Zu einer Kritik des Artikels in der Zeit vom 30.06.2025 / Zeit Nr. 27 – 2025
Gibt es Wohlstand ohne Wachstum? Von Jean-Uwe Heuser * Originalartikel am Ende
Das Märchen vom Kapitalismus als Fortschrittsmotor
Critique from a Degrowth Perspective (in the spirit of Jason Hickel)
Heuser versucht, seine Argumente gegen Degrowth zu verkaufen, indem er zunächst blindlings die falsche gängige Darstellung der industriellen Revolution wiederholt und dabei großspurige Begriffe wie Dampfmaschinen, Adam Smith und den letztendlichen Trickle-down-Effekt des Wohlstands verwendet, um den Lesern ein falsches Bild zu vermitteln.
Für ihn hat die industrielle Revolution Maschinen und Fabriken hervorgebracht. Er lässt jedoch außer Acht, wie diese Transformation finanziert wurde: durch die gewaltsame Ausbeutung von Reichtum, Arbeitskraft und Ressourcen der kolonialisierten Völker und Länder und durch insbesondere in England vorgenommenen Einhegungen von öffentlichen Ländereien, also der gewaltsamen Aneignung von Gemeindeland. So entsprang der neue Wohlstand in Großbritannien nicht allein aus ‚besseren Produktionsmitteln‘ – er wurde erzeugt durch Jahrhunderte der Sklaverei, Enteignung, imperialen Plünderung und gewaltsamen Vertreibung.
Das Wachstum war keineswegs gleichmäßig, sondern konzentrierte sich auf die reichen Schichten des Nordens. Während Fabrikbesitzer und Bankiers in Europa und den USA riesige Reichtümer anhäuften, litten die Arbeiterklasse und die Besitzlosen über Generationen hinweg unter brutalen Bedingungen, wie in einem wegweisenden Werk des berühmten britischen Historikers E.P. Thompson (The Making of the English Working Class (1963) ) nachgewiesen wurde. Und im globalen Süden, wo die Rohstoffe ausgebeutet wurden, war der Prozess katastrophal: Traditionelle Wirtschaftssysteme wurden zerstört, Menschen wurden landlos gemacht und Ökosysteme überlastet und zerstört – alles im Dienste der industriellen Expansion im Norden. Mit anderen Worten: Nicht alle Boote wurden angehoben, einige wurden ausdrücklich versenkt, damit andere besser schwimmen konnten. Und auch Gleichheit stellte sich letztlich nicht ein. Jahrhunderte nach Adam Smith leben wir weiterhin in einer starken Ungleichheit, die die Demokratie zu zerstören droht. Weltweit verdienen die reichsten 10 % der Bevölkerung 76 % des Gesamteinkommens (World Inequality Report 2022 (WIL)).
Darüber hinaus stellt Heuser Wachstum als ein natürliches Ergebnis menschlicher Wünsche dar – „normale Menschen, die nach Austausch und Wohlstand streben“. Aber das ist eine völlig falsche Annahme. Ständiges Wirtschaftswachstum ist nicht in unserer menschlichen Natur verwurzelt. Eine Studie aus dem Jahr 2014 von Harvard und Yale zeigt, dass 68 % der Menschen danach streben, Ressourcen nachhaltig zu nutzen und für zukünftige Generationen zu erhalten.
Dennoch schafft es die Minderheit der Nutzenmaximierer von 32 % sich im bestehenden kapitalistischen System durchzusetzen und somit Profit über Suffizienz, Wettbewerb über Fürsorge und Anhäufung materieller Güter über menschliches Wohlbefinden zu stellen. (Hickel, 166)
Darüber hinaus steht das Wirtschaftswachstum, insbesondere in wohlhabenden Nationen, nicht mehr in Zusammenhang mit dem Wohlergehen der Menschen, sondern ist eng mit dem ökologischen Zusammenbruch verbunden. Die heutigen Krisen – Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt, Ungleichheit – sind keine unglücklichen Nebenwirkungen der Industrialisierung. Sie sind ihre logischen Folgen.
Daher macht es keinen Sinn, Adam Smiths unsichtbare Hand zu feiern; wir sollten uns fragen: Was ist während der mehr als zwei Jahrhunderte Kapitalismus verloren gegangen? Wessen Leben und Ökosysteme wurden geopfert? Und welche Art von Wohlstand ist es wirklich wert, angestrebt zu werden?
Das Märchen, dass Wachstum immer zu einem besseren Leben für alle in der Gesellschaft führt
Der Artikel von Jean-Uwe Heuser unterstellt, dass die Wirtschaftswissenschaft alles erklären könnte – als gäbe es für jedes gesellschaftliche Problem eine Wirtschaftswachstums- Lösung. Das nennt man Ökonomismus. Und genau das wird von vielen Medien wie der Zeit auch noch unterstützt: gängige Meinungen aus der Wirtschaft werden übernommen, ohne sie zu hinterfragen. Es entsteht der Eindruck, dass Wirtschaftswachstum automatisch zu einem besseren Leben führt. Aber das stimmt so nicht.
Denn: Nur weil das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt, geht es den Menschen nicht automatisch besser. Viele spüren das im Alltag – obwohl die Wirtschaft wächst, bleibt das Gefühl, dass es nicht wirklich vorangeht.
Wenn man sich die Zahlen seit den 1970er Jahren anschaut, sieht man: Mal wächst die Wirtschaft, mal schrumpft sie. In den 70ern ging es zum Beispiel erst stark nach oben, dann kam die Ölkrise – und das Wachstum brach zusammen. In den 80ern und 90ern ging’s wieder rauf und runter. Nach der Finanzkrise 2008 ging es kurz ins Minus, dann wieder leicht nach oben. Zuletzt, nach Corona, gab’s nochmal ein Hoch – aber inzwischen ist das Wachstum wieder ziemlich schwach.
Und jetzt das Entscheidende: Trotz all dieser Schwankungen beim Wachstum zeigen Umfragen, dass die Lebenszufriedenheit in vielen Ländern eher stagniert oder sogar zurückgeht – besonders bei Jugendlichen. Das heißt: Mehr Wirtschaftswachstum bedeutet nicht automatisch mehr Zufriedenheit.
Beim Auf und Ab der Wirtschaftsentwicklung bleiben immer Teile unserer Gesellschaft auf der Strecke. Die Beständigkeit der sozialen Verhältnisse wird nicht sichergestellt und damit die Forderungen nach Sicherheit, Berechenbarkeit und Geborgenheit, die eben auch menschliche Bedürfnisse sind. Die Aufschwungphasen, die den Abschwungphasen gefolgt sind, haben die Verluste für diejenigen, die beim Abschwung verloren haben, nicht wieder wettgemacht.
Wirklicher Wohlstand hängt nicht nur vom Geld ab. Es geht auch um Dinge wie Gesundheit, Bildung, soziale Sicherheit, psychisches Wohlbefinden und die Frage, ob man am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Diese Dinge lassen sich nicht so leicht in Zahlen fassen – werden aber in der klassischen Lehre über die Wirtschaft oft ignoriert.
Der Zeit-Artikel bleibt bei einem veralteten Bild von Wirtschaft: als wäre sie die einzige Wissenschaft, die zählt, wenn es um unsere Gesellschaften und unser individuelles Glück geht. Dabei ist klar: Erstens, es gibt nicht die Ökonomen – es gibt ganz verschiedene Denkrichtungen. In Deutschland hört man aber meistens nur die Stimmen der klassischen Wirtschaftslehre. Und zweitens, auch wenn jemand heute mehr Geld hat als früher, heißt das nicht automatisch, dass er oder sie mehr vom Leben hat – weil die Preise für Wohnen, Essen, Bildung und Gesundheit gleichzeitig steigen. Unterm Strich bleibt oft nicht mehr übrig.
Es gibt Forschungen, die das belegen. Zum Beispiel haben Dennis Snower und Katharina Lima de Miranda gezeigt, dass in über 30 Ländern das soziale Wohlergehen oft ganz anders verläuft als das Wirtschaftswachstum. Also: Wirtschaft kann wachsen, aber das bedeutet nicht automatisch, dass es den Menschen besser geht.
Darum ist es wichtig, die Wirtschaft neu zu denken – als etwas, das den Menschen dienen soll. Gerade jetzt, wo unsere Gesellschaft älter wird und viele Menschen verletzlicher sind, brauchen wir eine fürsorgliche Wirtschaft. Eine, die nicht nur auf Gewinne für wenige schaut, sondern auf das Wohl der Mehrheit.
Das Märchen, dass Wachstum die Voraussetzung für gesellschaftlichen Frieden ist
„Ohne Wachstum kein allgemeiner Wohlstand, da es zu Verteilungskämpfen kommen, Unternehmen Mitarbeitende entlassen und der soziale Friede gefährdet werde. In einer stagnierenden Wirtschaft gibt es zwangsläufig Verlierer. Wachstum ist notwendig, um gesellschaftliche Konflikte zu vermeiden.“
1. Wachstumslogik ist kein Naturgesetz – sondern eine bewusste politische und wirtschaftliche Entscheidung
Heuser stellt es als betriebswirtschaftliches Naturgesetz dar, dass Unternehmen nur mit Wachstum Arbeitsplätze erhalten. Unhinterfragt und ohne kritische Reflexion beschreibt er das Verhalten von Unternehmen als normal und rational: “Ohne Aussicht auf Wachstum stellen Unternehmen ihre Investitionspläne infrage. Statt Geld in neue Maschinen oder neue Software zu stecken, schütten sie ihre Gewinne lieber an die Anteilseigner aus und bauen weitere Jobs ab.”
Dass dies eine bewusste Entscheidung der Unternehmen ist, die den Maximen kurzfristiger Gewinnabschöpfung (Dividendenausschüttung!) folgt, wird nicht reflektiert. Fakt ist: Unternehmen entscheiden selbst, wie sie mit ihren Gewinnen umgehen. Der Abbau von Stellen ist keine zwangsläufige Folge stagnierender Wachstumsraten, sondern eine bewusste Managemententscheidung zugunsten kurzfristiger Rendite.
Nur um ein paar Beispiele zu nennen: 2023 haben die DAX-Konzerne Rekorddividenden von 53 Milliarden Euro ausgeschüttet – trotz schwieriger wirtschaftlicher Lage und gleichzeitigem Stellenabbau (Quelle: EY DAX Dividendenanalyse 2024).
Wenn Menschen erleben, dass Unternehmen profitable Gewinne erzielen, aber gleichzeitig Jobs abbauen, entsteht Misstrauen gegenüber wirtschaftlichen und politischen Eliten.
2. Wirtschaftswachstum führt nicht automatisch zu allgemeinem Wohlstand
Die Aussage „Ohne Wachstum kein Wohlstand“ basiert auf der veralteten Idee des sogenannten Trickle-down-Effekts – also dass Gewinne „nach unten durchsickern“. Das hat sich empirisch nicht bestätigt:
Seit Jahrzehnten steigt in vielen Ländern die Arbeitsproduktivität, aber die Löhne stagnieren oder wachsen deutlich langsamer. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, insbesondere seit den 1990er-Jahren. OECD-, IWF- und World Bank-Daten zeigen: Der Großteil des Wachstums kommt den oberen 10 % zugute – besonders im Finanzsektor.
Die Vorstellung, dass Wohlstand nur durch Wachstum entsteht, blendet völlig aus, wie dieser Wohlstand verteilt wird. Auch (oder gerade?) stark wachsende Volkswirtschaften wie die USA haben eine deutlich wachsende Zahl prekär Beschäftigter und Menschen, die trotz Arbeit unter der Armutsgrenze leben.
3. Ungleichheit steigt auch mit Wachstum – nicht wegen fehlenden Wachstums
Ironischerweise ist es nicht die Wachstumsabschwächung, die soziale Spannungen erzeugt – sondern gerade die wachsende Ungleichheit in Zeiten starken Wachstums.
Beispiel USA: Zwischen 1980 und 2020 stieg das BIP massiv. Gleichzeitig stagnierte der Medianlohn, während das reichste 1 % den Großteil der Vermögenszuwächse einsammelte.
Deutschland: Trotz „guter Jahre“ vor Corona – zunehmende Wohnungsnot, Lohnzurückhaltung, steigende Armutsgefährdung.
Hier zeigt sich: Wachstum allein kann keinen Wohlstand in der Breite schaffen. Im Gegenteil: Unter den gegenwärtigen Umständen vergrößert Wachstum die Ungleichheit. Wenn Menschen mehr arbeiten und produktiver sind, aber real weniger verdienen oder höhere Lebenshaltungskosten haben, steigt das soziale Misstrauen – trotz Wachstum. Daher muss die Frage der Verteilung des Wohlstands neu angegangen werden.
4. Es gibt funktionierende Alternativen zur wachstumsgetriebenen Ökonomie
Die Vorstellung, dass ohne Wachstum alles zusammenbricht, ist widerlegt durch praxisnahe Gegenbeispiele:
Die Mondragón-Kooperative im Baskenland zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg ohne Shareholder-Druck möglich ist: 70.000 Mitarbeitende, demokratische Strukturen, Gewinne fließen in Bildung, Innovation, soziale Sicherheit. Zudem: Keine Entlassungen bei Krisen, sondern Umschulungen. Ähnliche Modelle gibt es im Bereich der Sozialunternehmen, Genossenschaften oder Gemeinwohlökonomie.
Wirtschaft kann also auch ohne ständiges Wachstum durchaus stabil, gerecht und zukunftsfähig sein –. Entscheidend ist nicht, wie viel eine Wirtschaft wächst, sondern wem sie dient und wie sie aufgebaut ist.
5. Fazit: Wenn Ressourcen, Macht und Möglichkeiten so ungleich verteilt sind, kommt das Wachstum nicht zu jenen, die es am meisten benötigen
Die Aussage „Ohne Wachstum wird die Wirtschaft zum Nullsummenspiel“ verkennt grundlegende Realitäten: Schon heute leben wir nicht in einem gerechten System, wo alle die gleichen Startchancen haben. Vielmehr ist es so, dass einige dauerhaft profitieren, während andere ständig Verluste tragen – unabhängig vom Gesamtwachstum. Wenn Menschen in einem stagnierenden System leiden, dann nicht, weil es nicht wächst, sondern weil es ungerecht strukturiert ist. Wachstum kann dieses Grundproblem nicht lösen, sondern oft sogar verschärfen.
Fazit: Die Argumentation, dass Wachstum alternativlos ist, ist ideologisch und nicht empirisch haltbar. Sie verkennt:
● Dass Wohlstand vor allem Verteilungs- und nicht Wachstumsfrage ist,
● Dass Unternehmen selbst entscheiden, ob sie soziale Verantwortung übernehmen oder nicht,
● Dass es bereits heute erfolgreiche Wirtschaftsmodelle jenseits der Wachstumslogik gibt,
● Und dass gesellschaftliche Spannungen nicht durch fehlendes Wachstum, sondern durch wachsende Ungleichheit und systemisches Misstrauen entstehen
Statt auf „mehr“ Wirtschaft zu setzen, brauchen wir eine andere Wirtschaft: Eine, die demokratisch, solidarisch und langfristig denkt – nicht nur in Profit-Zahlen, sondern im Sinne des Wohlbefindens aller.
Das Märchen, dass Wachstum zu mehr gesellschaftlicher Wohlfahrt führt und dass Japan Wohlstandsverluste durch Stagnation erleidet
Im Zeit Artikel von Jean-Uwe Heuser wird Japan als das Negativ-Beispiel geschildert. Japan hat kein Wachstum und hat daher ganz viele Probleme, so die Argumentation etwas vereinfacht. Dieses lohnt doch mal genauer analysiert zu werden.
Hier ist eine Analyse, ob Wirtschaftswachstum oder die Verringerung von Ungleichheit der entscheidendere Treiber für allgemeine Wohlfahrt und Wohlbefinden ist. Ausgangsländer: USA, Japan und Schweden, Zeitraum: ca. 1992 bis heute.
1. Wirtschaftswachstum: USA, Japan, Schweden (Nach Weltbank‑Daten (Weltbank WDI)):
● USA: Wachstum lag in den 1990ern bei etwa 2–4 %, sank während der Finanzkrise 2008, fiel 2020 stark auf −3,4 %, dann starker Rückprall auf ca. +5,7 % 2021
● Japan: In den 1990ern durchschnittlich etwa +1,3 %, in den 2000ern nur ca. +0,5 % und danach weiterhin sehr moderat, inklusive negativer Jahre wie −0,2 % 2019/2020
● Schweden: Schwankungen mit moderatem langfristigem Wachstum, Anfang 90er ca. +0,8 %, dann in späten 90ern bis 4–5 %, 2021 etwa +4,8 %, zwischenzeitlich −2,9 % 2020
Fazit: Schweden hatte zeitweise deutliches Wachstum, die USA moderates stabileres Wachstum, Japan seit über 30 Jahren quasi stagnierend ("Lost Decades") mit minimalem Wachstum
2. Lebensstandard und Ungleichheit: HDI (Human Development Index) und IHDI (Inequality-adjusted Human Development Index)
Laut UNDP‑Berichten (2025er Report, Daten bis 2023/2022):
● HDI Schweden: ca. 0,959 (HDI), IHDI 0,886 → Verlust durch Ungleichheit −7,4 %
● Japan: HDI ~ 0,920, IHDI ~ 0,844 → Verlust ca. −8,3 % (Rang 19)
● USA: HDI ~ 0,927, IHDI ~ 0,823 → Verlust ca. −9,5 % bis −12,1 %, USA fällt im Ranking um rund 20 Plätze beim IHDI
Trend über 30 Jahre:
● Schweden steigerte seinen HDI stark (von ca. 0,90 auf ca. 0,96), mit relativ geringen Ungleichheitsverlusten.
● Japan legte moderate HDI‑Zuwächse hin, trotz geringerem Wachstum bleibt der IHDI‑Abstand durch moderate Ungleichheit überschaubar.
● USA: HDI‑Werte hoch, aber das hohe Einkommensniveau wird durch hohe Ungleichheit stark relativiert – IHDI spiegelt deutlich geringeres Wohlbefinden wider.
3. Lehren aus dem Ländervergleich: Wachstum vs. Ungleichheit
Wirtschaftswachstum allein erklärt nicht, warum manche Länder höhere Lebensqualität erreichen als andere:
● Schweden erreichte höchsten HDI‑Wert durch Kombination aus moderatem Wachstum, geringe Ungleichheit und starken öffentlichen Institutionen.
● Japan trotz marginalem Wachstum hält einen hohen HDI und verhältnismäßig geringen Verlust im IHDI – dank stabiler Gleichheit, einem starken Gesundheits‑ und Bildungssystem sowie sozialem Zusammenhalt.
● Die USA verzeichnen höheres BIP‑Wachstum als Japan, aber größere Ungleichheit, was in der Praxis den Lebensstandard für viele Bürger schmälert – trotz nominal hohem Einkommen.
Wachstum ist kein automatischer Garant für hohen gesellschaftlichen Wohlstand. Ungleichheit beeinflusst den tatsächlichen Lebensstandard wesentlich stärker – siehe IHDI‑Verluste: Die USA verlieren deutlich stärker als Schweden oder Japan. Japan zeigt: Auch ohne hohes Wachstum ist hoher Wohlstand möglich, wenn Verteilung fair ist und soziale Sicherheit gegeben ist.
Gesamtfazit: Habe Mut, Dich der modernen Wissenschaft zu bedienen…
Die Forderung nach Wachstum ist wieder in aller Munde. Wir erleben es in diesen Tagen: Die wirtschaftlichen Eliten und große Teile der politischen Klasse dieses Landes sehen immer noch im Wachstum das Wundermittel für die Probleme unseres Landes. Diesem Trend konnte sich offenbar auch die Zeit nicht entziehen, obwohl man es von ihr hätte anders erwarten können. Jean Uwe Heuser macht sich zum Sprachrohr eines Wachstumsdogmas und des selbsternannten Mainstreams der Wirtschaftswissenschaften, die Wirtschaft stets nur aus der Perspektive der Kapitaleigner denken. Wenn Wirtschaft aber allen Menschen und unserer gemeinsamen Zukunft auf diesem Planeten dienen soll, müssen wir auch die Grundtheoreme und Abstraktionen in der Wirtschaftswissenschaft überdenken und updaten.
Die Legende vom ewigen Wachstum funktioniert nur, wenn man davon abstrahiert, dass die Wirtschaft in einem endlichen System, nämlich dieser einen Erde mit ihren planetaren Grenzen, existiert. Das ist doch leicht zu verstehen und müsste eigentlich Common Sense sein. Doch interessanterweise wird immer noch Adam Smith wiederbelebt, der im Jahr 1776 bei seinen ersten tastenden Schritten in Richtung einer Wirtschaftswissenschaft natürlich noch überhaupt nicht in komplexen Systemen denken konnte, geschweige denn in planetaren Systemen und ihren Grenzen. Warum wiederholen wir 250 Jahre alte Forschungsstände, obwohl wir es inzwischen besser wissen?
Ja, es stimmt, Jean-Uwe Heuser lässt auch einige Repräsentanten anderer Denkrichtungen zu Wort kommen: Matthias Schmelzer “ aus dem Postwachstumslager”, Dennis und Donella Meadows, die Autoren des Berichts “Grenzen des Wachstums” des “Club of Rome”, den texanischen Umweltökonomen Herman Daly, “der den Begriff des unwirtschaftlichen Wachstums prägte”. Das “unwirtschaftliche Wachstum” hört sich bei Jean Uwe Heuse wie eine Arabeske eines wissenschaftlichen Outsiders an. Dabei ist es die Einführung des Common Sense in die Wirtschaftswissenschaften nach zweihundert Jahren des Irrglaubens. Ist es nicht ein unerhörter Skandal, dass man in den Wirtschaftswissenschaften bis in die 70Jahre des letzten Jahrhunderts so tut, als ob Umweltzerstörung keinen Preis habe, als ob es nichts ausmacht, den Verbrennungsmotor des Autos in der Garage laufen zu lassen und man ewig Abgase ausstoßen könnte. Der Tod durch Ersticken an Kohlenmonoxid kommt in den Modellen der Wirtschaftswissenschaft nicht vor. Was sind das für Modelle???
Diese Absurdität offenzulegen, wäre eine noble und wertvolle Aufgabe für die Medien. Der Autor der Financial Times (wahrlich nicht gerade ein obskures Blatt der Wachstumskritiker…) David Pilling hat ein gutes Buch geschrieben, ”The Growth Delusion” (Die Wachstums-Täuschung), in der er viele sehr anschauliche Beispiele gibt, warum die Wachstumsfanatiker auf dem Holzweg sind. Wir möchten dieses Buch unserem Zeit-Autoren empfehlen, zur Überwindung seiner Zaghaftigkeit und seines Konformismus, mit dem er sich dann doch lieber auf den Gründungsvater Adam Smith und seine 1776er Thesen beruft. Dazu würden wir ihm empfehlen, mal statt Adam Smith ein Buch über die Ökonomie des 21. Jahrhunderts zu lesen, wie zum Beispiel “Die Donutökonomie” von Kate Raworth, wo die überfälligen und dringend notwendigen Paradigmenwechsel der Wirtschaftswissenschaft systematisch und vorzüglich erklärt werden.
Quellen im Überblick
Katharina Lima de Miranda / Dennis J. Snower: Recoupling Economic and Social Prosperity, IZA Discussion Paper No. 12998. Link: Recoupling Economic and Social Prosperity by Katharina Lima de Miranda, Dennis J. Snower :: SSRN 48 Pages Posted: 2 Mar 2020 Last revised: 6 May 2025
Wirtschaftswachstum: Weltbank WDI historische Daten USA, Japan, Schweden
DataBank; IMF eLibrary
Japan stagnation: Investopedia zu Lost Decades, aktuelles Beispiel Japan ohne Wachstum, aber stabile Gesellschaft; Investopedia; economictimes.indiatimes.com
HDI & IHDI Werte: UNDP/UN‑Daten zu IHDI und HDI für 2022/2023, Ranking-Daten aus UN‑Bericht = data.un.org und de.wikipedia.org und weforum.org
Zeit Artikel (Original)
Gibt es Wohlstand ohne Wachstum? Von Jean-Uwe Heuser
Vor 250 Jahren bricht sie an: die Zeit des wachsenden Wohlstands. In Großbritannien kommt die industrielle Revolution in Gang. Wo vorher Handwerksbetriebe standen, entstehen Fabriken mit qualmenden Schloten, wo Menschen auf ihre Muskelkraft angewiesen waren, werden sie nun von Dampfmaschinen unterstützt. Es ist die Stunde des schottischen Philosophen Adam Smith. Der Wissenschaftler hat eine fantastische Geschichte zu erzählen, die kurz gesagt so geht: Mithilfe von Maschinen und einer Arbeitsteilung über Ländergrenzen hinweg entwickelt die Wirtschaft eine neue Dynamik, und der normale Mensch, der von seinem Wesen her nach Austausch und Wohlstand strebt, kann endlich daran teilhaben.
Im Jahr 1776 veröffentlicht Smith seine "Untersuchung der Natur und der Gründe des Wohlstands der Nationen", wie der Originaltitel übersetzt heißt, und gießt das gedankliche Fundament der modernen Ökonomie. Zunächst wird das Wirtschaftswachstum Fabrikanten und Banker reich machen, dann einer mittleren Schicht von Führungs- und Fachkräften zu Wohlstand verhelfen und schließlich als Folge der Gewerkschaftsbewegung auch die Arbeiterfamilien besserstellen.
Immer wieder brachen seither Kriege und Krisen aus, die vor allem ärmere Menschen ins Verderben stürzten. Doch im Prinzip lief es zweieinhalb Jahrhunderte so, wie Smith es sich ausgemalt hatte: Handel, eine wachsende, besser ausgebildete Bevölkerung und immer neue Technologien ließen die industriellen Volkswirtschaften stärker werden.
Bis jetzt. Heute droht uns das Wachstum wieder abhandenzukommen. Die deutsche Wirtschaftsleistung zum Beispiel bewegte sich im vergangenen Jahr auf demselben Niveau wie 2019. Ja, Corona und die Folgen des Angriffs auf die Ukraine bereiteten der Wirtschaft Probleme, aber eine solche Stagnation hat die Bundesrepublik noch nie erlebt. Und die schwerwiegendste Aufgabe ist damit noch gar nicht angesprochen: dass die industrielle Welt aufhören muss, die Erde auszubeuten und ihr – quasi zum Dank – noch Unmengen CO₂ in die Atmosphäre zu jagen. Auch die Klimawende, langfristig der billigste Weg zur Erhaltung der Lebensgrundlagen, belastet erst einmal die Volkswirtschaft.
Da liegt die bang bis hoffnungsvoll gestellte Frage nahe: Gibt es Wohlstand auch ohne Wachstum? Und die erste, die knappe Antwort der Ökonomen lautet: Nein.
Die kurze Antwort: Geht leider nicht
Auf Dauer gibt es in unserem System keinen allgemeinen Wohlstand, ohne dass die Wirtschaft wächst. Auch wenn sie stagniert, geht der Wettbewerb im Inneren weiter, weil der Kapitalismus nicht einfach stillstehen kann. Neue Unternehmen erobern Marktanteile, etablierte Firmen streichen Jobs. Manche Berufe gewinnen an Wert, andere werden von Maschinen ersetzt. Auch ganze Regionen erleben Auf- und Abstiege, wenn eine Industrie niedergeht und ein anderer Wirtschaftszweig aufkommt. So lange es Innovationen gibt, sind solche Veränderungen unvermeidbar. Wenn zugleich aber die Wirtschaft insgesamt nicht wächst, heißt das: Was der eine dazugewinnt, müssen andere verlieren. Ohne Wachstum ist die Wirtschaft ein Nullsummenspiel.
Das bringt harte Verteilungskämpfe und – weil der technische Fortschritt auch Jobs wegrationalisiert – steigende Arbeitslosigkeit mit sich. In Deutschland ist sie allem Fachkräftemangel zum Trotz zwischen 2019 und 2024 von fünf auf sechs Prozent gestiegen und klettert im laufenden Jahr weiter, die Industrie hat zuletzt innerhalb eines Jahres rund 100.000 Stellen gestrichen. Auf Dauer zahlen dann weniger Arbeitnehmer in die Sozialkassen ein, mehr Arbeitslose beanspruchen sie. Ohne Aussicht auf Wachstum stellen Unternehmen ihre Investitionspläne infrage. Statt Geld in neue Maschinen oder neue Software zu stecken, schütten sie ihre Gewinne lieber an die Anteilseigner aus und bauen weitere Jobs ab. Der Wohlstandsverfall verstärkt sich, und die Spannungen in der Gesellschaft nehmen zu.
"Eine stagnierende Wirtschaft kann durchaus stabil sein"
Kehrt das Wachstum nicht zurück, gerät auch die Demokratie in Gefahr. Aaron Benanav, Professor für Globale Entwicklung an der Cornell-Universität im US-Bundesstaat New York, hat einen zentralen Grund ausgemacht, warum derzeit so viele Regierungen von Washington über Berlin bis Seoul schnell abgewählt werden. Nicht die Migration sei der Grund, auch nicht der Kulturkampf von rechts gegen Wokeness und Bevormundung. Als tiefer liegende Ursache macht der Wirtschaftshistoriker etwas ganz anderes aus: "wirtschaftliche Stagnation".
Tatsächlich wächst die Produktivität der Industrieländer spätestens seit der Weltfinanzkrise Ende der Nullerjahre langsamer als im Jahrhundert zuvor – trotz Computer, Internet und künstlicher Intelligenz. Außerdem altert fast in allen Ländern die Bevölkerung, sodass mehr Rentnern weniger Erwerbstätige gegenüberstehen. Und im Welthandel stellen Protektionisten seit Jahren neue Hürden auf. Im Ergebnis sind daher die durchschnittlichen Wachstumsraten vielerorts auf Zahlen um die ein Prozent geschrumpft. Bei diesem Schneckentempo ist der Fortschritt kaum merklich, die Hoffnung auf einen steigenden Lebensstandard schwindet, Missmut verbreitet sich. In der Folge wählen die Menschen vermehrt "gegen ihre wirtschaftlichen Interessen", wie Politiker der Mitte verwundert feststellen. Ihren Zorn über diese Entwicklung auszudrücken, wird den Wählern populistischer Parteien wichtiger als ein paar Euro mehr oder weniger.
Wie geht man damit um, ohne dass die Demokratie geschleift wird? Gibt es Wege, das Wohlstandsgefühl ohne mehr Wirtschaftsleistung zu erhalten?
"Eine stagnierende Wirtschaft kann durchaus stabil sein", sagt Aaron Benanav: "durch steigende Schulden." Der Staat könne in Bildung und Infrastruktur investieren, Dienstleistungsjobs im öffentlichen Sektor schaffen, die ökologische Wende vorantreiben. Er könne den Menschen also auf seine Art Wohlstand bieten, während die privaten Investitionen zurückgehen. Für Benanav ist das keine einmalige Rettungsaktion, sondern eine dauerhafte Lösung. Gerade wenn die Zentralbanken einen Teil der Staatsschulden aufkaufen, kann eine Nation nach seiner Logik ihre Schuldenquote drastisch erhöhen, ohne dass die Kredite zum Problem werden.
Öffentliche Schulden als eine Art Perpetuum mobile des Wohlstands? Wenn es so etwas irgendwo gibt, dann in Japan.
Zu Besuch im Land des Stillstands
Seit drei Jahrzehnten ist Japan nun schon eine stagnierende Volkswirtschaft mit Wachstumsraten von unter einem Prozent. Yoichi Funabashi, Ex-Chefredakteur der Tageszeitung Asahi Shimbun, beschreibt im Gespräch mit der ZEIT ein Land, dem es vor allem um die Bewahrung des Status quo geht. Der "demografische Verfall" sei mitschuldig, dass die Wirtschaft ihre Dynamik verlor – kein anderes großes Industrieland hat eine ältere Bevölkerung, nirgendwo schrumpft sie stärker. Auch habe Japan, führend in der klassischen Elektronik und bei Robotern, das Internet lange ignoriert. Das sieht der prominente Buchautor keineswegs kritisch. Seine Deutung: Dank der langsamen Digitalisierung konnte die Gesellschaft stabil bleiben, weniger Menschen mussten den Job wechseln, neue Ungleichheit wurde vermieden. All das seien Gründe, warum der Populismus sich in Japan nicht ausgebreitet habe.
Vielleicht liegt es auch daran, dass der Inselstaat kaum Migration zulässt. Der Preis der Ruhe ist jedenfalls enorm. Die Japaner haben ihre Staatsverschuldung in 30 Jahren von etwa 80 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung auf rund 240 Prozent getrieben und bewegen sich damit auf einsamen Höhen. Viele private Investitionen sind ins Ausland abgeflossen. Die Wende hin zu Wind- und Sonnenenergie kommt kaum voran, weil die Strommonopolisten wenig Anreize haben, das Netz zu erneuern. Die Nuklearwirtschaft erweist sich mit immer neuen Reparaturen als Milliardengrab. E-Autos werden kaum verkauft. Die Lobbys der Stahl- und Autoindustrie sind stark, die Start-up-Szene ist schwach. Auf diese Weise steckt ein Industrieland in der Vergangenheit fest, das in den 1980er-Jahren wegen seiner Innovationsfreude der Schrecken der westlichen Volkswirtschaften war. Seither gab es wenig Umbrüche. Nicht nur die Digitalisierung, auch die Klimawende ist schwer zu bewerkstelligen ohne wirtschaftliche Dynamik und Lust am Wandel.
Das ist nicht alles. Ende Mai erklärt der japanische Premier Shigeru Ishiba, die finanzielle Lage seines Landes sei extrem schlecht und erinnere an Griechenland, dessen Schuldenkrise vor eineinhalb Jahrzehnten den Euro ins Wanken brachte. Die Zinsen, die Japan für neue Anleihen bezahlen muss, sind abrupt gestiegen, weil Investoren sich weniger sicher sind als früher, dass sie ihr Geld zurückbekommen. Japans schlechte Zukunftsaussichten lassen die Anleger zweifeln – und für dieses Risiko möchten sie entschädigt werden. Auf einmal werden drei Prozent Zinsen für 30-jährige Papiere fällig statt wie zu Beginn des Jahrzehnts ein Prozent, die riesige Zinsrechnung des Staates droht aus den Fugen zu geraten.
Kritik am Expansionsstreben seit den 1960er-Jahren
Die Ausweitung öffentlicher Schulden ist eben doch kein Perpetuum mobile. Das Wunder, den wahrgenommenen Wohlstand trotz Stagnation zu erhalten, gelingt höchstens auf Zeit, zum Preis hoher Zinsen und der Gefahr einer Finanzkrise.
Sehnsucht nach einem neuen System
Für Matthias Schmelzer ist das keine Überraschung. Die "krisenförmige Stagnation" müsse schiefgehen, sagt der Flensburger Professor für sozial-ökologische Transformationsforschung. Er meint damit: Das alte kapitalistische System funktioniert nicht ohne Wachstum, es ist ja darauf angelegt. Hoffnung hält für ihn nur ein Systemwechsel bereit. Schmelzer gehört zum Postwachstumslager, das der Wirtschaft ihren Expansionsdrang austreiben und die industrielle Produktion schrumpfen möchte. Die Motivationen reichen von konservativ über sozialreformerisch bis zu feministisch. Am wichtigsten ist den meisten die Umwelt. Und die Überzeugung, dass wir ein überraschendes Phänomen erleben: Wirtschaftswachstum ohne Wohlstandszuwachs.
Die Vorläufer sind seit 60 Jahren unterwegs. Kritik am Expansionsstreben kam erstmals in den 1960er-Jahren auf. Im Jahr 1972 erschien dann der Bericht an den Club of Rome über Die Grenzen des Wachstums, federführend verfasst vom US-Forscherpaar Dennis und Donella Meadows. Ihre These: Die Industriegesellschaften gehen unter, wenn die Ressourcen der Erde ausgebeutet sind. Schließlich prägte kurz vor dem Jahrtausendwechsel der texanische Umweltökonom Herman Daly den Begriff des "uneconomic growth", des unwirtschaftlichen Wachstums. Mit seinen negativen Umweltwirkungen verursache das Wachstum mehr Schaden als Nutzen und verringere deshalb unter dem Strich den Wohlstand.
Dalys Antwort auf das Problem ist die "stationäre Wirtschaft". Die Menschen sollen ihr Wirtschaften so weit begrenzen, dass der Ressourcenverbrauch wieder tragfähig wird für den Planeten. Auf diesem nachhaltigen Niveau würden dann der Lebensstandard und auch die Zielgröße der Bevölkerung festgelegt.
Hat die Degrowth-Bewegung die Lösung?
Ein Jahrzehnt später begann die sogenannte Degrowth-Bewegung mit globalen Konferenzen zur Postwachstumsgesellschaft. Zulauf bekommt sie bis heute vor allem, wenn die Volkswirtschaften boomen und die Arbeitslosigkeit schwindet. Doch in Abschwüngen, wenn die Arbeitsplätze weniger werden, schwindet die Begeisterung merklich.
Matthias Schmelzer hält daran fest, dass uns die "fossile Mentalität als Idee eines Weltverständnisses, das von unbegrenztem Zugriff auf Energie ausgeht" ins Verderben stoße. Aber man müsse auch auf andere Probleme mit dem Wachstum verweisen als nur Ökologie – zum Beispiel Ungleichheit. Als Beleg nennt der Kritiker den von der Pariser Hochschule für Wirtschaft erstellten Weltungleichheitsreport, dem zufolge zwischen 1995 und 2020 das reichste eine Prozent der Menschheit sich fast 40 Prozent des Vermögenszuwachses sicherte.
Es sei Zeit für eine nachhaltige Transformation mit einer "grundlegenden Umwandlung der Produktions- und Lebensweise", sagt Schmelzer. Demnach muss die Politik den öffentlichen Wohlstand stärken und gleichzeitig die Industrie bremsen – vor allem bei Stahl, Zement und Chemie. Entgegen der Globalisierung hat der Staat für lokale Produktion zu sorgen. Obsoleszenz, dass also Hersteller die Lebensdauer ihrer Produkte absichtlich begrenzen, soll ebenso verhindert werden wie Privatjets und anderer extremer Luxuskonsum. "So etwas hat keinen Platz in einer nachhaltigen Gesellschaft." Die sorge vielmehr für Mäßigung und greife dafür auch in Eigentumsrechte ein.
Schmelzer ist wie seine Mitstreiter gewillt, sie aus einer Art Notwehrgefühl heraus zu verletzen. Groß ist die Enttäuschung über fünfzig Jahre ökologischer Neuanfänge und Versprechen von grünem Wachstum, die sich nicht erfüllt haben. Zwar gelang es Industrieländern wie Deutschland in diesem Jahrhundert, ihren CO₂- Ausstoß und teilweise den Materialverbrauch zu verringern. Das geschieht aber nur langsam, während die Weltwirtschaft insgesamt immer noch Emissionsrekorde aufstellt. Schmelzer resümiert stellvertretend für die ganze Bewegung: "Es gibt keinen stabilen Wohlstand mit Wachstum." Wobei er lieber von "well-being oder Wohlergehen" spricht, weil diese Begriffe auch einen möglichen Verzicht umfassen.
Die Idee des Systemwechsels geht eben mit einer gehörigen Portion Planwirtschaft einher, mit gelenktem Verzicht und Enteignungen. Und selbst wenn man diesen Wechsel wollte: Wie soll er umgesetzt werden, wenn die Demokratien nicht einmal die vergleichsweise kleinen Reformen durchhalten, die für grünes Wachstum nötig wären? Spätestens in Wirtschaftskrisen wollen die meisten Menschen eben doch ihr gewohntes Wachstum, egal woher.
Anders als die Postwachstumsplaner meinen, liegt das nicht so sehr an einer Hegemonie der Kapitalisten, die uns alle verführen – auch wenn fossile Lobbys tatsächlich ihr Bestes geben, um die alte, umweltschädliche Wirtschaftsweise am Leben zu erhalten. Es hat eher mit der Natur unserer Wahrnehmung und unseres Empfindens zu tun. Vor etwa einem halben Jahrhundert machte sich der israelische Psychologe Daniel Kahneman daran, das Bild des Menschen in der Wirtschaft neu zu zeichnen. 2002 erhielt er dafür den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften.
Heute geht es beim Wachstum weniger um Fabriken als um Ideen
Schnell wurde klar: Menschen bewerten das, was sie erhalten, nicht nur im Verhältnis zu dem, was sie früher hatten, sondern vergleichen es auch mit dem, was andere bekommen. Fallen sie da zurück, begreifen sie es als Verlust. Damit nicht genug: Einen solchen Verlust können Menschen nur schwer ertragen. Er ärgert sie mehr, als ein Gewinn sie freut.
Nimmt man diese Forschung nur halb so ernst wie das Nobelpreiskomitee, dann wird klar: Jede stagnierende Gesellschaft, in der ein erheblicher Teil der Menschen etwas abgeben muss, schafft Unzufriedenheit. Für ein friedliches Zusammenleben brauchen die Menschen irgendeine Art von Wachstum, um ihrem Streben nach mehr nachgehen zu können, ohne anderen notwendigerweise etwas wegzunehmen.
Nach neuen Konzepten dafür sucht man am besten in dem Land, in dem alles begann: Großbritannien, wo die durchschnittliche Kaufkraft der Löhne 16 Jahre lang nicht gestiegen ist und alle Parteien verzweifelt neuen Wohlstand versprechen.
Wachstum, bitte – nur anders
London im Mai 2025, der rote Doppeldecker müht sich aus dem Zentrum nach Norden bis zum Parliament Hill Park. Gegenüber liegt der kleine Dorfplatz mit dem alten Pub – hier hat sich wenig verändert, seit der Kapitalismus entstand. Gleich dahinter, in einer historischen Wohnsiedlung hinter Hecken und unter Bäumen, ist die Stagnation sogar festgeschrieben: Die Besitzer dürfen ihre Bauten äußerlich nicht verändern. In einem dieser Häuser lebt Daniel Susskind mit seiner Familie. Und in einer kleinen Laube im Garten schreibt er seine Bestseller. Als Wirtschaftsforscher pendelt Susskind zwischen Oxford und dem King’s College in London, thematisch zwischen künstlicher Intelligenz und der Zukunft der Arbeit, Schulbildung und Wohlstand. Vergangenes Jahr hat er vieles zusammengefügt in dem Buch Wachstum – eine Abrechnung, das sogar Barack Obama empfiehlt.
Als Erstes, erklärt er, gelte es, das Wachstum neu zu entfesseln. Über seine Antriebskräfte geisterten noch zu viele "altmodische Ideen aus der materiellen Welt" durch die Politik. Längst gehe es aber nicht mehr um Straßen und Fabriken, sondern um Ideen. Nicht mehr darum, dem Planeten immer mehr Ressourcen zu entreißen, sondern um Einfälle und Konzepte, wie man diese effektiver nutze. "Die Politik sollte in Forschung und Entwicklung investieren, in Technologie und darin, Menschen in den produktivsten Teil der Wirtschaft zu bringen." Länder in militärischen Konflikten verstünden das oft besser, weil sie auf wirtschaftliche Stärken angewiesen seien. "Es ist kein Zufall, dass Israel, Taiwan oder Südkorea heute die höchsten Forschungsanteile haben" – ganz anders als Deutschland. Susskind ist überzeugt: Eine neue Wachstumsspirale lässt sich in Gang setzen, wenn eine Gesellschaft konsequent auf Technologien wie künstliche Intelligenz setzt, die helfen, neue Ideen zu generieren. Wenn sie das geistige Eigentumsrecht so modernisiert, dass diese Ideen auch belohnt werden. Wenn sie ihre Menschen darin ausbildet, Hightech zu beherrschen.
Neues Wachstum ist demnach möglich – und doch nur sinnvoll, wenn im zweiten Schritt die Nebenwirkungen eingedämmt werden. Das Potenzial dafür werde heute unterschätzt, meint der Autor. "Da ist am meisten zu holen!" Als Beispiel nennt er die chinesische KI-Firma DeepSeek, die in der Entwicklung mit deutlich weniger Rechenleistung auskommt als die Konkurrenz. Oder das gemeinwohlorientierte US-Unternehmen Anthropic, dessen KI einem humanistischen Wertekanon folgen soll. Man könnte auch landwirtschaftliche Roboter nennen, die Unkraut jäten und Pestizide unnötig machen.
Mit der Förderung von Ideen kann ein kluger Staat die Folgeschäden des Wohlstands verringern, eliminieren kann er sie nicht. Deshalb verlangt Susskind im dritten Schritt, dass die Nationen Werturteile fällen: Nehmen wir an bestimmten Stellen soziale und ökologische Schäden in Kauf – oder opfern wir etwas Wachstum? Die Politik müsse das gemeinsam mit den Menschen entscheiden, in organisierten Debatten, Bürgerräten, Abstimmungen. Erst dann entstehe in der Bevölkerung ein Verständnis für die Kosten des traditionellen Wirtschaftens.
Vielleicht ist das sogar die entscheidende Stufe. Mag sein, dass Autokraten solche Urteile für ihre Bevölkerung fällen, in Demokratien funktioniert das nicht. Ihre Gesellschaften sollen deshalb lernen, selbst zwischen verschiedenen Arten des Wachstums abzuwägen. Wenn es gut läuft, rücken die Menschen auf diese Weise wieder etwas zusammen und entwickeln einen Wohlstandsbegriff, der jenseits von zählbarem Konsum und Kapital auch andere Erfahrungen einschließt: Solidarität und Gemeinschaftserlebnisse etwa, Kontrolle über das eigene Leben, eine intakte Natur. Und sie gelangen zu einer Erkenntnis, die sich in einer freien Gesellschaft schwerlich von oben diktieren lässt: Wir wollen Wachstum, aber bitte ein anderes, ein weiter gefasstes als bisher.
Wichtig wäre das, weil Demokratie Wohlstand braucht. Und Wohlstand braucht Wachstum.