Weltgedicht

Projekt eines Weltgedichts

Die seit 1980 entstehenden Zyklen lyrisch-epischer Dichtungen zeigen Landschaften verschiedenster Regionen auf – unter den wechselnden Gesichtspunkten von Natur, Geschichte und Kultur.

Die einzelnen, nach musikalisch-mathematischen Prinzipien geordneten Dichtungen fügen sich zu einem Großen Zyklus. Es sind Rundblicke, die das Anfängliche und Aktuelle altersloser Mächte aufzeigen.

Von den vorgesehenen (ca.) 100 Dichtungen liegen bisher 84 vor. Die früheren Arbeiten tragen eher lyrischen Charakter, die späteren eher einen epischen.

Johannes Babel, der Fahrende Sänger, verläßt – von Logus, dem Gefährten, begleitet – das mittelalterliche Erfurt, sein „Babylon“, und zieht hinaus in die Große Welt. Was er da sieht, hört oder denkt, ist in dem umfassenden Text festgehalten.

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Die Zyklen sind unterschiedlich lang, von zwölf Versen beim Ursprungsgedicht „Die Laute“ bis zu 448 Versen bei „Die Lichter von Lyonesse“. Die Metren orientieren sich an altgriechischen Mustern.

Klaus Berthel prägte schon im Jahr 1979 für Werneburgs Dichtungen in einem Aufsatz die Formel „Zwischen Licht und Geheimnis“. Ihr Thema ist der immerwährende Kampf zwischen lichten und dunklen Mächten, in der Psyche wie in der äußeren Wirklichkeit.

J. W. wurde acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, was nicht nur die Kindheit prägte. Den Widerschein dieser übergreifenden Auseinandersetzung gestaltet er in Mythen und Symbolen des ganzen Erdballs. Sie liefern eine Antwort auf die Frage: Was ist der Mensch?

Letztlich geht es um den ewigen Streit zwischen Sonne und Schwarzmond, den schöpferischen und zerstörerischen Kräften.

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Die einzelnen Gedicht-Folgen sind in verschiedenen Büchern publiziert worden. So gibt der Band „Thüringer Meer“ (entstanden von 1977 bis 1988) die Darstellung der Kleinen Welt, den Mikrokosmos, die poetischen Provinz.

„Die Schlangenfüßige Göttin“ (1987 bis 1993) bedeutet die Häutung der Schlange, den Übergang Kleine Welt / Große Welt. Der Osten Deutschlands hat sich nicht nur politisch geöffnet. Die entfernteren Schauplätze des Weltgedichts werden vor Ort in Augenschein genommen.

„Das Zeitalter der Eidechse“ (1994 bis 1996) bringt eine Begegnung von Land und Meer, von mitteleuropäischer und westlicher, keltischer Überlieferung.

„Die Klage der Gorgonen“ (1997 bis 2007) konzentriert sich auf das Mittelmeer, Sizilien als das Herz. Die Insel scheint, wie im Blutkreislauf, die Himmelsrichtungen mit ursprünglicher Kraft zu versorgen: nach Westen Andalusien und Wales, gen Süden Afrika, östlich Zypern und im Norden Deutschland.

In der „Wiederkehr des Delphins“ (2008 bis 2013) führt aus einem Paradies im Atlantik, vorbei an sardischen Kriegern, zur endzeitlichen Wöbelsburg. Derwisch, Brahmane und Gelber Drache retten jedoch die Welt. Die Libelle, Regisseurin eines Nō-Spiels, zeigt Landschaften Japans.

„Der Untergang Europas“ (2013 bis 2019): Das Maurische Tor gibt den Weg frei nach Karthago. Europa, die Königstochter, geht ins Wasser. Der Maler Walter Werneburg schafft indessen sein Werk. Orpheus, Parmenides und Zarathustra besprechen den Untergang. Schweigen läßt sie Shivas Tanz. Einen Ausweg zeigt Buddha.

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Im Folgenden werden die Zyklen vom jüngsten bis zum frühesten chronologisch und in ihrer thematischen Vielfalt aufgeführt.

84.

Die Langhalslaute, 2020

Sukhothai, Ayutthaya, Bangkok (Thailand)

König Rama gerät in Not; und nur ein Affe, Sohn des Windes, vermag ihm zu helfen.


83.

Der Feuervogel. Nach dem Ballett von Igor Strawinsky, 2020

Petersburg, Kirillo-Beloserski-Kloster, Onega-See

Wer im Schloßpark den hellichten Vogel jagt, dem kommt der Knochenmann ins Gehege.

82.

Das Drachenboot. Eine Elegie, 2019

Insel Sjælland (Seeland, Dänemark)

Begegnung mit Sören im Seelenland, auf einem Boot, vielleicht im Hafen von Roskilde.

81.

Der Blick des Ahriman, 2019

Persepolis, Yazd, Isfahan, Schiras (Iran)

Zarathustra erkennt sein heiliges Feuer in den Kacheln einer Moschee wieder.

80.

Apulischer Orpheus, 2018

Apulien, Basilicata (Unteritalien)

Der Leierspieler geht noch mal in die Schule – bei Pythagoras.

79.

Der Löwenfelsen. Eine buddhistische Phantasie, 2017

Sigiriya (Löwenfelsen), Sri Lanka (Ceylon)

Ein König schafft hoch oben auf dem Felsen eine Hoch-Kultur – und lernt darauf zu verzichten.

78.

Der Untergang Europas, 2017

Knossos, Kreta

Die phönizische Königstochter Europa geht, von ihrem Liebhaber vernachlässigt, ins Wasser.

77.

Der Kopf des Parmenides, 2016

Elea, Kampanien

Der Philosoph erliegt kurzzeitig dem törichten Geruch des Schopf-Lavendels.

76.

Der Triumph des Baal, 2015

Tunesien

Die Oase in der Wüste, Karthago in Not – und eine Purpur-Aster Paul Klees.

75.

Oppershäuser Blätter*, 2015

Vogtei im Nordwesten Thüringens

Die Jugend des Malers Walter Werneburg zwischen dörflicher Tradition und Weltkrieg.

74.

Der Mangobaum, 2014

Südindien

Parvati kommentiert, an den Baum gelehnt, eher ironisch den kosmischen Tanz Shivas, ihres Gefährten.

73.

Maurisches Tor, 2014

Marokko

Muslimisches Nordafrika – und seine Kunde von der Magie.

72.

Der Palmwedel, 2013

Nordosten Siziliens

Wind, von den Äolischen Inseln her, bringt mafiose Strukturen durcheinander.

71.

Der Traum des gelben Drachen, 2013

China

Der Kaiser vergißt seine Herkunft, kann sich später aber erinnern.

70.

Atlas, 2012

Teneriffa

Zwar nicht der Drachenbaum, aber ein Vulkan wird bestiegen.

69.

Die Insel der Libellen, 2012

Japan

Die Baumnymphe läßt sich herab, in einem Buddha-Tempel zu tanzen.

68.

Die Lanze des Achill, 2011

Lykien, Anatolien

Die Lanze trifft immer noch, aber Apoll wird demokratisch abgewählt.

67.

Indische Sprüche, 2010

Nordindien

Krishna, gar nicht friedlich, bringt den Untergang der gealterten Welt (Bhagavad-Gita IV, 7-8).

66.

Sardischer Brunnen, 2010

Sardinien

Aus dem steinernen Rundbau eine Kriegserklärung an die Gegenwart.

65.

Alara Han, 2009

Südliches Anatolien

Ein Sufi gelangt in Ekstase, doch nicht zu Gott, sondern zur Geliebten.

64.

Pfuhlsborn, 2009

Saaleplatte, Weimarer Land

Der Wurm im Apfel, das Pferd stürzt – Wodan hilft ein letztes Mal.

63.

Die Schildkrötenleier, 2009

Griechenland

Athene bewirft den Akropolis-Besucher mit einer Olive.

62.

Die Wöbelsburg, 2008

Hainleite, Thüringen

Löwenzahn und Kreuzblume stürmen die Burg des Hirsches (Völuspá 40 ff).

61.

Die Wiederkehr des Delphins, 2008

Anatolien

Nach dem Fall Trojas keine Gedichte mehr schreiben dürfen …

60.

Das Tritonshorn, 2007

Phaistos, Kreta

Anreise auf einem Nashornkäfer, um Ariadne zu verführen.

59.

Hoch Hilgor, 2007

Insel Rügen

Im Leib des Hünen brätst du dem Widerspenstigen die Leber weich.

58.

Am Venedigerstein, 2007

Harz

Dem Fremden mit dem Walenbuch wird der Spiegel zerschlagen.

57.

Das Gradierwerk, 2006

Kyffhäusergebirge

Einem Salzsieder gelingt die Königliche Kunst.

56.

Der Berg des Philosophen, 2006

Östliches Sizilien

Die Quelle Arethusa, eine gereifte Schönheit, zeigt sich erfreut über ihren Süßen.

55.

Der Käferberg, 2006

Weißensee in Thüringen

Abgewiesener Minnesänger gelangt als Käfer zur Angebeteten.

54.

Die Blaue Lilie, 2006

Regensburg

Der Sänger, auf die Hauswand gemalt, triumphiert über Goliath.

53.

Die Nachtbarke, 2005

Ägypten

Falke und Krokodil kommentieren die Nachtmeerfahrt der Sonne.

52.

Der Granatapfel, 2005

Andalusien

Die Schwalbe zahlt für den Alhambra-Palast keinen Eintritt.

51.

Die Burg des Zaunkönigs, 2004

Buchfart bei Weimar

Kriegerische Burg des Vogels – nur ein Spiegelbild im Schaufelrad der Wassermühle.

50.

Eckartsberga, 2004

Burgenland in Sachsen-Anhalt

Winde über der Via Regia, sie bringen weder Tücher aus Flandern, noch russische Felle ...

49.

Am Strudelborn, 2004

Eichsfeld und Freyburg an der Unstrut

Ein Dachs rät dem Heinrich von Veldeke, sein Troja-Gedicht zu vollenden.

48.

Die Klage der Gorgonen, 2004

Westliches Sizilien

Zwergtaucher und Sumpfschildkröte weichen den Schlangenhaarigen.

47.

Der Aurorafalter, 2003

Tiefenort, Wartburgkreis

Der Blitz paart sich tragisch der Zigeunerin, Himbeeren liefern den Beweis.

46.

Der Traum der Bachstelze, 2003

Bachstelzenweg an der Gera, Erfurt

Hungriger Vogel plant die Revolution, um alle Käfer allein fressen zu können.

45.

Der Schwarzdorn, 2003

Weimar-Ehringsdorf

Ein Pentagramm aus Schlehen begegnet Goethe.

44.

Der Trunkene Turm, 2003

Umbrien

Hohenstaufen-Kaiser und Heiliger Franz geraten beinahe in Streit.

43.

Der Schwarze Stein, 2002

Zypern

Hephaistos zerstückelt den Zuckerrohrstengel, den Süßen Aphrodites.

42.

Am Kap des Palinuro, 2001

Kampanien

Die Blutgrotte weckt Kriegserinnerungen, es ist aber nur roter Tang.

41.

Der Wandel des Gwyddyon, 2001

Wales

Eine Flucht vor der Fee Ceridwen, ein ganzes Baum-Alphabet entlang.

40.

Das Grab des Wächters, 2000

Schleswig-Holstein

Der schlauste Riese ist dümmer als ein dahergelaufener Wanderer. (Vafþrúðnismál)

39.

Hier ist Rhodos, 2000

Rhodos

Nicht nur in der Sokrates-Gasse ist der Mensch, was er ißt.

38.

Phantasie über die fünfblättrige Rose, 1999

Český Krumlov (Böhmisch Krumau), Südböhmen

Statt Gold liefert der Alchemist die Weisheit, und koste es auch sein Leben.

37.

Das Gesicht der Eule, 1999

Bretagne

Fußabdrücke auf dem Dolmen, sie führen ins atlantische Jahr.

36.

Etruskisches Tarot, 1997

Provinz Grosseto, Toskana

Ein Nordländer gelangt nach dem Süden, doch seine Eisblume schmilzt.

35.

Die Lichter von Lyonesse, 1996

Cornwall

König Artus wird von Schwertlilie und Vergißmeinnicht entmachtet.

34.

Das Zeitalter der Eidechse, 1995

Landkreis Weimarer Land

Isis und Osiris residieren auf dem Riechheimer Berg.

33.

Die Kraniche, 1994

Kranichfeld, Weimarer Land

Aus hohen Weidenbüschen wird das Haus der Sprache errichtet.

32.

Bacharach, 1994

Mittelrheintal

Ungleiche Straßen, klagt ein Liberaler, einige gewährten Vorfahrt.

31.

Die Felswand von Lioux, 1994

Département Vaucluse, Provence

Zwei Zikaden beten das Licht an und werden vom Papst verfolgt.

30.

Die Gletschermühle, 1993

Krimmler Achental, Land Salzburg

Zirbelkiefern und Schwarzerlen werden einander handgreiflich.

29.

Der Heilige See*, 1992

Opfermoor bei Niederdorla, Nordwest-Thüringen

Nur mit einem lecken Boot zu erreichen: das andere, jenseitige Ufer.

28.

Die Externsteine*, 1992

Teutoburger Wald

Die Elster hatte ihr glänzendes Metall nicht gut genug versteckt.

27.

Drosselberg*, 1992

südöstlich von Erfurt

Die Drossel ist mit ihrem Glänzen freigiebiger als die Sonne.

26.

Aus dem Bernsteinland*, 1991

historische Landschaft Ostpreußen

Zwar wohnt er nicht mehr in der Marienburg, der Marienkäfer …

25.

Das Tor der Völker, 1991

Iran

König Kyros breitet sich wie ein Weinstock über Asien aus.

24.

Aus dem Haraiti-Gebirge, 1991

Iran

Wer den Trank aus dem Hochgebirge erlangt, kann fliegen. (Yasna X, 8)

23.

Die Schlangenfüßige Göttin*, 1990

Skythien (Südrußland, Ukraine)

Wo Löwe und Stier einander fliehen, folgt auf die Nacht der Tag.

22.

Der Dunkle Fluß*, 1990

Thüringen

Kalkgeröll über den Lauf des Flusses Gera verteilt, ein Epos.

21.

Der Machandelbaum, 1990

Mittelthüringen

Rascheln im Gesträuch, allein für Elfenohren bestimmt.

20.

Böhmische Steine*, 1989

Böhmen

Rauch im Quarz ist verflogen, sichtbar sind die Zelte an der Moldau.

19.

Fahrt der Tiere*, 1988

Südwestfrankreich

Dem Vorsprung in der steinzeitlichen Höhle entweicht ein Stier.

18.

Die Wanderung*, 1988

Thüringen

Blumen und Sträucher wissen über den Wandrer mehr als er selbst.

17.

Die Merwigslinde, 1987

Nordthüringen

Slawen fahren den Fluß herunter, vermischen sich nicht ungern mit den Thüringern im Flachland.

16.

Die Orchidee, 1987

China

Der Kaiser malt lieber, statt sich um sein bedrohtes Reich zu kümmern.

15.

Der Gelbe Fluß*, 1987

China

Der Blaue Drache – nicht zu sehen, wie eine Pagode ohne Fugen.

14.

Slawische Tänze*, 1987

Ostthüringen

Der Slawengott Perun wird bei Tag besiegt, gewinnt aber des Nachts.

13.

Widukind, 1986

Rudolstädter Theater

Barocker Dichter zeigt den Helden im Kampf gegen Sarazenen.

12.

Durch das Isergebirge*, 1986

Nordwesten Böhmens

Im Haus des Glasbläsers muß die Tür schnell verschlossen werden.

11.

Radegundis, 1986

Poitiers, Westfrankreich

Die Heilige bäckt für den römischen Dichter Venantius Fortunatus einen Pflaumenkuchen.

10.

Die Rabenfibel*, 1985

Thüringer Königreich

Der Heiden-König bietet seine besten Pferde für die ostgotische Prinzessin.

9.

Phantasie über die Libellen*, 1985

Thüringen, mit Blick auf Japan

Halb Fisch, halb Flügeltier, die Libelle steigt aus der Larve.

8.

Kupferberg*, 1985

Ilmenau

Der Tintenfisch, als Autor, verdunkelt seinen Stil, um die Kritiker zu verwirren.

7.

Minnesprüche 2, 1985

Süddeutschland

Ein feiles Krämerzelt des Waldes – tauscht Vogelsang für Trauer.

6.

Hainich*, 1984

Westthüringen

Die Zwerge entfliehen, weil sie den Kümmel im Brot nicht vertragen.

5.

Minnesprüche 1, 1984

Burg Morungen, bei Sangerhausen

Das Schweigen des Sängers – mächtiger als des Königs Lanze.

4.

Babel. Verse über den Erfurter Humanistenkreis*, 1983

Mittelalterliches Erfurt

Die Elster des Dichters rief „Papst, Papst lebe wohl“ – und ward gesteinigt.

3.

Worte. Lutherisch*, 1980

Mittelalterliches Erfurt

Ein Zecher schlürft die Buchstaben aus dem Kelch, den Bacchus ihm reicht.

2.

Erfurter Sage*, 1980

Mittelalterliches Erfurt

Der Esel hat gelernt, aus dem Psalter des Rektors zu lesen.

1.

Die Laute*, 1980

Ursprungsgedicht

Sechs Saiten – von der Schöpfung der Welt bis zur Dampfmaschine.

)* Zu dieser Dichtung liegt ein Graphik-Zyklus von Walter Werneburg vor, zumeist enthalten in: „Die Rabenfibel. Gedichte und Druckgraphiken“, Scidinge Hall Verlag, Zürich 2010