4. Januar - Rezensionen zur Neuverfilmung von Der Fremde 2025
Der Kinostart der Neuverfilmung von Albert Camus´ Der Fremde wurde von vielen Kritiken der deutschen Medienlandschaft begleitet. Die Beurteilungen fallen unterschiedlich aus, wobei ich mich frage, ob es der Selbsthervorbringung mancher Kritiker dient, wenn sie mögliche Schwächen nicht nur benennen, sondern als Anlass von Gesamt-Negativbewertung nehmen. An vielen Stellen vermischen die Kritiken das, was der Film zum Ausdruck bringt, mit dem, was Camus geschrieben hat und vermitteln somit den Inhalt auch für die Leser*innen, die mit dem Stoff nicht vertraut sind. Immer wieder wird darauf verwiesen, wie wichtig es ist, die Zusammenhänge mit Camus´ Philosophie zu kennen, um den Film auch einordnen zu können. Dies gilt nach meiner Einschätzung aber weniger für das Publikum, das durch den Film auf Camus´ Werk aufmerksam gemacht werden kann, es sollte vor allem ein Maßstab für Kritiker selbst sein.
Durchweg wird die Verfilmung von François Ozon als ein Wagnis angesehen, dessen Gelingen jedoch unterschiedlich bewertet wird:
In der Aachener Zeitung sieht Günter Jekubzik die Ästhetik des in schwarz-weiß gehaltenen Films als radikalen Schritt, der „Reinheit, Abstraktion und Konzentration ermögliche“. Der Film erschließe sich erst mit Hintergrundwissen, er „fordert“ und stellt die Frage, „wie wir Menschen beurteilen: nach ihren Taten oder nach ihrer Weltsicht?“[1]
Philipp Bovermann (Süddeutsche Zeitung) hält die Verfilmung für „verunglückt“. Trotz der „charmanten Selbstverständlichkeit“, mit der sich Ozon ans Werk gemacht hat, hält er die auf den Gesichtsausdruck des Protagonisten projizierte existentialistische Philosophie für eine „rührend einfältige Art von Werktreue“, die, womöglich aufgrund des „unverfilmbaren Romans“, keine „Neuinterpretation“ mit sich bringt.[2]
Iris Radisch (Die Zeit) empfindet die Neuverfilmung als weitaus „ehrgeiziger“ als die Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahr 1967. Die „minimalistische Strenge“ und „Typisierung der Figuren“ lasse „kaum neuzeitliche Nestwärme aufkommen.“[3]
Michael Kienzl setzt in seiner Rezension im Perlentaucher die von Camus in den Fokus gesetzte Gleichgültigkeit mit einer Gefühlskälte gleich. Er betont die Bedeutung der dem Film unterlegten Sound-Collagen, die „deutlich ereignisreicher [sind] als das, was sich auf der Leinwand abspielt.“ Kienzl bewertet die historischen Anspielungen relativ hoch und kritisiert zugleich, dass sie wie „symbolische Ablasshandlungen“ daher kommen. Ihm missfällt die Werktreue des Films, empfindet die Langsamkeit mitunter als „langatmig“ und wünscht sich mehr Interpretation durch, „weglassen, zuspitzen, hinzudichten“.[4]
Der Historiker Lou Marin schließlich vertritt die Meinung, „dass man Camus’ Gesamtwerk und seine Hinwendung zu einer gerade ethischen Grundlage der Revolte kennen muss, um den Film vor allem als Ausgangspunkt von Camus’ Denkentwicklung verstehen zu können.“
[1] AZ, 1.1.2026
[2] SZ, 1.1.2026
[3] Zeit-online 1.1.2026
[4] Perlentaucher 30.12.2025
Albert Camus' "Der Fremde" in einer Neuverfilmung von François Ozon
Seit 1. Januar 2026 synchronisiert auch in den deutschen Kinos
1967 hat Luchino Visconti Albert Camus´ Der Fremde verfilmt, jenen Roman über das Gefühl der Absurdität, die Sinnleere, die einen an jeder Straßenecke anspringen kann. Nun hat sich der französische Regisseur François Ozon erneut an den Stoff herangewagt und seine Neuverfilmung im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig vorgestellt. Benjamin Voisin tritt hier in die schweren Fußstapfen von Marcello Mastroianni, der im Visconti-Film die Hauptfigur sehr eindringlich verkörpert hat. Der Film spielt in Algier, wurde aber, wie schon David Oelhoffens Camus-Verfilmung Den Menschen so fern (2015) in Marokko gedreht. Zwei entscheidende Fragen drängen sich sofort auf: - Welche Motivation liegt der Neuverfilmung zugrunde? und - Ist es dem Regisseur gelungen, Albert Camus´ philosophischen Leitgedanken zu vermitteln?
Anders, als man es vielleicht hätte erwarten können, wurde der Film nicht in die Neuzeit versetzt, sondern im Algier der 30er Jahre belassen. Er knüpft unmittelbar an die Visconti-Verfilmung an, mit seiner langsamen Erzählweise, den Blick auf kleine Details, ähnlichen Kameraperspektiven, das Ganze verstärkt durch die Entscheidung, den Film, im Gegensatz zu Visconti, konsequent in schwarz-weiß zu drehen. Selbst einige Sequenzen wirken, als wären sie unmittelbar der ersten Verfilmung entliehen, etwa der Gang Meursaults durch das Eisentor, das zu dem Altenheim führt, in dem seine Mutter gestorben ist, oder der Blick aus dem Fenster seiner Gefängniszelle, während sich im Hintergrund die Geräusche des pulsierenden Algiers und der Ruf eines Muezzin entfalten.
Zu Beginn legt der Film zunächst eine falsche Spur: Ähnlich wie im Film Casablanca kreist die Kamera durch den hiesigen Schauplatz Algier, unterlegt mit einer Erzählstimme, die die politische Situation der Spannungen zwischen den arabischen Algeriern und den französischen Kolonialisten beschreibt. Doch für Camus war das Algier, in dem er selbst aufgewachsen ist, und die angespannte Lage zwischen den Völkergruppen nur die Kulisse für eine ganz eigene Geschichte.
Immer wieder ist es notwendig, Äußerungen entgegenzutreten, Albert Camus hätte sich für die Belange der arabischen Algerier nicht ausreichend interessiert. Seine Reportage als junger Journalist über die Armut in der Region der Kabylei, die die französische Kolonialmacht zu verantworten hatte oder seine späteren Stellungnahmen und Briefe, in denen er großes Verständnis für das Streben der Algerier nach Autonomie bewies, zeugen vom Gegenteil. Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud veröffentlichte 2016 Roman „Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung“, der unter anderem als Anklage gegen Camus geschrieben wurde, der dem Araber in seinem Roman als namenlose Figur dargestellt hat. François Ozon greift auf diesen Gedanken zurück, emphatische Nahaufnahmen der Schwester des Arabers, während sie den Prozess gegen Meursault beobachtet und die Einblendung des Grabsteins, auf dem der Name des Getöteten steht, geben dem Araber eine Identität, die wir bei Camus nicht finden.
Während des gesamten Films weicht die Kamera nicht von der Seite des Protagonisten, fortwährend ist sie, während er die Geschehnisse um ihn herum beobachtet, auf sein regloses Gesicht gerichtet. Selbst kleine Details gewinnen an Bedeutung, etwa der über einen Stein krabbelnde Käfer, den Meursault anschaut, als habe beider Leben nichts miteinander zu tun. Darin spiegelt sich sein Verhältnis zur Welt. Auch wenn man seine Gleichgültigkeit nicht nachvollziehen kann, gelingt es als Zuschauer kaum, einer Identifikation mit Meursault auszuweichen. Gemeinsam raucht man mit ihm während der Totenwache am Sarg der Mutter eine Zigarette, folgt dem teilnahmslosen Blick aus dem Fenster seiner Wohnung, isst mit ihm bei Céleste zu Mittag, schwimmt mit ihm und seiner Liaison Marie ins Meer hinaus und steigt gemeinsam mit ihnen auf eine Boje, schaut sich im Kino die Komödie Le Schpountz (1938) mit Fernandel in der Hauptrolle an und wehrt sich nicht, als der Nachbar Sintès ihn für seine Zwecke missbraucht. Schließlich folgt man dem Prozess mit der gleichen Teilnahmslosigkeit wie es Meursault selbst tut.
Schon bevor das Urteil gegen ihn ausgesprochen wird, greift der Regisseur in der Chronologie vorweg und zeigt eine, auf einem kargen Hügel stehende, wie das Kreuz von Golgatha aufgerichtete Guillotine. An dieser Stelle mag sie noch wie eine Bedrohung wirken, die bald darauf Wirklichkeit wird. Dort kommt es zu einer imaginären Begegnung mit der Mutter, die Meursault von der Beiwohnung seines Vater bei einer Hinrichtung und dessen anschließender Erschütterung erzählt – eine authentisch-biografische Begebenheit, die in der Familie Camus´ erzählt wurde. Erst danach setzt François Ozon zum großen und alles entscheidenden Finale an, in dessen Mittelpunkt die widerwillige Begegnung mit dem Gefängnisgeistlichen steht, die zum ersten Mal einen emotionalen Ausbruch Meursaults verursacht und ihn zu einer Reflexion über die Sinnhaftigkeit seines Lebens veranlasst: Ich habe „gefühlt, dass ich glücklich gewesen war und dass ich es noch immer bin.“ Die Schlussszene ist noch einmal der dem Roman wörtlich entnommenen Erzählstimme vorbehalten, die in ihrer nüchternen Tonalität sehr an Camus selbst erinnert.
Der Film wirkt, abgesehen von technischen Feinheiten, die seinerzeit noch nicht möglich waren, in seinem gesamten Duktus, als sei er, wie sein Vorgänger, in den 1960er Jahren gedreht worden. Doch mehr noch als Visconti gelingt es Benjamin Voisin mittels vieler Close-Up-Einstellungen, den gleichgültigen Blick Meursaults auf seine Welt hautnah erlebbar werden zu lassen. Der Film lebt von einer starken Anlehnung an die Ausdrucksformen des Film-Noir mit seiner hell-dunkel Dominanz, die der Schlüsselszene, in der Meursault, von der glühenden Sonne geschwächt und schmerzvoll glühenden Lichtspiegelung geblendet, den Araber erschießt, entgegen kommt.
Die Neuverfilmung von Albert Camus´ L´étranger hinterlässt ein eindrückliches, vielleicht auch bedrückendes Gefühl, aber auch eine Erkenntnis im Sinne der Philosophie über die Absurdität.
Holger Vanicek
Dezember 2025
Vor 66 Jahren reiste Albert Camus von Paris nach Lourmarin, um mit seiner Familie in seinem provenzalischen Haus das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel zu verbringen.
In diesen Tagen dachte er viel über Zuneigung, Beziehung, Verpflichtung und Gefallen nach und das nicht nur im Kontext mit seinem geplanten Werkabschnitt der Liebe. Insbesondere sein letzter Tagebucheintrag ist sehr persönlich, ehrlich und eindringlich: „Manchmal klage ich mich an, unfähig zu sein, jemand zu lieben. Vielleicht stimmt das, aber ich war fähig, ein paar Menschen zu erwählen und ihnen, unabhängig, von ihrem Tun, getreulich das Beste meiner selbst zu bewahren.“
Camus kehrte nicht mehr nach Paris zurück, wo er weiter an einem Theaterstück und seinem Manuskript zu Der erste Mensch, dessen Manuskriptfragment er bei sich trug, arbeiten wollte. Am 4. Januar verunglückte er im Wagen seines Verlegers Michel Gallimard bei Villeblevin, etwa eine Stunde vor Paris. Umso mehr hallt sein letzter Tagebucheintrag nach.
Dieter Hans dockt mit seiner folgenden Prosa an Albert Camus´ Erinnerungen und das Nachdenken über den Verlust von Heimat an:
Restitution
Im Hügeldorf meiner Kindheit , Schauplatz mittlerweile und unlängst von
intensiver Landschaftspflege : Wo einst Wäldchen , Hecken , Feldwege , Höfe und Wiesenhänge jede Art von Abenteuer ermöglichten , ist jetzt Klein-Japan –, Mini-Kyoto … nein , nicht ausgebrochen – sanft eingezogen :
Das Laurensberger Landschaftsrelief wurde genutzt für Bungalows der gehobenen und höchsten Preiskategorien : Geboten wird Fernsicht, kleinteilige Gartenziselierung, Kuschelei mit Landschaftsmulden: Tokugawa-Architekturen , holz-, glas-und grünreich durch mikroskopischen Blick für Miniatur-Ästhetik : Wächst hier entsprechend eine gezähmte Jugend heran ?
Ich sah Kinder mit schwerkantigen Ranzen, vom Schultor abgeholt durch bewusst und anspruchsvoll erziehende Jungeltern ….
Ist meine Nostalgie hier, in den von meinen Gleichaltrigen endgülig und blitzblank geräumten Arealen eine Art Konfiszierung ?
Restituierung ?
Ich habe alle meine Rechte auf dieser polierten Landschaftsplatte verloren .
17. Oktober 1957 - Albert Camus erhält den Nobelpreis für Literatur
Georg Stefan Toller interviewt Albert Camus in Paris
Am 17. Oktober 1957 wurde die Nachricht über die Zuerkennung des Nobelpreises für Literatur an Albert Camus bekannt. Anne-Kathrin Reif hat in ihrem informativen Blog 365tage-camus.de/ auf das Tondokument des Deutschlandfunks vom 18. Oktober 1957 aufmerksam gemacht ardaudiothek.de/
Es ist sehr berührend, die Stimme und die Stellungnahme Albert Camus´ zu hören. Die Zuerkennung des Nobelpreises an Camus rief in der französischen Öffentlichkeit Zustimmung und Widerspruch hervor. Camus reagierte zwiespältig auf die unerwartete Zuerkennung des Nobelpreises. Tagebucheintrag vom 17. Oktober 1957: „Nobelpreis. Eigenartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Wehmut. Als ich 20 war, arm und nackt, habe ich den wahren Ruhm gekannt.“ Tagebucheintrag vom 19. Oktober 1957: „Erschrocken über das, was mir zustößt und was ich nicht verlangt habe. Und zur Krönung des Ganzen so gemeine Angriffe, dass es mir das Herz zuschnürt.“
Die Verleihung des Preises erfolgte am 10. Dezember 1957 in Stockholm. Albert Camus hielt eine bemerkenswerte Rede nobelprize.org/prizes/literature/1957/ .
In diesem Zusammenhang möchte ich allen interessierten Lesern raten, das WDR - Zeitzeichen vom 17. Oktober 2022 wdr.zeitzeichen/literaturnobelpreis-fuer-albert-camus zur Verleihung des Nobelpreises an Albert Camus aufzurufen. Holger Vanicek kommt in diesem Zeitzeichen mehrfach zu Wort und erklärt in sehr profunder Weise die Zusammenhänge.
Anne-Kathrin Reif erwähnte den namentlich in dem Tondokument des Deutschlandfunks nicht benannten Reporter. Ich glaubte, den Reporter an seiner magischen Stimme erkannt zu haben. Meine Nachfrage beim Deutschlandradio hat laut Auskunft des Archives meine Vermutung bestätigt, es war der jüngst verstorbene Georg Stefan Troller: „Sehr geehrter Herr Fröhlich, Sie scheinen die Stimme korrekt erkannt zu haben. Im Datensatz wird tatsächlich Georg Troller als Interviewer aufgeführt“. Georg Stefan Troller, in Wien geboren und jüdischer Abstammung, war ein begnadeter Reporter. Seine Fernsehberichte und Reportagen für den Hörfunk aus Paris sind legendär. Sabine Glaubitz veröffentlichte in der Aachener Zeitung am 27. September 2025 eine angemessene Würdigung seiner Lebensgeschichte und seines Lebenswerkes aachener-zeitung.de/georg-stefan-troller-ist-tot/ Vielleicht erinnern sich einige Leser daran, dass Georg Stefan Troller auf Einladung der Buchhandlung Schmetz zu einer gut besuchten Lesung in Aachen war.
Hans-Werner Fröhlich