Die Geburtsstunde des heutigen Erlangens liegt in einer der großen Migrationsgeschichten der frühen Neuzeit: Der Flucht der Hugenotten aus Frankreich in andere Teile Europas im späten 17. Jahrhundert.
Im Zuge dieser Fluchtwelle, die auch das heutige Mittelfranken erreicht, wird, um die Angekommenen Hugenotten unterbringen zu können ab 1686 die „Idealstadt“ Neu-Erlang errichtet – die heutige Erlanger Neustadt entsteht.
Diese Aufnahme von französischen Flüchtlingen legt dabei die Grundlage für den allmählichen Aufstieg Erlangens zur bedeutenden Groß- und Universitätsstadt.
Die Migrationsgeschichte der Hugenotten und die damit verbundene Stadtgründung wird im folgenden Abschnitt thematisiert. Sie wird dabei aus zwei betroffenen Perspektiven betrachtet – die der ankommenden und der aufnehmenden. Im Fokus stehen zudem die Konflikte, die bei der Aufnahme der Hugenotten bereits zuhauf bestehen – nicht zuletzt aufgrund mangelnder Offenheit.
Hugenotten – französisch-reformierte Protestanten – stellten im Frankreich der frühen Neuzeit eine Minderheit dar, die zu Spitzenzeiten etwa acht Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten und über lange Zeiträume hinweg diskriminiert und verfolgt wurden.
Das einschneidende Ereignis der hugenottischen Geschichte, das zur großen Fluchtwelle des „Grand Réfuge“ führte, ereignete sich im Jahr 1685: König Ludwig XIV: von Frankreich erließ ein Edikt, das den Hugenotten die Ausübung der Religion verbat. Dies veranlasste insgesamt rund 200.000 Hugenotten zur Flucht.
Bereits vor dem sogenannten „Grand Réfuge“, der Großen Auswanderungswelle ab 1685, brannten sich gewalttätige Übergriffe und Erfahrungen der Diskriminierung ins kollektive Gedächtnis der Hugenotten ein. Besonders berüchtigt ist dabei die „Bartholomäusnacht“ von 1572, ein Pogrom, dem in nur einer Nacht in ganz Frankreich zwischen 4000 und 8000 Hugenotten zum Opfer fielen.
Auf eine kurze Phase der Duldung folgte schließlich das einschneidendste Ereignis der hugenottischen Geschichte. Im Zuge des von Ludwig XIV erlassenen „Edikts von Fontainebleau“ 1685 wurde den Hugenotten in Frankreich jegliche Glaubensausübung untersagt. Kirchen wurden zerstört, Priester vertrieben.
Dies zog jene Fluchtwelle des „Grand Réfuge“ nach sich, im Zuge derer rund 200.000 Hugenotten das Land verließen, um ihren Glauben weiterhin frei ausüben zu können.
Von den etwa 200.000 Flüchtlingen, die Frankreich in dieser Zeit verließen, erreichen 3000 auch das Markgrafentum Brandenburg-Bayreuth, auf dessen Territorium zu dieser Zeit das heutige Erlangen lag.
Die Aufnahme dieser Glaubensflüchtlinge durch Markgraf Christian erfolgte keineswegs aus Gründen der Humanität: Vielmehr waren die Hugenotten aufgrund ihrer handwerklichen Kenntnisse sowie des neuartigen Manufakturenwesens, das sie aus dem fortschrittlichen Frankreich in die oft rückständigeren Fluchtgebiete brachten, bei vielen Herrschern als Arbeitskräfte begehrt.
So waren es vor allem wirtschaftliche Überlegungen, die den Markgrafen zur Aufnahme bewegten.
Innovative Konzepte zur Unterbringung der Hugenotten
Zur Unterbringung dieser angekommen Flüchtlinge griff Markgraf Christian Ernst 1686 zu einem für die Zeit äußerst modernen und nahezu einzigartigen Konzept: Eine geplante, freistehende Stadtanlage sollte gänzlich neu errichtet werden.
Die neue Planstadt, die vom Architekten Johann Moritz Richter entworfen wurde, sollte in der Nähe des im dreißigjährigen Krieg völlig zerstörten Alterlangen errichtet werden. So entstand ab 1686 Neu-Erlang, oder, ab 1701: Christian-Erlang.
Auch, wenn die Errichtung dieser Neustadt keineswegs nach den Plänen des Markgrafen verlief und zunächst vor allem scheinbar negative Konsequenzen zu spüren waren ( à Abschnitt „Konflikte“), steuerte das Projekt zu einer immensen Steigerung der Wirtschaftsleistung und Bedeutung der Region um Erlangen bei.
Zeitweise war Neu-Erlang mit seinen Manufakturen sogar so erfolgreich, dass selbst die Patrizier der alten Reichsstadt Nürnberg, die den Handel in der Region seit dem Mittelalter unangefochten dominiert hatte, aus Angst vor Konkurrenz den Hugenottischen Händlern den Durchzug durch ihre Stadt untersagten.
Die Aufnahme der Hugenotten kann somit als erster Schritt hin zu dem Erlangen, das wir heute kennen, angesehen werden.
Christian-Erlang im Jahr 1721. Es ist zu bemerken, dass die „Idealstadt“ keineswegs nur gebaut wurde, um die hugenottischen Flüchtlinge unterzubringen. Hierfür hätten wesentlich simplere Gebäude und Siedlungen, wie sie bei den meisten anderen eigens angelegten Hugenotten-Kolonien etwa in Brandenburg-Preußen verwendet wurden, ausgereicht. Die prächtigen barocken Sandsteinbauten und der strikt geometrische Plan machen hingegen deutlich, dass es sich um ein Prestigeprojekt des Markgrafen handelte, das vor allem zur Repräsentation fürstlicher Macht gedacht war. Hiermit hängt auch die Namensänderung zu Christian-Erlang zusammen, orientierten sich barocke Fürsten doch gerne an Antiken Vorbildern wie Alexander dem Großen, die ebenfalls eigene Stadtgründungen wie „Alexandria“ nach sich benannten. Nicht zuletzt die heimischen Bauarbeiter hatten unter den enormen Kosten dieses Projekts, die lange Zeit nicht gedeckt werden konnten, zu leiden…
Das Erlanger Stadtmotto „Offen aus Tradition“ sieht die Aufnahme der Hugenotten ab 1686 als Ausgangspunkt einer weltoffenen Stadtgeschichte. Dabei war diese keineswegs nur von Offenheit der verschiedenen involvierten Gruppen geprägt, wie mehrere Aspekte der Geschichte belegen.
Die Aufnahme geht von Beginn an lediglich auf die Bestrebungen des Markgrafen zurück. Hohe Kirchenvertreter aus Bayreuth standen dem Projekt mit äußerstem Widerwillen entgegen. Die Bevölkerung hingegen, die im absolutistisch organisierten Brandenburg-Bayreuth ohnehin kein Mitspracherecht hatte, musste die Lasten des Markgräflichen Beschlusses tragen – zunächst, als Hugenotten in heimischen Familien einquartiert wurden, später bei der Finanzierung und Umsetzung der Bauarbeiten in Neu-Erlang.
Hugenotten und lutherische Bevölkerung waren zudem räumlich voneinander getrennt – als Bürger der neuen Planstadt kam ersteren dabei eine privilegierte Sonderstellung zu. Dass diese räumliche Privilegierung auch eine rechtliche Hervorhebung der Hugenotten widerspiegelte, – in Form von Steuersenkungen, markgräflichem Schutz, Selbstverwaltung der Hugenottengemeinden und anderen Vergünstigungen – verstärkte aufkommende Ressentiments nur zusätzlich.
Neben Differenzen aufgrund der rechtlichen Stellung war die ethnische Herkunft ein Konfliktfaktor. Auch, als ab 1690 deutschsprachige Migranten in Neu-Erlang angesiedelt wurden, fand sich eine Trennlinie inmitten der Stadt. Obwohl von einem richtigen Nationalgefühl nicht die Rede sein kann, entwickelte sich das Herkunftsland doch zu einem wichtigen Merkmal der Identitätsfindung der hugenottischen bzw. deutsch-reformierten und lutherischen Gruppen. So wurde in Christian-Erlang noch weit ins 18. Jh. Zwischen „Teutscher Colonie“ und „Französischer Colonie“ unterschieden.
Da sich diese „Colonien“ lange Zeit die heutige Hugenottenkirche für Gottesdienste und Gemeindeangelegenheiten teilen mussten, standen Streit und Konflikt über die Nutzung auf der Tagesordnung. Insbesondere die Prediger heizten die Stimmung auf. Sonntagspredigten waren oft zutiefst von Hass und Hetze gegen die jeweils andere Volksgruppe erfüllt.
Dass Versuche, die verfeindeten religiösen- und ethnischen Gruppen zu einer Gemeinschaft auf administrativem Wege zu vereinen, ebenfalls scheiterten, zeugt vom Ausmaß der langen vorhandenen Spannung, die teilweise in Intoleranz überschlugen: Neu- (überwiegend hugenottisch bzw. später allg. reformiert) und Alterlangen (überwiegend lutherisch) konnten erst, nach mehreren erfolglosen Ansätzen, Anfang des 19. Jahrhunderts durch das rigorose Vorgehen der bayerischen Zentralregierung unter Montgelas zu einer Verwaltungseinheit zusammengelegt werden. „Erlangen“ in diesem Sinne gibt es also erst seit den 1820er Jahren.
Die zahlreichen Konflikte, Hass und Hetze im Zuge dieser ersten Erlanger Migrationsbewegung zeigen, dass von „Offenheit“ im eigentlichen Sinne bei keiner Partei die Rede sein kann – mit der möglichen Ausnahme des Markgrafen, der zumindest für das fremde eine gewisse „Offenheit“ gezeigt hat. Wenn auch aus eigennützigem Interesse.
Trotzdem ist zu bemerken, dass sich trotz der vielen Konflikte und Barrieren ein Bindemittel der Gruppierungen entwickelte: Fühlte man sich als „Deutscher“, „Hugenotte“ oder „Lutheraner“ – das Bewusstsein, in erster Linie „Erlanger“ zu sein, hatte sich trotzdem entwickelt. In diesem Sinne kann vielleicht doch auf ein hugenottisches Erbe des „Erlangerdaseins“ jenseits von Herkunft und
Religion zurückgeblickt werden.