Der Roman Veras Geschenk umfasst eine Rahmenhandlung und neun voneinander unabhängige Erzählungen.
Die Jugendlichen Mona und Leon, Kinder frisch geschiedener Eltern und nicht gut aufeinander zu sprechen, verbringen zwei Wochen Ferien bei Monas Großmutter auf dem Land, um sich nach dem Wunsch von Monas Vater und Leons Mutter miteinander anzufreunden. Oma Vera stellt bald fest, dass dieses Projekt der Unterstützung bedarf, und außerdem ist es ihr als ehemalige Lehrerin ein Anliegen den beiden Dickköpfen etwas nahezubringen, das ihr persönlich sehr am Herzen liegt: Literatur.
Um Mona Alternativen zu ihren vorrangig auf Unterhaltung ausgerichteten Fantasy-Geschichten und Leon eine andere Beschäftigung als Videospiele anzubieten, richtet Oma Vera Erzählabende ein, an denen sie den Jugendlichen ihre selbst verfassten Erzählungen vorstellt und sie anschließend auch mit ihnen bespricht. Mona und Leon lernen auf diese Weise nicht nur Grundbegriffe und -techniken des analytischen Interpretierens kennen, sondern erhalten von Oma Vera darüber hinaus zahlreiche Informationen z.B. über Evolutionsbiologie, Geschichte, Philosophie, usw. Es ist Oma Veras erklärtes Ziel, den Blick der Jugendlichen auf literarische Texte zu verändern oder überhaupt erst zu wecken, denn: Literatur enthält versteckte Botschaften über das menschliche Leben, die erst entschlüsselt werden müssen.
Folgende Erzählungen sind in die Rahmenhandlung integriert:
1. Eine Mutter zweier Töchter
Afrika, 7 Millionen Jahre v.u.Z.
Im afrikanischen Dschungel lebt eine Primatenmutter mit zwei weiblichen Jungtieren. Als eine Flutkatastrophe die kleine Familie trennt, begeben sich die beiden Töchter auf separate Wege – die nach Jahrmillionen zu Menschen und Schimpansen führen werden.
2. Der Aufbruch
Afrika, 70.000 Jahre v.u.Z.
Am Horn von Afrika droht die Dürre den Homo-Sapiens-Stamm der Scho auszulöschen. Doch der Jäger Sesmo findet mit einer Gruppe Auswanderer einen Weg durch das Salzmeer, dessen gesunkener Meeresspiegel den Übertritt vom afrikanischen Kontinent zur arabischen Halbinsel ermöglicht – von wo die kleine Gruppe über Jahrtausende ihren Siegeszug durch die Welt antreten wird.
3. Im Gefängnis
Ägypten, 1.500 Jahre v.u.Z.
Der junge Teremun aus reichen und luxuriösen Verhältnissen muss bei einer Gazellenjagd zusehen, wie sein bester Freund lebensgefährlich verletzt wird. Beide haben die Jagd im Weinrausch angetreten, um einen „Kick“ zu erleben. Teremuns Vater, der Truppenoberst des Pharaos, schickt seinen Sohn daraufhin ins Gefängnis auf einer Nil-Insel, wo sich der riesige Nubier Juba des jungen Mannes annimmt. Und was er dort von Juba lernt, macht Teremun deutlich, dass er bisher eigentlich sein ganzes Leben im Gefängnis verbracht hat.
4. Der Tag der Wahrheit
Rom, 100 Jahre v.u.Z.
Dieser im Blankvers verfasste Dialog der beiden römischen Bürger Cornelius und Livianus erzählt vom Schicksal der leidgeprüften Sklavin Syria, die alles im Leben verloren hat. Dem durch einen Schiffsuntergang verarmten Livianus wird durch diesen Wechsel des Blickwinkels klar, dass sein eigenes Leben durchaus noch einen Hoffnungsschimmer enthält.
5. Zwei Soldaten
Préfailles/Frankreich, 1305
Hier wechseln sich die Ich-Erzählungen des Tempelritters Thibaud de Montbard, des Mönchs und Kräuterapothekers Père Bertrand und seines jungen Gehilfen Armand ab. In einem kleinen Dörfchen im Norden Frankreichs erscheint eines Tages der von der Krone verstoßene Tempelritter Thibaud, der in der kleinen und abgelegenen Welt seine Vorstellung von Recht und Ordnung verwirklichen und die Dorfbewohner sogar in einen heiligen Krieg führen will. Dabei hat er die Rechnung allerdings ohne den jungen Armand gemacht, der mit List und einem großen Geheimnis der Gewaltherrschaft des Ritters ein Ende bereitet.
6. Kein Schiff
Japan, 1599
An einem einsamen Strand in der Nähe eines japanischen Fischerdörfchens wartet ein Fremder auf ein Schiff, das nie kommt. Durch einen inneren Monolog wir klar, dass der Portugiese einst mit einem Kauffahrer ins Land kam und aufgrund seiner Sprachkenntnisse von den Samurai als Dolmetscher eingesetzt wurde, dass er aber der fremden Kultur und der ständigen politischen Intrigen überdrüssig ist und sich nach seiner Heimat sehnt. Als wieder unliebsame Aufgaben auf ihn warten, erleidet der Dolmetscher einen nervlichen Zusammenbruch, aus dem er überraschenderweise gestärkt hervorgeht. Der tyrannische Samurai, der ihm wie gewohnt seinen Willen aufzwingen will, erkennt ihn kaum wieder. Künftig wird der Dolmetscher nicht länger passiv an seinen Lebensumständen leiden, sondern sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.
7. Der Waldsee
Nordamerika, 1619
Diese Ballade in Versform erzählt von einer jungen Frau, die zu einem Stamm amerikanischer Ureinwohner gehört und durch Zufall dem Angriff eines feindlichen Stammes entgeht. Auf sich allein gestellt durchwandert die junge Frau die winterliche Einöde auf der Suche nach Zuflucht und gelangt schließlich in der Tiefe eines Waldes zu einem See, der sie wie magisch anzieht. Am Ufer scheint wie ein Gespenst ein alter Mann zu sitzen, doch ist die junge Frau dem Erfrieren nah und hinterfragt die Vision nicht, sondern findet Trost darin nicht ohne menschliches Mitgefühl sterben zu müssen. Am gegenüberliegenden Ufer des Waldsees erwacht im selben Augenblick ein alter Mann aus einem seltsamen Traum…
8. Der Tod und das Mädchen
Deutschland, 2008
Diese Novelle in fünf Kapiteln ist eine Hommage an große literarische Vorbilder und überträgt bekannte Motive und Strukturen in den Alltag heutiger Teenager. Das Mädchen Christine, der Schwarm der ganzen Schule, wird dem Vater eines Klassenkameraden zum Verhängnis, als sich die apollinische Ordnung des Bankkaufmanns und Familienvaters im dionysischen Chaos auflöst.
9. Der Feuerberg
Irgendwo, in der Zukunft
In einer postapokalyptischen Wüste ist Nol auf einem Berg jenen Besuchern begegnet, die wieder einmal mit Feuer vom Himmel herabgekommen sind. Als er Nom am anderen Tag von seiner Begegnung berichten will, kann er ihr die Botschaft der Fremden nur unter großen Schwierigkeiten vermitteln. Die Besucher kennen das Geheimnis des Lebens, das Nol aufgeschrieben hat und vom Berg herunterbringt, doch wie soll er der jungen Nom und seinem zweifelnden Volk diese profunde Wahrheit mitteilen?
Im Anschluss an jede dieser Erzählungen wird die Rahmenhandlung wieder aufgegriffen und Oma Veras Texte werden von Mona und Leon umfangreich diskutiert und interpretiert. Eine Ausnahme bilden die letzten beiden Erzählungen, die viele Jahre nach Oma Veras Tod von den inzwischen erwachsenen Hobby-Schriftstellern einem Publikum bei einem Leseabend vorgestellt und mit Anmerkungen versehen werden.
Zielgruppe des Romans Veras Geschenk sind vor allem Jugendliche, aber natürlich auch Erwachsene. Neben dem Unterhaltungswert erhebt der Roman den didaktischen Anspruch seine Leserinnen und Leser in Grundtechniken des analytischen Interpretierens einzuführen, die künftig auch bei der Lektüre anderer Texte angewendet werden können. Die Verschränkung von Primärtexten mit einer Hilfestellung bei der Rezeption und Interpretation kann als Alleinstellungsmerkmal des Romans gelten.
Somit erfüllt der Roman hoffentlich den Anspruch der Oma Vera an die erzählende Literatur: Sie sei unterhaltsam und lehrreich.