Neue Einblicke in Schang Hutters Schaffen

Wie Sohn David Hutter den künstlerischen Nachlass seines berühmten Vaters verwaltet.

Denise Donatsch

Schang Hutters filigrane Skulpturen zieren die Berliner Beusselbrücke, den Place du Marché in Montreux und viele andere Orte im öffentlichen Raum. Unverkennbar sind seine langgezogenen, dünnen, menschenähnlichen Figuren. Manche von ihnen stehen seit Jahrzehnten in der Kantonsschule in Olten. 

Ein 1996 geschaffenes Werk des weit herumgekommenen Solothurner Künstlers erregte 1998 besonders viel Aufmerksamkeit in der Schweizer Bevölkerung und über die Grenzen hinaus: ein eiserner Klotz mit dem Titel «Shoah» – ein Mahnmal an die fürchterlichen Gräueltaten der Nationalsozialisten. Die Kantenlänge des Würfels: 1,56 Meter. So viel misst der Abstand der Schienen, auf welchen die Deportationszüge in die Konzentrationslager fuhren.

Leben in einer eigenen Welt

Besondere Aufmerksamkeit erhielt Hutter für dieses Werk, als er es nicht an den dafür vorgesehenen Ort vor dem Bundeshaus stellen liess, sondern leicht abweichend, genau in die Mitte des Haupteinganges. Hutter wollte, dass sich die Politiker und Politikerinnen jedes Mal beim Betreten und Verlassen des Parlamentsgebäudes daran erinnern, was die Politik im schlimmsten Fall anrichten kann. Damit war auch klar, dass der Künstler bei seinem Schaffen nicht nur Wert auf die Ästhetik legte, sondern mit seinen Werken stets auch eine politische Aussage machen wollte.

Der 1934 in Solothurn geborene gelernte Steinbildhauer verstarb im Juni 2021 im Alter von 86 Jahren. Am Freitag wird im Solothurner Künstlerhaus S11 nun die erste Ausstellung eröffnet, an welcher der Künstler weder bei den Vorbereitungen noch in einer anderen Funktion beteiligt war. In dieser Ausstellung wird der Künstler durch die von ihm im Jahr 2017 gegründete Schang Hutter AG vertreten, unter der Führung von David Hutter – Verwaltungsrat mit Funktion des Nachlassverwalters des Verstorbenen. «In der Kunst spiele ich keine Rolle», erklärt David Hutter, «ich schaue, dass zu den Figuren geschaut wird.» Die familiäre Verbindung ist für den Sohn unwichtig. Schang Hutter lebte in seiner eigenen Welt und stand immer irgendwie vor einer ungelösten Aufgabe: dem Schaffen der nächsten Figur. «Seine inneren Ziele haben seinen Lebensweg bestimmt», besinnt sich der 1964 geborene Sohn. Durch viele Hilfestellungen über lange Zeit entstand ein Vertrauensverhältnis, welches Schang Hutter ermöglichte, sich über wichtige Angelegenheiten mit David Hutter auszutauschen. 

Zwei Fragen bewegten David Hutter nach dem Tod des Künstlers in besonderem Masse: «Was von allem, das Schang Hutter aufgebaut hat, kann ich weiterführen?» Und: «Wo ist der Platz für Schang Hutters Kunst in dieser Welt?» Die anstehende Ausstellung ist nun ein erster Schritt und wird, so hofft er, auch zum Wegweiser. Im Vorfeld der Ausstellung trafen sich Yvonne Nartey und David Hutter, Vertretende der Schang Hutter AG, sowie Anna Bürkli, Noé Herzog und Martin Rohde, Vertretende des Künstlerhauses S11. Gemeinsam wurde während mehrerer Treffen ein Konzept erstellt, überdacht, geändert, verworfen und wieder neu erstellt. Fest stand: Die Arbeit an der Ausstellung unter Kuration von Martin Rohde und Anna Bürkli soll gefallen, und die Besuchenden sollen etwas für sich mitnehmen können. 

Beim Thema Einblicke in die Ateliersituation wurde bald klar, dass die in Schang Hutters letztem Atelier gefundenen Fotografien eine wichtige Rolle spielen. Von Leonardo Bezzola aufgenommene Bilder zeigen Einblicke in Arbeitsprozesse und Ateliersituationen, die für den Eigenbedarf des Künstlers bestimmt waren und nicht für die Präsentation in einer Fotoausstellung gemacht wurden.

Führung zu Werken in Solothurn

Martin Rohde befasste sich mit Schang Hutters prägender Werkschau in Berlin Ost, Solothurn und Paris in den Jahren 1989 und 1990. «Es gibt also eine Ausstellung über eine Ausstellung», so David Hutter. Anna Bürkli wird eine Führung machen, zu Werken von Schang Hutter, die im Raum Solothurn zu sehen sind. «Wir wollen mit der Ausstellung auch ein Signal senden: Schang Hutter gibt es noch, mit seiner Kunst passiert etwas – manche Künstler bleiben präsent, auch wenn sie tot sind.»

Schon bevor die Ausstellung in Solothurn die Tore öffnet, ist die Resonanz auf das Schaffen von Schang Hutter sehr erfreulich. «Was ich mir ursprünglich von der Ausstellung erhofft habe, ist bereits passiert.» Für das Jahr 2024 – Schang Hutters 90. Geburtstag – sind bereits Ausstellungen und Events geplant.

David Hutters Hauptanliegen für die Zukunft hat jedoch einen anderen Schwerpunkt. Es geht um die Zukunft des Werks und der AG, die mit der Zeit wohl in eine andere Organisationsform übergehen wird. «Für mich ist es wichtig, dass die Figuren von Schang Hutter ein Daheim finden, einen Ort, wo sie sein können und für Ausstellungen gefunden werden.»