Es war einmal eine Wolkenhexe, die da jeder unter dem Namen Nimbostratus Floccus-
Nebulosus kannte, aber bloß mit ihrem Spitznamen „Nimbu“ rief. Häufig trug Nimbu einen
langen, dunkelblauen Regenmantel; setzte auf ihr weißes, voluminöses Haar, das ganz einer
Wolke selbst glich, einen ebenfalls blauen, spitzen Hexenhut und trug dazu gelbe
Gummistiefel. Auf ihrer Nase saß eine kleine, lustige, runde Brille, welche den
unterschiedlichen Augenfarben Nimbus schmeichelte, denn sie hatte ein blaues und ein grünes
Auge.
Es kam aber auch des Öftern vor, dass die Wolkenhexe ganz anders aussah, war sie ja
bewandert in der Kunst des Gestaltwandelns. Oh, das war ihr eine große Lust! Sie
verwandelte sich in alles! In einen Kronleuchter mit goldener Verzierung, ein Glas Wasser mit
Sprudel, einen roten Schraubenschlüssel oder in die diversesten Tiere. Am liebsten aber
wandelte sie sich in verschiedene Menschen, denn die hatte sie von Herzen gern. Sie mochte
die Vielfältigkeit des Menschlichen; so wandelte sie sich in große Menschen, in kleine
Menschen, dicke, dünne, schwarze und weiße. Einmal hatte sie einen Menschen mit Bart
gesehen, wir würden ihn Mann nennen, doch der Wolkenhexe waren Geschlechter fremd und
sie wusste mit solchen Begrifflichkeiten nichts anzufangen. Sie wandelte sich in diesen, denn
sie wollte wissen, ob es sich gar flauschig mochte anfühlen Haare im Gesicht zu tragen. Dann
sah sie einen Menschen mit einer dicken, knolligen Nase oder einen andern mit einer hohen,
piepsigen Stimme und all dies wollte auch die Wolkenhexe einmal tragen und ausprobieren,
ganz aus der Neugierde heraus. Sie wollte eben einfach wissen, wie das so ist. Ach, sie liebte
die Menschen so ob ihrer Vielfältigkeit; Schönheit wie sie es nannte!
Immer wenn sie ein Mensch zu besuchen gedachte, was da oft vorkam, denn Nimbu
kredenzte den herrlichsten Streuselkuchen und setzte hervorragenden Kaffee auf, dann
verwandelte sie sich in diesen, nachdem der wieder gegangen. So groß war ihre Neugierde die
Welt aus der Perspektive des Besuchs zu betrachten! So kam es, dass sie schon die
unterschiedlichsten Nasen, Ohren, Münder, Augen, Haarfarben, Körperformen und was sonst
noch getragen hatte. All das war ihr ein außerordentlicher Spaß! Doch endlich wandelte sie
sich doch wieder zurück in ihre eigene Gestalt, denn in der eignen Haut fühlt man sich eben
am wohlsten!
Beruflich war die Wolkenhexe, du magst es wohl schon ganz richtig erraten haben mein
Leser, o meine Leserin, für das Wetter zuständig. Sie arbeitete von ihrem Zuhause aus,
welches eine windschiefe Hütte mit einem rostigen Wetterhahn auf dem Dache, inmitten der
idyllischsten Berglandschaft gelegen. Ein grüner, saftiger Mischwald umgab ihr trautes Heim
und von ihrem Dach, auf dem die Hexe gerne verweilte, bot sich ein prächtiger Blick auf den
kristallklaren Bergsee, indem sich die mächtigen Gletscher der Bergspitzen zu spiegeln
vermochten. Von dorten beherrschte die Wolkenhexe mit ihren mächtigen Zaubern das Wetter
und sie vermochte es zu lenken, wie es ihr gefiel.
Nicht selten kamen die Menschen aus dem Tale, wo sie lebten, den beschwerlichen
Wanderweg herauf, um, neben Kaffee und Kuchen zu verspeisen, die Wolkenhexe zu bitten
für etwas Regen.
„Ach, liebe Nimbu!“, so sprach einst einer „Vermagst du es nicht ein wenig über den Feldern
regnen zu lassen? Das käme der Ernte sehr gelegen und so müsste kein Mann, keine Frau und
kein Kind bei uns im Tale Hunger leiden!“ Und da ließ es die Wolkenhexe über den Feldern
regnen und die Ernte war so ertragreich, dass die Menschen sogar etwas einzulagern hatten
für schlechte Zeiten.Dann kam ein andrer, der sprach: „Ach, liebe Wolkenhex`, lass es doch einmal wieder über
den Wald regnen, sodass die Bäume erstrahlen im schönsten Grün! Auch die Tiere sollen was
davon haben, denn ein grünes Blatt schmeckt dem Reh erst recht ganz prächtig!“
Da ließ sie es über dem Forst so sehr schütten, dass die Bäume im sattesten Grün leuchteten,
auf dass es eine wahre Freude war in diesem lustzuwandeln für Mensch und Tier.
Wieder kam ein Mensch den Pfad zu ihr gestapft und bat: „Ach, meine liebe Nimbostratus
Floccus-Nebulosus, Herrscherin der Wolken! Lass es bitte über den Brunnen im Tale regnen.
Sie sind beinahe leer und ein heißer Sommer steht doch an. Wir wollen nicht verdursten!“
Nimbu fühlte sich ob dieser würdigen Anrede sehr umschmeichelt und ward etwas verlegen.
Doch natürlich war sie auch gewillt es abermals regnen zu lassen.
Sie sprach den Zauber für die Regenwolken als immer korrekt aus, doch es wollt` nicht zu
regnen beginnen, keine Wolke bildete sich am Horizont; der Himmel blieb strahlend blau. Das
verdutzte Nimbu sehr, doch sprach sie den Zauber spornstreichs ein weitern Male aus.
Vergebens! „Donnerschlag und Hexenwerk! Das ist ja wie verwünscht! Es fällt nicht Hagel;
auch kein Tropfen! Nun, wird der Boden gar zu trocken!“, so murmelte sie.
Im Tal der Menschen breitete sich unterdessen Unruhe aus, der zum Tumult umzuschwenken
drohte. Die Wolkenhexe habe das Hexen verlernt, so hieß es. Und je leerer die Brunnen
wurden, desto abenteuerlicher die Erklärungsversuche. Die Hexe sei zu alt, sagte jemand, im
Alter werde man vergesslich und die hatte das Hexen nun mal vergessen. Also kam man mit
allerlei, bald aber auch mit sehr unnützem, Rat zur Hexe hinauf. Man frug sie, ob sie denn
auch genug Morgentau hatte verwendet für den Zauber. Nimbu bejahte dies. Dann mutmaßte
man, sie habe sich mit dem Wetterfrosch gestritten und der ihr darauf eine falsche Formel für
den Zauber hatte genannt. Nein, die Beziehungen zum Frosch waren bestens! Doch die
Menschen wussten es besser und sagten, Nimbu würde in letzter Zeit einfach zu wenig
schlafen und essen, ganz dünn wäre sie schon geworden! Einer meinte auch, es könne wohl
am Wetter liegen!
All diese „Ratschläge“ nervten die Wolkenhexe sehr und wenn sie ganz ehrlich zu sich wäre,
kränkte sie ihre eigene Ratlosigkeit sowie das Unvermögen zum Hexen gar in ihrem Stolz.
Vielleicht habe sie ja wirklich das Hexen verlernt? Es soll ja Vorfälle geben, da vergessen die
Menschen die einfachsten Dinge, wie das Schlucken oder so etwas. Wer könne da schon
sagen, dass Hexen nicht irgendwann einfach das Hexen verlernen? Und Nimbu war zum
ersten Mal in solch einer Situation. Doch nein, vielleicht müsste sie sich einfach ablenken.
Mal wieder etwas anderes zaubern als bloß das Wetter. Sie wollte sich in einen Menschen
verwandeln! Das bereitete ihr ja immer solch eine Freude. Monate waren bereits vergangen,
seit sie zuletzt einen Menschen gesehen, drum wollte sie aufbrechen zum Spazierfluge hinab
in das Tal, wo die Menschen lebten. Sie setzte sich also auf ihren rotgesprenkelten
Regenschirm und flog damit los, denn eine Wolkenhexe reitet auf einem Regenschirm anstelle
eines Besens, müsst ihr wissen. Zunächst flog sie über die Berge, aber was sah sie da! Die
Gletscher hatten sich ganz hinauf auf die Spitze zurückgezogen! Sie sagten der Hexe, sie
hätten Angst vor den Menschen und bald könnten sie sich nicht mehr halten und brächen zur
Lawine aus. Schockiert flog Nimbu weiter, bis hin zum See. Doch dieser war ganz ängstlich
flach geworden. Auch er fürchte sich vor den Menschen, so sagte er. Bald würden die Fische
in ihm sterben, eine solche Angst habe er. Was war hier los? Warum hatten alle Angst vor den
Menschen. Endlich erreichte die Wolkenhexe das Tal der Menschen, doch ei! was sah sie dort.
Die Menschen sahen vermehrt alle gleich aus! All die liebliche Vielfalt, die knolligen Nasen,
die schmalen Lippen, die Hasenscharten, Segelohren, Muttermale und sonstige Eigenheiten
waren verschwunden. Anstelle dieser sah sie kleine Nasen, volle Lippen, Rundungen des
Körpers an den Menschen ohne Bart und langes Haar; bei denen mit Bart schienen die Beine
erhöht und Muskeln zierten den Körper. Pfui, ein Mensch glich dem anderen! Hatten See und
Gletscher deswegen Angst vor ihnen?
Dann fiel ihr ein Schild vor einer Praxis ins Auge, auf dem stand:
„Nase, Brüste, Mund und Bein
Mach ich dir schnellstens alles fein“
~Dr. Esthetique, Chirurg des Schönen für Männer und Frauen
Eine Operation bereits ab 2000 Talern erhältlich!
Nun wusste die gute Nimbu aber nichts mit dieser Summe anzufangen. Geld war ihr zwar
nicht gänzlich fremd, sie wusste dass die Menschen es zum Handeln und Tauschen
gebrauchten, was dieser Betrag aber aussagte, ob er teuer war oder billig, das blieb ihr
schleierhaft. Jedoch schien dieser Arzt auch in der Gestaltwandlerkunst bewandert und
verkaufte seine Kräfte an die Willigen. Denkbar, so ersann Nimbu, dass die Menschen sich
deshalb immer ähnlicher geworden.
Kurzerhand steuerte sie eine Bank an, hielt vor dieser, schloss ihren Regenschirm an einem
Fahrradständer an und betrat die Geldhallen. Sie traf einen Menschen, der dorten arbeitete und
frug, ob denn 2000 Taler eine ansehnliche Summe sei. „Ei, ei, allerdings!“, begann dieser.
„Die Menschen sind kürzlich in den Bergen auf eine massive Goldader gestoßen. Diese wird
nun reichlich ausgebeutet. Wir Bewohner im Tale genießen dadurch nie gekannten
Wohlstand!“
Betroffen stapfte die Wolkenhexe wieder hinaus aus der Bank. Nun ward ihr aber einiges
bewusst. Ihre Wetterzauber vermochten nicht mehr zu wirken, da die Menschen das Gold aus
den Bergen raubten. Mutter Natur fürchtete um ihre Besitztümer! Für ihre Zauberkräfte
benötigte Nimbu das Wohlwollen der guten Mutter und da sie gerade beraubt, ist sie sehr
eingeschüchtert und zurückgezogen, wie Gletscher und See. Sie will auch ihre Kräfte mit
Nimbu nicht mehr teilen! Gold ist der Natur ganz besonders wertvoll. Daraus schöpft die
Natur am meisten Energie. Diese reine Form der Energie teilte sie immer mit der Wolkenhexe
für ihre Wetterzauber. Deswegen sind auch die Blitze gelb und glänzend, wie das Gold selbst.
Natürlich verwendet Nimbu nur ein ganz klein wenig dieser Energie, weshalb die Blitze
immer nur ganz kurz auftauchen. Doch die Menschen bauen das Gold für immer ab, tauschen
es ein gegen Geld und kaufen sich damit neue Nasen, Ohren und Münder! All die Schönheit
dahin! Ach, wo ist nur die Vielfalt geblieben! Ja, all diese Tatsachen betrübten Nimbu sehr.
Sie war regelrecht enttäuscht von dem Verhalten der Menschen. Doch vielleicht wussten diese
es nicht besser. Würden sie Einhalt gebieten und es künftig unterlassen die Natur zu berauben,
so könnte Nimbu auch wieder für Regen sorgen, denn die Brunnen trockneten unaufhörlich
weiter aus. Die Sonne brannte.
In der Stadthalle rief die Wolkenhexe alle Menschen aus dem Tale beisammen und
unterrichtete sie ob der Umstände und der Folgen des menschlichen Handelns. Viele ähnliche
Nasen saßen beieinander und wurden gerümpft, manch ein Schlauchmund ward ganz
verzogen und die angelegten Ohren, des ein oder andern Menschen, zuckten unwillkürlich.
Und manch ein Geist begriff gar die Notwendigkeit und forderte den Stopp des Goldabbaus.
Nimbu wähnte sich am Ziele. Ihr Herz ward ihr leicht, wie eine Wolke und sie begann wieder
zu lachen. Da erhob sich endlich ein Mensch aus einer der hinteren Reihen. Er hatte all das
Vorangegangene missbilligend beobachtet und war gänzlich anderer Meinung, denn er nahm
sich sehr wichtig. Er begann davon zu brabbeln, wie das Gold den Menschen im Tale einen
zuvor nie gekannten Wohlstand gebracht und dass sich ein jeder darauf einzustellen hätte, zu
den alten Umständen zurückzukehren, aber das könne doch niemand wirklich von ganzem
Herzen wollen. Da ging ein Raunen durch die Menge, denn die Worte eines wichtigenMenschen achteten die übrigen mehr denn denen einer Hexe. Es ertönten Sätze wie: „Das
stimmt! Ich kann mir jetzt die schönsten Dinge kaufen; da will ich nicht drauf verzichten!“
oder „Ganz recht! Mit der Motorkutsche bin ich nun in wenigen Minuten schon beim Markte
um die Ecke und das lästige Schleppen bleibt mir auch erspart! Ich will meinen Luxus nicht
missen!“ „Ich meine neue Aussteuer auch nicht!“ „Und erst recht nicht meine neue Nase und
die vollen Lippen. Ich bin so schön wie nie!“ Am Ende sagte eine Person sogar: „Meine
Kinder sehen es genauso.“ Und mit einem Mal hatte die Wolkenhexe alle Menschen im Tale
wider sich. Zufrieden rieb sich der Wichtigtuer mit seinen goldbesetzten Fingern den dicken
Bauch. Er riet Nimbu, sich einfach ein wenig Gold von den Menschen abzukaufen, wenn sie
es so bitter nötig hätte für ihre Hexerei. Schließlich stehe der Markt ein jeder Person gänzlich
offen und bot allen die gleichen Chancen. Die Wolkenhexe aber verstand nichts davon. Sie
verstand nichts vom Geld oder dem Markt, verstand die fehlende Einsicht der Menschen
nicht, was sie ganz besonders schmerzte, verstand nicht warum man ihr nicht zuhörte und so
vieles andere auch nicht. Außerdem hielt sie das alles für ungerecht. Sie kehrte um zu ihrem
Hause auf den Berg und unterdessen war ihr Unmut zum Zorne angewachsen. Und wie das so
ist, in rasender Wut, greift man da häufig zu einem Mittel, welches eigentlich zu viel des
Guten. Da geht es den Hexen nicht anders als uns Menschen. Aber sie war doch so wütend ob
der Leute im Tal. Da zauberte sie einen riesigen Wirbelsturm herbei, denn für Stürme brauchte
Nimbu nicht das Wohlwollen der Natur, nein in ihrer Wut, da nahm sie sich jedes Recht
einfach heraus. Diesen Orkan schickte sie hinab ins Tal zu den Menschen und der hinterließ
nichts als Not und Elend. Viele Menschen verloren Haus und Hof, andere gar ihr Leben oder
ihre Lieben. Von nun an galt die Wolkenhexe als Feind der Menschen. Man verbot ihr ins Tal
herabzukommen und niemand, kein Mensch, besuchte sie mehr. Auch nicht zu Kaffee und
Kuchen. Damit auch künftige Kinder es unterließen die Hexe aufzusuchen, erfand man
allerlei grausige Schauergeschichten über Hexen, die gerne Kinder fraßen.
So vereinsamte die Wolkenhexe zusehends immer mehr in ihrem Haus in den Bergen
begraben unter der Last ihrer Schuldgefühle. Häufig saß sie auf ihrem Dach, neben dem
Wetterhahn, und blickte um sich in die Berge aber auch ins für sie nun unerreichbare Tal. Sie
sah machtlos dabei zu, wie Seepegel und Gletscher sich zurückzogen und die Hitze nahm
immer weiter zu. Der Wald verlor sein Grün und der Boden ward staubtrocken. Immer mehr
glich sich die Natur einander an und auch hier schwand die Vielfalt zusehends dahin. An all
diesen Dingen erkannte Nimbu, dass die Goldgier der Menschen noch immer ungebrochen.
Schon bald würde alles auf der Welt ausgetrocknet. Dann würde alles sterben; Pflanzen, Tiere
und auch die Menschen selbst. Nimbu nicht, denn Hexen sind unsterblich. Aber sie haben
starke Gefühle und die Einsamkeit und die Schuld wurden Nimbu immer unerträglicher und
der Gedanke ganz allein auf einer staubigen Erde umherzuwandern war ihr grässlich. Dann
hätte sie nicht einmal mehr die Hoffnung auf einen unerwarteten Besuch, für den sie, damals
wie heute noch, jeden Tag frischen Kuchen hexte und Kaffee kochte. Aber bis jetzt ist der
nicht gekommen. Sie beschloss, wenn es so weit war, und keiner ihrer geliebten Menschen
mehr lebte, denn sie liebte sie trotz allem immer noch, sich in einen Stein zu wandeln. Denn
als Stein hat man keine Gefühle zu ertragen. Keine traurigen, aber auch keine fröhlichen. Und
wenn dies so weit wäre, gäbe sie ihre Hexkräfte ab und bliebe für immer ein Stein. Wer weiß?
Vielleicht hat die Wolkenhexe ja schon die Hoffnung aufgegeben und ist unlängst ein Stein
geworden? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht sollte man mal zu einem Besuch zu ihr
aufbrechen und mit ihr Kaffee und Kuchen speisen.
Ende
Wenn man an einem frühen Abend im Spätsommer so im Bett liegt und das ruhige Zimmer nachdenklich anstarrt, dann entgeht einem kaum das leiseste Geräusch. Gerade dann nicht, wenn man das Fenster, welches sich in der Nähe über dem Bett befindet, geöffnet hat, um die kühle Abendluft wie einen ersehnten Gast, der sich gerne verspätet oder gar nicht auftaucht, hineinzulassen. So erging es also R., welcher bloß da lag und von der einen Zimmerecke in die nächste schaute, so als würde sich der Grund oder Anlass seiner nachdenklichen, fast melancholischen Stimmung vor ihm in seinem eigenen Zimmer verstecken. An Schlaf war daher nicht zu denken. Nicht nur, weil es dazu noch viel zu früh war, sondern weil R. leise Stimmen von draußen vernahm, welcher immer lauter wurden. Sie waren nun ganz in der Nähe, den man konnte fast jedes Wort verstehen, nur die Anzahl der Personen erschien noch schwierig abzuschätzen. R. hörte aber kaum hin, auch wenn ihm die Stimmen durchaus bekannt vorkamen. Er hatte wenig Lust aufzustehen und nachzusehen. Wieso unterhält man sich
auch lautstark hier um diese Zeit? Das alles war noch hinzunehmen. Bis schließlich die Stimmen so nah waren, dass man meinen könnte, die Personen seien direkt unter dem Fenster. Zudem hörte er seinen Namen. R. stand also doch auf und schlenderte langsam
zum Fenster. Es war noch hell genug draußen, man konnte alles ohne das kalte Licht der Straßenlaternen erkennen. R. blickte also neugierig umher, konnte aber die Quelle der Gespräche nicht ausfindig machen, obwohl sie sich in der Nähe befand. Man musste sich entweder eng an die Hauswand gepresst haben oder aber man unterhielt sich frecherweise im toten Winkel seines Fensters. Zu weit wollte R. sich auch nicht aus dem Fenster lehnen, er rief deshalb: „Hallo! Ich höre wir unterhalten uns angeregt? Es spricht doch wohl nichts dagegen, wenn ich mich zu euch geselle. Gegenüber netten Gesprächen bin ich ja nicht abgeneigt.“ – „Einverstanden.“ ertönte es nach einer unangenehmen Pause. Dieses Wort wurde wie ein Stein zu ihm hoch geworfen. Der Tonfall änderte sich auch, fast so, als hätte man dieses Wort aus den ursprünglich belebten Gesprächen herausgerissen, zusammengedrückt, und R. als Leihgabe überlassen. „Also gut. Habt ein wenig Geduld, ich will gleich herauskommen“, sagte R.
und entfernte sich von dem Fenster. Aus diesem großzügigen gleich wurde allerdings ein zermürbendes später, denn er entstaubte erst seine Jacke, dann musste er den Schlüssel zu seiner Zimmertür finden, welchen er immer an anderen Stellen versteckte – R. verschloss aus unerfindlichen Gründen manchmal seine Zimmertür – und schließlich fiel er noch fast die Treppe hinunter, da ihm durch die plötzliche Eile schwindelig wurde.
Draußen angekommen fiel R. gleich auf, dass alle Gespräch verstummt waren und niemand mehr zu sehen war. Man wahr wohl schlagartig geflüchtet. Für wenige Minuten suchte R. noch die Stellen ab, bei denen er die Personen vermutete, ging dann aber wieder herein, da es inzwischen dämmerte „Kindergarten, nichts weiter.“, murmelte R. noch und ging langsam die Treppe hoch, der alte und bekannte Weg zu seinem Zimmer erschien ihm wie eine beschwerliche Heimreise. Dort angekommen hörte er, dass die Gespräche draußen fortgesetzt wurden. „Wo seid ihr denn? Haben wir uns verpasst?“,
rief R. erneut aus dem Fenster. Auch wenn ihm das Gefühl beschlich, dass diese Fragen sowieso nicht ehrlich beantwortet werden, so musste er doch schließlich fragen, denn merkwürdig war es schon, dass die Personen plötzlich wieder da waren und wieder miteinander sprachen. Doch er bekam keine Antwort. R. eilte also wieder nach draußen, wieder war niemand vorzufinden. Diese Prozedur wiederholte sich mehrere unangenehme Male, bis R. endgültig das Fenster schloss, um die Stimmen nicht mehr zu hören. Das Fenster blieb geschlossen.
Für immer.
Pawel sinkt ein, mit dem Hinterkopf, die Brust noch zu sehen, die schwarzen
Haare vorstehend, gleiten seine Hände in die Tiefe, ziehen stille Kreise auf der
Oberfläche des Sees. Steine vom Grund drücken sich in meine Fußsohlen hinein,
als ich ein Stückchen zu ihm rüber gehe, neidisch darauf wie er treibt, so
anstrengungslos auf dem Rücken, anders als ich, kämpfend, um an der
Oberfläche zu bleiben, obwohl ich doch stehe, jede Bewegung so laut, so
unförmig. Die spitzen Felsen an der Steinwand hinter uns wirken abgekühlt vom
Schatten, sie scheinen noch kühler als das Wasser, als wäre es lange her, dass
einmal Sommer war, als hätten sie die Hitze ignoriert, wollten sie sie nicht
anerkennen, sie verneinen. Auch Pawel sieht kühl aus, obwohl er die
Sonnenstrahlen mit jeder Bewegung auf seiner Haut umherstreifen lässt, sie
einfängt und zu seinen macht. Er lässt es so leicht aussehen.
Meine Muttermale wollte ich am liebsten ausschneiden oder abkratzen; ich wollte
sie immer irgendwie loswerden, wenn ich sie auf mir entdeckte; sie sahen aus, als
hätte sie jemand wahllos draufgedrückt und standen von meiner Haut ab,
überschüssig und unförmig. Bei Pawel war es anders: Seine Muttermale wollte ich
fotografieren, ich wollte sie auf Papier übertragen, darüber schreiben, sie zu
meinen machen – ich konnte sie einfach stundenlang anschauen, wie sie seinen
Oberarm, seine Brust und seine Schulter sprenkelten und sich kleine Felder,
kleine Länder auf seiner Haut bildeten und ich stellte mir vor ich hätte sie auch
auf mir. Wenn ich an seine Muttermale denke, sehe ich Pawel vor mir, als wir
zusammen im Freibad waren, genauer gesagt vorher, unter der Dusche, als ihm
das Wasser über die Haut rann und sich seine Knochen, die aus der blassen Haut
hervorragten, dem Rhythmus der prasselnden Tropfen beugten. Eiskalt schien es
mir, als das Wasser von meinen zitternden Knien tropfte und sich in den Rillen
zwischen den türkisblauen Fliesen sammelte, aber ich versuchte mir nichts
anmerken zu lassen, nicht so wie Pawel, der noch stärker zitterte, seinen ganzen
Mund volllaufen ließ, es wieder ausspuckte, „Endlich fertig?“ rief, sich schüttelteund mich erwartungsvoll anlächelte. Schon längst war ich fertig gewesen. Aber ich wollte gar nicht aus der Dusche raus; lieber hätte ich mich weiter besprenkeln lassen und ihn weiter angeschaut, als Pawel jedoch sein Shampoo und sein Handtuch nahm und auf Zehenspitzen aus der Gemeinschaftsdusche tappte, stellte ich das Wasser ab und eilte hinterher.
Die Wiese des Freibads war gefüllt wie ein Wimmelbild – es war nachmittags in
den Sommerferien und seit Tagen unerträglich heiß; Kinder rannten herum,
brüllten in schrillen Tönen und auf der Wiese wurden duftende Pommes
gegessen, Karten gespielt, geraucht, irgendwo auch gekifft, und wir gingen weit
nach hinten; halb im Schatten einer Kastanie konnten wir uns aussuchen, ob wir
der Sonne erliegen wollten oder nicht.
Pawel legte sein Handtuch auf den Boden, schon lief er über die Wiese in
Richtung des Beckens, ging einige Schritte, bis er merkte, dass ich nicht mitkam
und drehte sich verwundert zu mir: „Was ist?“
„Geh du schon mal“, meinte ich zu ihm, „ich komm gleich nach“, überlegend wie
ich das Schwimmbecken erst mal so lange wie möglich vermeiden könnte.
Ich legte mein Handtuch neben seines und setzte mich drauf, roch die frisch
geschnittene Wiese und starrte Pawel hinterher, seinem Rücken in der weich
geschliffenen Form eines Ys. Als er im Wasser untergetaucht war, legte ich mich
auf den Bauch, schloss die Augen und überlegte – Pawel wollte nochmal mit mir
reden, in Ruhe, das hatte er ein paar Tage vorher zu mir gesagt, betrunken; ich
wusste nicht wann für ihn Ruhe war und dachte nicht weiter drüber nach.
Plötzlich spürte ich kalte Tropfen auf meinem Nacken, zuckte zusammen, wollte
am liebsten aufschreien, tat es nicht, drehte mich um, schaute Pawel zur Strafe
scharf an und spürte die Nachwehen seines Bades im Chlor in meine Nase
strömen, die seinen vertrauten Geruch fast komplett verdrängt hatten.
„Ich hab‘ Hunger“, meinte ich und setzte mich auf, seinen fragenden Blicken
ausweichend.
„Willst du nicht erst reinkommen?“„Ne, das ist mir zu voll.“
„Ich glaube nicht, dass es heute noch viel leerer wird“, meinte Pawel und zog die
Augenbrauen hoch.
„Das ist schlecht“, sagte ich schulterzuckend und Pawel musste lachen und ich
auch.
Wir hatten uns eine Pommes geteilt, ich hatte um die vier Stück gegessen, der
Rest ging in Pawel; wir hatten in der Sonne gelegen und Pawel hatte von dem
Haus seiner Tante, auf das er gerade aufpasste und wo er im Garten die Blumen
goss, erzählt. Wir hatten Tischtennis auf einer zerkratzten, blauen Platte gespielt,
mit kleinen Jungs um uns herum, die uns angefeuert hatten und lagen wieder auf
den ausgebreiteten Handtüchern.
„Mir ist sooo warm“, sagte Pawel, ich reagierte nicht.
„Ich muss auf jeden Fall nochmal ins Wasser. Und du kommst dieses Mal mit, ich
kann nicht wieder allein durch die ganzen Kinder schwimmen, was denken die
denn von mir.“
Er rupfte ein paar Grashalme aus der Wiese und warf sie auf meine Schulter; ich
wischte sie weg, war nicht sicher, ob er mich durchschaut hatte und stand
schwerfällig auf. Die Sonne hatte mich träge gemacht; ich suchte das
Schwimmbecken nach einem Einstieg ab, rechts am Rand gab es eine längs-
gezogene Treppe; fernab der Bojen, die das Schwimmer-Abteil abgrenzten, konnte man ins Wasser gehen und musste nicht springen oder klettern.
Ich setzte einen Fuß ins Wasser, angewärmt von der Sonne und den Körpern der
Menschen – „Locker“, dachte ich, „gar kein Problem“, und schaute mich um:
planschende Kinder rechts neben mir, zwei Mädchen die sich einen Ball zuwarfen, Schnorchel von Taucherbrillen, die aus dem Wasser hinausragten – Schritt für Schritt geriet ich tiefer hinein, bis zum schlimmsten Punkt, der Hüfte, wartete auf Pawel und er stand hinter mir, haute mit der flachen Hand auf die
Wasseroberfläche und bespritzte meinen Rücken; ich zuckte zusammen und er
tauchte unter, schwamm einen Zug mit geöffneten Armen und tauchte neben mirwieder auf. Wir standen kurz vor der Kante, an der es runterging, als Pawel mich dann schubste und ich nach vorne fiel, wie ein Käfer, der in eine Pfütze geriet, mit meinen Armen herum fuchtelte, um mich schlug, versuchte mich irgendwie an der Oberfläche zu halten und dann Pawels Arme um mich herum spürte – ich schlug zu, fest, merkte, dass ich seinen Hals traf, löste mich von ihm, ging fast unter, prustete angesammeltes Wasser aus meinem Mund, immer noch mit beiden Armen fuchtelnd, gelangte mit einem Fuß wieder auf die Kante und zog den anderen schwankend nach, stapfte mit unbeholfenen Schritten aus dem Becken und mit gesenktem Kopf zu meinem Handtuch. Ich trat gegen Pawels Rucksack, spürte die dicke Ader an meinem Hals anschwellen und mein Gesicht rot und heiß werden, packte mein Handtuch, mein T-Shirt und meinen Schlüssel in meinen Beutel, schnürte hektisch meine Schuhe zu und lief zu den Fahrradständern.
Dass Pawel mir hinterhergekommen war, merkte ich erst als ich schon einige
Hundert Meter gefahren war. Er hielt etwas Abstand, ich sah ihn auf seinem
Fahrrad ein Stückchen hinter mir, als ich mich kurz umdrehte, auf der ewig
langen Straße mit den gleichfarbigen Reihenhäusern, schaute sofort wieder nach
vorne und trat fester in die Pedale, um es ihm nicht so leicht zu machen, mich
einzuholen. An der Steigung des Berges hatte er es dann geschafft; wir fuhren
nebeneinander, ohne ein Wort zu sagen und strampelten immer schwerfälliger.
Schweiß triefte an unseren Gesichtern herunter und der Asphalt schimmerte von
der Hitze; der Berg erschien endlos, ein grauer Brocken, verziert mit
übernatürlich groß scheinenden Bäumen an jeder Seite. Als wir auf dem höchsten Punkt ankamen, warf ich mein Fahrrad ins Gras am Straßenrand und legte mich auf den glühenden Asphalt. Ich spürte wie die Hitze sich von oben auf mich legte, wie sie mich umhüllte und verkochte – Pawel legte sich neben mich und wir schauten in den wolkenfreien Himmel, mitten auf der Straße, umringt von den gelb getupften Feldern. Ich stellte mir vor, wie ich mit den Armen die Blüten des Raps streifte, die getrocknete Erde unter meinen Fußsohlen spürte, den Geruchder Blüten tief einatmete und immer weiter reinlief, bis ich irgendwann verschwand –.
Reifen quietschten und irgendein Typ kurbelte das Fenster seines Autos herunter, schrie ob wir den Verstand verloren hätten, einfach so auf der Straße zu liegen, auch noch auf der Anhöhe – und der Mann stand direkt vor uns, über uns
gebeugt, und Pawel und ich mussten anfangen zu lachen, laut, kriegten uns nicht
mehr ein, schnappten die Fahrräder aus dem Gras, sprangen auf die Sattel und
ließen uns den Berg runter rollen, bis Pawel aufhörte zu lachen und sagte: „Wer
länger freihändig kann“, die Arme von seinem Lenker nahm, kurz die Augen
schloss und mich bestimmt anschaute. Ich löste auch die Hände von meinem
Lenkrad und warf sie in die Luft, ausgetrocknet, euphorisiert von der Hitze,
rollten wir den Abhang herunter, ließen alles uns vorbeiziehen, den Mann und
sein bescheuertes Auto, die Felder, die Bäume und das, was im Schwimmbad
passiert war. Wir glitten durch die Luft, durch die Allee, bogen in den Feldweg ab
und kamen in den Wald; ich nahm den Geruch der erhitzen Blätter und die
zirpenden Ausrufe der Vögel wahr, intensiv, tief in mir, obwohl ich doch auch
nichts wahrnahm, Pawel rief „Hör auf, du hast gewonnen, hör auf“, ich hörte nicht hin und schloss die Augen, ließ die Räder einfach weiter rollen, bis sie irgendwann austrudelten und wir an die Lichtung mit den Abzweigen kamen, an der sich unsere Wege nach Hause trennten.
Ich stehe auf dem Tisch. Bewegungslos verharre ich hier, unfähig, etwas von alleine zu tun.
Auf dem Boden liegt ein Mann. Im Gegensatz zu mir bewegt er sich ziemlich viel. Er zuckt und wälzt sich hin und her. Er ringt nach Luft, sein Atem ist pfeifend, und er hat Schmerzen. Sie zeichnen sich deutlich auf seinem Gesicht ab.
Ich würde ihm gerne helfen, doch ich kann mich nicht bewegen.
Kann nichts tun.
Ich stehe nur da und spüre den Sonnenschein. Diese Wärme voller Leben, während er auf dem Boden liegt und das Leben ihn mit jeder Zuckung verlässt.
Ich kann ihn nicht retten.
Ich kann nicht einmal seine Schmerzen lindern.
Noch einmal bäumt er sich in einem Krampf auf, dann wird das Zucken langsamer und weniger.
Sein Atem kommt nur noch leise röchelnd aus seinem Mund.
Dann liegt er still.
Ich denke schon, dass es vorbei ist, da zuckt er noch einmal zusammen, reißt die Augen auf und spricht mit lauter, klarer Stimme:
„Simon, ich verfluche dich! Du sollst leiden, bis dir vergeben wird!“
Dann bricht er zusammen und rührt sich nicht mehr.
Seine Augen stehen halb offen, und alles Leben ist aus ihnen gewichen.
Ich stehe weiter reglos da.
Ich fühle mich schuldig an seinem Tod. Schließlich war ich es, von dem er das tödliche Gift erhalten hatte.
Doch was hätte ich tun können? Ich bin doch nur ein ganz normales Wasserglas.
Die Sonne scheint immer noch und ich merke, wie der Rest der giftigen Flüssigkeit an meinem Boden festtrocknet.
Ich hoffe, sie werden ihn bald finden. Und ich hoffe, sie werden auch mich beachten.
Denn Simon hat einen großen Fehler gemacht. Er hat mich angefasst, und ich werde seinen Fingerabdruck bewahren, bis sie kommen.
Ich werde meinen Teil dazu beitragen, den Mörder zu fangen.
Und dann wird sich der Fluch erfüllen.
Ich bin mir ganz sicher, denn ein im Tode gesprochener Fluch wird sich immer erfüllen.
So getröstet stehe ich da, bis die Sonne untergeht.
Dann öffnet sich die Tür.
Voller Hoffnung warte ich darauf, dass jemand kommt und den Toten findet.
Doch dann ist es Simon, der den Raum betritt.
Er hebt mich hoch und trägt mich zur Spülmaschine.
Ich erhasche einen letzten Blick auf den Toten, bevor sich die Klappe schließt.
Die Tür klappert. Simon ist weg.
Die Spülmaschine erwacht zum Leben.
Ich spüre den ersten Wassertropfen, der droht, den Fingerabdruck wegzuspülen.
Plötzlich hört das Wasser auf.
Stille.
Der Fingerabdruck ist noch da.
Das Gift ist noch da.
Der Fluch wird sich erfüllen.