1.Mai 68 - von links Außenminister Hajek, Staatspräsident Svoboda, Dubcek, Ministerpräsident Cernik, Smrkovsky ?
Zu den Höhepunkten unserer Diskussionen im Arbeitskreis gehörte unzweifelhaft die Auseinandersetzung mit dem Prager Frühling.
Das vom Schriftsteller Ludvík Vaculík
verfasste "Manifest der 2000 Worte" gehört zu den Schlüsseltexten der Demokratisierungsbewegung. Veröffentlicht am 27. Juni 1968 in der Zeitschrift Literární listy und drei Tageszeitungen.
Wir kauften die Prager Volkszeitung, Nr.29 vom 19.7.68 mit den 2000 Worten in erster deutscher Übersetzung. Unter der Bevölkerung stießen die von 70 Wissenschaftlern, Arbeitern und Künstlern unterzeichneten "Dva tisíce slov" auf viel Zustimmung. Es bildeten sich lange Schlangen von Menschen, z.B. in der Narodny, die durch ihre Unterschrift in vorbereitete Listen ihre Zustimmung für die 2000 Worte gaben. Wir stellten uns natürlich auch in die lange Reihe, gaben als Ostdeutsche stolz unsere Unterschrift mit Heimatort Gotha und hatten so das Gefühl auch als "sozialistische" Ausländer, die Demokratisierung zu unterstützen.
Siehe auch die Beiträge: Frühling 68 in Prag - begrenzte Schneeschmelze auf unserem Planeten und "Erinnnerungen wach halten" im Archiv.
Zweitausend Worte gewidmet den Arbeitern, Bauern, Angestellten, Wissenschaftlern, Künstlern und allen
"Erst bedrohte der Krieg das Leben unserer Nation. Dann kamen weitere schlechte Zeiten mit Ereignissen, die ihre seelische Gesundheit und ihren Charakter bedrohten. Mit Hoffnungen hatte die Mehrheit der Nation das Programm des Sozialismus angenommen. Dessen Leitung geriet jedoch in die Hände unrechter Leute. Es hätte nicht so sehr geschadet, dass sie nicht genügend staatsmännische Erfahrungen, sachliche Kenntnisse und philosophische Bildung besaßen, wenn sie wenigstens mehr gewöhnliche Weisheit und anstand gehabt hätten, die Meinung anderer anhören zu können, und ihre schrittweise Ablösung durch fähigere zugelassen hätten.
Die Kommunistische Partei, die nach dem Krieg das große Vertrauen der Menschen genoss, tauschte dieses Vertrauen allmählich gegen Ämter ein, bis sie alle bekam und nichts anderes mehr hatte. Wir müssen das so sagen und das wissen auch jene Kommunisten unter uns, deren Enttäuschung über die Ergebnisse ebenso groß ist wie die Enttäuschung der Übrigen. Die fehlerhafte Linie der Führung hat die Partei aus einer politischen Partei und einem von einer Idee durchdrungenen Bund in eine Machtorganisation verwandelt, die große Anziehungskraft auf herrschsüchtige Egoisten gewann, auf neiderfüllte Feiglinge und auf Leute mit schlechtem Gewissen. Ihr Zustrom beeinflusste Charakter wie Verhalten der Partei, die im Inneren nicht so eingerichtet war, dass in ihr ohne beschämende Vorfälle ordentliche Menschen hätten Einfluss gewinnen können, die sie stetig gewandelt hätten, damit sie jederzeit in die moderne Welt passt. Viele Kommunisten bekämpften diesen Verfall, es misslang ihnen jedoch, irgend etwas davon zu verhindern, was geschehen ist.
Die Verhältnisse in der Kommunistischen Partei waren das Modell und die Ursache der gleichen Verhältnisse im Staat. Ihre Verbindung mit dem Staat führte dazu, dass sie den Vorteil des Abstandes von der ausübenden Macht einbüßte. Die Tätigkeit des Staates und der Wirtschaftsorganisationen unterlagen keiner Kritik. Das Parlament verlernte zu beraten, die Regierung zu regieren und die Direktoren zu leiten. Die Wahlen hatten keine Bedeutung, die Gesetze verloren ihr Gewicht. Wir konnten unseren Vertretern in keinem Ausschuss vertrauen, und wenn wir das konnten, ließ sich von ihnen wiederum nichts verlangen, weil sie nichts erreichen konnten. Noch schlimmer war jedoch, dass wir einander persönlich beinahe nicht mehr vertrauen konnten. Die persönliche und kollektive Ehre verfiel. Ehrlich währte nicht mehr am längsten und von irgendeiner Wertung nach der Fähigkeit konnte nicht die Rede sein. Darum verloren die meisten Leute das Interesse für öffentliche Dinge und kümmerten sich nur um sich selbst und ums Geld, wobei zu den schlechten Verhältnissen auch gehört, dass nicht einmal aufs Geld heutzutage Verlass ist. Die Beziehungen zwischen den Menschen verkamen, die Freude an der Arbeit verflüchtigte sich, kurzum, über die Nation brachen Zeiten herein, die ihre seelische Gesundheit und ihren Charakter gefährdeten.
Für den heutigen Zustand sind wir alle verantwortlich, mehr jedoch die Kommunisten unter uns, die Hauptverantwortung aber tragen jene, die Bestandteil oder Instrument der unkontrollierten Macht waren. Es war das die Macht einer eigensinnigen Gruppe, die sich mit Hilfe des Parteiapparates von Prag aus bis in jeden Bezirk und in jede Gemeinde erstreckte. Dieser Apparat entschied, wer was tun und nicht tun durfte, er leitete für die Genossenschaftler die Genossenschaften, für die Arbeiter die Betriebe, für die Bürger die Nationalausschüsse. Keine Organisation, nicht einmal eine kommunistische, gehörte in Wirklichkeit ihren Mitgliedern. Die Hauptschuld und der allergrößte Betrug dieser Herrscher ist, dass sie ihre Willkür für den Willen der Arbeiterschaft ausgaben. Wollten wir diese Vorspiegelung glauben, so müssten wir heute der Arbeiterschaft die Schuld am Niedergang unserer Wirtschaft zusprechen, an den an schuldlosen Menschen verübten Verbrechen, an der Einführung der Zensur, die verhinderte, dass man über all dies schreiben konnte, dann wären die Arbeiter schuld an den Fehlinvestitionen, an den Verlusten des Handels, am Wohnungsmangel. Kein vernünftiger Mensch wird selbstverständlich an eine solche Schuld der Arbeiterschaft glauben. Wir alle wissen, insbesondere jeder Arbeiter, dass die Arbeiterschaft praktisch nichts entschied. Über die Arbeiterfunktionäre ließ jemand anderer abstimmen. Während viele Arbeiter meinten, sie regierten, regierte in ihrem Namen eine eigens erzogene Schicht von Funktionären des Partei- und Staatsapparates. Diese nahmen faktisch den Platz der gestürzten Klasse ein und wurden selbst zur neuen Obrigkeit. gerechterweise wollen wir jedoch sagen, dass sich manche von ihnen dieses üble Spiel der Geschichte seit langem vergegenwärtigten. Wir erkennen sie heute daran, dass sie unrecht wiedergutmachen, Fehler berichtigen, die Entscheidungsgewalt der Mitgliedschaft und den Bürgern zurückerstatten, die Vollmacht und den zahlenmäßigen Stand des Beamtenapparates einschränken. Mit uns wenden sie sich gegen rückständige Ansichten innerhalb der Parteimitgliedschaft. Aber ein großer Teil der Funktionäre sträubt sich gegen Veränderungen und hat noch immer Gewicht! Noch immer hält er Machtmittel in den Händen, insbesondere in den Bezirken und Gemeinden, wo er sie insgeheim und unbelangbar anwenden kann.
Seit Beginn des Jahres befinden wir uns im Erneuerungsprozess der Demokratisierung. Er hat in der Kommunistischen Partei begonnen. Wir müssen das sagen, und das wissen auch die Nichtkommunisten unter uns, die von dort nichts Gutes mehr erwartet hatten. Ergänzen muss man allerdings, dass dieser Prozess auch nirgend anderswo beginnen konnte. Konnten doch nur die Kommunisten volle zwanzig Jahre lang eine Art politisches Leben führen, war doch nur die kommunistische Kritik dort, wo die Dinge gemacht wurden, hatte doch nur die Opposition in der Kommunistischen Partei das Vorrecht, mit dem Gegner in Fühlung zu stehen. Darum sind die Initiative und die Bemühungen der demokratischen Kommunisten nur eine Abzahlung auf die Schuld, die die gesamte Partei gegenüber den Nichtkommunisten trägt, die sie in einer keineswegs gleichberechtigten Stellung erhalten hat. Der Kommunistischen Partei gebührt somit Dank, zugestanden werden muss ihr vielleicht werden, dass sie sich ehrlich bemüht, die letzte Gelegenheit wahrzunehmen, um ihre Ehre und die Ehre der Nation zu retten. Der Erneuerungsprozess kommt mit nichts, was allzu neu wäre. Er bringt Gedanken und Themen, von denen viele älter sind als die Irrtümer unseres Sozialismus und andere unter der Oberfläche der sichtbaren Geschehnisse entstanden, die längst hätten ausgesprochen werden sollen, aber unterdrückt wurden. Hegen wir nicht die Illusion, dass diese Gedanken jetzt durch die Kraft der Wahrheit siegen. Über ihren Sieg hat eher die Schwäche der alten Führung entschieden, die offensichtlich erst durch zwanzigjährige Herrschaft ermüden musste, an der sie niemand hinderte. Sichtlich mussten alle fehlerhaften Elemente voll ausreifen, die bereits in den Grundlagen und in der Ideologie dieses Systems verborgen lagen. Überschätzen wir darum nicht die Bedeutung der Kritik aus den Reihen der Schriftsteller und Studenten, Quelle der gesellschaftlichen Veränderungen ist die Wirtschaft. Ein richtiges Wort hat nur dann Bedeutung, wenn es unter Verhältnissen ausgesprochen wird, die schon richtig bearbeitet sind. Richtig bearbeitete Verhältnisse, darunter muss man bei uns leider unsere gesamte Armseligkeit und den gänzlichen Zerfall des alten Herrschaftssystems verstehen, in dem sich in Ruhe und Frieden Politiker eines gewissen Typs auf unsere Kosten kompromittierten. Die Wahrheit siegt somit nicht, die Wahrheit bleibt einfach übrig, wenn man alles sonstige verschleudert! Darum besteht kein Anlass zu nationalem Siegesjubel, nur Grund zu neuer Hoffnung.
Wir wenden uns an Euch in diesem Augenblick der Hoffnung, die jedoch ständig gefährdet ist. Es hat mehrere Monate gedauert, bis viele von uns das Vertrauen gewannen, dass sie frei sprechen können, viele aber glauben das nicht einmal jetzt. Doch wir haben endlich so gesprochen und uns soweit enthüllt, dass wir unsere Absicht, dieses Regime zu vermenschlichen, einzig und allein vollenden müssen. Sonst würden die alten Kräfte grausam Vergeltung üben. Wir wenden uns vor allem an jene, die bisher nur abgewartet haben. Die Zeit, die anbricht, wird für viele Jahre entscheidend sein.
Die Zeit, die anbricht, ist ein Sommer mit Ferien und Urlaub, in dem wir nach altem Brauch Lust haben werden, alles stehen- und liegenzulassen. Wetten wir jedoch, dass sich unsere lieben Gegner keine Sommerfrische gönnen werden, sie werden die ihnen verpflichteten Leute mobilisieren und sich schon jetzt ruhige Weihnachtsfeiertage verschaffen wollen! Passen wir darum auf, was geschehen wird, suchen wir es zu verstehen und zu antworten. Geben wir die unmögliche Forderung auf, dass uns stets irgendein Höherer zu den Dingen eine einzige Auslegung und eine einzige einfache Schlussfolgerung liefert. Jeder wird seine Schlussfolgerungen selber ziehen müssen, auf eigene Verantwortung. Gemeinsame übereinstimmende Schlussfolgerungen kann man nur in einer Diskussion ermitteln, zu der man jene Freiheit des Wortes benötigt, die eigentlich unsere einzige demokratische Errungenschaft dieses Jahres ist.
In die nächsten Tage müssen wir jedoch mit eigener Initiative und mit eigenen Entschlüssen gehen.
Vor allem werden wir, falls sie auftauchen sollten, Ansichten entgegentreten, dass es möglich sei, irgendeine demokratische Wiedergeburt ohne die Kommunisten vorzunehmen, gegebenenfalls sogar gegen sie. Das wäre ungerecht, aber auch unvernünftig. Die Kommunisten haben ausgebaute Organisationen, in denen man den fortschrittlichen Flügel unterstützen muss. Sie besitzen erfahrene Funktionäre, sie haben schließlich ständig die entscheidenden Hebel und Drücker in ihren Händen. Vor der Öffentlichkeit steht jedoch ihr Aktionsprogramm, das auch das Programm des ersten Ausgleichs der größten Ungleichheit ist, und niemand anderer hat irgendein ebenso konkretes Programm. Man muss verlangen, dass sie mit ihren örtlichen Aktionsprogrammen in jedem Bezirk und in jeder Gemeinde vor die Öffentlichkeit treten. Hier wird es plötzlich um sehr einfache und schon lange erwartete richtige Taten gehen. Die KPC bereitet sich auf den Parteitag vor, der ein neues Zentralkomitee wählen wird. Fordern wir, dass es ein besseres sei als das jetzige. Wenn die Kommunistische Partei heute sagt, dass sie künftig ihre führende Stellung auf das Vertrauen der Bürger stützen will und nicht auf Gewalt, so lasst uns das glauben, sofern wir den Leuten glauben können, die sie schon jetzt als Delegierte auf die Bezirks- und Kreiskonferenzen entsendet.
In letzter Zeit sind die Leute beunruhigt, der Fortschritt der Demokratisierung könnte zum Stillstand gekommen sein. Dieses Gefühl ist teils eine Ermüdungserscheinung infolge des bewegten Geschehens, teils entspricht es einer Tatsache: Eine Saison voller überraschender Enthüllungen, hoher Demissionen und berauschender Reden von nie dagewesener Kühnheit ist abgelaufen. Das Ringen der Kräfte hat sich jedoch nur einigermaßen verborgen, man kämpft um den Inhalt und Wortlaut von Gesetzen, um den Umfang praktischer Maßnahmen. Außerdem müssen wir den neuen Leuten, den Ministern, Staatsanwälten, Vorsitzenden und Sekretären Zeit zur Arbeit vergönnen. Sie haben ein Anrecht auf diese Zeit, damit sie sich entweder bewähren oder unmöglich machen können. Darüber hinaus kann man in den zentralen politischen Organen heute nicht mehr erwarten. Ohnedies haben sie unwillkürlich bewundernswerte Tugenden bezeigt.
Die praktische Qualität der zukünftigen Demokratie hängt jetzt davon ab, was mit den Unternehmen und in den Unternehmen geschehen wird. Bei allen unseren Diskussionen haben uns schließlich die Wirtschaftler in der Hand. Gute Wirtschaftler muss man suchen und durchsetzen. Es ist wahr, dass wir alle im Vergleich mit den entwickelten Ländern schlecht bezahlt sind und manche noch schlechter. Wir können mehr Geld fordern das sich drucken und damit entwerten lässt. Fordern wir jedoch lieber von den Direktoren und Vorsitzenden, dass sie uns darlegen, was und für wieviel Geld sie herstellen wollen, wieviel man verdienen wird, was davon man zur Modernisierung der Produktion anlegen wird und was man verteilen kann. Unter scheinbar langweiligen Überschriften verläuft in den Zeitungen der Widerhall eines überaus harten Kampfes um die Demokratie oder um Futtertröge. In ihn können die Arbeiter als Unternehmer dadurch eingreifen, wen sie in die Verwaltungen der Unternehmen und in die Werksräte wählen werden. Als Angestellte können sie für sich am besten handeln, wenn sie als ihre Vertreter in die Gewerkschaftsorgane ihre natürlichen Führer wählen, fähige und ehrenhafte Menschen ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit.
Wenn zur Zeit von den gegenwärtigen zentralen politischen Organen nicht mehr zu erwarten ist, gilt es mehr in den Bezirken und Gemeinden zu erreichen. Fordern wir den Abgang der Leute, die ihre Macht missbraucht, das öffentliche Eigentum geschädigt, ehrlos oder grausam gehandelt haben. Man muss Methoden ausfindig machen, ums sie zum Abgang zu veranlassen. Zum Beispiel: Öffentliche Kritik, Resolutionen, Demonstrationen, demonstrative Arbeitsbrigaden. Spendensammlung für ihren Abgang in den Ruhestand, Streik, Boykott ihrer Türen. Abzulehnen sind jedoch ungesetzliche, unanständige und grobe Methoden, da sie diese zur Beeinflussung Alexander Dubceks ausnützen würden. Unsere Abscheu gegen das Schreiben grober Briefe muss derart allgemein sein, dass man jeden derartigen Brief, den sie noch erhalten werden, als einen Brief betrachten kann, den sie sich selber haben zuschicken lassen. Beleben wir die Tätigkeit der Nationalen Front. Fordern wir öffentliche Sitzungen der Nationalausschüsse. Für Fragen, mit denen niemand etwas zu schaffen haben will, bilden wir eigene Bürgerausschüsse und -kommissionen. Das ist ganz einfach: Ein paar Leute kommen zusammen, wählen ihren Vorsitzenden, führen ordnungsgemäß Protokoll, veröffentlichen ihren Befunde, fordern eine Lösung, lassen sich nicht einschüchtern. Verwandeln wir die Bezirks- und Ortspresse, die meist zu einem amtlichen Sprachroh degeneriert ist, in eine Tribüne aller positiven politischen Kräfte, fordern wir die Bildung von Redaktionsräten aus Vertretern der Nationalen Front oder gründen wir andere Zeitungen. Bilden wir Ausschüsse zur Verteidigung der Freiheit des Wortes. Organisieren wir bei unseren Versammlungen einen eigenen Ordnungsdienst. Sollten wir Gerüchte hören, so lasst uns sie beglaubigen, entsenden wir Delegationen zu den zuständigen Stellen, veröffentlichen wir unsere antworten, etwa durch Anschlag am Tor. Unterstützen wir die Sicherheitsorgane, wenn sie wirkliche Straftaten verfolgen, unser Streben geht nicht dahin, Anarchie und einen Zustand allgemeiner Unsicherheit herbeizuführen. Vermeiden wir nachbarlichen Zank, ergehen wir uns nicht in politischen Vermutungen! Enthüllen wir Spitzel!
Die belebte sommerliche Bewegung in der gesamten Republik wird Interesse für die Regelung der staatsrechtlichen Verhältnisse zwischen Tschechen und Slowaken hervorrufen. Wir erachten die Föderalisierung als eine Art und Weise, die nationale Frage zu lösen, ansonsten ist sie nur eine der bedeutsamen Maßnahmen zur Demokratisierung der Verhältnisse. Diese Maßnahme an und für sich muss auch den Slowaken noch kein besseres Leben bringen. Das Regime gesondert in den tschechischen Ländern und gesondert in der Slowakei wird dadurch noch nicht geregelt. Die Herrschaft der parteilich-staatlichen Bürokratie kann weiterbestehen, in der Slowakei sogar um so eher, weil sie gewissermaßen größere Freiheit erkämpft hat.
Große Beunruhigung geht in letzter Zeit von der Möglichkeit aus, dass ausländische Kräfte in unsere Entwicklung eingreifen könnten. Angesichts jeglicher Übermacht können wir einzig und allein anständig auf unserem Standpunkt beharren und mit niemandem Streit vom Zaun brechen. Unserer Regierung können wir zu verstehen geben, dass wir notfalls mit der Waffe hinter ihr stehen werden, solange sie das tun wird, wofür wir ihr unser Mandat geben werden, und unseren Verbündeten können wir versichern, dass wir unsere Bündnis-, Freundschafts- und Wirtschaftsverträge einhalten werden. Unsere gereizten Vorwürfe und unbelegten Verdächtigungen müssen die Stellung unserer Regierung nur erschweren, ohne uns zu helfen. Gleichberechtigte Beziehungen können wir uns ohnehin einzig und allein dadurch sichern, dass wir unsere inneren Zustände qualitativ verbessern und unseren Erneuerungsprozess so weit führen, dass wir durch Wahlen Staatsmänner erwählen, die soviel Standhaftigkeit, Ehre und politisches Können besitzen werden, um solche Beziehungen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Das ist übrigens ein Problem durchweg aller Regierungen sämtlicher kleineren Staaten der Welt!
In diesem Frühling ist von neuem wie nach dem Krieg eine große Chance zu uns zurückgekehrt. Von neuem haben wir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Sache in die Hände zu nehmen, die den Arbeitstitel Sozialismus trägt, und ihr eine Gestalt zu verleihen, die unserem einst guten Ruf und der verhältnismäßig guten Meinung entspräche, die wir ursprünglich von uns hatten. Dieser Frühling ist soeben zu Ende gegangen und wird nie wiederkehren. Im Winter werden wir alles erfahren.
Damit endet dieser unser Aufruf an die Arbeiter, Bauern, Angestellten, Künstler, Wissenschaftler, Techniker und an alle. Geschrieben wurde er auf Anregung der Wissenschaftler."
Zeitdokument II:
TEACH-IN IN DER TU BERLIN
AUSZÜGE AUS DER CSSR-DEBATTE am 24.8.68
In der Tschechoslowakei tauchte die Vision auf, das zu verbinden, was von vielen abstrakt und theoretisch angestrebt wird, nämlich die reale Mitbestimmung der Arbeiter in allen Bereichen. Selbst wenn zeitweise - wer sollte es anders tun? - einige Leute aus dem Management und einige aus der kommunistischen Partei selbst führend wurden, wenn ein Teil der Arbeiterschaft restriktiv war - verständlich nach zwanzig Jahren stalinistischer Mißwirtschaft! -, wenn danach ein Teil der kommunistischen Partei aufstand, dann finde ich das einmalig und großartig für Sozialisten in aller Welt. Ich bin der Meinung, wir haben voll - ohne jeden abstrakten theoretischen Vorbehalt - hinter den Männern, die vielleicht schon in den Zuchthäusern sitzen, zu stehen, heute, morgen, und übermorgen, und sie nicht zu vergessen. Wann reagieren Mächtige, wann reagieren Klassenherrscher, wann reagieren die, die die Macht haben, restriktiv, reaktionär, aggressiv? Immer dann und auch erst dann, wenn sie merken, daß das, was dort zu bekämpfen ist, ihnen selbst an den Hals geht. Es ist doch so, daß die autoritäre, bürokratische Funktionärgschicht der Sowjetunion gemerkt hat, daß das Modell Tschechoslowakei den Sozialismus einleiten könnte und damit die Revolution über den ganzen Ostblock bringen könnte. Deshalb sollten wir uns hier in diesen Fragen nicht in zersetzenden Abstraktionen verlieren. Natürlich sollen wir auch die Heuchler beiseiteschieben, die heute abend wieder ihre Krokodilstränen weinen werden - die sind verlogen, weil das, was Dubcek und die tschechoslowakischen Kommunisten wollten, der Versuch war, den Sozialismus zu realisieren, wie er Marx, Engels, Rosa Luxemburg vorschwebte als Selbstbestimmung der Menschen. Ganz sicher wären über diese Tschechoslowakei, wenn sie weiter geblieben wäre - und sie wird wiederkommen wie sie war, da bin ich Optimist, weil Sozialist - eines Tages die Reaktionäre des Westens hergefallen, vielleicht sehr bald schon, wie jetzt heute nacht sowjetische Reaktionäre und die ostdeutschen Kommunisten. (. . . )
mehr...http://www.infopartisan.net/archive/1967/266790.html
Dokument III
Erklärung des Asta der FU Berlin, September 68:
http://www.infopartisan.net/archive/1967/266782.html
Wertungen zum Jahr 68 in Ost und West / Vergleiche
Der Prager Frühling ist für die poststalinistische und postrealsozialistische Linke eine Erfahrung eines modernen Sozialismus, der demokratische Freiheiten, praktizierte sozialistische Eigentumsverhältnisse und wirtschaftliche Effizienz verbinden kann. Trotzdem, "von einem breiteren Gesichtspunkt aus gesehen übte ... der 'Prager Frühling' einen tiefen und dauerhaften Einfluß in der internationalen Arbeiterbewegung aus. Er ist zu einer Art Laboratorium für demokratischen Sozialismus geworden und wird dies ... in Zukunft in noch größerem Maße werden, und zwar für demokratischen Sozialismus in einem industriell entwickelten Lande, ähnlich wie es die Pariser Kommune für die Arbeiterbewegung der Anfänge des Sozialismus war." mehr... zu sozialistischer Marktwirtschaft dokumente_sozialismusmodells/
Ebbinghaus, Die letzte Chance, 1968 in Osteuropa, 2008, S. 25, Vgl.:
http://www.vsa-verlag.de/pdf_downloads/VSA_Ebbinghaus_1968_Osteuropa.pdf
Das Verbindende zwischen West und Ost war das gemeinsame
Bestreben, Freiheit herzustellen und demokratische Forderungen durchzusetzen.
Es ging um nichts Geringeres als um eine bessere Welt. Es ging um
die Freiheit der Unterdrückten, um die gesellschaftliche Teilhabe aller, um
ein Mehr an Demokratie. Es ging, um es in den eindrücklichen Begriffen
der Antiautoritären zu sagen, um Emanzipation, um Partizipation und um
Transparenz.
"Das Jahr 1968 in Osteuropa hat gezeigt, dass der Kommunismus unfähig
war, sich zu reformieren, und der Pariser Mai hat eine massive Infragestellung
der gesellschaftlichen Machtverhätnisse mit sich gebracht: Hinterfragt wurde
die autoritäre staatliche Macht, die paternalistische Macht der Unternehmen,
die bürokratische Macht der Verwaltungsinstanzen, die Macht in den Universitäten,
die patriarchalische Macht in den Familien und Geschlechterbeziehungen.
Wie heute - in West oder Ost – auf das Jahr 1968 geblickt wird, hat viel
mit der eigenen Perspektive und damit zu tun, wie man heute auf den Zustand
der Welt blickt. Westliche Autoren blicken häufig aus der Perspektive
der 68er-Bewegung-West auf das Jahr 1968, während die Tschechen und Slowaken
auf 1968 meist aus der Perspektive der Tragödie schauen. Im Gegensatz
zum Westen wird in Tschechien heute kaum über den Prager Frühling
gesprochen. Petr Uhl, der für sein damaliges Engagement für mehrere Jahre
ins Gefängnis musste, erklärt dies damit, dass im heutigen Tschechien die
Jahre zwischen 1948 und 1989 zu einer einzigen schwarzen, totalitären Epoche
homogenisiert werden."
Franz Kafka aus Prager Sicht
Die Kafka-Konferenz als Vorbote des Prager Frühlings
Am 27. und 28. Mai 1963 fand im tschechischen Liblice anläßlich seines 80. Geburtstages eine Konferenz über Franz Kafka statt, die sowohl für die Rezeption seiner Werke als auch für die Kulturpolitik in allen Ostblockstaaten weitreichende Folgen haben sollte. Sie markierte das Ende des kulturellen Isolationismus und ermöglichte eine literarische Öffnung, die zumindest teilweise auch über das Ende der Tauwetterzeit und den Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag hinaus Bestand haben sollte.
Im Mittelpunkt der Diskussion stand immer wieder das Phänomen der Entfremdung. Diese von Kafka wiedergegebene und vermittelte Empfindung wurde von der stalinistischen Literaturkritik als nicht "realistisch" (und somit nicht dem sozialistischen Realismus entsprechend) abgelehnt. Entfremdung "durfte" es im Kommunismus nicht geben. Mit der Ablehnung Kafkas erkannten die Machthabenden jedoch an, daß sich Menschen auch in der sozialistischen Welt im Werk Kafkas wiederfinden konnten
Eduard Goldstücker stellte demgegenüber fest, dass die in Kafkas Werken beschriebene Entfremdung nicht auf kapitalistische Gesellschaften beschränkt sei, sondern „in Zeiten des Übergangs zum Sozialismus“ noch viel intensiver sein könne.Undogmatisch äußerten sich auch Roger Garaudy und der österreichische Schriftsteller Ernst Fischer. Kafkas Aktualität resultiere aus der realen Alltagserfahrung einer entfremdeten Gesellschaft. Die Wirklichkeit durch Ideologie zu ersetzen und Kafka mit seiner „Darstellung der Widersprüche des Lebens“ zu negieren, sei unmarxistisch. Goldstücker meinte, Kafka führe seine Leser zwar bis an den Rand des Nihilismus, öffne aber gleichzeitig ein „Fensterchen der Hoffnung“. Ernst Fischer prägte den Satz:
„Kafka bedeutet den Kampf gegen Dogmatismus und Bürokratismus und gleichzeitig den Kampf für soziale Demokratie, Initiative und Verantwortung“
Reiner Kunze
Im August 1966 erlebte ich bei einer Ost-West-Begegnung in Ostberlin den tschechischen Philosophen Milan Machovec, - endlich ein Marxist, der mit sich reden ließ. Er verzichtete auf einen alleinigen Wahrheitsanspruch, hörte zu, kannte sich bei anderen Positionen aus, konnte auf charmante Weise im Gespräch bestehen. Solch einen Marxisten hatte ich noch nie erlebt, lange vergeblich darauf gehofft. Warum aber redete ein Tscheche nicht in der DDR, sondern nur auf Einladung von Westdeutschen in Ostberlin? Also fasste ich mir ein Herz und lud ihn nach Halle ein. Er war noch nie in der DDR gewesen.
Am 30. Januar 1967 hielt er auf meine Einladung - ich war Vertrauensstudent der Evangelischen Studentengemeinde - hin einen Vortrag, den wir unter der Überschrift "Die Bergpredigt und der Marxismus" plakatierten. Der Abend fand riesige Resonanz. Auf dem Heimweg ins Hotel fragte ich ihn, warum sich in der politischen Wirklichkeit nichts bewegt. Schließlich sei er doch Ordinarius für Philosophie in Prag. Er antwortete: "Junger Freund, warten Sie nur ein Jahr, dann werden Sie sehen."
Ich reagierte wie der ungläubige Thomas. Ich sah nichts, nur die schroffe Abgrenzungsideologie der Ulbricht-Ära, "keine ideologische Koexistenz", hieß die Parole, und politische Koexistenz galt nur als Überlebensvernunft angesichts gegenseitiger Vernichtungsangst. Im Januar-Plenum 1968 wurde DubcŠek zum Parteichef gewählt. Meine Freunde und ich - wir alle wie elektrisiert, saugten alle uns zugänglichen Informationen begierig auf, zum Beispiel auf der Kurzwelle von Radio Prag. Wir bekamen die Zweitausend Worte und die Tausend Worte herübergeschmuggelt. Wir schrieben sie ab und verbreiteten sie.
Wir bibberten mit, als die kommunistischen Staatschefs sich im Juni in Warschau trafen und die neue tschechische Führung unter Druck setzten. Wir bibberten täglich, stündlich mit, als die Sowjettruppen nach Manövern im Juni bis Anfang August 1968 nicht abziehen wollten. Wir bibberten mit, als die Gespräche in dem kleinen Grenzort zur Sowjetunion, in Cierna in jenem berühmten Eisenbahnwagen zwischen Breschnew und Kossygin einerseits DubcŠek und Cernik andererseits stattfanden, eine gewaltlose Lösung möglich schien, ohne allerdings die CŠSSR aus dem Ostblock herauszulösen. Endlich die Verbindung von Freiheit und Gerechtigkeit, endlich ein intellektueller Dialog! Die Wiener Paulusgesellschaft hatte den Boden bereitet, ebenso wie die Kafka-Konferenzen von 1963/65 in Liblice.
Am 12. August reiste ich mit meiner Freundin nach Prag. Wir erlebten Überwältigendes. Nächtliche Diskussionen, Tausende und Abertausende Menschen. Das Volk war auf der Straße. Arbeiter und Angestellte, junge Leute, Frauen und Greise diskutierten mit Funktionären. Diese stellten sich den Fragen, selbst Kommandeure von Kampfgruppen. Vor allen stand die Angst vor einem sowjetischen Eingreifen wie 1956 in Budapest. Deswegen sollte alles ohne Gewalt ablaufen, ohne Provokationen. Die gesellschaftliche Umwälzung kam von oben, kam aus der Partei selbst und fand im Volk breite Zustimmung. Zustimmung artikulierte sich massenhaft auf den Straßen. Aufregend und befreiend war das für einen eingemauerten DDR-Deutschen aus Ulbrichts SED-Staat!
Wir trafen auf westdeutsche Studenten, linke zumal, gänzlich interesselos für uns. Auch hatten sie mit ihrem Westgeld keine Schwierigkeiten gehabt, Quartier zu finden, anders als wir. Und sie setzten in Prag ihr ´68 fort. Ihre Gegner waren das westdeutsche Establishment und die Amerikaner in Vietnam. Sie intonierten ihr Ho-Ho-Ho-Chi-Min-Stakkato in Ufleku. Für Ostdeutsche hatten sie null Interesse. Wir lebten im "real existierenden Sozialismus", sie in ihrem Abstraktum. DDR-Bürger zu sein war östlichen Staaten wie gegenüber Westlern geradezu ein Makel. In Prag lag viel Angst in der Luft, aber noch sehr viel mehr Hoffnung. Ein Universitätsdozent zeigte uns stolz seine "Stadt im Aufbruch".
Wir erlebten, wie Zigtausende auf die Burg strömten, als Tito zu Besuch kam. Sie sagten uns, das sei die erste Demonstration, zu der sie nach 1945 freiwillig gekommen seien. Sie kamen in Massen, mit eigenen Plakaten: "Tito da, Ulbricht nee". Spontane Begeisterung, als Tito an uns vorüber fuhr und sich DubcŠek am Fenster des Hradschin zeigte. Es war die Freiwilligkeit, es war der Veränderungswille, es war die Fröhlichkeit, und es war der Ernst, die politische Besonnenheit, die uns bei den Tschechen faszinierte.
Vielen ging DubcŠek nicht weit genug. Er hatte stets das Durchsetzbare und von Moskau noch Tolerierbare im Blick zu behalten. Frühmorgens am 20. August reisten wir zurück. Am 21. August weckte mein Vater mich mit dem unvergesslichen Schmerzsatz: "Friedrich, steh auf! Die Russen sind in Prag einmarschiert." Was hatte mein Vater da gesagt? Steh auf! Aber ich war gelähmt. Als die russischen Truppen am 10. Oktober 1968 nach Halle zurückkehrten und die Bürger aufgerufen worden waren, sie festlich zu empfangen, kamen die Massen, ein wenig lustlos, aber sie winkten, ja sie winkten den Kolonnen zu. Ich organisierte eine kleine Aktion. Wir kletterten während der Begrüßungsreden auf die gepanzerten Fahrzeuge und fragten die Soldaten nach Warum und Wozu. Mir unvergesslich Horst Sindermanns Drohung auf dem so genannten Meeting: "Wir warnen jeden, mit in die Mülltonne unserer Feinde geworfen zu werden." Der Traum war zu Ende, der menschliche Sozialismus zu
Grabe getragen.
Bis 1989 hatte zu den Dokumenten, die ich bei Reisen regelmäßig auf dem Boden versteckte, die Abschriften der Zweitausend Worte von Juni 1968, "gewidmet den Arbeitern, Bauern, Angestellten, Wissenschaftlern, Künstlern und allen" gehört, verfasst von dem tschechischen Schriftsteller Ludvig Vaculik. "In diesem Frühling ist von Neuem wie nach dem Krieg eine große Chance zu uns zurückgekehrt. Von Neuem haben wir die Möglichkeit, unsere gemeinsame Sache in die Hände zu nehmen, die den Arbeitstitel ›Sozialismus‹ trägt und ihr eine Gestalt zu verleihen, die unseren einst guten Ruf und der verhältnismäßig guten Erinnerung entspräche, die wir ursprünglich von uns hatten. Dieser Frühling ist soeben zu Ende gegangen und wird nie wiederkehren. Im Winter werden wir alles erfahren." Sein Text hatte damit begonnen, daran zu erinnern, dass der Sozialismus, der mit einer großen Hoffnung verbunden gewesen war, aber nach 1945 in die Hände unrechter
Leute gekommen sei. "Es hätte nicht so sehr geschadet, dass sie nicht genügend staatsmännische Erfahrungen, sachliche Kenntnisse und philosophische Bildung besaßen, wenn sie wenigstens mehr gewöhnliche Weisheit und Anstand gehabt hätten, die Meinung anderer anhören zu können, und ihre schrittweise Ablösung durch Fähigere zugelassen hätten."
Josef Smrkovsky war damals Vorsitzender der Nationalversammlung und hatte mit Tausend Worten geantwortet. Er musste die praktisch politische Dimension im Blick behalten - die Russen im Nacken. Das war politische Gesprächskultur, wie sie uns elektrisierte. Smrkovsky hatte gewarnt: "Lassen wir nicht zu, dass Leidenschaften, eine Psychose der Rache und Revanche erregt werden. Erlauben wir nicht, (...) dass die Eingriffe gegen jene, die das Gesetz zur Verantwortung ziehen wird, in irgendeiner Hinsicht ihre Familienangehörigen, insbesondere ihre Frauen und Kinder, bedrücken. Selbst die unerlässliche Ablösung der Menschen in unserem Staats- und Parteiorganismus müssen sich (...) in diesem Geiste vollziehen: würdig, human und demokratisch." Er wollte keine Exkommunikation oder Ausstoßung aus der Nation. Er wollte keine Säuberungen wie unter Stalin. Das sollte das Neue sein.
Wer hätte damals geahnt, dass genau aus diesem Geist heraus 21 Jahre später die demokratische, friedliche Umwälzung im sowjetischen Machtbereich vollzogen werden konnte - mit einem sowjetischen Generalsekretär, der zum Dialog fähig und willens war. Bei seinem Besuch 1986 in der Tschechoslowakei hatte er indes kein korrigierendes Signal gegen die 68er-Invasion ausgehen lassen. Selbst Gorbatschow musste politische Rücksicht nehmen und Schritte zur Demokratisierung vorsichtig gehen. Das war und das blieb seine Krux. Eine Demokratisierung unter sozialistischem Vorzeichen erwies sich als (nicht mehr) möglich. Zu den Texten, die unmittelbar nach dem Einmarsch der Warschauer Pakttruppen die Hoffnung wach zu halten versuchten, gehörte Wolf Biermanns Lied: Das Land ist still. Noch sowie Reiner Kunzes Sensible Wege.
Wenn ich zurückblicke, dann erscheint es mir, als ob der Prager Frühling ein Kampf um Worte war, um das freie Wort. Wir begegneten der mächtigen Angst derer, die das freie Wort fürchten mussten und gerade mal so viel Verstand hatten, zu erkennen, welche der freien Worte ihrer Macht gefährlich würden. Sie spürten, dass sie sich der freien Diskussion nicht stellen konnten, weil sie unterlegen gewesen wären. Ihr hypertropher Wahrheitsanspruch war ein mit ideologischer, militärischer und geheimdienstlicher Macht abgesichertes Wahngebilde - unter hehren Parolen. Jeder Dialog wurde unterbunden. Es war eigentlich pure Angst, die in der Gestalt der Macht daherkam.
Die in Wien ansässige Paulus-Gesellschaft unter Kardinal König sowie Theologen, die das Denken eines Ernst Bloch für die Theologie fruchtbar machten, hatten schon seit Mitte der sechziger Jahre einen Dialog begonnen, der insbesondere um das Menschenbild kreiste, indem man auf Frühschriften von Marx zurückgriff. Was bei uns bis dahin im Giftschrank gestanden hatte, wurde 1968 veröffentlicht. Vom frühen Marx aus war ein echter Dialog möglich, zumal Marx hier noch unideologisch sein Menschenbild entfaltete - über die Befreiung von jeglicher Entfremdung, über den Selbst-Gewinn durch Arbeit, über Humanisierung der Natur und die Naturalisation des Menschen.
Ernst Blochs Auslegungen der Feuerbach-Thesen, Kritiken von Marcuse über eine Gesellschaft, in der alles vergegenständlicht und auch der Mensch zu einer Ware wird, sowie Aufsätze von Erich Fromm mit dem Titel Die Revolution der Hoffnung bestimmten eine lebendige Debatte, allerdings ohne SED-Marxisten. Was die Dissidenten so gefährlich erscheinen ließ? Dass sie meist keine Antikommunisten waren und sich auf die Quellen zurückbezogen, sie kritisch analysierten und auf die eigene Gegenwart anwandten. Das gehörte zur List der verwandelnden Wahrheit. Unerwartete Sätze von Karl Marx: "Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, musst du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluss auf andere Menschen ausüben willst, musst du ein wirklich anregender und fördernd auf andere
Menschen wirkender Mensch sein. Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen - und zu der Natur - muss eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens entsprechende Äußerung deines wirklichen individuellen Lebens sein. Wenn du liebst, ohne Gegenliebe hervorzurufen, das heißt, wenn dein Lieben als Lieben nicht die Gegenliebe produziert, wenn du durch deine Lebensäußerung als liebender Mensch dich nicht zum geliebten Menschen machst, so ist deine Liebe ohnmächtig, ein Unglück."
Das war es: Das Wiedereinsetzen des Individuums in sein Recht, statt den Menschen bloß als Gattungswesen zu definieren, das bestimmte Funktionen in der Gesellschaft als "vergesellschafteter Mensch" auszuüben hätte. Marx wurde in vielem zum Kronzeugen für eine emanzipatorisch-sozialistische Aufbruchsbewegung, die den Menschen wieder in sein Recht einsetzen und ihm ein nicht entfremdetes Dasein ermöglichen, ihn in ein Verhältnis zur Natur zurückbringen sollte, in der es im Verhältnis zwischen Mensch und Natur keine Verlierer gibt. Das wäre auch eine hilfreiche Maxime für heutige ökologische Debatten!
Dies alles mag nach 40 Jahren als uninteressante Spiegelfechterei gelten. Es war damals unmittelbar wirksam in These und Antithese, bis die Panzer kamen und keinerlei These und Antithese mehr gelten ließen. Es war ein Gedanke in der Welt, der nicht mehr herauszubringen war. Er suchte sich hoffnungsstiftende Gestalt in dem Konzept, das Josef Smrkovsky als das Ideal der Untrennbarkeit von drei Begriffen zusammengefasst hatte: Sozialismus, Demokratie, Humanismus. Diese Erinnerung bleibt ein Stachel im Fleisch des heute obwaltenden globalen Neoliberalismus, der der Welt keine Hoffnung zu bieten hat.