Die Wurzeln des Taijiquan finden sich in der Geschichte der chinesischen Kultur. Schon seit langer Zeit übten sich Chinesen in Kampfkunst, seit dem 17. Jahrhundert finden sich auch erste schriftliche Hinweise auf eine Einteilung in »innere« und »äußere« Kampfkünste. So heißt es zum Beispiel bei dem Gelehrten Wang Lizhou (1610 – 1695), der am Ende der Ming- und Anfang der Qing-Dynastie lebte: »Es gibt nun die so genannte innere Kampfkunst, welche dem Angriff mit Ruhe begegnet. Der Gegner wurde meist bei der ersten Berührung der Hände zu Boden geworfen. Das ist anders als bei der harten, äußeren Schule der Shaolin.«
Die inneren Kampfkünste sind sicherlich aus den äußeren Kampfkünsten hervorgegangen. In dem »Klassiker der Kampfkunst« des Generals Qi Jiguang (1528 – 1587) wird eine große Anzahl an verschiedenen Kampfkunstschulen der Song- und der Ming-Zeit genannt (Taijiquan war nicht darunter). Qi Jiguang erlernte diese verschiedenen Kampfkünste und verschmolz sie zu einem neuen System. In seinen Aufzeichnungen verwendet Qi Jiguang zwar keine Bezeichnungen wie »innere« oder »äußere Schule«, aber 25 Namen seiner Po- sitionen wie zum Beispiel »Einfache Peitsche« finden sich auch in den Taijiquan- Formen der Familie Chen. Damit ist der Stil Qi Jiguangs sicherlich einer der Vorläufer des Taijiquan.
Einer der herausragenden Unterschiede zwischen den inneren und den äußeren Schulen ist die Favorisierung der weichen Strategie. So findet man etwa bei Chang Naizhou, der während der Qing-Long-Periode (1736 – 1795) eine heute fast verlorene innere Kampfkunst übte, folgende Stelle: »Es ist auch wichtig, keine Kraft zu verwenden und vielmehr alle Stellungen natürlich und langsam in runden, tanzgleichen Bewegungen auszuführen. Koordiniere den ganzen Körper in ein vereinigtes Ganzes und lasse ihn leicht, lebendig und vollkommen werden. Wo immer Steifheit und Ungelenkigkeit sind, löse sie Schritt für Schritt durch die Stellungen auf. Wenn du die Haltungen übst, entspanne dich und öffne alle Gelenke deines Körpers.« Man erkennt hier deutlich eine Sprache, wie sie auch in der Taijiquan-Theorie verwendet wird. Die Taijiquan-Theorie ist also nicht aus sich heraus entstanden, sondern hat ihre Vorläufer in den inneren Kampfkünsten. So zeigt sich letztendlich, dass über den Weg der äußeren Kampfkünste hin zu den inneren Kampfkünsten die Grundlage für die Entstehung des Taiji- quan gebildet wurde.
Die philosophischen Wurzeln
Die philosophischen Wurzeln liegen im Taoismus, der Lehre des Tao (Weg), und gehen auf Laotses Schrift, das Tao Te King, zurück. Das Tai-Chi-Symbol ist das Yin-und-Yang Zeichen und steht für das Dualismusprinzip. Hauptaspekte des Tai Chi Chuan sind Gesundheit, Meditation (Konzentration) und Kampfkunst. Die Übungen haben zum Ziel, Körper und Geist ins Gleichgewicht zu bringen. Die Bewegungen sind so konzipiert, dass eine gute Körperstatik durch Optimierung der Gelenkstellungen erreicht wird. So wird eine gute Körperstatik hergestellt, was der Muskulatur ermöglicht, ihre Aufgaben optimal zu erfüllen. Das begünstigt die Entspannungsfähigkeit des Körpers und des Geistes. Im Laufe der Zeit wird die Atmung vertieft- die Atemzüge werden ruhiger und länger- der Geist kann sich beruhigen und sammeln.
Die Legende
schreibt die Erschaffung des Tai Chi Chuan einem Zhang San Feng zu. Er sei 1274 geboren, soll während der Yuan- und der Ming-Dynastie gelebt haben und im Alter von 110 Jahren gestorben sein. In jungen Jahren war Zhang San Feng ein konfuzianischer Gelehrter, aber nach dem Tode seiner Eltern wurde er daoistischer Mönch. Nach vielen Jahren der Wanderschaft, während der er Hunger und Kälte trotzte, zog er sich als Eremit in die Wudang-Berge zurück. Dort vertiefte er sich in Studien des Daoismus, der Astrologie und der Alchimie. Vor seiner Hütte soll Zhang San Feng einen Kampf zwischen einer Schlange und einer Elster beobachtet haben. Die Schlange wich den Angriffen des Vogels mit kreisförmigen Bewegungen aus und die Attacken gingen ins Leere. Nach einiger Zeit zog sich der erschöpfte Vogel zurück. Beeindruckt vom Sieg der Schlange durch ihre Weichheit und Geschmeidigkeit soll Zhang San Feng dann das Tai Chi Chuan nach dem Prinzip des Wechsels von Yin und Yang erschaffen haben. Dieser Teil der Legende kann durch historische Quellen nicht bestätigt werden. So findet man etwa in der »Dynastie-Geschichte der Ming« die Biographie eines Zhang San Feng, aber keinen Anhaltspunkt dafür, dass dieser der Begründer einer neuen Kampfkunst gewesen wäre. Trotz- dem wurde Zhang San Feng zum Patron des Tai Chi Chuan.
Tai Chi vor Zhang San Feng
Allgemein – in der Chen-Linie – gilt Zhang San Feng als Begründer des Tai Chi, der in vielen Schriften angegeben wird, obwohl in der Chen-Familie CHEN WANG TING als Gründer genannt wird. Wie dem auch sei, vor Zhang San Feng und Chen Wang Ting gab es bereits Meister, die Tai Chi oder Vorformen von Tai Chi, bzw. „Tai Chi-artige Systeme“ unterrichteten. So soll in der Tang Dynastie (618-905 n.Chr.) ein Meister Hsa Suan Ming gelebt haben, der „san shi qi quan“ unterrichtete, eine der Chen-Schule verwandte Richtung. Ebenfalls in der Tang Dynastie lebte Li Tao Zi, der „xian tian quan“, eine Langfaustform unterrichtete, die er an seinen Schüler Yu Lien Chu weitergab. In der Liang Dynastie (907-921) soll Hen Kung Yue die „xiao qiu tian“-Schule entwickelt haben, die er an seinen Schüler Chen Mee weitergab. Vor kurzem wurde bekannt, daß in Amerika noch Lehrer dieser alten Schule existieren und sie auch heute noch unterrichten. Sie ist heute gepaart mit Chen-Tai Chi und Qi Gong Formen, die bekannt für ihre Bruchteste sind. Hu Chin Zi entwickelte eine Schule die man „hu tian fa“ nannte und die dem Yang-Stil ähnelte.