Walter Werneburg

Walter Werneburg, "Der Greif"
Farbradierung aus dem Graphik-Zyklus "Die Schlangenfüßige Göttin", 1991



Walter Werneburg (1922 bis 1999), der Vater des Dichters, wurde in Oppershausen bei Mühlhausen (Thüringen) geboren, studierte von 1939 bis 1941 an der Kunstgewerbeschule und von 1949 bis 1951 an der Landesschule für angewandte Kunst in Erfurt, arbeitete von 1951 bis 1959 als Kunsterzieher und von 1959 bis 1980 als Lehrer am Pädagogischen Institut bzw. an der Pädagogischen Hochschule Erfurt im Bereich Kunsterziehung. Von 1964 bis 1965 absolvierte er ein externes Studium an der Karl-Marx-Universität Leipzig. 

In früheren Arbeiten ging es Walter Werneburg um eine unmittelbare Naturdarstellung. Otto Knöpfer war sein Lehrer, Otto Paetz und Franz Markau zählten zu den Anregern. Die hohe Kunst der Aquarellmalerei entwickelte Walter Werneburg zur Vollendung. An der Pädagogischen Hochschule Erfurt leitete er die Ausbildung der Studenten im Tiefdruckverfahren, was sich produktiv auch auf die eigene künstlerische Arbeit auswirkte. Variantenreich experimentierte er mit dieser Technik, nutzte das Mittel des Hell-Dunkel-Kontrastes, übersteigerte die Linearität und spielte mit den Möglichkeiten des Farbdrucks. 

Die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Walter Werneburg und seinem Sohn Joachim begann im Jahre 1979. Es entstand parallel ein umfangreiches graphisches und dichterisches Werk (21 Zyklen), das, allgemein gesprochen, die Stellung des Menschen im Kosmos behandelt, sein Verhältnis zu Steinen, Pflanzen und zur Tier­welt. Andere Zyklen thematisierten mit Hilfe archäologischen Materials aus der Frühgeschichte Mitteleuropas die Herkunft unseres Volkes.

 

Zur Eröffnung der Ausstellung Walter Werneburgs anläßlich seines 75. Geburtstages im Erfurter Rathaus am 3. Juni 1997 hielt Prof. Rudolf Kober eine Rede, deren Ausführungen zum besten gehören, was über den Künstler gesagt wurde. Deshalb sei an dieser Stelle die zentrale Passage des Vortrags dokumentiert: 

„… Walter Werneburg gehört nicht zu den Künstlern, die durch moderne Innovation lauthals auf sich aufmerksam machen. Seine Kunst wuchs eher in der Stille, und indem er viereckige Bilder gestaltet, die man gerahmt an die Wand hängen kann, folgt er jahrhundertealten Traditionen der Malerei und Grafik. Aber in diesem Rahmen prägte er seine unverkennbare Eigenart aus.  

Die Ausstellung in dieser Galerie „etage 2“ am repräsentativen Ort des Erfurter Rathauses erfaßt grafische Zyklen der 80er und 90er Jahre, also einen Ausschnitt aus seinem Spätwerk. Solche Zyklen entstanden seit 1979, als er sich künstlerisch von der bis dahin bevorzugten tiefenräumlichen Landschaftsdarstellung abzuwenden begann, um sich inhaltlich und gestalterisch neuen Aufgaben und Themen zu widmen. Seitdem entstanden einundzwanzig grafische Zyklen, in denen er – mehr oder weniger mit der Literatur verbunden – nicht mehr vornehmlich das äußere Erscheinungsbild der uns umgebenden Wirklichkeit künstlerisch gestaltet, sondern in denen er die inneren Beziehungen des Menschen zur belebten und unbelebten Natur, zur Geschichte und zu den uralten Mythen aufzeigt. Damit führt er uns in eine magische Welt, in der wir unsere durch das rationale Streben nach materiellen Werten oft verkümmerte Phantasie wiederfinden können. Bewußt werden kann uns dabei, daß unsere Vorfahren vor Hunderten oder auch Tausenden von Jahren die Welt als eine Einheit empfunden haben, in der sich das Alltägliche, das Natürliche und das Religiöse untrennbar verbanden, und man mag darüber ins Grübeln kommen, ob der spätere Dualismus von Natur und Zivilisation wirklich nur als Fortschritt der Menschheitsentwicklung oder nicht auch als Verlust des Ursprünglichen, eben der Einheit von Geist und Natur, gesehen werden kann.  

Das dürfte die wichtigste Botschaft sein, die Walter Werneburg in seinen grafischen Zyklen dem Betrachter zum Nachdenken anbietet, und sie gilt für alle hier gezeigten Arbeiten. Aber bei genauerem Hinsehen zeigen sich auch Unterschiede sowohl inhaltlicher als auch formaler Natur. Bedingt sind sie durch die unterschiedlichen Themen der Zyklen und die durch sie vermittelten Aussagen, denen sich auch die Sprache der Form unterordnet. So führt uns beispielsweise die „Rabenfibel“ zurück in das kurzlebige Thüringer Königreich, in welchem wir Fundstücke der Archäologie und der naturreligiösen Welt entdecken, also auch ein Stück Geschichte und Mythos des heutigen Freistaates; die „Schlangenfüßige Göttin“ – der Osten ist für Walter Werneburg seit jeher wichtig – verweist auf die Welt der Skythen und die Magie ihrer Symbole, die auch die Vorstellung der ihnen nachfolgenden Russen beeinflußt haben; die „Slawischen Tänze“ spielen auf die slawische Komponente in der Geschichte Thüringens an, die sich von den vorgeschichtlichen Wenden bis zu Kaiser Karl IV. verfolgen läßt; der „Kupferberg“ und die „Externsteine“ gehen dem Geologischen und dem Fossilen und der daraus erwachsenen Mystik nach... So entdeckt man in jedem Zyklus immer wieder besondere Akzente. Weil das so ist, unterscheiden sie sich auch in der Art und Weise der künstlerischen Umsetzung. Routine war hier – bei aller Erfahrung im Umgang mit der Technik und den Mitteln – nicht gefragt. Vielmehr ist zu erkennen, daß jeder Zyklus eine neue Herausforderung bedeutete, der sich Walter Werneburg experimentell zu stellen hatte.  

Dennoch: Wenn eingangs von der unverkennbaren persönlichen Handschrift Walter Werneburgs die Rede war, so ist auch sie – bei allen Unterschieden im einzelnen – zu finden. Zum einen ist sie darin begründet, daß Walter Werneburg in all diesen Arbeiten keine tiefenräumliche Beschaulichkeit romantischer Prägung sucht. Ihm geht es vielmehr um die Verschmelzung von Grund- und Objektfigur auf schmaler Raumbühne, durch die er einen flächenhaft expressiven Ausdruck anstrebt. Man könnte das als Neigung zum Dekorativen im besten Sinne des Wortes bezeichnen, so wie sie vielen Künstlern der klassischen Moderne eigen war, seien es August Macke, Franz Marc, Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Lyonel Feininger und andere. Die Zwiesprache mit ihrem Werk ist Walter Werneburg seit jeher wichtig, und bei genauerem Hinsehen wird dieser Dialog auch durchgängig sichtbar. Nur im Zyklus „Mallorca“ von 1996 ist das etwas anders. Aber dort geht es nicht um Sagen oder Mythen, sondern um die Umsetzung eines Reiseerlebnisses, dem sich die Ausdrucksweise unterordnet. – Zum anderen wird das Eigenständige durch die angewandte Technik deutlich. Bei den Blättern handelt es sich um Farbradierungen, wobei die Drucke oft in einer Kombination von zwei Platten, nämlich einer Strukturplatte und einer Farbplatte, erfolgen. Die Farben werden dabei für jeden Druck manuell eingerieben, wodurch sich jeweils kleine Abweichungen ergeben und jedes Blatt zum individuellen Werk wird. Walter Werneburg druckt seine Grafik in der eigenen Werkstatt, so daß die Höhe der Auflage begrenzt bleibt. Bei all dem zeigt er sich als ein Künstler, dem nicht nur die für das jeweilige Anliegen nötige bildnerische Phantasie eigen ist, sondern der auch die für die Verwirklichung auf der Fläche notwendigen technisch-handwerklichen Verfahren meisterhaft beherrscht.  

Walter Werneburg hat diese Fähigkeiten in jahrzehntelanger Arbeit erworben. Seine Biographie weist aus, daß er von 1959 bis 1980 im Bereich Kunsterziehung des damaligen Pädagogischen Instituts, der späteren Pädagogischen Hochschule Erfurt, lehrend tätig war. Hier hat er das Lehrgebiet Radierung aufgebaut, was vor allem in den Anfängen recht schwierig war. Die für den Tiefdruck notwendige Presse war damals nicht einfach zu kaufen, sondern sie mußte partiell aus Schrotteilen zusammengebaut werden. Hier hat er die Studenten in die Geheimnisse dieser Technik eingeweiht, und die dafür besonders Begabten konnten unter seiner Anleitung auch ihre künstlerische Abschlußarbeit gestalten.  

In der Ausstellung werden Originalblätter gezeigt. Hier nicht zu sehen ist die Tatsache, daß die meisten von ihnen – ich weiß nicht, ob es auf alle zutrifft – auch in Begleitung literarischer Texte seines Sohnes Joachim Werneburg in Buchpublikationen gedruckt erschienen sind. Diese künstlerische Zusammenarbeit begann 1979. Es handelt sich dabei aber keineswegs um Illustrationen zu literarischen Passagen, sondern um freie grafische Arbeiten, die zwar mit den Texten thematisch und inhaltlich verbunden sind, die aber auch unabhängig von ihnen existieren können. Die ersten dieser gedruckten Ausgaben erschienen noch zu Zeiten der DDR in einem Verlag der damaligen Bundesrepublik. Dafür hatten aber die beiden Autoren keine Genehmigung durch die hiesige Obrigkeit, und wir wissen, daß das keineswegs ungefährlich war.  

Die Grafiken von Walter Werneburg sind von der Wirklichkeitserscheinung stark abstrahiert, die Figuren und Gegenstände sind frei erfunden. Dennoch bleibt das Gezeigte gegenständlich ablesbar. Damit bleibt er in der Tradition der Malerei und Grafik in Thüringen, wie sie an der damaligen Landesschule für angewandte Kunst in Erfurt, die er von 1949 bis 1951 besuchte, unter Franz Markau, Otto Knöpfer und anderen gelehrt wurde; er bleibt in der Tradition der zeitweise in Thüringen wirkenden Künstler wie Christian Rohlfs, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Oskar Schlemmer, Paul Klee und überhaupt des Bauhauses; und er bleibt auch in der Tradition der expressionistischen Künstlergruppe „Jung-Erfurt“ mit Alfred Hanf, Walter Fernkorn, Robert Huth und anderen, die hier in den zwanziger Jahren wirkte und deren Werke derzeit in einer kleinen Ausstellung in der Mühlhäuser Allerheiligenkirche betrachtet werden können. Bei all diesen Künstlern ging es ebenso wie bei Walter Werneburg primär um das Sichtbarmachen des Wesentlichen durch expressive Steigerung der Form. Eben das bestimmt auch den Anspruch an den Betrachter. Trotz des äußeren Reizes der Oberfläche, dem man sich wohl nicht entziehen kann, bleibt es nicht beim wohlgefälligen Anschauen. Zu fragen ist vielmehr immer auch nach den Absichten dieser Steigerung. Eigene Erfahrungen mit der Natur, der Geschichte, der Religion, der Mythologie und der Kunst kommen dabei ins Spiel, wobei die Phantasie des Betrachters mit der des Künstlers in einen bereichernden Dialog tritt. Alles das bestimmt den Stellenwert Walter Werneburgs im Kunstleben der Stadt Erfurt und im Land Thüringen. Daß dies auch anderenorts erkannt und anerkannt wurde, beweisen die zahlreichen Ausstellungen seines Werkes und die Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland. Und daß die Spuren seines Wirkens darüber hinaus über Generationen lebendig bleiben, dafür sorgt seine langjährige Lehrtätigkeit. …“

 

Der Kunsthistoriker Rudolf Kober (geb. 22.11.1928) arbeitete von 1961 bis 1988 als Assistent, Oberassistent und Dozent für Kunstgeschichte am Pädagogischen Institut (der späteren PH) Erfurt. Von 1988 bis 1992 wirkte er als Professor für Gegenwartskunst an der Universität Leipzig. Von den zahlreichen Veröffentlichungen seines langjährigen Kollegen an der PH Erfurt schätzte Walter Werneburg insbesondere das - die eigene künstlerische Praxis anregende - Kapitel „Tafelmalerei 1350–1420“ des repräsentativen Bandes „Geschichte der deutschen Kunst 1350–1470“, Leipzig 1981.