Multihalle

denken.forschen.entwickeln

Multihalle Mannheim

Eine Ikone für Mut, Visionen und Nachhaltigkeit und einem eutopistischen Zukunfstverständnis als Open-Government-Labor


FREI OTTO UND DIE MULTIHALLE MANNHEIM VON OLIVER AUGST - Eine Produktion von zeitraumexit im Auftrag und in Kooperation mit dem Dezernat IV der Stadt Mannheim 2018. *weitere Informationen zum Audiowalk am Seitenende.

Frei Otto

"Architektur kann Menschen töten. Nicht nur wenn Gebäude einfallen, also faktisch töten. Sondern auch durch menschliches Nicht-gut-sein. Architektur ist multilateral – sie muss auch seelisch gut sein"


Oliver Rack

"Die Mannheimer Multihalle ist nach meiner Lesart ein codierter physischer Ort als (Kultur-)Erbe früher Visionen, die nun ihre reale Dringlichkeit haben und in die Geschichte als angewandte Prozesse und Projekte weiter geschrieben werden können und müssen. Sie ist codiert mit 'Europäische Stadt und offene Gesellschaft', dem 'Denken in Modellen' und 'Nachhaltigkeit und Natural based Solutions' - alles Konzepte, die jetzt und in Zukunft dringlicher gedacht werden müssen denn je. Sie muss als Erbe früherer Visionen der 70er und Frei Ottos sowie Carlfried Mutschler und als Ort - als Topos - erhalten bleiben und dem Forschen, Denken und Entwickeln dieser in Zukunft eine ikonische Hülle sein: Ein Open-Government-Labor und eine Akademie für Nachhaltige Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt"

Die Multihalle in Mannheim ist die bislang weltweit größte freitragende Holzgitterschale und steht seit 1998 unter Schutz als Architekturdenkmal. Ihre Baumeister sind der Mannheimer Architekt Carlfried Mutschler und der Stuttgarter Architekt Frei Otto – bekannt als Pionier des nachhaltigen und ressourcenschonenden Leichtbaus und als Erbauer des Pavillon auf der Expo Montreal sowie des Münschner Olympiastadions. 2015 wurde Frei Paul Otto einige Wochen nach seinem Tod posthum der Pritzker-Preis verliehen. Frei Otto war Philosoph, Visionär und Utopist. Zur Formfindung erforschte der Architekt die Gestaltungsprozesse der Natur.

Die Multihalle war lediglich als Experiment des nachhaltigen Leichtbaus im Rahmen der Bundesgartenschau 1975 konzipiert und zunehmend in Vergessenheit geraten. Sie hat die Jahrzehnte dennoch gut überdauert, muss aber nun saniert werden. In den letzten Jahren entbrannte über die Finanzierung ein Streit in der Stadtverwaltung und trotz Denkmalschutz drohte 2016 eine Entscheidung zum Abriss.

Im Herbst 2015 taten sich die Macher des Collini Social Clubs, der frühere Leiters der Öffentlichkeitsarbeit der städtischen Tochter und Multihallen-Betreiberin Stadtpark gGmbH und Open-Government-Pionier und heutige Politik-Berater Oliver Rack bei Politics for Tomorrow sowie Jan-Philipp Possmann, Leiter des Kulturhauses Zeitraumexit mit Georg Vrachliotis, Leiter des Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau am KIT in Karlsruhe und der zu diesem Zeitpunkt eine große Ausstellung zu Frei Otto am Zentrum für Kunst und Medien plante, zusammen, um für den Erhalt der Multihalle und eine Nachnutzung in Verbindung mit den Visionen Frei Ottos von Nachhaltigkeit und einer offenen Gesellschaft zu werben.

Mit Erfolg: Dank einer hervorragenden Zusammenarbeit der drei mit anderen Akteuren der Stadtgesellschaft und der Stadt Mannheim, insbesondere mit der Leitung des Projekts Multihalle – der Referentin für Baukultur Tatjana Dürr sowie einer von Georg Vrachliotis und Sally Below (sbca) initiierten Ausstellung zur Multihalle im Rahmen der Architektur-Biennale in Venedig im Sommer 2017 hat sich die Stimmung ins Positive gewendet: Mit einer großen Mehrheit stimmte der Gemeinderat am im Oktober 2018 für die Finanzierungsbeteiligung an einer Gesamtsanierung. Wenn der Bund mit dem Förderprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ den größeren Anteil übernimmt, will die Stadt bis zu einem Drittel der inzwischen 14,2 Millionen Euro Sanierungskosten investieren.

Frei Otto

"Wir haben ja kennen gelernt, dass man noch so ewigkeitsbewusst bauen kann, dass es aber nichts nutzt, wenn die Menschen ein Gebäude nicht mehr lieben. Das heißt, selbst wenn man einen Bau sehr langlebig konzipiert ist es absolut nicht gesagt, dass er lange lebt. Er lebt nur dann lange, wenn die Gesellschaft sagt, dass sie ihn liebt – einfach sagt, dass sie ihn länger haben will."

Oliver Rack – im Rahmen der Veranstaltung zum Erhalt Multihalle, Februar 2011 im Friedrich-Walter-Saal

"Die Multihalle wird wegen ihrer Bauweise, ihrer Nähe zu Wohnbebauung und der heutigen Konkurrenz vergleichbarer Veranstaltungsflächen in Rhein-Neckar-Main auch nach einer Sanierung sehr wahrscheinlich nicht nach ökonomischen Prinzipien betrieben werden können. Der Erhalt wäre eine Überzeugungstat; die Nutzung im Namen der Bildung zu Stadtentwicklung und Architektur gäbe den Kosten einen nachhaltigen Sinn."


Eine Zukunft, die niemals war. Oder doch?

Die urbanen Visionen und Architekturen der 1970er-Jahre gerieten schnell in Vergessenheit. Man zog aufs Land ins „Hier und Jetzt” und arbeitete am Wachstum – die ganzheitliche Idee der Nachhaltigkeit steckte eben noch in den Kinderschuhen. Das Vergessen dieser Ära aber hat eine Ikone: Die Mannheimer Multihalle der Architekten Frei Otto und Carlfried Mutschler – das Experiment eines ressourcenschonenden Leichtbaus und Ikone derer Visionen einer modernen Gesellschaft: offen und europäisch vernetzt.

Die heutigen globalen Herausforderungen bestätigen nun um so mehr die Notwendigkeit, die damaligen Visionen intensiv weiter zu denken und somit die Mannheimer Multihalle als das konkrete, gegenständliche Statement der damaligen Visionen in die heutige Zeit zu transferieren, um neues Denken und Forschen daran zu verknüpfen. Denn Ressourcen verknappen, die Gesellschaften polarisieren, die Digitalisierung der Städte verändert das Leben, und die „Europäische Idee” ist in Not.

Nun gilt es, verstärkt einen „gesellschaftlichen Blick“ auf die Multihalle zu richten. Damit geht es um nichts Geringeres als um die Reformulierung des bisherigen, überwiegend technisch geprägten Diskurses und die Erarbeitung einer neuen Lesart der Multihalle als baukulturelle Plattform für eine „offene Gesellschaft“. Eine Lesart, bei der man sich die Multihalle als Raum aneignet und darin neue Visionen zur gestalteten Umwelt zwischen Lebensraum, Öffentlichkeit, Nachhaltigkeit und Gesellschaft entwickelt. Die Multihalle wird also als Erbe der Architekten Otto und Mutschler eine Ikone, ja eine Akademie für deren Eutopien zu Architektur und einer Europäischen Stadt in einer offenen Gesellschaft. Eine offene Akademie für moderne Stadtentwicklung und Urbanismus sowie Smart City im ganzheitlichen Sinn: für Baukultur, Ästhetik, Gesellschafts- und Grundsatzfragen, Dialogkultur, Teilhabe und Technologie, für Gouvernementalität, Governance und öffentliche Verwaltung mit ihrem Gemeinwesen in der DNA – und als Ort der Bürgerinnen und Bürger. Sie verstetigt sich so als von den Architekten geplantes Sinnbild für eine mutige Baukunst, eine visionäre Stadtentwicklung und eine resiliente, friedliche und offene Gesellschaft. Eine Akademie, die dafür steht, was die beiden Architekten so besonders machte: das Denken in Modellen.

Oliver Rack, Georg Vrachliotis, Jan-Philipp Possmann

Tatjana Dürr

"Der soziale Aspekt, der gesellschaftliche Aspekt der Multihalle kommt jetzt gerade zu einem richtigen Zeitpunkt zum tragen."


Jan-Philipp Possmann

"Die Halle kann Vision und Inspiration sein für das Nachdenken über die Stadt der Zukunft"

Frei Otto

"Sit down and make beauty, that's not possible. But you can live beauty."


Bundesgartenschau '75 – eine Stadt im Aufbruch

Matthias Stippich

"Für eine Stadt wie Mannheim mit einem starken Wandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft war der Sommer'75 ein Symbol für einen Aufbruch. Diesen Aufbruchsgedanken, die Grenzenlosigkeit, die Leichtigkeit nimmt man heute noch in der Multihalle wahr. Deswegen sind Erhalt und Weiterentwicklung der Multihalle so wichtig, weil sie künftigen Generationen auch noch diese Art der Reflexion ermöglichen soll."


Frei Otto – denken in Modellen

Frei Otto

"Wir wollten reinste Grundlagenforschung betreiben. Wir wollten wissen, wie die Welt der lebenden und nicht lebenden Natur entstanden ist, wie sich ihre Gestalten entwickelt haben und welche Konstruktionen sie zusammenhalten und verändern."

Georg Vrachliotis

"Frei Ottos Blick auf Gesellschaft und Architektur war aus heutiger Sicht höchst innovativ. Er betrachtete die gebaute Umwelt als eine Art Naturforscher. Er betrachtete nicht nur die Formen und ihre Varianten sondern auch welche Prozesse hinter der Formentstehung zu finden sind. Methodisch gesprochen mit einem Blick zwischen dem eines Künstlers und dem eines Ingenieurs – allerdings mit den Werkzeugen eines Technikers. Er entwickelte dabei ein ganzes methodisches Repertoire an Instrumenten, Messtischen mit denen er diese Prozesse direkt am Modell untersuchen konnte. Er hat damit die Grundlage geschaffen für das was wir heute als Modellierung kennen also die Grundlage der Simulation und damit ist er hochrelevant für das 21. Jahrhundert."


Frei Otto

"Wir haben nicht nur die Konstruktionen, die der Mensch baut sondern auch die Konstruktionen der Natur wie Berge, Wasserformen, Eisformen, Pflanzen und Tiere systematisch behandelt. Nicht, um sie als Motiv für irgendwelche Gebäudeformen zu nehmen sondern sachlich und technisch zu erforschen. Das hat uns zu wichtigen Ergebnissen geführt, die auch in der Biologie neue Türen aufgestoßen haben."

Frei Otto

"Die Kunst hat sich oft die Natur zum Vorbild genommen, ihre Formen, ihre Schönheit. die Baukunst hat sich nur sehr wenig die Natur zum Vorbild genommen. Rückwärtsblickend ist die Baukunst nur sich selbst Vorbild."

Marco Spies

"Frei Otto hatte ja selbst gesagt, dass wir die Halle beobachten müssen. 'Wir müssen schauen, was diese Halle macht.' Insofern war die die ganze Halle das ganze Projekt ein Experiment und man hat schon in der Bauphase an verschiedenen Stellen mit verschiedenen Lösungen gearbeitet."



"Sleeping Beauty" – Die Multihalle im Rahmen der Architektur-Biennale in Venedig 2018


"EUTOPIA.works" – Die Multihalle als offene Akademie u. Open-Government-Labor


Portfolio und Dokumentationen bisheriger Entwicklungsworkshops

Aus der Dokumentation des Nutzungsworkshop:

Die Multihalle wird als Erbe Frei Ottos eine Ikone für dessen Eutopien zu Architektur und einer Europäischen Stadt in einer offenen Gesellschaft. Europäischen Stadt in einer offenen Gesellschaft. Sie strahlt als Sinnbild für eine mutige Baukunst, eine visionäre Stadtentwicklung und eine resiliente, friedliche und internationale Gesellschaft weit über die Region hinaus. Der Multi-Campus Zukunftsstadt soll ein interdisziplinäres und offenes Kompetenzzentrum für moderne Stadtentwicklung und Urbanismus sowie Smart City im ganzheitlichen Sinn werden: für Baukultur, Ästhetik, Gesellschafts- und Grundsatzfragen, Dialogkultur, Teilhabe und Technologie, für Verwaltung und Governance. Er soll neu geschöpftes Wissen aus Mannheim verbreiten und Antworten auf regionale und globale Herausforderungen geben. Sokommen räumliche und inhaltliche Dimensionen logisch und schlüssig zusammen. Mannheim selbst, insbesondere die umliegenden Stadtteile, profitieren als Reallabor – als Living Lab für Teilhabe und co-kreatives Gestalten mit Wissen- schaft, Bürgerschaft, öffentliche Verwaltung und Wirtschaft – insgesamt als Teil eines erweiterten und ganzheitlichen Verständnisses von einer „Smart City”.

- Oliver Rack -

„Wie werden Städte, als komplexe Systeme, in Zukunft gemanaged, offen und resilient gestaltet? Darauf soll der Campus Antworten finden.“

Frei Otto

"Ich wünsche, dass nicht alle Wege schon verbaut sind und dass die

Chancen des Überlebens noch innerhalb eines überschaubaren Zeitraums wachsen."

* Frei Otto und die Multihalle MannheimDer Hörspielregisseur und Musiker Oliver Augst verbindet Gespräche über die Multihalle mit Originaltexten von Frei Otto und Soundschnipseln aus dem Jahr 1975 zu einer akustischen Zeitreise in die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Multihalle. Der Computer kombiniert die verschiedenen Schichten nach dem Zufallsprinzip immer wieder neu. So entsteht eine unendliche Erzählung über Architektur, Natur und die Liebe der Menschen zu ihren Gebäuden.
Mit den Stimmen von Frei Otto, Marco Spies, Matthias Stippich (Architekten), Anke Schubert (Schauspielerin) sowie Musikhits, BUGA-Werbefilmen und elektronischer Musik aus dem Jahr 1975Sounds und Arrangement: Oliver Augst Aufnahme: Florian Huth, Oliver Augst Dramaturgie: Jan-Philipp Possmann, Charlotte Arens
Mit Dank an bermuda.funk, Stadtarchiv Mannheim, Südwestdeutsches Architekturarchiv, Marco Spies, Matthias Stippich, Esther Saoub und Harald Hepfer.