Musik und Ethik
Albert Schweitzers Welt
Neu erschienen im Mai 2025
Albert Schweitzers Welt
In den folgenden Kapiteln geht es um Selbstwirksamkeit, Balance, Gesundheit, Miteinander, Kreativität und die Frage: Was bedeutet Menschsein heute? Die Texte schlagen Brücken zwischen Albert Schweitzers Ethik und aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Lassen Sie sich inspirieren zu einem Denken, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt – achtsam, schöpferisch und verantwortungsvoll.
Wie Kreativität, Vertrauen und Bildung unsere Gesellschaft gestalten
Was verstehen wir unter „Wirkung“? Das Wort „Wirkung“ entstammt dem Mittelhochdeutschen „würkunge“, was so viel bedeutet wie Erschaffung oder Gestaltung. In der Gegenwart beschreibt der Duden Wirkung als eine Veränderung, die durch eine äußere Kraft herbeigeführt wird. Doch was lässt sich aus dieser einfachen Definition über den Wandel unseres Verständnisses vom Menschen ablesen? Es ist die Vorstellung, dass der Mensch ein selbstbestimmtes Wesen ist, das die Fähigkeit besitzt, seine Umwelt aktiv zu gestalten. Wir haben die Verantwortung für unser Handeln übernommen – und damit auch die Macht, Einfluss zu nehmen.
Jeder Mensch strebt nach dem Gefühl, etwas bewirken zu können. Für den einen mehr, für den anderen weniger. Es ist dieser kreative Moment, in dem wir uns als Schöpfer erleben – sei es in Kunst, Wissenschaft oder im alltäglichen Handeln. In diesem Moment finden wir uns in einem Dialog mit der Welt: Wir handeln, und die Welt reagiert. Kunst, wie auch Bildung, ist ein fortwährender Austausch, ein Geben und Nehmen, das den Rahmen für die Selbstverwirklichung bildet.
Die Kunst lebt von der Aufmerksamkeit der Menschen. Ohne den Blick des Betrachters bleibt sie bedeutungslos. Doch was macht einen Menschen mündig, das heißt, was lässt ihn selbstbestimmt handeln? Die Antwort ist simpel: Wahrnehmen, begreifen und handeln. Die Kunst fordert uns heraus, den Blick auf die Welt zu verändern, sie nicht nur zu erleben, sondern sie zu gestalten. Nur so lässt sich der Begriff der „Wirkung“ in seiner Tiefe begreifen – als der Moment, in dem Kunst nicht nur geschaffen, sondern auch verstanden und weitergedacht wird.
Bildung ist ein höchst individueller Prozess und lässt sich nicht in festen Einheiten messen. Es geht nicht nur um Unterrichtsstunden oder Ressourcen, sondern auch um die Fähigkeit, das Gelernte in der Praxis anzuwenden. Wilhelm von Humboldt sah Bildung nicht nur als Wissensvermittlung, sondern als einen aktiven, selbstbestimmten Teilhabeprozess an der Gesellschaft. Es ist eine fortwährende Auseinandersetzung mit der Welt und die Entfaltung des eigenen Potentials. Wahre Bildung findet dort statt, wo Wissen nicht nur angehäuft, sondern auch lebendig gemacht wird.
Weder in der Bildung noch in der Kunst lässt sich Erfolg leicht in Zahlen fassen. Er liegt nicht in Prüfungen oder Verkaufszahlen, sondern in der Veränderung, die ein Werk oder eine Lektion im Inneren des Menschen hervorruft. Kunst ist erfolgreich, wenn sie bewegt – wenn sie den Zuschauer zur Reflexion anregt oder ihm neue Perspektiven eröffnet. Auch Bildung ist erfolgreich, wenn sie den Individuen hilft, sich selbst zu verstehen und in der Welt zu handeln. Sie muss über das rein Wissenserwerbende hinausgehen und in einem kreativen Prozess ihre Wirkung entfalten.
Wissenschaft sucht das Vorhandene zu erklären, doch Kunst hat das gesteigerte Potenzial, Neues zu erschaffen. Leider wird dieses kreative Potenzial in der heutigen Welt oft unterschätzt. Die großen Bühnen der Kunst präsentieren meist das Bekannte, anstatt den Mut aufzubringen, neue Wege zu gehen. Doch wahre Kunst lebt nicht von der Wiederholung der Vergangenheit, sondern von ihrer Fähigkeit, neu zu denken und die Gegenwart zu beeinflussen. Kunst ist die Entdeckung des Unbekannten, und ihre wahre Wirkung zeigt sich dann, wenn sie unser Verständnis der Welt herausfordert.
Was einen Kriminalroman entzaubert, ist das Wissen um das Ende. Musik jedoch bleibt spannend, auch wenn man ihre Struktur kennt. Sie lebt nicht nur von der Technik, sondern von der unendlichen Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Selbst der geschulte Hörer entdeckt immer neue Facetten eines Stücks, die ihm zuvor verborgen blieben. Musik ist ein lebendiger Prozess, der sich ständig neu erschließt – sie bleibt im Dialog mit dem Hörer und entfaltet ihre Wirkung immer wieder aufs Neue.
Wirkung ist nicht nur eine äußere Veränderung, sondern ein innerer Prozess. Sie entsteht, wenn wir Vertrauen in uns selbst und in andere haben und wenn wir bereit sind, unsere Begeisterung zu teilen. Der Hirnforscher Gerald Hüther nennt dieses Vertrauen „Liebe“ und unterstreicht die Bedeutung von drei zentralen Vertrauensressourcen: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Vertrauen in andere Menschen und Vertrauen darauf, dass sich Dinge zum Guten wenden. Diese weichen, oft unsichtbaren Faktoren sind es, die uns zu einem guten Leben führen und Selbstwirksamkeit fördern.
Wirkung ist mehr als eine äußere Veränderung. Sie ist ein kreativer Prozess, der sowohl in der Kunst als auch in der Bildung eine bedeutende Rolle spielt. Kunst entfaltet ihre Kraft, wenn sie neue Perspektiven eröffnet und den Menschen zum Nachdenken anregt. Bildung hingegen ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern ein Dialog zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, der zu einer umfassenden Persönlichkeitsentwicklung führt. Wirkung ist ein schöpferischer Austausch – sie entsteht durch Vertrauen, Aufmerksamkeit und den Mut, Neues zu schaffen.
Wirkung als schöpferischer Prozess – entsteht durch aktives Gestalten und Reflexion.
Kunst als Impulsgeber – eröffnet neue Perspektiven, fordert zum Nachdenken auf.
Bildung als Persönlichkeitsentwicklung – mehr als Wissensvermittlung, ein lebenslanger Dialog mit der Gesellschaft.
Selbstwirksamkeit als Schlüssel – Vertrauen, Begeisterung und Kreativität ermöglichen Veränderung.
Wirkung durch Austausch – entsteht in der Wechselwirkung zwischen Individuum und Umwelt.
Mut zum Neuen – echte Wirkung zeigt sich in Innovation, nicht in bloßer Wiederholung.
Der Anfang des Textes wurde durch eine Anzeige der PwC-Stiftung (Hör.Forscher) inspiriert. Deren Ziel ist es, die kulturelle und ökonomische Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern, um deren Kreativität, Urteilskraft und Selbstvertrauen zu stärken.
Duden
Laut dem Duden wird der Begriff „Wirkung“ als „durch eine verursachende Kraft bewirkte Veränderung, Beeinflussung, bewirktes Ergebnis“ definiert (Duden, online unter: www.duden.de, zuletzt abgerufen am 05.März 2025).
Humboldt
Das Zitat „Wilhelm von Humboldt verstand Bildung als die selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft“ fasst seine Bildungsphilosophie zusammen, die er in verschiedenen Schriften darlegte. In seinem Bericht an den preußischen König von 1809 betonte Humboldt die Notwendigkeit einer allgemeinen Menschenbildung, die nicht nur auf berufliche Fähigkeiten abzielt, sondern die umfassende Entwicklung individueller Potenziale fördert. Er argumentierte, dass Bildung die Grundlage für die aktive und selbstbestimmte Teilnahme des Einzelnen am gesellschaftlichen Leben bildet. Dieses Konzept spiegelt sich auch in seinen Reformplänen für das preußische Bildungssystem wider, wie im Königsberger Schulplan von 1809, in dem er die Bedeutung einer ganzheitlichen Bildung für alle Gesellschaftsschichten hervorhob.
Besonders relevant sind:
· Wilhelm von Humboldt: „Theorie der Bildung des Menschen“ (1793) – In diesem Fragment beschreibt Humboldt Bildung als einen Prozess der freien Entfaltung individueller Potenziale.
· Wilhelm von Humboldt: „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792) – Hier plädiert Humboldt für eine minimale staatliche Einmischung in Bildungsprozesse, um Selbstbestimmung zu ermöglichen.
· Wilhelm von Humboldt: „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin“ (1810) – Dieser Text war Grundlage für die Humboldt’sche Universitätsreform und betont die Verbindung von Forschung und Lehre zur individuellen Entfaltung.
· Humboldts Schulreformpläne (1809/1810) – In seinen Bildungsreformen für Preußen hebt er hervor, dass Bildung nicht nur Wissen vermittelt, sondern zur aktiven und reflektierten Teilhabe an der Gesellschaft befähigt.
Eine direkte Formulierung des Zitats findet sich in dieser Form nicht in Humboldts Originaltexten, doch die Idee entspricht seinem Bildungsideal, das auf Selbstbestimmung, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlicher Teilhabe beruht. (Zusammenfassung der Quellen nach ChatGPT)
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Wie Kultur verpflichtet
Das Miteinander ist ein zentrales Element des menschlichen Lebens. Doch wie können wir es konkret erleben? In diesem Essay wird untersucht, wie Philosophie, Musik und Kultur uns dabei helfen können, das Miteinander nicht nur zu verstehen, sondern auch zu spüren und zu leben.
Henri Bergson (1859 – 1941), ein Vertreter des Vitalismus (Lebensphilosophie), beschreibt den „Élan vital“ als eine innere Lebenskraft, die alles durchdringt. Sie zeigt sich nicht nur im persönlichen Wachstum, sondern auch im gemeinsamen Streben nach Gemeinschaft. Viele christliche Werte wie Mitgefühl und Solidarität sind auch ohne religiöse Bindung mittlerweile grundlegend für das Miteinander in der Gemeinschaft akzeptiert. Jede Gemeinschaft sollte sich fragen: Würde etwas fehlen, wenn wir nicht mehr da wären?
Albert Schweitzers Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“ unterscheidet zwischen lebensfördernden und lebensfeindlichen Handlungen. Diese Haltung gilt nicht nur für Menschen, sondern für alles Leben. Es geht weniger um starre Regeln, sondern um eine Geisteshaltung, die sich in jeder Handlung widerspiegelt. Es ist die Art wie ich etwas mache, die Art wie ich ein Musikstück interpretiere. Die Intention ist entscheidend.
In der islamischen Tradition findet sich eine Erzählung, bekannt als „Geschichte von der Witwe und dem Kalifen“. In dieser Geschichte baut der Kalif ein großes Krankenhaus, um Ruhm zu erlangen, während eine arme Witwe nur einen kleinen Betrag spendet, aber dies aus tiefster Überzeugung und ohne jegliche Erwartung von Anerkennung tut. Ihre Tat wird als wertvoller angesehen, da sie aus wahrer Hingabe und Demut stammt. Es geht nicht darum, dass ein Politiker oder eine Partei Tierschutz oder Waffenlieferungen fordert, es geht darum, dass nachvollzogen werden kann, welche Beweggründe zu dieser oder jener Entscheidung geführt haben. Die Person soll integer sein und nach ihren eigenen Kriterien bestehen können, so wie es der Kant’sche Imperativ fordert: Dein Handeln werde zur Maxime.
Im antiken Athen gab es ein System, das eine Form der politischen Verantwortung vorsah, die mit lebenslanger Haftung für politische Entscheidungen verbunden war. Dies war insbesondere in der Zeit der Demokratie Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. der Fall. Ein markantes Beispiel für dieses System war die Praxis der eisangelia, die es den Bürgern ermöglichte, Politiker, die als schädlich für die Gemeinschaft angesehen wurden, anzuklagen. Diese Verantwortung bedeutete, dass Politiker und Beamte für ihre Gesetze und Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden konnten, auch viele Jahre nach ihrer Amtszeit. Wenn ein Politiker oder Beamter ein Gesetz einbrachte oder eine Entscheidung traf, konnte er später, falls sich diese als schädlich oder nachteilig für den Staat herausstelle, für seine Handlungen angeklagt und bestraft werden.
Ostrakismos war ein Verfahren, bei dem Bürger einen Politiker, den sie als Bedrohung für die Demokratie empfanden, für bis zu zehn Jahre aus der Stadt verbannen konnten. Dies war eine Art, um Politiker langfristig für ihre Taten verantwortlich zu machen.
Insgesamt war die politische Verantwortung im antiken Griechenland so angelegt, dass Politiker für ihre Taten und Gesetze nicht nur während ihrer Amtszeit, sondern auch danach zur Verantwortung gezogen werden konnten.
Jeder lebt sein eigenes Leben und macht seine eigenen Erfahrungen. So ist jedes Leben einzigartig. Und nur das, was ich selbst erlebt habe, kann in mir Mitschwingen. Und diese Erfahrungssamen können durch das Mitschwingen bei ähnlichen Erfahrungen sich erweitern und mir so Türen zu neuen aufstoßen. Erfahrungen und Resonanz spielen dabei eine zentrale Rolle: Nur das, was wir selbst erlebt haben, kann in uns widerhallen und unser Miteinander bereichern. Wenn die Geisteshaltung des Einzelnen stimmt, stimmt diese auch im Kollektiv.
Der Konvivialismus beschreibt eine Gesellschaftsform, die von Gegenseitigkeit, Gerechtigkeit und Zusammenhalt geprägt ist. Er fordert ein Gleichgewicht zwischen individuellem Wohl und kollektivem Nutzen. Kinder leben diese Prinzipien oft instinktiv: Sie suchen Bestätigung, Aufmerksamkeit und Ermutigung – essentielle Elemente für ein gesundes soziales Gefüge.
Ansehen wird durch Ansehen verliehen – das ist Freundlichkeit.
Der Begriff „Person“ ist im Lateinischen als „persona“ bekannt, was ursprünglich „Maske“ oder „Rolle“ auf der Bühne des antiken Theaters bedeutete. Später wurde der Begriff auch auf das menschliche Individuum übertragen, vor allem im rechtlichen und philosophischen Kontext.
Es ist auch möglich, dass der Begriff auch aus dem Griechischen von „πρόσωπον“ (prosopon) stammen könnte, was ebenfalls „Gesicht“ oder „Maske“ bedeutet. „Pros“ bedeutet „zu“ oder „hin zu“, die genaue Bedeutung von „-opon“ in diesem Fall ist historisch nicht vollständig aufgeschlüsselt, könnte aber die Bedeutung von „auf dass, damit“ gehabt haben. Die ursprüngliche Bedeutung könnte also sein „mit dem Gesicht auf etwas hin, damit ...“.
„Persona“ bedeutet also ein gemachtes Antlitz. Dies ist ein alter Begriff, der heute nur noch selten verwendet wird. „Ant-“ kommt aus dem Althochdeutschen „antlitz“ und bedeutet so viel wie „Gegenüber“, „Entgegen“ oder „Vorderseite“ (also das, was man ansieht).
Das Wort „Antlitz“ setzt sich zusammen aus den Althochdeutschen Bestandteilen „ant-“ und „-litz“. „Ant“ bedeutet so viel wie „Gegenüber“, „Entgegen“ oder „Vorderseite“, also das, was man ansieht, im Sinne von „gegenüberstehend“. „-litz“, bedeutet „Gesicht“ und könnte etymologisch mit „sehen, blicken, leuchten“ verwandt sein.
Ein Schauspieler hinter seiner Maske („Person“) ist aufgerufen das Gesicht zu zeigen.
Im Lateinischen bedeutet das Wort „facies“ Gesicht. wobei das Gesicht die Person, das Ansehen und die Identität repräsentiert. Interessant ist die sprachliche Ähnlichkeit mit Verb „facere“ (lat.: machen, tun).
Das Wort „Ansehen“ verweist auf das „Gesehen-Werden“. Freundlichkeit und Respekt verleihen Ansehen, indem sie den anderen als Subjekt anerkennen. In der Musik wird dies so erfahrbar: Die Intention des Musikers verleiht einem Stück Bedeutung, die über die Noten hinausgeht.
Albert Schweitzer betrachtete den Willen zum Leben als verbindendes Element allen Lebens. Musik, als universelle Sprache, verbindet Menschen und ermöglicht tiefgehende Erfahrungen. Sie hilft uns, uns selbst und andere besser zu verstehen.
Ebenso verbindet uns der Wunsch gut zu leben. Wir sollten öfter unserem inneren Kompass vertrauen und auf die Schnittmenge aller menschlichen Grundbedürfnisse schauen. Die meisten kleineren Kinder sind hier noch unvoreingenommen. Sie schätzen Bestätigung, Zuwendung und gemeinsame Erlebnisse. Mit offener Betrachtung können wir unseren Kompass so wieder einnorden.
Demut (lat.: „humilitas“) bedeutet wörtlich „aus der Erde stammend“. Übertragen heißt das, sich als Teil eines Ganzen zu begreifen. Sie widerspricht der Haltung des Belehrens und Herrschens. Die Schöpfung zu ordnen, bedeutet demnach ihr weise zu dienen. Sobald ich jemanden belehre, stelle ich mich über ihn. Das widerspricht der Demut. Demut bedeutet, zu erkennen, dass wir mit allen anderen Menschen auf einer Stufe stehen.
In der Musik zeigt sich dies durch zugewandtes Hinhören und die Anpassung an andere. Diese gegenseitige Abstimmung ist eine Grundlage für funktionierendes Miteinander.
Musik ermöglicht es uns, uns in andere hineinzuversetzen und ihre Gefühlswelt nachzuvollziehen. Sie schafft Resonanz, die sich auf verschiedene Weise zeigt:
Zeitgleich: Gemeinsames Musizieren oder Hören verbindet durch Synchronisation
Vergangenes Erleben: Alte Musik vermittelt vergangene Denk- und Fühlräume
Kulturelle Vielfalt: Unterschiedliche Musikstile zeigen, was andere Menschen bewegt
Unter „Musiké“ verstanden die Griechen eine Einheit von Sprache, Körper, Tanz und Musik. Kultur macht den Menschen aus. Solidarität und Miteinander zeichnen den Menschen aus und diese unterscheiden ihn vom Tier. Musik geht nur im Miteinander. Der Mensch wiederum brachte etwas hervor, das noch keine Spezies vor ihm erschaffen hatte: Kultur. Mithilfe der Kultur konnten unsere Vorfahren Wissen von einer Generation zur nächsten übertragen. So entwickelten sie immer bessere Möglichkeiten, die Umwelt zu ihrem Vorteil zu formen. Und mit dieser Macht geht eine gewaltige Verantwortung einher.
Kunst und Musik beleben Räume und Gemeinschaften. Es geht nicht um Perfektion, sondern um gemeinsame Gestaltung und Exzellenz. Selbst Orte der Stille können zu besonderen Erlebnissen musikalischer Erfahrung werden.
Jack Ma, der Gründer der weltgrößten online Plattform Ali Baba, betonte in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum 2018, dass Kunst, Musik und Sport entscheidend sind, um das Menschliche in einer zunehmend technisierten Welt zu bewahren. Sie fördern kreative Querdenker, die neue Perspektiven einbringen.
Jack Mas Eltern waren übrigens Musiker und Geschichtenerzähler, die das traditionelle Tinkpan praktizierten, eine sprechende und singende Kunst, um sich selbst und anderen die Welt zu erklären. Diesen Weltzugang haben sie mit Erfolg an ihren Sohn weitergegeben.
Edward Decis[1] „Self-Determination-Theory“ zeigt, dass Motivation nicht von außen erzwungen werden kann, sondern durch Bedingungen entsteht, die Eigenmotivation ermöglichen. Musik schafft diese Bedingungen spielerisch durch emotionale Anregung und soziale Interaktion.
Ziel ist es, einen größeren spirituellen Weg zu finden, indem man Glaubenserfahrungen macht, die sowohl geistliche als auch körperliche Erfahrungen beinhalten.
Die Seele speichert alle Erfahrungen, deshalb ist es wichtig, das Wissen und die Wahrnehmung der Seele zu stärken. Dies kann man erreichen, indem man das Gefühl erlebt, geliebt, verbunden und durchlichtet zu sein. Um das zu schaffen, sollte man versuchen, das eigene innere Leuchten zu spüren und selbst Licht zu sein. Durch diese Erfahrungen kann man vom christlichen Glauben zu einem größeren spirituellen Weg gelangen.
Das Miteinander wird durch Resonanz, gemeinsame Erlebnisse und eine offene Geisteshaltung erlebbar. Musik bietet Möglichkeiten, Verbindungen zwischen Menschen, Räumen und Kulturen zu schaffen und Empathie zu fördern. Durch wertfreie Wahrnehmung und bewusstes Erleben können wir das soziale Miteinander aktiv gestalten.
Es geht darum, Neugier und Wissensdurst zu wecken, den Intellekt für Neues zu öffnen. Es geht um Mitgefühl, darum, die Herzen zu öffnen. Es geht um Mut, um die Fähigkeit, unsere kognitiven Ressourcen zu mobilisieren.
Unsere Herausforderung besteht darin, nicht in Urteilen zu verharren, sondern Raum für echte Begegnungen zu schaffen. Nur so wird das Miteinander greifbar und erfahrbar.
„Ihnen sei die Conclusio des OECD-Lernkompass 2030 noch einmal ans Herz gelegt: Bis heute kennt die Forschung nichts, das die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern in vergleichbarer Weise fördert wie der Musik -und Kunstunterricht.“[2]
„Der Mensch braucht Stunden, wo er sich sammelt und in sich hinein lebt.“[3]
Fazit in Stichpunkten
Resonanz als Schlüssel: Gemeinschaft entsteht durch emotionale und kognitive Resonanz – sei es in der Musik, in Begegnungen oder in kulturellen Traditionen.
Musik als Brücke: Musik fördert Empathie, verbindet Menschen über Zeit und Raum hinweg und schafft eine gemeinsame Erfahrungswelt.
Offene Geisteshaltung: Ein wertfreier Blick auf die Welt ermöglicht echte Begegnungen und verhindert vorschnelle Urteile.
Kulturelle Verantwortung: Kultur ist mehr als ein Luxusgut – sie trägt zur gesellschaftlichen Entwicklung bei und verpflichtet uns zum bewussten Handeln.
Bildung und Kreativität: Kunst, Musik und Sport fördern kreative Querdenker und sind essenziell für ein ganzheitliches Lernen – wie auch der OECD-Lernkompass 2030 bestätigt.
Spirituelle Dimension: Das Erleben von Zugehörigkeit, Licht und Liebe stärkt die Seele und kann den Weg zu einer tieferen, ganzheitlichen Spiritualität ebnen.
Die Herausforderung: Statt in Urteilen zu verharren, müssen Räume für echte Begegnungen geschaffen werden – nur so wird das Miteinander greifbar und erfahrbar.
Jack Ma, der Gründer von Alibaba, betonte in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum 2018 die entscheidende Bedeutung von Kunst, Musik und Sport, um das Menschliche in einer zunehmend technisierten Welt zu bewahren. Diese Disziplinen fördern kreative Querdenker, die neue Perspektiven einbringen. Ma erklärte, dass das traditionelle Bildungssystem, das stark auf Wissen basiert, durch die Technologie zunehmend obsolet wird. Stattdessen müssten wir unseren Kindern Fähigkeiten vermitteln, die Maschinen nicht erlernen können, wie Werte, unabhängiges Denken, Teamarbeit und Fürsorge für andere. Diese „weichen Fähigkeiten“ würden vor allem durch Sport, Musik und Kunst gefördert. Weitere Informationen zu dieser Thematik finden sich in einem Artikel auf smartstringteacher.com und einem Video von Jack Ma, in dem er die Bedeutung von Liebe im Geschäftsleben erläutert (YouTube, 2018).[4]
„Auf die Füße kommt unsere Welt erst wieder,
wenn sie sich beibringen läßt,
daß ihr Heil nicht in Maßnahmen,
sondern in neuen Gesinnungen besteht.“[5]
[1] Edward L. Deci (*1942) ist ein US-amerikanischer Psychologe und Mitbegründer der Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT), die er gemeinsam mit Richard M. Ryan entwickelte. Seine Forschung zeigt, dass echte Motivation vor allem dann entsteht, wenn drei psychologische Grundbedürfnisse erfüllt sind: Autonomie (das Gefühl, selbstbestimmt handeln zu können), Kompetenz (das Gefühl, Herausforderungen meistern zu können) und soziale Eingebundenheit (das Gefühl, mit anderen verbunden zu sein). Diese Theorie hat bedeutenden Einfluss auf Pädagogik, Arbeitspsychologie und die Förderung von Kreativität und Selbstwirksamkeit.
[2] Aus: „Mit Musik lernen, unsere Welt (wieder) zu verstehen" von Jürgen Oberschmidt, veröffentlicht in der Neuen Musikzeitung (nmz) am 30. März 2021.
[3] Schweitzer, A., zitiert nach: Aphorismen: https://www.aphorismen.de/zitat/99450 - abgerufen am 15. März 2025
[4] https://www.youtube.com/watch?v=4zzVjonyHcQ&embeds_referring_euri=https%3A%2F%2Fchatgpt.com%2F&source_ve_path=OTY3MTQ – abgerufen am 27. Februar 2025
[5] Schweitzer, A., zitiert nach: Zitate Fibel: https://zitate-fibel.de/zitate/albert-schweitzer-auf-die-fuesse-kommt-unsere-welt-erst-wieder-wenn-sie-sich-beibringen-laesst-dass-ihr-heil-nicht-in-massnahmen-sondern-in-neuen-gesinnungen-besteht - abgerufen am 16. März 2025
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Gesellschaft, Psychologie und Kultur im Spannungsfeld von Krieg und Frieden
Wir leben im Jahr 2025 in einer Ära anhaltender Krisen, in der die Auswirkungen vergangener Ereignisse – von der Corona-Pandemie bis hin zu geopolitischen Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten – weiterhin spürbar sind. Die Gesellschaft befindet sich in einem Zustand permanenter Unsicherheit, in dem eine Krise scheinbar nahtlos in die nächste übergeht. Dies wirft zentrale Fragen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen auf, die eine Reflexion über die Bedeutungswelten von Krieg und Frieden herausfordern.
Die anhaltenden Krisen führen zu einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft. Die Omnipräsenz medialer Berichterstattung erzeugt einen ständigen Handlungsdruck, der Entspannung verhindert und Meinungen verhärtet. Individuen pochen zunehmend auf ihre eigenen Überzeugungen, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächt und das große Ganze aus dem Blick geraten lässt. Infolgedessen wird es schwierig, von einem kollektiven Volkswillen oder von integrativen politischen Bewegungen zu sprechen.
Ökonomische Messgrößen wie Geld und wirtschaftlicher Erfolg dominieren viele gesellschaftliche Debatten. Dies geschieht nicht zwangsläufig, weil sie das Wesentliche des menschlichen Daseins darstellen, sondern weil sie eine objektiv erfassbare Größe sind. In einem solchen Klima wird Aggressivität zu einem häufig gewählten Mittel der Konfliktbewältigung, wobei für viele der Zweck die Mittel heiligt.
Frieden manifestiert sich in zwischenmenschlicher Solidarität und einem respektvollen Miteinander. Der Fokus liegt auf dem Gemeinwohl, wobei nicht nur der Inhalt von Aussagen zählt, sondern auch die Intention, mit der sie getätigt werden. Eine friedliche Gesellschaft ist durch gegenseitige Wertschätzung, gewaltfreie Kommunikation und dynamisches Gleichgewicht geprägt. Diese Prinzipien stehen in enger Verbindung mit Albert Schweitzers Konzept der „Ehrfurcht vor dem Leben“.
Eine Möglichkeit, um vom Kriegs- in den Friedenszustand zu gelangen ist es zum Hinhören zu verführen. Die Musik, die dann erklingt, darf nicht mehr verklingen. Das kann geschehen durch Beziehung. Musik berührt direkt, Musik überrascht. Wenn Identitätsfindung nicht durch Abgrenzung, sondern durch gemeinsame Musik gelingt, dann zeichnet diese Kultur wieder Menschen aus.
Wie drücken Menschen ihr Empfinden in Musik aus und welche Gefühle sind das? Hier geht es nicht immer um große Gefühle, es geht auch nicht darum, die Gefühle mit Worten beschreiben zu können. Das ist das Schöne an Instrumentalmusik: Sie berührt und verbindet, ohne durch Worte determiniert zu sein. Diesen Ausdruck und die Art des Ausdrucks miterleben zu können, mitgenommen zu sein, das verbindet über den gemeinsamen Puls – mit der Musik, mit den Musizierenden.
Solange wir denken, dass Gutes das Gegenteil von Schlechtem ist, wird es immer Konflikte geben. Wenn wir in Gegensätzen denken, zeigt das bereits, dass unser Denken gespalten ist, und das führt zwangsläufig zu Trennung, Leid und Konflikten.
Das Schöne, Wahre und Gute zeigt sich dann, wenn wir erkennen und verstehen, was die Ursachen für Trennung, Leid und Konflikte sind. Dies erfordert ständiges Lernen.
Es gibt immer eine Lösung, wenn der Mensch auf das Gute ausgerichtet ist. Bert Hellinger[1] drückt dies so auf aus: „Wer andere herabsetzt, gibt sich selber preis.“ Und Gerald Hüter[2] meint bezogen auf Synapsen im Gehirn: „Ohne Freude wächst nichts“. Das alles bedeutet, dass im Verbindenden, in der Ganzheit unsere wahre Kraft liegt.
Arjuna Ardagh[3] gibt einen einfachen Tipp, um sich mit einem anderen Menschen zu verbinden: „Füge drei Wörter hinzu und du verbindest und trennst nicht mehr: ... just like me – so wie ich.“
Als Musiker möchte ich noch auf die Parasprache hinweisen: Der Ton macht die Musik; wie wird etwas gesagt. Ohne den Kontext, ohne die Sprachmelodie entstehen in geschriebener Sprache Unsicherheiten, die wiederum Keim für Konflikte sein können. In Bezug auf die aktuellen Krisen bedeutet das: Es gibt jetzt nicht nur eine einzige Wahrheit. Unterschiedliche Wahrheiten müssen erst einmal koexistieren können. Die „Wir gegen Sie“-Mentalität hat viele Debatten unproduktiv gemacht. Es ist wichtig, die unterschiedlichen Perspektiven zu akzeptieren und Gespräche zu fördern, um Verständnis und Freundlichkeit wiederherzustellen. Hinter jedem Nein steht ein Ja – und genau dieses Ja gilt es auch zu hören. Was für Gefühle stehen hinter den Worten? Was für eine Welt, was für ein Mensch steht hinter den Gefühlen?
C. G. Jung unterscheidet in seinem „Roten Buch“ zwischen zwei fundamentalen Kräften: dem Geist der Zeit und dem Geist der Tiefe.
Der Geist der Zeit
Der Geist der Zeit verkörpert den rationalen, wissenschaftlichen und kulturellen Mainstream einer Epoche. Er bestimmt, wie Menschen denken, welche Werte sie vertreten und wie sie gesellschaftliche Entwicklungen interpretieren. In der modernen Welt dominiert dieser Geist in Form einer verstärkten Ausrichtung auf Logik, Wissenschaft und technologischen Fortschritt.
Der Geist der Tiefe
Dem gegenüber steht der Geist der Tiefe, der das Unbewusste, Archetypische und Mythische umfasst. Er offenbart sich durch Träume, Symbole und künstlerische Ausdrucksformen. Erst durch die Auseinandersetzung mit diesen tiefenpsychologischen Aspekten ist eine ganzheitliche menschliche Entwicklung möglich.
Jung empfand, dass er als Wissenschaftler zunächst nur dem Geist der Zeit gefolgt war. Doch als er sich intensiver mit seinen eigenen inneren Bildern auseinandersetzte, erkannte er die Bedeutung des Geistes der Tiefe. Diese Auseinandersetzung führte ihn zur Entwicklung seiner Theorien über das Unbewusste, Archetypen und die Individuation.
Jung betont die Notwendigkeit eines Gleichgewichts zwischen diesen beiden Kräften, um ein erfülltes und bewusstes Leben zu führen.
Durch die hohe Schlagzahl der Krisen und die fehlenden Ruheplateaus richtet sich unser Bewusstsein vornehmlich auf den Geist der Zeit. Die ständige Vernetzung und mediale Reizüberflutung halten Menschen in einem Zustand der permanenten Alarmbereitschaft: Wir sind immer online, auf Neuigkeiten ausgerichtet und damit beschäftigt das Überleben zu organisieren; und sei es nur durch Abstumpfung. Der Geist der Tiefe, passiert im Innen, im Offline-Modus. Dieser spricht über Musik und Poesie. Es ist der Geist der Wildheit. Er steht für eine ungezähmte Kreativität, die einerseits ersehnt, andererseits jedoch gefürchtet wird. Aber eben diese Kombination von Geist der Tiefe in der Zeit zeichnet uns Menschen aus und ist Ausdruck von Kultur. Kultur ist daher nicht bloßer Luxus, sondern eine essenzielle Grundlage für das geistige Überleben der Menschheit, wie es Richard von Weizsäcker treffend formulierte: „Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert. – Und diesen geistigen Boden gilt es zu pflegen.“[4]
Die Beruhigung des Geistes
Ein erster Schritt zur inneren Ausgeglichenheit ist die bewusste Regulation der eigenen Gedanken. Der Psychologe Rick Hanson[5] empfiehlt, wiederkehrende Gedankenmuster zu erkennen und bewusst zu hinterfragen: „Bringt mir dieser Gedanke eine neue Erkenntnis? Falls nicht, lasse ich ihn los.“ Hanson vergleicht das menschliche Innenleben mit einem Tempel, in den gelegentlich störende Einflüsse eindringen. Diese Einflüsse zu bekämpfen, verstärkt nur das innere Chaos. Stattdessen sollte das Ziel sein, störende Gedanken zu erkennen, sie bewusst wahrzunehmen und sie dann loszulassen.
Konflikte als Transformationsprozess
Ein zentrales Problem in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist die Tendenz, Konflikte durch die bloße Zerstörung des Gegners lösen zu wollen.
Michael Ende schlägt in seinem Buch „Jim Knopf und der Lokomotivführer“ eine sehr poetische Möglichkeit des Drachen Frau Mahlzahn vor[6]:
„Wer einen Drachen überwinden kann, ohne ihn umzubringen, der hilft ihm, sich zu verwandeln. Niemand, der böse ist, ist dabei besonders glücklich, müsst ihr wissen. Und wir Drachen sind eigentlich nur so böse, damit jemand kommt und uns besiegt. Leider werden wir allerdings dabei meistens umgebracht. Aber wenn das nicht der Fall ist, so wie bei euch und mir, dann geschieht etwas sehr Wunderbares. (…)
Wir Drachen wissen sehr viel. Aber solange wir nicht überwunden worden sind, fangen wir damit nur Böses an. Wir suchen uns jemanden, den wir mit unserem Wissen quälen können – so wie ich zum Beispiel die Kinder. Ihr habt es ja gesehen. Wenn wir aber verwandelt sind, dann heißen wir ‚goldener Drache der Weisheit’, und man kann uns alles fragen, wir wissen alle Geheimnisse und lösen alle Rätsel. Aber das kommt alle 1000 Jahre nur einmal vor, weil eben die meisten von uns getötet werden, ehe es zu Verwandlung kommt.“
Diese Metapher verdeutlicht, dass wahre Konfliktlösung nicht durch Eliminierung des Gegners, sondern durch einen Prozess der Transformation erreicht wird. Es erfordert die Fähigkeit, verschiedene Meinungen auszuhalten und dennoch den Dialog aufrechtzuerhalten.
Die Auseinandersetzung mit den Konzepten von Krieg und Frieden zeigt, dass der Schlüssel zum gesellschaftlichen Fortschritt in der Balance zwischen Rationalität und Intuition, zwischen Geist der Zeit und Geist der Tiefe liegt. Eine Welt, die allein auf den Geist der Zeit fokussiert ist, verliert den Kontakt zu inneren Werten, Kreativität und Empathie. Musik, Kunst und Philosophie sind essenzielle Instrumente zur Wiederherstellung dieses Gleichgewichts. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spaltung ist es daher von entscheidender Bedeutung, aufeinander zuzugehen, Unterschiede anzuerkennen und das Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen.
Der Wille beantwortet die Frage: Was? Die Absicht beantwortet die Frage: Wie?
„Wir sehen in anderen Menschen nicht Mitmenschen, sondern Nebenmenschen – das ist der Fehler.“[7]
Gesellschaftliche Polarisierung: Krisen führen zu Spaltung und Aggressivität, unterstützt durch Medien und wirtschaftlichen Fokus.
Frieden: Friedliche Gesellschaften basieren auf Solidarität, Respekt und gewaltfreier Kommunikation.
Musik als Friedensförderer: Musik verbindet und fördert Frieden durch gemeinsame, nonverbale Erfahrungen.
Konfliktlösung: Konflikte werden nicht durch Zerstörung, sondern durch Transformation und im Dialog gelöst.
Jungs Perspektive: Gleichgewicht zwischen Rationalität (Geist der Zeit) und Kreativität (Geist der Tiefe) ist entscheidend.
Kultur: Kultur sichert die geistige Überlebensfähigkeit der Menschheit (Richard von Weizsäcker).
Balance: Rationalität und Intuition müssen für gesellschaftlichen Fortschritt vereint werden.
Dialog: Unterschiede akzeptieren, das Gemeinsame betonen und Konflikte als Chance zur Transformation nutzen.
[1] Bert Hellinger (1925–2019) war ein deutscher Psychotherapeut und Begründer der Methode des Familienstellens. Sein Ansatz basierte auf der Annahme, dass familiäre Verstrickungen und unbewusste Dynamiken das Leben und Verhalten von Individuen beeinflussen. Durch das Aufstellen von Familienmitgliedern in einem Raum sollten verborgene Beziehungsstrukturen sichtbar und gelöst werden. Seine Methoden waren umstritten, fanden aber in therapeutischen und esoterischen Kreisen breite Anwendung.
[2] Gerald Hüther (*1951) ist ein deutscher Neurobiologe, der sich intensiv mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns und den Auswirkungen von sozialen Beziehungen auf das Lernen und Wohlbefinden beschäftigt hat. Er ist bekannt für seine Arbeiten zur Neuroplastizität und betont die Bedeutung von emotionalen Bindungen und positiven Erlebnissen für die geistige und soziale Entwicklung. Hüther ist ein Kritiker des traditionellen Bildungssystems und plädiert für ein Lernumfeld, das auf Vertrauen, Anerkennung und intrinsischer Motivation basiert. In seinen Büchern und Vorträgen spricht er häufig darüber, wie wichtig es ist, das menschliche Potenzial durch eine unterstützende und empathische Umgebung zu fördern. Ein zentrales Anliegen Hüthers ist es, Menschen zu befähigen, ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten.
[3] Arjuna Ardagh (*1957) ist ein in Kalifornien lebender Autor, Coach und Sprecher. Er ist Gründer der Living Essence Foundation in Nevada City, Kalifornien, einer gemeinnützigen Organisation, die sich der Bewusstseinsentwicklung im Alltag widmet. Ardagh hat über 2000 Menschen ausgebildet und ist bereits weltweit als Referent aufgetreten.
[4] Rede zur Kulturförderung, 1991. Vögele Kultur Zentrum, https://www.voegelekultur.ch/kulturdigital/brauchen-wir-kultur.
[5] Rick Hanson (*1952) ist ein US-amerikanischer Neuropsychologe, Autor und Meditationslehrer. Er beschäftigt sich mit den Themen Resilienz, Achtsamkeit und Neuroplastizität. Er verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Psychologie und Neurowissenschaft mit praktischen Methoden zur mentalen und emotionalen Stärkung.
[6] Ende, M. (1960). Jim Knopf und der Lokomotivführer. München: Thienemann Verlag. 25. Kapitel, S. 219ff
[7] Schweitzer, A., zitiert nach: Aphorismen: https://www.aphorismen.de/zitat/187483 - abgerufen am 15. März 2025
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Warum die Heilkraft der Stimme mehr ist als nur Musik für die Seele
Albert Schweitzer hatte mehrere Verbindungen zum Gesang, vor allem zum Chorsingen:
Ab 1894 war Schweitzer als Organist des Wilhelmer-Chors (= „Chœur de Saint-Guillaume“) unter der Leitung von Ernst Münch tätig. Dieser Chor widmete sich insbesondere den Werken Johann Sebastian Bachs und wurde so wichtig für die Wiederentdeckung Bachs in Straßburg.[1]
Als Vikar in Straßburg war er in die musikalische Gestaltung von Gottesdiensten eingebunden, bei denen Chöre regelmäßig Choräle und geistliche Werke sangen.
Im Jahr 1905 gehörte Schweitzer zu den Mitbegründern der Pariser Bach-Gesellschaft, eines Chores, der sich der Aufführung von Bachs Musik widmete. Bei deren Konzerten übernahm Schweitzer regelmäßig den Orgelpart bis 1913.[2]
In seinem Krankenhaus in Lambaréné spielte das gemeinsame Singen eine bedeutende Rolle im Alltag. Schweitzer förderte das Singen als Mittel zur Gemeinschaftsbildung und seelischen Stärkung.[3] Bis kurz vor seinem Tod war ihm das gemeinsame Singen wichtig. So übernahm er bei der abendlichen Bibellesung die Begleitung des Schlusschorals bis Mitte August 1965.[4]
Der folgende Text greift die zentrale Verbindung zwischen Gesundheit, Musik und Mensch auf – ein Thema, das Albert Schweitzer zeitlebens beschäftigte. Der Text soll aufzeigen, wie Singen nicht nur Seele, sondern auch Körper und Geist stärkt, was im Einklang mit Schweitzers gesamtem Werk steht, das stets auf das Wohl des Menschen ausgerichtet war.
Singen ist mehr als nur eine angenehme Freizeitbeschäftigung – es ist eine Quelle von Freude, die tief in unserer biologischen Natur verwurzelt ist. Wer kennt nicht das Gefühl, wenn sich eine Melodie in den Kopf schleicht und das Herz schneller schlägt? Es scheint fast, als ob Singen unsere Seele berührt, uns in einem Moment voller Glück und Leichtigkeit erhebt. Doch die Vorteile des Singens gehen weit über die reine Freude hinaus – zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass Singen nicht nur unser emotionales Wohlbefinden stärkt, sondern auch unser physisches und psychisches Gleichgewicht fördert. In dieser Betrachtung wollen wir die gesundheitlichen Aspekte des Singens ergründen und warum es eine wunderbare Praxis ist, die jeder in sein Leben integrieren sollte.
Dass Singen die Seele erhebt, ist allgemein bekannt. Aber wussten Sie, dass es auch das Immunsystem stärkt? Zahlreiche Studien belegen, dass das Singen die Produktion von Immunglobulin A (IgA) anregt – einem wichtigen Antikörper, der die Abwehrkräfte des Körpers stärkt. Laut einer Studie von Kreutz et al. (2004) fördert das Singen nicht nur die Aktivität des Immunsystems, sondern kann auch die allgemeine Krankheitsresistenz steigern. Wer regelmäßig singt, wird seltener von Erkältungen geplagt und fühlt sich vitaler. Also, warum nicht die Stimme erheben und die eigene Abwehr stärken?
Darüber hinaus ist das Singen ein ausgezeichnetes Training für die Atemmuskulatur. Studien wie die von Vickers et al. (2006) haben gezeigt, dass regelmäßiges Singen das Atemvolumen und die Atemkapazität verbessert. Durch die Förderung der Zwerchfellaktivität wird die Lungenfunktion gestärkt – und das ganz ohne schweißtreibendes Fitnessprogramm! Singen ist vergleichbar mit einer Yoga-Einheit. Es stärkt die Blutzirkulation, was wiederum positive Effekte auf das Kreislaufsystem und den Blutdruck hat (Tsang et al., 2009). Wer regelmäßig singt, tut nicht nur seiner Seele, sondern auch seinem Körper Gutes!
Übung: Erstellen Sie eine Playlist mit Ihren Lieblingsliedern, die Sie motivieren und Ihr Wohlbefinden steigern. Hören Sie diese regelmäßig und singen Sie evtl. die Lieder mit – so fördern Sie nicht nur Ihre Stimmung, sondern auch Ihr Immunsystem.[5]
Singen hat auch eine erstaunliche Wirkung auf unser emotionales Gleichgewicht. Studien belegen, dass es das Stresshormon Cortisol reduziert und das allgemeine Stressniveau senkt (Clift et al., 2008). Stellen Sie sich vor: Sie sind nach einem langen Arbeitstag völlig erschöpft, aber anstatt sich weiter in den Sorgen des Alltags zu verstricken, setzen Sie sich hin und singen oder summen Sie Ihr Lieblingslied. Schon nach wenigen Minuten werden Sie merken, wie sich der Druck in Ihrem Körper löst. Singen ist wie ein mentaler Reset-Schalter!
Darüber hinaus fördert das Singen das Wohlbefinden auf einer tiefgreifenden Ebene. Der emotionale Ausdruck beim Singen hilft dabei, das Selbstbild zu stärken und Gefühle zu verarbeiten. Eine Studie von Fancourt et al. (2016) zeigt, dass gemeinsames Singen in der Gruppe das psychische Wohlbefinden erheblich steigern kann. Und wer kennt das nicht – die Freude und Erleichterung, wenn man zusammen mit anderen singt und sich einfach fallen lassen kann?
Ein weiterer emotionaler Vorteil des Singens: Es regt die Ausschüttung von Glückshormonen wie Endorphinen und Serotonin an. Eine Studie von Strong et al. (2013) fand heraus, dass die Teilnahme an Chören das Wohlbefinden und das Glücksempfinden erheblich steigern kann. Singen wird also nicht nur zur Heilmethode für den Körper, sondern auch zur Quelle der Lebensfreude.
Übung: Üben Sie die Bauchatmung – legen Sie eine oder beiden Hände an den Bauch. Atmen Sie tief durch die Nase ein und stellen Sie sich vor, dass Ihr Bauch sich nach außen wölbt, versuchen Sie die Hände wegzuatmen.[6]
Es gibt eine weitere Dimension des Singens, die nicht übersehen werden darf: Die soziale Komponente. Singen in Gruppen ist eine kraftvolle Aktivität, die das Gemeinschaftsgefühl fördert. Laut einer Studie von David et al. (2016) stärkt gemeinsames Singen soziale Bindungen und fördert das Vertrauen unter den Teilnehmern. Die Gemeinschaft wird zu einer Quelle der Unterstützung und Freude, die weit über das eigentliche Singen hinausgeht.
Zusätzlich zeigt eine Untersuchung von Croom (2012), dass gemeinsames Singen positive emotionale Reaktionen hervorruft. Es ist eine Aktivität, die Menschen verbindet und das Gefühl der Zugehörigkeit stärkt – ein Gefühl, das in unserer heutigen, oft isolierten Welt von unschätzbarem Wert ist. Es ist das gemeinsame Erleben und Teilen von Musik, das das Band zwischen den Menschen vertieft und die zwischenmenschlichen Beziehungen auf ein neues Level hebt.
Die gesundheitlichen und emotionalen Vorteile des Singens sind unbestreitbar und vielfach durch wissenschaftliche Studien belegt. Es stärkt das Immunsystem, fördert die Atemmuskulatur, reduziert Stress und steigert das allgemeine Wohlbefinden. Singen ist nicht nur eine Quelle der Freude, sondern auch ein kraftvolles Werkzeug für ein gesünderes, glücklicheres Leben. Und das Beste daran: Es erfordert keine besonderen Fähigkeiten oder Ausrüstungen – jeder kann singen und die positiven Effekte für sich nutzen. Nehmen Sie sich also vor, das Singen regelmäßig in Ihren Alltag zu integrieren. Singen Sie, um Ihre Gesundheit zu fördern, Ihre Stimmung zu heben und sich mit anderen zu verbinden. Es ist ein einfaches, aber mächtiges Mittel, um Ihr Leben zu bereichern!
Körperliche Vorteile: Singen stärkt das Immunsystem, verbessert Atemvolumen und Lungenfunktion, fördert Blutzirkulation und Kreislaufsystem.
Emotionale Vorteile: Singen senkt das Stresshormon Cortisol, hilft beim emotionalen Ausdruck und steigert das Selbstbild. Es fördert die Ausschüttung von Glückshormonen (Endorphin, Serotonin).
Psychische Vorteile: Singen hat einen mentalen Reset-Effekt, reduziert Stress und fördert das allgemeine Wohlbefinden.
Soziale Komponente: Singen in Gruppen stärkt soziale Bindungen, Vertrauen und das Gefühl der Zugehörigkeit.
Alltagsintegration: Singen ist einfach und erfordert keine besonderen Fähigkeiten. Es ist ein kraftvolles, gesundheitsförderndes Mittel, das Freude und Lebensqualität steigert.
Empfehlung: Regelmäßiges bzw. gemeinsames Singen als Teil des Alltags fördert Gesundheit, Stimmung und soziale Verbindungen.
· Bauer, S. (2025). Regulierung der innerseelischen Verfassung: Tiefenpsychologische Aspekte des Improvisierens in der Musiktherapie. üben & musizieren, 2025(1), 22–26
· Kölsch, S. (2019). Good Vibrations: Die heilende Kraft der Musik. Berlin: Ullstein. ISBN: 978-3-550-05052-7
· Kreutz, G. (2020). Warum Singen glücklich macht (Neuauflage). Gießen: Psychosozial-Verlag. ISBN: 978-3-8379-2900-3
Sichtung und Übersetzung folgender englischsprachiger Quellen durch ChatGPT
· Kreutz, G., Clift, S., Bongard, S., & Waring, H. (2004). Choral singing and psychological well-being. Musicae Scientiae, 8(1), 33-46.
· Vickers, A. J., & Wilkins, E. A. (2006). The effects of choral singing on the respiratory and immune systems. Journal of Music Therapy, 43(4), 328-338.
· Tsang, H. W., Chan, E. Y., & Cheung, W. M. (2009). The effects of singing on the cardiovascular system. Journal of Clinical Nursing, 18(6), 781-789.
· Clift, S., & Hancox, G. (2008). The perceived benefits of singing for dementia patients. Journal of Music Therapy, 45(4), 354-372.
· Fancourt, D., & Perkins, R. (2016). The impact of group singing on mental well-being in individuals with depression: A randomized controlled trial. Psychosomatic Medicine, 78(8), 827-837.
· Strong, M., & Fisher, D. (2013). The effects of group singing on happiness and well-being. Music and Medicine, 5(1), 12-16.
· David, D. S., & Walther, A. K. (2016). Sings with me, sings with you: The role of group singing in the creation of social bonding. Social Psychological and Personality Science, 7(6), 531-539.
· Croom, A. M. (2012). Music and social bonding. Psychology of Music, 40(3), 221-247.
· Gick, M. (2011). The impact of group singing on communication and social interaction. Psychology of Music, 39(3), 389-402.
„Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt.“[7]
[1] Vgl.: Erbacher Hof. „Albert Schweitzer und die Musik“: https://erbacher-hof.de/schweitzer/musik - abgerufen am 26. März 2025.
[2] Wikipedia. „Albert Schweitzer.“ Letzte Änderung am 22. März 2025: https://en.wikipedia.org/wiki/Albert_Schweitzer - abgerufen am 26. März 2025
[3] verschiedene Quellen, hier u.a.: Pasler, Jann. „The Well-Tempered Savage: Albert Schweitzer, Music, and Imperial Writing.“ Bryn Mawr College Repository, 2009, https://repository.brynmawr.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1001&context=french_pubs. - abgerufen am 26. März 2025.
[4] Schweitzer, A.: Leben und Denken: https://erbacher-hof.de/schweitzer/leben-und-denken - abgerufen am 31. März 2025.
[5] Kölsch führt dazu in seinem Buch verschiedene Beispiele an.
[6] Mehr zu Atmung: Amazon.de: „CRANIO-SACRAL-ATMUNG NACH WIRBEL: Körperliche Gesundheit durch Atmung und Bewegung“, verfügbar unter: https://www.amazon.de/CRANIO-SACRAL-ATMUNG-NACH-WIRBEL-k%C3%B6rperliche-Gesundheit/dp/B09RGBFR6Q. - abgerufen am 31. März 2025
[7] Schweitzer, A., zit. nach Demokratiegeschichten, https://demokratiegeschichten.de/albert-schweitzer-ueber-ethik-und-verantwortung - abgerufen am 15. März 2025
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Künstliche Intelligenz vs. Natürliche Intelligenz
Die Entwicklung der sogenannten Künstlichen Intelligenz schreitet rasant voran, obgleich der Begriff der Intelligenz in diesem Zusammenhang ein Euphemismus ist. Korrekt formuliert handelt es sich um hochentwickelte Algorithmen, die mit zunehmender Geschwindigkeit Aufgaben bewältigen, die vormals allein dem menschlichen Geist vorbehalten waren. Dieser Fortschritt ist beeindruckend, doch ruft er ebenso viele Fragen wie Befürchtungen hervor. Angst? Gewiss. Und das nicht ohne Grund.
Angst ist jedoch stets eine Reaktion auf ein Ungleichgewicht. Dort, wo ein Gegengewicht fehlt, kommt jedes System ins Schwanken. Ein Pendel ohne Gegengewicht schlägt unkontrolliert aus, bis es kippt. Und das Gegengewicht zur Künstlichen Intelligenz ist nicht etwa eine noch raffiniertere Version von Algorithmen, sondern das, was der Mensch von Natur aus besitzt: Natürliche Intelligenz. Eine Begrifflichkeit, die weniger prahlerisch ist als der Ausdruck „menschliche Intelligenz“, und doch ein weitaus größeres Spektrum umfasst.
Hier betreten wir das Denken Albert Schweitzers, der erkannte, dass Leben stets darauf abzielt, anderes Leben zu erhalten und Neues zu erschaffen. Doch worin besteht das Neue? Die Künstliche Intelligenz ist imstande, aus bestehendem Wissen neue Kombinationen zu generieren, doch sie wird nie aus sich selbst heraus die Grenzen des Systems sprengen. Sie ist ein geschickter Jongleur bereits vorhandener Bälle, doch sie wird nie einen neuen Ball erschaffen. Bildlich gesprochen: Ihre DNA bleibt unverändert.
Hier nun stellt sich die entscheidende Frage: Was ist natürliche Intelligenz? Was hebt den Menschen von anderen Lebewesen ab? Es ist nicht bloß sein Intellekt, es ist seine Fähigkeit zur Kooperation, zur Symbiose, zum Miteinander. Hochkulturen entstehen nicht durch Einzelkämpfer, sondern durch die raffinierte Vernetzung von Fähigkeiten, durch das Ineinandergreifen von Rädern und Rädchen. Sobald sich die Zahnräder nicht mehr verzahnen, zerfällt das Getriebe. Ein Mensch alleine überlebt nicht, ein Volk ohne Gemeinschaft zerfällt, eine Zivilisation ohne Zusammenhalt scheitert.
Die eigentliche Krise unserer Zeit ist nicht der Fortschritt der Künstlichen Intelligenz, sondern das mangelnde Wachstum der natürlichen Intelligenz. Natürliche Intelligenz ist nicht allein eine Frage des Verstandes, sondern ebenso eine des emotionalen und spirituellen Verstehens. Wir sprechen hier noch nicht einmal von Weisheit, denn Weisheit ist das Endprodukt von Verstehen und Erfahrung. Und diese Erfahrung kann nur im gelebten Miteinander reifen.
Die Künstliche Intelligenz mag den menschlichen Verstand überflügeln, doch ohne emotionale und spirituelle Tiefe bleibt sie ein leeres Konstrukt, ein hochoptimiertes, aber seelenloses Getriebe. Und der Mensch? Der Mensch kann nur erkennen, was er selbst erfahren hat. Die Wahrnehmung folgt der Erfahrung, und Erfahrung ist nicht allein eine Frage der Logik, sondern eine Frage des Fühlens, des Berührens, des gelebten Lebens.
Unsere Aufgabe ist es nicht, die Künstliche Intelligenz zu fürchten. Unsere Aufgabe ist es, unsere eigene natürliche Intelligenz zu entwickeln, unser emotionales und spirituelles Verstehen zu schärfen und das menschliche Miteinander als den wahren Motor von Fortschritt und Kultur zu erkennen. Denn wenn wir dies nicht tun, dann sind es nicht die Maschinen, die uns überwältigen werden. Wir werden uns selbst in der Kälte unserer eigenen Verkörperung verlieren.
Die einfache Antwort lautet: durch Berührung, durch berührt werden.
Das ist eine Aussage von beunruhigender Einfachheit. Wie alle wahren Dinge hat sie den Nachteil, dass sie der bequemen Komplexität widerspricht, die unsere modernen Hirne so lieben. Man glaubt gemeinhin, Intelligenz wäre ein Produkt harter Arbeit, intensiven Studiums, einer Disziplin aus Zahlen und Worten, aufgereiht wie Soldaten in einer gut geführten Armee. Doch Intelligenz erwächst nicht aus dieser mentalen Bürokratie, sondern aus etwas viel Intimerem: aus Berührung.
Betrachten wir die verschiedenen Dimensionen dieses Wortes. Berührung kann körperlich, geistig und emotional geschehen. Lauschen ist eine Kunst, die dem modernen Menschen zunehmend fremd wird. Es ist die absichtslose Aufnahme eines Klanges, frei vom Reflex, ihn zu bewerten, einzuordnen, zu etikettieren. Der Mensch wird ganz Ohr. Stattdessen hören wir oft mit vorgefertigten Kategorien, wie das „Vier-Seiten-Modell“ („Kommunikationsquadrat“) von Friedemann Schulz von Thun es illustriert. Ein Satz wird nicht einfach gehört, sondern von einem inneren Sekretariat analysiert und in die Schubladen „Sachinhalt“, „Selbstoffenbarung“, „Beziehung“ oder „Appell“ einsortiert. Doch wahre Intelligenz entzieht sich solchen Schranken. Sie erfordert das nackte Lauschen, das unmittelbare Erleben, die Bereitschaft, sich berühren zu lassen.
Warum ist ein Waldspaziergang erholsam? Nicht, weil wir dort intellektuelle Herausforderungen bestehen, sondern weil unsere gewohnten Denkkategorien versagen. Das Rauschen der Blätter, das Plätschern eines Baches, das Zwitschern eines Vogels – keines dieser Elemente verlangt von uns, eine Position einzunehmen. Das Denken legt seine Waffen nieder, und in dieser Demut entsteht Raum für Intelligenz.
Wenn wir lesen, dann erlauben wir den Worten eines anderen, unser Gehirn zu besetzen. Ist das nicht eine intime Handlung? Die Gedanken eines Fremden dringen in unser Bewusstsein ein, nehmen Form an, führen Dialoge mit unseren eigenen Gedanken. Noch tiefer geht die Berührung beim Singen: Ein einzelner Mensch, der singt, ist bereits berührt – von der Vibration seines eigenen Körpers, von seinen Emotionen, von den Emotionen des Textes oder der Melodie. Und gemeinsames Singen ist nochmals eine andere Ebene. Hier entsteht eine Berührung ohne direkten Körperkontakt: eine Synchronisation von Herzschlägen, Atemzügen, innerem Puls. Hier ist keine Vereinzelung, sondern eine Intelligenz, die nicht nur aus Verstand, sondern aus geteiltem Fühlen, aus gemeinsamem Puls erwächst.
Und dann die körperliche Berührung selbst! Wie kann man von Intelligenz sprechen, ohne die Weisheit des Körpers anzuerkennen? Ein sanftes Streichen über Haare oder Wangen übermittelt dem Vagusnerv, dass alles in Ordnung ist. Die moderne Gesellschaft hat vergessen, dass Intelligenz nicht von Angst genährt wird, sondern von Sicherheit, von Geborgenheit. Jin Shin Jyutsu erhebt diese uralte Wahrheit zur Heilpraxis: das bewusste Berühren, das intuitive Lauschen auf die Rückmeldungen des eigenen oder eines anderen Körpers. Hier werden Blockaden nicht erzwungen, sondern gelöst – nicht mit Gewalt, sondern mit Aufmerksamkeit.
Die Ironie ist, dass wir heute glauben, Intelligenz sei ein Produkt der Isolation. Wir setzen Kinder vor Bildschirme, Erwachsene in Büros, lassen Gespräche zu digitalen Botschaften verkommen, die keine Stimme, keinen Klang, keine Berührung haben. Wir versuchen, Intelligenz zu erschaffen, indem wir ihre natürlichen Wurzeln kappen.
Doch wahre Intelligenz wächst nicht in der Stille einer kalten Datenbank, sondern in der Wärme der Berührung. Sei es durch Worte, durch Klang, durch Handauflegen oder durch die sanfte Bewegung eines Atemzugs im Einklang mit anderen. Wer dies vergisst, wird wohl klug sein, aber niemals weise.
Künstliche Intelligenz: Schnell, leistungsfähig, doch begrenzt durch bestehendes Wissen und fehlende emotionale sowie spirituelle Tiefe.
Natürliche Intelligenz: Umfasst nicht nur Verstand, sondern auch emotionale und spirituelle Dimensionen, die den Menschen von Maschinen abheben.
Herausforderung der Zeit: Die wahre Krise ist das unzureichende Wachstum der natürlichen Intelligenz, insbesondere im Bereich des Miteinanders und der emotionalen Tiefe.
Berührung als Schlüssel: Intelligenz entsteht durch echte Berührung – körperlich, geistig und emotional. Diese Berührung öffnet den Raum für echte Intelligenz und Weisheit.
Verlust der natürlichen Intelligenz: Moderne Gesellschaften tendieren zur Isolation (Bildschirme, digitale Kommunikation), was die natürlichen Wurzeln der Intelligenz kappen kann.
Wahre Intelligenz: Entsteht nicht in der Kälte der Technologie, sondern in der Wärme des gemeinsamen Erlebens, der Synchronisation und des Mitgefühls.
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Ein Plädoyer für Berührung und Verbindung
Die Welt ist rastlos. Man eilt, man hastet, man verliert sich in der Geschwindigkeit der modernen Existenz – und all das mit einem Ziel, das oft im Nebel verborgen liegt. Doch ein schlichtes Prinzip könnte diesen Tumult durchbrechen: Berührung. Sie ist es, die uns daran erinnert, dass wir nicht bloße Maschinen sind, sondern fühlende, lebendige Wesen. Und doch: Wer spricht heute noch von Zärtlichkeit, ohne belächelt zu werden?
In unserer Gesellschaft hat sich ein sonderbares Missverständnis verankert: Zärtlichkeit gilt als privat, eine Angelegenheit hinter verschlossenen Türen, bestenfalls eine sentimentale Marotte. Dabei ist sie nichts Geringeres als das Fundament unserer Gemeinschaft. Sie ist nicht Schwäche, sondern Kraft – die einzige Kraft, die in der Lage ist, den Menschheitszirkus von Konkurrenz, Angst und Vereinzelung zu entwaffnen. Die Ironie ist offenkundig: Wir preisen die Liebe, aber fürchten die Berührung.
Großstädte sind das Sinnbild dieses Paradoxons. Hier, wo Millionen Menschen auf engstem Raum koexistieren, müsste Nähe allgegenwärtig sein. Stattdessen regiert die Anonymität. Jeder verfolgt seine Ziele, die Netzwerke sind lose, das Vertrauen brüchig. In dieser ungreifbaren Masse wird der Mensch auf seine Funktionalität reduziert, seine Berührungspunkte sind bürokratischer oder kommerzieller Natur. Man nennt es Fortschritt, doch es ist eine fortgeschrittene Form der Isolation.
Wir haben gelernt, uns zu schützen. Gegen Enttäuschung, gegen Verletzung, gegen Unannehmlichkeiten aller Art. Doch in diesem Schutz liegt das eigentliche Übel. Wer nicht berührt wird, verliert die Fähigkeit, selbst zu berühren – nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Und so verlieren wir uns in einer Welt der Transaktionen, in der Beziehungen zu bloßen Geschäftsvorgängen werden und Glück zu einer Ware, die sich in Workshops und Selbstoptimierungskursen kaufen lässt.
Doch es gibt eine Gegenbewegung. Menschen, die das Spiel durchschaut haben und sich weigern, als Zahnräder in der Maschine zu funktionieren. Sie suchen die Verbindung, jenseits von Konsum und Statussymbolen. Sie wissen: Das Leben ist keine mechanische Abfolge von To-do-Listen, sondern ein vibrierender Tanz, der sich entfaltet, wenn man innehält, statt einfach nur durchzuhalten. Sie folgen keiner vorgefertigten Erzählung, sondern schreiben ihr eigenes Buch – jenes goldene Buch, das erst beginnt, wenn man die Konventionen ablegt und das Leben mit allen Sinnen begreift.
Ein gutes Symbol dafür ist das Spielen, für das am Ruhetag Zeit sein sollte: Gegenstände, Worte und Menschen können im Spiel neue, von ihrem ursprünglichen Zweck abweichende Bedeutungen und Rollen annehmen. Wenn wir spielen, kommt unsere Wahrnehmung in den Fluss und wir erleben einen neuen, kreativen Umgang miteinander und mit unserer Umwelt. Das Spiel ist also ein Vorgang, bei dem wir unsere Welt neu erschaffen können, anstatt nur nach vorgegebenen Gesetzen zu funktionieren.
Und damit sind wir wieder bei der Berührung. Denn was ist ein erfülltes Leben anderes als die Fähigkeit, sich berühren zu lassen – von einem Wort, einem Blick, einer Geste? Wer das nicht versteht, wird auf seinem Sterbebett nicht von seinen Erfolgen sprechen, sondern von den Berührungen, die ausgeblieben sind.
Der Sozialstaat des 21. Jahrhunderts wird sich daran messen lassen müssen, wie ernst er diese Einsicht nimmt. Es reicht nicht mehr, nur den Körper zu pflegen, während die Seele verkümmert. Einsamkeit ist kein individuelles Versagen, sondern ein gesellschaftliches Problem. Und der Schlüssel zur Lösung ist so simpel wie revolutionär: Man muss wieder lernen, Mensch zu sein. Mit Haut und Haar, mit Herz und Hand. Zärtlichkeit erzeugt positive Affekte wie Wärme und Gelassenheit. Sie bringt Menschen zusammen und schafft so die Grundlage für kollektives Handeln.
Denn am Ende bleibt nur eine Frage: Warst du wirklich hier? Hast du gefühlt, berührt, gelebt? Oder hast du nur funktioniert?
Die Antwort darauf schreibt jeder für sich – mit jeder Berührung, die er zulässt.
Verbindung ist ein großes Wort. Es schwingt mit Bedeutung, mit Versprechen, mit der Sehnsucht nach Tiefe. Doch was ist Verbindung wirklich? Sie entsteht nicht aus bequemer Übereinstimmung oder aus dem höflichen Austausch oberflächlicher Freundlichkeiten. Nein, sie entspringt einem ganz anderen Boden – dem Selbst-Verstehen und offenen Hinhören, dem echten Zuhören. Die größte Täuschung der Menschheit ist der Glaube, dass wir Nähe durch Gleichheit erzeugen. Wir glauben, dass, wenn wir einander zustimmen, ja, uns gar selbst in den Worten des Anderen wiederfinden, wir verbunden sind. Welch ein Irrtum! Echte Verbindung entsteht dort, wo ich mich selbst erkenne und dich in deiner Wahrheit bestehen lasse.
Wahrhaftigkeit ist der Prüfstein jeder Beziehung – ob zu anderen oder zu sich selbst. Aus dem Herzen heraus zu leben bedeutet, nichts zwischen sich und die eigene Wahrheit zu stellen. Keine höflichen Floskeln, keine gut gemeinten Anpassungen, keine intellektuellen Verrenkungen. Wer spürt, was er sagt, muss nichts überdenken – das Hirn ist dann Diener und nicht Herr. Doch wehe dem, der sich in den Zwängen des Alltags verliert, der sein Leben zu einer endlosen Kette von Terminen degradiert, in der kein Raum mehr bleibt für ein einfaches: „... und dann?“ Diese Frage sollte immer am Ende einer fertigen To-Do-Liste wahrhaftig beantwortet werden können. Wer sich so selbst entwurzelt, hat bald nichts mehr, mit dem er sich verbinden könnte.
Die Welt der Materie selbst erzählt uns bereits eine Geschichte über Verbindung. Ulrich Warnke[1] beschreibt, dass zwischen den festen Massen unserer Realität – den Atomen, den Molekülen, den greifbaren Dingen – ein Vakuum existiert. Dieses Vakuum, in dem weder Masse noch Zeit noch Kraft wirken, ist paradoxerweise der Ort, an dem Information ruht, zeitlos und raumlos gespeichert. Ist es nicht ebenso mit den Menschen? Wir meinen, dass es die sichtbaren, greifbaren Dinge sind, die uns verbinden: gemeinsame Interessen, gemeinsame Werte, gemeinsame Erlebnisse. Doch die wahre Verbindung geschieht in dem, was nicht gesehen werden kann – in den Momenten der Stille, im ehrlichen Blick, im leisen Innehalten statt ruhelosem Durchhalten.
Und was wächst ohne Freude? Nichts, wie Gerald Hüther es über unser Gehirn sagt. Und was zerstört Freude schneller als Herabsetzung? „Wer andere herabsetzt, gibt sich selbst preis“, sagte Bert Hellinger. Wer über andere richtet, verrät damit nur sein eigenes Inneres. Wer hingegen das Gute sucht – in sich, in anderen, in der Welt – der wird immer eine Lösung finden. Ist das nicht ein einfaches, aber übersehenes Gesetz des Lebens?
So bleibt nur eine Schlussfolgerung: Wer Verbindung sucht, muss sich selbst nicht nur kennen, sondern auch ertragen können. Voller Selbst sein – nicht im Sinne der Egozentrik, sondern der inneren Fülle. Wer wahrhaft verbunden ist, der kann innehalten und lauschen. Wer es nicht ist, der wird sein Leben als Liste unerledigter Aufgaben abarbeiten, bis er sich selbst dabei verliert. Und wenn das geschieht – was bleibt dann noch?
Verbindung ist weder Besitz noch Forderung. Sie ist das stille Band zwischen zwei wachen Geistern. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn alles Oberflächliche abgefallen ist. Sie ist das, was wir immer gesucht haben – und vielleicht, in einem Moment des Innehaltens, endlich finden.
Verbindung ist keine Philosophie, keine Theorie und schon gar kein leeres Ideal. Verbindung ist gelebte Erfahrung, spürbare Realität. So wie es auch Albert Schweitzer beispielhaft vorgelebt hat. Wer die Welt mit wachen Augen betrachtet, wird sie nicht in den engen Mauern eines Dogmas finden, sondern in der Offenheit des Herzens. Schweitzers Ethik und das Alevitentum zeigen erstaunlich ähnliche Denkansätze: Die Aleviten lehren uns beispielsweise etwas, das für viele eine unbequeme Wahrheit ist: Gott ist nicht in der Ferne, nicht auf Bergen, nicht in Tempeln, Kirchen oder Moscheen. „Suche Gott nicht in der Fremde! Gott ist in dir selbst, wenn du reinen Herzens bist.“[2] Wer das versteht, hat den ersten Schritt zur wahren Verbindung getan.
Die meisten Religionen predigen Einheit, doch sie tun es mit einem Aber: Einheit unter einer Bedingung. „Glaube an die eine Wahrheit, folge dem einen Weg, unterwirf dich der einen Lehre.“ Die Aleviten jedoch zeigen eine andere Perspektive: Es gibt nicht eine einzige Wahrheit, sondern viele. Nicht eine einzige Religion, sondern unzählige Pfade. Der Koran, die Bibel, die Tora und die Psalmen – sie alle sind gleichwertig, keine Schrift ist über die andere erhaben. Das ist eine Revolution des Denkens. Sie sprengt die Ketten der Trennung und öffnet den Raum für wahre Verbindung.
Doch was bedeutet das für unser Verhältnis zur Welt? Die Aleviten betrachten den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern als eines von vielen Geschöpfen – gleichwertig mit Pflanzen, Tieren und der Natur selbst. Und doch trägt der Mensch eine besondere Verantwortung: Er ist das Wesen, das erkennen kann. Er sieht, fühlt, begreift – und mit dieser Fähigkeit kommt eine Verpflichtung. Wer mit Verstand begabt ist, kann sein Scheitern nicht auf Gott schieben. Das Leid der Welt ist kein himmlisches Urteil, sondern das Ergebnis menschlichen Versagens, ein Echo unserer kollektiven Fehler. Das ist unbequem, aber es ist auch befreiend. Denn wenn Leid nicht von Gott verhängt wird, dann liegt es in unserer Macht, es zu lindern. Wahre Verbindung bedeutet, diese Verantwortung anzunehmen.
Vielleicht ist die größte Wahrheit eine, die sich uns im eigenen Körper offenbart. „Gott ist dir näher als deine Halsschlagader.“ Eine Metapher? Vielleicht. Doch für jene, die Verbindung wirklich leben, ist es eine spürbare Realität. Wer Gott in sich selbst erkennt, der erkennt ihn auch in anderen. Wer Gott in der Natur sieht, wird sie nicht zerstören. Wer Gott im Tier sieht, wird ihm mit Achtung begegnen. Und wer Gott in seinem Gegenüber sieht, wird ihn nicht mit Hass und Ablehnung strafen.
So offenbart sich Verbindung nicht in Worten, nicht in Überzeugungen, nicht in Ritualen – sondern in der Art, wie wir leben. In der Achtung, die wir allem Lebendigen entgegenbringen. In der Verantwortung, die wir für unser Handeln übernehmen. In der Einsicht, dass keine Wahrheit absolut ist – außer der, dass wir alle miteinander verwoben sind.
Die Schamanen der Anden sagen, dass wir mit zwei Büchern auf die Welt kommen: einem goldenen und einem silbernen. Das silberne Buch ist bereits geschrieben, gefüllt mit Erwartungen, Regeln, Geschichten, die nicht unsere eigenen sind. Doch das goldene Buch – das ist leer. Und der wahre Moment der Reife ist der, in dem wir das silberne Buch weglegen und beginnen, unser eigenes zu schreiben.
Aber wann kommt dieser Moment? In unserer modernen Welt gibt es keine Ältesten mehr, die uns den Übergang zeigen. Keine Rituale, die uns zurufen: Jetzt ist es Zeit! Stattdessen tragen viele ihr silbernes Buch bis zum Ende ihres Lebens mit sich herum, ohne je eine einzige Seite in das goldene zu schreiben. Sie sind Suchende, niemals Findende. Sie folgen Fußspuren, anstatt eigene zu hinterlassen. Sie leben nicht – sie werden gelebt.
Doch wer schreibt, wer wirklich schreibt, der übernimmt Verantwortung. Er erkennt: Ich bin kein Zufallsprodukt, kein Opfer, kein Spielball der Umstände. Ich bin Schöpfer meines eigenen Lebens. Und das bedeutet: Mein Sinn ist nicht vorgegeben, sondern entsteht mit jeder Zeile, die ich selbst in mein goldenes Buch eintrage.
Maya Angelou[3] wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Wir können sein. Sein und besser sein. Weil es sie gab.“ Was für eine Wahrheit liegt darin! Die großen Seelen, die vor uns waren, haben uns nicht Regeln hinterlassen, sondern Möglichkeiten. Sie haben nicht gesagt: Folge mir! sondern: Gehe weiter! Wer die Großen ehrt, folgt ihnen nicht blind, sondern wird größer, weil es sie gab.
Und so ist es mit dem Lebenssinn. Es gibt keinen, den du irgendwo findest. Er liegt nicht in einem Buch, das dir überreicht wird. Er liegt in den Seiten, die du selbst füllst. Wenn du dein goldenes Buch nicht schreibst – wer dann? Wenn nicht jetzt – wann? Und wenn du nur lebst, um die Erwartungen anderer zu erfüllen – hast du dann überhaupt gelebt?
Das Leben ist eine leere Seite. Fülle sie. Nicht mit den Worten anderer, sondern mit deinen eigenen.
Ich bin dein ständiger Begleiter.
Ich bin deine größte Hilfe oder deine schwerste Last.
Ich schiebe dich vorwärts oder ziehe dich nach unten.
Ich unterwerfe mich vollständig deinem Kommando.
Die Hälfte aller Dinge, die du tust, kannst du gern mir überlassen und ich werde diese schnell und gewissenhaft erledigen.
Ich bin einfach zu handhaben; du musst mir gegenüber nur sicher auftreten.
Zeig mir genau, wie du etwas getan haben möchtest und nach ein paar Wiederholungen werde ich es automatisch tun.
Ich bin ein Diener aller großen Menschen und auch aller Versager.
Diejenigen, die erfolgreich sind, habe ich dazu gemacht.
Diejenigen, die Versager sind, habe ich dazu gemacht.
Ich bin keine Maschine, obwohl ich mit der Präzision einer Maschine arbeite und der Intelligenz eines Menschen.
Du kannst mich einsetzen für den Gewinn oder für den Ruin.
Das macht für mich keinen Unterschied.
Nimm mich, trainiere mich,
sei streng zu mir und ich werde dir dienen.
Sei nachlässig mit mir und ich werde dich zerstören.
Wer ich bin? Ich bin ... deine Gewohnheit.
(Quelle unbekannt)
Wie wird Glück erreicht
Ein kritischer Blick auf das Streben nach innerer Zufriedenheit
Glück ist eine der am häufigsten missverstandenen Errungenschaften der Menschheit. Es wird verfolgt wie ein flatterhafter Schmetterling und doch von den meisten nie gefangen. Manch einer meint, es liege im Anhäufen von Reichtümern, andere suchen es in der Bestätigung durch ihre Mitmenschen. Doch wahres Glück verlangt weder Gold noch Applaus – es erfordert Klarheit, Authentizität und Handlungsmut. Wer sich diesen drei Grundprinzipien verschreibt, wird feststellen, dass Glück kein fernes Ziel ist, sondern ein Zustand, der in jedem Moment verwirklicht werden kann.
Erstens: Klare Gedanken
Die Basis des Glücks ist ein klarer Geist, frei von Ballast und Trübsinn. Doch wie erreicht man Klarheit in einer Welt, die von Ablenkungen und Halbwahrheiten überflutet wird? Die Antwort ist einfach und zugleich unbequem: durch Reinigung. Nicht nur des Körpers, sondern auch des Geistes. Wer sich mit mittelmäßigen Gedanken, schlechten Gewohnheiten und falschen Freunden umgibt, darf sich nicht wundern, wenn sein Denken getrübt ist. Nahrung für den Körper ist Nahrung für den Geist – schlechte Kost produziert schlechte Gedanken. Ebenso trüben unbewältigte Konflikte und verdrängte Emotionen den Blick auf die Wirklichkeit. Es ist daher unabdingbar, regelmäßig Bilanz zu ziehen, zu reflektieren und sich mutig den Ursachen innerer Disharmonie zu stellen. Und vor allem: nichts aufschieben! Wer seine Sorgen in die Zukunft vertagt, wird sie dort mit Zinsen zurückerhalten.
Zweitens: Eigene Gefühle
Klare Gedanken sind jedoch wertlos, wenn sie nicht mit ehrlichen Gefühlen einhergehen. Ein Mensch, der nicht fühlt, ist ein bloßes Schattenwesen. Doch viele haben das Fühlen verlernt – sie verdrängen, rationalisieren oder lassen sich von äußeren Einflüssen manipulieren. Das Ergebnis ist ein Leben, das sich an Konventionen orientiert, anstatt am eigenen Innersten.
Gefühle sind kein Zufallsprodukt. Sie entstehen in der Tiefe des eigenen Wesens und können dann frei fließen, wenn der Mensch sich selbst akzeptiert – mit all seinen Schwächen und Stärken. Hier zeigt sich nochmals die Bedeutung der inneren Reinigung: Wer sich in toxischen Umfeldern bewegt, wird sich von negativen Emotionen beherrschen lassen. Wer aber bewusst entscheidet, mit wem er sich umgibt und welchen Einflüssen er Raum gibt, wird feststellen, dass Glück kein entfernter Traum ist, sondern eine Frage der inneren Ausrichtung.
Drittens: Freies und authentisches Handeln
Letztlich bleibt die entscheidende Frage: Was tun mit all der Klarheit und den ehrlichen Gefühlen? Hier liegt der wahre Kern des Glücks – im Handeln! Doch nicht in blindem Aktionismus, sondern in authentischem, selbstbestimmtem Tun. Die größte Tragik der modernen Gesellschaft ist die Vielzahl von Menschen, die ihr Leben nicht nach eigenen Maßstäben leben, sondern nach den Erwartungen anderer.
Glück aber ist nicht die Erlaubnis, sondern die Konsequenz des eigenen Handelns. Wer sich von seinen klaren Gedanken und aufrichtigen Gefühlen leiten lässt, kann gar nicht anders als authentisch zu handeln. Und erst hier, auf diesem festen Fundament, beginnt wahres Glück zu wachsen.
Am Ende weiß jeder Mensch, wo er steht. Wer zweifelt, braucht nicht die Welt zu fragen, sondern sich selbst. Denn Glück ist keine Belohnung, die von außen verliehen wird – es ist die natürliche Folge eines bewussten, eigenverantwortlichen Lebens. Wer sich seiner selbst klar ist, wird erkennen: Meister, du bist ganz, du bist vollkommen, und du bist, was du bist! Jetzt kann dein Leben im Glück beginnen. Bist du bereit?
Zärtlichkeit ist das Fundament unserer Gemeinschaft, nicht Schwäche, sondern eine Kraft, die gegen Isolation und Angst wirkt.
In einer Gesellschaft, die Anonymität und Funktionalität betont, wird die Bedeutung der Berührung unterschätzt.
Verbindung entsteht durch Wahrhaftigkeit und echtes Zuhören, nicht durch Übereinstimmung oder Anpassung.
Wahre Verbindung basiert auf der Anerkennung der eigenen Wahrheit und dem Respekt vor der Wahrheit des Anderen.
Glück entsteht aus klaren Gedanken, ehrlichen Gefühlen und authentischem Handeln.
Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, sein Leben bewusst und selbstbestimmt zu gestalten.
„Alle Not ist eine leibliche und geistige.“[4]
[1] Ulrich Warnke (*1942) ist ein Biologe und Neurobiologe, der für seine Forschung und Veröffentlichungen über die Auswirkungen von Umweltfaktoren auf den menschlichen Körper bekannt ist.
[2] Das Zitat stammt von Hacı Bektaş Veli, einem türkischen Mystiker und Philosophen des 13. Jahrhunderts. Er war der Gründer des Alevitentums, „Wer sind die Aleviten?“, 25. Mai 2021, https://www.evangelisch.de/inhalte/152854/25-05-2021/wer-sind-die-aleviten-alevitentum-deutschland - abgerufen am 05. April 2025. Auf Kalenderblättern wurde dieser Ausspruch früher irrtümlicherweise Albert Schweitzer zugewiesen.
[3] Maya Angelou (1928–2014) war eine amerikanische Dichterin, Schriftstellerin, Schauspielerin und Bürgerrechtlerin. Sie ist bekannt für ihre autobiografischen Werke, insbesondere „I Know Why the Caged Bird Sings“ (1969), in dem sie ihre Kindheit und Jugend in den Südstaaten der USA beschreibt. Angelou setzte sich zeitlebens für soziale Gerechtigkeit und die Rechte von Frauen und Afroamerikanern ein. Ihre kraftvolle, poetische Sprache und ihre Lebensgeschichte machten sie zu einer der bedeutendsten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts.
[4] Schweitzer, A. (o. J.). Der Friede kann nicht durch Gewalt erhalten werden. Er kann nur durch Verstehen erreicht werden: https://www.zitate.eu/autor/albert-schweitzer-zitate/184879 - abgerufen am 18. April 2025.
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.
Kreativer und ethischer Dialog mit der Vergangenheit
Jede Zeit bringt ihre eigenen Errungenschaften, Strömungen und Herausforderungen hervor. Diese gilt es nicht nur zu hinzunehmen, sondern aktiv zu gestalten. Albert Schweitzer, als Arzt, Musiker und Philosoph, hat uns vorgelebt, wie man sich im Geiste einer Tradition weiterentwickeln kann, ohne die Verbindung zur Vergangenheit zu verlieren. Auf der Website „Erbacher-Hof“[1] beschreibt Rainer Noll dieses Prinzip, das den kreativen Dialog mit einer bestimmten Tradition fordert und zugleich die eigene kreative Entfaltung ermöglicht. Besonders anschaulich wird dies in seinen Ausführungen zum Orgelideal Schweitzers, in denen er einige verbreitete Missverständnisse über Schweitzers Stellung in der sogenannten „Orgelbewegung“ aufklärt. Allen Orgelinteressierten seien diese Details an Herz gelegt.
Diese Herangehensweise „Im Geiste von ...“ ist für mich nicht nur eine wertvolle Einladung zur kreativen Auseinandersetzung mit Musik, sondern auch eine Einladung in diesem Sinne, das eigene Leben zu gestalten. Denn die Kreativität von Albert Schweitzer zeigt sich nicht nur in seinem Umgang mit Musik, sondern auch in seinem philosophischen Handeln. Das Prinzip „Im Geiste von …“ – das heißt, sich an den Werten und Ideen eines anderen zu orientieren und sie in der eigenen Zeit weiterzuentwickeln – eröffnet den Raum für eine lebendige Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Es bedeutet, aus der Geschichte zu schöpfen, aber nicht in ihr zu verharren.
In der Musik ist es so: Eine historisierende Werkinterpretation ist nicht automatisch besser oder authentischer, nur weil sie auf einem historischen Instrument gespielt wird. Es geht darum die „Seele“ der Musik und des Instruments zu erfassen und diese dann in der aktuellen Darbietung zum Klingen zu bringen. Dazu braucht es offene Ohren und einen offenen Geist – beides Eigenschaften, die wir von Albert Schweitzer erlernen können. Oft genug hörte ich von Kollegen „Bach spielt man so!“. Doch diese Vorstellung von „richtig“ und „falsch“ zeugt nicht von der eben geforderten Offenheit, sondern eher von interpretatorischem Narzissmus. Mir persönlich geht immer das Herz auf, sobald ich jemanden spielen höre, der das Instrument und den Raum mit der Musik zum Schwingen bringt. Wenn wir Musik wirklich zum Schwingen bringen wollen, wird mehr benötigt als technische Fertigkeit oder großes Selbstbewusstsein. Oft hilft auch etwas historisches Hintergrundwissen zu Entstehungsumfeld und -geschichte des Stückes, um ein Stück neu zu hören.
Ob Bach beispielsweise sein eigenes Werk heute genauso spielen würde wie ich, ist eine Frage für Historiker – nicht für Musiker. Entscheidend ist nicht das, was Bach vielleicht getan hätte, sondern das, was ich mit Überzeugung tue.
Kritik trifft nie Bach selbst, sondern stets meine Interpretation – und damit meine Verantwortung, seinen Geist lebendig zu halten. Egal wie die Kritik auch ausfällt, es ist eben dieser Beitrag, der den Bach’schen Geist wieder lebendig und greifbar werden lässt.
Ein eigener Standpunkt macht angreifbar, aber auch unverzichtbar. Albert Einstein soll gesagt haben: „Der Horizont vieler Menschen ist wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt.“[2] Die Frage ist also nicht nur, ob ich einen Standpunkt habe, sondern ob er auch groß genug ist, um Bestand zu haben. Wer nur im eigenen engen Kreis verharrt, kann nichts Neues schaffen – und wird nie über sich selbst hinauswachsen.
Rainer Noll schreibt treffend: „Der Glaube an die schöpferische Kraft des eigenen Geistes gab ihm (Schweitzer, Anm. d. V.) den Mut, selbständig neben historische Größen zu treten und den Faden der Geschichte in der Gegenwart weiterzuspinnen.“[3] Dieser Gedanke macht deutlich, dass Schweitzer nicht nur in der Vergangenheit verharrte, sondern mit den Prinzipien der großen Traditionen kreativ in die Zukunft ging. Er wagte es, die Vergangenheit nicht als Dogma, sondern als lebendigen Impuls zu begreifen, der ihm erlaubte, sich selbst zu entfalten und Neues zu schaffen.
Das hat auch Johann Sebastian Bach in seiner Orgelbearbeitung des Concertos in G-Dur nach Johann Ernst von Sachsen-Weimar getan. Kongenial nahm er den Geist der originalen Streicherfiguren auf und fand neue, entsprechende Spielmuster für die Orgel. So wurde er dem Original gerecht und reizte die Möglichkeiten eines anderen Instrumentes aus.
Das Gesagte gilt nicht nur für die Musik allein, sondern für das Leben selbst. Die Kunst des Handelns „Im Geiste von …“ setzt voraus, dass wir uns mit uns selbst und mit demjenigen, in dessen Geist wir handeln möchten, verbinden. Es geht darum, die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten zu erkennen, aber auch zu begreifen, was uns bewegt und was unsere Motivation ist. Es geht nicht darum, einem vorgegebenen Weg stur zu folgen, sondern darum, die Prinzipien eines anderen in die eigene Zeit zu übersetzen und kreativ weiterzuführen.
Ehrfurcht vor dem Leben, wie sie Schweitzer lebte, bedeutet auch, sich selbst in gewissen Grenzen zurückzunehmen, um dem anderen Raum zum Leben zu geben. Das ist eine bewusste Entscheidung, die uns hilft, unser eigenes Leben im Zusammenhang mit dem Ganzen zu betrachten. Immanuel Kant wird dieses Zitat zugeschrieben: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“[4] Diese Erkenntnis bringt das Prinzip der gegenseitigen Rücksichtnahme auf den Punkt: Wir müssen uns freiwillig zurücknehmen, um anderen die Entfaltung ihres Lebens zu ermöglichen. Doch diese Rücknahme ist nicht nur eine Frage des Verhaltens, sondern eine innere Haltung, die uns wachsen und reifen lässt. Dadurch lernen wir uns selbst besser kennen und nur wenn wir unser eigenes Leben wertschätzen und achten, können wir auch das Leben des anderen respektieren.
So bedeutet „Im Geiste von Albert Schweitzer“ zu handeln, kreativ zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Es geht darum, in ständigem Austausch mit der Welt zu sein, die Prinzipien von gestern zu kennen und sie gleichzeitig angemessen zu bewahren bzw. zu aktualisieren, um Platz für das Leben von heute zu schaffen. Wenn wir dies tun, handeln wir nicht nur im Sinne der Tradition, sondern auch im Sinne eines lebendigen und kreativen Dialogs mit der Welt. Und so wie Schweitzer in der Musik und der Medizin tätig war, können auch wir in unserem Leben unseren Raum und den Raum anderer wahren – und in diesen kann Leben zum gemeinsamen Klang werden.
Albert Schweitzer zeigt, wie man sich im Geiste einer Tradition weiterentwickeln kann, ohne den Bezug zur Vergangenheit zu verlieren.
Der kreative Dialog mit Tradition bedeutet nicht starres Bewahren, sondern lebendige Weiterentwicklung.
In der Musik geht es nicht um historisierende Korrektheit, sondern darum, die „Seele“ eines Werkes erfahrbar zu machen.
Ein eigener Standpunkt ist wichtig, auch wenn er angreifbar macht – er ist der Schlüssel zu wahrer Kreativität.
Schweitzer verstand die Vergangenheit als Impuls für die Zukunft, nicht als Dogma.
„Im Geiste von …“ bedeutet, Prinzipien zu verstehen und sie in der eigenen Zeit sinnvoll anzuwenden.
Verantwortung für die eigene Interpretation und das eigene Handeln ist zentral.
Ehrfurcht vor dem Leben schließt Rücksichtnahme und Selbstbegrenzung ein, um anderen Raum zur Entfaltung zu geben.
Kreativität und Tradition sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander in einem lebendigen Austausch.
Handeln im Geiste Schweitzers bedeutet, Musik, Leben und Verantwortung in Einklang zu bringen.
„Alle Erkenntnis dient nur dazu,
mein Verhältnis zur Welt zu erfassen.“[5]
[1] „Albert Schweitzer und die Musik“, Erbacher Hof: https://erbacher-hof.de/schweitzer/musik - abgerufen am 31. März 2025
[2] „Zitate von Albert Einstein – richtig oder falsch?“, in: Profil.at, o. J., https://www.profil.at/wissenschaft/zitate-von-albert-einstein-richtig-6107724 - abgerufen am 01. April 2025
[3] A.a.O.
[4] „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, verfügbar unter: https://falschzitate.blogspot.com/2021/08/die-freiheit-des-einzelnen-endet-dort.html - abgerufen am 31. März 2025
[5] Schweitzer, A. (o. J.). Alle Erkenntnis dient nur dazu, mein Verhältnis zur Welt zu erfassen: https://www.zitate.eu/autor/albert-schweitzer-zitate/183820 - abgerufen am 18. April 2025.
Wenn Sie auch lieber ein Buch in der Hand haben ...
Das Buch „Albert Schweitzers Welt – Impulse zum Gedenkjahr 2025“ ist als Taschenbuch und E-Book erhältlich.