Seit vielen Tagen und Wochen waren wir nun auf See. Endlose Wellen begleiteten uns, während Wind und Sturm unaufhörlich gegen die Segel peitschten. Tag für Tag hofften wir darauf, endlich wieder Land zu erblicken doch der Horizont blieb leer. Mit jeder vergangenen Nacht schwanden unsere Kräfte und selbst die Hoffnung begann zu verblassen.
Dann, nach einer langen und stürmischen Nacht, geschah es.
Im fahlen Licht des Morgens zeichneten sich im dichten Nebel die Umrisse einer Insel ab. Erst glaubten wir an eine Täuschung, geboren aus Erschöpfung und Hunger, doch schon bald wurde Gewissheit daraus. Jubel brach auf dem Schiff aus. Stimmen voller Freude und Erleichterung hallten über das Meer, denn endlich hatten wir Land entdeckt.
Doch mit der Hoffnung kamen auch Zweifel.
Was würde uns dort erwarten? War diese Insel ein Segen der Götter oder ein verfluchter Ort, verborgen vor den Augen der Welt?
Als wir schließlich das Schiff verließen und zum ersten Mal seit Wochen wieder festen Boden unter den Füßen spürten, verschlug es uns den Atem. Vor uns lag ein gewaltiges, unberührtes Land. Die Sonne fiel warm vom Himmel herab, der Wind strich sanft durch fremdartige Pflanzen und das Wasser war von einer Klarheit, wie wir sie niemals zuvor gesehen hatten.
Getrieben von Neugier und neuer Hoffnung beschlossen wir, dieses unbekannte Land zu erkunden. Mit jedem Schritt gleichten wir uns an und so kam es das es keine übermächtigen Wesen mehr gab, und die Gleichheit eines jeden Wesens sich darstellte. Wir suchten nach anderen Menschen, nach Siedlungen oder Spuren vergangenen Lebens doch die Insel blieb still. Keine Stimmen. Keine Feuer. Keine Zeichen einer bestehenden Zivilisation.
Und dennoch fühlte es sich nicht verlassen an.
So beschlossen wir, uns niederzulassen. Aus Treibholz und Stein errichteten wir die ersten Hütten. Ein kleiner Hafen entstand an der Küste, an dem unsere Schiffe ankern konnten, und schon bald eröffnete dort ein bescheidener Markt. Aus wenigen Überlebenden wurde nach und nach eine wachsende Gemeinschaft.
Mit der Zeit fanden weitere Reisende ihren Weg auf die Insel. Manche waren Händler auf der Suche nach Reichtum, andere Flüchtlinge vergangener Kriege oder Abenteurer, die nach einem neuen Leben suchten. Sie brachten seltene Waren, Geschichten aus fernen Ländern und wertvolle Schätze mit sich.
Doch je weiter wir ins Landesinnere vordrangen, desto deutlicher wurde, dass diese Insel weit mehr verbarg, als wir zunächst glaubten.
Zwischen uralten Ruinen und überwucherten Pfaden fanden wir seltsame Zeichen, deren Bedeutung niemand verstand. Nachts erzählten manche von flüsternden Stimmen im Nebel oder Schatten, die zwischen den Bäumen wanderten. Andere behaupteten, tief im Herzen der Insel würden vergessene Mächte ruhen, älter als jede bekannte Zivilisation.
Dennoch blieben wir.
Denn dieses Land hatte uns aufgenommen.
Und vielleicht hatte es bereits lange vor unserer Ankunft auf uns gewartet.
Mit den vergehenden Monden wuchs aus unserer kleinen Siedlung langsam etwas Größeres. Aus einfachen Hütten wurden feste Häuser aus Stein und Holz, Wege entstanden zwischen den Gebäuden und Feuerstellen erhellten in den Nächten die Straßen. Dort, wo einst nur unberührte Wildnis gewesen war, begannen die ersten kleinen Städte zu entstehen.
Jede von ihnen entwickelte mit der Zeit ihren eigenen Charakter. Einige lagen nahe der Küste und lebten vom Handel und Fischfang, andere wurden tief im Landesinneren errichtet, umgeben von dichten Wäldern, uralten Ruinen oder fruchtbaren Ebenen. Handwerker, Händler, Jäger und Krieger fanden hier eine neue Heimat und gemeinsam bauten wir eine Zukunft auf, die einst unmöglich erschien.
Besonders der Hafen gewann immer mehr an Bedeutung.
Was einst nur ein kleiner Anlegeplatz gewesen war, wurde nach und nach zu einem großen Hafen ausgebaut. Hohe Holzstege ragten hinaus auf das klare Wasser und zahlreiche Schiffe ankerten dort, um Vorräte aufzunehmen, Handel zu treiben oder neue Reisende an Land zu bringen.
Fast täglich erreichten neue Menschen die Insel.
Manche kamen auf der Suche nach Reichtum und Abenteuer, andere flohen vor Krieg, Hunger oder ihrer Vergangenheit. Unter ihnen befanden sich Menschen verschiedenster Herkunft, aber auch fremdartige Wesen und geheimnisvolle Gestalten, deren Geschichten ebenso zahlreich waren wie die Sterne am Himmel.
Der Hafen wurde zum ersten Ort, den Neuankömmlinge betraten ein Ort voller Stimmen, Gerüche und Geschichten aus fernen Ländern. Händler priesen lautstark ihre Waren an, Söldner suchten nach Arbeit und Reisende erzählten von den Gefahren, die jenseits der bekannten Pfade lauerten.
Doch trotz all des Lebens blieb die Insel selbst voller Geheimnisse.
Immer wieder verschwanden Menschen in den alten Ruinen oder kehrten verändert von ihren Reisen zurück. Manche berichteten von vergessenen Tempeln, andere von Kreaturen, die tief in den Nebeln der Wälder hausten. Und wenn nachts dichter Nebel über den Hafen zog, glaubten einige, leise Stimmen vom Meer her zu hören als würde die Insel selbst zu ihren Bewohnern sprechen.
Doch niemand dachte daran, diesen Ort wieder zu verlassen.
Denn aus einer zufälligen Entdeckung war längst eine neue Heimat geworden.
Doch nicht jeder Frieden währt ewig.
Zunächst waren es nur Kleinigkeiten, denen kaum Beachtung geschenkt wurde. Fischer berichteten davon, dass ihre Netze zerrissen aus dem Wasser gezogen wurden, obwohl sich keine Felsen unter ihnen befanden. Jäger erzählten von einer seltsamen Stille tief in den Wäldern als würden selbst die Tiere etwas fürchten.
Dann kamen die Nebel.
Dichter als zuvor krochen sie in manchen Nächten über die Insel hinweg und legten sich schwer über Wälder, Straßen und Küsten. Das Meer wurde still, die Luft kalt und selbst die Feuer schienen schwächer zu brennen, sobald der Nebel erschien.
Mit der Zeit begannen Menschen zu verschwinden.
Erst waren es Reisende, die allein unterwegs gewesen waren. Später verschwanden auch erfahrene Jäger oder Seeleute, die das Land inzwischen gut kannten. Manche kehrten Tage später zurück, schweigsam, erschöpft und verändert. Sie sprachen kaum über das, was sie gesehen hatten, doch in ihren Augen lag eine Angst, die sich nicht verbergen ließ.
Andere kamen niemals zurück.
Auch die alten Ruinen schienen sich zu verändern. Wege, die zuvor sicher gewesen waren, führten plötzlich ins Nichts. Fremde Zeichen erschienen an Mauern und Steinen, obwohl niemand sie dort angebracht hatte. Nachts glaubten manche Bewohner, ferne Schritte vor ihren Häusern zu hören, obwohl draußen niemand zu sehen war.
Gerüchte verbreiteten sich schnell.
Einige behaupteten, tief unter der Insel würde etwas schlafen etwas Uraltes, das durch die Ankunft der Menschen erneut erwacht sei. Andere glaubten, der Nebel selbst wäre lebendig und würde langsam Besitz von der Insel ergreifen.
Doch niemand wusste die Wahrheit.
Noch nicht.
Denn die Gefahr zeigte sich nicht offen. Sie lauerte verborgen zwischen den Schatten, beobachtete geduldig und wartete auf den richtigen Moment.
Und während die Städte weiter wuchsen und immer mehr Menschen den Hafen erreichten, bemerkte kaum jemand, dass sich mit jedem vergehenden Mond etwas auf der Insel veränderte.
Der Herold trat vor das versammelte Volk, hebt die Hand und wartet, bis die Gespräche langsam verstummen.
"Geschätzte Reisende, tapfere Abenteurer, ehrbare Handwerker, Händler und all jene, die den Ruf dieser neuen Heimat vernommen haben...
Heute ist ein Tag, der in die Chroniken unseres Landes eingehen wird.
Lange waren diese Ländereien nur ein unbeschriebenes Kapitel. Nun aber stehen wir gemeinsam hier, nicht als Fremde, sondern als jene, die den Grundstein für eine neue Zukunft legen werden. Jede Mauer, die errichtet wird, jede Freundschaft, die geschlossen wird, und jede Geschichte, die erzählt wird, wird Teil dieser Welt sein.
Doch bevor wir uns den Herausforderungen widmen, die jenseits unserer Tore auf uns warten, wollen wir innehalten und diesen besonderen Augenblick gemeinsam feiern.
Im Namen der Stadt heiße ich euch herzlich zum Großen Gründungsfest willkommen!
Lasst die Becher gefüllt werden, lasst Musik erklingen und das Lachen über den Festplatz hallen. Messt euch in den Wettspielen, versucht euer Glück bei der Tombola, erzählt eure Geschichten am Lagerfeuer und knüpft neue Bündnisse.
Heute zählt weder Herkunft noch Stand. Heute feiern wir gemeinsam den Beginn einer neuen Ära.
Mögen unsere Hallen niemals verstummen, unsere Felder reich tragen und unsere Schwerter nur dann gezogen werden, wenn es wirklich nötig ist.
Erhebt eure Krüge!
Auf unsere neue Heimat!
Auf ihre Bewohner!
Und auf die Geschichten, die wir gemeinsam schreiben werden!
Das Gründungsfest ist hiermit feierlich eröffnet!"