Mit diesem Büchlein möchte Theo Schoenaker zeigen, dass zu Resignation keinerlei Anlass besteht, dass es sehr wohl hilfreiche und effektive Lösungsmöglichkeiten für das "Problem Stottern" gibt. Bei Kindern und Erwachsenen.
ISBN 3-932708-03-2 (OCR-Scan AvdH) © RDI-Verlag Bocholt ,- >>>
Theo Schoenaker, geboren 1932, gehört zu den großen Individualpsychologen nach Rudolf Dreikurs. Er trug wesentlich dazu bei, die individualpsychologische Schule in Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlanden zu verbreiten und machte sie vielen Menschen zugänglich. Er ist ein erfahrener Berater für Partnerschafts-, Lebens- und Erziehungsfragen
Originele duitse tekst:
Vorwort:
Stottern scheint weiterhin und offenbar weithin ein noch immer nicht gelöstes Problem zu sein, aber warum dann gleich für "alle"? Wer sind diese "alle"?
Nun, zunächst sicherlich diejenigen, die stottern. Tritt Stottern zuerst im Kindesalter auf, und dies ist der Regelfall, wird dieses Problem des Kindes schnell zu einem Problem der Eltern, der Geschwister, der Familie. Mit der Suche nach Hilfe wird es zum Problem der Therapeutinnen, unterschiedlicher Fachrichtungen. Kann die Behandlung das Stottern nicht oder nicht schnell genug beseitigen, wird es zum Problem in der Schule, in der beruflichen Aus- und Weiter Bildung, im Freundeskreis, bei der Partnersuche. Mit der eigenen Familiengründung wird es möglicherweise zum Problem für die nächste Generation. Stottern also doch ein Problem für alle, gar ein vererbebares Problem?
Ganz so zwangsläufig und problematisch scheint dieser Ablauf nun aber doch nicht zu sein. Warum stottern die Betroffenen eigentlich nicht immer, warum tritt das Stottern vor allem im frühen Stadium der Erkrankung nur in bestimmten, vorwiegend "aufregenden" Situationen auf? Warum beginnt das Stottern regelhaft im Kindesalter, und dies offenbar recht konstant im Kontext mit bestimmten Etappen der normalen Sprachentwicklung? Warum stottert dann nicht jedes, warum gerade "unser" Kind? Warum erleben so viele Eltern, daß eine gut gemeinte Korrektur diese Symptomatik bei ihrem Kind nicht bessert? Warum. läßt sich das Stottern nicht willentlich unterdrücken oder wenigstens beeinflussen? Fragen aus vielen weiteren Fragen, die immer wieder gestellt werden und aus denen fast ein resignativer Hilferuf zu klingen scheint.
Dieses Büchlein möchte lhnen zeigen, daß zu Resignation keinerlei Anlaß besteht, daß es sehr wohl hilfreiche und effektive Lösungsmöglichkeiten für dieses „Problem Stottern“ gibt. Es liefert Antworten auf Fragen, die man nun auch in der folgenden Weise stellen kann: Woher meint man eigentlich so genau zu wissen, daß Stottern erst zum Stottern wird, weil man Stottern vermelden möchte und hiergegen ankämpft? Könnte nicht umgekehrt jemand, der stottert, sein Stottern brauchen, zumal in bestimmten Situationen? Warum haben denn Betroffene dieses Problem nicht mit sich allein, sondern immer nur im kommunikativen, sozialen oder beruflichen Umfeld? Macht also möglicherwelse das Stottern als Kommunikationsstörung doch einen Sinn, könnte man Stotternde oder könnten auch Stotternde sich selbst verstehen lernen in der Sinnhaftigkeit ihres Stotterns? Gäbe es vielleicht, wenn man die Sinnhaftigkelt dieser Kommunikationsstörung verstehen lernen würde, auch kommunikative Alternativen? Könnte es sein, daß wir "alle", die wir Kommunikationspartner von Stotternden sind, das Stottern überhaupt erst sinnhaft werden lassen, weil wir in unserem Kommunikationsverhalten durch das Stottern wiederum unbewußt beeinflußt werden? Ist das Stottern dann nicht doch auch das Problem der nicht-stotternden Kommunikationspartner, also doch von "uns allen"?
lch hoffe, daß Sie durch solche Fragen neugierig werden auf dieses Büchlein und hierin Antworten finden, die Ihnen und "allen" weiterhelfen, denen Stottern zum Problem geworden ist oder zu werden droht.
Prof. Dr. E. Kruse
Direktor der Universitäts-Klinik für Phoniatrie u. Pädaudiologie in 37075 Göttingen, im Januar 1997
Prof.Dr.Eberhard Kruse: Stottern - und was haben wir daraus gelernt?
In der Bundesrepublik gibt es etwa 2,5 Millionen Menschen die stottern. Die meisten davon sind Kinder, und unter ihnen finden wir eine Häufung in den Vorschuljahren. Der Anteil der Erwachsenen, die sich mit dem Problem des Stotterns herumschlagen, liegt bei gut einer halben Million. Das Stottern äußert sich in kürzerer oder längerer Unterbrechung des Redeflusses, langsamerer oder schnellerer Wiederholung von Wörtern, Silben oder einzelnen Lauten. Auch völlige Versperrungen, unterbrochen durch Laute, welche nicht zum auszusprechenden Wort gehören, und völliges Verstummen gehören zum Bild des Stotterns. Dazu können Gesichtsverzerrungen, Grimassen und Bewegungen der Arme und Beine auf treten. Wir sehen, wie der Betreffende sich anstrengt; wir spüren, wie gespannt er ist und- wieviel Angst er manchmal hat.
Wer stottert, der leidet. Er leidet, weil er erlebt, daß er seine Sprechorgane nicht unter Kontrolle hat, daß sie sozusagen etwas mit ihm machen, was er gar nicht will. Er fühlt sich unfählg, das zu tun, was für andere Menschen so einfach zu sein scheint: nämlich beim Sprechen die Worte einfach fließend hintereinander zu setzen. Dieser Aspekt des Leidens kann einen Menschen manchmal zum Verzweifeln bringen. Stellen Sie sich einmal vor, daß Sie abends gemütlich vor dem Fernseher sitzen und das Glas nehmen wollen, das neben Ihnen auf dem Tisch steht. Plötzlich stellen Sie fest, daß Sie lhren Arm nicht bewegen können. Was Sie auch tun, wie Sie sich auch anstrengen, er gibt nicht nach. Sie haben keine Schmerzen, aber Sie verstehen die Welt nicht mehr. Vorhin ging es ja noch mit dem Arm. Jetzt, wo Sie sich weiterbemühen, kommt er plötzlich in Bewegung, und Sie können ihn wieder normal bewegen. Sie können zwar jemandem erzählen, was Ihnen da passiert ist, aber das nachvollziehen, was Sie da erlebt haben, werden wohl die wenigsten können. Wenn Sie sich am nächsten Abend wieder in den Fernsehsessel setzen, und Sie schauen sich das Glas neben sich an, so kommt Ihnen wohl unbewußt der Gedanke: "Hoffentlich geht's diesmal gut." Sollte es diesmal nicht gut gehen, so hat lhr Selbstvertrauen und das Vertrauen in lhre Fähigkelt, Ihre Muskeln nach eigenern Entschluß zu bewegen, einen ernsten Knacks bekommen.
Wer stottert, erlebt auch, daß er eigentlich fließend sprechen kann, aber plötzlich, meist unerwartet, erlebt er in dem fließenden Ablauf des Sprechens eine Blockade oder Wiederholung. Die Zunge will nicht mehr, die Lippen sind wie festgeklebt, im Rachen ist ein Verschluß, und wie er sich auch bemüht, wie er sich auch anstrengt, es kommt keine Bewegung, keine Veränderung, bis plötzlich, genau so unberechenbar, das Sprechen weitergeht. Er leidet an der Unberechenbarkeit des Auftretens seiner Symptome. Er leidet jedoch auch an den Reaktionen der Umwelt. Die Zuhörer nehmen ihn nicht für voll, sprechen halbfertige Sätze für ihn zu Ende, wissen nicht, wie sie reagieren sollen; haben Angst, schauen weg, weil sie meinen, er könne dann besser sprechen. Sie sprechen lauter zu ihm, weil sie offensichtlich denken, wer nicht sprechen kann, der kann auch nicht hören. Sie tun viel mehr Dinge für ihn, als nötig ist, weil sie offensichtlich denken, wer nicht sprechen kann, kann auch nicht denken ... usw. Eltern reden auf ihr Kind ein, es solle doch langsamer sprechen, es solle doch besser nachdenken, es solle sich doch mehr Mühe geben. Die Lehrer in der Schule sehen, wie das Kind auf dem Schulhof mit seinen Freunden fließend sprechen kann und erleben, wie es in der Klasse unmöglich den angefangenen Satz zu Ende bringen kann. Weil sie diesen Gegensatz nicht verstehen, meinen sie, das Kind stelle sich an.
Wer mit dem Stottern erwachsen geworden ist, erlebt seine Schwierigkeiten auf allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens: In der Arbeit, wo er bei Bewerbungen von vornherein im zweiten Rang sitzt; bei den praktischen Tätigkeiten, wo er Schwierigkeiten hat, seine Meinung auszudrücken, sich durchzusetzen; in der Liebe, wo er gerade dann, wenn er einen möglichen Lebenspartner ansprechen will, aus lauter Aufregung und Nervosität, die wir ja alle kennen, gerade die größten Sprechschwierigkeiten hat. Alle weiteren Situationen in der Gemeinschaft, ob das nun Fahrkarten-kaufen, Telefonieren oder Einkäufemachen heißt, sind mit Angst, mit Spannung und mit Erlebnissen des Versagens, manchmal mit Erlebnissen der Demütigung verbunden.
Auch die Zuhörer haben es schwer. Der Zuhörer muß sich anstrengen, um mehrsilbige Wörter, die durch Pausen unterbrochen werden, in Gedanken zusammenzuhalten, um so den Sinn eines Satzes zu verstehen. Der Zuhörer möchte, nachdem der andere sich so angestrengt hat, nicht gerne fragen: 'was sagst Du?' oder 'Was meinst Du?" Der Zuhörer weiß nicht, ob er ein Wort, zu dem der andere schon mehrmals angesetzt hat, ergänzen soll, oder ob man ihn einfach ausstottern lassen soll. Sie wissen nicht, ob man ihn anschauen soll, oder ob man besser wegschauen soll.
Zwei Gruppen von Menschen haben es also schwer: die, die stottern und die, die zuhören. Jeder, der nicht stottert, wird irgendwann jemandem. begegnen, der stottert. Beide Gruppen werden sich gegenseitig zum Problem: die, die stottern und die, die zuhören. Sie könnten sich gegenseitig Helfer sein.
Sind die Eltern schuld ?
In der Behandlung von Leuten, die stottern, können wir immer wieder feststellen, wie unsicher die Eltern sind, wenn wir sie bitten, für ein Gespräch zu uns zu kommen. Sie sind wie gebrannte Kinder, die das Feuer scheuen. Sie scheuen den Therapeuten, den Berater, denn allgemein wissen sie: "Wenn mit den Kindern etwas los ist, sind die Eltern schuld." Einige haben noch frische Narben von Beratungsgesprächen, wo sie diese so genannte Wahrheit zu verdauen bekommen haben.
Beispiel 1: Veronika ist jetzt 16 Jahre alt. Sie erzählt folgende Geschichte: Wir waren zuhause mit 11 Kindern. Ich war das 8. Kind. Mein Vater hatte eine Landwirtschaft, wovon wir gerade leben konnten. Das höchste Ziel des Lebens war arbeiten. Wir mußten alle schon ganz früh mitmachen auf dem Feld und im Haushalt. Ich hatte als Kind immer das Gefühl dass niemand Zeit für mich hatte. Ich hatte aber eine ältere Schwester, die sich um mich kümmerte und lieb zu mir war. Als ich 6 Jahre alt war, emigrierte sie nach Kanada. Ich glaube, dass an dem Tag mein Stottern angefangen hat."
Daß die Eltern wenig Zeit für Veronika hatten, kann man aus der gegebenen Situation verstehen. Daß das Kind ein Stück Sicherheit verlor, als die Schwester emigrierte, kann man auch verstehen. Daß aus dieser Unsicherheit heraus Stottern entsteht, das kann vorkommen. Aber wer ist nun eigentlich schuld?
Beispiel 2: Vater meldet sich wegen seines Stotterns zur Behandlung an und sagt: "Ich komme eigentlich nicht wegen mir, denn ich komme mit meinem Stottern und mit meinem Leben gut zurecht. Das Problem ist, daß mein 5-jähriger Sohn Erik auch stottert und zwar genauso, wie ich es mache. Ich glaube, der Kleine vergöttert mich und tut alles, was ich tue. Er meint wohl, was Vater tut, ist richtig. Ich möchte besser sprechen lernen, damit ich ihm auch in dieser Hinsicht Vorbild sein kann. "
Wer ist da schuld, daß Erik stottert ?
Belspiel 3: Dietrich war 4 Jahre alt, als noch ein Bruder geboren wurde. Bis dahin war Dietrich der König in der Familie gewesen. Er war das erste Erziehungsexperiment der Eltern und das erste Enkelkind der Großeltern. Er wurde auf Händen getragen, und alle seine Entwicklungsschritte wurden mit Ermutigung, Lob oder Applaus begrüßt Als er, so klein wie er war, anfing zu singen, hat die ganze Familie gestaunt und ihn ermutigt weiterzumachen. Jetzt, nach 4 Jahren "Alleinherrschaft", liegt dann plötzlich ein Eindringling auf dem Tisch, den er nicht hereingebeten hat. Die Mutter beschäftigt sich ständig mit dem Neuen, und wenn Dietrich die Mutter braucht, sagt sie, er soll doch ruhig sein und spiëlen. Die Besucher schauen von jetzt ab erst in die Wiege, und dann bekommt Dietrich seine Begrüßung. Wenn er jetzt seine bis dahin erfolgreiche Methode des Singens einsetzt, bekommt er keine Ermutigung, sondern jeder ruft, er solle still sein, weil er sonst das Baby stört. Dietrich versteht von der ganzen Sache nicht viel. Er weiß nur eins: "Ich habe hier keinen Platz mehr, man liebt mich nicht mehr!" Diese Überzeugung erschüttert sein Selbstwertgefühl, und aus dieser Unsicherheit heraus fällt er einerseits zurück in die Phase des Bettnässens, und andererseits wird sein bis dahin sicheres und mutiges Sprechen unsicher als ob er sich an die Worte herantasten will und sich bei jedem Wort überlegt, ob das, was er sagt, nun auch richtig ist, und ob das, was er sagen will, richtig ankommt, so daß er damit wenigstens den Leuten gefallen kann und sie ihm Liebe schenken. So entwickelt sich das Stottern bei Dietrich.
Wer ist da nun schuld?
Kinder sind gute Wahrnehmer, aber sehr schlechte Deuter. Das Kind hat seine eigenen Gedankengänge, die nicht immer im logischen Zusammenhang zu der wirklichen Situation stehen. Die Mutter liebt Dietrich noch genauso, wie vor der Geburt des zweiten Kindes, nur Dietrich meint, daß sie ihn nicht liebt, und deswegen fängt er an zu stottern. Wer die richtigen Zusammenhänge nicht versteht, macht es sich zu leicht, wenn er den Eltern die Schuld zuschiebt. Jedes Elternpaar, dem ich bis jetzt begegnet bin, hat das getan, was es im Interesse des Kindes für richtig hielt, und was den Umständen entsprechend in ihrer Macht lag. Daß es, aus Mangel an Möglichkeiten oder Information, nicht immer das im psychologischen Sinne Richtige getan hat, das gehört nicht in die Schuldfrage hinein.
Überdies haben die meisten Eltern in den ersten Jahren, als das Kind stotterte, bei einem Arzt, Psychologen, Logopäden oder Sprachheil pädagogen einen Rat eingeholt. Fast immer hat der Rat gelautet: "Schenken Sie dem Stottern nicht so viel Aufmerksamkeit; tun Sie, als ob es dieses gar nicht gibt, das geht von selbst wieder vorbei. "
Wenn das Kind mit dem Stottern jetzt ins Jugendalter gekommen oder erwachsen geworden ist, müssen die Eltern mit einem Gefühl der Traurigkeit feststellen, daß das Stottern nicht von selbst weggegangen ist, und vielleicht fühlen sie sich selbst als Versager, weil sie dann und wann doch auf das Stottern reagiert haben und nicht immer getan haben, als ob es dieses nicht gab. Von wem kann man eigentlich erwarten, daß er diesen Rat über Jahre beachtet?
Der Rat, den die Eltern bekommen haben, war schon richtig, denn 75% aller Kinder, die anfangs stotterten, verlieren das Stottern ohne irgendwelche Behandlung. Warum der eine das Stottern verliert und der andere nicht, ist noch nicht eindeutig geklärt und liegt ganz sicher nicht nur an dem Verhalten der Eltern.
Wir rufen alle Eltern, die stotternde Kinder haben, auf, sich nicht länger mit Schuldgefühlen herumzuschlagen, denn erstens sind sie nicht schuld, und zweitens helfen Schuldgefühle nicht, bessere Menschen zu werden und glücklicher zu leben. Einige Eltern wurden durch die belastenden Schuldgefühle dazu verführt, sich in die Idee festzubeißen, das Kind habe das Stottern geerbt. Wer sich davon überzeugt hat, kann vielleicht die Schuldgefühle abschütteln, aber er verliert auch den Blick für seinen eigenen Anteil auf dem Weg, der im Umgang mit dem Kind noch vor ihm liegt. Das Stottern ist nicht erblich, und deswegen kann man viel zur Verbesserung beitragen.
Das Stottern ist immer ein Ausdruck der Unsicherheit, der Entmutigung. Sie können also ihrem Kind nicht helfen durch Kritik wie:
Sprich langsamer! (Das ist viel schwieriger, als normal zu sprechen).
Denk doch erst ruhig nach, was Du sagen willst! (Das tut niemand. Der Denkvorgang entwickelt sich während des Sprechens-, je mehr das Kind nachdenkt, umso sicherer geht alles schief).
Atme doch erst einmal ruhig ein! (Haben Sie das selbst beim Sprechen schon einmal probiert?)
Sei doch ruhiger, wenn Du sprechen willst! (Soll man schweigen, wenn man aufgeregt ist?)
Stottere nicht so!
Diese und ähnliche Bemerkungen werden mit den besten Absichten und in der Hoffnung, daß sie die gewünschte positive Auswirkung haben, gemacht. Das Kind fühlt sich jedoch kritisiert und entmutigt, weil es spürt, daß es so, wie es ist, nicht gut genug ist. Es kann sein, daß, wenn man es ein Wort oder einen Satz nochmal sagen läßt es dann fließend sprechen kann, aber auf das Stotterverhalten als Ganzes hat dies überhaupt keine nützliche Auswirkung.
Für die Eltern ist das Stottern vielleicht das wichtigste Übel am sonst so guten Kinde; sie möchten es weg haben, und deswegen sind sie so sehr darauf fixiert. Das Kind spürt, daß man sich deswegen mit ihm beschäftigt und findet es allmählich auch als das Wichtigste, das es hat. So kommt es, daß Jugendliche und Erwachsene das Stottern - auch wenn es nur sehr geringfügig ist - als das zentrale Problem ihres Lebens betrachten, woran sie alle anderen Probleme "aufhängen".
Eltern können sich darin üben, zu verstehen, daß das Kind nicht absichtlich stottert, sondern daß es sich unsicher fühlt. Sie werden dann nicht mit Kritik und Tadel reagieren, sie werden dann den Sprachfehler und auch andere schlechte Angewohnheiten leichter nehmen und eher das Positive im Kinde betonen. Sie werden es ermutigen, sodaß es Selbstvertrauen aufbauen kann, und dann normalisiert sich das Sprechen ganz von selbst.
Viele stotternde Kinder werden verwöhnt. Die Verwöhnung besteht darin, daß die Eltern für das Kind tun, was es eigentlich selbst tun könnte. Verwöhnung ist, wie wir wissen, eine sehr schlechte Erziehungsmethode, denn durch Verwöhnung nehmen wir dem Kind die Chance, Verantwortung zu tragen und die Chance, seine Fähigkeiten zu testen und sich selbst zu beweisen, daß es seine eigenen Probleme lösen kann. Durch Verwöhnung wird dem Kind eingeprägt: "Du hast das Recht auf eine spezielle Behandlung."
In der Praxis sehen wir, daß
stotternde Kinder meist keine Einkäufe machen brauchen. Das machen die Geschwister oder die Mutter selbst;
stotternde Kinder in der Regel geschont werden, wo Geschwister gestraft würden;
der stotternden Sprechart des Kindes mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird, als dem Sprechen der anderen Kinder;
das Stotternde Kind sich einiges mehr erlauben kann als die anderen, da die Eltern es wegen seiner Nervosität schonen;
das stotternde Kind mehr Hilfe und Zuwendung bekommt, als die anderen kinder
Wir werden in unserer Praxis in der Überzeugung bestärkt, daß Eltern für ein Kind, das stottert, nicht nur mehr tun als für das Kind, das nicht stottert, sondern auch mehr tun, als überhaupt nötig ist. Und sie tun dies größtenteils, weil sie Schuldgefühle haben, oder weil sie meinem, das sie dem Kinde damit etwas Gutes tun.
So können Sie helfen
Zeigen Sie lhrem Kind, daß Sie es lieben. Zeigen Sie es weniger mit Worten, als durch lhre Handlung.
Schenken Sie ihm Zeit und Aufmerksamkeit, aber nicht als Antwort auf das Stottern, sonst wird es das Stottern nie aufgeben. Schenken Sie ihm Zeit und Aufmerksamkeit, wenn es ruhig ist und vor dem Schlafengehen. So wird es spüren, daß es einen Platz hat.
Ermutigen Sie das Kind, sobald Sie merken, daß es etwas gut macht, und halten Sie den Mund, wenn Sie kritisieren oder entmutigen wollen.
Tun Sie keine Dinge für das Kind, die Sie nicht tun würden, wenn es normal sprechen würde. Sie bestärken es sonst in der Überzeugung, daß es wegen des Stotterns ein Anrecht auf besondere Hilfe und Zuwendung hat. Sie machen das Kind unselbständig.
Schenken Sie dern Stottern keine besondere Aufmerksamkeit, sondern suchen Sie einen guten Erziehungsberater, der Ihnen sagen kann, wie Sie in diesem Fall die Unsicherheit des Kindes günstig beeinflussen können. Als Faustregel gilt, daß man über das Stottern nicht sprechen soll, solange es für das Kind kein Problem ist. Ein Problem ist es, sobald das Kind Wörter, Laute oder Situationen vermeidet.
Sprechen Sie in der Begegnung mit einem stotternden Jugendlichen oder Erwachsenen das Problem einfach an. Er wird froh sein, daß Sie den Schleier der Geheimnistuerei wegreißen. Sie können dann auch fragen, ob er möchte, daß Sie seine Sätze ergänzen. Nur er selbst weiß das.
Schauen Sie Leute, die stottern (Kinder oder Erwachsene) normal an. Daß man jemand beim Stottern nicht anschauen soll, ist ein Märchen, das durch die Angst der Zuhörer, die nicht wissen, wie sie sich dem Sprechbehinderten gegenüber verhalten sollen, in die Welt gesetzt wurde. Es gibt viele normalsprechende Leute, die auch nicht gerne haben, daß man sie anschaut wenn sie sprechen. Aber Umfragen unter Hunderten von Leuten, die Stottern, haben eindeutig klargemacht, daß sie, wenn man sie nicht anschaut, das Gefühl haben, daß man lhre Aussage nicht ernst nimmt. Deswegen verstärkt das Wegschauen noch ihr Gefühl der Minderwertigkeit.
Wenn Sie als Eltern, Lehrer, Ehepartner, Arbeitgeber oder Kollege mit dem Stottern konfrontiert werden, so werden Sie richtig reagieren, wenn Sie selbst davon überzeugt sind, daß Stottern kein Grund ist, etwas nicht zu tun. Wer stottert, braucht vielleicht ein bißchen mehr Zeit, aber er ist nicht dumm (im Gegenteil!) und auch sonst in keinerlei Hinsicht anders als alle anderen Menschen auf dieser Erde.
Nehmen Sie das Stottern nicht zu wichtig, und machen Sie es nicht zu lhrem Problem. Erst wenn der Betroffene spürt, daß Sie sein Stottern nicht zu lhrem Problem machen, wird er sich überlegen, was er zur Verbesserung seiner Situation tun kann. Und das ist sehr viel!
Sagen Sie nicht "Stotterer"! Es ist eine unsinnige Übertreibung, wenn man jemand, der für eine bestimmte Zeit seines Lebens in bestimmten Situationen Stottersymptome zeigt, mit dem Stigma, bzw. Etikett "Stotterer" versieht. Das Schlimme daran ist nicht das Etikett, sondern die Gefahr, daß er anfängt zu glauben, daß er ein Stotterer ist, und er wird sich so lange wie ein Stotterer verhalten, solange er glaubt, daß er einer ist.
Alle Untersuchungen von Psychologen und Neurologen haben nicht dazu geführt, etwas zu finden, das typisch ist für alle Leute, die stottern; es ist weder die Persönlichkeitsstruktur oder der Körperbau, noch sind es Gehirnströme oder sonstige physiologische Vorgänge. Einen Menschentyp, den man mit Stotterer bezeichnen kann, gibt es also nicht. Das einzige, was alle, die stottern, gemeinsam haben, ist das Stottern, und in den Stottersymptomen gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Das Stottern ist nur eine der vielen Möglichkeiten, womit Menschen auf erschwerte Bedingungen des Lebens reagieren können. Andere reagieren vielleicht mit magenschleimhautentzündung oder mit Kopfschmerzen, mit Müdigkeit oder Depressionen, mit Schlaflosigkeit oder Verdauungsbeschwerden. Alle diese Reaktionen entspringen der gleichen Wurzel, nur in der Form ist die Reaktion anders.
Wer stottert, braucht einen guten Therapeuten oder Berater. Sprechübungen ohne psychologische Behandlung bringen wenig Erfolg. Durch die Therapie wird er besser mit dem Stottern umgehen können und den Mut entwickeln, dem Zuhörer mit einer kurzen Bemerkung über sein Stottern entgegenzukommen."Ja, ich stottere und brauche ein bißchen mehr Zeit", macht dem Zuhörer klar, daß er aus seinem Stottern kein allzu großes Problem macht. Dann kann man ihm entspannter gegenübertreten und vielleicht auch einmal darüber sprechen. So kommt man sich näher.
Beratung für diejenigen, die stottern
Wir sprechen hier hauptsächlich die Jugendlichen und Erwachsenen an, weil diese, weitgehend unabhängig vom Elternhaus, am meisten für sich selbst tun können. Sie und alle, die in irgendeiner Weise mit dem Stotterproblem zu tun haben, werden das Wort "Stotterer" nicht aus der Welt schaffen können. Alle Dinge in dieser Welt haben einen Namen, und Leute, die stottern, werden Stotterer genannt. Die Leute sollen es nennen, wie sie wollen. Für Sie soll es eine immer stärkere Überzeugung werden, daß die Antwort auf die Frage: Was bin ich eigentlich" nur lauten kann: "Ich bin ein Mensch." Und alles andere, was die Leute so gern mit "du bist" verbinden, hat mit Verhaltensweisen zu tun, die man erlernt hat, und die man auch ändern kann.
Das Verhalten eines Menschen entspringt seiner Meinung von sich, der Welt, den Mitmenschen und vom Leben. Diese Meinungen werden schon ganz früh in der Kindheit gebildet und sind uns zum größten Teil nicht bewußt. Wer meint, die Welt sei gefährlich, wird sich genau so vorsichtig, zurückgezogen oder im Einzelfall aggressiv verhalten, als wenn das Leben wirklich gefährlich wäre. Wer meint, er sei dumm, wird sich nicht anders verhalten, als wenn er wirklich dumm wäre. Wer meint, er sei ein Stotterer, wird sich nach diesem Selbstbild verhalten. Er wird sich wundern, wenn das Sprechen plötzlich fließend geht und aus einer Art Schreck heraus sofort wieder zu Stottern anzufangen. Damit hat dann sozusagen nach der eigenen Meinung alles wieder seine Ordnung.
Das Stigma Stottern konserviert das Stotterverhalten, das heißt Sie werden sich so lange wie ein Stotterer verhalten, wie Sie glauben, daß Sie einer sind.
Wieso kommt jemand dazu, sich Stotterer zu nennen und zu glauben, er sei ein Stotterer? Sicher können hier bei der Bildung des Selbstbildes frühkindliche Erfahrungen - zu Hause oder unter Freunden so genannt worden sein - eine Rolle spielen; aber warum gibt insbesondere der Erwachsene, der in vielen Situationen auch fließend sprechen kann, diesen Glauben nicht auf?
In einer Stottertherapie-Gruppe behandelten wir dieses Thema. Wir machten klar, daß Annahmen wie: "Ich bin ein Versager", "Ich bin ein Schwitzer", "Ich bin ein Erröter", "Ich bin ein Stotterer", genauso grenzenlose Übertreibungen sind, als wenn jemand, der 8 Stunden am Tag am Schreibtisch sitzt, sich selbst einen Sitzer nennt. Auch wurde klar, daß wer einmal stiehlt und sich selbst einen Dieb nennt, sich damit auch zum Sonderfall macht und den nächsten Diebstahl schon vorplant. Man kann ja von einem Dieb schließlich nur erwarten, daß er stiehlt, und auch er selbst erwartet kaum etwas anderes. Er meint jedoch auch, nicht ganz verantwortlich für sein Handeln zu sein, denn er ist ja nicht wie die anderen. Er ist ein Dieb.
Wer sich Stotterer nennt, beansprucht für sich eine besondere Stellung. Er meint, er sei nicht wie andere Menschen und nicht für sein Stotterverhalten verantwortlich. Er bedarf der Schonung. Wenn er stottert, kann er nichts dafür. Man darf es ihm nicht übelnehmen; wenn er fließend spricht, muß man sich wundern, ihn loben, sich mit ihm freuen, denn er ist ja ein Stotterer.
Unsere Empfehlung: "Akzeptieren Sie, daß Sie stottern, stellen Sie dazu, aber legen Sie sich nicht in lhrem Wesen auf nur einen Verhaltenszug, wie Stottern, fest, und nennen Sie sich nicht Stotterer. Sie sind genau so normal wie alle anderen Menschen. Jeder Mensch hat seine Probleme, seinen Tick, seine besonderen Verhaltensweisen, seine ständig zurückkehrenden Krankheiten. Sie haben lhr Stottern", löste folgende Reaktion eines Gruppenteilnehmers aus: "Ich habe das Gefühl, ertappt zu sein. lch dachte, ich hätte mir ein schönes Versteck gebaut, und jetzt hat man mein Versteck entdeckt. Mein Versteck heißt: "Ich bin ein Stotterer". Wenn ich diese Überzeugung, ein Stotterer zu sein, aufgebe, kommen plötzlich allerhand Verantwortungen und Belastungen auf mich zu, denen ich nicht gewachsen bin oder worauf ich nicht vorbereitet bin. lch fühle mich unsicher und gefährdet. lch fühle mich nackt und unbeschützt. Zwar ist es so, daß ich mich gerne von meinem Stottern befreien möchte, aber ich bin jetzt noch nicht so weit, mich mit meinem Stottern zu den normalen Menschen zu rechnen. Wenn ich das Etikett "Stotterer" ablege, muß ich mich in die Reihen der Normalen einreihen. Ich werde daran arbeiten, aber ich habe große Angst".
Natürlich möchten Sie lieber heute als morgen lhr Stottern loswerden, aber zu den Realitäten lhres Problems gehört, daß das Stottern im Erwachsenenalter nicht leicht und sicher nicht schnell zu beheben ist. Das Stottern ist ein Teil Ihrer Persönlichkeit, und mit lhrer eigenen Entwicklung kann sich auch lhr Sprechverhalten in eine für Sie günstige Richtung entwickeln. Jeder Mensch kann Fortschritte machen, wenn er bereit ist, aktiv zu sein und sein Wissen klug anzuwenden. Daran sollen Sie glauben. Wer aktiv bleibt, Geduld mit sich hat und weiß, daß auch Stillstand und Rückfälle zum Prozeß der Veränderung und der Festigung gehören, kann erfreuliche Fortschritte machen. Wer aber von heute auf morgen etwas Großes erreichen will, der soll lieber gar nicht anfangen.
Der beste Rat, den wir Ihnen geben können, ist: Akzeptieren Sie erst einmal, daß Sie stottern, und haben Sie den Mut, das auch nach außen hin zu zeigen. Solange Sie sagen: "Ich muß fließend sprechen" oder: "Ich darf auf keinen Fall stottern" bringen Sie sich in eine unmögliche Situation mit ständig sich steigernden Angstgefühlen. Solange Sie meinen: "Nur wenn ich fließend spreche, habe ich einen gleichwertigen Platz unter meinen Mitmenschen", bereiten Sie das nächste Versagen und eine Zunahme der Minderwertigkeitsgefühle schon vor.
Das Stottern und die Angst sollen kein Grund sein, etwas nicht zu tun. lhr Stottern akzeptieren, bedeutet, daß Sie aufhören mit sich selbst zu kämpfen; daß Sie aufhören, sich mit "müssen" und "darf nicht" und "nur wenn" unter Druck zu setzen; daß Sie aufhören, mit dem Symptom zu kämpfen. Lassen Sie das Stottern gehen, lassen Sie ein bißchen lockerer. Sie müssen nicht so viel pressen, wie Sie es bis jetzt getan haben. Sie pressen nur, weil Sie meinen, daß das Wort dann schneller rauskommt, oder Sie das Stottern damit unterdrücken können. Inzwischen haben Sie ja schon längst bemerkt, daß durch das Drücken die Symptome nur schlimmer werden. Wenn Sie aufhören, mit sich zu kämpfen und dazu stehen, daß Sie stottern, sich nicht länger Vorwürfe machen und sich schlechtmachen, spüren Sie ein bißchen Frieden mit-sich selbst, und dann können Sie nüchtern nachdenken über das, was Sie eigentlich in einer Stottersituation tun können. Zu dem Akzeptieren gehört jedenfalls auch, daß Sie lhre Symptome für sich selbst und für andere Leute nicht so wichtig machen. Trauern und grübeln Sie nicht so viel darüber. Stottern und daran leiden ist zu viel.
Eines von beiden ist schon genug. Tun Sie das, was Sie zu tun haben, mit oder ohne Stottern. Das geht! Man kann mit Stottern Einkäufe machen, man kann mit Stottern telefonieren, auch wenn das manchmal teurer wird; man kann mit Stottern auch einen Lebenspartner finden und heiraten. Das Allerwichtigste ist, daß Sie sich selbst klarmachen, daß Sie ein ganz normaler Mensch sind, der dann und wann stottert, so wie jeder andere Mensch seine Probleme hat. Wenn Sie so handeln, werden Sie merken, daß Sie sich beim Stottern weniger schämen, daß Sie weniger wegschauen, weniger zusammen zucken, sich auch hinterher nicht mehr so schlecht fühlen, und Sie werden merken, daß andere Leute aufhören, Sie zu bemitleiden, lhre Wörter oder Sätze zu ergänzen, Ihnen Verantwortung oder Aufgaben aus der Hand zu nehmen, weil sie merken, daß Sie trotz Stottern ein gleichwertiger Partner für sie sind. Es kann sein, daß Sie sich dann und wann minderwertig fühlen, aber die anderen sind nicht so groß, sie scheinen nur so groß weil Sie knien. Sie machen die anderen groß, weil Sie sich klein machen.
Also, stehen Sie auf! Alle haben lhre Minderwertigkeits-Gefühle! Wenn Sie beim Aufstehen Hilfe brauchen, so suchen Sie sich einen guten Berater oder Therapeuten. Für den Prozeß des Aufstehens ist das Anwachsen der inneren Spannkraft wichtiger, als das Verschwinden der Symptome. Sprechübungen alleine, das haben Sie vielleicht schon bemerkt, bringen nicht die besten Ergebnisse. Es geht darum, daß Sie verstehen, warum Sie tun, was Sie tun; warum Sie knien und warum Sie stottern. Der Fachmann kann Ihnen helfen, diese Fragen zu beantworten, und, mit seiner Hilfe können Sie anfangen, nach und nach lhre Situation zu verbessern.
Kleine Schritte
Wenn Sie Fortschritte machen wollen, so brauchen Sie Aktivität, Geduld und intelligente Planung. Es geht nicht urn große Erfolge, sondern um den Durchbruch. Wenn Sie sagen, daß Sie schon bei verschiedenen Therapeuten gewesen sind, und daß sich Ihr Sprechen nicht verbessert hat, so haben Sie möglicherweise von den Therapien und den Therapeuten zu viel, Und von sich zu wenig erwartet.
Niemand kann Ihnen das Stottern ohne lhren eigenen, aktiven Einsatz abnehmen. Es kann aber auch sein, daß Sie sagen, Sie hätten durch Ihre eigene Aktivität schon viel unternommen und trotzdem keinen Erfolg gehabt. So kann es sein, daß Sie von sich selbst zu viel erwartet haben, lhre Ansprüche zu hoch geschraubt und lhre Vorsätze zu groß gemacht haben. Sie können einen erfolgversprechenden Durchbruch machen, wenn die Vorsätze klar, klein und zeitlich begrenzt sind.
Unklar sind Vorsätze wie:
Ich werde an der Stärkung meines Selbstvertrauens arbeiten.
Ich werde nicht mehr so nervös sein.
Diese Vorsätze sind unklar, weil Sie sich nicht klarmachen, wie und wo Sie anfangen wollen.
Zu groß sind Schritte wie:
Heute werde ich bei jedem Gespräch ruhig und deutlich sprechen.
lch werde heute allen Zuhörern in die Augen schauen.
Diese Schritte sind zwar klar, aber zu groß, weil Sie sich damit zu viel vornehmen. Wenn Sie Vorsätze machen, worin Wörter wie: bei jedem Gespräch - den ganzen Tag - bei jeder Begegnung - alle Zuhörer -vorkommen, ist der Schritt zu groß Sie wollen zu viel auf einmal.
Zeitlich unbegrenzt sind Vorsätze wie:
Ab jetzt werde ich mich jeden Tag 3 x entspannen.
lch werde jeden Abend vor dem Schlafengehen kurz aufschreiben, was ich an dem Tag gut an mir fand.
Obwohl diese Schritte klar und nicht allzu groß sind, fehlt die zeitliche Begrenzung. Wann erlauben Sie sich, mit diesem geplanten, neuen Verhalten aufzuhören?
Wenn Sie mit den besten Absichten und voller Energie unklare, große und zeitlich unbegrenzte Vorsätze ausführen wollen, so stehen Sie am Ende wieder, wie schon so oft, mit Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen da. Sie meinen, Sie hätten nicht genug Willenskraft und neigen dazu, zu resignieren und alles beim Alten zu lassen.
Was meinen Sie zu folgenden Vorsätzen? Jeder Vorsatz ist von einer anderen Person und will nur Beispiel und Anregung sein.
Heute Mittag setze ich mich in der Mittagspause in der Kantine zu einer anderen Person an den Tisch. » Beim nächsten Telefonanruf zögere ich nicht mehr, ich hebe sofort ab.
Morgen melde ich mich in der Vorlesung von Prof. van Dam einmal, mit oder ohne Stottern. Wichtig ist nur, daß ich spreche, nicht, ob ich einen guten Eindruck mache.
lch schreibe heute oder morgen Abend auf, was ich am Tag gut an mir fand.
lch gehe jetzt zum Chef und schaue ihn beim Sprechen und beim Zuhören an.
Beim nächsten Telefonanruf atme ich erst aus, dann ruhig ein, dann erst hebe ich ab.
Beim Einkaufen im Metzgerladen, wo ich ja meistens gut spreche, werde ich heute Nachmittag auf einem Wort absichtlich stottern.
Diese Vorsätze sind klar und zeitlich begrenzt. Ob Sie die Schritte auch als klein empfinden, hängt von Ihrer persönlichen Situation und von lhrer Haltung Ihrem Stottern gegenüber ab. Mit klaren, kleinen und zeitlich begrenzten Vorsätzen machen Sie keine großen Sprünge; Sie machen einen Durchbruch, und das genügt.
Wenn Sie nicht so richtig wissen, wo Sie anfangen sollen, so schreiben Sie einmal auf, welche Situationen, Aufgaben, Personen und Wörter Sie normalerweise zu vermeiden suchen, und machen Sie lhre Vorsätze daran fest, sodaß Sie lernen, weniger auszuweichen und weniger zu zögern, d.h. Aufgaben und Kontakte vor sich herzuschieben. Werden Sie sachlicher, d.h. mehr auf die Aufgabe bezogen, und fragen Sie nicht zu viel nach dem Eindruck, den Sie machen könnten. So werden Sie mutiger.
Eine Patientin, die sich in diesem Wachstumsprozeß befand, schrieb:
"Hier noch ein kleines Erlebnis mit dem Stottern: Ich stand im Geschäft an der Fleischtheke. Ich mußte noch etwas warten und dachte mir dabei meinen Plan aus. Dann war ich an der Reihe. Ich sagte deutlich: 'Ich hätte gerne Wurst', und ging selbstbewußt zum Aufschnitt. Die "Wurstwünsche" brachte ich gut heraus. Dann wollte ich noch 1 kg Rindfleich haben, und ich wiederholte das "Rind" 5 mal und drückte absichtlich stärker, bis ich es dann heraus hatte. Die Blicke der anderen Kunden kümmerten mich nicht mehr, ich wußte ja, daß das Stottern nicht echt war, sondern gespielt. Ich hatte mein Geheimnis. Ich wußte daß ich nicht mehr Opfer meines Stotterns bin. "
Selbstermutigung
Unsere Fortschritte können wir unmöglich auf Selbstkritik, Selbstabwertung, Selbsterniedrigung, Selbstvorwürfe, SchuldgefühIe, Selbsthaß oder auch Selbstbeschimpfung oder Selbstbekämpfung aufbauen. Man kann auch nicht an dein Stottern arbeiten und Fortschritte machen, wenn man nicht akzeptiert, daß man stottert. Deswegen war das auch der erste gute Rat: "Akzeptieren Sie, daß Sie stottern und haben Sie den Mut, das nach außen hin zu zeigen." Jedesmal, wenn Sie merken, daß Sie das tun, sollten Sie auch freundlich zu sich selbst sein und sich sagen, daß das ein Fortschritt ist. Genauso wie Sie einen guten Freund ermutigen, seine ersten Versuche mit einem neuen Verhalten fortzuführen, so sollten Sie auch, wenn Sie kleine Schritte vollzogen haben, lhre Selbstermutigung nicht von den Ergebnissen abhängen lassen, sondern Sie sollen lhre Anstrengungen schätzen. Wenn Sie immer auf den Erfolg schielen, werden Sie sich nur selten gut genug vorkommen, um mit sich selbst zufrieden zu sein und mit sich in Frieden zu leben.
Es kommt Ihnen vielleicht etwas fremd vor, daß Sie Fortschritte machen können, wenn sie mit sich in Frieden leben. Vielleicht haben auch Sie die Meinung, daß Sie nur dann Fortschritte machen, wenn Sie mit sich selbst schimpfen, so wie der schlechte Lehrer mitseinen Schülern schimpft. Es ist ein Denkfehler, ein Vorurteil, daß man auf diesem Wege Fortschritte macht. Wer sich selbst schimpft, sich selbst schlecht macht, fühlt sich schließlich so schlecht, daß er von sich selbst gar nichts Gutes mehr erwartet.
Vergleichen Sie lhre Anstrengungen und Fortschritte nicht mit dem, was andere Menschen tun. Vergleichen Sie lieber lhr Verhalten von jetzt mit ihrem eigenen Verhalten von früher, und schauen Sie auch auf die kleinsten Fortschritte. Haben Sie Geduld, und machen Sie ruhig weiter. Große Sprünge helfen sowieso nicht. Da alle Menschen gleichwertig sind, gibt es keinen Grund anzunehmen, daß Sie weniger wert sind, als alle anderen Menschen. Wir sollen uns selbst achten, als gut genug, so wie wir jetzt sind. Erst wenn wir uns selbst nicht mehr im Wege stehen, mit Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Selbsterniedrigung, wenn wir endlich aufhören, uns zu fragen, ob wir gut oder schlecht sind, können wir nüchtern und sachlich an unseren Fortschritten arbeiten, unsere Einzigartigkeit schätzen und genießen und besser werden. Mit der Überzeugung: "Ich bin ich, und so wie ich bin, bin ich gut genug" lebt es sich besser.
Glauben Sie es nicht, erfahren Sie es!
Weitere Informationen
Schoenaker, Th :“Ja…, aber!“ Ein individualpsychologisches Konzept des Stotterns 2006 RDI-Verlag Bocholt
Schoenaker Th. : " Mut tut gut" - 2002 RDI-Verlag Bocholt
Schoenaker Th Schottky A.: Was bestimmt mein lebem 2008 RDI-Verlag Bocholt
Prof.Dr.Eberhard Kruse: Stottern - und was haben wir daraus gelernt?