Hier werden die aktuellen Tagungsprojekte des Arbeitskreises für die nächste Zeit angekündigt
Tagung in Kooperation mit Stiftung Schloss und Park Benrath, Düsseldorf
Alltag im Schloss. Versuch einer Mikrohofkulturgeschichte, 27.–29.03.2026, Schloss Benrath bei Düsseldorf
Veranstalter:
Stiftung Schloss und Park Benrath in Kooperation mit dem Rudolstädter Arbeitskreis zur Residenzkultur e. V.
Veranstaltungsort:
Schloss Benrath
Roland-Weber-Saal, Ostflügel
Benrather Schlossallee 100-108
40597 Düsseldorf
Datum:
27.03.–29.03.2026
In Präsenz
Kontakt:
Anmeldung (bis 12.02.) erbeten unter: stefan.schweizer[at]schloss-benrath.de
Werner Paravicini markierte vor 30 Jahren mit dem Band „Alltag bei Hofe“ das Themenfeld der höfischen Alltagsgeschichte als Forschungsdesiderat. Seitdem hat sich die kulturhistorisch geprägte neuere Hofforschung jedoch primär für die höfische Gesellschaft, den regierenden und nicht regierenden Adel, für höfische Geschlechtermodelle oder einzelne Akteurinnen und Akteure, das höfische Zeremoniell im Rahmen von Ereignissen oder standeskonforme Tätigkeiten wie diplomatische Missionen, kirchliche Ämter oder Reisen interessiert. Der Fokus lag dabei auf deren Bedeutung in Hinblick auf das dynastische Selbstverständnis des Adels und dessen Erinnerungskultur, auf der performativen Selbstvergewisserung der eigenen Lebensweise, der Einbettung in und Konkurrenz zur Referenzgruppe des europäischen Adels, der Binnendifferenzierung innerhalb des eigenen und der Abgrenzung zu den anderen Ständen. In Ansätzen ist dabei die Vernetztheit und Abhängigkeit des Adels vom Austausch mit anderen Statusgruppen thematisiert worden. Das Narrativ entfaltete sich dabei stets aus der Perspektive der Herrschenden und ihrer Interessen. Sebastian Kühn wies jüngst zu Recht auf das Phänomen der Dienerschaft als Forschungsfeld aus eigenem Recht hin. William Ritchey Newtons 2020 in deutscher Sprache erschienenes Buch „Hinter den Fassaden von Versailles“ ist durchaus hilfreich in Hinblick auf eine höfische Alltagsgeschichte, doch bedient er zugleich mit seinen Ausführungen zu Parasiten und Fäkalien in geradezu topischer Weise das voyeuristische Bedürfnis des 21. Jahrhunderts.
Das Schloss der Frühen Neuzeit ist in Abhängigkeit seiner Rolle als Residenz, Lust- oder Jagdschloss, Prinzenpalais oder Witwensitz der Ort, an dem die unterschiedlichsten Funktionen und Aufgabenfelder räumlich zusammentreffen und in alltäglichen Kooperationen und persönlichen Begegnungen gestaltet werden müssen. Schlösser boten dabei den höchsten Grad der Multifunktionalität sowie Komplexität und zeigen das Phänomen in verdichteter Form. Im Residenzschloss entfalten sich zunächst verschiedene zentrale Funktionen: es ist das Zentrum der politischen Herrschaft und der Verwaltung und der wichtigste Wohnort der Fürstenfamilie. In der Abhängigkeit von diesen beiden Grundfunktionen entfalten sich entlang der alltäglichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten der beteiligten Personen sowie unikalen oder wiederkehrenden Ereignissen im Jahreslauf alle anderen Felder, die sich jeweils räumlich und personell abbilden. Das Schloss beherbergt die Hofkirche, die Kammer, Archiv, Bibliothek, Sammlungen, Zeughaus, Pferdestall, Ballsaal, Audienzräume, Gästezimmer, Kinderzimmer, Wochenbettstuben, Badezimmer, Ess- und Schlafzimmer, Küchen, Keller, Vorratsräume und Wachstuben. Es ist der Ort des unaufgeregten Tageslaufs, des Aufstehens, Betens, Musizierens, Reitens, Schachspielens, Lesens, Spazierens, der Beratungen, der Bearbeitung der Korrespondenzen, der Teilnahme an Unterricht in Sprachen, Fechten oder Tanzen, an Handarbeiten, Essens, Leibwäsche, Toilettengängen, Geschlechtsverkehr und nächtlichem Schlaf. Es ist der Ort, an dem sich die alljährlich wiederkehrenden Ereignisse des Jahreslaufs abspielen, an dem Gäste empfangen und Audienzen gewährt werden; es ist der Ort der wenn nicht alltäglichen so doch saisonalen oder regelmäßigen Vergnügungen des Theaters, der Jagd, des Glücksspiels, der Konzerte, der Bälle; es ist der Ort, an dem das Garten- und Küchenpersonal, Koch, Metzger und Konditor die Nahrungsversorgung sicherstellen, die Hofschneiderei die Kleidung und der Hofschreiner die Möbel wartet. Diese Liste ließe sich nahezu unendlich fortsetzen.
Wie aber gestalten sich die Kooperationen der einzelnen Ressorts und den ihnen zugeordneten Personen, wie bewegen sie sich im Raum miteinander, nebeneinander? Wie ist die Wegeführung in den Schlössern? Wie kommunizieren Sie? Wie begegnet man den Bedingungen des biologischen Körpers? Wie gestalten sich Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen? Welchen Einfluss hat das Lebensalter der Beteiligten auf die Interaktionen?
Das Tagungsprojekt verfolgt einen Ansatz der Historischen Anthropologie, der den Hof im Rahmen einer (vergleichenden) Mikrogeschichte erschließen will. Der Blick richtet sich auf die strukturelle Verwobenheit der einzelnen Personen mit dem Ganzen, die Personengruppen in sich und untereinander. Das Erzählen entlang der Standeshierarchien soll trotz ihrer grundsätzlichen Anerkennung weitgehend vermieden werden. Im Kern steht das alltägliche, graduell in Abhängigkeit der Größe des Hofs sicherlich unterschiedlich stark ausgeprägte informelle Handeln der einzelnen Akteurinnen und Akteure, die alltäglichen Praktiken, die Normalität des Alltags jenseits der als politisch verstandenen Körper der Fürstenfamilien. Nicht das Exzeptionelle ist Ziel der Betrachtung, sondern das Banale. Nicht die große Form, sondern die kleine.
Das interdisziplinäre und zugleich museumsbasierte Tagungsprojekt verfolgt die These, dass der höfische Kosmos sich als eng verwobenes ‚Knäuel‘ an gegenseitigen Verbindlichkeiten zeigt, das alltägliche soziale Beziehungen über die Standesgrenzen hinweg und entgegen der normativen Vorstellungen von der Trennung der sozialen Sphären möglich macht ohne dabei egalitär zu sein. Es geht zugleich um die Dekonstruktion des Konzepts von der permanent nur in der Form des politischen Körpers erscheinenden Fürstin und Fürsten.
PROGRAMM
Freitag, 27.03.2026
13.30 Ankunft
14.00 Begrüßung durch die Organisatoren
14.20 Annette C. Cremer (Gießen), Zwischen den Ständen: Höfische Normalität im Alten Reich
14.50 Stephan Selzer (Hamburg), Herrenkäse und Gesindekäse. Zu Konsummustern an gräflichen
Höfen im spätmittelalterlichen Reich
15.20 Frieder Leipold (München), Küchen Lesen lernen. Zum Dekorum von Garmethoden - und
Konsequenzen für die Architektur
16.00 Pause
16.30 Jens Riederer (Weimar), Ohne Koch keine Tafelrunde. Wie Herzogin Anna Amalia von
Sachsen-Weimar ihre illustren Gäste geistig und mit Mundkoch François Le Goullon
kulinarisch bewirtete
17.00 Anja Bittner (Berlin), Von „Dienstleistungen“ und „Nachlässigkeiten“, von „Speisezetteln“ und
„Küchengehilfen“ – Alltag in der Hofküche des Prinzen August von Preußen 1816–1836
Samstag, 28.03.2026
9.30 Silke Herz (Dresden), Extrem-Alltag im Schloss: Der Dresdner Schlossbrand 1701 im Spiegel
der Quellen
10.00 Käthe Klappenbach (Potsdam), Lichtkämmerer und Lichtkammer-Etat – Quellen zum
künstlichen Licht im höfischen Alltag
10.30 Pause
11.00 Dorothea Hutterer (München), Von Apothekergesellen, Beichtvätern, Compagnie-Feldschern
bis zum Zinszahlamtskassier – Alltag und Banales der Bayerischen Hofhaltung auf Grundlage
des Dienerbuches aus dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv
11.30 Susanne Bauer/Ulrike Marlow (Berlin), Die preußischen Hoffourierjournale und
Adjutantenjournale als Spiegel des höfischen und monarchischen Alltags im 19. Jahrhundert
12.30 Mittagspause
14.00 Kolja Lichy (Wien), Bettlektüre und Latrinenliteratur oder Eine Zauberbuchaffäre im
Frauenzimmer
14.30 Ralf Wagner (Schwetzingen), Das feine Leben auf dem Lande. Alltagsleben in der
kurpfälzischen Sommerresidenz Schwetzingen
15.00 Pause
16.00 Carola Finkel (Kassel), „Disposition: schlecht. Ist dennoch fleißig“ – Einblicke in die
Tanzstunden bei Hofe
16.30 Break: Schlossalltag in Bildung & Vermittlung / Bewegung am Hof: Verkörpern – Tanz und
Ehrerbietung am Hof
17.15. Marian Hefter (Erfurt), Lower Managment und Faktota der Hofverwaltung: Fouriere, Pauker
und Trompeter an reichsfürstlichen Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts
17.45 Keynote: Sebastian Kühn (Berlin), Außer Dienst. Vom Alltag der Dienstboten zum Alltag des
Hofes
19.00 Gemeinsames Abendessen
Sonntag, 29.03.2026
9.30 Barbara Denicolò (Salzburg), Doing Court in the Tyrolean Alps. Alltag und Praktiken am Hof
Herzog Sigmunds von Tirol
10.00 Anne Sophie Overkamp (Wuppertal), Scheuern, Wischen und Polieren – von der Alltäglichkeit
des Putzens im Schloss und dessen normativer Bedeutung
10.30 Pause
11.00 Matthias Müller (Mainz), Alltagsleben in einer ordnungsstiftenden Architektur:
Hofordnungen als Quellen für die Funktionalität von Schlossarchitektur im 16. und frühen 17.
Jahrhundert im Alten Reich
11.30 Stefan Schweizer (Düsseldorf), Architektonischer Raum und soziales Gefüge. Das
Dégagement-System von Schloss Benrath
12.30 Mittagessen
14.30 Abschluss / Gelegenheit zur Teilnahme an einer Führung durch Schloss Benrath
Bitte besuchen Sie auch die Seite Bisherige Veranstaltungen mit den dortigen Programminformationen.
Bildtitel: C. H. Fritsche, Feuerwerk auf der Elbe am 6. Juni 1709 (1710, Staatliche Kunstsammlungen Dresden)