Weltgedicht

Projekt eines Weltgedichts


Die seit 1980 entstehenden Zyklen lyrisch-epischer Dichtungen zeigen Landschaften verschiedenster Regionen auf – unter den wechselnden Gesichtspunkten von Natur, Geschichte und Kultur.

Die einzelnen, nach musikalisch-mathematischen Prinzipien geordneten Dichtungen fügen sich zu einem Großen Zyklus. Es sind Rundblicke, die das Anfängliche und Aktuelle altersloser Mächte aufzeigen.

Von den vorgesehenen (ca.) 100 Dichtungen liegen bisher 79 vor. Die früheren Arbeiten tragen eher lyrischen Charakter, die späteren eher einen epischen.

Johannes Babel, der Fahrende Sänger, verläßt – von Logus, dem Gefährten, begleitet – das mittelalterliche Erfurt, sein „Babylon“, und zieht hinaus in die Große Welt. Was er da sieht, hört oder denkt, ist in dem umfassenden Text festgehalten.

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Die Zyklen sind unterschiedlich lang, von 12 Versen beim Ursprungsgedicht „Die Laute“ bis zu 630 Versen bei „Der Mangobaum“. Die Metren orientieren sich an altgriechischen Mustern.

Klaus Berthel prägte schon im Jahr 1979 für Werneburgs Dichtungen die Formel „Zwischen Licht und Geheimnis“. Ihr Thema ist der immerwährende Kampf zwischen lichten und dunklen Mächten, in der Psyche wie in der äußeren Wirklichkeit.

J. W. wurde acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, was nicht nur die Kindheit prägte. Den Widerschein der übergreifenden Auseinandersetzung gestaltet er in Mythen und Symbolen des ganzen Erdballs. 

Letztlich geht es um den ewigen Streit zwischen Sonne und Schwarzmond, den schöpferischen und zerstörerischen Kräften.

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Die einzelnen Gedicht-Folgen sind in verschiedenen Büchern publiziert worden. So gibt der Band „Thüringer Meer“ (entstanden von 1977 bis 1988) die Darstellung der Kleinen Welt, den Mikrokosmos, die poetischen Provinz.

„Die Schlangenfüßige Göttin“ (1987-1993) bedeutet vielleicht die Häutung der Schlange, den Übergang Kleine Welt / Große Welt. Der Osten Deutschlands hat sich nicht nur politisch geöffnet. Die Schauplätze des Weltgedichts werden nun vor Ort in Augenschein genommen.

„Das Zeitalter der Eidechse“ (1994-1996) bringt eine Begegnung von Land und Meer, von mitteleuropäischer und westlicher, keltischer Überlieferung.

„Die Klage der Gorgonen“ (1997-2007) konzentriert sich auf das Mittelmeer, Sizilien als das Herz. Die Insel scheint, wie im Blutkreislauf, die Himmelsrichtungen mit ursprünglicher Kraft zu versorgen: nach Westen also Andalusien und Wales, gen Süden Afrika, östlich Zypern und im Norden Deutschland.

In der „Wiederkehr des Delphins“ (2008-2013) führt der Weg – von Deutschland und Griechenland aus – 
in Richtung Ost, nach Indien, China, Japan.

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Im Folgenden werden die Zyklen vom jüngsten bis zum frühesten chronologisch und in ihrer thematischen Vielfalt aufgeführt:


Titel der Dichtung

Region

Impulsworte

79. Der Löwenfelsen. 
      Eine buddhistische Phantasie, 2017

Sigiriya (Löwenfelsen), Sri Lanka (Ceylon)

Ein König gelangt auf die Insel, schafft oben auf dem Felsen die Hoch-Kultur. Und lernt, darauf zu verzichten

78. Der Untergang Europas, 2017

Knossos, Kreta

Phönizische Königstochter Europa geht, vom Liebhaber vernachlässigt, ins Wasser

77. Der Kopf des Parmenides, 2016

Elea, Kampanien

Philosoph erliegt kurzzeitig dem törichten Geruch des Schopf-Lavendels

76. Der Triumph des Baal, 2015

Tunesien

Die Oase in der Wüste, Karthago in Not – und eine Purpur-Aster Paul Klees

75. Oppershäuser Blätter, 2015

Vogtei im Nordwesten Thüringens

Jugend des Malers Walter Werneburg zwischen dörflicher Tradition und Weltkrieg

74. Mangobaum, 2014

Südindien

Parvati kommentiert, an den Baum gelehnt, den kosmischen Tanz Shivas, ihres Gefährten, eher ironisch

73. Maurisches Tor, 2014

Marokko

Muslimisches Nordafrika – und seine Kunde von der Magie

72. Der Palmwedel, 2013

Nordosten Siziliens

Wind von Äolischen Inseln bringt mafiose Strukturen durcheinander

71. Der Traum des gelben Drachen, 2013

China

Kaiser vergißt seine Herkunft, kann sich später aber erinnern

70. Atlas, 2012

Teneriffa

Zwar nicht der Drachenbaum, aber ein Vulkan wird bestiegen

69. Die Insel der Libellen, 2012

Japan

Die Baumnymphe läßt sich herab, in einem Buddha-Tempel zu tanzen

68. Die Lanze des Achill, 2011

Lykien, Anatolien

Die Lanze trifft immer noch, aber Apoll wird demokratisch abgewählt

67. Indische Sprüche, 2010

Nordindien

Krishna, gar nicht friedlich, bringt den Untergang der gealterten Welt (Bhagavad-Gita IV, 7-8)

66. Sardischer Brunnen, 2010

Sardinien

Aus dem steinernen Rundbau eine Kriegserklärung an die Gegenwart

65. Alara Han, 2009

Südliches Anatolien

Ein Sufi gelangt in Ekstase, doch nicht zu Gott, sondern zur Geliebten

64. Pfuhlsborn, 2009

Saaleplatte, Weimarer Land

Der Wurm im Apfel, das Pferd stürzt – Wodan hilft ein letztes Mal

63. Die Schildkrötenleier, 2009

Griechenland

Athene bewirft den Akropolis-Besucher mit einer Olive

62. Die Wöbelsburg, 2008

Hainleite, Thüringen

Löwenzahn und Kreuzblume stürmen die Burg des Hirsches (Völuspá 40 ff) 

61. Die Wiederkehr des Delphins, 2008

Anatolien

Nach dem Fall Trojas keine Gedichte mehr schreiben dürfen …

60. Das Tritonshorn, 2007

Phaistos, Kreta

Anreise auf einem Nashornkäfer, um Ariadne zu verführen

59. Hoch Hilgor, 2007

Insel Rügen

Im Leib des Hünen brätst du dem Widerspenstigen die Leber weich

58. Am Venedigerstein, 2007

Harz

Dem Fremden mit dem Walenbuch wird der Spiegel zerschlagen

57. Das Gradierwerk, 2006

Kyffhäusergebirge

Einem Salzsieder gelingt die Königliche Kunst

56. Der Berg des Philosophen, 2006

Östliches Sizilien

Quelle Arethusa, eine gereifte Schön­­heit, erfreut über ihren Süßen

55. Der Käferberg, 2006

Weißensee in Thüringen

Abgewiesener Minnesänger gelangt als Käfer zur Angebeten

54. Die Blaue Lilie, 2006

Regensburg

Der Sänger, auf die Hauswand gemalt, triumphiert über Goliath

53. Die Nachtbarke, 2005

Ägypten

Falke und Krokodil kommentieren die Nachtmeerfahrt der Sonne

52. Der Granatapfel, 2005

Andalusien

Die Schwalbe zahlt für den Alhambra-Palast keinen Eintritt

51. Die Burg des Zaunkönigs, 2004

Buchfart bei Weimar

Kriegerische Burg des Vogels – nur ein Spiegelbild im Schaufelrad der Wassermühle

50. Eckartsberga, 2004

Burgenland in Sachsen-Anhalt

Winde über der Via Regia, sie bringen weder Tücher aus Flandern, noch russische Felle

49. Am Strudelborn, 2004

Eichsfeld und Freyburg an der Unstrut

Ein Dachs rät dem Heinrich von Veldeke, sein Troja-Gedicht zu vollenden

48. Die Klage der Gorgonen, 2004

Westliches Sizilien

Zwergtaucher und Sumpfschildkröte weichen den Schlangenhaarigen

47. Der Aurorafalter, 2003

Tiefenort, Wartburgkreis

Blitz paart sich tragisch der Zigeunerin, Himbeeren liefern den Beweis

46. Der Traum der Bachstelze, 2003

Bachstelzenweg an der Gera, Erfurt

Hungriger Vogel plant Revolution, um alle Käfer allein fressen zu können

45. Der Schwarzdorn, 2003

Weimar-Ehringsdorf

Ein Pentagramm aus Schlehen begegnet Goethe

44. Der Trunkene Turm, 2003

Umbrien

Hohenstaufen-Kaiser und Heiliger Franz geraten beinahe in Streit

43. Der Schwarze Stein, 2002

Zypern

Hephaistos zerstückelt den Zuckerrohrstengel, den Süßen Aphrodites

42. Am Kap des Palinuro, 2001

Kampanien

Die Blutgrotte weckt Kriegserinnerungen, es ist aber nur roter Tang.

41. Der Wandel des Gwyddyon, 2001

Wales

Die Flucht vor der Fee Ceridwen, ein ganzes Baumalphabet lang

40. Das Grab des Wächters, 2000

Schleswig-Holstein

Der schlauste Riese ist dümmer als ein dahergelaufener Wanderer (Vafþrúðnismál)

39. Hier ist Rhodos, 2000

Rhodos

Nicht nur in der Sokrates-Gasse ist der Mensch, was er ißt

38. Phantasie über die fünfblättrige Rose,
      1999

Südböhmen

Statt Gold liefert der Alchemist Weis­­­heit, und kostet’s auch sein Leben

37. Das Gesicht der Eule, 1999

Bretagne

Fußabdrücke auf dem Dolmen, sie führen ins atlantische Jahr

36. Etruskisches Tarot, 1997

Provinz Grosseto, Toskana

Ein Nordländer gelangt nach dem Süden, seine Eisblume schmilzt

35. Die Lichter von Lyonesse, 1996

Cornwall

König Artus wird von Schwertlilie und Vergißmeinnicht entmachtet

34. Das Zeitalter der Eidechse, 1995

Mittelthüringen

Isis und Osiris residieren auf dem Riecheimer Berg

33. Die Kraniche, 1994

Kranichfeld, Mittelthüringen

Aus hohen Weidenbüschen wird das Haus der Sprache errichtet

32. Bacharach, 1994

Mittelrheintal

Ungleiche Straßen, klagt ein Liberaler, einige gewährten Vorfahrt

31. Die Felswand von Lioux, 1994

Département Vaucluse, Provence

Zwei Zikaden beten das Licht an und werden darauf vom Papst verfolgt

30. Die Gletschermühle, 1993

Krimmler Achental, Land Salzburg

Zirbelkiefern und Schwarzerlen werden einander handgreiflich

29. Der Heilige See, 1992

Opfermoor bei Niederdorla, Thüringen

Nur mit einem lecken Boot zu erreichen: das andere, jenseitige Ufer

28. Die Externsteine, 1992

Teutoburger Wald

Die Elster hatte ihr glänzendes Metall nicht gut genug versteckt

27. Drosselberg, 1992

bei Erfurt

Die Drossel ist mit ihrem Glänzen freigiebiger als die Sonne

26. Aus dem Bernsteinland, 1991

Pommern

Zwar wohnt er nicht mehr in der Marienburg, der Marienkäfer …

25. Das Tor der Völker, 1991

Iran

König Kyros breitet sich wie ein Weinstock über Asien aus

24. Aus dem Haraiti-Gebirge, 1991

Iran

Wer den Trank aus dem Hochgebirge erlangt, kann fliegen (Yasna X, 8)

23. Die Schlangenfüßige Göttin, 1990

Skythien, jetzt Südrußland und Ukraine

Wo Löwe und Stier einander fliehen, folgt auf die Nacht der Tag

22. Der Dunkle Fluß, 1990

Thüringen

Kalkgeröll des Quellbergs über den Lauf des Flusses Gera verteilt – ein   Epos

21. Der Machandelbaum, 1990

Mittelthüringen

Ein Rascheln im Gesträuch, allein für Elfenohren bestimmt

20. Böhmische Steine, 1989

Böhmen

Rauch im Quarz ist verflogen, sicht­bar sind nun die Zelte an der Moldau

19. Fahrt der Tiere, 1988

Südwestfrankreich

Dem Vorsprung in der steinzeitlichen Höhle entweicht ein Stier

18. Die Wanderung, 1988

Thüringen

Blumen und Sträucher wissen über den Wandrer mehr als er selbst

17. Die Merwigslinde, 1987

Nordthüringen

Die Slawen fahren den Fluß herunter –und vermischen sich mit den Thüringern

16. Die Orchidee, 1987

China

Der Kaiser malt lieber, statt sich um sein bedrohtes Reich zu kümmern

15. Der Gelbe Fluß, 1987

China

Der Blaue Drache – nicht zu sehen, wie eine Pagode ohne Fugen

14. Slawische Tänze, 1987

Ostthüringen

Slawengott Perun wird bei Tag besiegt, gewinnt aber des nachts

13. Widukind, 1986

Rudolstädter Theater

Barocker Dichter zeigt den Helden im Kampf gegen Sarazenen

12. Durch das Isergebirge, 1986

Nordwesten Böhmens

Im Haus des Glasbläsers muß die Tür schnell verschlossen werden

11. Radegundis, 1986

Poitiers, Westfrankreich

Die Heilige bäckt für den römischen Dichter Ve­nantius Fortunatus Pflaumenkuchen

10. Die Rabenfibel, 1985

Thüringer Königreich

Der Heiden-König bietet seine besten Pferde für eine ostgotische Prinzessin

9.   Phantasie über die Libellen, 1985

Thüringen, mit Blick auf Japan

Halb Fisch, halb Flügeltier, die Libelle steigt aus der Larve

8.   Kupferberg, 1985

Ilmenau

Tintenfisch, als Autor, verdunkelt sei­nen Stil, um Kritiker zu verwirren

7.   Minnesprüche 2, 1985

Süddeutschland

Ein feiles Krämerzelt des Waldes – tauscht Vogelsang für Trauer

6.   Hainich, 1984

Westthüringen

Zwerge entfliehen, weil sie Kümmel im Brot nicht vertragen

5.   Minnesprüche 1, 1984

Burg Morungen, bei Sangerhausen

Das Schweigen des Sängers – mächtiger als des Königs Lanze

4.   Babel. Verse über den Erfurter 
      Humanistenkreis, 1983

Mittelalterliches Erfurt

Die Elster des Dichters rief „Papst, Papst lebe wohl“ – und ward erschlagen

3.   Worte. Lutherisch, 1982

Mittelalterliches Erfurt

Zecher schlürft Buchstaben aus dem Kelch, den Bacchus ihm reicht

2.   Erfurter Sage, 1980

Mittelalterliches Erfurt

Der Esel hat gelernt, aus dem Psalter des Rektors zu singen

1.   Die Laute, 1980

Ursprungsgedicht

Sechs Saiten – von der Schöpfung der Welt bis zur Dampfmaschine

 

 

 

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