Geschichten

Viva fui silvis;

fui duva occisa securi,

Dum vixi, tacui;

mortua dulce cano.

Als ich lebte, war ich im Wald,

mich fällte das harte Beil

Als ich lebte schwieg ich;

gestorben singe ich süß.

Inschrift einer alten Geige

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Johannes 12,24

Wieder einmal liegen ein paar dünne Bretter vor mir auf der Werkbank. Aber es sind nicht irgendwelche Hölzer. Sie sind sorgfältig ausgesucht. Fichte aus der Schweiz, über 200 Jahre alt, auf einer Höhe von über 1500m langsam gewachsen. Dicht an dicht stehen die Jahresringe, gespalten und aufgesägt ergeben sie eine Membran, ähnlich wie die eines Lautsprecher. Das Holz muss leicht und zugleich sehr steif sein um dem enormen Zug der Saiten zu widerstehen.

Neben dem hellen Holz für die Decke liegen Hölzer, die schon eine weite Reise hinter sich haben: Afrika, Südamerika oder Osteuropa mit klangvollen Namen wie „Ovangkol, Bubinga, Palisander oder Ebenholz".

Es sind nur ein paar hundert Gramm Holz. Holz, das auch im Kamin hätte landen können, in einer Spanplatte oder einer Papierrolle. Was das Holz letztlich wertvoll macht, sind die Menschen, die es ausgesucht, aufgeschnitten und getrocknet haben und schließlich verarbeiten.

Aus diesen Teilen soll nun ein Instrument werden. Eine Gitarre, die ihren Wohlklang verbreitet und deren Ton die Herzen derer anrührt, die sie hören. Ein kleines Wunder ist also zu verbringen. Wie ich dazu gekommen bin Gitarren zu bauen? Als Teenager habe ich angefangen Gitarre zu spielen. Gelernt habe ich auf der „Wandergitarre" meiner Schwester. Dann habe ich mir mit 14 Jahre meine erste eigene Gitarre gekauft. Später geisterte immer die Idee mal im Kopf herum, eine Gitarre selbst zu bauen. Aber es scheiterte an dem richtigen Wissen, den Werkzeugen und den Fertigkeiten. Jahre später, mit mehr Erfahrung, einer gut ausgestatteten Werkstatt, Wissen aus Büchern und dem Internet wagte ich mich an den Bau meiner ersten akustischen Gitarre. Entgegen meiner Befürchtungen endete dieser Versuch nicht in einem Fiasko sondern war der Anfang eines sehr interessanten Hobbys.

Wenn ich die rohen Bretter vor mir sehe, dann hat das noch nichts von einer fertigen Gitarre. Sie sind unansehnlich, mit Sägespuren von der großen Bandsäge und der Kettensäge. Nur der Fachmann erkennt den Wert solcher Hölzer und hat eine Vorstellung davon, was einmal daraus werden kann.

Als Jesus zwölf Menschen einlädt ihm nachzufolgen, da waren auch so einige „ungehobelte" Klötze. Manch einer fragt sich: „Jesus, wie konntest du dir nur diese Typen aussuchen? Gibt es da nicht ein paar Brauchbarere?" Jesus ist ein Fachmann in Sachen Menschenkenntnis. Er wusste was aus diesen Männern werden kann. Und darum behandelt er sie wie das rohe Holz.

Zurück zu meiner Werkbank. Am Anfang der Arbeit steht Lärm, Dreck und manchmal auch Schweiß. Das Holz muss bearbeitet werden. Einige Hölzer lassen sich sehr gut bearbeiten. Andere machen einem das Leben schwer. Das Werkzeug wird stumpf, man kommt nur langsam voran, hier und da bohrt sich ein Splitter durch die Haut. Einige Hölzer verbreiten einen Wohlgeruch, andere wiederum beißen in der Nase oder geben einen sehr strengen Geruch von sich. Doch jede Holzart erfüllt ihren Zweck. Die weiche Fichte aber sehr steife Fichte für die Decke, das harte Ebenholz für das Griffbrett, hartes Holz für Böden und Zargen und leichtes Cedroholz für den Hals. Es macht keinen Sinn eine Gitarre nur aus einer Sorte Holz zu bauen. Die Eigenschaften müssen verschieden sein, damit sie perfekt zusammenwirken.

Jesus sucht sich sehr unterschiedliche Menschen aus, damit er sein Reich bauen kann. Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass Jesus dich in die Nachfolge gerufen hat, weil du genau so bist, wie er dich braucht? Du mit deinen Eigenschaften, mit deiner Geschichte, mit deinen Ecken und Kanten - dich sucht er aus. Wie er die Jünger ausgesucht hat auch mit ihren Ecken und Kanten und Fehlern aber eben auch mit ihren besonderen Eigenschaften.

Das Holz kann aber nicht so bleiben wie es ist. Deshalb wird es gehobelt und geschliffen, immer dünner, damit es die optimalen Eigenschaften hat. Die Zargen müssen so dünn sein, dass sie sich durch die Hitze und den Wasserdampf dauerhaft verformen. Die Decke wird so dünn gehobelt, dass sie das optimale Verhältnis zwischen Steifigkeit und Gewicht hat. Immer wieder klopfe ich die dünne Holzplatte ab um den Ton zu hören, der mir dieses richtige Verhältnis verrät. Einige Stellen werden weggeschnitten. Manchmal muss ich sehr genau schauen, ob Fehler im Holz sind. Nachdem das Holz so bearbeitet wurde kommt auch schon seine schöne Struktur zum Vorschein. Man sieht die „Adern", „Strahlen" und die Jahrringe, hell und dunkel wechseln sich ab, die Maserung fängt an zu glänzen und einige Hölzer entwickeln einen ausgeprägten 3D-Effekt.

Veränderung in unserem Charakter brauchen auch Zeit. Jesus hat seine Jünger begleitet und ihnen einige Lektionen erteilt, an denen sie wachsen und reifen konnten. Er hat ihren Charakter geformt und störendes beseitigt damit am Ende etwas Gutes dabei herauskommt. Wenn Gott unser Leben verändert, dann kann es manchmal schmerzhaft sein, es kann sein, dass er uns dazu auffordert etwas zu lassen oder uns neu auszurichten. Er klopft das Leben ab und sucht nach Schwachstellen. Aber er tut das, um die optimalen Eigenschaften hervorzuheben.

Nachdem die Hölzer geschliffen und gebogen sind, müssen sie noch verstärkt werden. Ziehen doch hinterher die Saiten mit einem Gewicht von ca. 75kg am Hals und an der Decke. Leisten werden aufgeleimt, Verstärkungen angebracht. Jedes Teil hat seine Bestimmung damit der Schall von den Saiten gut übertragen wird und der Korpus einen wohlklingenden Resonanzkörper bildet. Lässt man ein Teil weg, kann es passieren, dass die ganze Konstruktion instabil wird und kollabiert. So haben sich in den letzten 100 Jahren einige Bauprinzipien als Standards durchgesetzt und die meisten Gitarrenbauer kopieren sie mehr oder weniger. Selbst die Teile, die auf den ersten Blick nur als Verzierung dienen, erfüllen so ihren Zweck. Die Ränder fassen die Übergänge von den Zargen zur Decke und Boden ein. Die Schallochrosette sieht nicht nur gut aus, sondern sie verstärkt auch das Holz, dessen Fasern durch das Schalloch unterbrochen wurden.

Wenn alles zusammengeleimt wurde, kommt die Lackierung auf das Instrument. Sie schützt die Oberfläche vor Feuchtigkeit und Schmutz. Gleichzeitig verleiht sie dem Holz Glanz und Tiefe. Doch bevor eine glänzende Lackschicht das Instrument erstrahlen lässt, steht noch einmal richtig viel Arbeit an. Die Poren müssen geschlossen werden und einige Lackschichten aufgebracht werden damit nach dem Schleifen die Oberfläche schließlich poliert werden kann. Nun ist das Instrument fast fertig. Der letzte Schritt besteht darin, die Brücke auf die Decke zu leimen. An der Brücke werden später die Saiten fixiert, sie überträgt den Saitenzug auf den Korpus und auch den Klang auf die Decke. Erst dann, nachdem in vielen Stunden Arbeit aus ein paar rohen Holzstücken eine Gitarre wurde, erklingt das Instrument zu ersten mal. Ganz am Ende stellt sich erst heraus, ob ich richtig gearbeitet habe, das Instrument stabil genug ist und ob es auch wirklich gut klingt. Ganz am Ende nehme ich das Instrument in die Hand und kann beurteilen ob der Bau gelungen ist oder nicht. Bisher muss ich sagen: trotzdem ich den Beruf den Gitarrenbauers nicht gelernt habe sind dabei immer Instrumente herausgekommen, die sich vor anderen Gitarren nicht zu verstecken brauchen.

Vielleicht werden wir auch erst am Ende unseres Lebens überblicken können, was Gott aus uns gemacht hat. Welche Wege er uns geführt hat und wie er unsere Gaben und Eigenschaften zum Bau seines Reiches eingesetzt hat. Eines steht aber fest: Wenn wir uns in seine Hände begeben, macht er aus unserem Leben etwas Besonderes und Einzigartiges, denn er ist der wahre Meister.

Erschienen in "Christsein heute" - 08/2007