Texte aus eigener Hand – unterschiedlich geglückt, aber alle dem Versuch geschuldet, das Prinzip ungelogen sichtbar zu machen. Anschließend habe ich ChatGPT und Claude um sprachliche Überarbeitung gebeten. KI kann solche Geschichten nicht erfinden, da sie nichts erlebt; sie kann Beobachtungen jedoch strukturieren, vor allem aber den Stil glätten.
(Die Texte erscheinen nur im Webbrowser in drei Spalten Original | ChatGPT-Version | Claude-Version und können verglichen werden. Auf dem Smartphone werden die Spalten nacheinander abgespult.)
Die Frage taucht immer mal auf, ob ich religiös bin. Ich neige zur Antwort, dass ich zögere, ein Gesamturteil über das Wesen und Werden einer Welt abzugeben, die mich täglich überrascht. Ich interessiere mich wenig für Metaphysik, halte sie irgendwie für neurotisch. Zugleich kommt es mir so vor, wie wenn der Alltag Risse hat, durch die etwas Herrliches scheint, das „nicht von dieser Welt“ ist. Bei Joyce heißen solche Momente Epiphanien. Ich erlebe sie immer mal wieder. Das letzte Mal ausgerechnet beim Zahnarzt. Ich musste an der Rezeption warten, weil eine Sprechstundenhilfe ihre neue Kollegin in den Computer einwies. Die Interaktion der beiden hatte etwas Faszinierendes, innig und mit jedem Schritte wackelnd aufbauend, was vorher nicht da oder latent war. Man konnte ahnen, dass die Lernende bald besser sein würde als ihre Lehrerin. Ich hatte am Tag noch mehrmals daran zurückgedacht. Später wurde mir dann ein widerspenstiger Zahn gezogen, und die Ärztin kam irgendwann nicht weiter, ein verschwitzter Kollege wurde konsultiert. Gemeinsam konnten sie das Problem endlich lösen. Fabelhaft.
Die dunkele Seite der Macht hatte auch mich einmal gerufen. Noch heute schwindelt mir bei der Erinnerung an das von der Stirne gewischte Blut – damals in Kalkutta. Die indische Göttin Kali kann bestochen werden. Wenn dir oder mir beispielsweise jemand im Weg steht, und wir hätten gern, er bekäme eine tödliche Krankheit – an wen kann man sich da bei uns schon wenden? Der Hindu geht zum Kali-Tempel. Dort kann man Tiere opfern lassen, nicht gerade billig, um bösen Zauber zu dingen. Etwa werden 5.000 € investiert, um den Mitbewerber um einen begehrten Job oder eine Rivalin um einen wohlhabenden Bräutigam kaltzustellen. Als neugieriger Tourist wurde ich natürlich gleich von einem der Priester beschlagnahmt, der mich überall herumführte. Es herrschte eine laute, gereizte Stimmung unter den schubsenden Besuchern des Tempels, der, wie ich erfuhr, auch von unfruchtbaren Frauen aufgesucht wurde; nach erfolgreicher Geburt bringen sie ihre Babys zurück, um deren schwitzende Köpfchen an den verschmierten Blutsteinen der Göttin zu reiben. Schon befand ich mich in einer waschküchenartigen Halle und sah jetzt überall die Straßenhunde. Sie äugten gierig, ohne sich näher heranzuwagen, auf Blutpfützen, die verstreut über den Kachelboden eindickten. Ein panisch-böse um sich schauender Ziegenbock wurde zu einem Holzgestell gezerrt. Dort stand eine Familie und überreichte dem fetten, hab nackten Priester ein dickes Bündel Geld. Nachdem dieses zweimal durchgezählt und verstaut war, hieb ein dürrer Messdiener mit einem hakenförmigen Stecken auf eine schmutzige Trommel. Bong-bong-bong! Der Ziegenbock wurde in das Gestell gedrückt, der Priester holte mit einer messerförmigen Axt aus und hieb ihm den Kopf ab. Die Hunde sprangen erregt hinzu, um von dem Blut zu schlecken, bevor sie weggetreten wurden. Noch benommen von dem Schauspiel, folgte ich dem Priester ins Heiligtum der Göttin, randvoll schwitzender Besucher, die den Blick auf alles Weitere versperrten. Ob ich die Göttin sehen wolle? fragt mich der Priester und bedeutete mir, mich zu bücken. Als ich in die Knie ging, bog sich auf einmal das Beingewimmel vor mir auseinander, bildete einen Tunnel, an dessen Ende Kali erschien: drei dicke weiße Striche stießen auf einen schwarzen Punkt zu, welcher aus der Mitte einer dreckigen Steinplatte starrte. Ich spürte etwas Feuchtes im Gesicht, zugleich schloss sich ein Band um meinen Arm. Der Priester hatte mir Blut aus dem Opferraum auf die Stirne geschmiert und eine zottige Devotionalie angelegt. Die riss ich mir, als ich auf die Straße entkommen war, augenblicklich vom Handgelenk und reinigte meine Stirn von dem Blut aus Kalis Tempel. Zögernd fühlte ich die böse Nässe weichen.
Nichts tun, wenn es nicht sein muss, auch dann eher nichts tun. Einmal stieg nachts am Rosenheimer Platz eine junge Frau mit blutender Nase auf die Rückbank meines Taxis, gefolgt von einem Kerl ihres Alters. Ich sollte sie nach Neuperlach fahren! Die beiden stritten, offenbar hatte er zugeschlagen – ich vollzog das gerade nach, als Polizeiblaulicht im Rückspiegel erschien mit dem Signal zu halten. Das Pärchen auf der Rückbank wurde unruhig, als aus dem Wagen sich zwei Polizisten, begleitet von einem anderen Pärchen näherten. Ich sollte weiterfahren! Drehte aber die Scheibe herunter. Der Polizist leuchtete herein, fragte die junge Frau, ob ihr Gewalt angetan worden sei. Es gäbe Zeugen. Das andere Pärchen, der Ausstrahlung nach Studenten, lauerte hinter ihm. Die Frau mit der blutenden Nase stritt ab, in Schwierigkeiten zu sein: Die Scheiß-Akademiker sollten sich um ihren eigenen Kram kümmern! Aus dem Hin und Her erhellte für mich langsam, wie das Studentenpärchen in der Pizzeria Bella Italia das andere beobachtet haben musste, streitend, der Mann der Frau eine langte. Ermahnt von seiner Freundin hatte der Student sich eingeschaltet, ebenfalls eins auf die Nase bekommen; seine Freundin, die nachmischte, erhielt einen Schlag auf den Kopf. Die Braut des Prüglers war hinausgelaufen, in mein Taxi gestiegen. Und nun? Sie warf dem jungen Mann, der zu Hilfe gekommen war, vor, ihren Freund reinhängen zu wollen. Die Polizei sah keinen weiteren Grund, mein Taxi wegen dieser Fahrgäste festzuhalten, fragte die Studenten, ob sie noch etwas vorzubringen hätten. Der junge Mann schüttelte den Kopf. Seine Freundin behielt sich vor, Anzeige zu erstatten, falls sie eine „Schädelbasisbruch“ erlitten hätte. Ich fuhr das Pärchen dann in die Satellitenstadt, in welcher sie wohnten. Sie waren in großartiger Stimmung, es den Studentenarschlöchern, zu deren Gruppe sie ganz sicher nicht gehörten, gezeigt zu haben. Ich ertappte mich später bei der Spekulation, welches der beiden Pärchen in dieser Nacht wohl den besseren Sex hatte.
Auch ich war in Kabul, nachdem das Goethe-Institut dort wieder eröffnet und Geld für alle möglichen Lehrgänge – auch meinen – hatte. Die Künste stehen in Afghanistan in keinem hohen Ansehen. Nur wer’s nirgendwo anderes geschafft hat, studiert Literatur oder geht zum Film, eine unwürdige Tätigkeit. Die EU-Länder hatten trotzdem Kulturschaffende aus allen Bereichen nach Kabul geschickt, um die absonderlichsten Lehrgänge abzuhalten. Ich erinnere mich an eine bildhübsche Französin, direkt vom Titelblatt der Vogue, welche, um Gutes zu erreichen, den einheimischen Jungs das Jonglieren mit Zirkusbällen beibrachte. Eine Deutsch-Afghanin, die später einen GSG-9-Mann heiratete, setzte ihre Theaterstücke über das Elend afghanischer Frauen in Szene für die Expat-Gemeinde Kabuls. Den Afghanen selbst blieb die bürgerliche Veranstaltung Theater fremd, sie zogen indische Filme vor. Selbst dem Taliban-Obermullah Omar soll es nicht gelungen sein, den DVD-Player seiner jüngsten Frau zu beschlagnahmen. Überhaupt schien mir der Silberscheiben-Verleih in Afghanistan damals der einzige garantiert funktionierende Weg, in jedes Frauengemach und -gemüt vorzudringen. Statt dessen wurde zur Aufklärung der Massen das meiste Geld für Theater verpulvert, unter anderem, weil man der „Raubkopiererei“ keinen Vorschub leisten wollte. Kabul zog damals viele Glücksucher und bunte Gestalten an. Ich erinnere mich an eine deutsche Orientalistik-Professorin, die im hohen Alter mit ihrem VW-Bully über die Berge „zurück nach Kabul“ gekommen war, um hier zu sterben. Die etablierten Journalisten harrten alle in ihren Hotels aus, um nicht angeschossen oder entführt zu werden. Es war die Hochzeit für Freiberufler, die, wenn sie ihr Leben riskierten, endlich eine Chance hatten, etwas im Spiegel oder der New York Times zu platzieren. Ohne Aussicht freilich auf feste Anstellung. Einige Journalistinnen profitierten von ihren intimen Beziehungen zu dem ein oder anderen Warlord. Überhaupt fuhren auffällig viele NGO-Frauen tonangebend in weißen Allrad-Fahrzeugen umher und hatten afghanische Liebhaber. Die Männer zählen zu den bestaussehendsten der Welt. Aus dem Garten meines „Hotels“, der ehemaligen österreichischen Gesandtschaft und Ex-Residenz Bin-Ladens, sah ich ältere Flugzeuge sich in den Himmel schrauben. Kabul ist so hoch von Bergen umgeben, dass man nach dem Abheben nicht einfach durchstarten kann, sondern erst mal – über der Stadt kreisend – ins Stahlblau-Wolkenlose hinaufkreisen muss, um’s über die Berge zu schaffen. Das Hochland Afghanistans stellt eine große Herausforderung für Flieger dar, die in den Tälern zu landen haben. Weswegen etliche Peruaner, vertraut mit dem Relief der Anden, damals Arbeit als Piloten fanden. Auch in meinem Hotel lebten einige dieser Kondore in Uniform. Der zwischen Frankfurt und Kabul verkehrende Air Afghan-Airbus war ein klapperiges Geschenk der Inder, immerhin in der Lage, es ohne Hochschrauben über die Berge zu schaffen, auch wenn deren Gipfel plötzlich zwei Meter unter den Flügeln rauchten. Auf dem Heimweg wurde zwischengelandet in Baku, um Sprit zu fassen. Der Pilot, ein afghanischer Kriegsveteran, der auch mit abgesprengtem Bugrad, wie die Stewards mir versicherten, überall auf der Welt zu landen verstand, musste mit Bündeln Bargeld bezahlen. Nach dem Wiederabheben sackte die Maschine auf einmal durch und Rauch machte sich in der Kabine breit. Durchsagen auf Dari. Es roch nach verbranntem Gummi. Die Räder polterten heraus. Aber der Flug ging weiter. Die Bremsen, erfuhr ich dann, der Ohnmacht nahe, wären beim Abstoppen der Reifen, bevor diese in die Radkästen klappten, heißgelaufen – jetzt hängte man das Fahrwerk zum Abkühlen in die Luft. Und der Rauch? Kam aus der Küche, wo die Stewards – im Hocken – sich an indischen Zigaretten gütlich taten. Wenig von dem, was in Afghanistan passiert/e, dringt an die Öffentlichkeit, obwohl Kabul damals von Journalisten wimmelte. Ich habe mich öfters gefragt, woran das liegt. Wahrscheinlich, weil Zeitungen, auch TV-Programm u. ä. m. inzwischen „konzipiert“ werden. Wer „Inhalte“ liefert, muss die „Programmplätze“ damit füllen und kann mit nichts Unerhörtem kommen. Nachrichten werden heute, fürcht‘ ich, eher am Bildschirm hergestellt als von einem Geschehen abgelesen.
Am einfühlsamsten den Hinterbliebenen gegenüber hatte ich damals die Wärter des Essener Parkfriedhofes erlebt, deren Bemühungen, es allen Kulturen recht zu machen, die komischsten und rührendsten Folgen hatten. Oft war ich als Kind mit meiner Mutter unter den Bäumen des nahe unserer Wohnung in kleine Siedlungstraßen auslaufenden Friedhofs sonntäglich umherspaziert, ahnungslos, wie früh sie hier begraben sein würde. Die Beerdigung hatten mein Bruder und ich alleine auszurichten. Wir organisierten eine kleine Multi-Media-Show aus den Lebensspuren unserer Mutter, die glücklicherweise ein ziemlicher Erfolg wurde, soweit dieser Begriff für einer Beerdigungsfeier gelten darf. Ich erinnere mich noch heute eine junge Frau, welche die ganze Zeit intensiv und schön weinte, von der ich gar nicht wusste, wie sie zu unserer Trauergemeinde gehörte. Meine Mutter hatte zum Glück noch ein umfangreiches Leben jenseits der Familiengrenzen. Ihr Tod hatte uns natürlich mit den Berufszweigen in Verbindung gebracht, welche die Weiterungen betreuen, die taktvollsten Deutschen, die ich bisher im Leben kennengelernt hatte. Am tiefsten beeindruckten mich aber die Friedhofswärter, weil sie, wenngleich kleine Beamte, die im Dienste Bier tranken und Nikotinfinger hatten, doch sehr feinfühlig waren. Sie halfen mir bei allen, auch den esoterischsten Vorbereitungen zu unserem Begängnis, und erzählten von anderen bemerkenswerten Totensitten. Wie z. B. die ersten Türkinnen zur Überraschung der noch Uneingeweihten mit einer Zinnbadwanne angerückt waren, um die Leiche des Patriarchen auf dem Kühlkammer-Flur zu waschen. Inzwischen hat der Friedhof dafür einen eigenen Raum mit eigener Zinnbadewanne. Am einfühlungsbedürftigsten aber waren die Chinesen. Der Parkfriedhof in Essen Steele hat nämlich ein Quartier für Chinesen, die aus ganz NRW hier beerdigt werden. Dabei gibt es einige Bräuche zu beachten. Z. B. wird den Toten Geld mit ins Jenseits – also ins Grab – gegeben, und man muss aufpassen, dass es zu keinen Räubereien kommt. Auch waren die Essener Friedhofswärter erschrocken, als die trauernden Asiaten sich „in ihren Anzügen“ neben dem Gab auf die Erde warfen – und hatten inzwischen auf Stadtkosten Teppiche angeschafft, damit die Fremden sich nicht unnötig schmutzig machen. Für die chinesische Trauerfeier wird die Friedhofskapelle mit einem rundlaufenden Stoffband voller Schriftzeichen dekoriert. Als die Friedhofswärter es zum erstenmal anbrachten und die Trauergemeinde eintraf, wäre die Großmutter beinahe in Ohnmacht gefallen. Die Zeichen hingen verkehrt herum! Ein schlechtes Omen . . . Seitdem können die Friedhofswärter in Essen Steele genug Chinesisch lesen, um böse Geister aus der Friedhofskapelle fernzuhalten. Das alles liegt jetzt schon mehr als 20 Jahre zurück. Das Grab meiner Mutter ist aufgelöst worden. Als wir vor der Frage standen, es zu verlängern, in jener Stadt, an jenem Ort, den wir nur noch in unserer Erinnerung aufsuchen, entschieden wir uns, ihr lieber weiter einen virtuellen Grabstein zu setzten – hier in Facebook, wo ihr sie heute – oder, wenn euch das gerade nicht passt – auch in 100 Jahren noch besuchen könnt.
Ich habe in meinem Leben zwei Menschen getroffen, die in Folterungen involviert waren, einen pensionierten Fremdenlegionär sowie einen Geheimpolizisten, der in Südafrika auf der Flucht vor der Wahrheitskommission verbotenerweise zu mir als Anhalter ins Fahrzeug stieg. Von dem erzähle ich ein andermal. Der Ex-Fremdenlegionär lief mir auf einer Insel Französisch Polynesiens über den Weg, wo er sich zum Dröhnen von Heino-Liedern unter Palmen zutodesoff. Sein prägendes Erlebnis war der Algerien-Krieg, in dem die Parteien mit äußerster Grausamkeit gegeneinander vorgingen. Seine Abteilung wurde vom „Hauptmann Gold“ befehligt, einem Auschwitz-Überlebenden, der sich weigerte, den Rest seines Lebens noch ein Wort Deutsch zu sprechen. Dieser traumatisierte Mann war zuständig für die Folter-Verhöre der Gefangenen. Mein Gesprächspartner beschrieb mir das eine oder andere Vorgehen. Als ich fragte, was denn mit den Gefolterten anschließend geschah: „Die wurden erschossen . . . “ Wär‘ besser so auch für sie gewesen, denn jemand, der einmal gefoltert worden sei, finde ohnehin nie zurück ins normale Leben. – Später erfuhr ich dann in Ägypten, die Moslem-Brüder seien in den Gefängnissen des Landes schwer gefoltert, aber „leider nicht“ umgebracht worden, sondern in der Regel wieder frei gekommen. Unter ihnen der Arzt Ayman al-Zawahiri, späterer Architekt von 9/11. (Man erfährt derlei Geschichten nur, wenn man reist, bestimmt nicht aus deutschen Zeitungen – die auch solche Reiseberichte nicht drucken würden.)
Mit meinem Bruder im Riesenrad über das Oktoberfest gestiegen, der glühende Menschen-Attraktionen-Teppiche zu unseren Füssen, machte er mich – nicht auf das Erhabene – auf das Gleichgültige dieser Sicht aufmerksam mit der Frage, ob mir ein einzelner Menschen da unten abgehen würde, wenn er plötzlich verschwunden wäre. Wie außerordentlich vernetzt und dadurch unbedeutend wir einzelnen sind, wurde mir gestern klar anlässlich eines Theaterbesuches in der Provinz um München.
Schon dass man mal schnell fast 100 Kilometer fährt, um eine Aufführung zu besuchen in einem Zimmertheater, eine Strecke nach Feierabend zurücklegend, für die noch in meiner Jugend eine halbe Tagesreise vonnöten gewesen wäre. Und jeder der Insassen unseres Kleinwagens, der im Gewimmel der Autobahn ins Umland preschte, war beinahe schon überall in der Welt gewesen, erzählte von Afrika oder Bangkok. Die Atmosphäre war dabei nicht angeberisch, sondern freundlich-polyglott. Notwendig aber auch berührungslos, über den nur so sich vermehren könnenden Erlebnissen schwebend wie über den nie ausrollenden Programm-Ikonen der Datenstrom-Serien-Angebote für digitale Flaneure.
Als wir hinterher noch mit den Schauspielern etwas am Tresen standen, zeigte sich, dass jeder von uns noch vor wenigen Stunden vollkommen andere Raum-Koordinaten besetzt hatte. Zwei der Anwesenden waren tags zuvor mit dem Sprinter in der Hauptstadt gewesen, ein angehender Arzt, um kurz bei seiner Freundin zu schlafen, einer der Schauspieler, um ein paar Sätze GoT zu synchronisieren. Sein Kollege musste in 12 Stunden an einem weit entfernten Theater spielen. Die meisten Schauspieler sind inzwischen Wanderarbeiter. Aber wer bewegt sich heute eigentlich nicht hin und her die meiste Zeit? Selbst mit meinem Fahrrad lege ich am Wochenende 100 Kilometer zurück, sonst würde mir etwas fehlen. Das Gefühl, nie anzukommen?
Auf der Nachhausejagd um Mitternacht im Auto redeten wir über die Optimierung des Menschen durch künstliche Gaben. Der Mediziner, der in der Forschung arbeitete, skizzierte als Ergebnis von Tier-Experimenten die Möglichkeit, den menschlichen Körper in kaum vorstellbarer Weise zu pimpen. Eine Rasse von Superhelden sei in petto. Die Beweglichkeit nimmt weiter zu, die Verachtung des Standpunktes.
Ich würde mich spontan als feige bezeichnen, jemand, der erst mal wegmacht. Wahrscheinlich, weil ich soviel in der Zeitung davon gelesen habe und deswegen glaube, ich müsste ebenso handeln. Dabei hat mir einmal ein Akt (linder) Zivilcourage die Reisekasse gerettet! Denn als ich meine spätere Frau vom Flughafen in Paris abholte, wir das Hotel hinter uns gebracht hatten und noch etwas via Metro umherirrten, sprangen, ich weiß nicht mehr an welchem Bahnhof, zwei jungen Schwarze zu uns herein, gefolgt vom Auftauchen des verzweifelten Gesichts eine jungen Amerikanerin direkt vor meinem, welche ich noch durch die sich zwischen uns schließenden Türen sagen hörte: „But he just stole my purse!“ Ich stand unmittelbar neben den beiden jungen Männern im weiterfahrenden Zug. Meine Freundin, Kanadierin, hatte die letzten Worte der Bestohlenen mitbekommen, wir schauten uns aber nur betreten an. Was war zu tun? Schließlich sagte ich, herzklopfend, zu dem den jungen Mann neben mir an: „La fille au quai disait que vouz avez chopé son sac.“ Die Antwort war explosiv, weniger aggressiv, als ich befürchtet hatten. Die Angesprochenen verteidigten sich wild gestikulierend: was mir Anlass gäbe zu solch abwegigen Behauptungen usf. Wir fuhren bereits in den nächsten Bahnhof ein. Sobald die Türen sich auftaten, stürzten die beiden hinaus. Ich und meine Gefährtin hinterher, aber sie kehrte plötzlich zurück in den U-Bahn-Wagen. Dort lag auf dem Fußboden ihr Brustbeutel mit der gesamten Reisekasse für das nächste 1/2 Jahr, den die Diebe fallen gelassen hatten.
Nach dem Abitur hatte ich wie jeder normale deutsche Student seit dem Mittelalter ein katastrophales Verhältnis zu Rechtschreibung, zu schweigen von der Zeichensetzung – und wurde kuriert durch einen Schock, der binnen 2 Wochen meinen Rechtschreibsinn inaugurierte. Auslöser war Lobo, das Halbblut. So hieß der Charles Bronson nachempfundene Held einer Western-Reihe, die Pabel aus Rastatt verlegte. Die Leser waren damals Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit, und die Heftchen mussten so getaktet sein, dass es alle 10 Seiten einen Höhepunkt, entweder eine Schlägerei oder eine Sex-Szene, gab. Dazwischen durchquerte der narbige Held in großer Einsamkeit die endlose Wüste. Ich hatte mir bald einen kleinen Karteikasten mit der Beschreibung aller denkbaren Arizona-Kakteen und „Gestrüpp“-Arten zugelegt. Es waren die Zeiten von Tipp-Ex und manche Manuskriptseite schließlich so zugekleistert, dass man sie stöhnend von vorne tippen musste. Erst später lernte ich alle möglichen Schriftstellertricks der Vor-Computerzeit kennen, diese Klippe zu umschiffen. Am genialsten fand ich Raymond Chandlers, der eine normale Manuskriptseite in der Mitte durchschnitt und, wenn er nicht zufrieden war mit seinem Text, die halb so große Seite neu und neu tippte, bis sie die Prüfung bestand. Auf jeder dieser kleinen Seiten, die sich zu Chandlers Werken scharten, musste etwas stehen, das rechtfertigte, dass man sie nicht wegwirft. So lautete die Maxime dieses Dichters. Wer mal in Paris ist, kann sich, wenn er möchte, im Balzac-Museum die abenteuerliche „Textverarbeitung“ anschauen, mit welcher Honoré seine 600-Seiten-Manuskripte in 6 Wochen durch ca. 15 Fassungen jagte! Auch Balzac begann als Groschenheftautor. Was seinen Romanen bis heute noch anklebt (mit Ausnahme von Cousine Bette, den ich bei dieser Gelegenheit dringend in der Übersetzung von Paul Zech empfehle). Wir Studenten bekamen damals für unsere 110-Seiten-Western knapp 1.000 DM. Was eine Riesenmenge Geld für mich war, kein Verdienst hat sich je wieder so köstlich angefühlt. Ich brachte meinen ersten „Roman“ unter, reichte gleich den zweiten nach: Als Lohn nimm heißes Blei! Woraufhin mich der freundliche Lektor, Herr D., in die Augustenstrasse bestellte, wo die Münchener Büros von Pabel damals in einer Etage zwischen Neuer Illustrierte und Praline untergebracht waren. Irgendetwas war los mit dem Manuskript. Herr D. reichte es mir traurig über den Tisch. Die Seiten waren über und über mit Tintenstrichen bedeckt, man konnte kaum den Text entziffern. So sah mein Manuskript aus, nachdem Pabels Deutschlehrer, der sich auf diese Weise ein Zubrot verdiente, es Korrektur gelesen hatte. Der Schreck, gemischt mit Scham sitzt mir noch heute in den Knochen. Herr D. fragte mich, ob ich mit ihm einverstanden sei, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen dürfte. Ich nickte stumm, kaufte mir „So schreibt man richtig“ aus dem Duden-Verlag, und hatte mich, da ich dringend Geld brauchte, innerhalb zwei Wochen mit der deutschen Rechtschreibung u n d Zeichensetzung angefreundet. Es kamen dann aber doch nicht mehr so viele Western zustande, knapp zehn. Ich wurde etwas zu einfallsreich für den Rahmen des Genres. Nicht, dass meine Einfälle „besser gewesen“ wären, sie waren meistens schlechter, sprengten aber vor allem den Rahmen der Erwartungen des Lesers. Deshalb zog der Verlag, fand ich später noch heraus, junge Autoren mit kleinen Kindern vor. Womöglich weil sie zu wenig Zeit hatten, geistreich zu werden, und somit Garanten solider Kost waren.
Die Frage taucht immer wieder auf, ob ich religiös sei. Ich neige zur Antwort, dass ich zögere, ein Gesamturteil über das Wesen und Werden einer Welt abzugeben, die mich täglich überrascht. Mit Metaphysik habe ich wenig im Sinn – sie erscheint mir irgendwie neurotisch. Zugleich kommt es mir vor, als hätte der Alltag Risse, durch die etwas Herrliches scheint, das „nicht von dieser Welt“ ist. Bei Joyce heißen solche Momente Epiphanien. Ich erlebe sie immer wieder – zuletzt, ausgerechnet, beim Zahnarzt.
Ich musste an der Rezeption warten, weil eine Sprechstundenhilfe ihre neue Kollegin in den Computer einwies. Ihre Interaktion war faszinierend: innig, tastend, mit jedem Schritt aufbauend auf etwas, das zuvor nur latent vorhanden war. Man konnte ahnen, dass die Lernende bald besser sein würde als ihre Lehrerin. Ich dachte im Laufe des Tages mehrmals daran zurück.
Später wurde mir ein widerspenstiger Zahn gezogen. Die Ärztin kam irgendwann nicht weiter und rief einen verschwitzten Kollegen hinzu. Gemeinsam fanden sie schließlich eine Lösung. Fabelhaft.
Die dunkle Seite der Macht
Auch mich hatte sie einst gerufen. Noch heute schwindelt mir bei der Erinnerung an das Blut, das ich mir damals in Kalkutta von der Stirn wischte.
Die indische Göttin Kali lässt sich bestechen. Wenn dir oder mir jemand im Weg steht und wir wünschten, er bekäme eine tödliche Krankheit – an wen könnte man sich hierzulande schon wenden? Der Hindu geht zum Kali-Tempel. Dort kann man Tiere opfern lassen, nicht gerade billig, um bösen Zauber zu bestellen. Rund 5.000 Euro werden investiert, um einen Rivalen um einen Posten oder eine Konkurrentin um einen wohlhabenden Bräutigam aus dem Weg zu räumen.
Als neugieriger Tourist wurde ich sofort von einem Priester in Beschlag genommen, der mich durch das Heiligtum führte. Unter den schubsenden Besuchern herrschte eine laute, gereizte Stimmung. Auch unfruchtbare Frauen suchten den Tempel auf; nach erfolgreicher Geburt bringen sie ihre Babys zurück, um deren schwitzende Köpfchen an den blutverschmierten Steinen der Göttin zu reiben.
Schon befand ich mich in einer Halle, die nach heißem Metall und süßlichem Blut roch. Überall lauerten Straßenhunde, die gierig auf die eingedickten Pfützen auf den Kacheln starrten. Ein panisch um sich blickender Ziegenbock wurde zu einem Holzgestell gezerrt. Eine Familie überreichte dem halbnackten, fetten Priester ein dickes Bündel Geld. Nachdem er es zweimal gezählt und verstaut hatte, schlug ein dürrer Messdiener mit einem hakenförmigen Stock auf eine schmutzige Trommel. Bong-bong-bong. Der Bock wurde in das Gestell gedrückt, der Priester holte mit einer messerförmigen Axt aus – ein Schlag, und der Kopf war ab. Die Hunde sprangen erregt hinzu, leckten gierig das Blut, bis sie weggetreten wurden.
Benommen folgte ich dem Priester weiter ins Heiligtum, das von schwitzenden Körpern verstopft war.
„Willst du die Göttin sehen?“, fragte er und bedeutete mir, mich zu bücken.
Ich ging in die Knie, und plötzlich teilte sich das Gewimmel vor mir, bildete einen Tunnel. Am Ende, zwischen Beinen und Staub, erschien Kali: drei dicke weiße Striche liefen auf einen schwarzen Punkt zu, der aus der Mitte einer schmutzigen Steinplatte starrte.
Etwas Feuchtes traf mein Gesicht, gleichzeitig legte sich ein Band um meinen Arm. Der Priester hatte mir Blut aus dem Opferraum auf die Stirn gestrichen und mir eine zottige Devotionalie umgebunden.
Kaum war ich auf die Straße entkommen, riss ich sie mir vom Handgelenk, wischte mir die Stirn und spürte, wie die böse Nässe langsam wich.
Nichts tun, wenn es nicht sein muss – und auch dann eher nichts tun.
Einmal stieg nachts am Rosenheimer Platz eine junge Frau mit blutender Nase auf die Rückbank meines Taxis, gefolgt von einem Kerl ihres Alters. Ich sollte sie nach Neuperlach fahren. Die beiden stritten; offenbar hatte er zugeschlagen – ich vollzog das gerade nach, als im Rückspiegel Polizeiblaulicht aufleuchtete und das Signal kam, zu halten.
Das Pärchen auf der Rückbank wurde unruhig, als aus dem Wagen zwei Polizisten stiegen, begleitet von einem anderen Pärchen. Ich sollte weiterfahren, drehte aber die Scheibe herunter. Der Polizist leuchtete herein, fragte die junge Frau, ob ihr Gewalt angetan worden sei. Es gebe Zeugen. Das andere Pärchen, der Ausstrahlung nach Studenten, lauerte hinter ihm.
Die Frau mit der blutenden Nase stritt ab, in Schwierigkeiten zu sein: Die Scheiß-Akademiker sollten sich um ihren eigenen Kram kümmern!
Aus dem Hin und Her erhellte sich mir langsam, wie das Studentenpärchen in der Pizzeria Bella Italia das andere beobachtet haben musste – streitend, der Mann hatte der Frau eine gelangt. Ermahnt von seiner Freundin, hatte der Student sich eingeschaltet, ebenfalls eins auf die Nase bekommen; seine Freundin, die nachmischte, erhielt einen Schlag auf den Kopf. Die Braut des Prüglers war hinausgelaufen, in mein Taxi gestiegen.
Und nun? Sie warf dem jungen Mann, der zu Hilfe gekommen war, vor, ihren Freund „reinhängen“ zu wollen.
Die Polizei sah keinen weiteren Grund, mein Taxi wegen dieser Fahrgäste festzuhalten, und fragte die Studenten, ob sie noch etwas vorzubringen hätten. Der junge Mann schüttelte den Kopf. Seine Freundin behielt sich vor, Anzeige zu erstatten, falls sie einen „Schädelbasisbruch“ erlitten hätte.
Ich fuhr das Pärchen dann in die Satellitenstadt, in der sie wohnten. Sie waren in großartiger Stimmung – sie hatten es den Studentenarschlöchern, zu deren Gruppe sie ganz sicher nicht gehörten, gezeigt.
Ich ertappte mich später bei der Spekulation, welches der beiden Pärchen in dieser Nacht wohl den besseren Sex hatte.
Auch ich war in Kabul, nachdem das Goethe-Institut dort wieder eröffnet und Geld für alle möglichen Lehrgänge – auch meinen – bereitgestellt hatte. Die Künste stehen in Afghanistan in keinem hohen Ansehen. Nur wer es nirgendwo anders geschafft hat, studiert Literatur oder geht zum Film – eine Tätigkeit, die als unwürdig gilt.
Die EU-Länder hatten dennoch Kulturschaffende aus allen Bereichen nach Kabul geschickt, um die absonderlichsten Lehrgänge abzuhalten. Ich erinnere mich an eine bildhübsche Französin, direkt vom Titelblatt der Vogue, die, um Gutes zu tun, den einheimischen Jungen das Jonglieren mit Zirkusbällen beibrachte. Eine Deutsch-Afghanin, die später einen GSG-9-Mann heiratete, inszenierte Theaterstücke über das Elend afghanischer Frauen – für die Expat-Gemeinde Kabuls.
Den Afghanen selbst blieb die bürgerliche Veranstaltung Theater fremd; sie zogen indische Filme vor. Selbst dem Taliban-Obermullah Omar soll es nicht gelungen sein, den DVD-Player seiner jüngsten Frau zu beschlagnahmen. Überhaupt schien mir der Silberscheiben-Verleih in Afghanistan damals der einzige garantiert funktionierende Weg, in jedes Frauengemach und -gemüt vorzudringen. Stattdessen wurde zur Aufklärung der Massen das meiste Geld für Theaterprojekte verpulvert – unter anderem, weil man der „Raubkopiererei“ keinen Vorschub leisten wollte.
Kabul zog damals viele Glückssucher und bunte Gestalten an. Ich erinnere mich an eine deutsche Orientalistik-Professorin, die im hohen Alter mit ihrem VW-Bully über die Berge „zurück nach Kabul“ gekommen war, um hier zu sterben. Die etablierten Journalisten harrten in ihren Hotels aus, um nicht angeschossen oder entführt zu werden. Es war die Hochzeit für Freiberufler, die – wenn sie ihr Leben riskierten – endlich eine Chance hatten, etwas im Spiegel oder der New York Times zu platzieren, freilich ohne Aussicht auf feste Anstellung.
Einige Journalistinnen profitierten von ihren intimen Beziehungen zu dem einen oder anderen Warlord. Überhaupt fuhren auffällig viele NGO-Frauen tonangebend in weißen Allradfahrzeugen umher und hatten afghanische Liebhaber. Die Männer zählen zu den bestaussehenden der Welt.
Aus dem Garten meines „Hotels“, der ehemaligen österreichischen Gesandtschaft und Ex-Residenz Bin Ladens, sah ich ältere Flugzeuge sich in den Himmel schrauben. Kabul ist von so hohen Bergen umgeben, dass man nach dem Abheben nicht einfach durchstarten kann, sondern erst einmal – über der Stadt kreisend – ins stahlblau Wolkenlose hinaufschrauben muss, um über die Gipfel zu kommen. Das Hochland Afghanistans stellt eine große Herausforderung für Piloten dar, die in den Tälern landen müssen – weswegen etliche Peruaner, vertraut mit dem Relief der Anden, dort Arbeit als Piloten fanden. Auch in meinem Hotel lebten einige dieser Kondore in Uniform.
Der zwischen Frankfurt und Kabul verkehrende Air-Afghan-Airbus war ein klapperiges Geschenk der Inder, immerhin in der Lage, es ohne Hochkreisen über die Berge zu schaffen – auch wenn deren Spitzen manchmal nur zwei Meter unter den Flügeln rauchten. Auf dem Heimweg wurde in Baku zwischengelandet, um Sprit zu fassen. Der Pilot, ein afghanischer Kriegsveteran, der – wie die Stewards mir versicherten – selbst mit abgesprengtem Bugrad überall auf der Welt zu landen verstand, musste mit Bündeln Bargeld bezahlen.
Nach dem Wiederabheben sackte die Maschine plötzlich durch, und Rauch machte sich in der Kabine breit. Durchsagen auf Dari. Es roch nach verbranntem Gummi. Die Räder polterten heraus. Doch der Flug ging weiter. Die Bremsen, erfuhr ich dann – der Ohnmacht nahe –, seien beim Abstoppen der Reifen, bevor diese in die Radkästen klappten, heißgelaufen; man habe das Fahrwerk zum Abkühlen ausgefahren. Und der Rauch? Kam aus der Küche, wo die Stewards – im Hocken – indische Zigaretten rauchten.
Wenig von dem, was in Afghanistan geschah, drang an die Öffentlichkeit, obwohl Kabul damals von Journalisten wimmelte. Ich habe mich oft gefragt, woran das liegt. Wahrscheinlich daran, dass Zeitungen und Fernsehprogramme inzwischen „konzipiert“ werden. Wer „Inhalte“ liefert, muss „Programmplätze“ füllen – und kann mit nichts Unerhörtem mehr kommen. Nachrichten, fürchte ich, werden heute eher am Bildschirm hergestellt als von einem Geschehen abgelesen.
Am einfühlsamsten den Hinterbliebenen gegenüber habe ich damals die Wärter des Essener Parkfriedhofs erlebt, deren Bemühungen, es allen Kulturen recht zu machen, die komischsten und rührendsten Folgen hatten.
Oft war ich als Kind mit meiner Mutter unter den Bäumen des nahe unserer Wohnung in kleine Siedlungsstraßen auslaufenden Friedhofs sonntäglich umhergegangen – ahnungslos, wie früh sie hier begraben sein würde. Die Beerdigung hatten mein Bruder und ich allein auszurichten. Wir organisierten eine kleine Multimedia-Show aus den Lebensspuren unserer Mutter, die, soweit man das von einer Beerdigungsfeier sagen kann, ein ziemlicher Erfolg wurde. Ich erinnere mich noch heute an eine junge Frau, die während der gesamten Zeremonie schön und still weinte, ohne dass ich wusste, wie sie überhaupt zu uns gehörte. Meine Mutter hatte zum Glück ein umfangreiches Leben jenseits der Familie geführt.
Ihr Tod brachte uns mit jenen Berufsgruppen in Kontakt, die die Weiterungen betreuen – die taktvollsten Deutschen, die ich bisher kennengelernt habe. Am tiefsten beeindruckten mich die Friedhofswärter: kleine Beamte mit Bierflaschen in der Hand und Nikotinfingern, die trotzdem erstaunlich feinfühlig waren. Sie halfen uns bei allen, auch den esoterischsten Vorbereitungen zum Begräbnis, und erzählten von anderen bemerkenswerten Totensitten.
So waren etwa die ersten Türkinnen zur Überraschung der Belegschaft mit einer Zinnbadewanne angerückt, um die Leiche des Patriarchen im Kühlkammerflur zu waschen. Inzwischen hat der Friedhof dafür einen eigenen Raum mit eigener Zinnbadewanne. Am einfühlsamsten aber, sagten die Wärter, seien die Chinesen.
Der Parkfriedhof in Essen-Steele hat nämlich ein eigenes Quartier für Chinesen, die aus ganz Nordrhein-Westfalen hier beerdigt werden. Dabei gibt es einige Bräuche zu beachten: Den Toten wird Geld mit ins Jenseits gegeben, und man muss aufpassen, dass es zu keinen Räubereien kommt. Die Wärter waren auch erschrocken, als die trauernden Asiaten sich in ihren Anzügen neben dem Grab auf die Erde warfen – inzwischen haben sie auf Stadtkosten Teppiche angeschafft, damit sich niemand unnötig beschmutzt.
Für die chinesischen Trauerfeiern wird die Friedhofskapelle mit einem umlaufenden Stoffband voller Schriftzeichen geschmückt. Als die Wärter es zum ersten Mal anbrachten und die Trauergemeinde eintraf, wäre die Großmutter beinahe in Ohnmacht gefallen: Die Zeichen hingen verkehrt herum – ein schlechtes Omen. Seitdem können die Friedhofswärter in Essen-Steele genug Chinesisch lesen, um böse Geister aus der Kapelle fernzuhalten.
Das alles liegt inzwischen über zwanzig Jahre zurück. Das Grab meiner Mutter ist aufgelöst. Als wir vor der Entscheidung standen, es zu verlängern – in jener Stadt, an jenem Ort, den wir nur noch in unserer Erinnerung aufsuchen –, beschlossen wir, ihr lieber einen virtuellen Grabstein zu setzen: hier auf Facebook, wo ihr sie heute – oder, wenn euch das gerade nicht passt – auch in hundert Jahren noch besuchen könnt.
Ich habe in meinem Leben zwei Menschen getroffen, die in Folterungen verwickelt waren: einen pensionierten Fremdenlegionär und einen Geheimpolizisten, der in Südafrika – auf der Flucht vor der Wahrheitskommission – verbotenerweise als Anhalter zu mir ins Auto stieg. Von ihm erzähle ich ein andermal.
Der Ex-Fremdenlegionär lief mir auf einer Insel in Französisch-Polynesien über den Weg, wo er sich, zum Dröhnen von Heino-Liedern, unter Palmen zu Tode soff. Sein prägendes Erlebnis war der Algerienkrieg, in dem beide Seiten mit äußerster Grausamkeit gegeneinander vorgingen. Seine Einheit stand unter dem Kommando eines gewissen „Hauptmann Gold“, eines Auschwitz-Überlebenden, der sich geschworen hatte, bis ans Ende seines Lebens kein deutsches Wort mehr zu sprechen. Dieser traumatisierte Mann war für die Folterverhöre der Gefangenen zuständig.
Mein Gesprächspartner schilderte mir das eine oder andere Vorgehen, ohne große Emotion. Als ich schließlich fragte, was mit den Gefolterten anschließend geschah, sagte er nur: „Die wurden erschossen …“ – und fügte nach kurzem Schweigen hinzu, es sei wohl besser so gewesen, denn jemand, der einmal gefoltert worden sei, finde ohnehin nie mehr zurück ins normale Leben.
Später erfuhr ich in Ägypten, dass Mitglieder der Moslembruderschaft in den Gefängnissen des Landes schwer gefoltert, aber „leider nicht“ getötet worden seien – man habe sie in der Regel wieder freigelassen. Unter ihnen war auch der Arzt Ayman al-Zawahiri, späterer Architekt von 9/11.
Solche Geschichten erfährt man nur, wenn man reist – sicher nicht aus deutschen Zeitungen, die auch solche Reiseberichte nicht drucken würden.
Mit meinem Bruder im Riesenrad über dem Oktoberfest, der glühende Teppich aus Menschen und Attraktionen zu unseren Füßen, machte er mich – nicht auf das Erhabene – sondern auf das Gleichgültige dieser Aussicht aufmerksam: ob mir wohl ein einziger Mensch da unten fehlen würde, wenn er plötzlich verschwände.
Wie außerordentlich vernetzt – und dadurch zugleich unbedeutend – wir Einzelnen sind, wurde mir gestern bei einem Theaterbesuch in der Provinz um München erneut klar. Schon die Tatsache, dass man heute mal eben fast hundert Kilometer fährt, um eine Aufführung in einem Zimmertheater zu besuchen, eine Strecke, für die in meiner Jugend noch eine halbe Tagesreise nötig gewesen wäre.
Und jeder der Insassen unseres Kleinwagens, der sich im Gewimmel der Autobahn ins Umland schob, war schon beinahe überall auf der Welt gewesen, erzählte von Afrika oder Bangkok. Die Atmosphäre war dabei nicht angeberisch, sondern freundlich-polyglott – notwendig, aber auch berührungslos, über den sich immer weiter vermehrenden Erlebnissen schwebend wie über den endlos ausrollenden Programm-Ikonen der Streamingdienste, die digitale Flaneure verführen.
Als wir nach der Vorstellung noch mit den Schauspielern am Tresen standen, zeigte sich, dass jeder von uns noch vor wenigen Stunden völlig andere Koordinaten im Raum besetzt hatte. Zwei Anwesende waren am Vortag mit dem Sprinter in der Hauptstadt gewesen: der angehende Arzt, um kurz bei seiner Freundin zu schlafen, einer der Schauspieler, um ein paar Sätze Game of Thrones zu synchronisieren. Sein Kollege musste in zwölf Stunden schon an einem weit entfernten Theater spielen.
Die meisten Schauspieler sind heute Wanderarbeiter. Aber wer ist das nicht? Wer bleibt noch an einem Ort? Selbst ich lege am Wochenende mit dem Fahrrad hundert Kilometer zurück – sonst würde mir etwas fehlen. Das Gefühl, nie anzukommen?
Auf der nächtlichen Rückfahrt redeten wir über die Optimierung des Menschen durch künstliche Gaben. Der Mediziner, der in der Forschung arbeitet, skizzierte – auf Grundlage von Tierexperimenten – die Möglichkeit, den menschlichen Körper in kaum vorstellbarer Weise zu erweitern. Eine Rasse von Superhelden sei in Vorbereitung. Die Beweglichkeit nimmt weiter zu – und mit ihr die Verachtung des Standpunkts.
Ich würde mich spontan als feige bezeichnen – jemand, der erst mal wegduckt. Wahrscheinlich, weil ich so viel darüber in der Zeitung gelesen habe und glaube, ich müsste in einer solchen Situation genauso handeln.
Dabei hat mir einmal ein Akt (milder) Zivilcourage die Reisekasse gerettet. Als ich meine spätere Frau am Flughafen von Paris abholte, wir das Hotel hinter uns gebracht hatten und noch etwas mit der Metro umherirrten, sprangen – ich weiß nicht mehr an welcher Station – zwei junge Schwarze in unseren Wagen. Direkt vor mir tauchte das verzweifelte Gesicht einer jungen Amerikanerin auf, die noch durch die sich zwischen uns schließenden Türen rief:
„But he just stole my purse!“
Ich stand unmittelbar neben den beiden Männern, während der Zug weiterfuhr. Meine Freundin, eine Kanadierin, hatte die letzten Worte der Bestohlenen mitgehört. Wir sahen uns an – betreten, ratlos. Was tun? Schließlich sagte ich, mit heftig klopfendem Herzen, zu dem neben mir Stehenden:
„La fille au quai disait que vous avez chopé son sac.“
Die Reaktion war heftig, aber weniger aggressiv, als ich befürchtet hatte. Die beiden verteidigten sich wild gestikulierend, redeten auf mich ein, empört über meine „abwegigen Behauptungen“. Schon fuhren wir in die nächste Station ein. Sobald sich die Türen öffneten, stürzten sie hinaus.
Wir hinterher – doch meine Begleiterin kehrte plötzlich in den Wagen zurück. Auf dem Boden lag ihr Brustbeutel mit der gesamten Reisekasse für das nächste halbe Jahr. Die Diebe hatten ihn fallen gelassen.
Nach dem Abitur hatte ich – wie wohl jeder normale deutsche Student seit dem Mittelalter – ein katastrophales Verhältnis zur Rechtschreibung, ganz zu schweigen von der Zeichensetzung. Geheilt wurde ich durch einen Schock, der binnen zwei Wochen meinen Rechtschreibsinn inaugurierte.
Auslöser war Lobo, das Halbblut. So hieß der Charles-Bronson-nachempfundene Held einer Western-Reihe, die der Pabel-Verlag in Rastatt herausgab. Die Leser waren Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit, und die Hefte mussten so getaktet sein, dass alle zehn Seiten ein Höhepunkt kam – entweder eine Schlägerei oder eine Sexszene. Dazwischen durchquerte der narbige Held in großer Einsamkeit die endlose Wüste.
Ich legte mir bald einen kleinen Karteikasten mit der Beschreibung aller denkbaren Arizona-Kakteen und Gestrüpparten an. Es waren die Zeiten von Tipp-Ex, und so manch eine Manuskriptseite war am Ende so zugekleistert, dass man sie stöhnend neu tippen musste. Erst später lernte ich die Tricks der Vor-Computerzeit kennen, um diese Klippen zu umschiffen. Am genialsten fand ich Raymond Chandler: Er schnitt seine Manuskriptseiten in der Mitte durch und tippte die halbe Seite so oft neu, bis sie seinen Ansprüchen genügte. Auf jeder dieser kleinen Seiten, die sich zu Chandlers Werk scharten, musste etwas stehen, das rechtfertigte, dass man sie nicht wegwarf – so lautete seine Maxime.
Wer einmal in Paris ist, kann im Balzac-Museum die abenteuerliche „Textverarbeitung“ besichtigen, mit der Honoré de Balzac seine 600-Seiten-Manuskripte in sechs Wochen durch fünfzehn Fassungen jagte. Auch Balzac begann als Groschenheftautor – was seinen Romanen bis heute noch anhaftet (mit Ausnahme von Cousine Bette, die ich in der Übersetzung von Paul Zech nur empfehlen kann).
Wir Studenten bekamen damals für unsere 110-Seiten-Western rund 1.000 DM – eine ungeheure Summe. Kein Verdienst hat sich je wieder so köstlich angefühlt. Ich brachte meinen ersten „Roman“ unter und reichte gleich den zweiten nach: Als Lohn nimm heißes Blei!
Daraufhin bestellte mich der freundliche Lektor, Herr D., in die Augustenstraße, wo die Münchener Büros von Pabel damals zwischen Neue Illustrierte und Praline untergebracht waren. Irgendetwas war mit dem Manuskript. Herr D. reichte es mir traurig über den Tisch: Die Seiten waren über und über mit Tintenstrichen bedeckt, der Text kaum mehr zu entziffern. So sah mein Werk aus, nachdem Pabels Deutschlehrer, der sich auf diese Weise ein Zubrot verdiente, es Korrektur gelesen hatte.
Der Schreck, gemischt mit Scham, sitzt mir bis heute in den Knochen. Herr D. fragte nur, ob ich mit ihm einverstanden sei, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen dürfe. Ich nickte stumm, kaufte mir So schreibt man richtig aus dem Duden-Verlag – und war, da ich dringend Geld brauchte, binnen zwei Wochen mit der deutschen Rechtschreibung und Zeichensetzung versöhnt.
Es entstanden dann aber doch nicht mehr viele Western – knapp zehn. Ich wurde zu einfallsreich für die engen Grenzen des Genres. Nicht, dass meine Einfälle besser gewesen wären; meist waren sie schlechter, aber sie sprengten den Rahmen der Erwartungen. Der Verlag, fand ich später heraus, zog junge Autoren mit kleinen Kindern vor – wohl weil sie zu wenig Zeit hatten, geistreich zu werden, und damit Garanten solider Kost waren.
Die Frage taucht immer mal auf, ob ich religiös bin. Ich neige zur Antwort, dass ich zögere, ein Gesamturteil über das Wesen und Werden einer Welt abzugeben, die mich täglich überrascht. Ich interessiere mich wenig für Metaphysik, halte sie irgendwie für neurotisch. Zugleich kommt es mir so vor, als würde der Alltag Risse haben, durch die etwas Herrliches scheint, das „nicht von dieser Welt" ist. Bei Joyce heißen solche Momente Epiphanien. Ich erlebe sie immer mal wieder. Das letzte Mal ausgerechnet beim Zahnarzt. Ich musste an der Rezeption warten, weil eine Sprechstundenhilfe ihre neue Kollegin in den Computer einwies. Die Interaktion der beiden hatte etwas Faszinierendes, innig und mit jedem Schritt wackelnd aufbauend, was vorher nicht da war. Man konnte ahnen, dass die Lernende bald besser sein würde als ihre Lehrerin. Ich hatte am Tag noch mehrmals daran zurückgedacht. Später wurde mir dann ein widerspenstiger Zahn gezogen, und die Ärztin kam irgendwann nicht weiter, ein verschwitzter Kollege wurde konsultiert. Gemeinsam konnten sie das Problem endlich lösen. Fabelhaft.
Die dunkle Seite der Macht
Die dunkle Seite der Macht hatte auch mich einmal gerufen. Noch heute schwindelt mir bei der Erinnerung an das von der Stirn gewischte Blut – damals in Kalkutta.
Die indische Göttin Kali kann bestochen werden. Wenn dir oder mir beispielsweise jemand im Weg steht, und wir hätten gern, er bekäme eine tödliche Krankheit – an wen kann man sich da bei uns schon wenden? Der Hindu geht zum Kali-Tempel. Dort kann man Tiere opfern lassen, nicht gerade billig, um bösen Zauber zu dingen. Etwa 5.000 Euro werden investiert, um den Mitbewerber um einen begehrten Job oder eine Rivalin um einen wohlhabenden Bräutigam kaltzustellen.
Als neugieriger Tourist wurde ich natürlich gleich von einem der Priester beschlagnahmt, der mich überallhin führte. Es herrschte eine laute, gereizte Stimmung unter den schubsenden Besuchern des Tempels. Der wird, wie ich erfuhr, auch von unfruchtbaren Frauen aufgesucht. Nach erfolgreicher Geburt bringen sie ihre Babys zurück, um deren schwitzende Köpfchen an den verschmierten Blutsteinen der Göttin zu reiben.
Schon befand ich mich in einer waschküchenartigen Halle. Überall sah ich jetzt die Straßenhunde. Sie äugten gierig auf Blutpfützen, die verstreut über den Kachelboden eindickten, ohne sich näher heranzuwagen. Ein panisch-böse um sich schauender Ziegenbock wurde zu einem Holzgestell gezerrt. Dort stand eine Familie und überreichte dem fetten, halb nackten Priester ein dickes Bündel Geld.
Nachdem dieses zweimal durchgezählt und verstaut war, hieb ein dürrer Messdiener mit einem hakenförmigen Stecken auf eine schmutzige Trommel. Bong-bong-bong! Der Ziegenbock wurde in das Gestell gedrückt, der Priester holte mit einer messerförmigen Axt aus und hieb ihm den Kopf ab. Die Hunde sprangen erregt hinzu, um von dem Blut zu lecken, bevor sie weggetreten wurden.
Noch benommen von dem Schauspiel folgte ich dem Priester ins Heiligtum der Göttin, randvoll mit schwitzenden Besuchern, die den Blick auf alles Weitere versperrten. Ob ich die Göttin sehen wolle, fragte mich der Priester und bedeutete mir, mich zu bücken.
Als ich in die Knie ging, bog sich auf einmal das Beingewimmel vor mir auseinander und bildete einen Tunnel. An dessen Ende erschien Kali: Drei dicke weiße Striche stießen auf einen schwarzen Punkt zu, welcher aus der Mitte einer dreckigen Steinplatte starrte.
Ich spürte etwas Feuchtes im Gesicht. Zugleich schloss sich ein Band um meinen Arm. Der Priester hatte mir Blut aus dem Opferraum auf die Stirn geschmiert und eine zottige Devotionalie angelegt.
Die riss ich mir, als ich auf die Straße entkommen war, augenblicklich vom Handgelenk und reinigte meine Stirn von dem Blut aus Kalis Tempel. Zögernd fühlte ich die böse Nässe weichen.
Nichts tun, wenn es nicht sein muss, auch dann eher nichts tun. Einmal stieg nachts am Rosenheimer Platz eine junge Frau mit blutender Nase auf die Rückbank meines Taxis, gefolgt von einem Kerl ihres Alters. Ich sollte sie nach Neuperlach fahren! Die beiden stritten, offenbar hatte er zugeschlagen – ich vollzog das gerade nach, als Polizeiblaulicht im Rückspiegel erschien mit dem Signal zu halten. Das Pärchen auf der Rückbank wurde unruhig, als zwei Polizisten sich näherten, begleitet von einem anderen Pärchen. Ich sollte weiterfahren! Drehte aber die Scheibe herunter. Der Polizist leuchtete herein, fragte die junge Frau, ob ihr Gewalt angetan worden sei. Es gäbe Zeugen. Das andere Pärchen, der Ausstrahlung nach Studenten, lauerte hinter ihm. Die Frau mit der blutenden Nase stritt ab, in Schwierigkeiten zu sein: Die Scheiß-Akademiker sollten sich um ihren eigenen Kram kümmern!
Aus dem Hin und Her erhellte sich für mich langsam, wie das Studentenpärchen in der Pizzeria Bella Italia das andere beobachtet haben musste, streitend, der Mann der Frau eine langte. Ermahnt von seiner Freundin hatte der Student sich eingeschaltet, ebenfalls eins auf die Nase bekommen; seine Freundin, die nachmischte, erhielt einen Schlag auf den Kopf. Die Braut des Prüglers war hinausgelaufen, in mein Taxi gestiegen.
Und nun? Sie warf dem jungen Mann, der zu Hilfe gekommen war, vor, ihren Freund reinhängen zu wollen. Die Polizei sah keinen weiteren Grund, mein Taxi wegen dieser Fahrgäste festzuhalten, fragte die Studenten, ob sie noch etwas vorzubringen hätten. Der junge Mann schüttelte den Kopf. Seine Freundin behielt sich vor, Anzeige zu erstatten, falls sie einen „Schädelbasisbruch" erlitten hätte.
Ich fuhr das Pärchen dann in die Satellitenstadt, in der sie wohnten. Sie waren in großartiger Stimmung, es den Studentenarschlöchern gezeigt zu haben, zu deren Gruppe sie ganz sicher nicht gehörten. Ich ertappte mich später bei der Spekulation, welches der beiden Pärchen in dieser Nacht wohl den besseren Sex hatte.
Auch ich war in Kabul, nachdem das Goethe-Institut dort wieder eröffnet und Geld für alle möglichen Lehrgänge – auch meinen – hatte. Die Künste stehen in Afghanistan in keinem hohen Ansehen. Nur wer's nirgendwo anders geschafft hat, studiert Literatur oder geht zum Film, eine unwürdige Tätigkeit. Die EU-Länder hatten trotzdem Kulturschaffende aus allen Bereichen nach Kabul geschickt, um die absonderlichsten Lehrgänge abzuhalten. Ich erinnere mich an eine bildhübsche Französin, direkt vom Titelblatt der Vogue, die, um Gutes zu erreichen, den einheimischen Jungs das Jonglieren mit Zirkusbällen beibrachte. Eine Deutsch-Afghanin, die später einen GSG-9-Mann heiratete, setzte ihre Theaterstücke über das Elend afghanischer Frauen in Szene für die Expat-Gemeinde Kabuls. Den Afghanen selbst blieb die bürgerliche Veranstaltung Theater fremd, sie zogen indische Filme vor. Selbst dem Taliban-Obermullah Omar soll es nicht gelungen sein, den DVD-Player seiner jüngsten Frau zu beschlagnahmen. Überhaupt schien mir der Silberscheiben-Verleih in Afghanistan damals der einzige garantiert funktionierende Weg, in jedes Frauengemach und -gemüt vorzudringen. Stattdessen wurde zur Aufklärung der Massen das meiste Geld für Theater verpulvert, unter anderem, weil man der „Raubkopiererei" keinen Vorschub leisten wollte.
Kabul zog damals viele Glücksritter und bunte Gestalten an. Ich erinnere mich an eine deutsche Orientalistik-Professorin, die im hohen Alter mit ihrem VW-Bully über die Berge „zurück nach Kabul" gekommen war, um hier zu sterben. Die etablierten Journalisten harrten alle in ihren Hotels aus, um nicht angeschossen oder entführt zu werden. Es war die Hochzeit für Freiberufler, die, wenn sie ihr Leben riskierten, endlich eine Chance hatten, etwas im Spiegel oder der New York Times zu platzieren. Ohne Aussicht freilich auf feste Anstellung. Einige Journalistinnen profitierten von ihren intimen Beziehungen zu dem einen oder anderen Warlord. Überhaupt fuhren auffällig viele NGO-Frauen tonangebend in weißen Allrad-Fahrzeugen umher und hatten afghanische Liebhaber. Die Männer zählen zu den bestaussehendsten der Welt.
Aus dem Garten meines „Hotels", der ehemaligen österreichischen Gesandtschaft und Ex-Residenz Bin Ladens, sah ich ältere Flugzeuge sich in den Himmel schrauben. Kabul ist so hoch von Bergen umgeben, dass man nach dem Abheben nicht einfach durchstarten kann, sondern erst mal – über der Stadt kreisend – ins Stahlblau-Wolkenlose hinaufkreisen muss, um's über die Berge zu schaffen. Das Hochland Afghanistans stellt eine große Herausforderung für Flieger dar, die in den Tälern zu landen haben. Weswegen etliche Peruaner, vertraut mit dem Relief der Anden, damals Arbeit als Piloten fanden. Auch in meinem Hotel lebten einige dieser Kondore in Uniform.
Der zwischen Frankfurt und Kabul verkehrende Air-Afghan-Airbus war ein klapperiges Geschenk der Inder, immerhin in der Lage, es ohne Hochschrauben über die Berge zu schaffen, auch wenn deren Gipfel plötzlich zwei Meter unter den Flügeln rauchten. Auf dem Heimweg wurde zwischengelandet in Baku, um Sprit zu fassen. Der Pilot, ein afghanischer Kriegsveteran, der auch mit abgesprengtem Bugrad, wie die Stewards mir versicherten, überall auf der Welt zu landen verstand, musste mit Bündeln Bargeld bezahlen. Nach dem Wiederabheben sackte die Maschine auf einmal durch und Rauch machte sich in der Kabine breit. Durchsagen auf Dari. Es roch nach verbranntem Gummi. Die Räder polterten heraus. Aber der Flug ging weiter. Die Bremsen, erfuhr ich dann, der Ohnmacht nahe, wären beim Abstoppen der Reifen, bevor diese in die Radkästen klappten, heißgelaufen – jetzt hängte man das Fahrwerk zum Abkühlen in die Luft. Und der Rauch? Kam aus der Küche, wo die Stewards – im Hocken – sich an indischen Zigaretten gütlich taten.
Wenig von dem, was in Afghanistan passiert/e, dringt an die Öffentlichkeit, obwohl Kabul damals von Journalisten wimmelte. Ich habe mich öfters gefragt, woran das liegt. Wahrscheinlich, weil Zeitungen, auch TV-Programme u. ä. m. inzwischen „konzipiert" werden. Wer „Inhalte" liefert, muss die „Programmplätze" damit füllen und kann mit nichts Unerhörtem kommen. Nachrichten werden heute, fürcht' ich, eher am Bildschirm hergestellt als von einem Geschehen abgelesen.
Am einfühlsamsten den Hinterbliebenen gegenüber hatte ich damals die Wärter des Essener Parkfriedhofs erlebt, deren Bemühungen, es allen Kulturen recht zu machen, die komischsten und rührendsten Folgen hatten. Oft war ich als Kind mit meiner Mutter unter den Bäumen des nahe unserer Wohnung in kleine Siedlungsstraßen auslaufenden Friedhofs sonntäglich umherspaziert, ahnungslos, wie früh sie hier begraben sein würde.
Die Beerdigung hatten mein Bruder und ich alleine auszurichten. Wir organisierten eine kleine Multimedia-Show aus den Lebensspuren unserer Mutter, die glücklicherweise ein ziemlicher Erfolg wurde, soweit dieser Begriff für eine Beerdigungsfeier gelten darf. Ich erinnere mich noch heute an eine junge Frau, die die ganze Zeit intensiv und schön weinte, von der ich gar nicht wusste, wie sie zu unserer Trauergemeinde gehörte. Meine Mutter hatte zum Glück noch ein umfangreiches Leben jenseits der Familiengrenzen.
Ihr Tod hatte uns natürlich mit den Berufszweigen in Verbindung gebracht, die die Weiterungen betreuen, die taktvollsten Deutschen, die ich bisher im Leben kennengelernt hatte. Am tiefsten beeindruckten mich aber die Friedhofswärter, weil sie, wenngleich kleine Beamte, die im Dienste Bier tranken und Nikotinfinger hatten, doch sehr feinfühlig waren. Sie halfen mir bei allen, auch den esoterischsten Vorbereitungen zu unserem Begängnis, und erzählten von anderen bemerkenswerten Totensitten. Wie z. B. die ersten Türkinnen zur Überraschung der noch Uneingeweihten mit einer Zinnbadewanne angerückt waren, um die Leiche des Patriarchen auf dem Kühlkammer-Flur zu waschen. Inzwischen hat der Friedhof dafür einen eigenen Raum mit eigener Zinnbadewanne.
Am einfühlungsbedürftigsten aber waren die Chinesen. Der Parkfriedhof in Essen-Steele hat nämlich ein Quartier für Chinesen, die aus ganz NRW hier beerdigt werden. Dabei gibt es einige Bräuche zu beachten. Z. B. wird den Toten Geld mit ins Jenseits – also ins Grab – gegeben, und man muss aufpassen, dass es zu keinen Räubereien kommt. Auch waren die Essener Friedhofswärter erschrocken, als die trauernden Asiaten sich „in ihren Anzügen" neben dem Grab auf die Erde warfen – und hatten inzwischen auf Stadtkosten Teppiche angeschafft, damit die Fremden sich nicht unnötig schmutzig machen.
Für die chinesische Trauerfeier wird die Friedhofskapelle mit einem rundlaufenden Stoffband voller Schriftzeichen dekoriert. Als die Friedhofswärter es zum ersten Mal anbrachten und die Trauergemeinde eintraf, wäre die Großmutter beinahe in Ohnmacht gefallen. Die Zeichen hingen verkehrt herum! Ein schlechtes Omen... Seitdem können die Friedhofswärter in Essen-Steele genug Chinesisch lesen, um böse Geister aus der Friedhofskapelle fernzuhalten.
Das alles liegt jetzt schon mehr als 20 Jahre zurück. Das Grab meiner Mutter ist aufgelöst worden. Als wir vor der Frage standen, es zu verlängern, in jener Stadt, an jenem Ort, den wir nur noch in unserer Erinnerung aufsuchen, entschieden wir uns, ihr lieber weiter einen virtuellen Grabstein zu setzen – hier in Facebook, wo ihr sie heute – oder, wenn euch das gerade nicht passt – auch in 100 Jahren noch besuchen könnt.
Ich habe in meinem Leben zwei Menschen getroffen, die in Folterungen involviert waren, einen pensionierten Fremdenlegionär sowie einen Geheimpolizisten, der in Südafrika auf der Flucht vor der Wahrheitskommission verbotenerweise zu mir als Anhalter ins Fahrzeug stieg. Von dem erzähle ich ein andermal.
Der Ex-Fremdenlegionär lief mir auf einer Insel Französisch-Polynesiens über den Weg, wo er sich zum Dröhnen von Heino-Liedern unter Palmen zu Tode soff. Sein prägendes Erlebnis war der Algerien-Krieg, in dem die Parteien mit äußerster Grausamkeit gegeneinander vorgingen. Seine Abteilung wurde vom „Hauptmann Gold" befehligt, einem Auschwitz-Überlebenden, der sich weigerte, den Rest seines Lebens noch ein Wort Deutsch zu sprechen. Dieser traumatisierte Mann war zuständig für die Folter-Verhöre der Gefangenen. Mein Gesprächspartner beschrieb mir das eine oder andere Vorgehen. Als ich fragte, was denn mit den Gefolterten anschließend geschah: „Die wurden erschossen..." Wär' besser so auch für sie gewesen, denn jemand, der einmal gefoltert worden sei, finde ohnehin nie zurück ins normale Leben.
Später erfuhr ich dann in Ägypten, die Moslembrüder seien in den Gefängnissen des Landes schwer gefoltert, aber „leider nicht" umgebracht worden, sondern in der Regel wieder freigekommen. Unter ihnen der Arzt Ayman al-Zawahiri, späterer Architekt von 9/11. (Man erfährt derlei Geschichten nur, wenn man reist, bestimmt nicht aus deutschen Zeitungen – die auch solche Reiseberichte nicht drucken würden.)
Mit meinem Bruder im Riesenrad über das Oktoberfest gestiegen, die glühenden Menschen-Attraktionen-Teppiche zu unseren Füßen, machte er mich – nicht auf das Erhabene – auf das Gleichgültige dieser Sicht aufmerksam mit der Frage, ob mir ein einzelner Mensch da unten abgehen würde, wenn er plötzlich verschwunden wäre. Wie außerordentlich vernetzt und dadurch unbedeutend wir Einzelnen sind, wurde mir gestern klar anlässlich eines Theaterbesuchs in der Provinz um München.
Schon dass man mal schnell fast 100 Kilometer fährt, um eine Aufführung zu besuchen in einem Zimmertheater, eine Strecke nach Feierabend zurücklegend, für die noch in meiner Jugend eine halbe Tagesreise vonnöten gewesen wäre. Und jeder der Insassen unseres Kleinwagens, der im Gewimmel der Autobahn ins Umland preschte, war beinahe schon überall in der Welt gewesen, erzählte von Afrika oder Bangkok. Die Atmosphäre war dabei nicht angeberisch, sondern freundlich-polyglott. Notwendig aber auch berührungslos, über den nur so sich vermehren könnenden Erlebnissen schwebend wie über den nie ausrollenden Programm-Ikonen der Datenstrom-Serien-Angebote für digitale Flaneure.
Als wir hinterher noch mit den Schauspielern etwas am Tresen standen, zeigte sich, dass jeder von uns noch vor wenigen Stunden vollkommen andere Raum-Koordinaten besetzt hatte. Zwei der Anwesenden waren tags zuvor mit dem Sprinter in der Hauptstadt gewesen, ein angehender Arzt, um kurz bei seiner Freundin zu schlafen, einer der Schauspieler, um ein paar Sätze Game of Thrones zu synchronisieren. Sein Kollege musste in zwölf Stunden an einem weit entfernten Theater spielen. Die meisten Schauspieler sind inzwischen Wanderarbeiter. Aber wer bewegt sich heute eigentlich nicht hin und her die meiste Zeit? Selbst mit meinem Fahrrad lege ich am Wochenende 100 Kilometer zurück, sonst würde mir etwas fehlen. Das Gefühl, nie anzukommen?
Auf der Nachhausejagd um Mitternacht im Auto redeten wir über die Optimierung des Menschen durch künstliche Gaben. Der Mediziner, der in der Forschung arbeitete, skizzierte als Ergebnis von Tierexperimenten die Möglichkeit, den menschlichen Körper in kaum vorstellbarer Weise zu pimpen. Eine Rasse von Superhelden sei in petto. Die Beweglichkeit nimmt weiter zu, die Verachtung des Standpunkts.
Ich würde mich spontan als feige bezeichnen, jemand, der erst mal wegmacht. Wahrscheinlich, weil ich so viel in der Zeitung davon gelesen habe und deswegen glaube, ich müsste ebenso handeln. Dabei hat mir einmal ein Akt (linder) Zivilcourage die Reisekasse gerettet!
Denn als ich meine spätere Frau vom Flughafen in Paris abholte, wir das Hotel hinter uns gebracht hatten und noch etwas via Metro umherirrten, sprangen, ich weiß nicht mehr an welchem Bahnhof, zwei junge Schwarze zu uns herein, gefolgt vom Auftauchen des verzweifelten Gesichts einer jungen Amerikanerin direkt vor meinem, die ich noch durch die sich zwischen uns schließenden Türen sagen hörte: „But he just stole my purse!" Ich stand unmittelbar neben den beiden jungen Männern im weiterfahrenden Zug. Meine Freundin, Kanadierin, hatte die letzten Worte der Bestohlenen mitbekommen, wir schauten uns aber nur betreten an. Was war zu tun?
Schließlich sagte ich, herzklopfend, zu dem jungen Mann neben mir: „La fille au quai disait que vous avez chopé son sac." Die Antwort war explosiv, weniger aggressiv, als ich befürchtet hatte. Die Angesprochenen verteidigten sich wild gestikulierend: was mir Anlass gäbe zu solch abwegigen Behauptungen usw. Wir fuhren bereits in den nächsten Bahnhof ein. Sobald die Türen sich auftaten, stürzten die beiden hinaus. Ich und meine Gefährtin hinterher, aber sie kehrte plötzlich zurück in den U-Bahn-Wagen. Dort lag auf dem Fußboden ihr Brustbeutel mit der gesamten Reisekasse für das nächste halbe Jahr, den die Diebe fallen gelassen hatten.
Nach dem Abitur hatte ich wie jeder normale deutsche Student seit dem Mittelalter ein katastrophales Verhältnis zu Rechtschreibung, zu schweigen von der Zeichensetzung – und wurde kuriert durch einen Schock, der binnen zwei Wochen meinen Rechtschreibsinn inaugurierte. Auslöser war Lobo, das Halbblut. So hieß der Charles Bronson nachempfundene Held einer Western-Reihe, die Pabel aus Rastatt verlegte. Die Leser waren damals Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit, und die Heftchen mussten so getaktet sein, dass es alle zehn Seiten einen Höhepunkt, entweder eine Schlägerei oder eine Sex-Szene, gab. Dazwischen durchquerte der narbige Held in großer Einsamkeit die endlose Wüste. Ich hatte mir bald einen kleinen Karteikasten mit der Beschreibung aller denkbaren Arizona-Kakteen und „Gestrüpp"-Arten zugelegt.
Es waren die Zeiten von Tipp-Ex, und manche Manuskriptseite war schließlich so zugekleistert, dass man sie stöhnend von vorne tippen musste. Erst später lernte ich alle möglichen Schriftstellertricks der Vor-Computerzeit kennen, diese Klippe zu umschiffen. Am genialsten fand ich Raymond Chandlers, der eine normale Manuskriptseite in der Mitte durchschnitt und, wenn er nicht zufrieden war mit seinem Text, die halb so große Seite neu und neu tippte, bis sie die Prüfung bestand. Auf jeder dieser kleinen Seiten, die sich zu Chandlers Werken scharten, musste etwas stehen, das rechtfertigte, dass man sie nicht wegwirft. So lautete die Maxime dieses Dichters. Wer mal in Paris ist, kann sich, wenn er möchte, im Balzac-Museum die abenteuerliche „Textverarbeitung" anschauen, mit der Honoré seine 600-Seiten-Manuskripte in sechs Wochen durch ca. 15 Fassungen jagte! Auch Balzac begann als Groschenheftautor. Was seinen Romanen bis heute noch anklebt (mit Ausnahme von Cousine Bette, die ich bei dieser Gelegenheit dringend in der Übersetzung von Paul Zech empfehle).
Wir Studenten bekamen damals für unsere 110-Seiten-Western knapp 1.000 DM. Was eine Riesenmenge Geld für mich war, kein Verdienst hat sich je wieder so köstlich angefühlt. Ich brachte meinen ersten „Roman" unter, reichte gleich den zweiten nach: Als Lohn nimm heißes Blei! Woraufhin mich der freundliche Lektor, Herr D., in die Augustenstraße bestellte, wo die Münchener Büros von Pabel damals in einer Etage zwischen Neuer Illustrierter und Praline untergebracht waren. Irgendetwas war los mit dem Manuskript. Herr D. reichte es mir traurig über den Tisch. Die Seiten waren über und über mit Tintenstrichen bedeckt, man konnte kaum den Text entziffern. So sah mein Manuskript aus, nachdem Pabels Deutschlehrer, der sich auf diese Weise ein Zubrot verdiente, es korrekturgelesen hatte. Der Schreck, gemischt mit Scham, sitzt mir noch heute in den Knochen.
Herr D. fragte mich, ob ich mit ihm einverstanden sei, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen dürfte. Ich nickte stumm, kaufte mir „So schreibt man richtig" aus dem Duden-Verlag und hatte mich, da ich dringend Geld brauchte, innerhalb von zwei Wochen mit der deutschen Rechtschreibung und Zeichensetzung angefreundet. Es kamen dann aber doch nicht mehr so viele Western zustande, knapp zehn. Ich wurde etwas zu einfallsreich für den Rahmen des Genres. Nicht, dass meine Einfälle „besser gewesen" wären, sie waren meistens schlechter, sprengten aber vor allem den Rahmen der Erwartungen des Lesers. Deshalb zog der Verlag, fand ich später noch heraus, junge Autoren mit kleinen Kindern vor. Womöglich weil sie zu wenig Zeit hatten, geistreich zu werden, und somit Garanten solider Kost waren.
Am denkwürdigsten kamen mir die Menschen Ende der 80er Jahre vor während meiner Zeit als Taxifahrer, als ich’s täglich mit den unglaublichsten Exemplaren zu tun kriegte. Eingeprägt hat sich mir die Sache mit dem brennenden Porsche, der das bizarrste, zugleich rührendste Schauspiel beleuchtete. Ich war ein fauler Taxifahrer, mit Vorliebe nachts unterwegs und stand stundenlang an den entlegendsten Warteplätzen, um in Ruhe lesen zu können (ich erinnere mich an eine 800 Seiten dicke Biographie Stalins). Zwischendurch raste ich in meinem BMW mit Höchstgeschwindigkeit über den nachmitternacht-leeren Mittleren Ring und bin wie durch ein Wunder nie erwischt worden, sonst wäre der Führerschein weg gewesen. Eines Nachts presche ich vom Effnerplatz über den Isarring an die Biedersteinstraße, wo es einen winzigen Hügel gibt, darauf ein Baum. In diesen gerannt: ein lichterloh brennender Porsche, ein schrecklicher, zugleich sehr beeindruckender Anblick, der mir an die Nieren ging. Ich stoppte, stieg aus und erblickte zwei hockende Männer davor auf dem Gras, einen Polizisten sowie einen Playboy-Typen, der laut schluchzte. Der Polizist nahm ihn fast zärtlich in den Arm und sprach beruhigend: Er sei doch am Leben, alles werde wieder gut. Ich habe bis heute die Erleichterung im Gesicht des jungen Polizisten vor Augen, dass es keine Leichen gab. Dreht sich der Playboy zu ihm und jammert kopfschüttelnd: „Das verstehst du nicht. So ein Auto bekomme ich nie wieder.“
Peinliches ist mir im Leben genug passiert. Hab’s nicht mal ausgelassen, bereits als Student, einen Tag zu früh nach Hause kommend, meine Gefährtin im Bett mit ihrem späteren Mann (er sollte Chefarzt werden) zu überraschen – was mir für uns alle damals eher leid tat, weil wir so komische Figuren abgaben. Nichts aber überbietet in puncto Peinlichkeit die 5 Minuten nach Erhalt meines Führerscheins. Die kleine Stadt, in der ich ihn gemacht hatte, verfügte damals über nur eine Ampel, die meistens nicht angeschaltet war. In den Fahrstunden lernte ich hauptsächlich „rechts vor links“ sowie rückwärts einparken (was ich heute noch ganz gut kann). Der Fahrlehrer war ein Unteroffizierstyp, der uns Langhaarigen ständig signalisierte, für welch Schlappschwänze er uns hielt. Meine Familie hatte nie ein Auto besessen. Ich war ungeübt. Gangschalten kannte ich nur vom Zuschauen. Die Fahrschulwagen verfügten über Automatik, das reichte, um einen bis zur Prüfung zu bringen. Diese bestand im Gleiten durch die vormittagsleeren Straßen der kleinen Stadt, dem genauen Beachten der bekannten drei Vorfahrtsstraßen sowie einmal rückwärts einparken. Schon hielt ich mit ein paar anderen Glückspilzen, der Führerschein war damals das meiste, meine „Lappen“ in Händen. Ich war berechtigt, jeden PKW zu steuern! Auch den dunkelgelben Fiat meines Freundes Billy, der draußen wartete. Es war ein Gangschaltungswagen. Ich ließ mir kurz erklären, wie das funktionierte, trat die Kupplung, legt den Rückwärtsgang ein und ließ das Pedal wieder los. Der Wagen machte einen Satz nach hinten, wo zum Glück niemand stand, und fuhr ungebremst, ich war zu überrascht, um zu bremsen, weiter – in den PKW meiner Fahrschule, dessen Seite tief eingedrückt wurde. Ich durfte zurück in die Wirtschaft, wo mein Fahrlehrer mit dem Prüfer noch beim Bier saß, und die Neuigkeit zu überbringen. Ich war sicher, mein Führerschein würde wieder kassiert, aber nichts dergleichen geschah. Er wurde infolge der zu bezahlenden Reparaturen nur doppelt so teuer wie geplant. Bin danach sehr lange kein Auto mehr gefahren, erst wieder während meines Ersatzdienstes in Los Angeles, wo ich es eigentlich gelernt habe. Während des Studiums in München und danach war ich sogar Taxifahrer. Später habe ich kurz zwei Gebrauchtwagen besessen. Seit 30 Jahren fahre ich nur noch Bahn oder Rad. Neulich habe ich mal nach Dreharbeiten einen BMW von Berlin nach München überführt, fast alles in dem Wagen wurde von Rechnern überwacht. Es ist abzusehen, dass sie die Kontrolle bald ganz übernehmen. Die Gangschaltung beherrsche ich immer noch ganz gut und habe seit meinem ersten auch keinen richtigen Unfall mehr gehabt.
Als ich in Kabul weilte, lernte ich eine mir bisher unbekannte Inkarnation des bösen Omens kennen – in den Hügeln über Stadt. Diese liegt wie Sarajewo in einem Kessel, von dessen Rand Bürgerkriegsparteien in sie hinein schießen konnten. Für die Bewohner war diese Zeit ein Alptraum. Man wusste nie, sagte mir einer meiner Studenten, ob man von Einkaufen lebendig nach Hause zurück kam. Unberechenbar, böse sirrend schlugen die Garanten ein, ohne besonderes Ziel, nur um die Bürger, die im falschen Stadtviertel wohnten, zu demoralisieren. Ich fuhr am Sonntag mit einem befreundeten Journalisten hoch in die ehemaligen Stellungen. Die ansteigenden Lehmstraßen waren gesäumt von niedrigen Häusern, um welche die Kinder spielten mit kleinen Plastikwaffen. Manche von ihnen seien, meinte mein Begleiter, infolgedessen schon von der einen oder anderen verwirrten US-Patrouille erschossen worden. Aber das Ballerspiel ging lustig weiter. Die Stellen, an denen die Granatwerfer gestanden hatten, waren leer. Von hier überblickte man die hingewürftelte Stadt unter kobaltblauem Himmel. Metallene Patronenhülsen lagen ringsum, große und kleine. Ich bückte mich nach einer von ihnen und wollte sie einstecken. Als Souvenir. Mein Begleiter, ein erfahrener Kriegsberichterstatter, schaut mich irritiert an. Er riet mir, die Hülse wieder unter die anderen zu werfen. Ein solches Erinnerungsstück bringe schweres Unglück, de facto seien Kollegen dadurch noch daheim zu Tode gekommen, indem sie Sprengmittelreste in der Hülle übersehen hätten. Unter Kriegsberichterstattern, lernte ich an diesem Tag, sind Mitbringsel vom Ort der Geschehens tabu.
„Der Mensch“, sagt Davila, „bewundert aufrichtig nur das Unverdiente. Talent, Abstammung und Schönheit.“ Daran musste ich neulich im Hallenbad von Giesing denken, wo ich beinahe täglich ca. 60 Minuten für einen bizarren Anblick im Nichtschwimmerbecken sorge. Eine Gürtel um die Hüften, von dem ein Gummiseil zu einem Saugnapf reicht, der am Rand des Beckens haftet, paddele ich dann schäumend in Rückenlage auf der Stelle, die sog. „Schwimmstrippe“ verwendend, die uns Rückenschwimmer vor sonst unliebsamen Zusammenstößen – im Giesig-Bad vor allem mit zornigen Rentnern – bewahrt. Ich bevorzuge die publikumsarmen Zeiten, aber die lassen sich nicht immer berechnen, und manchmal sind viele Kinder in meiner Nachbarschaft, allein schon wegen der alle 10 Minuten in linken Beckenreich hervorsprudelnden Fontäne. Die meisten machen einen Bogen um mich. Die neugierigeren – vor allem Mädchen – tauchen mit ihren Schwimmbrillen „zufällig“ in meiner Gegend herum, um zu erkunden, was mich auf der Stelle hält. Ein paar Guckindielufts oder nur Dumme, die es überall gibt, verheddern sich sporadisch in der Strippe. Neulich aber tauchte in meinem rechten Blickfeld ein merkwürdiger kleiner Patron auf, höchstens 18 Monate alt und beinahe über dem Wasser schwebend infolge der ganzen Schwimmgürtel, in die er gepackt worden war. Er wippt wie eine Boje auf der Stelle, sich kaum voran bewegend, und ließ mich die ganze Zeit nicht aus den Augen. Kleine Kinder sind noch nicht in der Lage zu starren, sondern versprühen jene tiefernste Aufmerksamkeit, welche in der Lage ist, Namen aus dem Sein zu saugen, das so überreichlich davon zur Verfügung stellt. Die Situation, das fragend-neugierige Schweben gegenüber der schäumenden Welt, zu der gerade auch ich gehörte, hatte etwas Eindringlich-Erhabenes. Ich sah mich nach der Mutter um, die schräg hinter mir halb im Wasser saß, dunkelhäutig und tätowiert im Bikini mit der Ausstrahlung einer Rockerbraut, wie ich fasziniert von der Anmut des kleinen Engels, den sie hervorgebracht hatte, sobald sie ihn ansah. – Natürlich sind wir Menschen alle gleich. Vor dem Gesetz. Worin aber nicht enthalten ist, dass es keinen Unterschiede gäbe z. B. vor der Kamera oder auf der Bühne. Es sind nun mal manche Menschen schöner anzuschauen als andere. Umso mehr, je weniger sie – und wir – etwas dafür können.
Die schönste Hochzeit, an die ich mich erinnere, sah ich gipfeln in einem Schnellimbiss in Lagos. Diese sehr große Stadt gehört zu dem Beeindruckendsten, das ich je erlebte, eine zusammengekrachte Eskalation der Kulisse von Bladerunner. Ganz Afrika drängt sich hier, um Geschäfte zu machen. „In Lagos gibt es immer etwas zu reißen“, versicherte einer meiner Studenten, die ihre Kleinkinder mitbrachten zur Vorlesung, wo sie, niemanden störend, von einem Schoß zum anderen wanderten. Auf dem Weg zur Arbeit, durch die Scheiben unseres druckbelüfteten Kleinwagens, sah ich fast täglich eine Leiche am Straßenrand: glücklose Diebe, wie uns der Fahrer erklärte, die von jenen, die sie beklaut hatten, und ihren spontanen Sympathisanten eingeholt worden waren. Nicht nur hier war mir aufgefallen, wie extrem man in Afrika noch als Bewohner der größten Kleptokratien reagiert auf kleine Diebstähle. In unserem Luxus-Hotel wurden wir um Mitternacht geweckt und mussten mit Bargeld an den Empfang, um für die nächsten 24 Stunden zu bezahlen. Die Preise für Europäer in Lagos sind exorbitant, meist höher als in London oder Paris. Nigeria hat wie Saudi-Arabien kein Interesse an Touristen, alles dreht sich ums Öl. Eine riesige Metropole wie Lagos verfügt über kein belastbares Stromnetz. In fast jeder Straße auch der Innenstadt stehen haushohe Generatoren, die, sobald es dunkel wird, losputtern und die 94% Luftfeuchtigkeit mit Dieseldämpfen sättigen. Ihr öliges Brummen ist die Hintergrundmusik für Lagos Nachtleben. Zwei Stunden zur Arbeit, zwei Stunden zurück – zwei Stunden ist man in dem institutionalisierten Stau von Lagos eigentlich immer unterwegs von A nach B. Kinder von Bekannten mussten um 4:30 Uhr aufstehen, um rechtzeitig die Schule zu erreichen. Da man solcherart kaum in den Supermarkt kommt, kommt dieser auf die Autobahnen. Es gibt nichts, was die fliegenden Händler zwischen den Stau-Linien nicht in petto hätten. Eines Tages sah ich sogar eine ganze Badewanne über die Autodächer hüpfen. Erschöpft von der langen Heimfahrt kehrten wir öfters ein in einem der Hähnchen-Schnell-Imbisse. Afrikaner ziehen Hühnerfleisch allem vor und verstehen, es köstlich zuzubereiten. Wir saßen mit anderen Staubewältigern ermattet um unsere Fesskörbchen, als die Türe aufflog und eine höchstens 18jährige Braut hereinlief. Ihr weißes Kleid war verrutscht, aber vorteilhaft geschnitten, wohl von ihr selbst oder einer Tante. Ihr folgte ein schlaksiger Bräutigam, wenig älter als sie, in einem provisorischen Frack sowie mehrere ähnlich alte und gekleidete Trauzeugen. In meiner Erinnerung trugen die Jungs in der Mörderhitze nicht mal Hemden. Die Braut war schon am Tresen und gab ihr Hochzeitsessen in Auftrag mit einem Enthusiasmus, der verkündete, dass sie sich so etwas sonst kaum leisten konnte. Der ganze „Hochzeits-Saal“ wachte auf und eine zauberhafte Stimmung breitete sich aus auf die Gesichter aller Anwesenden, die Beifall klatschten. Es wurde wohl auch etwas Geld gesammelt, um es dem jungen Brautpaar mit auf den Weg zu geben. Hab‘ bis heute kein schöneres gesehen.