Der Augenblick, in dem die Welt stillstand: Nerastro
Es war einer dieser Morgen im Juli 2023, die sich anfühlten wie eine endlose Wiederholung, ein klassischer Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Morgen. Pünktlich um 5:30 Uhr vollzog ich den gewohnten Augenlideraufschlag, gefolgt von dem fast schon rituellen, unbeholfenen Griff zum Handy. Die Maschine rollte an, noch bevor mein Verstand überhaupt richtig im Hier und Jetzt angekommen war.
Zuerst war da TikTok: Ein endloser Strom aus aufgepumpten Pumpern, halbnackten Menschen und coolen Tänzern. Dazwischen flimmerten meine liebsten Bekannten und Verwandte über den Screen, gefolgt von dubiosen Gestalten, die mir hochheilig versprachen, mich innerhalb von nur 4,38 Sekunden zum Internet-Star zu machen – vorausgesetzt, ich würde 17 ihrer Videos ansehen und 5,00 € investieren. Wie immer warf ich einen Blick auf deren eigene Follower-Zahlen: 17! Alles klar, dachte ich mir sarkastisch, diesem Angebot kann ich wahrlich kaum widerstehen.
Es ging weiter in der digitalen Tretmühle. Instagram: schon wieder aufgepumpte Pumper, halbnackte Menschen… Dann Facebook: schon wieder aufgepumpte Pumper, halbnackte Menschen… Dann Twitter… Und schließlich Telegram, wo es endlich mal eine Abwechslung gab: aufgepumpte Pumper und halbnackte Menschen. Selbst WhatsApp war voll von einer Unmenge an… nun ja, ihr wisst schon. Also weg damit!
Doch ganz weg war es dann doch nicht. Im WhatsApp-Status einer Freundin brannte sich plötzlich eine Nachricht durch meine Netzhaut direkt an die Innenseite meiner hinteren Schädelplatte, ein Text, der alles andere augenblicklich verstummen ließ: „NERASTRO/GERRY: Rüde, Border Collie Mix, 4 Monate, unvermittelt, stammt aus Italien, Tier-Nr. 4861.“
4-8-6-1. Mein Gehirn begann sofort zu arbeiten. Die Quersumme ist 19, deren Quersumme wiederum die 10 und daraus die Quersumme ist die 1. Das war also schon mal die Numero UNO. Und dann dieses Datum: 4.8.61. Es ist das Geburtsdatum von Barack Obama, einem Politiker und Menschen, den sehr achte.
Machen wir weiter mit dem Matheunterricht, der sich wie von Geisterhand selbstständig in meinen Kopf drängte: 4 minus 8 ist gleich minus 4, und minus 4 plus 6 ergibt plus 2, und plus 2 minus 1 ist gleich plus 1… und schon wieder stand da die Numero UNO. Wenn das nicht genug Zeichen waren, dann wusste ich es auch nicht mehr.
Ich saß dort in der Stille meines Zimmers und begriff, dass ich wohl entweder einen ganz schwachen Morgen erwischt hatte, oder aber es war der stärkste, den ich je in meinem Leben hatte. Ich? Einen Hund? Ich, der ich gerade selbst gehbehindert im Wiederaufforstungsverfahren für alte Herrenbäume steckte? Ich überlegte kurz, mein Herz klopfte spürbar schneller, und ich las weiter: „Heute erreichen uns drei Notfälle, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Die kleinen Welpen sind gerade mal um die 8 Wochen alt (Stand Mai 2023) und es droht ihnen das Canile-Lager. Rosalba tut vor Ort alles, um eine vorübergehende Bleibe für die drei zuckersüßen Welpen zu finden. Doch eine Dauerlösung wäre das sicherlich nicht.“
Tja, was soll man da machen? Wer kann schon bei diesen Schlüsselwörtern – Notfall, Hilfe, Welpe, zuckersüß – und überhaupt einfach aufhören, darüber nachzudenken? Zudem kam dieser Hilferuf von einer guten Freundin. Also dachte ich nicht lange darüber nach, ob ich nun mein Herz verliere oder nicht. Trotz der „Gefahr“, dass mir das Öffnen der Fotos die Birne, die Seele und das Herz endgültig weichmachen würde, tat ich es. Ich klickte.
Natürlich war ich in der Zwischenzeit vollends wach. In einer gewissen emotionalen Überforderung habe ich erst einmal wieder konsequent alle Social-Media-Apps gelöscht – das muss man manchmal einfach tun, um so richtig zur Ruhe zu kommen, nur um sie dann abends wahrscheinlich schnell wieder zu installieren, weil man ja doch etwas verpassen könnte. Aber mein Fokus lag nun woanders. Ich las die Details: „Daher suchen wir dringend eine neue Bleibe für das Bübchen Nerastro (schwärzlich) und seine beiden Schwestern Calzini (Socke) und Stivaletti (Stiefelchen). Aktuell haben die drei die Räude, gegen die sie natürlich behandelt werden. Impfung, Wurmkur, Chippen, alles steht auf dem Programm.“
Ein schwerer Seufzer entwich mir. Uff, ja, klar. Was will man auch anderes erwarten bei den Zuständen an so vielen Orten dieser Welt, an denen der Tierschutz buchstäblich mit Füßen getreten wird? Räude – ja, das schaffen die Kleinen, dachte ich mir trotzig. Und Leishmaniose, diese tückische Mittelmeerkrankheit? Darum soll sich dann eben der Tierarzt kümmern, wenn es so weit ist.
Die Nachricht endete mit einer Verheißung: Sobald als möglich kann Nerastro ausreisen und als Welpe Ihr Leben im positiven Sinne auf den Kopf stellen. Er möchte lernen, wie das Leben in Haus und Familie so läuft. Da stand der Appell, der mich mitten ins Mark traf: Bitte helfen Sie mit, dass die kleinen Geschwister ein erfülltes Leben mit Zukunft vor sich haben und nicht im Zwinger vor sich hin leiden müssen. Auch Freunde und Bekannte fragen und das Teilen der Nachricht hilft, die passenden Interessenten zu finden. Gemeinsam für die kleinen Pfoten!
In diesem Moment, während die Sonne langsam draußen aufging, wusste ich, dass die Suche nach den passenden Interessenten für Nerastro genau hier, in diesem Bett, bei diesem gehbehinderten „Herrenbaum“, bereits ihr Ende gefunden hatte. Mein Leben würde auf den Kopf gestellt werden, und ich konnte es kaum erwarten.