuen und dadurch zu seinem körperlichen sowie geistig-emotionellen Wohlbefinden beitragen. So erhielten Tiere und andere nicht-menschliche Wesen zwar einen Stellenwert in der Ethik, die aber im Kern zunächst immer noch anthropozentrisch blieb: Nicht-menschliche Naturwesen verdanken hierbei nämlich ihren moralischen Wert letztlich doch wieder dem Menschen; einzelne Tiere und Pflanzen sowie ganze Arten erscheinen als erhaltenswert und bekommen deshalb einen moralischen Status, weil wir uns - wenn wir sie schon nicht für uns nützen - wenigstens an ihnen erfreuen können und auch unseren Nachfahren dieses Erlebnis nicht vorenthalten wollen. Der wirklich entscheidende Schritt besteht aber darin, auch ein nicht-menschliches Naturwesen als moralisches Subjekt sui generis1) zu betrachten, dem unabhängig von Nutzen und Freude, die es den Menschen beschert, moralische Rechte einfach deshafb zukommen, weil es gewisse Eigenschaften hat wie etwa: leidensfähig zu sein, bis zu einem gewissen Grad Bewusstsein entwickelt zu haben usw.

1) sui generis (lat.): von eigener Art

 

Evolutionäre Ethik

(Wuketits, Franz M.: Kultur und Moral, 1990)

Unser Moralverhalten ist evolutiven Ursprungs, es hat sich, wie auch andere elementare Verhaltensweisen des Menschen, in langen stammesgeschichtlichen Zeiträumen entwickelt. Die Ethik, ob nun in ihrem Rahmen Normen aufgestellt werden oder bloß reflektiert wird, wie diese Normen entstanden sind und wie sie befolgt werden (oder warum sie nicht befolgt werden), muss auf die Evolution des Menschen und die dabei waltenden Prinzipien Rücksicht nehmen. Kurz, keine Ethik kann heute auf empirisch gewonnene Untersuchungsergebnisse der einzelnen Wissenschaften (von der Biologie bis zur Soziologie) verzichten. Im konkreten Fail der Soziologie gilt, dass man meistens akzeptiert, dass die Rechtfertigung von Normen von der Entstehung moralischen Verhaltens zu trennen ist, dass aber gerade zu dieser “Entstehungsfrage” ein wichtiger Beitrag zu leisten beansprucht wird. [...]

Eine Ethik, die sich überhaupt nicht um den Menschen betreffende biologische Erkenntnisse kümmert, wird ein Luftschlossgebilde bleiben, ebenso wie jede Ethik, die sich auf einen übernatürlichen Ursprung von Werten und Normen beruft (unabhängig davon, wie wirkungsvoll – im positiven wie im negativen Sinne – eine unter Berufung auf übernatürliche Prinzipien etablierte Ethik das Zusammenleben von Menschen zu regeln vermag).

Aus der Sicht des Biologen, der weiß, dass Menschen aus Fleisch und Blut bestehen [...], hat daher Simpson (1972) die Annahme, dass Ethik keine natürliche Grundlage hätte, als “konternaturalistischen Trugschluss” verworfen. [...]

Unter diesen Prämissen wird eine realistische Ethik (Kadlec 1976) gefordert, die Möglichkeiten und Grenzen des Menschen als Lebewesen berücksichtigt. Auch einige Moralphilosophen attestieren heute dem evolutionären Ansatz Bedeutung. Sofern damit keine ethischen Normen begründet bzw. gerechtfertigt werden sollen, sei eine evolutionäre Ethik als empirische, auf die Evolution gestützte Theorie der Ethik dienlich (Morscher 1986)

 

Altruismus als Egoismus?

(Wuketits, Franz M., Gene, Kultur und Moral, 1990)

Innerhalb einer Sozietät ist altruistisches Verhalten sowohl für die Individuen (der betreffenden Sozietät) als auch für die Sozietät selbst von Vorteil: Durch die Kooperation der Individuen ist die Gruppenstabilität einigermaßen gewährleistet, die wiederum den Individuen Vorteile bietet: denn in dem Maße, in dem das Individuum mit anderen Individuen seiner Gruppe kooperiert, wird es mit dem Schutz belohnt, den die Gruppe ihm bietet.

Es liegt auf der Hand, dass eine Gruppe, deren Individuen ausschließlich egoistisch agieren, fortgesetzt Konflikte verursachen, nicht “lebensfähig” ist; außerhalb der Gruppe jedoch werden die Überlebens-chancen des Individuums vermindert.

Allerdings ist das Argument, wonach altruistisches Verhalten sozusagen für sich existieren kann, widerlegbar. Denn der für die Gruppe förderliche Altruismus auf der Ebene der Individuen kann letztlich als Egoismus entlarvt werden: Aus seinem altruistischen Verhalten gegenüber den Gruppenangehörigen erwachsen dem Individuum wiederum Eigenvorteile (etwa, weil ihm die Gruppe, zu deren Stabilität er beiträgt, Schutz bietet).

Daher wird das Argument der Soziobiologen, dass Egoismus, d. h., dass die Sicherung des eigenen Reproduktionserfolgs, die eigentliche Triebfeder sozialen Verhaltens ist, einen hohen Plausibilitätsgrad haben.

Das Konzept der Gesamteignung jedenfalls legt nahe, dass altruistisches Verhalten von Individuen auf der Ebene der Gruppe in egoistisches Verhalten übergeht.

 

Neigung und Moral

(Lorenz, Konrad: Der Abbau des Menschlichen, 1983)

In unserer Zivilisation erweckt der Verstoß gegen rituelle Sitte beim unbeteiligten Beobachter eher Gelächter und Mitleid, keine Empörung. Verstöße gegen die Moral, wie die Zehn Gebote sie lehren, rufen andere Empfindungen hervor. Der Täter empfindet nicht Scham, sondern Reue, der unbeteiligte Mensch aber Empörung. Ein normaler Mensch befolgt diese Gebote aus natürlicher Neigung, wenn sein Verhalten persönliche Freunde betrifft. Einen Freund belügt und bestiehlt man nicht, man begehrt auch nicht seine Frau, und am allerwenigsten bringt man ihn um. Die Zehn Gebote verlieren ihre fundamentale Wirkung erst durch die zunehmende Anonymität der menschlichen Gesellschaft. Merkwürdigerweise spricht Immanuel Kant der natürlichen Neigung jeden Wert ab. Für Handlungen aus natürlicher Neigung kann man kein moralisches Verdienst beanspruchen, selbst wenn die Handlung durchaus altruistisch und sozial lobenswert ist. Die merkwürdige Blutlosigkeit dieser Meinung eines unserer größten Denker hat den Spott eines großen Dichters herausgefordert. Friedrich Schiller parodierte sie in der Xenie: “Gern dien ich dem Freund, doch leider tu ich’s aus Neigung, darum wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin. [...] Drum lerne den Freund zu verachten, um dann mit Abscheu zu tun, was die Pflicht dir gebeut.” Moralisch verdienstvoll sind für Kant nur Verhaltensweisen, die von der Voraussicht ihrer Folgen geformt sind. Die kategorische Frage Kants lautet sinngemäß: Kann ich die Maxime der eben geplanten Handlung zum Naturgesetz erheben, oder würde in diesem Fall Vernunftwidriges herauskommen? In die Sprache biologischer Soziologie übersetzt, heißt diese Frage: Ist die geplante Handlung teleonom, d. h. art- und sozietätserhaltend, oder nicht?

 

Maximen kritischen Managements

Die sieben wichtigsten Dimensionen der Produktethik (Aus: Management Wissen 8/1986)

Wirtschaft und Gesellschaft sind nicht voneinander unabhängige Bereiche. Der Wertewandel, der sich in der Gesellschaft vollzieht, konnte somit nicht ohne Konsequenzen bleiben. Vor allem die Folgen des stürmischen Wachstums stehen im Widerspruch zu vielen humanitären, sozialen und christlichen Grundsätzen. Die neue Moral zielt deshalb besonders auf die Wirtschaft: ihre Produkte und Produktionsweisen, ihre Methoden und Manager. Die derzeil wichtigsten Ethiken sind:

Verbraucherethik: Es genügt nicht mehr, dass Produkte “verbraucherfreundlich” sind. Sie müssen auch ”verbraucherehrlich” sein. Das hei8t: Der Hersteller darf die Unkenntnis und Hilflosigkei1 des Verbrauchers nicht ausnützen. Er muss auch über die Nachteile seines Pro- dukts aufklären. “Schummelpackungen” und “Kleingedrucktes” in Verträgen sind ebenso un- moralisch wie die Herstellung kurzlebiger Güter oder das Verschweigen von Nebenfolgen.

Dritte-Welt-Ethik: Unternehmensinteressen müssen in vielen Bereichen des internationalen Handelns stärker auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer abgestimmt werden. Die Würde der Menschen in diesen Ländern muss ebenso unangetastet bleiben wie die Würde der Menschen im eigenen Land: freiwillige Zurückhaltung gegenbüber Staaten mit diktatorischen Regimen; Vorsicht mit High-Tech- oder High-Chem-Lieferungen in niedrig entwickelte Länder; keine Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch ausländische Gesellschaften.

Umweltethik: Die Unternehmen werden zunehmend gefordert, eigene Technologiefolgeabschätzungen vorzunehmen, um die Konsequenzen ihrer Produkte und Produktionsweisen für die Natur zu übersehen: größere Verantwortlichkeit für kleinere Eingriffe in den Naturhaushalt. Der Verbrauch von Wasser, Luft und Boden wird künftig als Kosten bilanziert. Zur betrieblichen Perspektive muss die gesamtgesellschaftliche Perspektive hinzukommen.

Gesundheitsethik: Die Verantwortung des Herstellers für seine Produkte und Produktions- weisen muss zeitlich, räumtich und sachlich ausgeweitet werden. Erheblich höhere Aufwendungen zur Untersuchung von Nebenfolgen und Synergismen 1) (bei chemischen Produkten) sind notwendig. Besonders betroffen: Chemie- und Kernkraftindustrie, Lebensmittel- und Genussmittelindustrie.

Sozialethik: Die Bewertung neuer Technologien und Produktionsweisen wird sich noch stärker an den Wirkungen auf die Zahl und die Art der Arbeitsplätze orientieren müssen. Das heißt: Die Möglichkeit der Rationalisierung wird noch stärker an die Pflicht zur Schaffung neuer Arbeitsplätze gebunden werden. Andernfalls drohen höhere Sozialabgaben, höhere außertarifliche Forderungen bei Tarifverhandlungen, Maschinensteuer.

 
Arbeitsethik: Die Humanisierung der Arbeitswelt muss umfassender werden. Persönlichkeitsrechte müssen mehr berücksichtigt werden. Privilegien werden nicht durch Positionen, sondern durch Leistungen gerechtfertigt. Die “Spaß”- und “Lust”-Komponente an der Arbeit wird durch die “Verdienst”-Komponente in den Hintergrund gedrängt.

Tierethik: Die Preiswürdigkeit oder Sicherheit eines Produkts darf nicht zu Lasten des Tieres gehen. Die modernen Methoden der Stallmast und der Käfighaltung von Hühnern gelten schon heute als unmoralisch. Dasselbe gilt für Tierversuche, in denen Kosmetika getestet werden. Auch der Erhaltung der Artenvielfalt in der freien Natur wird ein höherer Stellenwert beigemessen als etwa einer weiteren Industrialisierung.

1) Synergismus (griech. syn = zusammen + ergon = Werk): Zusammenwirken mehrerer sich gegenseitig verstärkender Faktoren

 

Das Recht künftiger Generationen

(Greinacher, Nobert)

1. Künftige Generationen haben ein Recht auf Leben.

2. Künftige Generationen haben ein Recht auf nicht manipuliertes, das heißt nicht durch den Menschen künstlich verändertes menschliches Erbgut.

3. Künftige Generationen haben ein Recht auf eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt, damit auf Leben in einer reichen Natur und auf Wahrung vielfältiger genetischer Resourcen.

4. Künftige Generationen haben ein Recht auf gesunde Luft, aut eine intakte Ozonschicht und auf hinreichenden Wärmeaustausch zwischen Erde und Weltraum.

5. Künftige Generationen haben ein Recht auf gesunde und hinreichende Gewässer, besonders auf gesundes und hinreichendes Trinkwasser.

6. Künftige Generationen haben ein Recht auf einen gesunden und fruchtbaren Boden und auf einen gesunden Wald.

7. Künftige Generationen haben ein Recht auf erhebliche Vorräte an nicht oder nur sehr langsam erneuerbaren Rohstoffen und Energieträgern.

8. Künftige Generationen haben das Recht, keine Erzeugnisse und Abfälle früherer Genera- tionen vorfinden zu müssen, welche ihre Gesundheit bedrohen oder einen übermäßigen Be- wachungs- und Bewirtschaftungsaufwand erfordern.

9. Künftige Generationen haben ein Recht auf kulturelle Erbschaft, das heißt auf Begegnung mit der von früheren Generationen geschaffenen Kultur.

10. Künftige Generationen haben allgemein ein Recht auf physische Lebensbedingungen, die ihnen eine menschenwürdige Existenz erlauben, insbesondere haben sie ein Recht, keine von ihren Vorfahren bewusst herbeigeführten physischen Gegebenheiten hinnehmen zu müssen, die ihre individuelle und gesellschaftliche Selbstbestimmung in kultureller, wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Hinsicht übermäßig einschränken.

 

Das Gerechtigkeitsprinzip

Topitsch, Ernst – Salamun, Kurt: Ideologie, 1972)

“Alle Menschen sollen gleich behandelt werden.” So gehaltvoll und suggestiv diese Forderung aus dem Munde manches Politikers oder Ideologen auch klingen mag, sie stellt sich nur allzu oft als gehaltsleer und nichtssagend heraus, wenn man genauer danach fragt, wie dieses Postulat in die Wirklichkeit umzusetzen ist. Denn es werden in Verbindung damit zumeist keine näheren Angaben darüber gemacht, in Hinblick worauf man alle Menschen gleich behandeln solle bzw. welche Unterschiede zwischen ihnen bei der Gewährung von Rechten und der Auferlegung von Pflichten zu berücksichtigen und welche nicht zu berücksichtigen seien. Da man Frauen nicht in jeder Hinsicht wie Männer, Kranke nicht wie Gesunde, Schwachsinnige nicht in jeder Hinsicht wie Normale behandeln kann, weist schon darauf hin, dass man nicht alle Menschen in jeder Beziehung gleich behandeln kann. Werden daher in den verschiedenen Zu-sammenhängen keine näheren Bestimmungen des Gleichheitsprinzips mitgegeben, bleibt dieses Prinzip ein Leerschema, aus dem in konkreten Entscheidungssituationen keine brauchbaren Entscheidungshilfen und Verhaltensdirektiven ableitbar sind, weil man daraus, wenn man will, alles ableiten kann. Dieses Schema ist vielmehr auf Grund seiner Unbestimmtheit willkürlich manipulierbar und geeignet, als Rechtfertigungsinstrument für alle möglichen Standpunkte, ja sogar für gegensätzliche soziale und politische Zielsetzungen zu dienen.

Das gleiche gilt, wie H. Kelsen und A. Ross gezeigt haben, noch für eine ganze Reihe anderer Gerechtigkeitspostulate, die zum Standardwortschatz von Ideologen und politischen Propagandisten gehören. So bleibt z. B. der Grundsatz, dass man Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem vergelten solle, so lange relativ leer und nichtssagend, als nicht näher angegeben wird, was man unter »gut« bzw. »böse« verstehen will, denn bekanntlich herrschten bei verschiedenen Völkern und zu verschiedenen Zeiten recht unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Handlungen als “gut” und welche als “böse” zu gelten haben.

Auch die Gerechtigkeitsformeln “Jedem nach seinen Fähigkeiten”, “Jedem das Seine” oder “Jedem nach seinen Leistungen” bleiben so lange leere Phrasen, als keine operationalen Ma8stäbe angegeben werden, nach denen die jeweiligen Fähigkeiten oder Leistungen gemessen werden können.Solange unbeantwortet bleibt, was jedermann als “das Seine” zu betrachten habe, bleibt die Formel “Jedem das Seine” eine Leerformel, die “zur Rechtfertigung jeder beliebigen Gesellschaftsordnung dienen kann, mag es sich um eine kapitalistische oder sozialistische, eine demokratische oder autokratische Ordnung handeln. Nach allen diesen Ordnungen wird jedem das Seine gewährt, nur dass eben das Seine nach jeder Ordnung verschieden ist.” (Kelsen)

 

Wir wissen, aber wollen nicht

(Hemminger, Wolfgang: Die Rückkehr der Zauberer, 1990)

Sicher wissen wir manchmal zuwenig, und sicherlich kann das “systematische Denken” wis- senschaftliche Fortschritte bringen. Aber allgemein gesprochen wissen wir bei weitem genug, um viele Probleme wirksam angehen zu können. Die Strukturen des Welthandels bleiben doch nicht deswegen zum Schaden der rohstoffproduzierenden Entwicklungsländer unverändert, weil wir nicht wissen würden, wie die Sache läuft. Änderungen sind nicht durchsetzbar, sie scheitern an der Machtfrage, nicht an der Erkenntnisfrage. Und dasselbe gilt für alle möglichen Umweltschutzmaßnahmen. [...] Die Hindernisse liegen im Bereich konkurrierender Werte nicht im Bereich mangelhaften Wissens. Solange Millionen von Autofahrern ihrer Reise- und Rasefähigkeit einen hohen Wert beimessen und nicht bereit sind, Einschränkungen zu dulden, wirkt sich der alternative Wert der Gesundheit von Mensch und Natur nur sehr eingeschränkt auf die Politik aus. Ich gehe so weit zu behaupten: Würde die Menschheit alle diejenigen Maßnahmen verwirklichen, die nach heutiger Kenntnis GIück, Gesundheit und Frieden in der Welt fördern, dann würde die Erde in wenigen Jahrzehnten von Pol zu Pol zum Garten des Wohlstands und der Gerechtigkeit werden. Noch mehr: Wenn auch nur verwirklicht würde, was Philosophie und Wissenschaft vor hundert Jahren zu sagen hatten, wenn zehn oder zwanzig Forderungen konsequent erfüllt würden, wäre unsere Erde nicht wiederzuerkennen.

 

Der Mensch ist Freiheit

(Sartre, Jean-Paul: Der Existenzialismus ist ein Humanismus 1994)

Dostojewski schrieb: “Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt,” Das ist der Ausgangspunkt des Existenzialismus. In der Tat ist alles erlaubt, wenn Gott nicht existiert, und folglich ist der Mensch verlassen, denn er findet weder in sich noch außer sich einen Halt. Zunächst einmal findet er keine Entschuldigungen. Wenn tatsächlich die Existenz dem Wesen vorausgeht, ist nichts durch Verweis auf eine gegebene und unwandelbare menschliche Natur erklärbar; anders gesagt, es gibt keinen Determinismus, der Mensch ist frei, der Mensch ist die Freiheit, Wenn zum anderen Gott nicht existiert, haben wir keine Werte oder Anweisungen vor uns, die unser Verhalten rechtfertigen könnten. So finden wir weder hinter noch vor uns im Lichtreich der Werte Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Wir sind allein, ohne Entschuldigungen. Das möchte ich mit den Worten ausdrücken: der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut. Der Existenzialist glaubt nicht an die Macht der Leidenschaft. Er wird nie meinen, eine schöne Leidenschaft sei eine alles mitreißende Flut, die den Menschen schicksalhaft zu bestimmten Taten zwingt und daher eine Entschuldigung ist. Er meint, der Mensch ist für seine Leidenschaft verantwortlich.

 

Der Mythos von Sisyphos

(Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos, 1971)

Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte. Sie hatten mit einiger Berechtigung bedacht, dass es keine fürchterlichere Strafe gibt als eine unnütze und aussichtslose Arbeit. [...] Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist. Worin bestünde tatsächlich seine Strafe, wenn ihm bei jedem Schritt die Hoftnung auf Erfolg neue Kraft gäbe? Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genauso absurd. Tragisch ist es aber nur in den wenigen Augenblicken, in denen der Arbeiter bewusst wird. Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter, kennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage: über sie denkt er während des Abstiegs nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann. […] Es macht aus dem Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muss. Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des,Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […] Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

 

Gleichheit für Tiere

Singer, Peter: Praktische Ethik 1984)

Normale erwachsene Menschen haben geistige Fähigkeiten, derentwegen sie unter gewissen Umständen mehr leiden als Tiere unter denselben Umständen. Würden wir etwa beschließen, äußerst schmerzhafte oder tödliche wissenschaftliche Experimente an normalen erwachsenen Menschen durchzuführen, die man – wie es der Zufall will – aus öffentlichen Parks zu diesem Zweck entführt, so würden die Erwachsenen, die einen Park betreten, sich vor einer Entführung zu fürchten beginnen. Der daraus resultierende Schrecken wäre eine Form von Leiden, die zu den Schmerzen des Experiments hinzukäme. Dieselben Experimente würden aber bei nichtmenschlichen Lebewesen weniger Qual verursachen, weil die Tiere nicht im voraus befürchten würden, entführt und zu Experimenten mißbraucht zu werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass es richtig wäre, diese Experimente an Tieren durchzuführen, sondern nur, dass es einen nicht speziesistischen Grund gibt, dafür eher Tiere als normale erwachsene Menschen zu verwenden, wenn die Experimente überhaupt durchgeführt werden müssen. Man sollte allerdings festhaIten, dass dieses selbe Argument uns auch Gründe dafür gibt, Kleinkinder – vielleicht Waisen – oder geistig behinderte Kinder eher zu verwenden als Erwachsene, weil Kleinkinder und geistig behinderte Kinder ebenfalls keine Vorstellung davon hätten, was mit ihnen geschehen wird. Was dieses Argument betrifft, so gehören nichtmenschliche Lebewesen, Kleinkinder und geistig behinderte Kinder zur selben Kategorie; und wenn wir uns dieses Arguments bedienen, um Experimente an nichtmenschlichen Lebewesen zu rechtfertigen, so müssen wir uns selbst fragen, ob wir bereit sind, Experimente an Kleinkindern und geistig behinderten Kindern zuzulassen. Wenn wir einen Unterschied zwischen Tieren und diesen Menschen machen, so geschieht das wohl deshalb, weil wir die Angehörigen unserer eigenen Spezies in rnoralisch unvertretbarer Weise bevorzugen.

 

Ist Abtreibung erlaubt?

(Martens, Ekkehard: Zwischen Gut und Böse, 1997)

Die Abtreibungsfrage ist nur ein, wenn auch ein besonders gravierendes Beispiel dafür, in welcher Orientierungsunsicherheit sich der einzelne, die Gesellschaft und die Politik in der Situation der Moderne befinden, in der kaum mehr allgemeinverbindliche Wertmaßstäbe fraglos gelten oder ihre Anwendung auf strittige, neue oder in ihrer Schärfe neuartige Situationen eindeutig bestimmbar wäre. Jeder mag seine festen religiösen, humanistischen oder liberalen Grundwerte oder Weltanschauungen haben. Niemand aber kann in einer modernen, offenen Gesellschaft erwarten, dass alle anderen sie ebenfalls haben oder haben müssen, erst recht nicht, dass bei grundsätzlichem Konsens Einigkeit in der konkreten Interpretation und Anwendung besteht. Selbst bei mehr oder weniger einleuchtenden Forderungen wie »Unverfügbarkeit des Lebens«, »Schutz des ungeborenen Lebens«, »Achtung der Menschenwürde« oder »Verteidigung der Rechte der Frauen (und Männer)« ist keineswegs klar, was darunter genauer verstanden werden soll und welche Konsequenzen daraus im Einzelfall zu ziehen sind. Die Orientierungsunsicherheit verschärft sich durch den zunehmenden Orientierungsbedarf infolge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. So verstärken etwa die differenzierten Möglichkeiten der Medizin, embryonale Schädigungen frühzeitig zu erkennen, den Entscheidungsdruck in der Abtreibungsfrage als Anspruch der Gesellschaft an den einzelnen, etwa in Form finanzieller Sanktionen (über die Krankenkassen, Sozialversorgung etc.), nur noch »gesunde« Babys zuzulassen und unheilbar »krankes« ungeborenes Leben abzutreiben. Umgekehrt aber kann der einzelne kaum der Frage ausweichen, ob es wirklich zu verantworten ist, ein Kind mit absehbar qualvollen, unzumutbaren physischen oder psychischen Schäden in die Welt zu setzen. Selbst der vermeintliche Ausweg der passiven Euthanasie oder des Sterbenlassens ist eine Entscheidung für ein bestimmtes Handeln, nämlich etwas nicht zu tun, was man tun könnte. […]

Wenn man ein Lebensrecht der ungeborenen Person behauptet, ist bereits der Zeitpunkt der Personwerdung umstritten, ob man von einer Person gleich zu Beginn der Empfängnis oder erst mit der Empfindungsfähigkeit nach dem zweiten Schwangerschaftsdrittel sprechen könne. Umstritten sind ferner die Kriterien, was als Person gelten soll, die biologische Existenz als identischer genetischer Code zum Zeitpunkt der Einnistung in die Gebärmutter, etwa zwei Wochen nach der Empfängnis, ihre Empfindungsfähigkeit oder erst, wie Peter Singer vorgeschlagen hat, die Bewusstseins- und Planungsfähigkeit nach den ersten Geburtsmonaten, und dies sogar bei Tieren als möglichen Personen? Ferner herrscht auch über die Kriterien einer Ausnahmeregelung alles andere als Einigkeit, ob Vergewaltigung, unmittelbare oder mittelbare Gefährdung des Lebens und der Gesundheit der Mutter, unzumutbare soziale Folgen für die Mutter – und für den Vater – oder ein absehbar qualvolles Leben des Kindes eine Ausnahme vom Abtreibungsverbot rechtfertigten.

 

Krieg aus der Sicht der Ethologie

(Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Krieg und Frieden, 1975)

Der Krieg ist primär destruktiv, doch bahnen sich, ähnlich wie bei der Entwicklung vom Be- schädigungskampf zum Turnierkampf, kulturelle Ritualisierungen des Krieges an, in Form von Konventionen, die übermäßiges Blutvergießen vermeiden. Offenbar ist dies von selektio- nistischem Vorteil. Eine Entwicklung in dieser Richtung setzt jedoch voraus, dass die Funktio- nen des Krieges, auch durch den unblutigen Krieg, etwa im Wettstreit um Land, erfüllt werden können. Der Besiegte muss unter anderem ausweichen können. Das ist bereits bei den Turnierkämpfen der Tiere eine Voraussetzung für deren Schonung. Solche Ausweichmög- lichkeiten sind dem Menschen nicht mehr gegeben, da es an Leerräumen mangelt, und damit ist der Automatik einer weiteren Humanisierung des Krieges eine Grenze gesetzt. Es gibt jedoch andere Präadaptionen, die eine kulturelle Entwicklung zum Frieden herbeiführen könnten. Im Verlauf der kulturellen Pseudospeziation hat der Mensch seinem biologischen Normenfilter, der zu töten verbietet, einen kulturellen Normenfilter überlagert, der zu töten gebietet.

Das führt zu einem Normenkonflikt, den der Mensch als schlechtes Gewissen erlebt, sobald er bei Konfrontation den Feind auch als Mitmenschen wahrnimmt, Schließlich zeigt er die gleichen Signale, die normalerweise im Innergruppenverkehr beschwichtigend wirken und Mitleid auslösen. Es gibt eine Fülle von Beobachtungen, die diese Annahme bekräftigen, so z. B. die Tatsache, dass erfolgreiche Krieger oft Sühnerituale absolvieren müssen, ehe sie wieder voll in ihre Gemeinschaft integriert werden.

In dieser Unstimmigkeit zwischen kultureller und biologischer Norm liegt die Wurzel der uni- versellen Friedenssehnsucht des Menschen, der den kulturellen Normenfilter mit dem biolo- gischen in Übereinstimmung bringen will. Unser Gewissen bleibt damit unsere Hoffnung, und darauf basierend könnte eine vernunftgesteuerte Evolution zum Frieden führen. Sie hat zur Voraussetzung, dass man erkennt, dass der Krieg Funktionen erfüllt, die es auf unblutige Weise zu ersetzen gilt. Wer das nicht sieht und den Krieg als pathologisches Phänomen abtut, vereinfacht in gefährlicher Weise, denn er kommt natürlich nicht auf den Gedanken, dass der, der den Frieden will, die Funktionen des Krieges eben anders erfüllen muss. Aufgrund seiner Motivationsstruktur wäre der Mensch durchaus zum friedlichen Zusammenleben in der modernen Millionengesellschaft befähigt. Die Erziehung zum Frieden muss in erster Linie eine Erziehung zur Toleranz im Sinne einer Verstehensbereitschaft sein.

 

Für und wider die Todesstrafe

(Leserbrief in einer Tageszeitung)

Liest man die diesbezüglichen Artikel, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei- de Seiten am Wesen der Sache vorbeigehen. Von Abschreckung, von Sühne, von Rache, von Liebe und natürlich von christlich ist die Rede. Wenn wir Mücken, Fliegen oder Wanzen vertilgen, so tun wir das ja nicht, um sie zu bestrafen oder von ihrem ruchlosen Treiben abzuschrecken, wir haben auch nicht den Eindruck, lieblos oder unchristlich zu handeln. Wir tun es, weil diese Geschöpfe Gottes unser Konzept von einem menschenwürdigen Dasein stören. Es steht doch geschrieben: “Macht euch die Erde untertan”, was heißen mag, gestaltet die Erde und was darauf kreucht und fleucht so, dass menschliches Leben in Würde und Freiheit, und dazu gehört zunächst einmal die Sicherheit, möglich ist.

Darum gehören Elemente, die dem Mitmenschen nicht einmal das Leben gönnen, ausgetilgt. Ob man sie auf Kosten des Steuerzahlers ein Leben lang erhält oder gleich entfernt, ist dann die Frage.

 

Die Todesstrafe im Lichte der Ethik

(Roretz, Karl, 1950)

Wenn wir, was gerade heute wieder häufig geschieht, das Problem der Todesstrafe, die immer noch in einer ganzen Reihe von Kulturstaaten verhängt und vollzogen wird, vom ethischen Standpunkt aus beurteilen wollen, so haben wir, wie ich glaube, vor allem drei Momente in den Vordergrund zu rücken, von deren Erledigung unsere Entscheidung abhängig gemacht werden muss. Man kann ihnen Frageform geben: Erstens: Ist die Todesstrafe noch eine “Strafe” in dem Sinne nämlich, dass sie eine “Sühne” des begangenen Verbrechens, eine “Besserung” des Verbrechers und eine “Sicherung” der Gesellschaft bedeutet? Zweitens: Ist die Würde eines modernen Staates mit dem Fortbestand der Todesstrafe vereinbar? Drittens: Vermag sich das gereifte Kulturgefühl des heutigen Menschen mit dieser Strafform abzufinden?

Auf alle drei Fragen werden wir, wie ich glaube, nach ihrer gewissenhaften Prüfung mit einem überzeugten “Nein” antworten müssen!

Zum ersten Punkt: Die Todesstrafe verhängt nicht, wie alle anderen Strafen, ein Übel über ein Subjekt für eine Verfehlung desselben, denn der Tod, der das Subjekt völlig auslöscht, ist natürlich kein solches “Übel” mehr, sondern eine sinnlose Qual, die Todesangst, der naturgemäß keine Besserung des Delinquenten mehr folgen kann. Auch der Gedanke der “Sühne”, den heute noch viele in die Todesstrafe hineintragen, bricht bei näherer Betrachtung in der Mitte auseinander: so furchtbar nachdrücklich uns die Todesstrafe auf den ersten Blick auch erscheinen mag, sie bleibt doch ganz an der Oberfläche haften, denn sie verfehlt durchaus ihr eigentliches Ziel; durch die Todesstrafe wird gar nichts ”wiedergutgemacht”, weder wird ein Ermordeter (es geht ja heute fast nur mehr um Mordtaten!) wieder zum Leben erweckt noch ein Mörder seelisch-ethisch umgewandelt. Denn um letzteres zu erreichen, muss der Delinquent eben am Leben bleiben und in einer modern geleiteten Strafanstalt zu einem neuen Menschen gemacht werden, was in den allermeisten Fällen gelingt.

Die angeblich ”abschreckende” Wirkung der Todesstrafe aber wird durch zahllose Erfahrungen aus älterer und neuerer Zeit auf das furchtbarste widerlegt, so dass jede darauf gestützte ethische Rechtfertigung wieder allen Boden verliert.

Zum zweiten Punkt: Es erscheint völlig unvereinbar mit der Würde eines modernen Staates, der nicht mehr das amoralische Machtgebilde früherer Zeiten sein will, wenn er bei der Anwendung der Todesstrafe die von ihm sonst überall aufgerichtete und sorgfältig gehütete Schranke vor der fremden Individualität auch des geringsten seiner Mitglieder hier kalt durchbricht. Was der Staat seinen Bürgern sonst streng verbietet und verpönt - tut er hier selbst: er tötet, er vernichtet menschliches Leben! Ja, er stellt eigens Menschen an, die berufsmäßig wehrlos gemachte Verurteilte töten! Das bedeutet einen schweren Bruch in seinen eigenen ethischen Prinzipien, der auch durch eine reichlich ausgeübte sogenannte “Gnadenpraxis” sich nicht kompensieren lässt. Im Gegenteil, gerade durch letztere wird die Strafjustiz fast auf das Niveau einer Farce herabgedrückt und die staatliche Würde zum zweitenmal empfindlich geschädigt.

Zum dritten Punkt: Das moderne ethisch orientierte Kulturgefühl (von dem ja letzten Endes wohl alle “Werturteile” abhängen!) rebelliert in einer nicht missverständlichen Weise gegen die grauenhafte Vorstellung, dass ein bestimmter Mensch zu einer bestimmten Stunde durch einen dazu bestimmten Menschen auf eine bestimmte Art vom Leben zum Tode gebracht wird – auch wenn, wie bei der sogenannten “Intramuranhinrichtung” 1) dieser Vorgang dem Auge der Öffentlichkeit entzogen wird. “Das Feigenblatt der Intramuranhinrichtung”, sagt mit schneidender Ironie ein moderner Kriminalist, “vermag die Blöße der Todesstrafe nur dürftig zu bedecken.” Nimmt man noch hinzu die theaterhafte – weil moralisch meist ganz unechte - sogenannte “Bekehrung” des Verbrechers vor seiner staatlichen Tötung, die notwendigerweise sich ergebende Pariastellung des Scharfrichters, schließlich noch die katastrophale Wirkung einer solchen Exekution auf den Umkreis der Verwandten des Täters - so fällt es unserem verfeinerten Kulturgefühl nicht schwer, in der Todesstrafe das zu sehen, was sie wirklich ist: ein blutiges Überbleibsel einer weit zurückliegenden barbarischen Zeit, deren völliges Verschwinden freilich nur im Rahmen einer allgemeinen Befriedung der Menschheit erhofft werden darf.

1) intramuran = nicht öffentlich (lat. intra muros = innerhalb der Mauern)

2) Paria: Angehöriger einer niederen Kaste in Indien; hier ist gemeint: ein von der Gesellschaft gemiedener Mensch.

 

Goldene Regel

Altägyptische Weisheitslehren:
Tu niemandem etwas Böses an, um nicht heraufzubeschwören, dass ein anderer es dir antue.
 
Altes Testament:
Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.
 
Bergpredigt:
Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!
 
Kung fu tse:
Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.
Was du selbst nicht erleiden möchtest oder bei anderen tadelst, das tue selber nicht!

Sprichwort
Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu!

Etzioni (Kommunitarismus)
Respektiere die soziale Ordnung der Gesellschaft genauso, wie du möchtest, dass die Gesellschaft deine persönliche Freiheit respektiert.

 

Leben in einem sinnleeren Universum

(Kanitscheider, Bernulf: Auf der Suche nach dem Sinn, 1995)

Bertrand Russell hat uns schon vor einiger Zeit ermahnt, uns nicht von der Langzeit-perspektive entmutigen zu lassen und statt dessen besser den Kurzzeitblickwinkel einzu-nehmen: “Therefore although it is of course a gloomy view to suppose that life will die out... it is not such as to render life miserable. It merely makes you turn your attention to other things”. Das, worauf wir nach Russell unsere Aufmerksamkeit richten sollen, ist das Erreichbare, der kommende Tag und dessen Möglichkeiten. So hat es schon Epikur gelehrt, und Horaz hat es in die berühmten Worte umgesetzt “dum loquimur fugerit invida aetas: carpe diem quamminimum credula postero”, da wir noch sprechen ist schon entflohen die neidische Zeit, greif diesen Tag, nimmer traue dem nächsten. Dieses viel zitierte Wort von Horaz bedarf der Interpretation. Es ist gelegentlich im Sinne einer völligen Vernachlässigung jeglicher Lebensplanung gedeutet worden; eine Empfehlung, die man niemandem geben mag, da sie das momentane Verschwenden aller Ressourcen einschließen würde. Gemeint ist nur, die Möglichkeiten der Freude, die das Leben bietet, nicht ungenützt zu lassen, nicht auf die unsichere Zukunft zu vertrauen und die Hoffnung, dass diese Gelegenheit noch einmal kommen wird. Das Richten der Aufmerksamkeitauf die Gegenwart bedeutet die Abkehr von der kosmischen Zeit. […]

Auf der Suche nach dem Sinn wird also dem Menschen eine Lehre in Bescheidenheit erteilt. Er erfährt, wo er in der Ordnung der Dinge steht, und er lernt davon abzusehen, seine anthropomorphen Kategorien auf den Kosmos zu übertragen. Auf der Suche nach dem Sinn wird der Mensch auf sich selbst zurückverwiesen, er darf nicht auf die Führung durch die Welt warten, er muss sich selber seine Ziele setzen und durch die Vernunft leiten lassen, die Erfüllung seiner Ideale zu erstreben. Auf der Suche nach dem Sinn wird der Mensch reifer, unabhängiger und freier, er lernt mit der Kontingenz des Universums umzugehen, und er versöhnt sich mit der Idee, dass dieses nicht auf ihn ausgerichtet ist. Diese Erfahrung macht ihn zuletzt zum freien Geist, der nicht dem Nihilismus und der Verzweiflung verfällt, sondern der zum Glück eines erfüllten Daseins geführt wird.

 

Pro und contra Gentechnik

pro

  • neue (auch pränatale) Diagnosemöglichkeiten bei vererbbaren Krankheiten
  • neue natürliche Arzneimittel
  • sichere Medikamente (z.B. HIV-frei)
  • sichere Impfstoffe
  • sanftere Technologie, weniger Abfall
  • Beseitigung von Umweltschäden durch genmanipulierte Bakterien
  • Gentransfer in Pflanzen: Nahrungspflanzen mit neuen Eigenschaften (Antimatschtomate, Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitserreger oder Frost)
  • transgene Tiere als Arzneimittel- Organ- und Fleischlieferanten
  • somatische Gentherapie an Körperzellen (z.B. bei Diabetes)
  • Beseitigung von Immunschwächen
  • Tumorbekämpfung
  • Eingriffe in die Keimbahn: Behebung vererbter Schäden (Erbkrankheiten), gesunde Kinder

contra

  • neue Krankheitserreger durch ungewollte Fehler
  • Störung des eingespielten ökologischen Gleichgewichts
  • gentechnisch veränderte Mikroorganismen können nicht zurückgeholt werden
  • Möglichkeit des Arbeitnehmerscreenings durch Arbeitgeber und Krankenversicherungen
  • biologische Kriegsführung mit neuartigen Mikroben
  • Eugenik (Menschenzucht á la „Schöne neue Welt“)
  • Gefahr einer Zweiklassengesellschaft: „gewöhnliche“ und „genetisch angereicherte“ bzw. „verbesserte“ Menschen ohne krankmachende Gene

Cloning

pro

  • Unfruchtbare Frauen (und auch Männer) könnten ein eigenes Kind haben.
  • Auch homosexuelle Männern und lesbischen Frauen könnten eigene Kinder bekommen.
  • Recht auf Selbstbestimmung in der Fortpflanzung wäre gewährleistet. Wenn man einer Frau ein Kind durch in vitro-Fertilisation zugesteht, muss man ihr auch den Wunsch nach einem geklonten Kind erfüllen dürfen.

contra

  • Befürchtung: Gendefekte könnten weitergegeben werden.
  • Anlässlich des Klonens (in vitro) könnten leicht auch Gene eingeschleust werden. (Genmanipulation an menschlichen Keimzellen!)
  • Ein Klon (und die Gesellschaft?) wüsste(n), welche genetisch bedingten Krankheiten er später bekommen wird: psychische Belastung. Gefahr des Arbeitnehmerscreenings.
  • Möglicher Missbrauch eines Klons als Ersatzteillager wird befürchtet. Nicht realistisch.
  • Sinnvoll bei ohnedies übervölkerter Erde?
  • Nur Reiche könnten sich Klonen leisten.
  • Graben zwischen „natürlich gezeugten“ Menschen und geklonten, besonders wenn auch noch „genetisch angereichert“: Zweiklassengesellschaft, Diskriminierung von Klonen.
  • Verletzung der Menschenwürde(?) Allerdings Frage:
  • Wessen Würde wird verletzt, die des Zellspender, des Arztes oder des Klons?
  • Mensch darf nicht Mittel zum Zweck werden (Kant; Erben, Ehe kitten, „Unsterblichkeitsphantasien“ befriedigen)

Euthanasie

pro

  • Sterben in personaler Würde
  • Respekt der freien vor Entscheidung des Sterbenden
  • Mitleid mit einem Menschen, der qualvoll dahinsiecht
  • Ersparen oder Verkürzen von Leid
  • Sinnlosigkeit des leidvoll gewordenen Lebens. Der Schwerkranke hat nichts mehr vom Leben.
  • Kosten der Lebenserhaltung mit teuren Apparaten
  • Platz auf der Intensivstation für hoffnungsvollere Fälle
  • Organspende für nicht so kranke Menschen
  • Zumutung für Ärzte und Pflegepersonal, schwerst Kranke zu pflegen
  • Religiös: Es ist Gottes Wille, dass das Leben zu Ende geht.

contra

  • (V.a. aktive) Sterbehilfe ist Mord!
  • Ist die Entscheidung wirklich frei?
  • Wer entscheidet, was lebensunwertes Leben ist?
  • Schuldgefühle bei Arzt, Pflegern und Angehörigen
  • Möglicher Missbrauch („Dammbrucheffekt“: Wer kommt als nächster dran?)
  • Hippokratischer Eid der Ärzte, Leben unter allen Umständen zu erhalten
  • Möglich: Drängen der Angehörigen aus niederer Gesinnung (Erbe)
  • Erprobung von lebensverlängernden Medikamenten
  • Religiös: Gott hat das Leben gegeben, nur er darf es auch wieder nehmen.

Leihmütter

pro

  • Unfruchtbare Frauen (sofern sie Eizellen produzieren, aber keine funktionsfähige Gebärmutter besitzen) können ein eigenes Kind haben.
  • Möglichkeit der Auswahl des Samenspenders, wenn auch der Ehemann unfruchtbar ist

contra

  • Problem: Leihmutter will Kind nach der Geburt nicht hergeben.
  • Aus Kinderwunsch wird Geschäft gemacht – moralisch verwerflich?
  • Sinnvoll auf einer ohnedies übervölkerten Erde? Jedoch: Kinderwunsch ist oft sehr stark.
Comments