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Ich war dreizehn, als ich mich das erste Mal verliebt habe.
Es passierte im Englischunterricht, völlig unerwartet.
Plötzlich schlug mein Herz schneller, mir wurde warm und ich wusste nicht, was gerade mit mir passiert.
Am Anfang konnte ich dieses Gefühl nicht einordnen.
Aber mit der Zeit wurde mir klar, was es war.
Ich war verliebt.
Von da an drehte sich mein Alltag immer mehr um ihn.
Ich suchte unbewusst seine Nähe, freute mich über jede kleine Begegnung.
Er tauchte in meinen Träumen auf und wenn ich morgens aufwachte, war er oft mein erster Gedanke.
Manchmal musste ich ihn nicht einmal sehen, um zu spüren, dass er in der Nähe ist.
Rückblickend weiß ich, wie sehr ich durch die rosarote Brille geschaut habe.
Aber damals war er auch einer der wenigen Menschen, die mir hin und wieder freundliche Worte geschenkt haben.
Das hat viel bedeutet.
Aus verschiedenen Gründen glaube ich bis heute, dass er auch etwas für mich empfunden hat.
Doch dann kam der Moment, der alles verändert hat.
Auf einer Klassenfahrt küsste er ein anderes Mädchen.
Ich versuchte mir einzureden, dass es nichts zu bedeuten hatte.
Dass er sich einfach nur ausprobieren wollte.
In den Monaten danach wechselte er öfter seine Beziehungen und ich hielt weiter an meiner Hoffnung fest.
Während ich emotional immer mehr bei ihm war, verlor ich mich selbst immer mehr aus dem Blick.
Ich nahm meine eigenen Bedürfnisse kaum noch wahr.
Hunger und Durst wurden unwichtig, bis mein Körper irgendwann aufhörte, mir diese Signale zu senden.
Nach der Schulzeit brach der Kontakt komplett ab.
Aber meine Gefühle blieben.
Sie wurden so stark, dass sie mich an meine Grenzen brachten.
Ich aß oft nur noch einmal am Tag, eher aus Gewohnheit als aus echtem Bedürfnis.
An freien Tagen schlief ich sehr lange, manchmal bis zu sechzehn Stunden.
In meinen Träumen konnte ich ihm nahe sein und dort fühlte sich alles sicherer an als in der Realität, die inzwischen von Angst geprägt war.
Irgendwann suchte ich mir Hilfe und begann eine Therapie.
Sie half mir, mit meinen Ängsten besser umzugehen.
Doch die Gefühle für ihn blieben unverändert.
Erst später erfuhr ich, dass er inzwischen verheiratet ist und Kinder hat.
Ab und zu sehe ich ihn noch in meinem Heimatort.
Er wirkt glücklich.
Und genau das ist heute mein Trost.
Egal, was damals zwischen uns war oder hätte sein können, er hat seinen Weg gefunden.
Meine Gefühle für ihn sind nie ganz verschwunden.
Aber sie haben sich verändert.
Heute sehe ich sie nicht mehr nur als Schmerz.
Sondern auch als etwas anderes.
Als ein Zeichen dafür, dass ich fähig bin, tief zu fühlen.
Dass ich lieben kann.
Der Moment, in dem alles kippt
Ich möchte euch erzählen, wie es sich anfühlt, wirklich allein zu sein.
Nicht nur physisch, sondern innerlich.
Wenn man vor etwas steht, das sich nicht lösen lässt und man einfach nicht mehr weiß, was man tun soll.
Damals war ich verheiratet.
Ich war überzeugt davon, dass meine Zukunft mit meiner Frau und unseren beiden Kindern stattfinden wird.
Aus meiner Sicht war ich glücklich.
Nicht alles war perfekt, aber es war gut.
Mit der Zeit habe ich mich immer mehr zurückgezogen.
Ich habe den Fokus komplett auf meine Familie gelegt und dabei Freunde, Bekannte und vieles andere aus meinem Leben ausgeblendet.
Dann kam der Tag, der alles verändert hat.
Von einem Moment auf den anderen war da Distanz.
Die Stimmung war anders.
Liebe wurde zu Rückzug und Abneigung.
Und dann war es vorbei.
Sie hat die Beziehung beendet und mir gleichzeitig gesagt, dass sie bereits eine neue begonnen hat.
In diesem Moment hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen.
Ich war voller Angst, voller Unverständnis und konnte nicht begreifen, was gerade passiert ist.
Plötzlich war ich allein.
Allein mit mir und meinen Gedanken.
Das schwarze Loch
Ich hatte niemanden, mit dem ich wirklich darüber sprechen konnte.
Die einzige Person, die mir nahe war, war gleichzeitig der Grund für alles.
Ich habe es eine Zeit lang versucht, aber auch dort wurde alles kalt und distanziert.
Also habe ich mich weiter zurückgezogen.
Nach außen habe ich funktioniert.
Ich war im Alltag präsent, habe meine Aufgaben erledigt und wirkte vielleicht einfach nur ruhiger.
Aber innerlich war ich allein mit einer Flut an Gedanken und Gefühlen.
Nachts bin ich vor dieser Realität geflüchtet.
Erst saß ich lange draußen, hörte Musik und versuchte, irgendwie zur Ruhe zu kommen.
Dann wurde es mehr.
Ich ging nachts spazieren.
Später fuhr ich einfach los, manchmal hunderte Kilometer, ohne Ziel.
Ich wollte nur einen klaren Gedanken fassen.
Aber ich kam nicht mehr an mich selbst ran.
Es hat sich angefühlt, als wäre ich abgeschnitten.
Als würde mich etwas festhalten und ich komme einfach nicht mehr raus.
Ich begann, alles an mir zu hinterfragen.
Ob ich überhaupt noch einen Wert habe.
Ob es irgendjemand bemerken würde, wie es mir wirklich geht.
Es kamen Gedanken, die ich nicht haben wollte.
Gedanken daran, einfach alles zu beenden.
Nicht, weil ich es wirklich wollte, sondern weil ich keinen Ausweg mehr gesehen habe.
Ich begann zu trinken.
Nicht aus Genuss, sondern um es irgendwie erträglicher zu machen.
Irgendwann hatte ich eine Flasche in der Hand, die stärker war als alles zuvor.
Ich habe sie geöffnet und dann wieder geschlossen.
Irgendetwas in mir wusste, dass das ein Punkt ist, von dem es kein Zurück mehr gibt.
Der einzige Gedanke, der mir noch Halt gegeben hat, waren meine Kinder.
Sonst hatte nichts mehr wirklich Gewicht.
Der Weg hinaus
Der Wendepunkt kam, als andere merkten, dass etwas nicht stimmt.
Lange habe ich gesagt, dass alles in Ordnung ist.
Aber irgendwann ging das nicht mehr.
Und dann ist alles aus mir herausgebrochen.
Ich habe erzählt, was passiert ist und wie es mir wirklich geht.
Es war, als würde ein Damm brechen.
Und plötzlich war ich nicht mehr allein.
Freunde, Familie, Kollegen.
Menschen waren da.
Für mich.
Auf eine Art, die ich mir vorher nicht einmal vorstellen konnte.
Es war eine unglaubliche Erleichterung.
Diese Last loszulassen.
Nicht mehr alles in mich hineinzufressen.
Es war so viel einfacher, als ich es mir in meinem Kopf ausgemalt hatte.
Ich habe es aus diesem schwarzen Loch herausgeschafft.
Nicht, weil ich plötzlich stark genug war, sondern weil ich aufgehört habe, alles allein tragen zu wollen.
Heute ist es für mich fast unverständlich, wie tief ich dort hineingeraten bin.
Ich hätte nur eine der vielen ausgestreckten Hände greifen müssen.
Aber in diesem Moment hat es sich unmöglich angefühlt.
Dieses Gefühl von völliger Einsamkeit ist zerstörerisch.
Es kommt schleichend und man merkt oft nicht, wie tief man schon drin ist.
Ich habe gelernt, dass man nicht allein ist, auch wenn es sich so anfühlt.
Dass es Menschen gibt, die helfen wollen.
Und dass es nichts gibt, was es wert ist, sich selbst so zu verlieren.
Heute geht es mir besser.
Ich habe viel gesprochen, Hilfe angenommen und mich mit mir selbst auseinandergesetzt.
Dieses Gefühl von damals wird mich nie ganz verlassen.
Aber es erinnert mich daran, wie wichtig es ist, darüber zu sprechen.
Und wenn du das hier gerade hörst oder liest, dann möchte ich dir eines sagen:
Du bist nicht allein.
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ERGÄNZUNGEN NACH ERSTEM STREAM:
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Als Erstes möchte ich einfach Danke sagen.
Es war ein komisches Gefühl, die eigene Geschichte zu hören und zu erleben, wie darüber gesprochen wird. Irgendwie surreal. Aber gleichzeitig hat es gutgetan. Zu merken, dass da Verständnis ist und dass das, was man selbst im Nachhinein oft als falsch oder übertrieben empfindet, vielleicht gar nicht so war.
Und vor allem dieses eine Gefühl: Ich bin nicht allein. Das hat unglaublich viel bedeutet.
Ich habe bewusst diesen Teil meiner Geschichte gewählt, weil es mir besonders um dieses Gefühl des Alleinseins ging. Es ist nur ein Ausschnitt von allem, was passiert ist, aber für mich ein sehr zentraler.
Trotzdem möchte ich noch ein bisschen Kontext dazu geben.
Wir waren fast acht Jahre verheiratet. Es war meine erste Beziehung in diesem Ausmaß. Nachdem sie sich getrennt hat, haben wir noch eine Zeit lang zusammengelebt. Auch das hat vieles von dem verstärkt, was ich in der ersten Geschichte beschrieben habe.
Irgendwann ging das aber nicht mehr und ich bin mit den Kindern zu meinen Eltern gegangen.
Zu diesem Zeitpunkt war vieles noch offen. Es gab kein klares „so geht es jetzt weiter“, sondern eher ein ständiges „Was passiert als Nächstes?“.
Sie war damals für mich 800 Kilometer umgezogen und hatte dort alles zurückgelassen. Dann kam bei ihr der Wunsch auf, wieder zurückzugehen. Gleichzeitig stand im Raum, dass die Kinder bei mir bleiben.
Es gab erste Gespräche mit dem Jugendamt und sie hat angefangen, dort ein Bild von mir zu zeichnen, das mich als ungeeignet darstellen sollte.
Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Sie hat die Scheidung eingereicht und gleichzeitig einen Eilantrag beim Familiengericht gestellt, um das Sorgerecht zu klären.
Ich war völlig überfordert mit der Situation. Aber ich hatte wieder Freunde an meiner Seite, die mich unterstützt haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das alleine geschafft hätte.
Irgendwann kam dann noch dazu, dass sie bereits schwanger war und ein Kind von ihrem neuen Partner erwartet hat.
Für unsere Kinder wurde ein Rechtsbeistand eingesetzt und es ging relativ schnell vor Gericht, weil für sie feststand, dass sie mit den Kindern ins Ausland zurückgehen möchte.
Am Ende hat der Richter entschieden, dass die Kinder bei mir bleiben. Das Sorgerecht bleibt geteilt, weil es ihm wichtig war, dass sie weiterhin in einer Form Mutter sein kann.
Sie ist dann weggezogen.
Die Kinder leben seitdem bei mir. Sie sehen ihre Mutter regelmäßig, ein paar Tage im Monat hier und einen Teil der Ferien bei ihr. Natürlich vermissen sie sie, aber ich glaube, wir haben das bisher ganz gut hinbekommen.
Die Scheidung selbst hat sich lange gezogen. Erst im August 2025 war sie endgültig durch. Zu diesem Zeitpunkt war sie schon drei Jahre weg.
In dieser ganzen Zeit habe ich mir unendlich viele Gedanken gemacht.
Es kam ja auch die Frage auf, warum man in einer Beziehung bleibt, in der man nicht glücklich ist. Bei ihr war es wahrscheinlich der Nutzen, den sie daraus hatte.
Und ich selbst war in einer Art Bubble. Ich habe vieles nicht gesehen oder vielleicht auch nicht sehen wollen.
Im Nachhinein fühlt es sich an, als wäre irgendwann ein Vorhang gefallen und ich sehe erst jetzt klar, was eigentlich passiert ist.
Wenn ich es ganz nüchtern betrachte, fühlt es sich so an, als hätte sie mich ausgenutzt. Sie hat die Sicherheit und das Leben, das ich aufgebaut habe, angenommen und ist dann gegangen, als alles zusammengebrochen ist.
Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht nur emotional am Ende, sondern auch finanziell. Sie hat sich darauf verlassen, dass ich alles trage, und gleichzeitig nie wirklich hinterfragt, was das mit mir macht.
Am Ende hat sie sich ein neues Leben aufgebaut und mich mit allem zurückgelassen. Mit den Kindern, mit den Konsequenzen, mit den Trümmern von allem.
Heute ist vieles davon aufgearbeitet. Ich habe es geschafft, die meisten Dinge zu regeln. Es gibt noch ein Verfahren im Ausland wegen ihres neuen Kindes, das rechtlich noch mit mir verknüpft ist, aber auch das wird sich hoffentlich bald klären. Die finanziellen Themen sind ebenfalls fast abgeschlossen.
Und trotzdem bleibt eine Frage, die schwer auszuhalten ist.
War das alles überhaupt echt?
Wenn ich mir eingestehe, dass ich ausgenutzt wurde, dann muss ich mich auch fragen, ob die letzten zehn Jahre überhaupt das waren, was ich geglaubt habe. Oder ob es von Anfang an etwas anderes war.
Darauf habe ich bis heute keine Antwort. Und ehrlich gesagt habe ich auch Angst, diese Antwort wirklich zu suchen.
Denn zu sagen „sie hat mich verlassen“ wäre viel einfacher. Weniger belastend. Aber so fühlt es sich nicht an.
Was das mit Vertrauen macht, ist schwer zu beschreiben. Es zerstört es nicht nur, es pulverisiert es. Ich hinterfrage heute vieles und muss mich aktiv dazu zwingen, wieder zu vertrauen.
Auch der Kontakt zu ihr ist schwierig. Ein Teil von mir würde ihn am liebsten komplett abbrechen, aber sie ist die Mutter meiner Kinder.
Und die beiden haben ein Recht darauf, sie zu sehen. Sie haben es verdient, dass ich ihnen dabei nicht im Weg stehe.
Also ist es ein ständiger Spagat. Zwischen dem, was sie für mich war und dem, was sie für meine Kinder ist.
Ich arbeite daran, einen Weg zu finden, der für uns funktioniert. Es wird besser, aber es ist noch lange nicht leicht.
Ich hoffe, dass ich irgendwann genug Abstand habe, um das alles ruhiger und klarer betrachten zu können.
Aber eine Sache weiß ich heute sicher:
Ich bin nicht allein.
Zumindest nicht, solange ich mich nicht selbst dazu mache.
Ich war 16 Jahre alt, als das passiert ist. Aber um das einordnen zu können, muss ich ein Stück weiter vorne anfangen.
Mir wurde mein ganzes Leben lang gesagt, dass Gewalt keine Lösung ist. So ein Satz, den man einfach mitnimmt und irgendwann gar nicht mehr hinterfragt. Für viele ist das ein klarer moralischer Kompass.
Nur meine Realität sah anders aus.
Seit ich drei Jahre alt war, wurde ich von meinem Stiefvater körperlich misshandelt. Es waren Schläge mit der Faust oder mit der Gürtelschnalle, meistens gegen den Oberkörper, so dass man nichts direkt sehen konnte. Nach außen wirkte alles normal, aber zu Hause war es etwas ganz anderes.
Das war kein Einzelfall. Das war Alltag.
Es wurde immer wieder versucht, Hilfe zu holen. Es gab Anrufe beim Jugendamt, bei der Polizei, aber es wurde gelogen, und ohne sichtbare Beweise ist nichts passiert. Es wurde als familiäre Angelegenheit abgetan und nicht weiter verfolgt.
Mein Vater hat versucht, alles zu dokumentieren und über die Behörden zu gehen. Er wollte, dass es ernst genommen wird. Aber Verfahren wurden eingestellt, Dinge sind im Sande verlaufen, und irgendwann hatte man das Gefühl, dass es einfach niemanden interessiert.
Und so habe ich etwas gelernt, ohne dass es mir jemand direkt gesagt hat. Dass Gewalt angeblich keine Lösung ist, aber dass Lügen, Betrügen und auch körperliche oder seelische Gewalt anscheinend akzeptiert werden, solange man damit durchkommt.
Als ich 16 war, ging es mir sehr schlecht. Ich hatte starke Schlafparalyse und Depressionen, die nie behandelt wurden. Ich habe mich immer mehr gefangen gefühlt, ohne einen Ausweg zu sehen.
In einer Nacht ist es dann eskaliert.
Ich bin in die Küche gegangen, habe ein Messer genommen und bin zu ihm gegangen. In dem Moment ging es mir nicht darum, jemandem etwas anzutun, sondern darum, dass es endlich aufhört. Dass sich etwas ändert. Ich habe ihm klargemacht, dass er gehen muss.
Und er ist gegangen.
Was danach passiert ist, hat sich fast genauso schwer angefühlt. Mir wurde vorgeworfen, dass jetzt der „gute“ Stiefvater weg sei. Als wäre das, was vorher passiert ist, plötzlich nicht mehr wichtig.
Erst viele Jahre später, als ich endlich Therapie bekommen habe, habe ich verstanden, wie falsch und wie tiefgreifend das alles war. Wie systematisch mir beigebracht wurde, dass Gewalt eine Lösung sein kann, wenn man keinen anderen Ausweg sieht.
Und auch wenn ich heute anders darauf schaue, ist das nicht einfach weg. Es ist etwas, das geblieben ist. Etwas, das ich bis heute noch in meinem Kopf sehe und manchmal auch noch spüre.
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TEIL 2
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Ich möchte noch etwas zu meiner ersten Geschichte erzählen.
Das, was ich damals geteilt habe, war nur ein kleiner Teil von dem, was wirklich passiert ist.
Bevor ich weitermache, will ich ehrlich sein:
Das hier ist keine leichte Geschichte. Wenn euch solche Themen zu nahe gehen, passt bitte gut auf euch auf.
Heute bin ich in meinen 30ern und erst seit etwa einem halben Jahr in Therapie.
Früher wurde nie etwas unternommen. Auch wenn im Stream vermutet wurde, dass ich mit 16 Hilfe bekommen habe… das stimmt leider nicht.
Meine Mutter wusste von vielen Dingen, aber sie war finanziell abhängig von meinem Stiefvater.
Und ich glaube, das hat vieles beeinflusst.
Ich war ungefähr 14, als sich vieles zugespitzt hat.
Durch ständige Umzüge musste ich jedes Jahr die Schule wechseln. Dokumente gingen verloren, Kontakte brachen ab und ich hatte nie das Gefühl, irgendwo wirklich anzukommen.
Ich habe früh gelernt, niemandem zu vertrauen.
Freundschaften aufzubauen fiel mir extrem schwer.
In der Schule wurde ich schnell zum Außenseiter.
Ich wurde gemobbt, körperlich und seelisch. Und wenn ich versucht habe, mir Hilfe zu holen, standen am Ende mehrere Aussagen gegen meine.
Ich war derjenige, dem nicht geglaubt wurde.
Und die anderen kamen damit durch.
Das hat etwas in mir verändert.
Ich habe angefangen zu glauben, dass Gewalt vielleicht doch eine Lösung ist… weil ich gesehen habe, dass genau die Menschen damit Erfolg hatten.
Zu Hause war es nicht besser.
Es gab keinen Ort, an dem ich sicher war. Schule und Zuhause haben sich gleich angefühlt.
Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause und niemand war da.
Mein Stiefvater war arbeiten, meine Mutter rief mich an.
Sie sagte mir, ich solle für zwei Wochen zu einem Freund gehen, weil sie im Krankenhaus ist.
Später habe ich erfahren, was passiert ist.
Mein Stiefvater war betrunken und hat ihr gesagt, sie habe eine Minute Zeit, das Haus zu verlassen… sonst würde er sie töten.
Aus Panik ist sie aus dem Fenster gesprungen.
Sie hat sich dabei das Becken gebrochen und sich noch zu einem Nachbarn geschleppt, der den Notarzt gerufen hat.
Nach zwei Wochen kam ich zurück nach Hause.
Kurz darauf stand die Kriminalpolizei vor der Tür.
Auf dem Computer meines Stiefvaters wurden illegale Inhalte gefunden.
Er wurde festgenommen und aus der Bundeswehr entlassen.
Aber er kam schnell wieder frei.
Und ab diesem Punkt wurde alles noch schlimmer.
Er hat noch mehr getrunken… und ich musste noch mehr ertragen.
Meine Mutter hat sich immer mehr in ihre Arbeit zurückgezogen.
Ich glaube, das war ihre Art, mit allem umzugehen.
Für mich bedeutete das, dass ich weiterhin mit ihm unter einem Dach leben musste.
Trotz allem, was passiert war, hat sich nichts geändert.
Es gab keine Hilfe von außen, keine Konsequenzen, keine echte Unterstützung.
Mein leiblicher Vater hat vier Jahre lang versucht, vor Gericht etwas zu verändern.
Das war für mich ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Aber am Ende wurde der Fall wegen mangelnder Beweise eingestellt.
Und ich habe meinen Vater in dieser Zeit sogar noch seltener gesehen.
Ich bin mit dem Satz aufgewachsen:
„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“
Für mich hat das bedeutet, dass ich keinen Schmerz haben darf.
Weder körperlich noch emotional.
Mir wurde gesagt, ich soll mich nicht so anstellen.
Dass Schläge normal sind, wenn man sich falsch verhält.
Das ist nur ein Teil der Geschichte.
Und ehrlich gesagt… geht das alles noch viel tiefer.
Ich werde nur weitererzählen, wenn die Menschen bereit sind, das auch wirklich zu hören.
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TEIL 3
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Ich möchte noch einmal kurz an meine erste Geschichte anknüpfen, weil viele wissen wollten, wie es weiterging. Gleichzeitig ist das hier auch ein Abschluss für mich. Alles, was ich erzähle, liegt in der Vergangenheit, und ich möchte weder alte Wunden bei mir wieder aufreißen noch neue bei anderen verursachen.
Als mein Stiefvater schließlich weg war, wurde mir trotzdem die Schuld dafür gegeben. Es hieß, der „gute“ Stiefvater sei nur wegen mir gegangen. Das war hart. Und trotzdem war da gleichzeitig ein Gefühl von Befreiung. Irgendetwas in mir hatte sich verändert. Es war, als hätte ich plötzlich eine neue Art von Kraft.
In der Schule ging das Mobbing weiter, aber ich konnte besser damit umgehen. Zumindest dachte ich das.
Dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich habe mich verliebt. In ein Mädchen aus meiner Schule. Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und es ihr gesagt. Ich war nervös, habe gestottert, aber ich habe es ausgesprochen.
Sie hat mich ausgelacht.
Sie hat gesagt, ich sei nichts. Dass sie besser sei.
In diesem Moment ist in mir etwas zerbrochen. Aber nicht nur das. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nicht nur Traurigkeit oder Wut gespürt, sondern echten Hass. Und das Erschreckende daran war, dass es sich gut angefühlt hat.
Ich bin einfach gegangen. Und von da an habe ich angefangen, anders mit Menschen umzugehen. Wenn mich jemand gemobbt hat, habe ich nicht mehr nur ausgehalten. Ich habe angefangen zu analysieren. Ich habe Schwächen gesucht und sie benutzt.
Ich habe Beziehungen manipuliert, Gerüchte gestreut und sie so dargestellt, als wären sie wahr. Ich habe Menschen gegeneinander ausgespielt. Teilweise ging es sogar so weit, dass ich Leute unter Druck gesetzt habe, damit sie genau das tun, was ich wollte.
Auch das Mädchen, das mich ausgelacht hatte, habe ich nicht verschont. Ihre Freunde wandten sich von ihr ab. Ihr Freund verließ sie. Und ich war der Grund dafür. Sie wusste es und nannte mich ein Monster.
Ich habe sie damals gefragt, wer das Monster ist. Die Person, die anderen Schaden zufügt oder die Person, die sich rächt.
Das Ganze ging ungefähr ein halbes Jahr. In dieser Zeit war ich auf einem Punkt angekommen, den ich heute selbst kaum wiedererkenne.
Dann kam ein Moment, der alles verändert hat.
Ich lief über den Schulhof und sah, wie ein Junge von einem anderen Schüler verprügelt wurde, nur wegen seiner Herkunft. Ohne groß nachzudenken bin ich dazwischengegangen und habe den Angreifer gepackt. Ich habe ihm die Luft abgeschnürt, bis er fast bewusstlos war.
Und dann passierte etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
Der Junge, dem ich helfen wollte, hielt mich zurück. Er sagte, ich soll aufhören. Dass dieser Mensch das nicht verdient.
Ich habe das nicht verstanden. In meinem Kopf ergab das keinen Sinn.
Er hat mir erklärt, dass egal, was jemand tut, niemand das Recht hat, ein Leben zu beenden. Und dann hat er mich, als Dank, zu sich nach Hause zum Essen eingeladen.
Daraus ist eine Freundschaft entstanden.
Seine Familie war komplett anders als alles, was ich kannte. Sie waren freundlich, hilfsbereit und haben niemanden verurteilt. Diese Erfahrung hat etwas in mir verändert. Der Hass, der sich in mir aufgebaut hatte, wurde langsam schwächer.
Zu Hause wurde es allerdings nicht besser.
Als ich 17 war, hatte ich einen heftigen Streit mit meiner Mutter. In diesem Streit sagte sie mir, ich solle doch einfach gehen. Mit dem, was ich am Leib habe.
Und genau das habe ich gemacht.
Ich habe mir mehrere Shirts übereinander angezogen, ein paar Hosen und Socken, und bin gegangen. Es war Dezember. Es hat geschneit. Ich bin in dieser Nacht bis in die nächste Stadt gelaufen und habe meinen Vater angerufen, damit er mich abholt.
Er kam. Mitten durch Wind und Wetter.
Acht Monate später ist er gestorben. Herzversagen.
An dem Tag habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich wollte keine Gewalt mehr in meinem Leben. Ich wollte nicht zu dem werden, was mein Stiefvater aus mir gemacht hatte.
Meine Stiefmutter hat mir angeboten, bei ihr zu bleiben. Und das habe ich getan. Nach der Beerdigung habe ich mir eine Ausbildung gesucht und angefangen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Hier möchte ich die Geschichte beenden. Ab diesem Punkt lag mein Leben bei mir.
Heute schäme ich mich für viele Dinge, die ich damals getan habe. Ich habe mich sogar bei dem Mädchen von früher entschuldigt. Sie ist heute eine glückliche Mutter.
Ich weiß, dass ich nicht meine Vergangenheit bin. Aber ich weiß auch, dass das, was ich erlebt habe, mein Weltbild geprägt hat. Und dass es viele Menschen gibt, die ähnliche Wege gehen müssen.
Meine Mutter hat bis heute vieles verdrängt. Wahrscheinlich, weil sie sonst daran zerbrechen würde. Ich habe aufgehört, darauf zu hoffen, dass sie die Realität irgendwann akzeptiert. Für meinen eigenen Frieden.
Ich arbeite seit ungefähr neun Jahren mit einer Kollegin zusammen. Wir waren lange ein eingespieltes Team und es hat sich einfach selbstverständlich angefühlt, miteinander zu arbeiten.
Kurz nach Corona wurde es dann anders. Damit ich Überstunden abbauen konnte, wurde jemand Neues eingestellt, und diese Person hat viel mit meiner langjährigen Kollegin zusammengearbeitet.
Als ich aus dem Abbummeln zurückkam, habe ich relativ schnell gemerkt, dass sich etwas verändert hat. Es war kein klarer Moment, sondern eher ein Gefühl, das sich nach und nach aufgebaut hat. Ich hatte plötzlich den Eindruck, nicht mehr wirklich erwünscht zu sein.
Gleichzeitig sind vermehrt Fehler passiert, und als Schichtleitung wurde ich am Ende dafür verantwortlich gemacht. Wenn man sie direkt darauf angesprochen hat, hat sie sich eher zurückgezogen oder sich hinter mir versteckt, sodass ich wieder in der Situation war, das Ganze abzufangen.
Aber das war noch nicht das, was mich am meisten belastet hat.
Um damit umzugehen, habe ich versucht, mich abzusichern. Ich habe andere Kollegen mit einbezogen und angefangen, ihre Arbeit genauer zu kontrollieren. Mir ging es dabei nicht darum, sie kleinzumachen, sondern darum, nicht wieder für Dinge verantwortlich gemacht zu werden, die ich nicht verursacht habe.
Trotzdem hat das natürlich etwas mit unserer Arbeitsbeziehung gemacht. Das Vertrauen hat einen deutlichen Knacks bekommen.
Seitdem belastet mich ihr Verhalten mir gegenüber immer mehr. Es ist nicht nur eine einzelne Situation, sondern etwas, das sich durch fast jede Schicht zieht.
Sie stellt meine Aussagen regelmäßig in Frage und hat oft den Anspruch, alles besser zu wissen. Wenn man dann genauer nachfragt oder Dinge erklärt, merkt man schnell, dass vieles nur Halbwissen ist oder aus dem Internet stammt. Trotzdem bleibt sie bei ihrer Haltung und verneint meine Aussagen grundsätzlich.
Gleichzeitig erzählt sie über die gesamte Schicht hinweg von Menschen aus ihrem Umfeld, zu denen ich keinen Bezug habe. Es sind Gespräche, in denen ich eigentlich gar nicht wirklich vorkomme, die aber trotzdem permanent Raum einnehmen.
Wenn ich versuche, sie direkt darauf anzusprechen, spielt sie das Ganze herunter, als wäre es nicht der Rede wert.
Der schwierigste Punkt war für mich vor ungefähr zwei Jahren. In dieser Zeit hat sich unsere Leitungsebene verändert, und ich wurde zunehmend zur Zielscheibe.
Am Anfang habe ich versucht, mich meiner Kollegin anzuvertrauen, weil wir so lange zusammengearbeitet haben. Ich hatte gehofft, dass sie zumindest versteht, wie sehr mich das belastet. Aber sie hat es heruntergespielt, wahrscheinlich auch, weil sie selbst nicht betroffen war.
Irgendwann war ich so erschöpft, dass ich laut gesagt habe, dass ich nicht mehr kann und am liebsten kündigen möchte. Es war kein Angriff, sondern eher ein Moment, in dem alles raus musste.
Daraufhin hat sie drei Tage lang nicht mehr mit mir gesprochen. Komplett.
Nach diesen drei Tagen habe ich das Gespräch gesucht, weil ich das klären wollte. Ich wollte verstehen, was da gerade passiert ist.
Ihre Reaktion darauf war, dass niemand sie anschreien darf.
Das war alles.
Ich habe mich am Ende dafür entschuldigt, einfach um die Situation zu beruhigen.
Heute merke ich, wie müde mich das Ganze gemacht hat. Ich habe nicht mehr die Energie, jede Situation zu klären oder dagegen anzukämpfen. Oft ignoriere ich es einfach oder sage direkt, dass mich das nicht interessiert.
Ich bin im Ausland geboren und habe meinen Vater immer sehr bewundert.
Als meine Mutter sich von ihm trennte, bin ich mit ihm nach Deutschland gegangen.
Am Anfang war alles ungewohnt, aber ich dachte, es wird schon gut werden.
Doch schon nach wenigen Monaten wurde mir der Kontakt zu meiner Mutter und meinen Geschwistern verboten. Mein Vater begann immer mehr zu trinken.
Mit der Zeit wurde sein Verhalten mir gegenüber immer schwieriger.
Er sagte oft, dass ich ihn an meine Mutter erinnere und dass er sie vermisst.
Was zuerst nur verwirrend war, wurde später zu etwas, das ich nicht mehr einordnen konnte.
Kurz vor meinem vierzehnten Geburtstag ist eine Grenze überschritten worden.
Ab diesem Moment hat sich mein Alltag komplett verändert.
Es blieb nicht nur bei ihm.
Auch andere Menschen aus seinem Umfeld wurden Teil davon.
Für ihn wurde das normal. Für mich wurde es etwas, das ich einfach ausgehalten habe.
Mit sechzehn bin ich von zu Hause weggelaufen.
Ich lebte auf der Straße und habe versucht, irgendwie zu überleben.
Ich habe schnell gelernt, dass ich für einen Schlafplatz oder Essen Dinge tun musste, die sich für mich irgendwann „normal“ angefühlt haben.
Hilfe habe ich lange nicht angenommen.
Ich habe niemandem vertraut und hatte vor allem Angst vor Männern.
Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag wurde ich beim Klauen erwischt.
Die Polizistin hat sich Zeit genommen und mir zugehört.
Zum ersten Mal habe ich darüber gesprochen.
Danach hat sich langsam etwas verändert.
Ich habe Therapie gemacht, eine Ausbildung abgeschlossen und wieder Kontakt zu meinen Geschwistern aufgebaut.
Aber die Vergangenheit ist nicht einfach weg.
Auch heute habe ich noch Albträume und bestimmte Situationen machen mir Angst.
Heute habe ich selbst Kinder, zusammen mit meiner Frau.
Und trotzdem gibt es diesen Gedanken, der mich immer wieder einholt.
Dass mein Vater bald wieder frei sein wird.
Ich hab in meinem Leben viele Dinge erlebt, über die ich erzählen könnte. Aber wenn ich ehrlich bin, gibt es einen Punkt, an dem für mich alles angefangen hat.
Ich war damals zwölf Jahre alt.
Zu der Zeit ging es mir schon länger nicht gut. Ich wusste selbst nicht wirklich, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen sollte. Irgendwann wurde es so schlimm, dass ich wegen selbstverletzendem Verhalten in eine geschlossene Kinderpsychiatrie kam.
Freiwillig war das nicht.
Ich war jung, überfordert und hatte absolut keine Ahnung, was eigentlich mit mir passiert. Für mich hat sich das nicht wie Hilfe angefühlt, sondern wie eingesperrt sein. Und genau so habe ich mich auch verhalten. Ich habe mich komplett dagegen gewehrt und gar nicht erst versucht, irgendetwas anzunehmen.
Eines Tages ist dann etwas passiert, das ich sofort ausgenutzt habe.
In einem Nachbarraum wurde ein Fenster nicht richtig gesichert. Für mich war das in dem Moment die Chance, da rauszukommen. Also bin ich geflohen.
Einfach weg.
Ein paar Tage lang wurde ich gesucht, bis die Kripo mich schließlich gefunden und zurückgebracht hat.
Und ab da wurde es schwierig.
Die Klinik hat das Ganze als Fehlverhalten gewertet und darauf reagiert. Heute würde ich sagen, dass die Maßnahmen für mich damals nicht passend waren.
Ich war dreizehn, als entschieden wurde, mich als Konsequenz auf eine geschlossene Erwachsenenstation zu verlegen.
Weder ich noch meine Eltern waren damit einverstanden. Trotzdem wurde das durchgesetzt. Mit richterlicher Verfügung und Unterstützung der Polizei.
Ich wurde betäubt und anschließend fixiert. An Kopf, Armen, Beinen und am Bauch.
Drei Tage lang.
Ohne mich bewegen zu können.
Als ich danach wieder frei war, war ich nicht mehr auf der Kinderstation. Ich war mitten in der Erwachsenenpsychiatrie.
Mit dreizehn.
Ich habe mir dort ein Zimmer mit Menschen geteilt, die deutlich älter waren als ich. Viele von ihnen waren dort, weil sie als akute Gefahr eingestuft wurden.
Das sollte abschreckend wirken.
Für mich war es einfach nur beängstigend.
Ich habe Dinge gesehen, die ich bis heute nicht vergessen habe. Dinge, auf die ich hier bewusst nicht näher eingehen möchte.
Nach einigen Monaten wurde ich wieder zurückverlegt.
Und damit war es nicht vorbei.
In den Jahren danach war ich in vielen verschiedenen Kliniken in ganz Deutschland. Jede einzelne davon war eine eigene Geschichte für sich.
Und trotzdem gibt es etwas, das ich unbedingt sagen möchte.
So schwer und negativ dieser eine Anfang für mich war, er steht nicht für alles, was danach kam.
Im Gegenteil.
Die meisten Erfahrungen, die ich später gemacht habe, waren gut. Sie haben mir geholfen. Wirklich geholfen.
Aber erst in dem Moment, in dem ich bereit war, Hilfe auch anzunehmen.
Heute lebe ich mit einer Erkrankung, die mich mein Leben lang begleiten wird. Sie wird nicht einfach verschwinden.
Aber ich habe gelernt, damit umzugehen.
Ich habe gelernt, dass es trotzdem möglich ist, ein schönes Leben zu führen. Ein Leben, das sich lebenswert anfühlt.
Und genau das hätte ich mir mit zwölf niemals vorstellen können.
Deshalb ist mir eine Sache wirklich wichtig:
Egal wie tief man gerade steckt. Egal wie hoffnungslos sich alles anfühlt.
Hilfe kann einen Unterschied machen.
Vielleicht nicht sofort. Vielleicht nicht perfekt. Aber sie kann der Anfang von etwas sein, das man sich selbst gerade noch gar nicht vorstellen kann.
Und dieses Leben, das man sich aufbaut, ist es wert.
Ich weiß gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll, weil diese Geschichte sich für mich selbst immer noch sehr schwer anfühlt.
Ich habe eine unheilbare Krankheit. Duchenne-Muskeldystrophie.
Das bedeutet, dass meine Muskeln nach und nach schwächer werden und irgendwann ihre Funktion verlieren. Dinge, die für andere selbstverständlich sind, werden für mich Schritt für Schritt unmöglich. Laufen, alleine essen, all das wird mir genommen.
Ich weiß, wie begrenzt meine Zeit ist.
Die Lebenserwartung liegt ungefähr bei 30 Jahren. Und das ist ein Gedanke, der immer irgendwo mitläuft, egal was ich mache.
Aber das ist nicht das Einzige, was mich beschäftigt.
In mir gibt es noch etwas, das ich bisher niemandem gesagt habe.
Und selbst jetzt fällt es mir unglaublich schwer, es überhaupt in Worte zu fassen.
Diese Krankheit betrifft eigentlich nur Männer.
Doch ich habe schon lange das Gefühl, dass ich keiner bin.
Ich glaube, dass ich trans bin.
Allein das auszusprechen fühlt sich fremd an. Beängstigend. Fast so, als würde ich etwas sagen, das ich nicht sagen darf.
Ich habe es noch nie jemandem erzählt.
Und vielleicht ist genau das das Schwerste daran.
Nicht nur die Krankheit. Nicht nur die Begrenzung meiner Zeit.
Sondern das Gefühl, ein Leben zu führen, das sich nicht ganz nach mir selbst anfühlt.
Ich lebe es nicht aus.
Ich traue mich nicht.
Ich habe Angst vor dem, was es bedeuten würde. Und ich habe das Gefühl, dass mir durch meine Situation die Möglichkeit dazu irgendwie genommen wird.
Aber tief in mir ist dieser Wunsch.
Ich wäre lieber eine Frau.
Und das ist das erste Mal, dass ich das überhaupt jemandem sage.
Ich weiß nicht, was ich tun soll.
Ich wollte einfach, dass es einmal irgendwo ausgesprochen ist.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich nochmal so fühle.
Vor etwa zwei Monaten habe ich mich in eine Bekannte verliebt.
Eigentlich etwas Schönes, denn davor ist das das letzte Mal über fünf Jahre her gewesen.
Dieses Gefühl war lange einfach weg.
Wir kennen uns schon eine ganze Weile.
Damals habe ich sie kennengelernt, als sie in einer Kneipe gearbeitet hat, in die ich regelmäßig gegangen bin.
Später ist sie dann auch noch in die Karnevalsgesellschaft gekommen, in der ich ebenfalls bin.
Man läuft sich also nicht nur ab und zu über den Weg.
Unsere Kreise überschneiden sich ziemlich stark.
Bis vor kurzem war sie noch in einer langen Beziehung.
Nach einem Abend im Pub, mit zwei Freunden, habe ich meinen besten Freund irgendwann gefragt, ob sie inzwischen Single ist.
Er meinte ja.
Und seitdem hänge ich fest.
Ich weiß seit zwei Wochen, dass sie Single ist und gleichzeitig habe ich absolut keine Ahnung, was ich jetzt damit anfangen soll.
Ob ich überhaupt etwas damit anfangen soll.
Es ist nicht so, dass ich nichts fühlen würde.
Eher im Gegenteil.
Aber genau das macht es so schwierig.
Wenn ich einen falschen Schritt mache, betrifft das nicht nur mich.
Es betrifft unseren gemeinsamen Freundeskreis.
Und ich habe Angst, dass ich damit etwas kaputt mache, das gerade einfach stabil ist.
Und dann ist da noch etwas, das mich zusätzlich durcheinanderbringt.
Ich bin eigentlich niemand, der viele Dinge in seinen WhatsApp-Status packt.
Aber am Wochenende habe ich zum ersten Mal ein Foto gepostet.
Ein Spaziergang, ein Baggersee, und da saß einfach eine Möwe.
Was bei uns eher ungewöhnlich ist.
Ich fand es einfach lustig und habe es geteilt.
Sie war die erste Person, die es gesehen hat.
Ich habe mir nichts dabei gedacht.
Zufall, dachte ich.
Aber dann habe ich an den Tagen danach noch ein paar Bilder hochgeladen.
Und jedes Mal war sie innerhalb weniger Minuten die erste Person, die es sich angeschaut hat.
Und plötzlich fühlt sich das nicht mehr wie Zufall an.
Jetzt sitze ich hier und zerdenke alles.
Ich frage mich, ob das etwas bedeutet oder ob ich mir das nur einbilde, weil ich mir wünsche, dass es etwas bedeutet.
Und genau da stehe ich gerade.
Zwischen Hoffnung und Vorsicht.
Zwischen dem Wunsch, etwas zu wagen, und der Angst, damit alles komplizierter zu machen.
Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.
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TEIL 2
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Ich habe ihr am Mittwoch um 22:19 Uhr geschrieben.
Ganz schlicht:
„Magst du mit mir mal einen Kaffee trinken gehen?“
Ohne den Zuspruch vom Chat und das Mutmachen von anderen hätte ich das wahrscheinlich nie abgeschickt. Wirklich nicht.
Mir war davor richtig schlecht.
Meine Hände waren feucht, mein Kopf komplett voll, und irgendwo zwischen Nervosität und Übelkeit habe ich einfach auf „Senden“ gedrückt.
Und dann… hieß es warten.
Der Donnerstag und Freitag danach… die waren ehrlich gesagt nicht meine Lieblingstage.
Ich habe ständig aufs Handy geschaut, jede Minute gefühlt, jede mögliche Antwort im Kopf durchgespielt.
Am Samstagmorgen kam dann endlich ihre Antwort:
„Ich packs momentan ned, sorry 🙈“
Und mein erster Gedanke war tatsächlich:
Hey… das ist eigentlich die zweitbeste Antwort, die ich bekommen konnte.
Weil ich war auf alles vorbereitet.
Von einem einfachen „Nein“ bis hin zu richtig harten Sachen wie
„Ewww, mit einem wie dir nicht.“
Also ja… im Vergleich dazu war das fast schon erleichternd.
Trotzdem wusste ich nicht, wie ich antworten soll.
Ich war aber wenigstens schlau genug, zwei Frauen zu fragen, was ich schreiben könnte.
Und das war im Nachhinein wirklich eine gute Entscheidung.
Meine erste Idee war nämlich:
„Hey, alles gut. Ich wünsche dir, dass du bald wieder herzlich lachen kannst.“
Und die Reaktion darauf war… sagen wir mal eindeutig.
„Bitte nicht.“
Sie meinte, das klingt eher wie ein Abschied für immer.
So ein „Ja, schönes Leben noch.“
Und wenn ich ehrlich bin… sie hatte recht.
Also habe ich stattdessen geschrieben:
„Hey, alles klar. Vielleicht bekommen wir das ja später irgendwann hin.“
Und ich glaube, das war eine gute, ruhige Antwort.
Aber jetzt kommt der Teil, der mich selbst ein bisschen beschäftigt.
Ich erinnere mich normalerweise nie an meine Träume.
Aber an dem Sonntag war ich komplett fertig.
Ich habe fast den ganzen Tag nur geschlafen oder vor mich hin gedöst.
Und eine Szene ist mir geblieben.
Ich sehe sie…
in einem blauen Abendkleid.
Die Haare hochgesteckt, was sie eigentlich nie so trägt.
Und wir stehen in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Zirkuszelt.
Sie dreht sich zu mir und sagt:
„Unser Regenbogen.“
Und dann bin ich aufgewacht.
Seitdem… und auch schon davor…
gab es Momente, in denen ich einfach weinen musste.
Weil dieser Gedanke immer wieder kommt:
Ich würde sie einfach gern in den Arm nehmen…
und ihr leise sagen, dass alles irgendwann wieder besser wird.
Ich glaube, meine Geschichte beginnt damit, dass ich mich schon als Kind in meiner eigenen Familie oft allein gefühlt habe.
Meine Eltern haben sich getrennt, als ich fünf Jahre alt war. Danach wurde ich innerhalb der Familie immer weitergereicht. Nie länger als zwei Jahre am selben Ort. Es gab nie wirklich einen Platz, den ich als Zuhause bezeichnen konnte.
Statt Halt zu bekommen, habe ich immer wieder gehört, dass ich zu nichts zu gebrauchen sei. Ich wurde ständig mit anderen verglichen und irgendwann einfach als Nichtsnutz abgestempelt.
Als mein Vater neu geheiratet hat, wurde es nicht besser. Seine neue Frau wollte mir helfen, aber es hat nicht funktioniert. Meine Eltern haben Termine nicht eingehalten, Unterstützung blieb aus, und ich stand wieder dazwischen.
Irgendwann wurde ich in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen, weil man meinte, mit mir stimme etwas nicht, ich sei kaputt.
Das hat mich innerlich komplett gebrochen. Danach wurde alles nur noch schlimmer.
Ich habe angefangen, immer mehr Mist zu bauen. Ich habe fast das komplette neunte Schuljahr geschwänzt. Zuhause habe ich gegen jede Regel verstoßen. Ich habe Türen aufgebrochen, um an meine Sachen zu kommen, Kabel verlegt, wenn mir der Strom abgestellt wurde, und meine Musik extra laut aufgedreht, damit sie mich nicht ignorieren konnten.
Verbote haben für mich irgendwann einfach nicht mehr existiert.
Ich war nie körperlich gewalttätig, aber meine Ausstrahlung wurde immer wütender und bedrohlicher. So sehr, dass die Frau meines Vaters mit ihren Kindern für zwei Wochen das Haus verlassen hat.
Und als sie zurückkamen, wurde ich einfach rausgeworfen.
Ich kam ins betreute Wohnen. Für mich fühlte es sich nicht wie Hilfe an, sondern eher so, als wollte man mich einfach nur noch loswerden.
Danach habe ich mehrere Ausbildungen angefangen und wieder abgebrochen.
Mit 19 hatte ich dann einen Plan.
Ich wollte noch zwei Jahre so leben, wie ich wollte, ohne Rücksicht auf irgendwas. Ich habe Schulden gemacht, am Ende waren es 25.000 Euro. Es war mir egal.
Mein Plan war, mit 21 mein Leben zu beenden.
Ich war zu diesem Zeitpunkt komplett am Ende. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin, wo ich stehe oder wohin ich überhaupt will. Da war einfach nur Leere.
Mein Vater hat irgendwann meine Wohnung geräumt und mich zu meiner Mutter gebracht. Aber auch dort bin ich nach zwei Monaten wieder rausgeflogen.
Und dann hatte ich wirklich nichts mehr.
Ich war auf der Straße.
Sechs Monate lang.
Ohne Hoffnung, ohne Perspektive. Ich habe einfach nur existiert und irgendwann aufgehört, überhaupt noch etwas zu versuchen.
Und dann… kam dieser eine Moment.
Kein großes Ereignis. Kein Wunder. Nur ein Gedanke.
Mir wurde klar, dass mir diese Situation eigentlich nicht fremd war.
Ich war mein ganzes Leben lang auf mich allein gestellt gewesen. Immer irgendwie durchgekommen.
Also habe ich angefangen, den ersten Schritt zu machen.
Ich habe mir über das Amt eine Wohnung organisiert, eine Ausbildung angefangen und Unterstützung über eine gesetzliche Betreuerin bekommen.
Und diese Frau… hat mich unterstützt, wie es vorher niemand getan hat.
Innerhalb von dreieinhalb Jahren habe ich es geschafft, mit Hartz IV und meinem Ausbildungsgehalt meine kompletten Schulden von 25.000 Euro abzubezahlen.
Und der Grund dafür war eigentlich nur einer.
Ich habe mich an etwas erinnert:
Ich bin unglaublich schlecht darin, aufzugeben.
Ich habe vielleicht keine besonderen Talente.
Aber ich habe etwas anderes.
Egal wie schwer meine Depressionen sind, egal wie scheiße das Leben manchmal ist… ich gebe nicht auf.
Damit ich endgültig am Boden bleibe, braucht es mehr als das, was ich erlebt habe.
Ich stehe immer wieder auf.
Auch wenn ich tausendmal falle.
Mich bekommt niemand mehr für immer auf den Boden.
Nach meiner Trennung lebte ich erstmal allein, nicht weit entfernt von meiner Ex.
Relativ schnell habe ich gemerkt, dass mir diese Nähe überhaupt nicht guttut. Psychisch hat mich das ziemlich belastet und ich hatte das Gefühl, dass ich dringend einen Neuanfang brauche.
In dieser Zeit habe ich eine Freundin und einen sehr guten Freund kennengelernt. Mit der Freundin habe ich viel geredet. Sie meinte, dass sie selbst auch aus ihrer aktuellen Situation raus will. Daraus entstand dann die Idee, ob wir nicht zusammenziehen könnten. Und ehrlich gesagt ging das alles ziemlich schnell.
Das Haus, in das wir gezogen sind, hatte zwei Wohnungen. Eine oben und eine unten. Sie hat oben gewohnt, die größere Wohnung, und ich unten, die kleinere.
Das Problem war nur, dass sie die obere Wohnung oft abgeschlossen hat. Dadurch habe ich mich wieder ziemlich allein gefühlt. Und meine eigene Wohnung war auch kein Ort, an dem ich wirklich ankommen konnte. Alles war irgendwie provisorisch, unfertig. Vorher hatte dort ein älterer Mann gewohnt, der keine Treppen mehr steigen konnte, und vieles war einfach noch so wie damals.
Schon nach kurzer Zeit wurde klar, dass das Zusammenleben deutlich schwieriger ist, als wir uns das vorgestellt hatten.
Rückblickend war das wahrscheinlich die schwerste Zeit meines Lebens.
Ich habe in dieser Phase viele Fehler gemacht. Ich habe Dinge verheimlicht und sogar meine Eltern angelogen. Sie wussten nicht mal, dass ich umgezogen bin.
Gleichzeitig habe ich Gefühle für meine Mitbewohnerin entwickelt, die sie nicht erwidert hat. Und mit der Zeit habe ich gemerkt, dass unsere Situation überhaupt nicht ausgeglichen war. Ich hatte oft das Gefühl, ich muss für sie da sein, ich muss funktionieren, und meine eigenen Bedürfnisse habe ich immer weiter nach hinten gestellt.
Heute weiß ich, dass ich damals extrem anfällig dafür war, ausgenutzt zu werden. Ich hatte große Angst vor Streit und wollte Konflikte um jeden Preis vermeiden. Also habe ich vieles einfach hingenommen, anstatt klar Grenzen zu setzen.
Und selbst die wenigen Grenzen, die ich gesetzt habe, wurden nicht respektiert.
Ein Beispiel: Ich wollte zu dem Zeitpunkt keine Haustiere. Trotzdem hat sie irgendwann einfach zwei Hunde mitgebracht. Ich mag Tiere, aber das war für mich eine klare Grenzüberschreitung. Am Ende musste ich mich teilweise sogar um beide Hunde kümmern, weil sie damit überfordert war, bis sie sie irgendwann wieder abgegeben hat.
Dazu kamen immer wieder unangekündigte Gäste. Und sie hat Zeit mit einem neuen Freund verbracht, auch sehr intime Zeit. Ich habe zum Glück nichts gehört, aber allein zu wissen, was da passiert, war für mich in dieser Wohnsituation extrem unangenehm.
Mit der Zeit wurde alles immer belastender.
Wir konnten irgendwann die Miete nicht mehr zahlen. Ich hatte zwar gerade einen Job gefunden, aber ich musste mit der Bahn hin und zurück, was zusätzlich anstrengend war. Vom Arbeitsamt habe ich kein Geld bekommen, weil ich wichtige Dinge versäumt hatte, die ich im Nachhinein nicht mehr korrigieren konnte. Sie selbst hat auch nicht viel verdient und teilweise im Homeoffice gearbeitet.
Auch der Haushalt war ein großes Problem. Es wurde kaum aufgeräumt. Sie hatte vier Katzen und irgendwann war die Wohnung oben kaum noch bewohnbar.
Irgendwann kam der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich so nicht weitermachen kann.
Ich habe die Entscheidung getroffen, auszuziehen.
Zum Glück war mein guter Freund in dieser Zeit für mich da. Er hat mich bei sich aufgenommen, obwohl er selbst nicht viel hatte. Er hat mich unterstützt, bis ich wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.
Gemeinsam haben wir diese Zeit irgendwie überstanden und dafür bin ich ihm bis heute unglaublich dankbar.
Auch der Vermieter hat Verständnis gezeigt. Er hat die Situation bei der Polizei angezeigt, mir gegenüber hat er aber keine weiteren Probleme gemacht.
Wenn ich heute zurückblicke, war das eine extrem schwere Zeit. Aber ich habe auch viel daraus gelernt.
Mittlerweile wohne ich wieder allein. Mein Freund ist inzwischen weggezogen.
Und jetzt versuche ich erstmal anzukommen. Durchzuatmen. Zur Ruhe zu kommen.
Auch wenn ich eigentlich in einer anderen Stadt leben möchte…
aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.
Seit ich denken kann, nehme ich die Gefühle anderer Menschen sehr stark wahr.
Oft passiert das ganz automatisch, ohne dass ich es bewusst steuere.
So bin ich mit der Zeit für viele zu einer Art Tagebuch geworden.
Bitte versteht mich nicht falsch.
Es belastet mich nicht, was andere erlebt haben.
Im Gegenteil, manchmal hat es mir sogar geholfen, Lösungen zu sehen.
Ich konnte Menschen Wege zeigen, wie sie mit ihren Sorgen umgehen oder wieder nach vorne schauen können.
Und dabei war es egal, wie ungewöhnlich, wie schwer oder wie unangenehm ihre Geschichten waren.
Nichts hat mich abgeschreckt.
Ich habe nie weggeschaut oder verurteilt, sondern versucht, genau hinzusehen und zu verstehen.
Was mich aber wirklich belastet, ist etwas anderes.
Ich selbst werde dabei oft nicht gesehen.
In mir sammeln sich viele Ängste und Sorgen.
Es fühlt sich an wie ein Gefäß, das sich immer weiter füllt, bis es irgendwann überläuft.
Und manchmal ist dieses Gefäß sogar verschlossen.
Dann komme ich gar nicht richtig an meine eigenen Gefühle heran.
Es gibt Momente, in denen ich mich selbst bewusst in diese Emotionen bringe, nur um endlich weinen zu können.
Mir wurde einmal gesagt, dass Weinen keine Probleme löst.
Aber für mich stimmt das nicht.
Nach dem Weinen fühle ich mich leichter.
Die Anspannung lässt nach, und ich finde wieder ein Stück Ruhe in mir.
Ich habe für mich bisher keinen anderen Weg gefunden, damit umzugehen.
Was mich zusätzlich beschäftigt, ist die Art, wie Menschen miteinander umgehen.
Oft passt das, was sie sagen oder schreiben, nicht zu dem, was sie wirklich fühlen oder tun.
Worte wirken dann leer oder unehrlich.
So, als würden sie nicht das ausdrücken, was eigentlich dahinter steckt.
Für mich sind Gefühle das Einzige, was wirklich eindeutig ist.
Und ich habe manchmal den Eindruck, dass viele Menschen verlernt haben, richtig zu fühlen.
Vielleicht, weil sie es sich abgewöhnt haben.
Vielleicht, weil sie gelernt haben, ihre Emotionen zu unterdrücken.
Beziehungen entstehen oft aus Oberflächlichkeiten heraus.
Geschmack und Persönlichkeit passen sich Trends an oder werden durch Druck und Erwartungen verändert.
Und soziale Verbindungen basieren manchmal eher auf Nutzen als auf echtem Miteinander.
Ich wünsche mir, dass Menschen wieder lernen zu fühlen.
Dass sie sich selbst und anderen mehr vertrauen.
Dass sie weniger urteilen und stattdessen mehr wertschätzen.
Weniger reden und mehr wirklich handeln.
Nach langem Zögern habe ich mich entschieden, auch einmal etwas von mir zu zeigen.
Die meisten Menschen kennen mich nur so, wie ich nach außen wirke. Jemand, der viel lacht, der hilft, der sich kümmert. Jemand, der Dinge einfach weglächelt.
Aber das ist nur ein Teil von mir.
Ich wurde von Menschen enttäuscht, von Familie und Freunden. Und irgendwann habe ich angefangen, ein Gesicht zu tragen, das nicht wirklich ich bin. Aus Angst, auch die letzten Menschen in meinem Leben zu verlieren.
Niemand sieht mich weinen. Niemand sieht mich wirklich leiden. Diese Momente gehören nur mir.
Und so schwer sie auch sind… es sind gleichzeitig die einzigen Momente, in denen ich mich wirklich spüre. In denen ich mich selbst verstehe.
Dieses Loslassen, dieses Zulassen von Schmerz, ist für mich wie ein Ventil. Es hilft mir, weiterzumachen.
Aber diese Seite von mir bleibt verborgen. Nicht, weil sie nicht existiert… sondern weil ich es nicht aushalte, wenn jemand mich in diesem Zustand sehen würde.
Also wirke ich stark. Damit sich andere sicher fühlen.
Und ich weiß, dass das nicht gesund ist. Ich weiß, dass das kein guter Weg ist.
Aber es ist das Einzige, was sich für mich gerade echt anfühlt.
Manchmal suche ich mir bewusst Dinge, die mich traurig machen. Musik, Filme, Geschichten.
Weil ich dann kontrolliert fühlen kann. Weil ich mir diese Momente aufhebe.
Und so paradox es klingt… genau diese Augenblicke, in denen ich allein bin und alles rauslasse, sind die, die mich danach wieder aufrichten.
Aber es ist auch ein Kreislauf.
Ich lasse alles raus… und danach wird es wieder still.
Ich setze mich wieder zusammen, funktioniere wieder, nehme wieder die Rolle ein, die alle von mir erwarten.
Nach außen wirke ich stabil. Fast unerschütterlich.
Aber innen ist es komplizierter. Da ist nicht nur Schmerz, sondern auch ganz viel Nachdenken. Beobachten. Analysieren.
Warum fühle ich so? Warum handle ich so? Warum kann ich nicht einfach loslassen?
Vertrauen ist für mich nichts Spontanes mehr. Es ist eine bewusste Entscheidung.
Und meistens entscheide ich mich dagegen. Nicht, weil ich niemandem etwas zutraue… sondern weil ich weiß, was passieren kann, wenn ich mich irre.
Also bleibe ich bei mir. Kontrolliert. Auf Abstand.
Und trotzdem gibt es diesen leisen Wunsch…
dass jemand mich wirklich sieht.
Dass jemand zwischen den Zeilen liest.
Dass jemand merkt, dass das Lächeln nicht immer echt ist.
Aber dieser Wunsch steht im direkten Konflikt mit meiner Angst.
Und bisher gewinnt die Angst.
Vielleicht ist genau das der ehrlichste Teil an allem.
Ich weiß, dass ich mich damit selbst begrenze. Dass ich Nähe verhindere, obwohl ich sie eigentlich brauche.
Aber es ist ein System, das funktioniert. Zumindest so weit, dass ich weitermachen kann.
Und solange sich daran nichts ändert… bleibt es dabei:
Nach außen trage ich das, was andere brauchen.
Und alles, was ich wirklich bin… gehört mir allein.
Ich glaube, wenn man meine Geschichte am Anfang betrachtet, würde man denken: Das ist doch ein perfektes Leben gewesen.
Meine Kindheit war schön. Meinen Eltern ging es finanziell gut, wir hatten ein großes Haus mit Garten, und ich hatte das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen. Eine Familie, wie man sie aus Bilderbüchern kennt. Stabil, liebevoll, sicher.
Zumindest bis zu meinem sechsten Geburtstag.
An diesem Tag war meine Mutter zwar da, aber irgendwie auch nicht wirklich. Ich habe damals noch nicht verstanden, was los war. Warum sie nicht mit mir gefeiert hat, obwohl sie doch da war. Ein Jahr später war es genau andersherum. Mein Vater war nicht da. Und ich habe plötzlich auch nicht mehr dort gewohnt, wo ich es gewohnt war.
Ab da wurde mir langsam klar, dass sich etwas Grundlegendes verändert hatte. Meine Eltern haben mich beide geliebt, aber nicht mehr zusammen. Und nicht mehr so, wie ich es kannte.
Nach der Trennung habe ich die meiste Zeit bei meiner Mutter gelebt. Wir hatten wenig Geld, aber sie hat mir Werte mitgegeben, die bis heute bleiben. Die Wochenenden habe ich bei meinem Vater verbracht. Dort gab es mehr Geld, mehr Möglichkeiten, und auch viel Liebe, zumindest mir gegenüber.
Mit meiner Mutter bin ich oft umgezogen, bis wir irgendwann unser kleines Zuhause gefunden haben. Diese Zeit war eigentlich schön. Auch wenn sie viel arbeiten musste und ich oft alleine war, hatte ich dort ein Gefühl von Ruhe.
Mit 18 kam dann ein Moment, der alles verändert hat.
Meine Mutter hat mir erzählt, dass mein Vater sie über Jahre hinweg geschlagen und schlecht behandelt hat. In diesem Moment ist für mich etwas zerbrochen. Ich habe den Kontakt zu ihm sofort abgebrochen. Für mich war er ab diesem Tag nicht mehr Teil meines Lebens.
Aber ehrlich gesagt… ist in mir selbst auch etwas gestorben.
Ich habe versucht, dieses Loch zu füllen. Mit Alkohol, mit Drogen, mit Partys. Und das hat erstaunlich lange funktioniert. Ich war betäubt. So sehr, dass mich selbst Schlägereien, Polizeikontakt oder ständige Abstürze nicht wirklich aufgehalten haben. Ich wusste irgendwo, dass ich auf einem komplett falschen Weg war. Aber ich habe trotzdem weitergemacht.
Bis sie in mein Leben kam.
Meine erste große Liebe.
Zu dem Zeitpunkt war ich eigentlich schon ziemlich am Ende. Krankenhausaufenthalte, ein Einbruch in einen Kiosk… ich hatte das Gefühl, jetzt ist alles vorbei.
Und dann stand sie da.
Sie hat mir relativ schnell eine klare Entscheidung gegeben. Entweder die Drogen oder sie.
Ich habe mich für sie entschieden.
Und plötzlich war dieses Gefühl wieder da, das ich aus meiner Kindheit kannte. Geborgenheit, Wärme, Vertrauen. Liebe. Ich konnte mich fallen lassen und habe langsam wieder zu mir selbst gefunden. Zu dem Menschen, der ich eigentlich sein wollte.
Das ging acht Jahre lang so.
Acht Jahre, in denen ich wirklich glücklich war.
Und dann kam der Moment, der mir wieder den Boden unter den Füßen weggezogen hat.
Ich habe herausgefunden, dass sie mich über längere Zeit mit einem Mann betrogen hat, den ich sogar kannte.
Und plötzlich war alles wieder da.
Die alten Gedanken. Die alten Muster. Ich bin wieder abgerutscht. Noch tiefer als vorher. Andere Leute, andere Kreise. Kriminalität. Drogen.
Und dann kam dieser eine Moment.
Ich hatte eine geladene Pistole in der Hand. Unter starkem Einfluss von Drogen. Und ich war auf dem Weg, etwas zu tun, das ich nie wieder hätte rückgängig machen können.
Und genau in diesem Moment… war da diese Stimme.
Ganz leise, aber klar.
Wie mein inneres Kind.
Es hat einfach gesagt: Hör auf damit. Du bist doch gut. Du weißt, dass das falsch ist.
Diese einfachen Worte haben mich komplett getroffen.
Ich habe die Waffe fallen lassen und bin einfach zusammengebrochen. Auf die Knie, mitten vor anderen Menschen. Ich habe geweint wie lange nicht mehr.
Und in dem Moment war mir völlig egal, wer mich sieht oder was jemand denkt.
Ich bin einfach gegangen.
Zurück zu meiner Mutter.
Und an diesem Abend habe ich mich bei ihr entschuldigt. Für alles, was ich ihr an Sorgen gemacht habe. Für alles, was ich selbst zerstört habe.
Und ich habe mir geschworen, mich nie wieder so zu verlieren.
Hat das perfekt funktioniert? Nein.
Bin ich seitdem ein komplett anderer Mensch ohne Fehler? Auch nicht.
Aber eines ist sicher.
Ich habe seitdem weder jemand anderem wirklich wehgetan noch mir selbst.
Im Gegenteil.
Die Jahre danach wurden Schritt für Schritt besser. Und ich bin zu einem Menschen geworden, der wieder lieben kann. Der das Leben wertschätzt. Der versucht, etwas Gutes in die Welt zu bringen.
Ich wurde danach noch oft verletzt. Aber nie wieder so, dass ich mich selbst dabei verloren habe.
Und so komisch es klingt…
Ich bin heute sogar dankbar für vieles, was ich erlebt habe.
Nicht, weil es schön war.
Sondern weil es mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.
Und vielleicht ist genau das der Weg raus aus der Hölle.
Ich weiß gar nicht so genau, wo ich anfangen soll.
In meinem Leben ist vieles sehr schnell passiert. Zu schnell.
Ich bin innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal obdachlos geworden. Und ich glaube, seitdem hat sich etwas in mir verändert, das ich nicht mehr richtig greifen kann.
Da sind diese schweren Gefühle, die einfach da sind. Depressionen, Angstzustände… und durch meine Zeit bei der Bundeswehr habe ich zusätzlich mit PTBS zu kämpfen.
Es ist nicht so, dass ich das alles nicht bemerke. Im Gegenteil. Ich merke sehr genau, wie sehr es mich beeinflusst.
Ich habe oft darüber nachgedacht, einfach aufzuhören. Wirklich oft.
Aber gleichzeitig habe ich Angst vor dem Tod.
Und irgendwie hänge ich genau dazwischen fest. Nicht wirklich leben, aber auch nicht loslassen können.
Manchmal fühlt sich mein Leben komplett unwirklich an. Als würde ich nur noch funktionieren. Als würde ich in einer Simulation stecken und alles passiert einfach um mich herum, ohne dass ich wirklich eingreifen kann.
Und dann ist da noch dieses Gefühl, nichts richtig hinzubekommen.
Egal, was ich anfasse, es fühlt sich falsch an. Als würde ich nicht in der Lage sein, einmal eine klare, gute Entscheidung zu treffen.
Ich frage mich oft, ob ich das überhaupt darf.
Ob es erlaubt ist, dass ich einfach mal etwas richtig mache.
Oder ob ich für immer in diesem Zustand feststecke.
Und ganz ehrlich…
Ich weiß gerade einfach nicht mehr weiter.
Ich habe etwas erlebt, das mich seitdem nicht mehr richtig loslässt.
Es war nur ein Traum… aber er hat sich sehr echt angefühlt. Und seitdem kreisen meine Gedanken immer wieder darum.
In diesem Traum ging es um eine Person aus meiner Familie. Jemand, der mir eigentlich nahesteht und zu dem ich im echten Leben nie solche Gedanken habe.
Und genau das macht mir so Angst.
Ich bin davon aufgewacht und war komplett verwirrt. Mein Körper hat reagiert, obwohl mein Kopf das eigentlich gar nicht wollte. Seitdem frage ich mich, was das bedeutet.
Ob das einfach nur ein Traum war.
Oder ob da mehr dahintersteckt.
Ich ertappe mich dabei, wie ich mich selbst hinterfrage. Ob etwas mit mir nicht stimmt. Ob ich Gedanken habe, die ich nicht haben sollte.
Und gleichzeitig schäme ich mich dafür.
Ich habe Angst, mit jemandem darüber zu sprechen. Vor allem mit meiner Familie. Allein der Gedanke daran fühlt sich falsch an.
Ich wünsche mir einfach nur, das einordnen zu können.
Zu verstehen, ob das etwas ist, das einfach passieren kann…
oder ob ich mir Sorgen machen muss.
Im Moment fühlt es sich einfach nur so an, als wäre ich mit dieser Frage komplett allein.
Wir schreiben das Jahr 1998.
10. Klasse. Abschlussfahrt. Ziel: Venedig.
Eigentlich könnte man meinen: Traum.
Bis wir erfahren haben, mit wem wir fahren.
Unser Direktor.
Und unser katholischer Religionslehrer.
Die Parallelklasse?
Die hatte den coolen Informatiklehrer… und die Schulpsychologin.
Also während die wahrscheinlich betreut, verstanden und pädagogisch wertvoll durch Italien geführt wurden… hatten wir zwei Männer, bei denen wir uns nicht sicher waren, ob wir beten oder uns benehmen sollen.
Die Stimmung war… verhalten optimistisch.
Dann kam die Zugfahrt.
Diese alten 6er-Abteile. Kein WLAN, kein gar nichts. Nur Menschen… und Entscheidungen.
Ich bin im sogenannten Nerdabteil gelandet.
Und das war ein absoluter Glücksgriff.
Einer hatte Zigarren dabei. Einfach so. Und hat die verteilt, als wären wir ein Geheimbund auf Klassenfahrt.
Und dann kommt unser Direktor vorbei.
Bleibt kurz stehen.
Schaut rein.
Sieht die Zigarren.
Grinst.
Geht weiter.
In diesem Moment wussten wir:
Okay… entweder das wird die entspannteste Fahrt unseres Lebens…
oder wir werden einfach ignoriert, bis wir explodieren.
Beides klang erstmal vielversprechend.
Wir haben dann angefangen zu „philosophieren“. Also wirklich tiefgründige Themen.
Akte X. Natürlich nur die guten Folgen mit Mulder und Scully.
Babylon 5.
Und dieses komplett absurde Gerücht, dass „Herr der Ringe“ verfilmt werden soll.
Wir waren uns einig: völliger Quatsch. Das kriegt doch niemand ordentlich hin.
Zwischendurch lief unser Religionslehrer vorbei.
Rote Nase.
Grinst uns an.
Geht weiter.
Das war für uns kein Lehrer mehr. Das war ein Zeichen.
Also wurden die 2 Liter Sangria-Flaschen ausgepackt. Mit diesen lächerlich langen Strohhalmen, die man eigentlich nur aus schlechten Partyfilmen kennt.
Und plötzlich fühlten wir uns… unbesiegbar.
Karten gespielt, Landschaft geguckt, ein bisschen zu laut gelacht.
Alles genau im richtigen Maß an „das geht noch als Klassenfahrt durch“.
Irgendwann kamen wir in Venedig an.
Und allein der Bahnhof hat uns schon kurz den Kopf zerlegt.
Direkt am Wasser. Kein Übergang. Kein „wir laufen mal eben rüber“.
Einfach: Hier ist Wasser. Viel Spaß.
Dann ging’s mit dem Wassertaxi zum Lido.
Die Parallelklasse durfte laufen.
Wir nicht.
Kleiner, aber wichtiger Sieg.
Im Hotel angekommen, Zimmerverteilung, die üblichen Ansagen… und dann kam dieser eine Satz vom Direktor.
Er zeigt nach links und sagt ganz trocken:
„100 Meter geradeaus ist der Strand. Da werde ich NIE sein.“
Das war kein Hinweis.
Das war eine Einladung.
Also sind wir natürlich direkt losgezogen.
Strand gefunden.
Zwei Bars gefunden.
Supermarkt gefunden.
Ich sag mal so: Die Infrastruktur war gesichert.
Zurück im Hotel gab’s Abendessen.
Die Küche wollte uns eine Freude machen. Deutsches Jägerschnitzel.
Und ich formuliere das jetzt diplomatisch:
Wir wurden satt.
Mehr muss man dazu nicht sagen.
Danach zurück auf die Zimmer. Eigentlich, um sich von der Anreise zu erholen.
Ich lag auf dem Bett und habe eine Zeitschrift über Chuck Yeager gelesen. Testpilot. Cooler Typ.
Da kommt ein Klassenkamerad rein, drückt mir ein Glas in die Hand und sagt:
„Probier mal.“
Das war mein erster Kontakt mit Vodka Energy.
Und damit war der Abend offiziell verloren.
MTV lief. Wir haben mitgesungen. Nein… wir haben gegrölt.
Immer mehr Leute kamen ins Zimmer. Karten wurden gespielt. Irgendwer hat angefangen, Möbel umzuräumen, obwohl keiner wusste warum.
Und dann kam DIE Idee.
Einer meinte, er könne tanzen wie der Sänger von Jamiroquai.
Diese Moves aus dem „Deeper Underground“-Video.
Und anstatt das einfach auf dem Boden zu machen…
dachte er sich:
„Ich spring auf den Schrank.“
Der Schrank… war nicht begeistert.
Mit einem Geräusch, das irgendwo zwischen Explosion und Weltuntergang lag, ist das Ding zusammengebrochen.
Erst: absolutes Chaos und Gelächter.
Dann: Stille.
Diese Art von Stille, bei der jeder weiß:
Das war gerade zu viel.
Drei Minuten später.
Klopfen.
Nicht dieses höfliche „Hallo, kann ich kurz rein?“
Sondern dieses „Ich komme jetzt rein und ihr werdet das bereuen“-Klopfen.
Tür auf.
Hoteldirektor.
Maximal geladen.
Daneben unser Direktor, der aussah, als hätte er innerlich schon aufgegeben.
Beide schauen sich das Zimmer an.
Den Schrank.
Uns.
Und dann kam die Ansage:
Sofort Ruhe.
Und wenn wir nochmal so eine „Porka Miseria“ abziehen… fliegen wir.
Direkt. Ohne Diskussion.
Wir haben geschworen. Alles. Wirklich alles.
Ich glaube, wir hätten in dem Moment auch Verträge unterschrieben, ohne zu lesen.
Und irgendwie… haben sie uns geglaubt.
Warum auch immer.
Aber eins war klar:
Das war noch lange nicht das Ende.
Und der Hoteldirektor…
würde uns definitiv wiedersehen.