Wenn ich mit Deutschen über Norwegen spreche, dann erlebe ich immer wieder überraschte Gesprächspartner, wenn ich über die Sami spreche. Viele kennen das indigene Volk der Polarregion nicht und sind ganz Ohr, wenn ich auf die Sami zu reden komme. Ich bin sicher keine Expertin was die samische Kultur angeht und doch weiß ich um den großen Stellenwert indigener Völker, der nicht unterschätzt werden darf.
Als wir nach Nordnorwegen gezogen sind, war uns schnell klar, dass man diese Region nicht wirklich kennenlernen kann, ohne sich auch mit der samischen Kultur zu beschäftigen. Sie ist manchmal ganz offensichtlich, manchmal eher zwischen den Zeilen erkennbar. Bunte Trachten, kunstvoll gearbeitetes Handwerk, der Joik-Gesang oder Rentiere sind nur ein kleiner Teil dessen, was die samische Identität ausmacht. Die Samen sind das indigene Volk des Nordens und leben seit Jahrtausenden in den Gebieten des heutigen Norwegens, Schwedens, Finnlands und der russischen Kola-Halbinsel.
Ihre Geschichte ist jedoch nicht nur von Tradition geprägt. Über viele Jahrzehnte versuchte der norwegische Staat, die samische Sprache und Kultur zurückzudrängen. Viele Kinder durften in der Schule ihre Muttersprache nicht sprechen, Familien verloren Teile ihrer kulturellen Identität und manche Menschen verschwiegen ihre Herkunft aus Angst vor Benachteiligung. Diese dunkle Zeit der sogenannten Norwegisierung hat tiefe Spuren hinterlassen und befindet sich bis heute im Aufarbeitungsprozess.
Inzwischen hat sich vieles verändert. Norwegen erkennt die Samen als indigenes Volk an und schützt ihre Sprache, Kultur und Lebensweise. Ganz in unserer Nähe gibt es einen samischen Kindergarten. Mit dem Sameting verfügt die samische Bevölkerung über ein eigenes gewähltes Parlament, und in vielen Regionen sind samische Ortsnamen, Schulen und kulturelle Einrichtungen heute ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens. Die samische Kultur erlebt seit einigen Jahren eine erfreuliche Renaissance und wird zunehmend als wertvoller Bestandteil der nordnorwegischen Identität wahrgenommen. Sascha und ich finden es beeindruckend zu sehen, wie Tradition und Moderne hier miteinander verbunden werden und wie selbstverständlich die samische Kultur heute vielerorts sichtbar ist.
Besonders eng mit der samischen Kultur verbunden ist die Rentierzucht. Für viele samische Familien ist sie weit mehr als ein Beruf – sie ist eine Lebensweise, die seit Generationen weitergegeben wird und sich nach den Jahreszeiten und den Wanderungen der Herden richtet. In weiten Teilen Nordnorwegens ziehen die Rentiere zwischen ihren Sommer- und Winterweiden umher. Dabei überqueren sie Straßen, Flüsse und manchmal sogar Ortschaften.
Wer mit dem Auto unterwegs ist, sollte deshalb jederzeit aufmerksam fahren. Rentiere können unvermittelt auf der Straße stehen oder plötzlich die Fahrbahn überqueren. Besonders in der Dämmerung und während der Wanderzeiten ist Vorsicht geboten. In vielen Gebieten besitzen ausschließlich samische Rentierhalter das Recht, Rentiere als Erwerbsgrundlage zu halten. Diese besonderen Rechte dienen dem Schutz einer jahrtausendealten Kultur und einer traditionellen Wirtschaftsweise, die bis heute das Leben im Norden prägt.
Wenn wir unterwegs sind, freuen wir uns jedes Mal, wenn wir eine Rentierherde entdecken. Gleichzeitig wissen wir, dass wir hier nur Gäste sind und diese Tiere Teil einer lebendigen Kultur und eines jahrhundertealten Lebensraums sind. Deshalb halten wir respektvoll Abstand und genießen solche Begegnungen einfach in aller Ruhe.
Wer Nordnorwegen besucht, begegnet einer Kultur, die ihre Wurzeln bewahrt und gleichzeitig ihren Platz in der modernen Gesellschaft gefunden hat. Mit Offenheit und Respekt auf diese Geschichte zu schauen, bereichert jede Reise – und vielleicht wird die Begegnung mit einer frei ziehenden Rentierherde oder ein Gespräch über das samische Leben zu einem der eindrucksvollsten Erlebnisse im Norden. Genau diese kleinen Entdeckungen sind es, die Sascha und icham Leben hier im Norden besonders schätzen.
Gerade auf Hinnøya gibt es einige Rentierzüchter, die ihre Höfe für Interessierte und Touristen geöffnet halten. Unser Lieblingshof ist der Hof von Inga Sami Siida. Dort könnt ihr Rentierzüchter über die Schultern schauen, Rentiere füttern, Schlitten fahren- sofern das Wetter es erlaubt und der samischen Kultur ganz nahe kommen. Wenn jemand Lust hat, Rentierfleisch in Topqualität zu probieren oder für die eigene Zubereitung mitzunehmen, ist er hier an der richtigen Adresse.