Neuraltherapie

Bild aus Neuraltherapie, Lorenz Fischer, Hippokrates Verlag

Ich bin Hausarzt und Neuraltherapeut- sind das zwei paar Schuhe?

Was ist Neuraltherapie überhaupt? Was kann man damit machen?

Für mich ist die Neuraltherapie der Brückenschlag der Schulmedizin und der Komplementärmedizin. Dabei geht es nicht darum, die Schmerzen zu beherrschen, sondern vor allem den Grund oder die Ursache der Schmerzen anzugehen.

Neuraltherapie ist eine Schmerztherapie, welche von den Gebrüdern Huneke in Deutschland in den 20er Jahren erfunden wurde. Sie feiert also bald ihr 100-jähriges Bestehen.

Neuraltherapie wird mit Injektionen von Procain gemacht, ein Lokalnarkosemittel, wie es die Zahnärzte oder wir für die Wundversorgung brauchen, nur mit dem Vorteil, dass es nur 30 min im Körper bleibt und dann vollständig am Ort abgebaut wird. Es belastet also weder Leber noch Niere. Mitte des letzten Jahrhunderts war Procain in Deutschland umstritten. Man dachte, es sei sehr allergisch, was sich aber nicht bewahrheitete.

In Oesterreich und Deutschland sowie in der Region Bern ist die Neuraltherapie sehr verbreitet In Bern findet auch die Ausbildung durch die Schweizerische Neuraltherapiegesellschaft statt, welche ich gemacht habe und FMH-anerkannt ist.

Der schulmedizinische Aspekt der Neuraltherapie besteht in der lokalen Schmerztherapie. Die Schmerzempfindung läuft über die vegetativen Nervenfasern ab, welche den ganzen Körper vernetzen. Wenn Sie eine heisse Herdplatte berühren, reagiert der ganze Körper in Sekundenbruchteilen. Sie empfinden Schmerzen, beginnen zu zittern, ziehen die Hand weg, schwitzen evtl. Das gleiche gilt für Angstreaktionen.

Es besteht ein Regelkreis zwischen dem Schmerzort und dem Gehirn. Ein Schmerz kann sich im Nervensystem abspeichern und chronisch werden, dies geschieht innert weniger Wochen. Dann hat man weiter Schmerzen obwohl lokal eigentlich kein Problem mehr besteht.

Die Schmerzüberleitung kann man mit einem Lokalnarkosemittel unterbrechen. Der Teufelskreis wird unterbrochen, das System des Nervensystems kann sich neu regulieren. Wie bei einem Neustart am nicht mehr reagierenden Computer versucht der Körper den Normalzustand wieder herzustellen.

Die Reaktion kann unterschiedlich sein. Falls nur eine lokale Störung besteht, ist eine Verbesserung zu erwarten, welche sich mit weiteren Injektionen noch weiter steigern lässt.

Zum Teil kann man sogenannte Ganglien einbeziehen, welche für gewisse Regionen die Steuerfunktion übernehmen. So gibt es am Hals mehrere Ganglien welche für Kopf, Hals und Brustkorb sowie Arme zuständig sind, bei der Wirbelsäule den Solarplexus, welche den Bauch steuert, sowie die Grenzstränge, welche den Unterbauch und die Beine regulieren. Das Anspritzen dieser Ganglien ist oft weniger schmerzhaft als die Hautund zeigt oft sehr gute Reaktionen.

Häufig ist es aber, besonders bei hartnäckigen Schmerzen ohne ersichtliche Ursache so, dass der Grund an einem ganz anderen Ort liegt. Hier kommt die komplementärmedizinische Seite zum tragen.

Der menschliche Körper ist wie ein Fass, das schädigende Einflüsse speichert. Entzündungen, Operationen mit Narben, psychischen Probleme, Umweltfaktoren, und so weiter. Irgendwann ist das Fass voll, es kommt nach einem Ereignis zu einem Ueberlaufen des Fasses, der menschliche Körper bekommt an einem Schwachpunkt Beschwerden. So kann zum Beispiel nach einer Operation im Bauchbereich einem plötzlich die Schulter wehtun, oder nach einer Zahnbehandlung bekommt man Knieschmerzen. Am Schmerzort kann man machen was man will, die Schmerzen bleiben. Findet man den Ort der auslösenden Problematik, also zum Beispiel den Zahn, und spritzt dort, gehen die Kniebeschwerden weg. Dies nennt man ein Störfeld. Oft gibt einem der Körper nach dem Spritzen am Schmerzort Hinweise auf mögliche Störfelder. Dies ist der komplementärmedizinische Teil, welcher schwierig wissenschaftlich zu interpretieren ist aber doch einleuchtet.

Ablauf:

Die Neuraltherapiebehandlung läuft so ab, dass in einer ersten halbstündigen Sitzung die Lebensgeschichte aufgestellt wird, mit allen Faktoren welche das Fass gefüllt haben. Es ist von Vorteil, wenn Sie eine Auflistung zur ersten Sitzung mitbringen. Wichtig sind einschneidende Momente, an welche Sie sich gut erinnern können, Operationen, psychische Erlebnisse, schwere Erkrankungen, wiederholte Entzündungen.

Anschliessend spritze ich meistens am Schmerzort, um zu schauen, ob die Beschwerden lokal sind. Der weitere Behandlungsverlauf richtet sich nach dem Beschwerdeverlauf und ist schwer vorhersehbar. Ebenso wie der Mensch ein Individuum ist, ist die weitere Behandlung sehr individuell. Nicht jede Knieschmerzen sind wegen eines Stiftzahnes vorhanden, jetzt beginnt die Suche, welche manchmal nicht so einfach ist.

Manchmal findet man keine Lösung, weil das System Mensch zu sehr blockiert ist. Oder das Problem liegt im Zahnbereich und eine zahnärztliche Behandlung ist erforderlich. Dann muss ich Sie weiterweisen.

Die Neuraltherapie kann mit allen anderen komplementärmedizinischen Methoden problemlos kombiniert werden, oft kann man Schmerzmittel deutlich reduzieren.

Zu Beginn kann ich nicht sagen, wie oft wir uns sehen werden, meistens sind es 4-6 Sitzungen 1-2mal pro Woche, bis man einen Verlauf absehen kann.

Wann geht es nicht?

Wenn Sie eine bekannte Allergie auf Lokalnarkosemittel haben.

Wenn Sie eine Blutverdünnung mit Marcoumar haben, kann ich nur oberflächlich spritzen. Aspirin cardio und Plavix sind problemlos.

Was ist an Reaktionen, Nebenwirkungen zu erwarten?

Vor allem beim ersten Mal ist eine Reaktion mit Schwindelgefühl, aber auch Leichtigkeit, etwas Euphorie zu erwarten, da das vegetative System angekickt wird.

Es kann auch zu Tränen kommen, lachen, ganz verschiedene Reaktionen.

Häufig gibt es eine Erstverschlechterung, welche 1-2 Tage anhält. Diese ist unangenehm, aber sehr erwünscht, der Körper kann noch reagieren! Wenn gar nichts passiert wird es schwieriger.

Es kann zu Schmerzereignissen an anderen Körperstellen kommen, diese sind ganz wichtig, weisen sie doch häufig auf ein Störfeld hin.

Blutergüsse kann es geben, wenn ein Gefäss angestochen wird, dies ist jedoch meist harmlos und geht schnell vorbei.

Es kann zu Nervenirritationen kommen, wenn ein Nerv berührt wird, dies ist aber nur kurzweilig zu erwarten.

In seltensten Fällen kann es zu Kreislaufproblemen bis Kollaps kommen, dafür werden Sie bei Ganglieninjektionen noch 20 Minuten im Wartezimmer warten.

Ueber die jeweiligen Risiken der einzelnen Injektionen kläre ich Sie vorher auf.

Was kann ich alles mit Neuraltherapie behandeln?

Grundsätzlich alle Schmerzzustände, je schneller desto besser.

Sudeck (Algodystrophie) nach Unfällen ist sehr ansprechend.

Vegetative Beschwerden, Stimmungsschwankungen

Migräne, Schwindelbeschwerden

Gelenkbeschwerden

Versuche auch bei Allergien, Hautausschlägen, Ekzemen,

Schmerzlinderung bei Krebsleiden

Durchblutungsstörungen

Und noch vieles mehr.

Kostenübernahme

Ab 1. Juli 2011 wird die Neuraltherapie grösstenteils über die Grundversicherung abgerechnet. Es geht dabei um die sogenannte segmentale Schmerztherapie. Einzig die Störfeldtherapie wird über die Zusatzversicherung abgerechnet.