Gepostet am: 22.11.2015 11:12:00
Nachdem ich meinen 4 Jahre alten Dell Dimension E521 acht Stunden lang mit Video-Encodieren beschäftigt hatte und dann etwas unglücklich den Ein-/Ausschalter drückte, ist das Mainboard verstorben. Außer einer gelb blinkenden Statusanzeige konnte ich dem Rechner keinen Mucks mehr entlocken. Damit war der Super-GAU eingetreten, denn der Dell ist ein BTX-System und BTX-Mainboards werden heute nicht mehr hergestellt. Auch ein Blick auf Ebay zeigte, dass der Markt praktisch tot ist. Und ein Ersatz-Mainboard von Dell für 100 Euro+ wollte ich auch nicht kaufen, denn der Super-GAU kann ja jederzeit wieder eintreten und dann stehe ich erneut vor dem gleichen Problem.
Die Idee, in das BTX-Gehäuse ein kleines Micro-ATX Mainboard einzubauen, musste ich auch verwerfen. Selbst wenn man das Problem der nicht übereinstimmenden Mainboard-Befestigungen lösen könnte, würden die Anschlüsse an der Rückseite genau umgekehrt zu liegen kommen: Die Grafikkarte wäre oben und der Ton unten, sodass die hinteren Auslässe überhaupt nicht mehr passen. Auch sehe ich keine Möglichkeit, die Rückwand entsprechend umzudrehen. Schade, denn ich fand, dass der Dimension E521 gut aussieht und für einen Rechner von der Stange auch geschickt und geräuscharm aufgebaut ist.
Damit stand ich vor der prinzipiellen Entscheidung, einen neuen PC zu kaufen, oder meinen alten möglichst günstig umzurüsten. Für den Neukauf spräche die heute deutlich schnelleren 4-Kern-Prozessoren, die die Video-Encodierung mit Mediacoder um das zwei- bis dreifache beschleunigen würden. Doch dafür müsste ich nicht nur 100 EUR für den Prozessor auf den Tisch legen sondern auch noch 50 EUR für 4 GB DDR3-Arbeitsspeicher, nach dem die moderneren AM3-Boards verlangen. Das ist mir dann doch etwas zu viel, zudem ja schön langsam eine Verschmelzung von CPU und Grafikprozessor eingeleitet wird, die auch eine deutliche Leistungssteigerung bei der Video-Umwandlung ermöglichen sollte.
Was kann ich also von meinem alten Dell noch verwenden? Da wäre einmal die Festplatte, der DVD-Brenner und eine ATI Radeon X1300 Pro Grafikkarte sowie ein AMD Athlon64 X2 4200+ Prozessor und vier DDR2 Speicherriegel mit insgesamt 3 Gigabyte Arbeitsspeicher. Neu kaufen muss ich dagegen ein Mainboard und ein passendes Gehäuse samt Netzteil, denn das leise BTX-Netzteil von Dell ist leider ca. 1,5 cm höher als es der ATX-Standard vorschreibt und passt somit nicht in ein ATX-Gehäuse.
Weil nicht zu erwarten ist, dass das Mainboard in zwei Jahren noch zu verwenden ist, wenn 6-Kern-Prozessoren voraussichtlich in der Mittelklasse ankommen werden, entscheide ich mich für das günstigste Modell mit vier DDR2-Speicherbänken, einem ASrock ALiveFire-e-SATA2 R3.0 für 45 Euro. Das Gehäuse dagegen kann definitiv wieder verwendet werden, sodass ich nicht eine 20-Euro-Klapperkiste kaufe, sondern ein Xigmatek Asgard für 35 EUR, dass ehrlich gesagt auch das billigste Case ist, das optisch ansprechend aussieht.
Als Gehäuse und Mainboard geliefert werden, muss ich auch meine letzten Hoffnungen aufgeben, dass ich das Dell Netzteil doch irgendwie verwenden kann. Also erstehe ich für 30 EUR ein billiges JouJye Silent mit 300 Watt, das zwar nicht rasend energieeffizient aber einigermaßen leise ist. Beim Einbau sehe ich, dass die beiden SATA-Stecker nur rund 16 cm auseinander liegen, sodass ich den DVD-Brenner nicht in den obersten 5,25 Zoll Schacht einbauen kann, sondern den untersten nehmen muss, weil sonst das Kabel zur Festplatte zu kurz wäre. In den obersten Schacht wandert ein altes CD-Laufwerk von Dell, das nur über eine IDE-Verbindung ans Mainboard angeschlossen werden kann. Der Dell Dimension E521 hatte gar keine IDE-Anschlüsse mehr, aber das Asrock-Mainboard hat noch die ganze Palette der alten Anschlüsse. So kommt auch noch ein altes Disketten-Laufwerk zu Ehren, das ich aber nicht nach außen führe, weil die beige Farbe dann doch ein zu großer Stilbruch wäre ;-)
Auch begraben muss ich die Hoffnung, dass ich den riesigen Tower-Kühler aus meinem Dell verwenden kann. Leider besteht keine Möglichkeit, den Kühlkörper am Mainboard zu befestigen, sodass auch noch ein neuer CPU-Kühler fällig wird. Ich entscheide mich für den Scythe Katana 3 für 25 EUR. Der Zusammenbau der Komponenten funktioniert auch für einen interessierten Laien relativ problemlos, lediglich das Ausbrechen der hinteren Slot-Bleche am Gehäuse geht nur mit brachialer Gewalt und sollte besser vor dem Einbau des Mainboards erledigt werden. Nur da hatte ich noch nicht so genaue Vorstellungen, wo die Grafikkarte und die extra USB-Halterung zu liegen kommen werden :-(
Dann kommt der spannende Augenblick des ersten Starts: Wird alles funktionieren oder hagelt es Fehlermeldungen? Als erstes schockt mich ein sägendes Kühlergeräusch als ob der Ventilator an einer Abdeckung scheuern würde. Es dauert etwas, bis ich den vorderen Gehäuselüfter als Übeltäter lokalisiere: Beim Einbau sind die Kabel des Port-Kit verrutscht, sodass der Lüfter daran reibt. Nachdem ich die Kabel zurechtgezupft habe, verläuft der Start des Bios problemfrei, doch Windows 7 kommt nicht mehr hoch. Offensichtlich ist der Tausch des Mainboards doch ein zu gravierender Eingriff, zudem ich auch noch von einem Nvidia-Chipsatz (GeForce 6150LE) auf einen AMD 480X CrossFire wechsle. Da alle Reparaturversuche von Windows 7 scheitern, muss ich wohl doch zu einer Neuinstallation schreiten. Nur dass die letzte Sicherung meiner Daten schon fast zwei Monate her ist und die Musik- und Videodateien vom Backup überhaupt ausgenommen sind :-(
Zwar sollte Windows 7 bei einer Neuinstallation die alten Benutzerdaten in einen Windowsold-Ordner speichern, doch eine Garantie dafür will doch niemand übernehmen. Also versuche ich, über eine Linux-CD doch noch irgendwie an meine Festplatte zu kommen, um die Dateien dann auf eine externe Festplatte zu überspielen. Die Knoppix 6.2 CD scheitert schon beim Hochfahren, die OpenSuse 11.3 Live-CD bietet keinen, zumindestens einem Laien zugänglichen, Zugriff auf die interne und die USB-Festplatte. Bleibt noch eine Puppy 3.0 CD, die dann doch beide Laufwerke mounten kann, sodass sich die Daten sichern lassen. – Glück gehabt!
Dann schreite ich zur Windows 7 Neuinstallation, die weitgehend problemfrei funktioniert. Selbst die Speicherung der Benutzerdaten im Windowsold-Ordner läuft wie am Schnürchen, sodass ich sie nur mehr in den Benutzerordner der neuen Windows-Installation kopieren brauche. Da ich den gleichen Benutzernamen wie vorher verwende, kommen auch Apples iTunes-Bibliothek und Googles Picasa pfadmäßig nicht durcheinander, sodass beide wieder auf Anhieb funktionieren.
Jetzt geht es ans Feintuning des Systems. Ziemlich nervig ist, dass der CPU-Lüfter wie ein brunftiger Hirsch losröhrt. Also ins Bios gegangen und im HW-Monitor die Einstellung des CPU Quiet Fan von „disabled“ auf „enabled“ geändert, worauf die Drehzahl von ca. 2.700 U/min auf ca. 2.000 U/min fällt. Die Geräuschkulisse ändert sich von Staubsauger auf Föhn. Auch nach einer Stunde Stresstest mit Prime95 läuft der Lüfter unverändert mit 2.000 U/min. Warum sollte das Mainboard auch die Drehzahl erhöhen, wenn die Temperatur der CPU-Kerne nur um 42° pendelt? Meine Vorstellung von “quiet” ist allerdings eine andere als eine Drosselung der Lüfterdrehzahl auf 75% bewirkt.
Da Asrock das offensichtlich nicht auf die Reihe kriegt, installiere ich SpeedFan, wozu es eine ganz gute, wenn auch etwas veraltete Anleitung auf CHIP gibt. Wenn ich beim CPU-Fan eine Minimalgeschwindigkeit von 35% eingebe, sinkt die Lüfterdrehzahl auf ca. 800 U/min, was schon wesentlich ruhiger ist. Bei Werten unter 35% würge ich den Lüfter ganz ab, was mir aber dann doch etwas zu heiß ist ;-).
Als nächstes nehme ich mir den Frontlüfter des Xigmatek-Gehäuses vor, der von jeglicher Steuerung unbeeindruckt mit ca. 1.500 U/min vor sich hin brummt. Dafür verwende ich den Zalman Fan Mate (5 EUR), eine stufenlose, manuelle Lüftersteuerung, mit der ich die Lüftergeschwindigkeit auf ca. 800 U/min drossle. Jetzt läuft der Gehäuselüfter in einer ähnlichen Lautstärke wie der Mainboard-Lüfter. Temperaturmäßig bringt der Frontlüfter der CPU fast gar nichts, aber die direkt dahinter liegende Festplatte dankt es mit einer um 5 – 10° niedrigeren Betriebstemperatur. Jetzt habe ich wieder ein System, das ähnlich leise wie mein alter Dell Dimension E521 ist. Auch unter Volllast wird der PC kaum lauter, weil der CPU-Lüfter mit ca. 1.600 U/min die CPU-Kerne stabil unter 50° hält. Da der Frontlüfter sich näher am Ohr befindet, fällt der doppelt so schnell drehende CPU-Lüfter nicht negativ auf.
Hat sich jetzt die ganze Umbau-Aktion gelohnt? Ich würde sagen, ja. Immerhin habe ich für 140 EUR wieder ein funktionierendes System. Bei einem Neukauf hätte ich für einen Rechner mit Doppelkern-Prozessor ca. 350 EUR auf den Tisch legen müssen, für einen schnelleren Vierkerner nochmals ca. 150 EUR mehr. Nur dass ich dann wieder ein System von der Stange gehabt hätte, dessen Komponenten sich u. U. nicht so einfach ersetzen lassen, wenn etwas kaputt geht. Jetzt habe ich einen PC nach dem ATX-Standard, den ich auch in ein paar Jahren noch nach meinem Geschmack hochrüsten kann.
- ursprünglich 2011 gepostet