Stadtlandschaft Stuttgart
2007 - ein Skizzenbuch
Stadtlandschaft Stuttgart
2007 - ein Skizzenbuch
Die Texte zu den Skizzen stammen aus dem Jahr 2007. Am 8. April 2006 habe ich die Überdeckung der B14 mit großen Betonplatten live miterlebt und gezeichnet. Der Willy-Hoffmann-Steg wurde zum Wilhelm-Hoffmann-Weg, die Straße kann inzwischen ebenerdig zu Fuß überquert werden.
Die Idee, am Thema Stadtlandschaft Stuttgart weiter zu arbeiten, habe ich nicht verwirklicht. Andere Themen erschienen mir interessanter und näher liegend. Heute, fast 20 Jahre später, ist Stuttgart eine einzige große Dauerbaustelle geworden. Ein Ende ist nicht in Sicht. Stuttgart 21 wurde zu Stuttgart 30+X. In der Innenstadt bleibt kein Stein auf dem anderen. Überall wird abgerissen und neu gebaut.
Der Bauschutt wird in die Peripherie, die umliegenden Landkreise, gekarrt. Bis nach Maulbronn, ins Weltkulturerbe, reicht der lange Arm der Bauschuttbarone und ihrer Verbündeten in den Kommunen.
Die Aufenthaltsqualität im Stadtzentrum ist nicht besser geworden. Teurer und noch lärmiger ist es geworden. Der Immobilien-Hype und Corona haben die Gastronomie zerbröselt. Fastfood und Systemgastronomie, d. h. "kochfreie" Zonen, dominieren.
Insgesamt hat sich Stuttgart für uns so zu einer Kleinstadt verzwergt. Zwei, drei passable Lokale, ein Buchladen, ein Cafe - ansonsten passen Qualität und Preis nicht mehr recht zusammen. Museen und Oper stecken im Sanierungskoma und werden wohl über Jahre nicht mehr daraus aufwachen.
Die Finanzkrise der Kommunen befeuert die Bodenspekulation noch zusätzlich. Wachstum muss her, um jeden Preis.
Stadtlandschaft - dieser Begriff ist in Deutschland vor allem mit dem Architekten Hans Scharoun (1893-1972) verbunden, der mit dem Hochhauspaar Romeo und Julia (Zuffenhausen,Rot) auch Spuren in Stuttgart hinterlassen hat. Allerdings hat Scharoun mit diesem Begriff weniger eine durchgrünte Stadt gemeint, als vielmehr die Schaffung einer harmonischen Stadtarchitektur, analog zur Harmonie von Wiese, Wald und Feld, als Gesamtkunstwerk.
Reale Stadtlandschaft zeigt sich als das Resultat einer Wachstums- und wohlstandsorientierten Gesellschaftsentwicklung, die sich eine möglichst funktionale und rationale Stadt- und Raumplanung zunutze gemacht hat. Die Reste der ursprünglichen Agrarlandschaft werden mehr und mehr von den expandierenden Randzonen der Städte verdrängt und von Verkehrsadern durchschnitten. Die alten Stadtkerne verlieren gleichzeitig an Anziehungs- und Integrationskraft zu Gunsten der umliegenden Gemeinden, in denen nicht mehr nur Wohnungen, sondern in immer schnellerem Tempo und in immer größeren Dimensionen auch Industrie, Gewerbe, Einkaufszentren und Einrichtungen der Freizeitgestaltung entstehen.
Diese Entwicklung kann im Großraum Stuttgart exemplarisch beobachtet werden. Der neue Begriff für die daraus entstehenden Agglomerationen heißt „Netzstadt“. Stuttgart kann schon seit Langem als ein Beispiel für eine so genannte Netzstadt, zusammengesetzt aus den inzwischen mit der Kernstadt zusammengewachsenen früheren Dörfern oder Kleinstädten an der ehemaligen Peripherie, gesehen werden.
Mit dieser Entwicklung verändert sich das städtische Erscheinungsbild stark. Die Innenstädte werden immer gleichförmiger. Ökonomische Zwänge führen zu einem mehr und mehr standardisierten Angebot an Warenhäusern und Waren. In den Randzonen entstehen gleichförmige Ansammlungen von Gewerbegebieten und Einkaufszentren mit den einschlägigen Discountermärkten
Sich ein eigenes Bild machen
Der Verlust von Freiräumen und die fortschreitende Versiegelung unserer Lebensumwelt wird neuerdings gerne zu einem Problem der Landschaftswahrnehmung deklariert. Dahinter steht die Auffassung, Landschaft sei eine beliebig gestaltbare Wohlfühlkulisse, an deren Veränderungen sich die Menschen nur anpassen müssten, um sie genießen zu können. Vor diesem Hintergrund sind inszenierte Erholungslandschaften in Form von künstlichen, überdachten Schneepisten und Tropenparadiesen eine logische Konsequenz und ein Vorgeschmack auf das, was uns möglicherweise in Zukunft als Landschaftserlebnis, zum Ausgleich für eine zersiedelte Landschaft, gegen Entgelt angeboten werden könnte.
Zwischen April 2006 und März 2007 war ich zu Fuß, mit Füller und Skizzenbuch in Stuttgart unterwegs und habe mir buchstäblich ein eigenes Bild der Stadtlandschaft gemacht. Ich war neugierig, zu sehen und zu erfahren, welche Qualitäten die Stadtlandschaft im Vergleich zu der mir gewohnten, dörflich bis kleinstädtisch geprägten Stromberg Landschaft zwischen den Ballungsräumen Stuttgart und Karlsruhe zu bieten hat. Vor allem interessierte mich zu erfahren, ob die Stadtlandschaft eine vergleichbare Erlebnisqualität bietet oder das von mir empfundene Bedürfnis nach Landschaftserleben auf andere, neue Weise befriedigen könnte.
Davon abgesehen wollte ich meinen landschaftlichen Blick auf bisher ungewohntes Terrain ausdehnen, um zu sehen, ob und wie sich meine Bilder unter dem Eindruck der Stadtlandschaft verändern würden. Ausgangspunkt für meine Exkursionen waren bevorzugt Brücken oder andere Aussichtspunkte, die mir den Einstieg in den jeweiligen Ortsteil ermöglichen sollten. Von dort bewegte ich mich zu Fuß und ließ mich treiben und die Stadtlandschaft auf mich wirken,um meine weiteren Motive spontan zu finden
Ein vollständiges Bild der Stadtlandschaft in Zeichnungen zu erstellen, ist sicher nicht möglich. In der Betrachtung der gesamten Serie von über vierzig Ansichten entsteht dennoch ein starker Eindruck von der vielgestaltigen Stadtlandschaft. Dabei ging es mir nicht um die Darstellung von Architekturdetails oder pittoresken Ansichten, weder das Hässliche noch das Schöne sollte ein Kriterium sein. Nicht anhand eines touristisch gefärbten Leitfadens wollte ich arbeiten, sondern die Stadtlandschaft sollte weitgehend ohne vorherigen Filter erkundet werden.
Realität und Bild der Landschaft
Die Auswahl des Bildausschnitts ist jedoch immer eine Art der Zensur. Das ist eine der vielen Widersprüchlichkeiten beim Bildermachen. Man will etwas darstellen und erfassen, muss jedoch fast alles ausschließen. Über diese Hürde hilft die Serie etwas hinweg, und ich war gespannt, welches Bild der Stadtlandschaft sich am Ende ergeben würde. Landschaftsdarstellungen haben eine lange Tradition in der bildenden Kunst und erfreuen sich auch heute noch großer Beliebtheit beim Publikum. Insbesondere Ausstellungen traditioneller Landschaftsdarstellungen, wie zum Beispiel die große Monet-Ausstellung in Stuttgart 2006, sind Publikumsmagneten.
Dies liegt sicher nicht nur an den großen Namen, sondern auch an der ungebrochenen Popularität des Landschaftsbildes. In der zeitgenössischen Kunst spielte die Darstellung der Landschaft dagegen lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle. Landschaften darzustellen, war in Misskredit geraten und wurde oft als populistischer Allgemeinplatz diskreditiert. Das hat sich mittlerweile wieder etwas geändert, und insbesondere, getragen vom derzeitigen Boom der Malerei, rückt das Landschaftsbild wieder in das Interesse junger Künstler.
Allerdings wird die Landschaft meist verfremdet oder in „ironischer Distanz“ präsentiert. Diese inzwischen vorherrschende Distanz der zeitgenössischen Kunst zur Landschaftsdarstellung spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung und den damit verbundenen Umgang mit der realen Landschaft wider. Was bleibt, wenn man sich nicht dem Vorwurf der rückwärts gewandten Verherrlichung idyllischer Restlandschaften aussetzen mag? Vorbei scheinen daher die Zeiten, in denen Künstler sich in ihrem Tun der Verschmelzung mit der Landschaft widmen konnten. Vorbei aber auch die Zeit, in der Künstler durch ihre Art der Landschaftsdarstellung prägenden Einfluss auf die Gestaltung der realen Landschaft, so wie im 18. und 19. Jahrhundert, ausgeübt haben.
Dem steht entgegen, dass die Vorstellungen des Publikums überwiegend immer noch von traditionellen Landschaftsdarstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts geprägt sind. Das „innere Bild“ von Landschaft bzw. die Wahrnehmung von Landschaft hinkt der rasanten Entwicklung der realen Landschaft hinterher. Tourismusforscher haben durch Befragungen herausgefunden, wie eine Landschaft gestaltet sein sollte bzw. welche Strukturelemente in einer Landschaft enthalten sein sollten, damit der Betrachter diese als schön empfindet.
Erfahrungen und Motivation
Die Resultate dieser Befragungen erweisen sich nahezu als eine Kopie der Kompositionsschemata der Landschaftsmalerei des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Hartnäckigkeit, mit der sich die historischen Landschaftsideale, die überwiegend aus Darstellungen der vorindustriellen Agrarlandschaft schöpfen, im Bewusstsein des modernen Menschen halten, geht nicht zuletzt auf die Werbefotografie zurück. Die Beliebtheit dieses längst vergangenen Stereotyps wird auch heute noch permanent ausgenutzt und damit die Wirksamkeit stetig verlängert. Eindrucksvolle Beispiele davon sind fast täglich im Fernsehen zu sehen. Die Sehnsucht, die schönen Bilder in der Realität wiederzufinden, kann als eine der wichtigsten Antriebskräfte für den Urlaubstourismus gesehen werden.
Meine Zeichnungen sind auch als eine Erkundung und Aneignung meiner Lebensumwelt zu sehen. Sie entstehen aus einem sehr persönlichen Interesse an einem Ort und seiner Atmosphäre und der Neugier darauf, wie sich das Gesehene in der Zeichnung darstellt und zum Bild verwandelt. Außerdem macht es mir Spaß, mich mit meiner Bildproduktion in die Imagebildung meines Lebensraumes einzumischen und mit Methoden des 18 /19. Jahrhunderts etwas Sand in die moderne Bildmaschinerie zu streuen. Das Zeichnen vor Ort hat bei manchem Passanten Verwunderung und die Frage, warum ich nicht die Fotografie betreibe, ausgelöst.
Dabei wird angenommen, dass die Fotografie genauer und vor allem schneller sei. Für die von mir angefertigten Ansichten wäre in jedem Fall ein extremes Weitwinkel, wahrscheinlich sogar eine spezielle Panoramakamera, notwendig gewesen. Aber selbst mit diesen Mitteln wäre es unmöglich, ein den Zeichnungen vergleichbares Bild zu erhalten. Nur durch nachträgliche Bildbearbeitung, wie es heutzutage am Computer möglich ist, könnte der Fotograf versuchen, den Raum so darzustellen, wie er in diesen Zeichnungen abgebildet ist. Meine Zeichnungen stecken voller Fehler und trotzdem stellen sie eine Realität dar, sind sie Beschreibungen eines Ortes.
Das Bild machen
Beim Umherstreifen durch die Stadt suche ich nicht nach Motiven, sondern lasse mich von Motiven ansprechen. Für diese Ansprache ist eine bestimmte Geisteshaltung, eine Offenheit und Entspannung notwendig, in die ich mich am besten durch Bewegung, durch das Spazieren oder Wandern, versetzen kann. Ein Motiv/Blick rastet im Vorübergehen dann oft regelrecht ein. Überwiegend tauchen die Motive nicht direkt vor einem auf, sondern eher in den Seitenblicken. Liegt die Hauptblickrichtung einmal fest,suche ich mir einen geeigneten Sitzplatz und betreibe eine Feinabstimmung, was den Bildraum betrifft, und bestimme die endgültige Sitzposition. Danach setze ich mich und betrachte das Motiv einige Minuten, bevor ich mit der Zeichnung beginne.
Zeichnen vor dem Motiv ist ein Aufschreiben und Beschreiben von Gesehenem, man notiert Dimensionen, erforscht Strukturen, klärt räumliche Anordnungen. Insofern nimmt man etwas während des Zeichnens in sich auf, obwohl gleichzeitig auf dem Zeichenpapier etwas entsteht bzw. abgegeben wird. Das Sehen einer Landschaft ist ein schöpferischer Akt unseres Verstandes und setzt entsprechende Vorkenntnisse beim Betrachter voraus. Diese Kenntnisse oder Prägungen versuche ich, durch das Zeichnen und Darstellen von Landschaften vor dem Motiv, zu ergründen, zu verändern und zu erweitern. Gleichzeitig fließen die vorhandenen Vorstellungen unbewusst in die Zeichnung mit ein. Im Laufe der Zeit verändert sich so die Handschrift des Zeichners. Diese in den Zeichnungen ablesbare Veränderung, die auch, aber nicht nur, mit der Entwicklung technischer Fertigkeiten zu tun hat, steht in engem Zusammenhang mit inneren Veränderungen. Eine möglichst genaue, realistische Abbildung im Sinne einer Augentäuschung interessiert mich jedoch nicht. Vielmehr versuche ich, meine Wahrnehmungen zu beschreiben und aufzuzeichnen.
Beim Zeichnen versuche ich, das Gesehene ohne viel gestalterisches Nachdenken, sondern möglichst spontan, ohne intellektuelle „Störmanöver" , aufzuschreiben. Am besten läuft die Sache, wenn es gelingt, das ganze Drumherum auszublenden und sich in das Beobachten und Aufschreiben des Motivs zu versenken. So entstehen keine perfekten Zeichnungen mit genau vermessener, räumlicher Perspektive. Vielmehr ist an den Blättern der Prozess und mancher Kampf, das Motiv zu bewältigen und den Stadtraum in das kleine Format (18X52cm) zu pressen, erkennbar. Nach 45 Minuten ist so eine doppelseitige Zeichnung meistens abgeschlossen.
Nachdenken über das Bild - nach dem Bild denken
Am Anfang stand die Anpassung an die neue Situation in der Stadt mit ihrem viel höheren Potenzial an visuellen Reizen. Der Zwang, ein neues Adaptionsniveau zu erreichen, war ganz deutlich zu spüren. Bei der ersten Zeichnung vom S-Bahnhof in Zuffenhausen wurde mir sehr schnell klar, dass ich in der bis dahin gewohnten Schreibweise mit dem Motiv buchstäblich nicht fertig werden würde. Im Verlauf der rund zwölf Monate, in denen diese Zeichnungen entstanden sind, hat sich aber auch mein Denken über Stadt. Landschaft und Landschaftsdarstellung verändert. Durch das Projekt wurde eine intensive Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Landschaft und dem Bild der Landschaft ausgelöst, die auch zu einer gesteigerten Genussfähigkeit beigetragen hat. Diese Bereicherung wäre im gewohnten Umfeld mit schwächeren visuellen Reizen so nicht zu erschließen gewesen. Vereinfacht könnte man sagen, dass die gewohnte, ländliche Landschaft durch die Exkursionen in die Stadtlandschaft eine Wertsteigerung erfahren hat. Diese Erfahrung macht man als aufmerksamer Reisender. Kehrt man aus einer fremden Umgebung in die gewohnte zurück, so sieht man diese mit anderen Augen. Auch habe ich gelernt, meine Gefühle als Reaktionen auf die Umgebung in der Stadt oder auf dem Lande klarer wahrzunehmen und zu befragen.
Die besonderen Reize der Stadtlandschaft, die sich oft auch in sperrigen, wenig harmonischen Bildern zeigen, sind mir deutlich geworden. Vor allem die große Vielfalt an Eindrücken aus Architektur und die damit verbundenen Anregungen für meine gestalterische Arbeit an Grafiken erachte ich als sehr wertvoll. Besonders eindrücklich war auch die Erfahrung, wie stark die eigene Wahrnehmung von Landschaft von den durch moderne Medien propagierten Stereotypen und der gewohnten ländlichen Umgebung geprägt ist. Nach einiger Zeit wurde auffällig, wie oft mich scheinbar zielloses Flanieren zu Motiven mit Kirchtürmen und in die Zentren der ehemals dörflich geprägten Teilorte, wie z.B. Weilimdorf, führte.
Die Zeichnungen wurden primär als Grundlage zur Entwicklung von Grafiken erstellt. Bei der Umsetzung von Skizzen, die nicht dem gewohnten Kirche-Haus-Baum-Schema entsprachen, wurde noch deutlicher, ja geradezu sichtbar, dass das „Bild" der Stadt im Kopf eines Kleinstädters nur schwach ausgeprägt ist. Mit der Zeit hat sich dies natürlich verändert, und mein Vorstellungsvermögen hat sich in dieser Hinsicht weiter entwickelt und ergänzt.
Das Bild der Stadt Stuttgart
Die Anziehungskräfte der Städte entscheiden im nationalen und internationalen Vergleich darüber, welche Entwicklungspotenziale oder Zukunftsperspektiven eine Stadtregion dauerhaft zu ihrem Nutzen binden vermag. Die Entwicklung eines Image als Summe von positiven Vorstellungen über Realität und Zukunft einer Stadt rückt damit immer mehr in das Zentrum der Bemühungen von Stadtverwaltungen und anderen Akteuren in den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft. Mehr und mehr werden künstliche, möglichst attraktive Images = Bilder medial inszeniert. Insbesondere hat sich ein Trend zur Spektakelkultur entwickelt, bei der die Stadtlandschaft nur noch in ausgewählten Ausschnitten wahrgenommen oder als Veranstaltungskulisse benutzt wird.
In meinen Zeichnungen ist ein Kaleidoskop von Ansichten mit großer Bandbreite entstanden. Überreste von alter Agrarlandschaft wie Streuobstwiesen oder Weinberge grenzen in Stuttgart teilweise direkt an Siedlungen, Gewerbegebiete und Hauptverkehrsadern. So gesehen bildet das Skizzenbuch das bunt gemischte „Harlekinmuster“ der Stadtlandschaft ab, die im Gegensatz zur ländlichen Gegend viel weniger gewachsene Strukturen herausbildet, sondern stärker von zusammengewürfeltem Nebeneinander unterschiedlichster Nutzungen geprägt ist.
Ein Wahrzeichen der Stadt, den Stuttgarter Schlossplatz und seine Umgebung mit Blick auf die Türme der Stiftskirche, habe ich mehrfach im Bild festgehalten. Der Schlossplatz ist unbestritten das Zentrum von Stuttgart und ein Anziehungspunkt mit besonderer Ausstrahlung. Der freie Blick zu den Hanglagen bis hin zum Fernsehturm spielt dabei sicher eine wichtige Rolle, ebenso wie die am Platz befindlichen historischen Bauten.
Die bekannte Tatsache, dass Stuttgart aus vielen kleinstädtisch geprägten Kernen zusammengewachsen ist, kommt in den Zeichnungen deutlich zum Ausdruck, obwohl längst nicht alle Ortsteile repräsentiert sind. Die Reste alter Ortskerne sind sicher nach wie vor für die Identifikation und Identität der Ortsteile wichtig.
Trotz aller Buntheit und scheinbar unsystematischer Vielfalt sind viele der Bilder durch sich wiederholende Grundelemente gekennzeichnet. Das ländliche Kirche-Haus- Baum-Schema erfährt in der Stadt seine typischen Abwandlungen und Variationen durch moderne Verkehrswege, Wohnblocks und Industrie- oder Gewerbebauten.
Diese Elemente tauchen in allen möglichen Variationen und Kombinationen immer wieder auf. Insbesondere entlang der Hauptverkehrswege und in den Wachstumszonen gleichen sich die Bilder mehr und mehr an. An manchen Stellen sieht Bad Cannstatt aus wie Degerloch oder wie Weilimdorf.
Stuttgart ist eine überraschend „grüne“ Stadt. Auch dies hat deutliche Spuren in den Zeichnungen hinterlassen. Das hügelige Gelände mit den bewaldeten oder mit Weinbergen überzogenen Hängen und die ausgedehnten Freiflächen zwischen den Ortsteilen sind eine Stuttgarter Besonderheit. Gerade die Hanglagen, manchmal nur schmale, steile Streifen, suggerieren eine starke Durchgrünung. Hinzu kommen natürlich die beeindruckenden Parkanlagen.
Mir ist mir aber auch klar geworden, dass eine Zeichnung eben nicht alles darstellen kann. Beispielsweise ist es fast nicht möglich, die Aggressivität des Straßenverkehrs, der vor allem entlang der Hauptverkehrsadern das Bild der Stadt regelrecht verformt hat, adäquat darzustellen. Auch manch farbliche oder stoffliche Dissonanz löst sich im Schwarz- Weiß mildtätig regelrecht in Nichts auf und fügt die eventuell noch ganz passable Form harmonisch ins Bild ein.
Durch die Arbeit an diesem Projekt habe ich eine Bereicherung erfahren, die ich mir zu Beginn nicht vorstellen konnte und die in wenigen Worten nicht zu beschreiben ist. Für meine weiteren Arbeiten, die sich mit dem Thema "Ort und Landschaft" befassen, habe ich in Stuttgart wichtige Impulse erhalten.