Offener Brief an den Bürgermeister von Gelnhausen 17. März 2008
Stadtverwaltung
63571 Gelnhausen
OFFENER BRIEF
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Stolz,
Sie sind nun annähernd ein Jahr im Amt und ich möchte dies zum Anlass nehmen, Sie zu bitten, in der Angelegenheit Burgstraße 34 tätig zu werden.
Setzen Sie sich bitte dafür ein, dass die Stadt Gelnhausen das Anwesen an den früheren jüdischen Eigentümer bzw. seine Tochter zurückgibt!
Seit Jahren ist bekannt, auf welche Weise der damalige Besitzer des Hauses, Ludwig Scheuer, aus Gelnhausen vertrieben wurde. Ich habe in meinem im November 2006 erschienenen Buch "Kaisertreu und führergläubig" detailliert aufgezeichnet, wie Ludwig Scheuer 1935 krankenhausreif zusammengeschlagen wurde, kurze Zeit später sein Haus von etwa 50 Männern überfallen und er selbst ins Gelnhäuser Gefängnis geschleift wurde.
Ich möchte Ihnen in Erinnerung rufen, dass der Überfall auf das Haus angeführt worden war von Ihrem Urgroßvater, dem SA-Sturmführer Heinrich Dudene, der 1947 wegen seiner NS-Vergangenheit zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt wurde.
Niemand ist verantwortlich für die Untaten seiner Vorväter, selbstverständlich auch Sie nicht, sehr geehrter Herr Bürgermeister, aber vielleicht erwächst uns aus diesen Umständen eine besondere Verantwortung.
Die Stadt Gelnhausen ist 1939 durch Zwangsversteigerung in den Besitz des Hauses von Ludwig Scheuer gelangt. In meiner Untersuchung habe ich dargestellt, wie es weiterging: Scheuer musste als kranker Mann 1938 nach Argentinien emigrieren und beantragte 1948 die Rückgabe seines Anwesens Burgstraße 34. Die Stadt Gelnhausen drückte sich mit allerlei juristischen Finessen bis heute um die Rückgabe herum. Auch die 2003 ins Leben gerufene Kommission, die eine mögliche "Wiedergutmachung" angehen sollte, verlief sich im Sande.
Seither ist es still geworden um das leerstehende Gebäude.
Lassen Sie es dabei bitte nicht bewenden, sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Gedenkfeiern zum Holocaust, Errichten von Mahnmalen und Anbringen von Stolpersteinen sind müßig und billig, wenn nicht als erstes die Hausaufgaben erledigt werden.
Darum bitte ich Sie nochmals: Ziehen Sie einen Schlussstrich unter diese beschämende Angelegenheit! Geben Sie das Anwesen Burgstraße 34 zurück an die Tochter Ludwig Scheuers!
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Christine Wittrock
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Ergänzende Notiz im August 2021:
Leider konnte die Stadt Gelnhausen sich bis heute nicht entschließen, das Anwesen Burgstraße 34 zurückzugeben. Ana Stern, die einzige Tochter Ludwig Scheuers, verstarb über diesen Kampf um ihr Erbe im April 2008. Ihr Mann Günter Stern verstarb im September 2014. Die Vertreter der Stadt Gelnhausen hoffen nun wohl, dass endgültig Gras über die Sache wächst. Die beiden Söhne der Sterns hoffen weiterhin auf Gerechtigkeit.
Und Bürgermeister Stolz ist inzwischen zum Landrat des Main-Kinzig-Kreises aufgestiegen.