von Michaelskirche Heidelberg, Mittwoch, 16. November 2011 um 18:04
Ein teures Vorbild
Die St.-Michael-Kirche in der Südstadt wird von den Behörden. als Kulturdenkmal eingestuft –
Der Abriss ist aber nicht vom Tisch . Von Diana Deutsch
Südstadt. Denkmalschutz für St -. Michael:
Wegen seiner seiner hochwertigen künstlerischen Ausstattung ist das katholische Gotteshaus in der Südstadt ab sofort "ein Kulturdenkmal gemäß Paragraf 2 Denkmalschutzgesetz" . Die Diskussion um die Zukunft der Südstadtkirche tangiert diese Entscheidung des Regierungspräsidiums Karlsruhe jedoch kaum, meint Werner Wolf-Holzäpfel, der Leiter des Erzbischöflichen Bauamts. "Wenn die Seelsorgeeinheit Philipp Neri zu dem Schluss kommt, dass sie die Kirche nicht mehr benötigt, kann man ihr die Ausgabe für den Erhalt des Gebäudes trotz Denkmalschutz nicht zumuten. St. Michael ist eine spannende Kirche. 1963 geweiht, nahm das Gotteshaus aus Stahlbeton die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils einfach vorweg: Der Altar steht so, dass der Priester die Messe mit dem Gesicht zur Gemeinde zelebriert. Gemeinderaum und Altarbereich gehen ungetrennt ineinander Über die Kommunionsbank fehlt. "St. Michael war das' Vorbild für viele Kirchen neu bauten,.die nach Ende des Konzils 1965 entstanden", sagt die Kunsthistorikerin Melanie Mertens ' vom Regierungspräsidium in Karlsruhe. "Typusbildend" nennen die Denkmalschützer solche Vorreiterbauten. Besonders begeistert zeigt sich die Karlsruher Expertise von der künstlerischen Ausgestaltung des Kirchenraums. Die Auswahl der Materialien und Farben wirke sehr harmonisch, heißt es da. Das neue Liturgiekonzept sei gekonnt und elegant umgesetzt worden. Die "Lichtregie" sehr gut gelöst. In St. Michael werden alle Fenster von Lamellenwänden verdeckt, die das Licht bündeln und direkt zur fünfeckigen Altarinsel hinführen. Massive Sichtbetonbalken an der Decke zielen fächerförmig ebenfalls auf den Altarraum. Die gesamte Ausstattung ist original erhalten und in gutem Zustand. Das Problem der Katholiken in der Südstadt löst das Lob aus Karlsruhe allerdings nicht. St. Michael ist für eine Pfarrgemeinde mit kaum mehr als tausend Mitgliedern viel zu groß. 600 Gläubige fasst die Kirche; kaum vierzig verlieren sich bei den Gottesdiensten im denkmalgeschützten Rund. 75 000 Euro verschlingt das Gotteshaus pro Jahr. Das ist weit mehr als die Gemeinde aufbringen kann. Dabei ist das Grundstück, auf dem die katholische Kirche steht, viel wert und stark nachgefragt. In den letzten Jahren entstanden hier ein Kindergarten, das Sozialzentrum St. Elisabeth und die Zentrale des Heidelberger Caritasverbandes. Gern würde die Caritas ihre Räumlichkeiten um einige Schulungs- und Beratungsräume erweitern, doch der Bauplatz fehlt. Der Stiftungsrat der Seelsorgeeinheit Philipp Neri (Weststadt, Südstadt, Bergheim) plädiert daher dafür, die große Kirche abzureißen und eine neue, kleine Kapelle zu bauen. Das Erzbischöfliche Bauamt Heidelberg erstellt derzeit ein Gutachten über Bausubstanz, Ausstattung und Energiebilanz. Die Architekten machen sich auch erste Gedanken übereinen Umbau der Südstadtkirche. Kann man sie eventuell aufstocken, oder Teile abtrennen? Ob undwie lassen sich solche Ideen mit dem Denkmalschutz vereinbaren? Den wichtigsten Teil des Dossiers erarbeitet jedoch die Seelsorgeeinheit. Pfarrer Christof Heimpel und sein Team müssen entscheiden, welche Räumlichkeiten die Katholiken für ihr Gemeindeleben in der' Südstadt künftig brauchen. Das ist eine schwierige Frage, niemand weiß, wie sich der Stadtteil entwickelt, wenn die Amerikaner Heidelberg verlassen haben. Auch führt Pfarrer Heimpel mit der evangelischen Markusgemeinde Gespräche über ökumenische Synergien. Bis Jahresende soll das Gutachten fertig sein.
Der Kirchenraum nahm die Ideen des Zweiten Vatikanischen Konzils einfach vorweg. Foto:JohannesHoffmann
von Michaelskirche Heidelberg, Samstag, 19. November 2011 um 12:00
Wie sieht die Zukunft von St. Michael aus?
Ein kurzer Bericht von der öffentlichen Sitzung des Pfarrgemeinderates (PGR) der Seelsorgeeinheit Philipp Neri am 20. September 2011 im Gemeindehaus St. Bonifatius
Begrüssung durch den Vorsitzenden des PGR Joachim Weiss
Einstimmung (Lied und Märchen) durch Dr. Elisabeth Gerard
Umfassende Information zur Gebäude- und Standortanalyse durch Dr. Werner Wolf-Holzäpfel vom erzbischöflichen Bauamt Heidelberg:
Im Mai 2011 bittet der PGR das erzbischöfliche Ordinariat um Beratung und Unterstützung zur Situation von St. Michael
Rückgang der Gläubigen, 2011 nur noch 1100 Katholiken im Einzugsbereich von St. Michael, Konversion der Mark Twain Village bietet Platz für 2000 bis 3000 neue Einwohner, daraus resultieren 500 bis 800 Katholiken
Architektur der Kirche, hochwertige Ausstattung, über den Denkmalschutz hat das Regierungspräsidium noch nicht entschieden
Laufende Aufwendungen (ca. Angaben) / Jahr
Bauunterhaltung, Rückstellungen 45.000
Energie (Heizung, Strom) 7.600
Betriebskosten (Messner, Hausmeister) 23.000
jährlich veranschlagte Gesamtkosten 75.600
Denkbare bauliche Optionen
- Erhaltung Status quo mit dem Problem des pastoralen Bedarfs (Pfarrermangel), Finanzierung
- Erhaltung und Ergänzungsumbauten, Mieteinnahmen aus 1.000 m²
- Teilumnutzung, Umgestaltung im Kirchenraum, zusätzliche Räume
- Umnutzung, z.B. als Konzerthaus, Stadtteilbibliothek
- und schliesslich Abbruch der Kirche, Gewinn von 2.000 m² Büro- und Wohnflächen
Anschliessende Diskussion
Pfarrer Christof Heimpel CO erläutert die pastorale Situation: in der Seelsorgeeinheit gibt es gerade noch 350 Gottesdienstbesucher. Die wirtschaftliche Situation: jährlich fehlen ca. 50.000 EUR. Eine Entscheidung über das Schicksal von St. Michael werden der Stiftungsrat, der PGR, das erzbischöfliches Bauamt und die Bistumsleitung fällen
Thomas Mahr vermisst Gemeinderäume in St. Michael
Klaus Englert schildert die Entwicklung, wie es zum Rückgang der Gottesdienstbesucher kam, empfiehlt abwarten bis die Amerikaner weg sind, Schaffung von Jugendräumen, weist auf den Verein Michaelskirche Heidelberg (e.V.) hin
Dr. Wolfgang Maier-Borst sieht in der Südstadt eine attraktive Wohngegend, die Altersstruktur der Bevölkerung wird sich ändern, will zur Kostenstruktur auch Zahlen anderer Kirchen vergleichen
Dieter Klapper will dass die evangelische Gemeinde die Kirche St. Michael gemeinsam mit den Katholiken benutzt
Weitere Diskussionspunkte in Stichworten
die Kirche unterteilen, wieder Sonntagsgottesdienste in St. Michael, Abrisskosten bedenken, brauchen wir 3 Kirchen in der Seelsorgeeinheit? der Caritas Verband ist interessiert am Gelände, Turmsanierung aus den Kosten herausrechnen
Zusammengefasst: alles ist offen
Dauer der Veranstaltung: von 20:00 bis 22:15 Uhr
M. B. für den Verein Michaelskirche Heidelberg (e.V.)
N.b. Den obenstehenden eigenen Bericht zur Öffentlichen Sitzung des PGR am 20.09.2011 verstehen wir als Ergänzung zum diesbezüglichen Artikel im Gemeindebrief „KIRCHE in der Südstadt“, nicht als Gegendarstellung.
hier der Gemeindebriefartikel:
Zukunft von St. Michael
Am 20. September hat der gemeinsame Pfarrgemeinderat der Seelsorgeeinheit Philipp Neri zu einer öffentlichen Sitzung geladen, um gemeinsam über die Zukunft der St. Michaelskirehe zu diskutieren. Viele sind der Einladung gefolgt und haben die Gelegenheit genutzt, sich zu informieren, ihre Ängste und Befürchtungen zu äußern und Ideen einzubringen.
Hintergrund der Veranstaltung sind die hohen Instandhaltungskosten der Michaelskirche, die von der zahlenrnäßig kleinen Gemeinde längst nicht mehr allein geschultert werden können. Auch die Gesamtkirchengemeinde ist nicht in der Lage, die zusätzlich notwendigen Sanierungsmaßnahmen zu übernehmen und hat diesbezüglich das Ordinariat in Freiburg um Unterstützung gebeten.
Deshalb prüft nun das Erzbischöfliche Bauamt die Situation von St. Michael. Dabei werden Architektur und künstlerische Qualität der Kirche ebenso berücksichtigt, wie die große Bedeutung St. Michaels für den .Heidelberger Reformkatholizismus" der 1960er Jahre und die pastorale Situation von heute, erklärte
Herr Wolf-Holzäpfel vom Erzbischöflichen Bauamt. Auch muss geklärt werden, ob die Kirche möglicherweise unter Denkmalschutz steht. Bislang liegen noch keine Ergebnisse vor. Ob St. Michael saniert, aufwendig umgebaut oder durch einen kleineren Kirchenraum ersetzt werden wird, muss in Ruhe geprüft werden. Die Verantwortlichen, die letztlich eine Entscheidung treffen müssen, werden dies sicher nicht leichtfertig tun, sondern mit Bedacht und zum Wohl der Menschen vor Ort. So betonte z. B. Thomas Mahr als Vertreter von St. Michael und Mitglied des gemeinsamen Pfarrgemeinderates der Seelsorgeeinheit, wie wichtig es für die Gemeindemitglieder von St. Michael wäre, über angemessene Gemeinderäume zu verfügen, in denen Gemeindeleben gepflegt und wiederbelebt werden könnte.
Den neuen Wegen zu vertrauen, sich zu wandeln, um die eigene Identität wieder zu finden, davon handelte der geistliche Impuls, mit dem Gemeindereferentin Christiane Gutermuth die Sitzung eröffnete.
Alles Ringen und Streiten um die Zukunft des Kirchengebäudes von St. Michael wird zu einem guten Ergebnis führen, wenn alle Beteiligten einander im Vertrauen begegnen. Nur so kann die Zukunft der Gemeinde St. Michael gesichert und zum Guten gestaltet werden.
Alexandra Zimnik
Gemeinnützigkeit
Mitteilung des Vorstandes:
Das Finanzamt Heidelberg hat den Verein "Michaelskirche Heidelberg e.V." als gemeinnützig anerkannt. Damit sind Zuwendungen, die dem Erhalt der Kirche dienen. steurelich absetzbar.
Der Vorstand wird dafür ein Konto errichten.
Heidelberg, am Vierten Adventssonntag 2011
So denkt man im Rathaus (5.Juni 2012) Antwort Würzner.pdf
Sehr geehrter Herr Seitz,
sehr geehrte Damen und Herren,
die Probleme bezüglich des geplanten Abbruchs der Kirche sind der Stadtverwaltung bekannt. Wie
Sie selbst mitgeteilt haben, handelt es sich bei der Kirche um ein Kulturdenkmal im Sinne des § 2
Denkmalschutzgesetz -DSchG-. Nach § 6 DSchG haben Eigentümer von Kulturdenkmalen diese im
Rahmen des.zumutbaren zu erhalten und pfleglich zu behandeln. Kulturdenkmale dürfen nur mit
Genehmigung der Denkmalschutzbehärde zerstört d.h. abgebrochen werden.
Die Angelegenheit wurde im Denkmalrat beim Regierungspräsidium Karlsruhe besprochen. Der
Denkmalrat fordert die Verantwortlichen auf, die durch die Konversionsflächen entstehenden Veränderungen
in der Südstadt als Chance für die Finduhg einer denkmalverträglichen neuen Nutzung für
die. Kirchenanlage zu sehen. Die Stadt Heidelberg unterstützt diese Empfehlung im Rahmen der gesetzlichen
Möglichkeiten in vollem Umfang und ist für alle Empfehlungen und Hinweise, die dem Erhalt
der Kirche dienen offen und dankbar.
Dr. Eckart Würzner
Oberbürgermeister
St. Michael bekommt eine Gnadenfrist
Südstadt. (dd) Aufatmen in der Heidelberger Südstadt: Die katholische Pfarrkirche St. Michael wird vorläufig nicht abgerissen. Der Stiftungsrat der Seelsorgeeinheit Philipp Neri will das heikle Thema aussetzen, bis 2015 die geplante große Stadtkirche Heidelberg-Eppelheim errichtet ist. "Wir rechnen fest da- mit, dass die Stadtkirche kommt", sagte Pfarrer Christof Heimpel beim Richtfest des Kirchenraums in der neuen Bahnstadt. "Dann entscheidet die ganze Stadt über die Zukunft von St. Michael."
Dass St. Michael eine schöne und spannende Kirche ist, bestreitet niemand. 1963 geweiht, nahm das Gottes- haus aus Stahlbeton die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils schon vorweg: Der Altar steht so, dass der Priester die Messe mit dem Gesicht zur Gemeinde gewandt zelebriert. Gemeinderaum und Altarbereich gehen urige- trennt ineinander über - die Kommunionbank fehlt. "Typusbildend" nennt der Denkmalschutz solche Vorreiterbauten, die wegen ihrer historischen Bedeutung besonders geschützt sind. Auch die künstlerische Ausgestaltung des Innenraums der Südstadtkirche ist sehr gut gelungen. Das zumindest be- findet eine Expertise, die das Erzbischöfliche Bauamt erstellt hat. Die Architekten loben die Auswahl der Materialien und Farben sowie das Lichtkonzept von St. Michael. Alle Fenster sind von Lamellenwänden verdeckt, die das Licht bündeln und direkt zur fünfeckigen Altarinsel hinführen. Die gesamte Ausstattung sei im Original erhalten und in einigermaßen gutem Zustand, sagt das Gutachten. Kein Wunder, dass sich alt- eingesessene Südstädter erbost fragen, warum jemand auf die Idee kommt, solch eine Kirche abzureißen.
Pfarrer Christof Heimpel weiß eine Antwort: Weil St. Michael viel zu groß und im Unterhalt zu teuer sei für die kleine katholische Gemeinde in der Südstadt. Mehr als 600 Gläubige fasst die Kirche - kaum vierzig Katholiken verlieren sich am Sonntag noch in dem weiten Rund. Ein trostloser Anblick. Dafür verschlingt das Gotteshaus 75 000 Euro pro Jahr für seinen Unterhalt. Das ist weit mehr als die Gemeinde aufbringen kann. Andererseits ist das Grundstück, auf dem St. Michael steht, viel wert und wird stark nachgefragt. In den letzten Jahren entstanden hier ein Kindergarten, das Sozialzentrum St. Elisabeth und die Zentrale des Heidelberger Caritasverbandes. Gern würde die Caritas ihre Räumlichkeiten um einige Schulungs- und Beratungsräume erweitern, doch noch fehlt es an Bauplatz.
Dekan Joachim Dauer sieht daher ebenfalls Handlungsbedarf. "Zwei Fragen müssen geklärt werden: Finanzen und Nutzung", schreibt er in einem Brief an Wolfgang Maier-Borst, den Sprecher der Initiative "Rettet St. Michael". Und Dauer wird noch deutlicher: "Nicht weiter- führend scheint mir der Blick zurück in bessere Zeiten und auf die Entwicklung der Südstadt nach dem Abzug der Amerikaner. Denn beides rettet die Kirche, so wie sie ist und derzeit genutzt wird, nicht. "
Tatsächlich kann man im Augenblick schwer einschätzen, wie die Zukunft der Südstadt aussehen wird. Sicher ist, dass sich schon bald junge Familien dies- und jenseits der Römerstraße ansiedeln. Ob sie aber auch in die Kirche gehen und welche sie bevorzugen, weiß niemand. Die katholische Pfarrkirche St. Johannes in Rohrbach liegt nur einen Kilometer von St. Michael entfernt. Mit dem Fahrrad ist das ein Katzensprung.
Ein weiterer Grund, der für das Moratorium spricht, zu dem sich die Stiftungsräte der Seelsorgeeinheit Philipp Neri durchgerungen haben: Wenn die Stadtkirche Heidelberg-Eppelheim 2015 .tatsächlich kommt, muss sie rasch ein Gesamtkonzept für die katholischen Kirchen vorlegen. Denn bei St. Michael handelt es sich bei Weitem nicht um das einzige Gotteshaus, das am Sonntag nicht mehr ausgelastet ist.
RNZ vom 02./03.10.2012 2012.10 Gnadenfrist.pdf
von Michaelskirche Heidelberg, Samstag, 19. November 2011 um 11:09
Kein Abriss vor dem Abzug
Südstädter Bürger wollen nicht, dass die katholische Kirche St. Michael abgerissen wird – Alternativen prüfen
Von Götz Münstermann
Südstadt. In der Weststadt regt sich Widerstand gegen die Idee, die katholische St.-Michael-Kirche abzureißen. Einige Bürger wünschen sich, dass man die Entwicklung der Südstadt abwartet. Denn dort wird sich zwangsläufig einiges verändern, wenn die US-Streitkräfte in drei Jahren gehen. Mit 172 Hektar ist die Südstadt einer der kleineren Stadtteile – und gut ein Viertel davon, 43 Hektar, haben die US-Streitkräfte belegt. Das wird sich ändern, und wenn alles gut geht, dann werden dort in mehreren Jahren weitere normale Wohngebiete entstehen. Darauf setzen Klaus Englert, Hans Kammerer und Wolfgang Maier-Borst. Sie hoffen, dass der Wandel durch den Abzug der Amerikaner nicht nur der Südstadt, sondern auch der St.-Michael- Kirche eine Perspektive und vor allem eine Zukunft bietet. Tatsache ist, die 1963 geweihte Kirche ist für 600 Besucher angelegt – und damit überdimensioniert. Die Kirche beziffert die jährlichen Kosten für den Unterhalt auf 75 000 Euro. Doch Maier-Borst findet, „das Konzept der Kirche geht heute erst auf, wenn die Amerikaner gehen“. St.Michael sei damals bewusst größer gebaut worden, weil man eben nicht von einer dauerhaften Präsenz der US-Armee ausging. Das bestätigt auch Alt-Dekan Pfarrer Berthold Mogel. 42 Jahre hat er in der Gemeinde und in St. Michael gearbeitet. Die in der Nachbarschaft gelegene evangelische Markusgemeinde baute sich damals – trotz konkreter Pläne – keine eigene Kirche. Vielmehr wurde St.Michael ganz im Sinne der Ökumene von beiden Konfessionen genutzt, erzählt der frühere Markus-Pfarrer Hans Kammerer. Für ihn ist wichtig: „Die Kirche soll das Zentrum bleiben, man muss den Raum sinnvoll nutzen“, und zwar ohne Abriss. „Wenn die letzte Bastion Kirche fällt, dann ist die Idee mit der Südstadt vorbei“, glaubt er. Für die vier Männerist klar, dass die Südstadt durch den Abzug der Amerikaner die einmalige Chance bekommt, ein richtiger Stadtteil zu werden. Und statt die Kirche, die das Regierungspräsidium Karlsruhe wegen ihrer herausragenden Architektur für ein Kulturdenkmal hält, abzureißen, solle man doch abwarten. Und über Alternativen nachdenken. Kammerer schlägt zum Beispiel vor, die Kirche könne ja umgewidmet werden, damit sie als Kulturzentrum und Konzertsaal genutzt werden kann. So könne die Kirche für die Südstadt eine zentrale Rolle als „kulturelles und geistiges Zentrum“ gewinnen. Englert sagt denn auch in Richtung katholischer Kirche: „Wir sind bereit zur Zusammenarbeit.“ Das habe man mehrere Male gesagt, man warte aber immer noch auf eine Reaktion.
Der katholischen Kirche ist der Unterhalt der nicht einmal 50 Jahre alten Kirche zu teuer. Doch die Gegner des Abrisses glauben, in einer wachsenden Südstadt könnte der Raum ein „kulturelles und geistiges Zentrum“ werden, wenn man andere Nutzungen zulässt. Foto: Hentschel
Zukunftswerstatt, Schreiben an den OB 9. Oktober 2012
Sehr geehrter Herr Doktor Würzner,
verfolgt man die verschiedenen, immer wieder aufkommenden Diskussionen in der RNZ um die Gestaltung der Bereiche von Mark Twain, wenn die Amerikaner diese endgültig freigemacht haben, beneidet man Sie um diese Aufgabe und Verantwortung im ersten Moment nicht. Andererseits entsteht für Heidelberg eine derartig einmalige Gelegenheit sicher in absehbaren Zeiten nicht wieder, dass ein Stadtteil um ein Mehrfaches vergrößert und völlig neu gestaltet werden kann. Wenn dann in diesem Zusammenhang etwas entsteht, das allgemein als ein geglücktes Werk anerkannt wird, weil es einen bleibenden Gewinn für Heidelberg bedeutet, geht man als dafür verantwortlicher Oberbürgermeister mit Sicherheit in die Heidelberger Geschichte ein.
Wir haben Sie bereits als Verein, der sich für das Überleben der Kirche St. Michael müht, angesprochen, wir haben deren Anerkennung als Baudenkmal erwirkt und erleben einen immer größer werdenden Personenkreis, der sich unseren Bemühungen anschließt.
Wir plädieren für ein Konzept, das von einer möglichst großen Zahl Heidelberger Bürger mitentwickelt und mitgetragen wird. Niemand kann Feststellungen akzeptieren, dass für umfangreiche Konzepte und deren Verwirklichungen kein Geld verfügbar wäre, da konkrete Planungen bisher nicht vorliegen und somit auch die Kosten hierfür noch nicht diskutiert werden können.
Das ist auch das Problem bei der katholischen Kirche, die sogar bereit wäre, für die Erweiterung eines Caritasgebäudes die denkmalgeschützte St. Michalskirche abzureißen, obwohl in kurzer Zeit über der Straße beliebiger Büroraum verfügbar ist.
Aber auch bei der Stadt, die wahrscheinlich noch gar nicht beim Bund vorstellig wurde, dass jetzt hohe Kosten auf Heidelberg zukommen, wenn nun nach Jahrzehnten das in Heidelberg positionierte amerikanische Hauptquartier zu entsorgen ist. Dass nun unsere Bundesregierung aus dieser Situation als BIMA für sich ein Geschäft machen möchte, bedeutet, dass die praktische Enteignung der Grundstückseigner im Heidelberger Umkreis zur Erstellung des amerikanischen Hauptquartiers zur nachträglichen Vorteilsnahme der Bundesregierung würde. Tatsächlich sollten wir zur Entwicklung eines Stadtteils, dessen Entwicklung durch die Besetzung der Amerikaner bis jetzt blockiert war, beim Bund entsprechende finanzielle Hilfe beantragen und auch erhalten. Auch dies ist nur zu erreichen, wenn entsprechende, überzeugende Konzepte vorgelegt werden können.
Da Ihre Stadtplanung mit anderen Problemen derzeit ausgelastet zu sein scheint, empfehle ich Ihnen zur Entwicklung eines Konzepts für die neue Heidelberger Südstadt die Installation einer Zukunftswerkstatt. Das stellt eine hervorragende Möglichkeit dar, in verhältnismäßig kurzer Zeit, bei geringen Kosten viel Sachverstand und Engagement für eine solche Konzeptentwicklung verfügbar zu machen.
So wurde in unserem Verein schon diskutiert, ob aus dem eigentlichen Kirchenraum der
St. Michaelskirche, der über eine hervorragende Akustik verfügt, nicht auch ein vielfältig zu nutzender Raum für den neuen Stadtteil gewonnen werden könnte, wenn er sich für Gottesdienste tatsächlich langfristig als zu groß erweisen würde. Dafür könnte die Kapelle ohne allzu großen Aufwand mittels einer Glaswand vom restlichen Gebäude abgetrennt werden. Mit Sicherheit sind die immer wieder zitierten jährlichen Unterhaltskosten von 75.000 €, die noch nie nachvollziehbar vorgelegt wurden, kein Grund, eines der modernsten und jüngsten kirchlichen Baudenkmäler des Südwestens zu zerstören. Selbst ein Konzertsaal für Heidelberg könnte geschaffen werden, wenn man die Kirchenbänke gegen ein entsprechendes Gestühl auswechseln würde.
Ich konnte nach jahrzehntelanger innovativer Forschungstätigkeit im DKFZ in den zurückliegenden zwei Jahren eine Zukunftswerkstatt für Dossenheim miterleben und sehe jetzt, dass viele Anregungen und Vorschläge, die dort geboren wurden, inzwischen vom Dossenheimer Gemeinderat nach und nach umgesetzt werden. Mit dieser Zukunftswerkstatt in Dossenheim hatte man eine sehr innovative Situation geschaffen, durch die möglichst viel innovativerr Sachverstand mobilisieret wurde, um ganz verschiedene Dossenheimer Probleme anzugehen.
Es sollte für Sie ein Leichtes sein, sich mit Herrn Bürgermeister Lorenz darüber auszutauschen oder Herrn Professor Julian Wékel, von der TU Darmstadt zu kontaktieren, der dort den Lehrstuhl für Architektur, Entwerfen und Regionalentwicklung hat und mit seiner Mannschaft die Zukunftswerkstatt in Dossenheim installiert und begleitet hat.
Herr Professor Wékel hat mit seinen Mitarbeitern schon mehreren Städten bei vielfältigen Problemen maßgeblich geholfen und von ihm und seinem Mitarbeiterstab wurden hierfür hervorragende Werkzeuge und Hilfsmittel entwickelt, die alle, die in der Zukunftswerkstatt mitgewirkt haben, begeistert und motiviert haben.
Das Konzept für diesen neu zu schaffenden Heidelberger Stadtteil fällt nicht einfach vom Himmel.
Es sollte von einer möglichst großen Zahl Heidelberger Bürger erarbeitet werden und das geht nach meiner Erkenntnis am besten mit der Installation einer Zukunftswerkstatt.
Ich wünsche Ihnen und uns, die wir mit Heidelberg und seiner Südstadt verbunden sind, viel Erfolg.
Mit besten Grüßen
Dr. W. Maier-Borst
Foto:Kay Sommer
Was die Südstädter brauchen und wollen
Der Stadtteilrahmenplan formulierte vor elf Jahren, was dem Stadtteil fehlt
mün. Wenn am Freitagabend beim Bürgerforum die Einführungsvorträge vorbei sind, sollen die Bürger zu einzelnen Themenbereichen diskutieren. Die Vorschläge dafür lauten Wohnen, Mobilität, Stad tteilmitte/N ah versorgung, Freiraum, Soziale Infrastruktur und Sonstiges. Zu vielen dieser Bereiche hat der Stadtteilrahmenplan aus dem Jahre 2001schon Vorschläge gemacht - die aber jetzt überprüft werden müssen.
Wohnen: Im Stadtteilrahmenplan war ein Wunsch, dass in der Südstadt bezahlbarer Wohnraum für Familien geschaffen wird. Nach derzeitigem Stand werden etwa 850 Wohneinheiten durch den Abzug der US-Truppen frei - ob und wie die verwendet werden, ist noch nichtentschieden.
Mobilität: Mit der Straßenbahn in der Karlsruher und der Buslinie in der Römerstraße ist die Südstadt mit dem ÖPNV erschlossen; außerdem liegen der S-Bahnhof Weststadt und der Hauptbahnhof in relativer Nähe. Das Problem ist. vor allem der Autoverkehr durch die Römerstraße. Im Stadtteilrahmenplan wurde kritisiert, dass die Wohnquartiere durch die Verkehrsachsen zerschnitten werden.
Stadtteilmitte: Die Südstadt hat keinen gewachsenen Mittelpunkt. Wie könnte der entstehen? Eine Frage dabei ist auch, wie beispielsweise das Areal der Kirche St.Michael genutzt werden könnte, deren Abriss jetzt aufgeschoben ist. Im Stadtteilrahmenplan wurde vorgeschlagen, das Markushaus als Begegnungsstätte und Stadtteilzentrum auszubauen.
Nahversorgung: Derzeit gibt es im Stadtteil nur einen Bäcker und den Eine-Weit-Laden. Beim Thema Einkaufen ist auch zu bedenken, dass hinter dem Hauptquartier ein neues Nahversorgungszentrum in Rohrbach gebaut wird. Im Stadtteilrahmenplan steht die Forderung, Mieten für den Einzelhandel bezahlbar zu halten, Das Einzelhandelsangebot wurde als "lückenhaft" bezeichnet.
Freiraum: Sowohl Umweltschutzverbände wie auch eine Bürgerinitiative fordern, großzügige Freiflächen in der Südstadt zu schaffen. Bislang sind in Mark Twain, Village die Grünanlagen mit Spielplätzen verbunden.· Im Stadtteilrahmenplan war gefordert- worden,Spielangebote und -flächen für Kinder auszuweiten.
Soziale Infrastruktur: In vier KitaEinrichtungen gibt es derzeit 160 Betreuungsplätze für Kinder bis zum Eintritt in die Grundschule. Reichen die An-
gebote, wenn mehr Familien in die Südstadt ziehen? Für Senioren gibt es nur in Rohrbach-Hasenleiser und in der Weststadt Anlaufstellen. Besteht hier Handlungsbedarf? Im Stadtteilrahmenplan wurde vor allem bemängelt, dass es zu wenige Kommunikationsmöglichkeiten für die Südstädter gibt.
Sonstiges: Hier kann zum Beispiel diskutiert werden, was aus dem Gewerbegebiet Bosseldorn wird, wenn die Armee abgezogen ist.
RNZ vom 09.10.2012 2012.10.12 Bürgerforum.pdf