In der klassischen Antike fand eine intensiv geführte Debatte über den Wert von verschiedenen rationalen Bestrebungen statt. Diese Debatte betrifft sowohl den Wert von Rationalität überhaupt als auch den Wert ganz bestimmter Bestrebungen wie der Philosophie, der Mathematik oder der Rhetorik. Dabei gibt es zu dieser Zeit zum einen Autoren, die die Nützlichkeit und Möglichkeit rationaler Bestrebungen überhaupt bezweifeln; Beispiele sind Aristophanes und Gorgias. Zum zweiten finden wir Autoren, die den Wert von bestimmten rationalen Bestrebungen und bestimmten Verständnissen von „Philosophie” verneinen wie z.B. Platon und Isokrates. Und zum dritten gibt es Autoren, die auf diese Kritik antworten und so sowohl Rationalität im Allgemeinen als auch bestimmte rationale Bestrebungen wie die Philosophie im Besonderen rechtfertigen. Dies sind vor allem Isokrates, Platon und Aristoteles.
In dieser Debatte wird auch der Begriff „Philosophie” geformt. Zuvor wurden die Begriffe „Philosophie” (φιλοσοφία) und „Philosoph” (φιλόσοφος) unspezifisch verwendet: Unter anderem wurde damit jemand als „Bildungshungriger” oder „Intellektueller” beschrieben. Erst in der klassischen Antike – insbesondere mit Isokrates, Platon und Aristoteles – wurde die Bedeutung dieser Begriffe spezifischer. Dies geschieht einerseits in der Auseinandersetzung mit der Kritik an (bestimmten Verständnissen von) „Philosophie” und anderen rationalen Bestrebungen; und andererseits in kritischer Abgrenzung von alternativen Philosophiekonzeptionen.
Die antike Debatte ist unmittelbar relevant für die gegenwärtige Debatte über den Wert von Philosophie, den Wert von Geisteswissenschaften und den Wert von Wissenschaft überhaupt. Auch gegenwärtig ist Philosophie und andere Wissenschaften der Kritik ausgesetzt – sei es die öffentliche Kritik der Nutzlosigkeit von Philosophie und anderen Geisteswissenschaften, die erneut aufkommende glaubensbasierte Kritik an Philosophie und Wissenschaft im radikalen Islam und Christentum oder die philosophische und wissenschaftstheoretische Kritik an Philosophie, z.B. in Rortys Philosophy and the Mirror of Nature. Die gegenwärtige Debatte hat ihren Ursprung letztendlich in der Antike und bezieht sich in vielen Hinsichten auf diese. Dabei ergeben sich zwischen der Antiken und gegenwärtigen Debatte vielsagende Ähnlichkeiten und auch lehrreiche Unterschiede. Trotz dieses interessanten Verhältnisses, ist die Behandlung der antiken Debatte und ihres Verhältnisses zur gegenwärtigen Debatte sowohl in Vorlesungsverzeichnisses als auch in der Forschung unterrepräsentiert. In unserem Q-Team wollen wir dies ändern.
In unserem Q-Team werden die verschiedenen Argumenten gegen und für die Philosophie und andere rationale Bestrebungen in der antiken Debatte betrachten und in diesem Zusammenhang auch der Formung des Philosophiebegriffs nachgehen. Dies wird uns einerseits ermöglichen, die historische Debatte und deren historische Periode besser zu verstehen und andererseits auch einen klareren Blick auf die gegenwärtige Debatte über den Wert von Philosophie zu gewinnen.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich drei Primär- und mehrere dazugehörige Unterfragen, die wir im Rahmen des Q-Teams erforschen wollen:
Das Q-Team ist an die Forschungsprojekte der beiden Q-Team-Leiter sowie an das DFG Projekt „Research Training Group Philosophy, Science and the Sciences” angegliedert. Die Q-Team-Leiter sind beide Doktoranden im dritten Jahr ihrer Promotion und Teil der Forschungsgruppe.
In unseren Dissertationsprojekten behandeln wir jeweils Teilbereiche der allgemeineren Frage des Q-Teams. Ronja Hildebrandt bearbeitet die Frage, wie Aristoteles die Philosophie gegen die Kritik des Isokrates im Protreptikos verteidigt. Christopher Roser beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle Ideen der intersubjektiven Rationalität in der Debatte zwischen Platon und den antiken Rhetorikern, vor allem Isokrates und Gorgias, spielen.
Es ergibt sich daher in unserer Zusammenarbeit ein Synergieeffekt: Innerhalb des Q-Teams wird es uns möglich, die Debatte zwischen mehreren Autoren als Ganzes in den Blick zu nehmen. Dabei ergeben sich interessante und wichtige Fragen und Themen, die in keiner unserer beiden Dissertationen behandelt werden: Wir werden im Q-Team relevante Autoren einbeziehen können, die in unseren Arbeiten nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wir werden die Frage nach dem Verhältnis verschiedener Philosophie-Kritiken, Philosophie-Rechtfertigungen und Philosophie-Begriffe stellen können. Dadurch werden wir auch der Fragen nachgehen können, ob es Typen der Kritik und der Rechtfertigung gibt. Schließlich können wir im Q-Team auch die historische, gesellschaftliche und philologische Dimension des Themas in den Blick nehmen.
Die Studierenden können sich den oben genannten Hauptfragen bei einzelnen Autoren widmen oder verschiedene Autoren diesbezüglich vergleichen. Zugleich können sie sich mit der historischen und gesellschaftlichen Dimension beschäftigen oder einen Vergleich mit gegenwärtigen Behandlungen des Themas anstellen. Dabei ergeben sich eine Vielzahl von möglichen Fragen, wie etwa:
Phase 1: Systematische Einführung, Themenfindung und Diskussion (Woche 1-4). Wir werden die Studierenden in die zentralen Themen und Literatur der antiken Debatte einführen und diese zur Diskussion stellen. Dabei legen wir Wert darauf, dass diese Phase bereits zur Themenfindung genutzt wird. Wir werden in jeder Sitzung ausreichend Zeit einräumen (30-45 Minuten), in der die Studierenden ihre Interessen mit dem jeweiligen Thema in Verbindung bringen und mögliche Fragestellungen besprochen werden können. Damit wir ausreichend Zeit dafür haben und damit das Team sich anfangs gut kennenlernen kann, wird diese Phase einer doppelstündigen (Woche 1) und in drei vierstündigen Block-Sitzungen geschehen (Woche 2-4). Zum Ausgleich gibt es in der 6., 11. und 13. Woche kein offizielles gemeinsames Treffen.
Phase 2: Ausarbeitung der Fragestellungen der einzelnen Teilnehmer (Woche 5). Jede/r Studierende soll eine Fragestellung auswählen über welches sie/er forscht und einen Artikel schreibt. In der Woche 5 soll jeder seine Fragestellung vorstellen und diese wird gemeinsam besprochen. Dabei soll auch relevanten Literatur ausgewählt werden. Es ist auch möglich, dass mehrere Studierende ein gemeinsames Projekt formulieren.
Phase 3: Eigenständige Lektüre und Ausarbeitung der relevanteren Literatur. Die Studierende sollen die für ihre jeweilige Forschungsfrage relevante Literatur eigenständig erarbeiten. Dabei sollen die Studierenden Textabschnitte zur gemeinsamen Diskussion auswählen und diese vorstellen.
Phase 4: Regelmäßige Präsentation und Feedback von Work in Progress (Woche 11-14). Dies soll in drei Stufen passieren. Erste Stufe: Wir werden mit den Teilnehmern ein ein-zu-eins oder eins-zu-zwei Tutorium abhalten. Dafür sollen die Studierenden einen Entwurf ihrer Arbeit von ungefähr 2000-3000 Worten vorab an uns schicken. Wir werden auf der Basis dieses Entwurfs mit jedem Studierenden 20-30 Minuten über ihre Arbeit sprechen. Zweite Stufe: Es werden Zweier- oder Dreiergruppen aus Studierenden mit ähnlichen Interessen gebildet. Diese werden aufgefordert, über ihre Themen zu sprechen und sich gegenseitig Feedback zu geben. Drittens werden wir am Ende des Semesters eine Mini-Konferenz abhalten. Hierbei soll jeder Studierende eine 25 Minuten lange Präsentation halten. Danach wird seine Arbeit von einem anderen Studierenden kommentiert (5-10 Minuten) - jeder Studierende soll mindestens einen Kommentar halten - und schließlich gemeinsam diskutiert.
Phase 5: Ausarbeiten der endgültigen Version und Veröffentlichung der Resultate. Zeitnah nach der Konferenz sollen die Studierende die endgültige Version ihres Beitrags fertigstellen. Nach einem letzten zeitnahen Feedback werden dann die Aufsätze in einem Sammelband veröffentlicht. Die endgültige Version des Sammelbands soll via Googledocs und möglicherweise in einer letzten Sitzung in den Semesterferien oder am Beginn des kommenden Semesters gemeinsam fertiggestellt werden.
Das Thema des Q-Teams ist unmittelbar relevant für Studierende der Philosophie, da sie durch es ein klareres Verständnis der Geschichte, Bedeutung und Wert ihrer eigenen Tätigkeit und ihres Faches gewinnen können. Ebenso ist es relevant für Studierende der Altphilologie, da wir sowohl altgriechische Texte behandeln als auch eine wichtige Debatte in der klassischen Periode Griechenlands erforschen. Ähnliches gilt für Studierende der Alten Geschichte, durch deren Beitrag wir uns vor allem ein besseres Verständnis der gesellschaftlichen Dimension der Debatte zu gewinnen erhoffen. Da diese Debatte einen wichtigen Schritt in der Entwicklung von Wissenschaft überhaupt darstellt, ist das Thema auch für Studierende der Wissenschaftsgeschichte relevant. Schließlich kann das Thema für Studierende der Soziologie, Kulturwissenschaften und verschiedener Literaturwissenschaften interessant sein, da wir auch besonderen Wert auf die kulturelle und soziale Dimension der Debatte legen wollen. Kenntnisse des Altgriechischen sind willkommen, aber nicht notwendig. Dieses Q-Team kann je nach Präferenz in Deutsch oder Englisch geführt werden.
Das Thema der Rechtfertigung und Kritik an Philosophie findet kaum Eingang in die Vorlesungsverzeichnisse, obwohl es für viele Studierende persönlich, aber auch gesellschaftlich und wissenschaftlich wichtig ist. In unserem Q-Team wollen wir es Studierenden ermöglichen, dieses Thema in seinen antiken Ursprüngen zu erforschen. Da wir, die Q-Team-Leiter, uns jeweils mit sich ergänzenden Teilbereichen dieses Themas beschäftigen, ergibt sich gerade jetzt die Gelegenheit dieses als Ganzes zu behandeln. Mit unserem komplementären Wissen können wir die Studierenden bei der Entwicklung ihrer eigenen Ideen ideal unterstützen; andererseits werden auch wir von unserer Zusammenarbeit und den neuen Perspektiven, die die Studierenden einbringen, sehr viel für unsere eigene Forschung lernen können. Vor allem aber freuen wir uns sehr darauf, mit Studierenden intensiv zusammenzuarbeiten.