Titel: 80 Jahre danach in der schönen neuen Welt
Untertitel: Kein Ende der Dystopie
Autor: Ron Palmer [Pseudonym]
Genre/Sprache: Sachbuch/Science-Fiction-Roman Hybrid / Deutsch
ISBN: 978-3-7531-8868-3
Verlag: Aktimeida über Neobooks. Veröffentlicht über alle gängigen E-Book Vertreiber.
Preis im Handel: 3,99 Euro (Preise können sich ändern, Aktionspreise günstiger) => vorläufig nicht im Handel (Überarbeitung)
Erscheinungsjahr / aktuelle Auflage: 2021 / 3. Auflage 2024
Umfang: 555 Seiten im E-Book-Reader (entspricht ca. 230 Seiten im Taschenbuchdruck)
Beschreibung:
Eine fiktive Fortsetzung von Huxleys Vision. Und eine beunruhigende Bestandsaufnahme unserer Gegenwart.
Aldous Huxleys Schöne neue Welt gilt bis heute als eine der einflussreichsten Dystopien des 20. Jahrhunderts. Doch was ist acht Jahrzehnte später aus seiner düsteren Vision geworden? Diese Mischung aus analytischem Sachbuch und dystopischem Roman wagt den radikalen Gedanken: Die Wirklichkeit hat die Fiktion längst eingeholt.
Im ersten Teil liefert der Text eine klarsichtige, gesellschaftskritische Analyse – inspiriert von Huxleys eigener Reflexion Thirty Years After. Im Hauptteil folgt ein fiktives Szenario:
Professor Arnold Wankel, Teil der privilegierten Elite, stößt auf beunruhigende Anomalien im System. In einer Welt, die sich Offenheit und Fortschritt auf die Fahnen schreibt, stößt er auf Täuschung, Manipulation und eine perfide Inszenierung der Realität. Gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Mitstreiter:innen enthüllt er das eigentliche Fundament der neuen Welt: Eine systematische Beruhigung der Massen – aufgebaut auf Lüge, Geschichtsverfälschung und Illusion von Freiheit.
Ein Buch für alle, die nicht glauben wollen, dass wir am Ziel der Aufklärung angekommen sind – sondern gerade erst vor dem Abgrund stehen.
Der einleitende Sachbuchteil ist auch separat unter "Was Huxley nicht ahnte" / "What Huxley never imagined" (ISBN 978-3-7541-7558-3 / 978-3-7575-8758-1) erschienen.
Zielgruppe: Gesellschaftkritische Leser und Fans klassischer SF, besoners natürlich Kenner von Huxleys "Schöne Neue Welt".
Autorenkommentar:
Als Fan von Aldous Huxley habe ich mich immer gefragt wie es mit seiner schöne neuen Welt weitergehen wird. Hier eine Option mit vorhegehendem Sachteil, auf die heutige Zeit bezogen. Vor der Veröffentlichung - 37 Jahre nachdenken darüber, soll ich soll ich nicht? Dann fast fünf Jahre schreiben und fertig!.
Rezension:
Ron Palmer: 80 Jahre danach in der schönen neuen Welt
Eine Fortschreibung von Huxleys Dystopie – als hybride Literaturform zwischen Sachbuch und Roman
Aldous Huxleys Brave New World gehört seit über neun Jahrzehnten zum festen Kanon der dystopischen Weltliteratur. Dass ein Autor sich dieser Vorlage nicht nur erzählerisch, sondern zugleich analytisch-reflektierend nähert, ist ungewöhnlich – und genau das tut Ron Palmer mit seinem ambitionierten Werk 80 Jahre danach in der schönen neuen Welt. Es ist ein Zwittertext, halb Gesellschaftsstudie, halb literarische Spekulation. Und genau darin liegt seine Stärke – wie auch sein Wagnis.
Gesellschaftskritik mit literarischem Rückgrat
Palmer beginnt mit einer breit angelegten Sachabhandlung, die in Umfang und Detaillierungsgrad weit über das hinausgeht, was sonst als „Einleitung“ gelten könnte. In klarer Sprache, mit kenntnisreichem Zugriff auf demografische, medienethische und technologische Themen, spannt er den Bogen von Huxleys Diagnose in den 1930er Jahren zur Gegenwart – und entwirft eine bedrückend plausible Fortschreibung der zentralen dystopischen Thesen: gesellschaftliche Steuerung durch Konsum, subtile Massenbeeinflussung, Verlust von Selbstbestimmung durch Algorithmen, Biopolitik und ein wachsender Kontrollapparat im Gewand der Freiheit.
Anders als manch tagespolitisch aufgeladene Polemik meidet Palmer plakative Vereinfachungen. Stattdessen arbeitet er sich differenziert durch elf Schlüsselaspekte wie Überbevölkerung, Zentralisierung, Gehirnwäsche, Medienkonditionierung und den chinesischen Sozialkredit – stets im Dialog mit Huxleys Originalwerk. Der Ton ist streckenweise analytisch kühl, dann wieder spürbar alarmiert. Die Stärke liegt gerade darin, dass hier nicht polemisiert, sondern verknüpft, verglichen, hergeleitet wird.
Der Roman als experimenteller Kontrapunkt
Nach dem Sachbuchteil kippt der Text in den erzählerischen Modus: Der fiktive Roman erzählt von Professor Arnold Wankel, einem Angehörigen der privilegierten Kaste in der neuen Weltgesellschaft, der durch Zweifel, Beobachtung und Nachforschung allmählich den wahren Kern des Systems erkennt. Der Roman ist bewusst als Fortsetzung von Huxleys Brave New World konzipiert, jedoch mit neuer Chronologie (80 Jahre später) und vielen zeitgenössischen Anspielungen.
Palmer adaptiert den huxleyschen Stil nur partiell – die Sprache ist moderner, bildhafter, gelegentlich ironisch, vor allem aber bewusst schlicht gehalten. Die Welt, die sich hier entfaltet, ist keine Karikatur der Zukunft, sondern eine erschreckend plausible Erweiterung der Gegenwart. Besonders gelungen sind die Beschreibungen der „Emo-Kinos“, der „Isodol“-Medikation oder der hierarchisierten Bildungslandschaft, die sich selbst als modern und frei begreift – während sie längst postdemokratisch organisiert ist.
Die Hauptfigur, Professor Wankel, funktioniert weniger als klassischer Romanheld denn als Erkundungsperspektive. Er denkt, reflektiert, sammelt Eindrücke – und stellt Fragen, wo andere Antworten geben. Der narrative Drive bleibt zugunsten der gesellschaftlichen Entfaltung der fiktiven Welt bewusst zurückhaltend. Leser:innen, die auf klassische Spannung oder Plot-Dynamik hoffen, könnten hier irritiert sein. Doch gerade in dieser ruhigen, unaufgeregten Erzählhaltung liegt die Authentizität des Textes.
Stil und Anspruch: Zwischen Lehrstück und literarischer Allegorie
Literarisch ist 80 Jahre danach... kein Pageturner, sondern ein reflexiver Text – einer, der gelesen, unterstrichen und diskutiert werden will. Der erzählerische Teil gewinnt durch seine Nähe zur Argumentation: Die Fiktion illustriert die These, wird zur gedanklichen Versuchsanordnung. Dass der Text streckenweise essayistisch wirkt, ist kein Mangel, sondern Teil der Anlage. Palmer schreibt nicht zur Unterhaltung, sondern zur Aufklärung. Und das mit spürbarer Leidenschaft für die Materie.
Kritisch anzumerken ist allenfalls, dass die stilistische Übergänge zwischen Sachbuch und Roman nicht immer völlig reibungslos gelingen. Der Wechsel von analytischer Distanz zur subjektiven Innenwelt der Figur Wankel könnte schärfer konturiert sein. Auch die Dialogführung im Romanteil wirkt mitunter funktional – mehr Trägermedium als literarisches Geschehen. Doch das ist kein formales Versäumnis, sondern Ausdruck der Zielrichtung: Der Text will mehr sagen als erzählen.
Fazit
Ron Palmers 80 Jahre danach in der schönen neuen Welt ist ein ambitioniertes, kluges und unbequemes Buch. Es fordert seine Leser:innen – intellektuell, ethisch, politisch. Wer auf der Suche nach einer schnellen Dystopie für zwischendurch ist, wird hier nicht fündig. Wer aber bereit ist, sich auf eine differenzierte, vielschichtige und bewusst hybrid angelegte Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft einzulassen, findet hier einen seltenen Text: politisch relevant, literarisch eigenständig und im besten Sinne aufrüttelnd.
Empfohlen für: Leser:innen von Huxley, Orwell, Yuval Noah Harari und alle, die sich mit Gesellschaftsmodellen, Kontrolle, Freiheit und Zukunftsdenken ernsthaft beschäftigen wollen.