Zeitlinien – Ein Raum für Einblicke in das Aktuelle, Ausblicke auf Kommendes und Rückblicke ins Archiv. Hier zeigen wir die fortlaufende Arbeit des Kunstraum Mitte 37 und seiner Partnerinnen und Partner.
MITTE37 – schon der Name trägt eine stille Kraft in sich. Die 37 ist keine Zahl, die sich in den Vordergrund drängt. Sie bleibt zurückhaltend, fast unscheinbar, und doch beginnt sie überall aufzutauchen, sobald man auf sie achtet – wie ein leiser Begleiter. MITTE37 setzt sich aus einem Teil des Straßennamens und der Hausnummer zusammen und trägt zugleich die Wärme von 37 °C in sich, jener Temperatur, die unseren Körper im Gleichgewicht hält. So erinnert sie daran, dass auch Kunst etwas Lebendiges ist: etwas, das atmet, wächst und sich verändert.
Als Primzahl bleibt die 37 unteilbar. Sie steht für Eigenständigkeit, für eine Haltung, die sich nicht glätten lässt. Sie ist nicht rund, nicht perfekt, nicht gefällig – und gerade deshalb offen für Neues. Eine Zahl, die Raum lässt. In vielen Kulturen trägt sie Spuren von Atem, Gelassenheit und Klarheit. Diese Bedeutungen sind nicht laut; sie wirken wie ein Hintergrundlicht, das zeigt, dass jede Kultur ihre eigene Vorstellung von Mitte hat.
In der Kunst erscheint die 37 dort, wo Zahlen zu Werkzeugen werden: in Konzeptkunst, Fluxus, Mail Art, Editionen und Scores. Sie fügt sich in Reihen ein und fällt doch auf. Sie kann Ordnungen brechen, Rhythmen setzen, Strukturen öffnen. Sie liebt Zwischenräume – und macht sie sichtbar. Auch in der Popkultur taucht sie immer wieder auf: als Running Gag, als Zimmernummer, als versteckter Code. Und manchmal genügt eine beiläufige Zeile wie „You’re number 37, have a look.“ Ein Satz aus Velvet Undergrounds Album „Andy Warhol“, kühl und doch voller Atmosphäre, der einen Raum öffnet – nicht als Distanz, sondern als Einladung, genauer hinzusehen.
In der Literatur begegnet man ihr als Kapitelnummer oder Seitenzahl, oft an Stellen, an denen etwas kippt oder neu beginnt. Die 37 liebt Übergänge – und Übergänge sind der Stoff, aus dem Geschichten entstehen. Auch in der realen Welt zieht sie Linien: Die A37 verbindet Hannover und Burgdorf, eine Straße, die zeigt, dass Mitte kein Punkt ist, sondern ein Dazwischen. Zwischen Stadt und Region, Alltag und Kunst, Herkunft und Aufbruch. Genau dort entsteht häufig das, was Bedeutung bekommt.
Wissenschaftlich betrachtet ist die 37 eine klare, eigenständige Primzahl, die zwölfte ihrer Reihe. In der Chemie trägt Rubidium die Ordnungszahl 37, in der Astronomie leuchten M37 und NGC 37 im All. In der Numerologie verbindet sie die 3 – Kommunikation – mit der 7 – Erkenntnis – zu einer „kommunizierten Erkenntnis“. All das macht sie zu einer Zahl, die prägnant ist, aber nicht glatt; offen, aber nicht beliebig; eigenständig, aber nicht verschlossen. Leicht zu merken, aber nie banal. Eine Zahl, die Räume öffnet.
Und genau hier beginnt MITTE37. Dieser Ort erklärt die Zahl nicht – er lebt sie. Er zeigt, dass Mitte kein Zentrum ist, sondern ein Zustand. Ein Raum zwischen Region und Welt, zwischen Burgdorf und Hannover, zwischen Kunst und Alltag. Ein Ort, an dem Experimente möglich sind und Begegnungen wachsen. Die 37 wird hier zu einer Haltung: warm, offen, neugierig, eigenständig. MITTE37 ist die Zahl, die zum Raum wurde – und der Raum, der die Zahl weiterträgt.
Und wie die Zahl ihre Spuren trägt, so trägt auch der Ort seine eigenen Schichten. Bedeutung entsteht nicht nur in Symbolen, sondern in Geschichten, die sich übereinanderlegen.
Etwas begleitet diesen Ort – etwas, das nicht in Zahlen steckt, sondern in Schichten. Vor über hundert Jahren wurden hier, angrenzend an eine Bäckerei, in den großen Kesseln des 1810 errichteten Hauses Stoffe gefärbt: metallene Körper, in denen Farben brodelten und Materialien ihren Ton wechselten. Ein Ort der Verwandlung, an dem nicht nur Stoffe, sondern vielleicht auch Menschen ihre Farbe fanden.
In den 1980er‑Jahren zog das Büro der damals jungen Partei „Die Grünen“ ein – ein Moment, in dem politische Ideen begannen, Räume zu füllen. Farbe nicht mehr auf Stoffen, sondern als Haltung, als Zukunftsbild. Ein Ort, an dem spürbar wurde, dass Gesellschaft sich verändern lässt, wenn Menschen sich zusammentun.
Nach dem Neubau des Hauses 1995 entstand hier ein Jahr später der erste Farbfernsehbeitrag, der am 22.10.1996 über die niedersächsischen Bürgermedien (OK / h1 Hannover) ausgestrahlt wurde. Wieder Farbe, wieder Bild, wieder ein Übergang. Aus der Färberei wurde ein Ort der medialen Erzählung, an dem Bilder nicht mehr nur auf Stoffe wanderten, sondern – über ein Jahrzehnt hinweg – als „OKOK TELEVISION“ regelmäßig in die Wohnzimmer der Region gelangten. Ein Ort, der begann, Geschichten zu senden. Und zugleich ein Wohn- und Geschäftsort, an dem gelebt, geliebt und gehandelt wurde: Kurioses, Kuratiertes, Mode, Farben und Lacke – Dinge, die Geschichten tragen und weitergeben.
Heute beherbergt das Gebäude das Freiwilligenzentrum Bürger für Bürger e.V. und das Medienhaus für Kunst und Kultur e.V. – zwei Institutionen, die Menschen verbinden, Engagement ermöglichen und Kultur zugänglich machen. Hier entstehen Begegnungen, Hilfen, Ideen. Hier wird nicht gefärbt, nicht gesendet, sondern getragen: von Menschen, die etwas füreinander tun.
So zeigt die Geschichte dieses Ortes, dass Menschen und Farben hier immer ein Zusammenspiel bildeten. Dass Wandel kein Bruch ist, sondern ein Rhythmus. Dass Orte sich erinnern, sich verändern, wachsen. Und manchmal entsteht genau daraus eine Mitte.
MITTE37