Erinnerungen
eines Litauers zwischen den Fronten aus dem 2. Weltkrieg
Ein autobiografischer Zeitzeugenbericht
Erinnerungen
eines Litauers zwischen den Fronten aus dem 2. Weltkrieg
Ein autobiografischer Zeitzeugenbericht
Antanas Mikutis (1917–2005) war ein litauischer Pilot und Segelflieger, der nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang im zivilen Luftsport aktiv war.
Seit seiner Gymnasialzeit von der Luftfahrt fasziniert, begann er 1936 die Ausbildung an der Militärfliegerschule in Kaunas. Nach dem Abschluss Ende 1939 wurde er einer Aufklärungseskadrille zugeteilt, während der Krieg in Europa näher rückte. Mit dem sowjetischen Einmarsch und der Auflösung der litauischen Streitkräfte im Juni 1940 bestimmten die politischen Umbrüche seinen weiteren Lebensweg.
Zwischen 1981 und 1989 hielt er diese Erinnerungen in einem umfangreichen Manuskript für seine Familie fest.
Ein Teil davon – über die Ausbildung an der Militärfliegerschule in Kaunas in den Jahren 1936–1939 sowie viele wichtige Details zur litauischen Luftfahrtgeschichte – wurde bereits 1992 in der Zeitschrift „Plieno sparnai“ veröffentlicht.
Der folgende Auszug beleuchtet den Zeitraum des Zweiten Weltkriegs und bietet Einblicke in das damalige Zeitgeschehen. Als Zeitzeuge zwischen den Fronten dokumentierte Antanas Mikutis das Überleben unter sowjetischer und deutscher Besatzung. Die Aufzeichnungen umfassen Stationen wie den Arbeitseinsatz in Königsberg und die Zwangsverpflichtung in einem Bau-Bataillon in Ostpreußen bis hin zum Kriegsende 1945 auf der Halbinsel Hela, gefolgt von der sowjetischen Gefangenschaft und seiner Rückkehr in das besetzte Litauen.
Antanas Mikutis
Auszug aus dem unpublizierten Manuskript
Übersetzung aus dem Litauischen
Im Jahr 1938 begann sich der Himmel über Europa stark zu verdunkeln, und es ereigneten sich immer häufiger Vorfälle, die nichts Gutes verhießen. Vom 11. bis 13. März 1938 besetzte Deutschland Österreich. In den ersten Oktobertagen desselben Jahres besetzte Deutschland das von der Tschechoslowakei verwaltete Sudetenland und kurze Zeit später auch die Tschechoslowakei selbst. Am 23. März 1939 besetzten deutsche Truppen das Memelland und gliederten es an Deutschland an. Dadurch verloren wir die einzige Segelflugschule Litauens in Nidden. In den ersten Apriltagen desselben Jahres besetzte Italien Albanien. Die Zukunft vieler kleinerer Staaten war somit ungewiss und unsicher, was auch die baltischen Staaten betraf.
Um die Erzählung über das Leben an der Militärfliegerschule fortzusetzen, möchte ich erwähnen, dass im Sommer 1938 bei der Auswahl neuer Anwärter für die Militärfliegerschule nur die Abteilung für Mechaniker zusammengestellt wurde – und zwar zwei Monate früher als üblich (in der ersten Septemberhälfte). Somit war mein fünfter Pilotenjahrgang, in den ich eintrat, vorerst der letzte.
Mitte April 1939 wurde der Befehl des Kommandeurs der litauischen Militärluftwaffe über die Organisation einer Bordschützengruppe veröffentlicht. In diese erste Gruppe dieser Art wurden länger dienende Unteroffiziere, die die Mechanikerabteilung der Militärfliegerschule absolviert hatten, sowie Flugzeugmechaniker-Schüler des zweiten und dritten Ausbildungsjahres der Militärfliegerschule aufgenommen, sofern sie gesundheitlich für den Flugdienst tauglich waren. Diese Nachricht erfreute mich – es bot sich die Möglichkeit, wieder ein fliegender Mensch zu werden, weshalb ich unverzüglich auf dem Dienstweg einen Rapport zur Aufnahme in die Bordschützengruppe einreichte. Meinem Antrag wurde stattgegeben. [...]
Nach der fliegerärztlichen Untersuchung und anderen Formalitäten begannen sogleich die theoretischen Unterrichtsstunden. Die Hauptunterrichtsfächer waren: a) Bordschießen, b) Luftfahrt (Luftnavigation), c) Bombenwerfen, d) Luftbildwesen, e) Einführung in die damalige Bewaffnung der Flugzeuge der litauischen Militärluftwaffe und f) praktische Übungen zur Vertiefung der erworbenen Kenntnisse. Das Erlernen der Grundlagen der Funktechnik und des Morsecodes wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Das gesamte hier erwähnte Programm musste innerhalb eines Monats absolviert werden, weshalb der Unterricht den ganzen Tag über intensiv stattfand und wir aus Zeitmangel nur mit den wichtigsten Elementen vertraut gemacht wurden. Nach Abschluss des theoretischen Unterrichts mussten wir uns zur Praxis in die Garnison Zokniai in Šiauliai verlegen, wo die III. Fliegergruppe (3., 4. und 5. Fliegereskadrille) stationiert war. Dort wurde speziell bei der 3. Eskadrille für unsere praktische Ausbildung eine Ausbildungsflugkette aus Flugzeugen des Typs „Ansaldo A. 120“ gebildet, die mit „Vickers“-Maschinengewehren britischer Bauart bewaffnet waren.
Am 14. Mai 1939 trafen wir mit dem Zug in Zokniai ein und wurden, ungeachtet der militärischen Ränge, alle in einer Stube der Kaserne der Flugplatzkompanie untergebracht sowie dieser Kompanie zur Verpflegung zugeteilt. Kompaniechef war Hauptmann Gudynas und Kompaniefeldwebel war Hauptfeldwebel Skerstonas; der Innendienst und das Leben der Kompanie betrafen uns jedoch nicht, da wir hier nur unsere Unterkunft hatten. Wir wurden sogleich der Führung der 3. Eskadrille vorgestellt und mit dem Dienstplan vertraut gemacht. Hier erfuhren wir, dass wir eine eigene Ausbildungsflugkette bildeten, die direkt dem Gruppenkommandeur unterstand, und dass der Militärflieger Hauptmann Žižys zu unserem Kettenführer ernannt worden war. Als Piloten wurden die Militärflieger im Unteroffiziersrang Čiapas, Keršys, Leparskas und Sadaitis eingeteilt. Der direkte Instrukteur war der Militärflieger Leutnant Lekšas (ein Beobachter, genau wie Žižys).
Wie bereits erwähnt, war die 3. Eskadrille mit Flugzeugen des Typs „Ansaldo A. 120“ des italienischen Herstellers „Fiat“ ausgerüstet. Dies war ein zweisitziger Eindecker, der als leichter Bomber und Aufklärungsflugzeug eingesetzt werden konnte und mit zwei starren, durch den Propellerkreis schießenden Maschinengewehren sowie einem „Vickers“-Maschinengewehr britischer Bauart für den Beobachter bewaffnet war. Unser Ziel war es daher, diese Technik gründlich zu beherrschen, das heißt, das Schießen auf Boden- und Luftziele, das Bombenwerfen und andere Operationen zu erlernen. Kommandeur der 3. Eskadrille war Major Masys, technischer Offizier war der Militärflieger Hauptmann Žilys. Vom fliegenden Personal der Eskadrille erinnere ich mich – abgesehn von den der Ausbildungsflugkette zugeteilten Personen – nur noch an: Hauptmann Radvenis (Heidrikis), Leutnant Bieliauskas, den Unteroffizier Kurtinaitis und den Unteroffizier Juozėnas (Bruder des Schriftstellers J. Baltušis).
Am 15. Mai 1939 begann die Arbeit. Nach dem Antreten im Stabsgebäude der 3. Eskadrille gab der Kettenführer Hauptmann Žižys den Tagesdienstplan bekannt und legte die Flugreihenfolge fest. Wir sollten mit dem Maschinengewehr des Beobachters auf ein Bodenziel schießen, das sich am Ufer des Rėkyva-Sees befand, etwa 6–8 Meter vom Ufer entfernt. Das Ziel war über dem Wasser, leicht schräg geneigt und hatte eine Größe von 3x3 Metern. Bei mehreren Anflügen entlang des Ufers, beim Vorbeiflug am Ziel in einer Höhe von 60–80 Metern, musste mit dem Maschinengewehr des Beobachters eine festgelegte Anzahl von Patronen verschossen werden. Nach Beendigung des Schießens eines Flugzeugs musste die dort diensthabende Person die Treffer zählen, auf einem entsprechenden Blatt eintragen und die Einschusslöcher abkleben.
Als Erster startete der Unteroffizier Pranas Tamošaitis mit dem Piloten Unteroffizier Sadaitis, während wir anderen am Boden – am Startplatz – auf seine Rückkehr warteten, da jeder von uns so schnell wie möglich in die Luft steigen und seine Kräfte in der Praxis erproben wollte. Da setzt die „Ansaldo“ zur Landung an, berührt mit den Rädern den Boden und rollt in Richtung Startplatz. Aus irgendeinem Grund baumelt das auf dem zweiten Sitz befindliche Maschinengewehr des Beobachters herum, obwohl es doch von der dort sitzenden Person gehalten werden müsste. Als Sadaitis näher heranrollt, zeigt er mit Handzeichen auf den hinteren Sitz, und erst da begriffen wir, dass dort kein Mensch mehr war. Danach erklärte er schnell, dass beim Anflug auf das Ziel plötzlich etwas das Flugzeug erschüttert habe, und als er sich in Richtung des hinteren Sitzes umdrehte, sah er einen Menschen am Fallschirm herabsinken. Er begriff, dass sein Beobachter aus dem Flugzeug gefallen war. Er sah, wie Tamošaitis auf dem Boden aufkam, aber ob glücklich – das konnte er nicht sagen.
Eilig wurde ein Rettungswagen losgeschickt, und wir warteten ungeduldig auf seine Rückkehr. Die Flüge wurden eingestellt. Nach einiger Zeit erfuhren wir, dass der Unteroffizier Tamošaitis tot in das Krankenhaus von Šiauliai eingeliefert worden war. Somit begann unsere Tätigkeit mit einer Beerdigung, was die Stimmung erheblich trübte. Nach diesem Vorfall erhielt unsere Kette den Namen „schwarze Kette“. Nun erzähle ich kurz, wie dieses Unglück passiert ist.
Wie bereits erwähnt, verfügten die damaligen zweisitzigen Aufklärungsflugzeuge auf dem hinteren Sitz über ein bewegliches Maschinengewehr für den Beobachter-Bordschützen, das an einem über dem Sitz befindlichen Drehkranz befestigt war. Der Drehkranz konnte mithilfe von Gelenken in einem bestimmten Rahmen (etwa 180 Grad) nach beiden Seiten gedreht werden. Zudem war das Maschinengewehr nach oben und unten schwenkbar. Beim Schießen auf Bodenziele musste der Schütze aufrecht stehen; eine Person von kleinerer Statur musste sich sogar auf den Sitz stellen, um das Ziel am Boden anvisieren zu können. Die Sicherung erfolgte mit einer Kette an einem Haken am Flugzeugboden. Auf diese Weise befand sich der größere Teil des Körpers außerhalb des Flugzeugs und war dem starken Luftstrom des Propellers ausgesetzt. Es wurden Fallschirme des italienischen Typs „Salvator“ verwendet, deren Nutzung aufgrund ihrer Konstruktion für die Schützen gefährlich war, da der Auslösegriff (kein Ring), der sich auf einem starren Gurt am Bauch befand, bei jeglichem Hängenbleiben oder Verhaken den Fallschirm auslösen konnte. Ein solcher Fall trat bei Pranas Tamošaitis ein. Als er sich mit dem Maschinengewehr von einer Position zur anderen drehte, verhakte sich der Griff und öffnete den Fallschirm. Der durch den Luftstrom blitzartig geöffnete Fallschirm riss ihn aus dem Flugzeug und zerriss dabei die Sicherungskette. Nach dem Trennen vom Flugzeug prallte Tamošaitis, vom Fallschirm gezogen, gegen den Höhenstabilisator des Flugzeugs und schlug bewusstlos auf dem Boden auf. Ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben, verstarb er. Dies ist der einzige Unfall dieser Art in der Geschichte der litauischen Militärluftwaffe. Tamošaitis' Leichnam wurde im Hangar der 4. Eskadrille zwischen drei Flugzeugen aufgebahrt und blieb dort einen ganzen Tag lang. Danach holten die Angehörigen ihn in seine Heimatgemeinde im Bezirk Jurbarkas und bestatteten ihn dort. Die Flüge wurden zu diesem Zeitpunkt eingestellt.
Dieser tragische Tod von Tamošaitis erschütterte uns zutiefst; er war ein junger, fröhlicher Kamerad, und plötzlich war er nicht mehr da. Erst nach längerer Zeit geriet dieser Vorfall allmählich in Vergessenheit, und die Arbeit fand wieder in ihre gewohnten Bahnen zurück. Schließlich durften wir die Besonderheiten unseres Berufs nie vergessen und dass dies jedem von uns passieren konnte.
In Zokniai dauerten die Schießübungen auf Bodenziele bis zum 1. Juni 1939, danach mussten wir uns nach Palanga verlegen, wo etwa zwei Wochen lang Schießübungen über dem Meer und auf Luftziele zu absolvieren waren. Die Führung flog mit den Flugzeugen voraus, während unsere Bordschützengruppe den Zug nehmen musste. Am Abend brachten wir die notwendige Ausrüstung zum Bahnhof Šiauliai und verluden sie dort in einen Waggon. Da bis zur Abfahrt des Zuges noch Zeit blieb, gingen wir in das Bahnhofsrestaurant, um ein wenig zu sitzen und etwas zu essen. Am nächsten Morgen erreichten wir Kretinga. Dort erwartete uns ein Lastkraftwagen, der uns zum Flugplatz Palanga brachte, der etwa 2 km von Palanga entfernt an der Straße zum Hafen Šventoji lag. Dieser Flugplatz wurde als Truppenübungsplatz genutzt, auf dem alle Eskadrillen der Militärluftwaffe nach einem festgelegten Plan Schießübungen auf Luftziele durchführten. Auf diesem Flugplatz veranstaltete der Litauische Aeroclub Luftfahrtschauen, und nach der Eröffnung der Fluglinie Kaunas – Palanga im Sommer 1939 landeten hier Passagierflugzeuge.
Untergebracht wurden wir in einem hölzernen Sommerhaus, in dem sich auch eine Feldküche befand. Der Gebäudekomplex für die Unterkunft und andere Belange war in einem Kiefernwald errichtet worden – ein wahrer Kurort. Nachdem ich mich eingerichtet und Ordnung geschaffen hatte, beschloss ich, mich nach der Reise ein wenig auszuruhen. Doch nicht lange danach wurde ich zum Hangar gerufen, wo die Flugzeuge standen. Dort erhielt ich den Befehl, gemeinsam mit dem Flugschüler des Abschlussjahrgangs Kleopas Petraitis aufzusteigen, um einen Luftschleppsack als Luftziel über dem Meer in eine Höhe von 1000 Metern auszuschleppen, da die Flüge und das Schießen auf Luftziele begannen. Wir starteten mit einem Flugzeug des Typs „Ansaldo A. 120“, obwohl für das Schleppen von Zielen normalerweise ein altes Flugzeug des Typs „LVG C. VI“ verwendet wurde; das Ausschleppen der Ziele fiel jedoch der Reihe nach unserer Gruppe zu. So musste man, sozusagen, die doppelte Arbeit leisten.
Das Verfahren zum Ausschleppen des Ziels wurde wie folgt durchgeführt. An der Außenseite der Rumpfflanke des Flugzeugs war ein entsprechend gefaltetes Stoffziel (Schleppsack) von 3 Metern Länge und 1 Meter Durchmesser befestigt. Das andere Ende des Leinenseils des Ziels, das etwa 100 Meter lang war, wurde auf eine frei drehbare Kabeltrommel gewickelt, die im Sitz des Beobachters auf dem Boden montiert war. Nach dem Aufstieg auf die entsprechende Höhe (bis zu 1000 Meter und höher) wurde das Ziel vom Flugzeug ausgeklinkt, und hier musste man besonders aufmerksam mit einer Fußbremse das Drehen der Trommel regulieren, damit diese nicht zu stark beschleunigte und das Seil abriss. Solche Fälle kamen vor, und das Ziel stürzte dann wer weiß wohin ab. Man musste, ohne die Aufgabe erfüllt zu haben, landen und ein neues Ziel aufnehmen.
Es wurde mit farbiger scharfer Munition geschossen, weshalb drei Flugzeuge nacheinander auf ein Ziel schossen. Beim Laden des Trommelmagazins des Maschinengewehrs mit einer bestimmten Anzahl von Patronen wurden die Kugelspitzen in dicke, farbige Farbe getaucht. Jeder Schütze kannte seine Farbe und konnte seine Treffer im Ziel leicht ausfindig machen. Beim Schießen auf Luftziele musste man an das Flugzeug heranfliegen, welches das Ziel in dieselbe Richtung schleppte, und aus einer parallelen Position, in einer Entfernung von etwa 70–100 Metern, wurde ein kurzer Feuerstoß abgegeben. Man war bemüht, in möglichst kurzen Feuerstößen zu schießen und möglichst viele Anflüge zu machen – das erhöhte den Prozentsatz der Treffer. Nach Beendigung des Schießens des Trios glitt das Flugzeug mit dem Ziel im Segelflug nach unten, überflog in geringer Höhe den Startplatz und warf das Ziel an der vorgesehenen Stelle ab, indem das Seil am Sitz neben der Trommel gekappt wurde.
Mir gelang dieser Flug mit dem Ziel gut, und später ereigneten sich während der gesamten Zeit auf dem Truppenübungsplatz Palanga keine Zwischenfälle mit dem Ausschleppen der Ziele.
Eine kleine Unannehmlichkeit passierte jedoch bei der Durchführung einer Schießübung. Am Nachmittag des 5. Juni 1939 stiegen wir mit dem Unteroffizier A. Keršys in die entsprechende Höhe auf, und bereits beim ersten Anflug, als ich einen kurzen Feuerstoß auf das Luftziel abgab, klemmte das Maschinengewehr. Um die Ladehemmung zu beseitigen, versuchte ich, das Trommelmagazin vom Maschinengewehr abzunehmen, und bemerkte gar nicht, wie der Luftstrom es mir aus den Händen riss. Ich beobachtete einen schwarzen Punkt, der nach unten stürzte, und bemühte mich, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, während ich Keršys befahl, das fallende Magazin im schnellen Sturzflug zu verfolgen. Doch nahe dem Boden verlor ich es aus den Augen und konnte die Absturzstelle nicht genau bestimmen, zumal dort Wald war. Wir gingen auf eine Höhe von 50 Metern hinunter, flogen ein paar Kreise um die vermutete Stelle, prägten uns die Zufahrtsmöglichkeiten über die Landwege ein und flogen zu unserem Flugplatz zurück. Diese Stelle befand sich etwa 7 km von unserem Flugplatz entfernt in der Nähe des Dorfes Šventoji, wo sich heute der Flughafen Palanga befindet. Über den Vorfall erstattete ich dem Kettenführer Hauptmann Žižys Rapport; er war nicht sehr wütend, sagte nur, ich sei ein Tollpatsch, ich solle einen Erklärungsbericht schreiben, und erlaubte mir, mit einem Motorradfahrer dorthin zu fahren. Doch die Suche im Wald blieb ergebnislos – genau wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Damit endete dieses Abenteuer.
Mitte Juni 1939, nach etwa zwei Wochen, war das Programm der Schießübungen auf Luftziele abgeschlossen, und wir sammelten unsere Habseligkeiten ein – die einen mit den Flugzeugen, die anderen mit dem Zug – und kehrten nach Zokniai (Šiauliai) zurück. Hier begann wieder das gewohnte Leben mit praktischem und theoretischem Unterricht. Es gab weniger Flüge, da der Großteil des fliegenden und technischen Personals in den Urlaub ging. Ende Juli erhielt auch ich drei Wochen Urlaub. Zu dieser Zeit verstarb gerade mein Onkel Kazimieras Benetis, weshalb ich bei der Organisation der Beerdigung helfen musste.
Nach der Rückkehr aus dem Urlaub begann wieder der spezifische Alltag der Militärluftwaffe. Es wurde jedoch weniger geflogen, da wir das erforderliche Programm der Schießübungen auf Boden- und Luftziele bereits erfüllt hatten. Daher wurde der Theorie mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Wir begannen mit dem Thema der Luftnavigation, ohne die Überflüge unmöglich sind; wir fingen an, den Morsecode zu lernen, der damals für den Funkverkehr dringend benötigt wurde, sowie einige andere nebensächliche Luftfahrtbereiche. Wir waren nicht mit Arbeit überlastet; es blieb Zeit, um Basketball zu spielen, was damals in Mode war, in die Stadt zu gehen und gelegentlich auch nach Hause zu fahren.
Am 1. September 1939 hörten wir im Radio, dass zwischen Deutschen und Polen Krieg ausgebrochen war. Genauer gesagt hatte Deutschland Polen angegriffen. Diese Nachricht traf uns schwer und weckte Besorgnis über die Zukunft Litauens. Bereits die ersten Kriegstage zeigten, dass die Polen dem deutschen Angriff keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzen konnten. Der Ausgang des Krieges war jedoch noch ungewiss, da Frankreich und England gegen Deutschland in den Krieg eintraten.
Ich erinnere mich, dass ich an einem Spätnachmittag im September mit dem Zug aus meiner Heimat nach Šiauliai zurückkehrte und eine ungewöhnliche Bewegung bemerkte. Am Bahnhof standen viele Fuhrwerke und Fahrzeuge mit und ohne Menschen, aber ich verstand den Grund nicht. Als ich vom Bahnhof in die Kasernen auf dem Flugplatz Zokniai kam, erfuhr ich, dass in Litauen die Mobilmachung ausgerufen und unsere Ausbildungsgruppe in andere Kasernen verlegt worden war. Am nächsten Morgen versammelten wir uns alle im Pilotenraum der 3. Eskadrille. Dort berichtete der Eskadrillenkommandeur Major Masys über die aktuelle Lage und gab dem fliegenden sowie technischen Personal konkrete Anweisungen zur Herstellung der Gefechtsbereitschaft. Für alle Flugzeuge wurden feste Besatzungen gebildet, und die Eskadrille selbst wurde in drei Ketten aufgeteilt, von denen eine turnusgemäß im Bereitschaftsdienst stand. Ich kam sofort in die Bereitschaftskette. Sie wurde als erste aufmunitioniert und gefechtsbereit gemacht – auf Signal hin sollten wir in die Luft gehen. Wir waren überzeugt, dass wir auf die Polen treffen würden, da die polnische Armee, im Westen von den Deutschen geschlagen und im Osten von den sowjetischen Truppen gedrängt, nach Litauen und Lettland drängte, weshalb es zu ernsten Zusammenstößen hätte kommen können. Obwohl unsere Eskadrille in Gefechtsbereitschaft war, blieben die Flugzeuge im Hangar; offenbar war die Führung der Ansicht, dass mit Flugzeugen alten Typs nicht viel auszurichten sei. Die Flugzeuge der 4. Aufklärungs- und leichten Bombereskadrille („ANBO-41“) und der 5. Jagdeskadrille („Gloster Gladiator“) wurden aus den Hangars an den Rand des Flugplatzes gebracht und am Waldrand getarnt.
Die Gefechtsbereitschaft dauerte etwa eine Woche, aber unsere Eskadrille musste nicht aufsteigen. Nur die Piloten der 5. Eskadrille flogen einige Male zu Aufklärungszwecken nach Osten, hatten jedoch keine Zusammenstöße mit den Polen. Auch die anderen Waffengattungen hatten keine Gefechte mit den Polen, da die von den Deutschen geschlagene und von den Sowjets gedrängte polnische Armee in großen Gruppen auf litauisches Territorium übertrat, dort die Waffen wegwarf und sich widerstandslos internieren ließ. Zu diesem Zweck wurden an mehreren Orten in Litauen Lager zur Unterbringung der Polen eingerichtet. Alle Internierten, insbesondere die Offiziere, versuchten, Litauen in Richtung England oder Frankreich zu verlassen.
Um den 20. September 1939 war der Krieg Deutschlands gegen Polen quasi beendet. Ganz Polen war besetzt: der westliche Teil mit Warschau von den Deutschen und der östliche Teil mit dem Wilna-Gebiet von den Sowjets. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nichts und konnten uns nicht einmal vorstellen, dass das Schicksal Polens, Litauens, Lettlands, Estlands und Finnlands bereits besiegelt war. Am 23. August 1939 war zwischen Stalin und Hitler ein Nichtangriffspakt unterzeichnet worden, dem noch ein geheimes Zusatzprotokoll über die Aufteilung der Interessensphären in Europa beigefügt war. Der Vertrag wurde in Moskau von den Außenministern Molotow und Ribbentrop unterzeichnet. Den Sowjets sollte der östliche Teil Polens, die baltischen Staaten und ein Teil Rumäniens (Bessarabien, heute die Moldauische SSR) zufallen, den Deutschen hingegen der südliche Teil Litauens (ganz Litauen fiel erst nach dem 28. September an die Sowjets) ab dem Fluss Šventoji, Polen und andere mitteleuropäische Gebiete. Später überließen die Deutschen diesen südlichen Rand Litauens (einen Teil von Suvalkija) den Sowjets gegen eine bestimmte Geldsumme.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich einige Worte über die Erprobung des Flugzeugs „ANBO-VIII“ schreiben, da dies in etwa zur selben Zeit wie die soeben erwähnten Ereignisse stattfand. Es scheint, als ob der Krieg noch nicht begonnen hatte; es könnte Ende August gewesen sein, als an einem schönen Tag der Kommandeur der Militärluftwaffe, Brigadegeneral A. Gustaitis, mit einem für uns unsichtbaren Flugzeug in Zokniai landete. Es handelte sich um den leichten Sturzkampfbomber „ANBO-VIII“, der sich in der Erprobungsphase befand. Die ersten Testflüge hatte dieses Flugzeug bereits in Kaunas absolviert, und Gustaitis beschloss, die abschließende Erprobungsphase auf dem Truppenübungsplatz Šilėnai durchzuführen, das heißt, eine Reihe von Übungsbomben im Sturzflug auf ein Bodenziel abzuwerfen. Soweit ich mich erinnere, gab es ein Dutzend dieser Flüge über mehrere Tage hinweg; vom Flugplatz bis zum Übungsplatz Šilėnai (einem Torfmoor) waren es in Richtung Radviliškis etwa 6 Kilometer. Das von Brigadegeneral A. Gustaitis selbst konstruierte und getestete Flugzeug zeigte gute Ergebnisse und sollte in den Werkstätten der Militärluftwaffe in Serienproduktion gehen, doch der Krieg brachte alles durcheinander, und das Schicksal dieses Prototyps blieb ungewiss. Antanas Gustaitis war ein talentierter Konstrukteur, der seine Ausbildung in der Luftfahrttechnik in Paris absolviert und bis 1939 acht Flugzeuge des Typs „ANBO“ entwickelt hatte. Mit „ANBO“-Flugzeugen waren die Aufklärungseskadrillen der Militärluftwaffe ausgerüstet.
Ende September, 1939 nach der Kapitulation Polens, ließ die Spannung etwas nach, die mobilisierten Reservisten wurden nach Hause entlassen, und die Lage normalisierte sich. In den ersten Oktobertagen wurde unsere gesamte Ausbildungsgruppe der Flugschüler an die Militärfliegerschule in Kaunas zurückbeordert. Hier mussten wir noch einige Themen in der Theorie durchnehmen. Wir hatten noch keine Funktechnik und Fotografie gelernt, und wir mussten den Morsecode perfekt beherrschen. Funktechnik wurde vom Chef der Abteilung für Luftfahrt-Nachrichtenwesen Major Augustis unterrichtet, und das Unterrichtsfach Fotografie wurde vom Chef des Fotodienstes Major Jablonskis (meinem ehemaligen Vorgesetzten) gelehrt.
Der theoretische Unterricht dauerte etwa einen Monat und fand direkt in der Schule (A. Freda) oder auf dem Flugplatz (Žagariškės) statt. Themen zu Funktechnik und Funkverkehr wurden in der Schule unterrichtet, die Fotoausbildung in der Fotodienststelle. Ende November 1939 war das Ausbildungsprogramm für die Bordschützen abgeschlossen.
Die Abschlussfeier für die Flugschüler und Mechaniker des Abschlussjahrgangs wurde auf dem Flugplatz bei den Flugzeugen organisiert. In einem feierlichen Rahmen wurden die Abschlussdiplome der Schule überreicht (übergeben von Brigadegeneral A. Gustaitis) und der Befehl des Befehlshabers der litauischen Armee über die Verleihung des Titels "Militärpilot zweiter Klasse" an die Piloten verlesen. Diesen Feierlichkeiten wurde auch unsere Gruppe der Bordschützen angegliedert. Denjenigen, die die Fliegerschule (die Mechanikerabteilung) früher absolviert hatten und sie nun abschlossen, wurde der Titel Militärpilot verliehen; den Absolventen des Abschlussjahrgangs wurden entsprechend die Abschlussdiplome der Schule überreicht. Ich und noch einige Kameraden (Bambalas, Cicėnas, Mikutis, Pesys und Saponka), denen bis zum Abschluss der Fliegerschule noch ein Jahr fehlte, durften bei der Zeremonie selbst nur als Zuschauer dabei sein.
An einem Novembertag hörten wir im Radio, dass die Sowjets Litauen Vilnius (Wilna) zurückgeben. Am 10. Oktober 1939 war ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet worden, und am 15. November rückten die Einheiten der litauischen Streitkräfte unter dem Oberbefehl von General V. Vitkauskas in Vilnius ein. Dennoch herrschte keine allzu große Freude, obwohl dieses Gebiet viele Jahre lang von Litauen abgetrennt gewesen war [Anm. JM: Vilnius gehörte in der Zwischenkriegszeit zu Polen].
Die Ereignisse entwickelten sich zu unseren Ungunsten; jeden Moment konnte die Neutralität Litauens verletzt werden, und schwarze Wolken zogen sowohl aus dem Osten als auch aus dem Westen auf. Die Sowjets stellten territoriale Forderungen an die Finnen. Nach deren Ablehnung begannen die Sowjets am 29. November mit den Kriegshandlungen gegen sie; es begann der sogenannte blutige finnische Winterkrieg. Zur gleichen Zeit forderten die Sowjets von der litauischen Regierung die Stationierung ihrer Truppenteile, das heißt die Errichtung von Militärstützpunkten in Litauen, angeblich zum Schutz vor einem deutschen Angriff. Aus Angst vor einem Krieg stimmte Litauen der sowjetischen Forderung zu. Dies war das Präludium zu noch „lustigeren“ Entwicklungen. Nicht ohne Grund entstand später der Spruch: „Vilnius gehört uns, aber wir gehören den Russen“.
Kurz nach der Abschlussfeier wurde unsere gesamte Bordschützengruppe erneut nach Šiauliai beordert. Dort wurden wir konkret den Aufklärungseskadrillen – der 3. und 4. Eskadrille – zum ständigen Dienst zugeteilt. Ich wurde zur 4. Eskadrille versetzt, die mit den neuesten Flugzeugen des Typs „ANBO-41“ ausgerüstet war. Dieses Flugzeug war mit drei Maschinengewehren belgischer Bauart vom Typ „Browning“ bewaffnet: zwei starre, durch den Propellerkreis schießende, und ein bewegliches für den Beobachter. Das Maschinengewehr des Beobachters verfügte über ein Reflexvisier (Kollimator), das je nach Position des Maschinengewehrs automatisch die Vorhaltkorrektur vornahm.
Damals betrachtete ich meine Versetzung zur 4. Eskadrille als einen normalen Vorgang, aber heute, nach vielen Jahren, wenn ich mich an diesen Vorfall erinnere, bin ich sehr darüber erstaunt, dass ich als Grünschnabel, der die Fliegerschule noch nicht einmal absolviert hatte, in eine Mustereskadrille mit den neuesten Flugzeugen und modernster Bewaffnung geraten war. In dieser Eskadrille flog in der letzten Zeit vor seiner Abreise nach Amerika auch Hauptmann Steponas Darius. Ich kann sagen, dass ich, solange ich in dieser Eskadrille diente, seitens der Führung keine Vorwürfe oder Beanstandungen erhielt.
Eskadrillenkommandeur war der Militärflieger Major Šimkus, der im Sommer 1928, als er noch Leutnant war, einen außergewöhnlichen Flugzeugabsturz hatte, der für ihn glücklich endete. Während eines Fluges mit Leutnant Leonardas Peseckas (später Oberstleutnant) geriet das Flugzeug vom Typ „Sopwith“ in der Luft in Brand, und unter schwierigen Bedingungen gelang es ihnen bei brennendem Flugzeug, irgendwie zu landen. Šimkus erlitt nur geringe Verletzungen, während Peseckas schwere Verbrennungen davontrug und lange Zeit im Militärkrankenhaus lag. Šimkus war Beobachter.
Technischer Offizier war der Militärflieger Leutnant Steponkus (ein Pilot). Zu den Aufgaben des technischen Offiziers gehörten der technische Zustand der Flugzeuge, deren Wartung und Reparatur sowie der anschließende Testflug in der Luft nach einer Reparatur. Hauptmechaniker war Hauptfeldwebel Švabauskas.
Um die Erzählung über Zokniai fortzusetzen, möchte ich erwähnen, dass es neben den zwei Aufklärungseskadrillen noch die 5. Jagdeskadrille mit Flugzeugen des Typs „Gloster Gladiator“ gab, die im Sommer 1938 in England gekauft worden waren. Kommandeur dieser Eskadrille war Major Adomaitis und technischer Offizier Hauptmann Staugaitis. Die genannten drei Eskadrillen bildeten in Zokniai eine Fliegergruppe, deren Kommandeur Oberstleutnant Liorentas war.
Bei dieser Gelegenheit ein paar Worte über die Piloten-Bordschützen und ihre Aufgaben. In der litauischen Militärluftwaffe verfügten die Aufklärungseskadrillen nur über zweisitzige Flugzeuge, deren Besatzungen aus einem Piloten und einem Beobachter bestanden. Die Piloten waren Personen unterschiedlicher Dienstgrade – ein Großteil bestand aus Unteroffizieren, während die Beobachter ausschließlich Offiziere waren. Der Beobachter musste sich in der Luftfahrt hervorragend auskennen, um sich beim Überflug gut zu orientieren und sich nicht zu verfliegen; er musste in der Lage sein, die erforderlichen Objekte am Boden aus der Luft gut zu fotografieren, Bomben abzuwerfen, auf Luft- und Bodenziele zu schießen, das Artilleriefeuer zu leiten und verschiedene andere Operationen durchzuführen. Somit war der Beobachter gleichzeitig auch Bordschütze. Wie ich bereits erwähnte, war eine solche Bordschützengruppe wie die unsere zum ersten Mal ausgebildet worden. Im Grunde genommen passte die Bezeichnung „Bordschütze“ nicht ganz zu uns, da wir nach dem Programm für Flugbeobachter ausgebildet wurden und in den Eskadrillen das Programm und die Aufgaben der Beobachter zu erfüllen hatten. Bis dahin gab es nur wenige solcher Bordschützen-Beobachter aus den Reihen der Unteroffiziere, und das erst in letzter Zeit (Sebestijonavičius – I. Jahrgang, Mankus – II. Jahrgang und Aleknavičius-Alekna – III. Jahrgang), die nach Absolvierung der Pilotenabteilung später aus bestimmten Gründen von den Piloten zu den Bordschützen versetzt worden waren.
Nach einer kurzen Pause kehrten wir wieder nach Zokniai zurück, in dieselbe Kaserne, nur in ein anderes Zimmer – das war etwa Mitte November. Gleichzeitig wurden wir der Küche der Flugplatzkompanie zur Verpflegung zugeteilt, denn solange wir noch Flugschüler waren – wir waren zu fünft –, mussten wir noch die Soldatenuniform tragen und den Brei aus dem Soldatenkessel essen. Es wurde die Fliegerbekleidung ausgegeben: ein Fliegerkombi mit einknöpfbarem warmem Futter, warme Lederstiefel mit Fellinnenseite, warme, ellenbogenlange Lederhandschuhe, eine Fliegerhaube aus Leder und eine Fliegerbrille. Als wir uns vollständig eingerichtet hatten, begann das Kennenlernen der Eskadrille und der Arbeit darin. Morgens mussten wir uns im Geschäftszimmer der Eskadrille versammeln, das sich im Kasernengebäude befand, und danach gingen wir zum Hangar, um die entsprechenden Aufgaben auszuführen.
Zu dieser Zeit gab es nur wenige Flüge, da das regnerische Wetter hinderlich war; daher erledigten die Offiziere ihre Angelegenheiten im Stab, während wir im Hangar bei den Flugzeugen den Mechanikern halfen oder uns in der kleinen Werkstatt mit kleineren Schlosserarbeiten beschäftigten. Bei günstigerem Wetter fanden auch Flüge statt. Die Piloten trainierten, indem sie Überflüge auf einer festgelegten Route im Tiefflug (Höhe 50–80 Meter) durchführten. Zudem bereitete man sich darauf vor, anlässlich des Tages der litauischen Armee am 23. November nach Wilna zu fliegen. Hier sollte die gesamte litauische Militärluftwaffe teilnehmen. Die Flugzeugbesatzungen unserer 4. Eskadrille wurden aus alten, erfahrenen Fliegern zusammengestellt. Weitere denkwürdige oder ernstere Beschäftigungen gab es nicht; wir warteten auf das Jahresende und besseres Wetter, weshalb es einige recht langweilige Tage gab. Da wir Zeit hatten, gingen wir auch in die Stadt; es bestand auch die Möglichkeit, nach Hause zu fahren, da die Freizeit nicht kontrolliert wurde.
Nachdem sich das Wetter gebessert hatte, begann gleich nach dem Jahreswechsel eine intensivere Arbeit. Zuerst begannen wir mit dem Abwerfen von Übungsbomben auf dem Truppenübungsplatz Šilėnai. Diese Übung war recht interessant und zeigte, wer wie gut dazu in der Lage war. Im Sitz des Beobachters war ein durch den Flugzeugboden führendes, starres optisches Visier (ein langes Rohr – ein Fernrohr) eingebaut, mit dessen Hilfe das Objekt am Boden anvisiert wurde. Die Treffgenauigkeit hing zu einem großen Teil davon ab, wie der Pilot die Befehle des Beobachters ausführte, da er selbst das Ziel unter sich nicht sehen konnte. Während eines Fluges in einer Höhe von 1000 Metern über dem Übungsplatz wurden mehrere Anflüge (genauer – 5 Runden) gemacht, und bei jedem dieser Anflüge über dem Ziel wurde eine Zementbombe abgeworfen, die beim Aufprall explodierte und eine kleine Rauchwolke erzeugte.
Auf dem Boden waren drei Beobachtungspunkte errichtet worden – Türme, die an den Schnittpunkten der Dreiecksseiten in einer Entfernung von etwa einem Kilometer voneinander aufgestellt waren, mit dem Ziel im Zentrum. Die Beobachter mussten aus ihren Sektoren mithilfe eines speziellen Visiers mit Gradkreiseinteilung den Aufschlagpunkt der Bombe erfassen und notieren. Danach wurde all dies am Boden anhand der Daten der Beobachter auf einem speziellen dafür vorgesehenen Papierbogen eingetragen, und der Schnittpunkt der Linien, die aus den gegenüberliegenden Ecken des Dreiecks gezogen wurden, zeigte den Aufschlagpunkt der Bombe und die Abweichung vom Zentrum – dem Ziel. Danach wurde die Erfüllung der Übung bewertet.
Das Bombenwerfen war nur ein kleiner Teil des Ausbildungsprogramms der Eskadrille. Es wurden Überflüge auf verschiedenen Routen organisiert, zum Beispiel: Zokniai – Kurtuvėnai – Užventis – Kelmė – Tytuvėnai – Šaukotas – Baisogala – Smilgiai – Rozalimas – Zokniai. Dies war eine Art Vieleckkurs, auf dessen Abfliegen man sich entsprechend vorbereiten musste: die Punkte auf der Karte markieren, die Entfernung von einem Punkt zum anderen ausmessen, den Flugkurs für jeden Abschnitt berechnen und anhand der meteorologischen Daten die Windrichtung und Windstärke in den Flugkurs einbeziehen, wobei für jeden Abschnitt der Abdriftwinkel und die Flugzeit berechnet wurden. Ausgehend von der Geschwindigkeit des Flugzeugs musste die Flugzeit für den Überflug exakt berechnet werden. Solcher Überflüge gab es mehrere und auf unterschiedlichen Routen; man musste auch im Tiefflug fliegen, wo eine exakte Kursberechnung besonders wichtig ist. Wenn man sehr niedrig (50 Meter) und mit hoher Geschwindigkeit fliegt, ist eine Orientierung nach der Karte nicht mehr möglich. Geflogen wurde im Winter bei geschlossener Schneedecke, was die Durchführung des Überflugs erheblich erschwerte und eine gute Vorbereitung erforderte, um das theoretische Wissen in die Praxis umzusetzen.
Mit dem herannahenden Frühjahr kamen neue Übungen hinzu – das Schießen auf Bodenziele auf dem Truppenübungsplatz Šilėnai, Luftkämpfe mit Fotomaschinengewehren, das Leiten von Artilleriefeuer und Ähnliches. Das Schießen auf Bodenziele war anfangs etwas ungewohnt, da wir schnellere Flugzeuge flogen, nicht an das Reflexvisier gewöhnt waren und die Feuerrate erheblich höher war, aber wir gewöhnten uns schnell daran. Eine interessante und packende Übung war der Luftkampf – ein Jagdflugzeug vom Typ „Gloster Gladiator“ der 5. Eskadrille simulierte einen Angriff auf unser Flugzeug „ANBO-41“. Hier waren Geschick und Erfindergeist gefragt, um sich gegen ihn zu verteidigen und ihn abzuschießen. Gekämpft wurde mit Fotomaschinengewehren (nach dem Prinzip einer Filmkamera), und nach dem Entwickeln des Filmstreifens sah man die Ergebnisse, ob es gelungen war, den „Feind“ abzuschießen oder nicht. Mit derselben „Waffe“ griff auch der Jäger an. Das Leiten von Artilleriefeuer musste zunächst theoretisch im Lehrraum gelernt werden, da man einen bestimmten Code gut beherrschen und die Genauigkeit der Treffer exakt aus dem Flugzeug per Funk mithilfe des Morsecodes an den Artilleriegefechtsstand am Boden übermitteln musste. Nach ausreichendem Training am Boden begannen wir mit der praktischen Durchführung aus der Luft. Bei gutem Wetter wurden Objekte aus der Luft fotografiert. Ich musste zusammen mit dem Piloten Unteroffizier L. Paplauskas den Venta-Kanal in der Nähe von Bubiai fotografieren.
An einem solchen ganz normalen Flugtag traf bei uns eine Exkursion von Schülern des Lehrerseminars Šiauliai ein. Es war schön, eine ehemalige Mitschülerin aus dem Gymnasium Plungė, Martišiūtė, und noch einige andere bekannte Schüler aus der Gymnasiumszeit zu treffen. Und es traf sich so, dass ich den Befehl erhielt, als Erster mit dem Unteroffizier K. Butkus in die Luft zu steigen; aus einer Höhe von 1000 Metern über dem Flugplatz musste das Leiten von Artilleriefeuer durchgeführt werden. Gleichzeitig war dies eine Flugdemonstration für die Teilnehmer der Exkursion, was für mich besonders angenehm war.
Mitte Mai wurde eine neue Übung organisiert – das Abwerfen von Übungsbomben (Zementbomben) auf dem Flugplatz. Diese Übung wurde aus einer Höhe von 300 Metern ohne Visiergerät nach Augenmaß durchgeführt. Beim Anflug auf das Ziel – ein Leinentuch – musste man das näher kommende Ziel visuell über die Bordwand des Flugzeugs verfolgen und den Piloten entsprechend korrigieren, um den korrekten Kurs zu halten; im entscheidenden Moment musste man nach Gefühl den Bombenauslöser drücken. Die am Boden befindlichen Kameraden maßten sofort die Abweichung vom Zentrum, das heißt die Treffgenauigkeit. Mir gelang einer der mehreren Anflüge mit dem Unteroffizier Antanas Keršys besonders gut – die Bombe fiel direkt auf das Leinentuch, was sonst niemandem gelang.
Einige Male mussten wir über den Rėkyva-See fliegen und auf den Schatten eines anderen Flugzeugs auf dem Wasser schießen. Als Zielortungsflugzeug diente eine „ANBO-51“, und deren Beobachter markierte auf einem Papierbogen die Treffer des schießenden Flugzeugs, da man dies von oben sehr gut sehen konnte. Mit einem Wort: Zum Langweilen blieb keine Zeit, wir waren immer mit etwas beschäftigt. Es war geplant, dass unsere gesamte Eskadrille Anfang Juli zu Schießübungen auf Luftziele nach Palanga verlegen sollte.
Anfang Juni besichtigte der Befehlshaber der litauischen Armee, Divisionsgeneral Vincas Vitkauskas, die Garnison Zokniai zu einer Inspektion. Welches Ziel er dabei verfolgte – schwer zu sagen. Am Abend des 13. Juni feierten wir im Unteroffiziersheim den Namenstag von Antanas und amüsierten uns kräftig. Bei dieser Feier hatte auch ich die Gelegenheit dazu. Hier möchte ich hinzufügen, dass die Flugschüler des letzten Abschlussjahrgangs, die ihr Truppenpraktikum in der Eskadrille absolvierten, im Unteroffiziersheim Waren oder Essen anschreiben lassen konnten, das heißt auf Kredit bis zur Hälfte des Solds, wobei am Monatsende abgerechnet wurde.
Die Flugschüler und Mechanikerschüler der Militärfliegerschule wurden unter den Bedingungen des Wehrdienstes für einfache Soldaten unterhalten, und der monatliche Sold betrug: für einen Schützen 5 Litas, für einen Gefreiten 6 Litas und für einen Unteroffizier 7 Litas. Die Flugschüler erhielten jedoch zusätzlich eine sogenannte Flugzulage von 15 Litas zur Verpflegungsverbesserung. Da ich Gefreiter war – einen Rang, den ich drei Jahre lang trug –, erhielt ich einen Sold von 21 Litas. Als angehender Absolvent und als künftiges vollwertiges Mitglied dieses Unteroffiziersheims konnte ich bereits von deren Vergünstigungen Gebrauch machen.
Der 15. Juni war sonnig und heiß. Viele von uns fühlten sich etwas müde, und die Lust zu fliegen war nicht groß, aber der Flugbetrieb lief dennoch. Wie es der Zufall wollte, musste ich als Erster in die Luft steigen, um das Artilleriefeuer zu leiten. Bei diesem Wetter und dieser Stimmung versuchte ich, mich so leicht wie möglich zu kleiden. Fast über die Strandkleidung zog ich einen leichten Fliegerkombi an, legte den „Salvator“-Fallschirm sowie die Fliegerhaube mit der Fliegerbrille an und setzte mich in die „ANBO-41“, die auch als Maschine mit Dreiblatt-Propeller bezeichnet wurde. Wir stiegen auf eine Höhe von 1000 Metern auf (an den Piloten erinnere ich mich nicht mehr), und noch bevor wir mit der Arbeit beginnen konnten, erschien am Boden das Signal zur Landung (Funkverkehr gab es noch nicht), obwohl wir gerne noch in der Luft geblieben wären. Ein unerwarteter und seltsamer Befehl, denn so etwas war zuvor noch nie vorgekommen. Nach der Landung wurde uns erklärt, dass die Flüge eingestellt seien; es erging der Befehl, die Flugzeuge aufzumunitionieren und in den Hangar zu schieben. Das fliegende und technische Personal könne nach Hause gehen. Dasselbe wurde auch in den anderen Eskadrillen getan. Der Grund wurde nicht erklärt, aber wir spürten, dass etwas Schlimmes in der Luft lag. Ich ahnte, dass dies mein letzter Flug und der letzte Flug der Eskadrille in der litauischen Militärluftwaffe war.
Am Nachmittag gegen 15 Uhr hörten wir in unserem Zimmer im Radio die Meldung, dass der Befehlshaber der Armee, Divisionsgeneral Vitkauskas, an der Grenze zwischen Litauen und der UdSSR sowjetische Truppenteile empfängt, die zur Verstärkung ihrer in Litauen befindlichen Stützpunkte einmarschieren. Wir begriffen, dass es nach Pulverrauch roch, wussten nur nicht, wie es enden würde und dass die ganze Tragödie erst noch bevorstand.
Okkupation Litauens und der Zweite Weltkrieg
Der Morgen des 16. Juni 1940 brachte sehr schönes Wetter. Am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen, und über dem gesamten Kasernengelände lag eine trügerische Stille; es schien, als sei selbst der Wind vor etwas erschrocken und völlig verstummt. Die Soldaten der Flugplatzkompanie schliefen noch, da heute Sonntag war und es ihnen erlaubt war, länger zu schlafen. Früher aufgestanden war nur die Siebenergruppe unseres Zimmers: Bambalas, Cicėnas, Pesys, Riška, Saponka, Ribokas und ich. Unsere Gruppe war um zwei neue Mitglieder erweitert worden – im Frühjahr waren zwei Flugschüler (Piloten) unseres Lehrgangs, Ribokas und Riška, zum Truppenpraktikum zur 3. Eskadrille versetzt worden.
Abweichend vom Thema möchte ich hier eine zuvor ausgelassene Anmerkung einfügen, und zwar, dass Riška zu diesem Zeitpunkt bis zum Abschluss der Untersuchung vom Flugdienst suspendiert war. Vor zwei Wochen war er beim Schießen auf ein Bodenziel am Rėkyva-See im Sturzflug zu tief heruntergegangen; beim Abfangen des Flugzeugs in die Horizontale streifte er mit den Rädern das Ziel und beschädigte das Fahrwerk. Nach dem Rückflug zum Flugplatz war mit dem beschädigten Fahrwerk eine normale Landung unmöglich, weshalb sich das Flugzeug nach kurzem Rollen am Boden überschlug.
Mit Furcht, Sorge und einer gewissen Neugier warteten wir darauf, wann und von wo die russischen Panzer auftauchen würden. Seit dem Vorabend wussten wir ein wenig über den Einmarsch der sowjetischen Armee in Litauen und dass ihre Truppenteile in allen größeren Städten sein würden. Es wurde behauptet, dies sei eine vorübergehende Angelegenheit, die Unabhängigkeit Litauens werde nicht verletzt und es handele sich nur um eine Hilfe zum Schutz Litauens vor einem deutschen Angriff. Über der Stadt Šiauliai flog ein zweimotoriges Flugzeug vorbei, und dann war es wieder ruhig. Als ich auf dem Kasernenhof herumstand, traf ich Leutnant Stasys Bulota; dieser befahl mir ohne lange Umschweife, die Startplatzwache auf dem Flugplatz zu organisieren, das heißt die erforderlichen Auslegezeichen für die Landung auszulegen und auf das Einfliegen der russischen Flugzeuge zu warten. Damals gab es bei uns noch keinen Funkverkehr, weshalb der Start und die Landung von Flugzeugen durch optische Mittel geregelt wurden – durch Flaggen verschiedener Farben (Rot und Weiß). Nachdem ich die Zeichen an der entsprechenden Stelle des Flugplatzes je nach Windrichtung ausgelegt hatte, begann ich auf diese ungebetenen Gäste zu warten.
Es ging bereits auf den Mittag zu, aber von den Russen war weit und breit nichts zu sehen. Schließlich tauchte ein Flugzeug auf, drehte eine Runde um den Flugplatz, flog tief entlang der Landelinie und landete nach der zweiten Runde. Es war ein Jagdflugzeug vom Typ „I-16“, das ich von Fotos her kannte. Im Spanischen Bürgerkrieg wurden diese Flugzeuge „Rata“ genannt. Das Flugzeug rollte näher an die Auslegezeichen heran, stellte den Motor ab, und der Pilot stieg aus dem Flugzeug und kam auf mich zu. In diesem Moment tauchten in der Luft weitere Flugzeuge auf, die zur Landung ansetzten. Offenbar gefiel diesem Piloten mein Einweisen nicht, denn er begann mir irgendetwas zu erklären, von dem ich überhaupt nichts verstand, riss mir die Flaggen aus den Händen und jagte mich davon. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich so schnell wie möglich zu entfernen. Somit war ich in Šiauliai der Allererste, der die Russen mit einer weißen Flagge empfing. Deshalb spotten heute manche, dass ich an der Okkupation Litauens schuld sei, weil ich sie mit der weißen Flagge empfangen habe.
Nach der Rückkehr vom Flugplatz traf ich beim Stab den diensthabenden Offizier der Garnison, Leutnant Markevičius (heute in Australien), und meldete die Lage. Dieser sagte sofort, ich solle mir anhören, was jetzt in Litauen vor sich gehe: „Der Präsident der Republik, Antanas Smetona, ist nach Deutschland geflohen, Skučas (Innenminister) und Povilaitis (Direktor des Sicherheitsdepartements) sind verhaftet, Litauen ist von der sowjetischen Armee vollkommen okkupiert und mit unserer Unabhängigkeit ist es vorbei.“ Diese Nachricht traf mich schwer, mir brach förmlich der kalte Schweiß aus und ich war völlig sprachlos. Der erste Gedanke, der mir durch den Kopf ging: Vorbei ist die Karriere in der Luftfahrt – wohin mit mir?
Unterdessen wurden die russischen Flugzeuge auf dem Flugplatz immer mehr und mehr. Es landeten Transporter und Landungsflugzeuge des Typs „TB-3“ mit Soldaten, gefolgt von Bombern des Typs „SB-2“. Den ganzen Tag über verstummte das Dröhnen der Motoren nicht, und am Abend war der gesamte Flugplatz voller Flugzeuge, während es in den kleinen Wäldern rund um den Flugplatz von russischen Soldaten nur so wimmelte. Es war klar, dass es für die Litauer schwer gewesen wäre, einer solchen Masse Widerstand entgegenzusetzen. Panzer waren vorerst nicht zu sehen, aber sie waren auch nicht nötig.
Am selben Tag, nach dem Mittag, wurde mir mitgeteilt, dass ich zum Wachhabenden der Garnison Zokniai ernannt wurde. Wieder geriet ich als Erster in eine unangenehme Situation. Es kam tatsächlich zu ernsten Schwierigkeiten und Zwischenfällen. Die Wachstube befand sich in den Räumen des Hangars der 3. Eskadrille entlang der Bahnlinie Šiauliai – Radviliškis, und die zu bewachenden Posten befanden sich außerhalb der Flugplatzgrenzen in einem kleinen Wald. Spät am Abend, als es bereits dämmerte, verweigerte man uns beim Wachwechsel den Zugang zu den von uns bewachten Objekten. Ich musste mich an den Gruppenkommandeur Oberstleutnant Liorentas wenden; erst als er eintraf, konnte er diesen Konflikt mühsam beilegen. Aus diesem Vorfall wurde deutlich, dass sich die sowjetischen Truppen bereits wie zu Hause fühlten, unsere Interessen völlig missachteten und wir in unserem eigenen Haus nicht mehr die Herren waren.
Was die Sowjetarmee betrifft, so fällt es schwer, überhaupt etwas über sie zu sagen. Diese „Befreierarmee“ bot einen überaus jämmerlichen Anblick, und wir konnten nicht begreifen, wie solche Habenichtse uns das Paradies bringen sollten. Obwohl das sowjetische Militär überall präsent war, drangen sie nicht in unsere Kasernen ein. Sie lebten rund um den Flugplatz in Zelten. Von außen betrachtet schien es, als ob sich die Sowjetarmee überhaupt nicht in unser Leben einmischte, allerdings gab es auch keinerlei Kontakt. Der eine oder andere, der Russisch sprach, versuchte, sich mit ihren Offizieren zu unterhalten, doch aufgrund deren primitiver Denkweise kam bei diesen Gesprächen nichts heraus. Selbst Offiziere von recht hohem Rang behaupteten steif und fest, sie seien nach Litauen gekommen, um uns von Unterdrückung, Armut, Ausbeutern und Ähnlichem zu befreien, und dass das gesamte fliegende Personal der litauischen Militärluftwaffe aus Kindern von Gutsbesitzern oder Großbauern bestehe. Es war widerlich, sich solche absurden Reden anzuhören. Dennoch scheuten sie sich nicht, auf die Waggons mit den (militärischen) Gütern, die abtransportiert wurden, „Für das hungernde Litauen“ zu schreiben, obwohl sie selbst genau sahen, wer hier hungerte. Es bedurfte keinerlei Kommentare, als diese ungebetenen Gäste unsere Geschäfte stürmten und an sich rissen, was ihnen in die Hände fiel. Mehr als einer von ihnen wiederholte, dies sei hier ein „Klein-Amerika“.
Bereits nach ein paar Wochen sahen wir, dass für Litauen kaum noch Hoffnung auf die Wiedererlangung der Unabhängigkeit bestand und dass der neue Präsident Justas Paleckis sowie andere, uns bis dahin völlig unbekannte Akteure die litauischen Interessen nicht selbstständig regeln konnten, sondern lediglich die Anweisungen aus Moskau ausführten. Es begannen die Auswechslungen der höheren Offiziere in unserer Garnison. Dasselbe geschah auch in den anderen Truppenteilen. Anstelle von Major Šimkus wurde Hauptmann Žukas aus Kaunas zum Kommandeur unserer Eskadrille ernannt, anstelle von Major Adomavičius wurde Major Vaičius aus der 7. Eskadrille zum Kommandeur der 5. Eskadrille ernannt, und zum Garnisonschef von Zokniai wurde anstelle von Oberstleutnant Liorentas Major Balys Brazys ernannt. Eine praktische Bedeutung hatten diese personellen Veränderungen jedoch nicht mehr, da diese neuen Kader Befehlshaber ohne Armeen waren – unsere Militärluftwaffe existierte bereits nicht mehr. Die gesamte Technik der Militärluftwaffe befand sich in den Händen der Sowjetarmee, wurde wachsam bewacht, und niemand durfte mehr an sie heran. Ganz zu schweigen vom Flugbetrieb.
In der ersten Hälfte im Juli 1940 erging der Befehl, die Schulterstücke und die litauischen Abzeichen abzunehmen und stattdessen sowjetische anzulegen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Politkommissare (Politruks) eingesetzt worden: die Militärflieger im Unteroffiziersrang Kazys Butkus (heute Geschäftsmann in Australien) und Girdėnas (der nach dem Krieg als litauischer Partisan fiel). Auch der Name unserer Armee wurde geändert; wir mussten uns von nun an Litauische Volksarmee nennen. All diese Maßnahmen zeigten – und es gingen bereits entsprechende Gerüchte um, – dass ein Teil unserer Armee in die Rote Armee eingegliedert und der andere Teil demobilisiert werden würde. So geschah es auch. Es wurde das sogenannte 29. Baltische Territoriale Korps gebildet, und bei diesem Korps wurde eine nationale Eskadrille mit Sitz in Ukmergė, Pivonija, organisiert; allerdings gelangte von unserem Personal der Militärluftwaffe nicht einmal ein Zehntel dorthin. Zum Eskadrillenkommandeur wurde der Militärflieger Major Kovas (Kapukovas) ernannt.
Während dieses gesamten Zeitraums, in dem sich das Schicksal der litauischen Armee entschied, führten wir ein ungeklärtes, voller Widersprüche und Ungewissheit steckendes Leben ohne jegliche Beschäftigung. Gelegentlich wurden Ausflüge in irgendeine Fabrik oder an einen ähnlichen Ort organisiert, wir spielten Basketball oder Fußball, und abends schauten wir uns manchmal russische Kinofilme an, die im Freien vorgeführt wurden. Diese Filme waren jedoch ziemlich uninteressant – ausschließlich über die Revolution, einfach zu viel Propaganda.
Da ich genügend Zeit hatte und von niemandem eingeschränkt wurde, fuhr ich oft nach Hause. So konnte ich an der Hochzeit meiner Schwester Ona teilnehmen, die am 2. August stattfand. Sie heiratete Antanas Duoblys aus dem benachbarten Dorf Sėleniai. Aufgrund der veränderten familiären Umstände zogen unsere Eltern aus Burbaičiai weg und kehrten nach Rudaičiai (unserer Heimat) zurück. Ona blieb mit ihrem Mann in Burbaičiai (dem ehemaligen Hof von Onkel Benetis). Die Hälfte der Landfläche (etwa 15 Hektar) maß sich mein Cousin Apolinaras Zaburskis ab und errichtete separat eigene Gebäude. So wurde der Hof von Benetis aufgeteilt.
Mitte Juli 1940 traf der neu ernannte, sogenannte Oberbefehlshaber der Volksarmee, General Baltušis-Žemaitis, in Zokniai ein. Dieser General hatte im Jahr 1919, während der Entstehung des unabhängigen Litauens, in der Umgebung von Šiauliai bolschewistische bewaffnete Gruppen ins Leben gerufen und diese angeführt, mit dem Ziel, die bestehende Regierung zu stürzen und Litauen an das bolschewistische Russland anzugliedern. Er wurde jedoch von der litauischen Armee geschlagen und musste nach Russland fliehen. Während seines Dienstes in der Roten Armee stieg er bis zum General auf und kehrte 1940 mit den sowjetischen Okkupationstruppen nach Litauen zurück. Offenbar auf Wunsch dieses Generals wurde eine Versammlung des fliegenden und technischen Personals organisiert. Er agitierte für die neue Ordnung und die neuen Ideen, erklärte, dass Litauen nicht selbstständig existieren könne, dass Litauen nur im Zusammenleben mit den Russen glücklich sein werde und Ähnliches; doch diese Erklärungen über die neue Ordnung waren für uns leicht zu durchschauen.
Anfang August 1940 kehrte der Segelflugzeugkonstrukteur und Leiter der Flugzeugwerkstätten in Zokniai, Unterleutnant Bronius Oškinis, aus Deutschland zurück, wo er fast ein Jahr lang Luftfahrttechnik in Berlin studiert hatte. Wir kamen daher zusammen, um uns seine Eindrücke anzuhören. Uns überraschte nicht so sehr seine Erzählung über das Leben in Berlin, worüber wir ohnehin ungefähr Bescheid wussten, sondern die bloße Tatsache seiner Rückkehr nach Litauen. Zu diesem Zeitpunkt zerbrachen sich viele, die mehr über die Bolschewisten wussten, den Kopf darüber, wie sie aus Litauen fliehen könnten.
Erwähnen möchte ich auch einen schmerzhaften Vorfall – die Zerstörung der „Lituanica II“. In den ersten Oktobertagen wurde dieses Flugzeug zerlegt und zum Truppenübungsplatz Šilėnai abtransportiert, um dort bei Bombenabwurfübungen zerstört zu werden. Was für ein Schicksal für dieses historische Flugzeug! Wie bereits zuvor erwähnt, hatte der amerikanische Litauer Feliksas Vaitkus im September 1935 mit diesem Flugzeug den Atlantischen Ozean überflogen, was für das litauische Volk eine große Ehre war. Dieses Flugzeug war nach dem damaligen Absturz in den Werkstätten der Militärluftwaffe repariert, getestet (von Major Vaičius) und im Hangar der 3. Eskadrille aufbewahrt worden. Gelegentlich wurde es für Fotoflüge und Ähnliches genutzt; für uns war die „Lituanica II“ wie eine Reliquie. Viele Episoden aus jener Zeit sind in Vergessenheit geraten, schließlich sind seither viele Jahre vergangen.
Am 20. Oktober 1940 erging der eilige Befehl, dass die Flugschüler, die ihr Truppenpraktikum in den Eskadrillen absolvierten, noch am Abend desselben Tages nach Kaunas zur Militärfliegerschule zurückkehren mussten. Im Zug fuhren wir mit sehr ernster und trauriger Stimmung; wir sangen auch traurige Lieder. Wir spürten, dass das Ende gekommen war. Spät am Abend wurden wir am Bahnhof von Kaunas vom Kompaniefeldwebel der Pilotenabteilung, dem Militärflieger im Unteroffiziersrang Kazys Klimas, empfangen. Er sagte uns sofort, dass tagsüber auf dem Schulgelände die Entlassung der Absolventen, das heißt unseres Jahrgangs, stattgefunden hatte (ohne jegliche Feierlichkeiten, auf dem Flugplatz zwischen den Flugzeugen) und dass wir alle nach Hause entlassen (demobilisiert) werden. Damit schwand endgültig jede Hoffnung, in der Luftfahrt zu bleiben. Es tat weh, dass der Traum, Pilot zu werden, unerfüllt blieb und die vier Jahre beim Militär umsonst waren. Da ich keinen zivilen Beruf gelernt hatte, stand ich vor der Frage, was ich tun und wie ich mein Brot verdienen sollte. Angesichts dieses tragischen Endes lag ich im Bett und weinte.
Am nächsten Tag wurde uns bereits offiziell die Auflösung der Unteroffiziers-Fliegerschule der Militärluftwaffe und unsere Entlassung in die Reserve mitgeteilt. Nach dem noch geltenden litauischen Gesetz über die Auszahlung von Beihilfen an Absolventen, die die Fliegerschule beendet hatten und nicht im Dienst belassen wurden, wurden uns allen jeweils 200 Litas für den Kauf von Zivilkleidung ausgegeben. Allerdings war der Litas bereits so stark entwertet, dass man nichts Ordentliches mehr dafür kaufen konnte. Die Absolventen früherer Jahrgänge hingegen, die nicht im Flugdienst belassen wurden (einige perspektivlosen), hatten sich für dieses Geld noch komplett einkleiden können. In der litauischen Armee galt die Regel, dass in die Reserve Entlassene in ihrer eigenen Zivilkleidung nach Hause fahren mussten. Uns allen wurde ausnahmsweise gestattet, in Uniform nach Hause zu fahren, unter der Bedingung, dass wir diese danach per Post an die Militärfliegerschule zurückschicken, adressiert an die Feldpostnummer 221/7. Nachdem wir die russischen Reserve-Militärausweise erhalten hatten (russisch: военный билет), fuhren wir nach Hause. Das gleiche Schicksal ereilte auch die Mechanikerschüler des zweiten Ausbildungsjahres, die die Schule noch nicht beendet hatten – auch sie mussten nach Hause fahren.
Piloten wurden in diesen Jahrgang nicht mehr aufgenommen; mein Jahrgang (der fünfte) war der letzte. Damit endete meine Fliegerkarriere. Während meiner gesamten Dienstzeit in der Militärluftwaffe absolvierte ich 114 Flugstunden bei insgesamt 470 Flügen. Auf dem Heimweg machte ich in Šiauliai halt und suchte die ehemalige 4. Eskadrille auf, wo noch das Auflösungskommando arbeitete. Dort zeigte man mir den vom Befehlshaber des 29. Territorialen Schützenkorps, General Vitkauskas, unterzeichneten Befehl über die Verleihung des Titels "Militärpilot zweiter Klasse" an uns. Schade, dass mir damals nicht der Gedanke kam, diesen Befehl abzuschreiben. Gleichzeitig begann ich während meines Aufenthalts in Šiauliai, mich um die Suche nach irgendeiner Arbeit zu bemühen, aber ohne gelernten Beruf war es schwer, irgendwo eine Stelle zu finden. Den meisten länger dienenden Unteroffizieren wurde eine Tätigkeit bei der Miliz angeboten. Mir wurde kein solches Angebot gemacht, zudem hatte ich Angst, dort einzutreten, da die Polizei keinen guten Ruf genoss.
Ich kehrte in meine Heimat zu meiner Schwester Ona Duoblienė im Dorf Burbaičiai (Bezirk Plungė) zurück. Es stellte sich die Frage, was ich anziehen und wie ich diese Militärkleidung an die Fliegerschule zurückschicken sollte. Es war Ende Oktober, weshalb man sich bereits etwas wärmer anziehen musste. Ich fand eine alte, aus der Gymnasiumszeit herausgewachsene Jacke sowie eine Hose, und die anderen Kleinigkeiten kaufte ich von der in der Luftfahrt erhaltenen Beihilfe; auf diese Weise kleidete ich mich zivil ein – an solch eine Kleidung war ich gar nicht mehr gewöhnt. Den Mantel lieh mir vorübergehend der Ehemann meiner Schwester, Antanas Duoblys, und so konnte ich erst einmal auf den Winter warten. Ich wusste, dass die Chancen, eine Stelle zu finden, in Šiauliai oder Kaunas größer waren, deshalb beschloss ich als Erstes, nach Šiauliai zu fahren, da ich dort die meisten Bekannten hatte: demobilisierte Gleichgesinnte aus allen drei Eskadrillen.
Nach der Auflösung der Militärluftfahrt zog der Großteil des fliegenden und technischen Personals in andere Städte, um Arbeit zu suchen, da sie nicht wussten, wohin sie sonst gehen sollten; daher blieb in Šiauliai nur eine Minderheit zurück. Als ich (etwa Mitte November 1940) in Šiauliai eintraf, fand ich die meisten der Zurückgebliebenen bereits eingestellt vor; einige waren in die Miliz eingetreten: Lapėnas und Keršys (4. Eskadrille), Lesčius (5. Eskadrille), Strazdonis (3. Eskadrille), Skerstonas und Preibys (Flugplatzkompanie). Ich suchte immer noch nach einer einfacheren Arbeit, aber da ich in diesem Bereich keine Erfahrung hatte und es mir an ausreichender Aktivität fehlte, um die Empfehlungen einflussreicherer Personen zu nutzen, blieben die Suchen erfolglos. Enttäuscht von den Suchen und auf Anraten einiger Kameraden ging ich zum Milizchef des Kreises Šiauliai, Simutis (gebürtig aus Žemaitija [dt. Samogitien]), um nach Arbeit zu fragen. Hier waren die Ergebnisse positiv – er willigte ein, mich einzustellen, jedoch unter der Bedingung, dass ich zur Arbeit nach Radviliškis fahren würde. Ich erschrak ziemlich, aber es gab keine andere Wahl.
Mitte November kam ich an einem frühen, bewölkten Morgen mit dem Zug in Radviliškis an und fand hier mühsam die mir zugewiesene Dienststelle. Der erste Eindruck war sehr schlecht, und diese ganze Umgebung stimmte mich unangenehm. Das Milizgebäude befand sich im Zentrum des Städtchens gegenüber der Kirche, und neben der Miliz hinter dem Zaun lag das Pfarrhaus. Das Gebäude selbst war einstöckig, teils gemauert, jedoch ziemlich vernachlässigt, gelegen in der ehrwürdigen Maironis-Straße.
Ich stellte mich dem Chef der Milizabteilung, Motūza, vor. Dieser erwies sich ungeachtet seiner Bildung (er hatte lediglich die Grundschule besucht) als ein recht kluger und kultivierter Mensch, der ziemlich realistisch dachte, ein Parteimitglied und ehemaliger Arbeiter der Glasfabrik in Radviliškis. Er wunderte sich, dass ich, der ich so viel Bildung genossen hatte, ein Intellektueller und kein Mensch ihrer Gesinnung, zur Arbeit in die Miliz kam. Ich überlege auch heute noch, warum ich mich darauf eingelassen habe; offenbar war es vom Schicksal so vorherbestimmt. Der Chef stellte mich den Mitarbeitern der Abteilung vor, mit denen ich mich schnell bekannt machte. Alle waren kaum des Schreibens mächtig, sie konnten gerade so schreiben und unterschreiben. Das waren sie: Geležiūnas, ein ehemaliger Schuster; der lokale Russe Iwanow, ein Grabenarbeiter, verheiratet mit einer einheimischen Deutschen; Serapinavičius, der einem Zigeuner ähnelte und einen ähnlichen Beruf ausübte; Meškys, ebenfalls Grabenarbeiter; Jovaiša, ein Arbeiter mit Grundschulabschluss, und der lokale Russe Korolkow, ein jugendlicher Arbeiter. Das war die sogenannte Arbeiter-und-Bauern-Miliz von Radviliškis. Zu jener Zeit besaß die Miliz noch keine sowjetische Uniform, weshalb am Ärmel eine rote Armbinde getragen wurde. Eine solche Armbinde erhielt auch ich, und obendrein eine deutsche Pistole vom Typ „Parabellum“.
In dieser Stadt war ich zum ersten Mal, weshalb ich keinerlei Bekannte hatte, und die erste Frage war, wo ich wohnen sollte. In dieser Angelegenheit halfen mir Motūza und Jovaiša; ich wurde unweit der Miliz in derselben Maironis-Straße beim Hauseigentümer Buzas untergebracht. In dem mir vermieteten Zimmer wohnte noch ein weiterer Mann – das war Bronius Šulnius, ein Arbeiter der Waffenfabrik Linkaičiai, mit dem ich auch später noch zusammentreffen sollte. Dort lebte ich ungefähr bis zum März 1941, danach zog ich in eine andere Straße zum Musiker Kreivėnas um, der ebenfalls in Linkaičiai arbeitete.
Von allen Bediensteten war ich der Gebildetste, weshalb ich ohne jegliches Zögern zum Schreiber ernannt wurde, obwohl auch ich vom Schreiben auf einer Dienststelle keine große Ahnung hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ein junger Bursche, der ein wenig Bildung genossen hatte, Rakauskas, die Kanzleiangelegenheiten hier vorübergehend geregelt; er arbeitete jedoch im Exekutivkomitee von Radviliškis und kam nur gelegentlich vorbei, um die Angelegenheiten zu ordnen. Bei dieser Gelegenheit machte er mich auch mit den Geheimnissen der Schriftführung vertraut, da ich von solchen Dingen kaum etwas verstand – ich wusste nicht, was die Bücher für eingehende und ausgehende Schreiben waren und Ähnliches; im Laufe der Zeit eignete ich mir dieses Wissen an.
Über die Dienstzeit bei der Miliz in Radviliškis habe ich wenig zu sagen, und denkwürdige Episoden gab es kaum. Allmählich gewöhnte ich mich an das Städtchen, lernte die Menschen kennen und passte mich auf irgendeine Weise unwillig an dieses graue Provinzleben an, ohne jedoch die Hoffnung zu verlieren, in die Luftfahrt zurückzukehren. Zudem begann ich immer mehr zu verstehen, wie das Leben unter den Bolschewisten wird, wie die Stimmungen der Menschen sind und was uns erwartet. Zumindest bis Mitte Juni blieb es ruhig. Am 13. Juni feierte ich in der Bierstube der Stadt ein wenig meinen Namenstag und bemerkte nichts Verdächtiges. Obwohl die Führung am nächsten Tag sicherlich von den schrecklichen Ereignissen wusste, vertraute sie mir nicht und verheimlichte sie vor mir.
Am frühen Morgen des 15. Juni 1941 wurde ich dringend zur Milizdienststelle gerufen. Dort fand ich all unsere Bediensteten vor, dazu viele mir unbekannte, russischsprachige Milizionäre sowie Beamte in Zivil – Angehörige des Sicherheitsdienstes. Es wurde erklärt, dass sogenannte „unerwünschte Elemente“ aus Radviliškis abtransportiert werden, das heißt Prostituierte, Krawallmacher, Schläger, Trinker und Ähnliche; solche Personen gab es dort jedoch kaum. Ich wurde als Schreiber zum Bereitschaftsdienst auf der Dienststelle zurückgelassen, und schnell stellte sich heraus, dass diese angeblichen Krawallmacher nur ein Vorwand und Augenwischerei waren, da in Wirklichkeit massenhaft unschuldige und rechtschaffene Menschen deportiert wurden. Es brach eine riesige Panik aus, Wehklagen und Weinen. Ganze Familien mit kleinen Kindern wurden auf Lastkraftwagen verladen, zum Bahnhof transportiert und dort in Viehwaggons getrieben. Mit eigenen Augen sah ich, dass die Vernichtung des litauischen Volkes, insbesondere der Intelligenz, begann.
Noch bevor sich die Menschen von dem erlebten Albtraum erholen konnten – in ständiger Erwartung, wann die nächste Familie in einem vernagelten Waggon nach Sibirien verschleppt werden würde –, brach kaum eine Woche später der Krieg aus. Krieg ist eine schreckliche Sache, doch viele Menschen freuten sich, dass die Verschleppungen nach Sibirien ein Ende hatten und Litauen seine Unabhängigkeit wiedererlangen könnte. Schließlich hatten die Bolschewisten mehrere Hunderttausend Menschen aus Litauen nach Sibirien deportiert. Zudem wütete nach Kriegsbeginn, noch bevor die Deutschen nach Litauen kamen, der bolschewistische Terror an verschiedenen Orten weiter, und auf der Flucht aus Litauen ermordeten sie in den Gefängnissen die Inhaftierten, wo immer sie es noch schafften. Viele Gefangene wurden im Wald von Rainiai bei Telšiai zu Tode gefoltert und erschossen. Dort wurden die drei Brüder Antanavičius zu Tode gefoltert; mit einem von ihnen (Juozas) hatte ich in Plungė dieselbe Schulklasse besucht. Ein vierter Bruder wurde mit den Eltern (aus dem Dorf Didvyčiai bei Plungė) nach Sibirien verschleppt, und die verbleibenden zwei älteren Brüder – einer Hauptmann, der andere Militärflieger (Povilas, aus meinem Jahrgang an der Fliegerschule) – fielen im Frühjahr 1947 unweit von Plungė im Kampf in einer Partisaneneinheit. Das ist eine Episode. Aus anderen Orten, weiter entfernt von der Front, wurden die Gefangenen nach Russland abtransportiert und in den belarussischen Wäldern erschossen. Unter ihnen starben der ehemalige Rektor des Franziskanergymnasiums Pater Augustinas Dirvelė, der Militärflieger Oberst Špokevičius, der Militärflieger Žemkalnis-Landsbergis und viele andere.
Es ist schwer vorstellbar, welche Reaktion nach solch schmerzhaften Ereignissen einsetzte, als die Deutschen innerhalb weniger Tage in ganz Litauen waren und weiter nach Osten marschierten. Es begann ein Akt der Rache und der Abrechnung – Verhaftungen und Erschießungen von Juden, Kommunisten, Komsomolzen und anderen sowjetischen Funktionären. Direkt nach Kriegsbeginn wurde noch am selben Tag die Provisorische Regierung Litauens mit Ambrazevičius an der Spitze gebildet, und bereits am nächsten Tag wurde ihre Zusammensetzung über den Rundfunk (der Radiosender war von litauischen Aufständischen besetzt worden) verkündet, was das gesamte litauische Volk in große Freude versetzte. Leider bestand diese Regierung nur zwei Wochen, da die deutsche Führung – gemäß dem von Stalin und Hitler unterzeichneten Geheimvertrag – die Unabhängigkeit Litauens nicht anerkannte und die Regierung aufgelöst wurde.
Unterdessen waren die Milizbediensteten, also meine Kollegen, mit dem Chef Motūza an der Spitze, sehr optimistisch gestimmt und erwarteten einen schnellen Sieg, als sie im Radio vom Beginn des Krieges hörten und davon, dass die Rote Armee den deutschen Angriff erfolgreich abwehre und Flugzeuge Königsberg, Berlin sowie andere deutsche Städte bombardierten. Doch gegen Ende des Tages schlug die Stimmung in Panik um, und am nächsten Morgen erging der Befehl, die Akten und andere Dokumente schleunigst zu vernichten und sich mit allen Mitteln nach Osten abzusetzen. Ich beschloss, mich nirgendwohin abzusetzen, und verließ die Milizdienststelle, um dem Zwang zur gemeinsamen Flucht zu entgehen. Indem ich in Radviliškis blieb, riskierte ich meinen Kopf erheblich, da mir beim Einmarsch der Deutschen große Schwierigkeiten gedroht hätten. Vor all diesen Schwierigkeiten und vor dem sicheren Grab rettete mich der Umstand, dass ich bereits im Winter den ehemaligen Chef des Polizeireviers von Radviliškis (ich glaube, Povilauskas) kennengelernt hatte, der direkt neben der Miliz wohnte. Bei passender Gelegenheit schaute ich ab und zu bei ihm vorbei, um ein Gläschen zu trinken, zu plaudern, Erinnerungen aus dem Leben der Militärluftwaffe auszutauschen und Ähnliches. Er war auf irgendeine Weise der Deportation nach Sibirien entgangen und wurde nach dem Einmarsch der Deutschen wieder Polizeichef von Radviliškis. So hatte ich eine Art Zuflucht vor den damals stattfindenden Repressionen gegen die Kommunisten; er riet mir jedoch davon ab, lange in Radviliškis zu bleiben. Zudem gab es dort zu dieser Zeit auch keine Arbeit.
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Mitte Juli 1941 kam ein Agent aus Königsberg nach Radviliškis, um Arbeiter für die Fabrik zu rekrutieren. Nach kurzem Überlegen und auf Anraten einiger Bekannter ließ ich mich registrieren. [Anm. JM: Die spontane Meldung geschah aus existenzieller Not nach der ersten sowjetischen Besatzung. Die Arbeit im Reich galt im Sommer 1941 noch als Perspektive zur Existenzsicherung, bevor das NS-Regime ab 1942 zu brutaler Zwangsarbeit überging.] Am Abend des 21. Juli (genau ein Jahr nach der Ausrufung der sowjetischen Ordnung in Litauen), es war ein Sonntag, brachen wir mit zwei gedeckten Lastkraftwagen in Richtung Königsberg auf. Wir waren etwa 30 Männer. Am nächsten Tag erreichten wir (etwa gegen Mittag) Königsberg und wurden unverzüglich in hölzernen Baracken mit zweistöckigen Holzpritschen untergebracht. Diese Baracken befanden sich in einer recht grünen Gegend unweit des Hauptbahnhofs. Den gesamten Nachmittag dieses Tages verbrachten wir mit dem Einrichten, und am nächsten Tag mussten wir die medizinische Untersuchung durchlaufen. Diese verlief glatt, und wir wurden der Fabrik zugewiesen, die im nördlichen Teil der Stadt unweit des Nordbahnhofs lag. Dieser Betrieb ähnelte eher einer Reparaturwerkstatt als einer Fabrik, weshalb er auch den Namen „Heeres-Zeugamt Waffenwerkstatt, Königsberg (Pr.)“ trug. Auf einem recht großen Gelände befand sich eine ganze Reihe von Gebäuden mit Werkshallen verschiedener Bestimmung. Ich wurde einer Werkshalle mit unklarer Bestimmung zugewiesen. Zu Beginn musste ich ein wenig mit der Feile arbeiten, danach wurde ich mit der Reparatur von hölzernen Munitionskisten für Artilleriegranaten beauftragt. Ende Oktober wurde ich zur Arbeit in die Schmiede versetzt; dort waren die Arbeitsbedingungen wesentlich schlechter, es war ein fast unbeheizter Schuppen. Etwas später begriff ich: Die Deutschen waren mit meiner Arbeit unzufrieden, deshalb wurde ich als Hilfsarbeiter in die Schmiede versetzt. Mein Monatsverdienst betrug etwa 150 Mark.
Die Arbeit begann um 6 Uhr morgens und endete um 16 Uhr, weshalb man morgens um 5 Uhr aufstehen musste; denn man musste mit der Straßenbahn fast durch die gesamte Stadt zur Arbeit fahren, und das dauerte fast eine Stunde. Wir verpflegten uns in der Kantine derjenigen Baracken, in denen wir auch wohnten; das Essen war standardisiert und schlecht, weshalb den meisten, die an solche Bedingungen nicht gewöhnt waren, dieses Leben überdrüssig wurde. Man begann darüber nachzudenken, wie man nach Litauen zurückkommen könnte, doch jeder Versuch wegzufahren endete erfolglos. Für diejenigen, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren, war dies ziemlich schwer zu bewerkstelligen; man wurde sofort am Bahnhof aufgegriffen und in die Baracke zurückgebracht. Ansonsten behandelten uns die Deutschen nicht schlecht, und eine Diskriminierung war nicht zu spüren, aber wir durften die Fabrik nicht aus eigenem Willen verlassen und waren in gewissem Sinne Deportierte. Ende September zogen wir in andere Baracken um, die näher an unserer Fabrik lagen: Das verbesserte unsere Lebensbedingungen, wir erhielten komfortablere Zimmer und mussten nicht mehr so weit zur Arbeit fahren.
Unter uns arbeitete ein gewisser Elvikis aus Kaunas, der es fertigbrachte, von Zeit zu Zeit sonntags nach Kaunas zu fahren und wieder zurückzukehren. Er rühmte sich, im ersten Abschlussjahrgang der Militärfliegerschule gedient zu haben; wie es sich in Wirklichkeit verhielt, ist schwer zu sagen. Soweit ich mich bei den „Alten“ erkundigen konnte, erinnerten sie sich nicht an einen solchen Mann. An einem Novembersonntag beschloss ich, mit Elvikis zu Aufklärungszwecken eine Reise nach Kybartai und zurück zu machen. Nachdem wir am Hauptbahnhof Fahrkarten bis Eydtkau (bis 1938: Eydtkuhnen; litauisch: Eitkūnai) gekauft hatten, setzten wir uns in einen Personenzug. In Eydtkau stiegen wir aus dem Zug und durchwateten an einer abgelegeneren Stelle den Fluss, der Litauen von Deutschland trennt und dessen Namen ich nicht mehr weiß [Anm. JM 2026: dt. Lepone, lit. Liepona]; augenblicklich befanden wir uns in Kybartai. Nachdem wir ein paar Stunden im Städtchen umhergegangen waren, kehrten wir auf demselben Weg wieder nach Eydtkau zurück, kauften Fahrkarten nach Königsberg und kamen bereits in der Nacht ruhig wieder in unseren Baracken an. Dies war eine Art Training, und nach dieser Reise begann ich immer mehr über die Rückkehr nach Litauen nachzudenken. Schließlich fasste ich in den letzten Novembertagen den festen Entschluss, Königsberg zu verlassen, und eines Abends packte ich meine spärliche Habe zusammen und machte mich mit zwei Kameraden auf den Weg zum Bahnhof. Die beiden träumten ebenfalls davon, von hier zu fliehen, wagten es jedoch nicht, sich allein auf eine solche Reise ohne Deutschkenntnisse zu begeben. Nachdem wir am Bahnhof drei Fahrscheine bis Eydtkau gekauft hatten, setzten wir uns in den Zug und kamen im Morgengrauen ohne Umsteigen und ohne Hindernisse in Kaunas an.
Nach der Ankunft in Kaunas suchte ich als Erstes Elvikis auf, der in Panemunė wohnte und Königsberg bereits etwa eine Woche zuvor verlassen hatte, in der Hoffnung auf seine Hilfe, irgendwo in Kaunas eine Stelle zu finden. Er gab mir die Adressen von ein paar Organisationen, aber ohne Empfehlung wollte niemand mit mir sprechen. In Kaunas konnte ich nicht lange bleiben, da ich keine Unterkunft hatte; alle Kameraden aus der Fliegerschule waren verstreut, und ich kannte keine einzige Adresse. Da ich keine Aussichten hatte, beschloss ich, so schnell wie möglich in Richtung Žemaitija in meine Heimat zu fahren. Meine Angehörigen dachten, dass ich nach Kriegsbeginn irgendwo gefallen sei, da seit jenem Tag die Verbindungen zur Heimat abgerissen waren. Auf dem Weg machte ich in Radviliškis halt, da bei meinem ehemaligen Vermieter Kreivėnas noch einige meiner Sachen zurückgeblieben waren. Der Winter nahte, und ich hatte nichts anzuziehen, außer einem Sommermantel, den ich in Königsberg von meinem Kollegen Bronius Šulnius gekauft hatte, der damals nach Königsberg mitgekommen war. Bei Kreivėnas holte ich meinen Milizmantel, das Hemd und noch einige andere Kleinigkeiten ab, aber diese Kleidung konnte ich zu jener Zeit nicht tragen. So musste ich den sehr kalten Winter 1941/1942 mit einem leichten Sommermantel verbringen.
Nach der Rückkehr nach Žemaitija zog ich zu meiner Schwester Ona Duoblienė ins Dorf Burbaičiai, da von dort aus die Anbindung an die umliegenden Städte und andere Orte wesentlich besser und bequemer war. Gelegentlich besuchte ich auch meine Eltern im Dorf Rudaičiai.
Mein Bruder Justinas Mikutis, der erst kurz vor dem Krieg das Gymnasium Kretinga absolviert hatte und an der Universität [wegen ihrer Schließung] nicht studieren konnte, unterrichtete zu dieser Zeit an der Grundschule in Kalviai. Diese Schule lag im Bezirk Skuodas, nahe der Heimat von Simonas Daukantas und etwa 4 Kilometer vom Kirchdorf Lenkimai entfernt. Ich beschloss, meinen Bruder zu besuchen, da ich noch arbeitslos war und Zeit hatte. Auf dem Gut Šateikiai (dem ehemaligen Gut des Grafen Plater) arbeitete Bričkus aus Lenkimai (sie waren drei Brüder) als Buchhalter, der Justinas gut kannte. Zu ihm kam gelegentlich ein Mann namens Stukas aus Lenkimai zu Besuch. Ich vereinbarte mit Bričkus, den ich oft besuchte, dass Stukas mich bei passender Gelegenheit nach Lenkimai mitnimmt. Dort gab es noch mehr Bekannte – in Lenkimai selbst unterrichteten die Absolventen des Gymnasiums Kretinga, Juozas Stanius und Kazys Mileris. Stanius war bereits mit der älteren Schwester von Stukas verheiratet, und Mileris war mit der jüngeren liiert, die er später auch heiratete. Als sich die Ostfront näherte, flohen all diese Familien in den Westen.
In den ersten Februartagen bot sich die Gelegenheit für die Fahrt nach Lenkimai, und ich nutzte sie. In etwa drei Stunden erreichten wir Lenkimai im Schlitten über den Winterweg, von dort aus ging ich zu Fuß in das Dorf Kalviai. Während meines Aufenthalts in Kalviai vertrat ich Justinas manchmal und gab Unterricht in der Schule; oft besuchte ich Stanius und Mileris in Lenkimai, wodurch sich mein Bekanntenkreis vergrößerte. Durch diese Bekanntschaften begann ich, über eine neue Stelle nachzudenken. Dabei half mir der Förster von Lenkimai, mit dem ich ein wenig Kontakt hatte (an den Nachnamen erinnere ich mich nicht mehr). Er und seine Frau – sehr kultivierte Leute – diskutierten gerne über verschiedene Themen mit Justinas. Auf seine Empfehlung hin willigte die Gemeindeverwaltung Skuodas ein, mich einzustellen.
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Am 7. April 1942 (direkt nach Ostern) kam ich in Skuodas an. Mich brachte noch im Schlitten ein naher Nachbar der Schule namens Mažunis (Mažonas), mit dessen Bruder ich das Franziskanergymnasium Kretinga besucht hatte und der später Priester wurde. Ich stellte mich dem Gemeindevorsteher Barkauskas und dem Sekretär Pranas Žiemelis vor und wurde als ordentlicher Schreiber eingestellt. Zu dieser Zeit arbeiteten in der Gemeinde, soweit ich mich erinnere, folgende Personen: Aleksas Baltiejus als Buchhalter, Ona Diglienė als Sachbearbeiterin für das Standesamt, Frau Viskantienė (die Frau des Postleiters) als Schreibkraft und Vitkevičius als Schreiber für die Betreuung der Bürger bei verschiedenen Angelegenheiten. Zur Gemeindeverwaltung gehörte auch eine Verteilungsstelle. Die Aufgaben dieser Stelle waren: die Stadtbevölkerung mit Lebensmittelkarten für wichtigere Produkte zu versorgen und Bezugsscheine für den Kauf von Industriewaren (Kleidung, Schuhe usw.) auszustellen. Der Leiter dieser Stelle war ein Mann namens Sielenis, und als Schreiber arbeiteten dort noch: Veronika Žiemelienė (die Frau des Sekretärs), Balys Choromanskis und Juozas Jaras, der ein Jahr später an irgendeiner Krankheit starb, obwohl er noch ganz jung war. Das Arbeitsamt wurde von einer einzigen Person geleitet und betrieben – einem Mädchen lettischer Herkunft (an den Nachnamen erinnere ich mich nicht mehr), das gut Deutsch sprach. Später wurde noch eine Erfassungsstelle eingerichtet, in der 3 Personen arbeiteten.
Ich wurde als Schreiber eingesetzt und musste, da ich noch keine Erfahrung hatte, zusammen mit Vitkevičius am Schalter sitzen, um ihn als Assistent bei der Betreuung der Bürger zu unterstützen. Die Arbeit war unkompliziert – man musste Gutscheine für Schuhreparaturen und andere Dienstleistungen ausstellen. Ich gewöhnte mich schnell an diese Arbeit und arbeitete selbstständig, nachdem Vitkevičius gekündigt hatte. Anfang Juli stellte man mir bereits eine Assistentin an die Seite, die gerade das Gymnasium Skuodas absolviert hatte: Ona Plioplytė, deren Mutter die Haushälterin des Pfarrers war. Später versuchte ich, ein wenig mit ihr anzubandeln, doch wegen des feuchten Klimas und ihrer verschlechterten Gesundheit zog sie Ende 1943 zusammen mit ihrer Mutter nach Kaunas. Sie kamen bei Verwandten in der Linkuva-Straße (Vilijampolė) unter, und nach dem Krieg heiratete sie und unterrichtete als Lehrerin in Kačerginė.
Skuodas war durch den Krieg stark zerstört, denn etwa eine Woche nachdem die Front in Richtung Nordosten abgezogen war, drangen Rotarmisten, die sich in den Wäldern von Liepāja verborgen hatten, an einem frühen Morgen mit mehreren Autos in die Stadt ein und steckten sie bei einem Gefecht mit den Deutschen in Brand. Da es überwiegend Holzhäuser gab, brannte fast das gesamte Stadtzentrum nieder. Skuodas war einer der abgelegensten Orte in Litauen, doch allmählich lebte ich mich ein, lernte die Menschen kennen, gewöhnte mich an die Arbeit, und es schien, als könne man dort leben. In Skuodas gab es nur zwei Betriebe – die Mühle von General Povilas Plechavičius und eine kleine Schuhfabrik. In einer so kleinen Stadt bemerken die Einheimischen einen Fremden sofort, und ob man will oder nicht – man lernt sich viel schneller kennen. Gegen Herbst erhielt ich einen Bezugsschein für einen Mantel, und dank Bekanntschaften in Ylakiai gelang es mir, einen zu bekommen; der kommende Winter machte mir also keine Angst mehr.
Anfang 1943 beschloss der Gemeindesekretär Pranas Žiemelis, zur Arbeit nach Kuliai zu wechseln – sei es aus familiären Gründen oder wegen Unstimmigkeiten mit dem Gemeindevorsteher Barkauskas, da Barkauskas einen recht eigenwilligen Charakter hatte. Hier stellte sich die Frage nach einem Nachfolger für Žiemelis. Schon bald zeigte sich, dass ich dieser Kandidat war. Offenbar hatte Barkauskas keinen besseren Ersatz, schließlich hatte ich in dieser Dienststelle noch nicht einmal ein Jahr gearbeitet, war jung – gerade einmal 26 Jahre alt – und hatte in dieser Arbeit keinerlei Erfahrung. Der Kreisvorsteher von Kretinga, Šimkus, bestätigte meine Ernennung zum Gemeindesekretär. Anfangs, bis ich mich an die Arbeit gewöhnt hatte, war war ich noch etwas unsicher, doch allmählich spielte sich alles ein, und ich begann, mein Amt als Sekretär auszuüben.
Zur gleichen Zeit erlitten die Deutschen eine gewaltige Niederlage an der Stalingrader Front, und der Kriegsverlauf wendete sich. Daraufhin verschärften die Deutschen in den besetzten Gebieten die Anforderungen für die Mobilisierung von Menschen in die Wehrmacht und zum Arbeitseinsatz nach Deutschland. Es begannen recht häufige Treibjagden auf junge Männer sowie die Requirierung von Vieh bei den Bauern. Die Deutschen forderten, in den baltischen Ländern Legionen für den Kampf gegen die Bolschewisten zu organisieren. Die Letten organisierten solche Legionen, doch die Litauer weigerten sich. Aus Rache verhafteten die Deutschen etwa 50 unserer Intellektuellen, darunter den Schriftsteller Balys Sruoga und andere prominente Persönlichkeiten, und deportierten sie nach Deutschland in das Konzentrationslager Stutthof. Die meisten von ihnen starben dort.
Ansonsten gab es im Jahr 1943 keine denkwürdigen Ereignisse, außer vielleicht, dass ich das Zimmer wechselte. Gegen Herbst bot mir der Fahrer der Feuerwehr Skuodas (an den Nachnamen erinnere ich mich nicht mehr) ein separates Zimmer an, und ich nahm dieses Angebot an. Seit meinen ersten Tagen in Skuodas hatte ich bei der Familie des Molkereiarbeiters Jurgis Kaupas gewohnt. Das war eine wunderbare Familie – ich fühlte mich wie bei meinen Eltern und als eigenes Familienmitglied. Sie hatten drei kleine Töchter, sodass die Familie aus fünf Personen bestand; dennoch war auch für mich genug Platz vorhanden, obwohl die Wohnung nur zwei Zimmer hatte. Kaupas baute sich neben der Molkerei ein eigenes Haus und bereitete bereits den Umzug dorthin vor, weshalb auch für mich ein Wohnungswechsel anstand.
Bei dem erwähnten Fahrer lebte ich bis zum Hochwinter und zog danach zum Leiter des „Lietūkis“-Geschäfts, Virgilijus Gylys, um. Diese Familie war mit zwei kleinen Mädchen aus Kaunas hergezogen. Bei ihnen wohnte ich in einer gemeinsamen Wohnung mit voller Verpflegung, da ich Gylys dank meiner Dienststellung einige Gefälligkeiten erwiesen hatte. Das Schicksal dieser Familie ist mir unbekannt.
Anfang 1944 zwangen die Deutschen General Povilas Plechavičius, die litauischen Sonderverbände [Vietinė rinktinė] zu organisieren, deren Hauptquartier in Marijampolė sein sollte. Ich möchte hinzufügen, dass Plechavičius während der deutschen Okkupation als Mühlenbesitzer in Skuodas lebte, obwohl sein Bruder Mamertas diese Mühle verwaltete. Zu diesem Zweck wurden in den Kreisen Kommandanturen eingerichtet. Zum Kommandanten des Kreises Kretinga wurde der Luftwaffenoberst Česlovas Januškevičius ernannt, der in Laukžemė auf dem ehemaligen Gut von Prälat Konstantinas Olšauskas lebte. Januškevičius war in der litauischen Militärluftwaffe Kommandeur der Ausbildungsgruppe (Militärflieger) gewesen. Mitte März traf in Skuodas eine von Januškevičius organisierte Kommission zur Erfassung für die Sonderverbände ein. Über die Aufstellung dieser Truppe gab es verschiedene Meinungen: Die einen waren für ihre Aufstellung als Kern einer zukünftigen Armee des unabhängigen Litauens, da das nahe Kriegsende zu spüren war; die anderen waren dagegen – sie meinten, es bringe keinen Nutzen, den Nazis zu dienen. Diesen Schritt begann auch ich abzuwägen, der Buchhalter Aleksas Baltiejus schloss sich mir an, auch ihn beschäftigte diese Frage. Schließlich beschlossen wir beide, uns für diese Truppe zu melden, und wurden Januškevičius in der Kommandantur Kretinga zugewiesen. Damit verabschiedete ich mich von meiner Führungsposition. Zu jener Zeit interessierten mich Führungspositionen nur wenig – an irgendeine Karriere dachte ich sowieso nicht.
Nachdem ich am Vorabend bei der Familie Gylys Abschied gefeiert hatte, ging ich am frühen Morgen des 22. März zum Bahnhof Skuodas (etwa 2 Kilometer). Dort fand sich aus dem gesamten Bezirk eine recht große Zahl von Abreisenden ein; wir alle sollten mit dem Zug nach Kretinga fahren. Am Bahnhof versammelte sich eine große Zahl von Frauen und Mädchen zum Abschied, von denen nicht wenige eine Träne verdrückten. Am Bahnhof Kretinga empfing uns der Hauptfeldwebel Daugėla von der Kommandantur und führte uns alle dorthin. Die Kommandantur war vorübergehend im ehemaligen „Amerikaner-Haus“ untergebracht; dort befanden sich während der deutschen Okkupation alle wichtigen Kreisbehörden. Baltiejus und ich blieben dort zur Arbeit, während für alle anderen die Dokumente für die Weiterreise nach Marijampolė fertiggestellt wurden. In der Kommandantur arbeitete folgendes Personal: Hauptmann Žadvydas (zuvor Leiter der Kreisverwaltung), Leutenat Leskauskas, Unterleutnant Zaikauskas, Hauptfeldwebel Daugėla und wir beide mit Baltiejus – beide Unteroffiziere. Ich wurde mit den Finanzen betraut und Baltiejus mit den Wirtschaftsangelegenheiten; das heißt, wir tauschten die Aufgaben. Am Abend desselben Tages wurde ich nach Kaunas zu einem Seminar über die Abwicklung von Geldgeschäften in den Kommandanturen und in der Truppe selbst kommandiert. In Kaunas blieb ich drei Tage; dort wohnte ich bei Frau Plioplienė in der Linkuva-Straße, und mit ihrer Tochter Ona Plioplytė hatte ich sogar die Gelegenheit, im Theater die Operette „Der Zigeunerbaron“ zu sehen.
Nach einigen Tagen zog unsere Kommandantur in ein anderes Haus des Eigentümers Peldė um (ein Eckhaus vom Marktplatz zur Kartena-Straße gegenüber von „Lietūkis“), und wir richteten uns im ersten Stock ein; im Erdgeschoss befand sich eine Kantine. Da es dort viele Zimmer gab, wurde mir erlaubt, in einem davon zu wohnen. Ich erhielt eine militärische Lebensmittelkarte, die ich während des Bestehens der Kommandantur nicht mehr vollständig aufbrauchen konnte. Arbeit gab es wenig, weshalb ich manchmal mit dem Hauptfeldwebel Daugėla vor die Stadt zum Schießstand ging, um mit einem Ordonnanzgewehr zu schießen. Ansonsten war unser gesamtes Personal nicht mit persönlichen Waffen ausgerüstet. Die freien Tage verbrachte ich in Skuodas.
Ende Mai (direkt vor dem Pfingstfest) wurde ich, da ich am wenigsten ausgelastet war, zusammen mit Leutnant Leskauskas zu einer zusätzlichen Mobilisierung für die litauischen Sonderverbände nach Mosėdis kommandiert, wo ich als Schreiber fungieren sollte. Bereits am zweiten Arbeitstag erhielten wir einen Anruf aus der Kommandantur, dass wir schleunigst nach Kretinga zurückkehren sollten. Auf dem Weg machte ich in Skuodas halt, da ich vom Fuhrwerk in den Zug umsteigen musste. Hier traf ich Aleksas Baltiejus, der bereits aus Kretinga zurückgekehrt war und mir die Lage schilderte. Es stellte sich heraus, dass die Deutschen Schritte eingeleitet hatten, die Sonderverbände in Marijampolė aufzulösen, das heißt sie zu entwaffnen und die Männer nach Deutschland zu transportieren; der Kommandeur der Sonderverbände, Plechavičius, war verhaftet worden. Daher wurden Maßnahmen ergriffen, die Kommandantur so schnell wie möglich aufzulösen, um einer deutschen Intervention zuvorzukommen. Ich musste dennoch nach Kretinga fahren, da dort meine Sachen zurückgeblieben waren. In der Kommandantur fand ich nur noch Hauptmann Žadvydas vor, der in den fast leeren Räumen die verbliebenen Dokumente ordnete; er beschrieb mir kurz die Lage und riet mir, nicht lange zu bleiben. Ich packte meine Habe zusammen, verabschiedete mich von Žadvydas und fuhr nach Skuodas.
Später kehrten einige Männer aus Skuodas auf verschiedenen Wegen nach Hause zurück und erzählten genauer von den Ereignissen in Marijampolė. Die Deutschen hatten ihr Versprechen nicht gehalten, die Sonderverbände nicht außerhalb der Grenzen Litauens einzusetzen, obwohl Plechavičius der Aufstellung nur unter dieser Bedingung zugestimmt hatte. Sie hatten Schritte eingeleitet, die Truppe zu entwaffnen und die Männer zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu transportieren. Als die Soldaten der Sonderverbände in der Nacht Unheil ahnten, begannen sie sich zu verstecken und zu fliehen, wie sie nur konnten, einige mit Waffen, andere ohne. Dennoch wurde ein Teil der Männer interniert und in das Reich verschleppt, und General Povilas Plechavičius wurde (offenbar in Kaunas) verhaftet und nach Riga gebracht; nach dem Krieg ließ er sich in den Vereinigten Staaten von Amerika nieder.
Und so wurde ich völlig ungeplant arbeitslos, das war wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Unsere beiden Stellen in der Gemeindeverwaltung waren bereits besetzt. Vorübergehend kam ich bei der Familie Gylys unter, zu der ich den Kontakt auch während meiner Zeit in Kretinga nicht abgebrochen hatte. Wir alle warteten mit Sorge darauf, wie es weitergehen würde, denn die Russen standen bereits vor Minsk. Einige begannen schon, sich auf den Rückzug in den Westen vorzubereiten; es wurde vorgeschlagen, nach Österreich zu fahren, da diese Region am wenigsten von den Amerikanern bombardiert wurde. Über diese Angelegenheit lohnte es sich ernsthaft nachzudenken, und ich überlegte und beriet mich mit Freunden, bis ich nach einigem Für und Wider beschloss, in Litauen zu bleiben.
Da das Ende des Krieges noch nicht abzusehen war, stellte sich die Frage nach einer neuen Arbeit, wenn auch nur für kurze Zeit, ich brauchte Geld, ich musste essen. Zu diesem Zweck fuhr ich Ende Juni nach Kretinga und erfuhr dort, dass in Palanga ein Leiter für die Verteilungsstelle gesucht wurde. Ich nutzte die Gelegenheit und wandte mich ohne Zögern an den Kreisvorsteher Šimkus; meinem Gesuch wurde stattgegeben, und ab dem 1. Juli sollte ich meinen Dienst antreten, obwohl ich, genau wie Šimkus, gut verstand, dass dies nur eine vorübergehende Sache war. Von Kretinga nach Palanga ging ich zu Fuß und zog bei Leskauskas ein; dort wohnten auch Žadvydas und Zaikauskas – meine Kollegen aus der Kommandantur. Die Gemeindeverwaltung befand sich im Stadtzentrum in der Vytautas-Straße; in derselben Straße wohnte auch ich (heute befindet sich dort eine ganze Reihe von Geschäften), weshalb der Arbeitsweg bequem war. Über die Arbeit gibt es nicht viel zu sagen, es gab ohnehin wenig zu tun, weshalb ich an heißen Tagen ans Meer ging, um zu baden und mich in den Dünen zu sonnen; ich musste mich nur vor den Deutschen in Acht nehmen, damit sie mich nicht zum Schützengrabenbau einzogen. Täglich wurden es mehr Flüchtlinge, die Russen hatten bereits Kaunas besetzt, bei Šiauliai fanden erbitterte Kämpfe statt, sodass die Stimmung schlecht war. Ende August herrschte bereits ein solches Chaos, dass es keinen Sinn mehr ergab, weiterzuarbeiten. Daher kaufte ich in der Genossenschaft in Šventoji mit Bezugsscheinen etwas Stoff, packte meine Habe zusammen und fuhr in meine Heimat. Den gesamten September verbrachte ich in Rūdaičiai und fuhr gelegentlich nach Skuodas, um meine ehemaligen Kollegen zu besuchen.
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In den ersten Oktobertagen kam ich in Mosėdis an. Dort gab es den einen oder anderen Bekannten, darunter auch den Oberleutnant der Reserve Danilevičius. Er bat mich, die Angelegenheiten der Gemeinde zu regeln, da der Sekretär Jonas Lukoševičius (mit dem ich das Gymnasium Kretinga besucht hatte) bereits in den Westen geflohen war. Danilevičius gab vor, gleichzeitig eine Widerstandseinheit zu organisieren. Am Abend des 5. Oktober zeigte sich jedoch, dass die Front, die eine Zeit lang auf der Linie der zentralen Ebene von Litauen gestanden hatte, sich plötzlich in Bewegung setzte. Die Rote Armee besetzte Seda, rückte im Süden bereits auf Šilutė [dt.: Heydekrug] vor, und wir saßen fast in einem Kessel. Diese unerwartete Lage löste Panik aus, und es blieb keine Zeit mehr zu überlegen, ob wir vor Ort bleiben oder in den Westen fliehen sollten. Bis dahin war ich fest entschlossen gewesen, in Litauen zu bleiben, da ich diesen Entschluss bereits im August gefasst hatte, als die Welle zur Ausreise nach Österreich begann. In Mosėdis waren unterdessen die Entscheidungen von Danilevičius bestimmend; wir fügten uns seinen Anweisungen, und alles lief wie mechanisch ab. Es wurden zwei Fuhrwerke besorgt, und am nächsten Morgen fuhren wir in Richtung Darbėnai los. Bis Klaipėda [dt.: Memel] kamen wir erfolgreich voran; dort trafen wir auf viele Flüchtlinge und die abziehende deutsche Wehrmacht, was unsere Weiterreise erschwerte. Nachdem wir in einer Scheune übernachtet und am Morgen einen sowjetischen Luftangriff erlebt hatten, beschlossen wir, in Richtung Šilutė zu fahren. Da sich eine recht große Kolonne gebildet hatte und wir auf einem Feldweg entlang des Wilhelm-Kanals fuhren, kamen wir nur sehr langsam voran. Nach etwa 25 Kilometern standen wir an einem unbekannten, in das Kurische Haff mündenden Fluss, den wir mit unseren Mitteln nicht überqueren konnten, da die Brücke zerstört war. Es brach eine ziemlich große Panik aus, und die Mehrheit kehrte nach Klaipėda zurück. Unsere Gruppe von etwa 15 Personen (Leute aus Mosėdis und einige aus Skuodas) überquerte den Wilhelm-Kanal näher zum Kurischen Haff und kam in einem leeren Gehöft für die Nacht unter. Es musste eine Lösung gefunden werden, wie es weitergehen sollte.
Schließlich beschlossen wir, ein Floß zu bauen und über das Haff in das gegenüberliegende Juodkrantė [dt. Schwarzort] zu rudern. Am nächsten Morgen machten wir uns an die Arbeit, und aus im Gehöft vorhandenen Stämmen, Brettern, Draht und Seilen war in einer halben Tagesarbeit ein Floß fertiggestellt. Wir sammelten unsere spärliche Habe aus den Pferdewagen, luden sie auf das Floß und erreichten, indem wir uns mit Stangen vorwärtsstießen, in ein paar Stunden Juodkrantė. Hier sahen wir eine ununterbrochene Kolonne von Fuhrwerken, die von Klaipėda in Richtung Nida [dt. Nidden] zog. Das bedeutete, dass wir in Klaipėda einen Fehler gemacht hatten; dort hatte noch die Möglichkeit bestanden, nach Smiltynė [dt. Sandkrug] überzusetzen, um dann die Nehrung nach Süden hinabzuziehen. Nach dieser Möglichkeit hatten wir uns einfach nicht erkundigt, es war uns nicht in den Sinn gekommen.
Unsere Lage war erbärmlich: Wir waren nass, fast ohne jeden Besitz, ohne Essen und ohne Aussicht auf eine Unterkunft oder ein Dach über dem Kopf. Daher begannen wir zuerst, in der Flüchtlingskolonne nach Bekannten zu suchen. Hier hatten wir Glück; wir trafen auf zwei Fuhrwerke aus Skuodas, und die Leute hatten nichts dagegen, dass wir uns ihrer Gruppe anschlossen. In unserer Gruppe von Pilgern, die über das Haff gekommen war, befand sich auch die Frau eines Offiziers mit einem kleinen Mädchen, die besonders Hilfe und Fürsorge benötigte. Sie hatte ihren Mann in dem Chaos ab Mosėdis verpasst. Sie schloss sich uns mit ihrer einspännigen Kutsche bereits hinter Kretinga auf halbem Weg nach Palanga an; sie war an Kretinga vorbeigefahren, während ihr Mann noch vor der Stadt auf sie gewartet hatte. Daher wurde ich der Betreuer und Kutscher dieser Frau bis nach Juodkrantė.
Da es bereits Abend war, beschlossen wir, für die Nacht Halt zu machen; Unterkünfte waren kein Problem, da die einheimischen Einwohner bereits geflohen waren. Jemand erzählte, dass hier im Ort eine abziehende litauische Militäreinheit Station gemacht habe (solche Einheiten hatte Oberst Birontas auf Anordnung der Deutschen aufzustellen begonnen [Anm. J. M.: Es handelte sich um Einheiten der Litauischen Schutzmannschaft, lit. Tėvynės apsaugos rinktinė, TAR]). Aus Neugier beschloss ich, diese Einheit zu besuchen und mir anzusehen, was das für eine Truppe war. Dieser Schritt, auf den ersten Blick eine Kleinigkeit, war entscheidend und bestimmte mein Schicksal. Die Einheit war kurzzeitig in einem recht großen Sommerhaus untergebracht.
Als ich den Raum betrat, traf ich sofort auf Hauptmann Urbšaitis, den ehemaligen Militärflieger der 5. Jagdfliegereskadrille in Zokniai. Höhere Offiziere gab es dort nicht, die Einheit selbst hatte die Größe einer unvollständigen Kompanie. Ich erzählte ihm kurz meine Erlebnisse und meine derzeitige Lage. Urbšaitis bot mir als ehemaligem Militärangehörigen sofort an, bei ihnen zu bleiben; ihm zufolge würde ich mit allem voll verpflegt und ausgerüstet werden, und es würde für mich leichter sein, den Westen zu erreichen. Ohne lange zu überlegen, nahm ich das Angebot an und teilte meinen Reisegefährten mit, dass ich mich von ihnen trenne. Ich wurde in die Einheit aufgenommen und erhielt am nächsten Morgen meine Verpflegungsration. In Juodkrantė blieben wir etwa einen Tag, danach marschierten wir zu Fuß in Richtung Nida. Gegen Abend erreichten wir Nida, und es erging der Befehl, für die Nacht Halt zu machen. Wir kamen im Hangar der ehemaligen Segelflugschule unter (ob das Wohnhaus dort noch bewohnbar war, weiß ich heute nicht mehr). An den Wänden des Hangars befanden sich noch Teile von zerlegten Segelflugzeugen: Tragflächen, Streben, Leitwerke und Ähnliches. Doch das waren nur noch weggeworfene, nutzlose Gegenstände. Ich erinnerte mich an das frühe Frühjahr 1938, als wir angehenden Piloten in dieser Schule lebten, unsere ersten Schritte in die große Luftfahrt machten und uns darauf vorbereiteten, Verteidiger der Freiheit Litauens zu sein; es machte mich traurig und schmerzte. Was war aus dem Lebenswerk geworden, das Enthusiasten mit eigenen Händen geschaffen hatten, und wie rechtlos und von Fremden zertrampelt waren wir.
Am nächsten Morgen marschierten wir weiter nach Rasytė [dt. Rossitten]. Vor dem Krieg befand sich dort eine deutsche Segelflugschule. In Rasytė wurden wir in der Scheune eines wohlhabenden Großbauern untergebracht. Hier war durchgehend eine Küche in Betrieb, in der nicht nur unsere Einheit, sondern auch durchreisende Flüchtlinge verpflegt wurden; das Essen war kostenlos. Wir mussten auf Stroh schlafen, weshalb das Leben unter diesen Bedingungen keine große Freude war; einige wurden sogar von Läusen befallen. In Rasytė blieben wir etwa eine Woche. Während dieser Zeit zogen unaufhörlich Flüchtlinge in Gruppen und einzeln nach Westen, teils zu Fuß, teils mit Pferdewagen oder Fahrrädern. Auf einem der Wagen traf ich einen Bekannten, den ehemaligen Kommandeur der Ausbildungskompanie des 2. Infanterieregiments, Major Modestavičius; unter ihm hatte ich diese Kompanie im Frühjahr 1937 absolviert. Da ich noch Zivilist war, hätte ich mich ihnen ohne Hindernisse anschließen und weiterreisen können, aber ich glaubte immer noch, dass es beim Militär besser sein würde.
Schließlich wurden wir eines Morgens auf ein Dampfschiff gesetzt und über das Kurische Haff nach Labiau (in Ostpreußen) gebracht. Dort stiegen wir in einen Zug und fuhren etwa einen Tag lang ins Ungewisse. Wir passierten Königsberg, Allenstein, Lyck und viele andere Orte, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, bis wir irgendwo im Gebiet der Masurischen Seen bei Suwalken in einem kleinen Kirchdorf landeten. Hier war die Endstation, und wir kamen sofort in deutsche Obhut; wir wussten nur nicht, was mit uns geschehen würde. Bis dahin hatten wir mit keinem einzigen Deutschen zu tun gehabt. Wir mussten alle in Reihe antreten, und es begann eine für uns unverständliche Aufteilung, die jedoch nur die Offiziere und die Männer mit Familien betraf; auch solche gab es. Diesen Ausgewählten wurde mitgeteilt, dass sie nach Dresden geschickt würden, darunter auch Hauptmann Urbšaitis, dank dessen ich in diese Gesellschaft geraten war. Alle anderen blieben vor Ort, um Schanzarbeiten zu leisten. Unsere Truppe wurde Bau-Pionier-Bataillon Nr. 595 genannt, obwohl die Zahl der Männer dafür nicht ausreichte. Zum Bataillonskommandeur wurde ein deutscher Hauptmann ernannt, und als Spieß wurde ebenfalls ein deutscher Oberfeldwebel eingesetzt. Das Bataillon wurde in drei Züge aufgeteilt. Als Zugführer wurden unsere Offiziere belassen: Leutnant Kulys übernahm den ersten, Leutnant Vyšniūnas den zweiten Zug (er war noch in Zivil gekleidet), und Unterleutnant Saltonas den dritten. Als Feldwebel dieser Züge wurden folgende Personen eingesetzt: Unteroffizier Juozaitis für den ersten Zug, ich für den zweiten Zug und Unteroffizier Ulba für den dritten Zug. Neben dem deutschen Bataillonskommandeur gab es noch zwei weitere Deutsche: einen Oberfeldwebel als Bauleiter und einen Gefreiten, dessen Aufgaben uns unbekannt waren; er war wohl der Gehilfe des Bauleiters. Insgesamt hatten wir also vier Deutsche vor der Nase.
Nach der Aufteilung erhielten diejenigen, die noch in Zivil gekleidet waren, eine deutsche Uniform, darunter auch Vyšniūnas und ich. Es gab noch mehr solcher zivilen Flüchtlinge, die sich dieser Einheit angeschlossen hatten. Ich zog die Uniform eines Feldwebels an. Den Offizieren wurden Pistolen ausgehändigt, den Feldwebeln Maschinenpistolen; ich erhielt eine russische Maschinenpistole mit Trommelmagazin, sonst wurden an niemanden Waffen ausgegeben.
Nach all diesen Formalitäten erging der Befehl, an einen anderen Ort zu marschieren, und nach einem Tagesmarsch machten wir in einem Kirchdorf namens Schareiken Halt. Von den einheimischen Einwohnern war kein einziger mehr da, sodass wir nun die leeren Häuser besetzten. Es war bereits Anfang November, und der kommende Winter machte uns Angst. Wir mussten sofort an die Arbeit gehen. Jeden Morgen mussten wir einige Kilometer in den zugewiesenen Abschnitt marschieren, um Schützengräben auszuheben; Schaufeln und Spitzhacken wurden auf einem Wagen transportiert, und die Aufgabe für jede Gruppe legte der Bauleiter fest, der Oberfeldwebel. An der Arbeit nahmen einer der Offiziere und alle Feldwebel teil, quasi als eine Art Aufseher. Am Hauptgebäude unserer Einheit, dem Stab, wurde eine Feldküche organisiert; dafür gab es auch entsprechendes Personal wie Koch, Verpfleger und ähnliche. Einmal im Monat erhielten wir zur Verbesserung der Verpflegung eine zusätzliche Ration, die Marketenderware genannt wurde und Tabakwaren, Margarine und Ähnliches enthielt.
Nach Erfüllung der Aufgabe zogen wir in eine andere Ortschaft weiter, obwohl die Sinnhaftigkeit dieser Schützengräben fragwürdig war, da die Russen in ziemlich hohem Tempo nach Westen in Richtung Königsberg vorrückten. Ein etwas größerer Widerstand der Deutschen fand in Ostpreußen bei Goldap statt. Im Gebiet von Suwalken und Masuren blieben wir, indem wir von Ort zu Ort zogen, bis Mitte Januar 1945. Soweit ich mich erinnere, war einer der letzten Orte Plöwken; dieses Kirchdorf lag ganz in der Nähe der Front, und wir mussten auch in den vordersten Linien arbeiten, natürlich nachts. Es war nicht sehr angenehm, wenn die Russen begannen, uns mit Granatwerfern zu beschießen. Hier verbrachten wir das Weihnachtsfest und begrüßten das neue Jahr; die Marketenderware wurde um Schnaps aufgestockt, was wir auch feierten.
Zu dieser Zeit besuchte uns der aus Dresden angereiste Oberleutnant der Reserve der Luftwaffe Jurkūnas, dessen Bruder in unserem Bataillon diente. Von ihm erfuhr ich, dass der aus Litauen geflohene Hauptmann Žadvydas (mit dem ich in der Kommandantur Kretinga zusammengearbeitet hatte) in Dresden lebte und sich gelegentlich mit Jurkūnas traf. Nach einiger Zeit (Jurkūnas war bereits abgereist) erhielt ich zu meiner Überraschung einen Brief aus Dresden von Onutė Augustauskaitė aus Skuodas (ehemalige Telefonistin bei der Post). Sie erzählte von den Strapazen ihrer Flucht nach Deutschland und dass sie mir im Auftrag von Žadvydas schreibe. Über diesen Brief freute ich mich sehr. Gleichzeitig war ich neidisch, dass meine Bekannte weit weg von der Front war und die Bolschewisten sie nicht mehr einholen konnten; unser Schicksal hingegen war fast aussichtslos. Die Russen näherten sich bereits Stettin und der Ostsee, es gab keinen Ausweg mehr für einen Rückzug. Wir lebten ein halb wildes Leben fast wie im Dschungel, abgeschnitten von der Welt. Jetzt verstand ich, was für einen unumkehrbaren Fehler ich in Juodkrantė gemacht hatte, als ich mich der Militäreinheit anschloss.
Die Arbeitswerkzeuge waren primitiv; es waren einfachste Schaufeln und Spitzhacken. Bei gefrorenem Boden war die Arbeitsproduktivität mit solchen Werkzeugen sehr gering, zumal auch die Gräberbauer keinen großen Enthusiasmus zeigten; alles war einfach nur noch lästig. Jeden Tag das Gleiche. Morgens nach einem recht dürftigen Frühstück aus unserer Feldküche luden die Werkzeuge auf einen Pferdekarren und marschierten einige Kilometer in den vorgesehenen Abschnitt. Dort maß der Oberfeldwebel jeder Gruppe ein entsprechendes Stück Schützengraben zum Ausheben ab. Von den Offizieren war normalerweise nur einer bei der Arbeit anwesend, aber die Feldwebel mussten alle vor Ort sein, obwohl wir nicht arbeiten mussten; wir waren eine Art Aufseher. Wenn sich in der Nähe eine Ortschaft befand, versuchten wir, sie zu durchsuchen, um nach verbliebenen Essensresten zu stöbern (was selten vorkam), und uns gleichzeitig vor Wind und Kälte zu schützen. Alle Einwohner waren evakuiert. Der Bataillonskommandeur war nur einige Male auf der Baustelle erschienen und Anfang Januar reiste er irgendwohin ab; als neuer Kommandeur wurde Leutnant Brink eingesetzt. Dieser war ein deutscher Schreihals, weshalb wir ihn nicht mochten. Die Schützengräben wurden zu Verteidigungszwecken nur zur Nutzung für die Infanterie ausgehoben. Wie sich später herausstellte, war dies jedoch vergebliche Arbeit, da die Deutschen sie nach dem schnellen Vorrücken der Front nicht mehr rechtzeitig nutzen konnten. Ein Ereignis habe ich unerwähnt gelassen: Anfang Dezember wurde ich für eine Woche zu einem Lehrgang kommandiert (an den Namen der ostpreußischen Stadt erinnere ich mich nicht mehr), um mich mit der Panzerabwehrwaffe „Panzerfaust“ vertraut zu machen. Mit dieser Waffe, die einer Schnellwaage ähnelte, machte ich mich ein wenig vertraut, in der Praxis musste ich sie jedoch nicht nutzen.
In der zweiten Januarhälfte 1945 begann sich die Front nach heftigen Kämpfen bei Goldap nach Westen zu bewegen. Die Rote Armee erreichte Stettin in Pommern und näherte sich der Ostsee. Es wurde klar, dass wir eingeschlossen waren und den Westen auf dem Landweg nicht mehr erreichen würden. Es begann auch der Marsch unseres Bataillons in Richtung Meer, wobei wir in größeren Ortschaften nur für die Nacht Halt machten. In etwa einer Woche erreichten wir die unweit des Frischen Haffs gelegene Stadt Braunsberg. Zivilbewohner fanden wir nirgends mehr vor, auf dem Weg trafen wir nur vereinzelt auf flüchtende Pferdewagen. Von diesem Marsch möchte ich kurz eine einprägsame Episode erzählen, die hätte unglücklich enden können.
An einem kalten Januarnachmittag marschierten wir in einer kleinen Stadt ein und machten wie üblich für die Nacht Halt. Wie sich später herausstellte, war dies der letzte Punkt vor dem Erreichen von Braunsberg, wo wir für längere Zeit Halt machen sollten. Solcher Halte hatte es schon viele gegeben, und die Nachtruhe war nicht friedlich, da uns die Russen auf den Fersen saßen und wir jeden Moment mit ihnen zusammenstoßen konnten. In dieser Stadt gab es keine Unterkünfte, weshalb der Befehl erging, sich in der Kirche einzurichten. Bei etwa 15 Grad Frost in einer ungeheizten Kirche war die Übernachtung nicht sehr angenehm. Gegen Morgen trat mein Zugführer, Leutnant Vyšniūnas, an mein Lager und erklärte, es sei sinnlos, weiter mit dem Bataillon zu marschieren, wir könnten nirgendwo mehr hin fliehen. Wir beide müssten uns vom Bataillon trennen und uns in die entgegengesetzte Richtung, nach Litauen hin, zurückziehen. Warum Vyšniūnas ausgerechnet mich als Gefährten auswählte und was er sich dabei dachte, blieb bis heute ein Geheimnis. Dieser Vorschlag kam für mich unerwartet und schien wenig realistisch. Mir schien es ein ungünstiger Zeitpunkt und ein unpassender Ort zu sein; warum sollte man den Sowjets voreilig in den Rachen laufen, wenn wir noch gar nicht wussten, was vor uns lag. Daher gab ich keine feste Antwort.
Als wir am nächsten Morgen angetreten waren, erging die Anweisung, weniger wichtige Sachen zurückzulassen oder zu vernichten. Es brach eine Art Panik aus. Das beeinflusste auch mich ein wenig; meinen zivilen Herbstmantel, den ich im Herbst 1942 in Skuodas so mühsam erworben und bis dahin aufbewahrt hatte, warf ich ins Lagerfeuer. In dieser Lage leistete ich Vyšniūnas keinen Widerstand mehr. Wir entfernten uns unbemerkt von der Truppe und machten uns zu Fuß in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Vyšniūnas hatte über seiner Militäruniform einen zivilen Kurzmantel angezogen, ich war rein in Militäruniform und mit Rucksack unterwegs. Nachdem wir eine Zeit lang marschiert waren und eine Ortschaft erreichten, beschlossen wir hineinzugehen, um uns aufzuwärmen. In einem barackenartigen Raum trafen wir auf einige deutsche Soldaten. Wir gaben vor, uns auf dem Rückzug vor den Russen von unserer Einheit versprengt zu haben. Nach einer Weile traten zwei Soldaten an uns heran, offenbar von der Feldgendarmerie, und ließen uns von dort nicht mehr weggehen. Sie dachten, wir seien russische Spione. Wir bestätigten noch einmal den Namen und die Nummer unseres Bataillons; zu lügen hatte keinen Sinn, da es noch schlimmer hätte enden können. Gegen Ende des Tages wurde uns mitgeteilt, dass unsere Einheit ausfindig gemacht worden sei und Vertreter von dort eintreffen würden, um uns abzuholen. In der Zwischenzeit saßen wir wie auf Kohlen, da unklar war, wie das alles endet. Man hätte uns für Deserteure halten können; so verfuhren die Deutschen mit ihren eigenen Soldaten. Schließlich traf bereits nach Einbruch der Dunkelheit der Kutscher unseres Bataillons (an den Nachnamen erinnere ich mich nicht mehr) mit einem einspännigen Schlitten ein. Er erzählte kurz, dass das Bataillon in Braunsberg Quartier bezogen habe und er auf Befehl der Führung gekommen sei, um uns abzuholen; die Entfernung betrug etwa 15 Kilometer. Sofort wurden wir ruhiger, das bedeutete, dass man uns noch nicht verhaftete. Die Wachleute ließen uns in Ruhe. Braunsberg erreichten wir gegen Mitternacht, weshalb bereits alle schliefen. Das Bataillon war in einem recht großen Backsteinhaus untergebracht, das einer Kaserne ähnelte. Ich fand einen freien Platz und legte mich hin, während Vyšniūnas zu den Offizieren schlafen ging. Niemand stelle Fragen, und ich erzählte keinem was, als sei nichts geschehen. Erst nach einiger Zeit warf mir ein Mann aus Radviliškis namens Ramoška, der Verpfleger des Bataillons, vor, ich sei ein Milizionär gewesen. Und so endete dieses Abenteuer glücklich und war schnell vergessen.
In Braunsberg hoben wir nicht sofort Schützengräben aus. Da noch Winter war und viel Schnee lag, räumten wir meistens zugewehte Straßen frei. Später, als es wärmer wurde, mussten wir auch Erdarbeiten verrichten. Anfang März verlegten wir uns näher an das Frische Haff in die Stadt Heiligenbeil. Wir bezogen leere Backsteinhäuser und hoben in der Umgebung der Stadt Schützengräben aus. Die Front war so nah herangerückt, dass ständig Artilleriefeuer zu hören war, und manchmal flog auch die eine oder andere Granate in unsere Stadt. Ich erinnere mich, dass eines Morgens bei einem solchen Beschuss eine Granate auch unser Haus traf. Zum Glück schlug sie durch mehrere Wände und fiel als Blindgänger nieder, ohne zu explodieren. Ich wusch mich zu dieser Zeit im Erdgeschoss, und als ich danach im ersten Stock in mein Zimmer ging, stockte mir vor Staunen der Atem. Einen halben Meter über meinem Bett war ein riesiges Loch von etwa einem halben Meter Durchmesser in die Wand geschlagen worden. Ein ähnliches Loch befand sich auch in der gegenüberliegenden Wand, sodass ich in ein anderes Zimmer umziehen musste. Wenn ich zu dieser Zeit an meinem Bett gewesen wäre, wer weiß, wie das geendet hätte. Neben dem Artilleriebeschuss gab es auch recht häufige Luftangriffe russischer Flugzeuge. Bei einem solchen Angriff wurde während des Aushebens von Schützengräben nahe der Stadt unser Kutscher durch eine Bombe getötet; es war der junge Bursche, der Vyšniūnas und mich nach Braunsberg gebracht hatte.
Anfang April wurden wir von Heiligenbeil näher an das Haff verlegt. Vyšniūnas blieb dennoch in der Stadt. Schon zuvor hatte er recht offen darüber gesprochen, dass es sinnlos sei, irgendwohin umzuziehen, da man das Haff zu Fuß nicht überqueren könne und die Russen bereits ganz nah an der Stadt seien. Es sei besser, in irgendeinem Keller auf sie zu warten, da man sich in Zivilkleidung leichter rechtfertigen könne. Hier konnte jedoch ein scharfes Lebensmittelproblem entstehen, da alle Vorratskammern leer waren. Wie das alles endete, ist schwer zu sagen; ich habe ihn in meinem Leben nie wieder getroffen. Vyšniūnas war ein guter Mensch und Vorgesetzter. Manchmal lobte er mich und sagte, ich sei ein mutiger Mann und mit mir könne man durch dick und dünn gehen.
Wir kamen in eine unbewohnte Gegend und mussten uns selbst Erdbunker ausheben; das war ungewohnt. Aber was blieb einem übrig, man musste ja irgendwo wohnen. Die Arbeit war dieselbe: Schützengräben entlang des Haffs ausheben. Unter diesen Bedingungen lebten wir nur kurz. Eines Tages erging der Befehl, uns für den Abmarsch bereitzuhalten; wohin wir ziehen würden, war unklar. Den Marsch leitete der Zugführer des ersten Zuges, Leutnant Kulys, und er marschierte an der Spitze der Kolonne. Nach einiger Zeit begann er aber zurückzufallen, ließ die Kolonne vorbeiziehen und gab Abschiedszeichen, bis er schließlich am Waldrand hinter einem Hügel aus den Augen verschwand. Wir zogen über die Felder weiter. Dieses seltsame Verhalten machte uns stutzig und wir fragten sofort den Feldwebel des ersten Zuges, Juozaitis, was mit unserem Zugführer geschehen sei. Er erklärte, dass wir zur Anlegestelle marschierten, um über das Haff überzusetzen, und Kulys beschlossen habe, hierzubleiben; weitere Erklärungen gab es nicht. Damit blieb in unserem Bataillon nur noch ein Offizier zurück: Unterleutnant Vincas Saltonas. Welches Schicksal Kulys ereilte, ist schwer zu sagen, da ich ihn nie wieder getroffen habe. Vielleicht hatte er mit Vyšniūnas ausgemacht, sich irgendwo zu treffen.
Gegen Ende des Tages erreichten wir die Anlegestelle. Soweit ich mich erinnere, wurde eine zusätzliche Verpflegungsration, die Marketenderware, ausgegeben. Nach Einbruch der Dunkelheit stiegen wir in ein kleines Dampfschiff und gingen im Morgengrauen an Land. Dies war ein schmaler Landstreifen zwischen dem Frischen Haff und der Ostsee, ähnlich der Kurischen Nehrung, dessen Namen ich jedoch nicht kenne [Anm. J. M.: Es handelte sich um die Frische Nehrung]. Wir marschierten sofort nach Norden, überquerten den Kanal, der das Frische Haff mit der Ostsee verbindet, und fanden uns in der Hafenstadt Pillau wieder. Doch wir kehrten sofort wieder um und marschierten nun in Richtung Süden. Wir marschierten weiter, machten mal hier länger, mal dort kürzer Halt, gruben uns selbst Erdhütten und für die Deutschen Schützengräben, da diese Nehrung (so möchte ich sie nennen) unbewohnt war. Während eines dieser Märsche tötete eine verirrte Kugel, die über das Haff herüberflog, den jungen Burschen Perminas. Wir verstanden zunächst gar nicht, warum er so plötzlich zu Boden stürzte, da wir keinen Schuss gehört hatten. Dieser schmale, mit Kiefern bewachsene Landstreifen wurde oft von der anderen Seite des Haffs aus von der russischen Artillerie beschossen, oder ihre Flugzeuge flogen Angriffe. Kurz nach unserer Ankunft hier rückten die Russen bis direkt an das Haff vor, und die Deutschen konnten die von uns ausgehobenen Schützengräben nicht mehr nutzen. Eine richtige Armee war das dort ohnehin nicht mehr, es waren nur noch alte Männer und Jugendliche; Volkssturm nannten sich diese Einheiten. Die Deutschen leisteten in Kurland und bei Königsberg zwar noch heftigen Widerstand, aber sie waren bereits eingekesselt.
Nachdem wir ein gutes Stück nach Süden marschiert waren, machten wir etwa in der zweiten Aprilhälfte für längere Zeit Halt; natürlich richteten wir uns entsprechend Erdhütten ein. Was wir gearbeitet haben, weiß ich heute nicht mehr genau; es waren wohl Holzeinschlagarbeiten in den Dünen. Bei einem Flugzeugangriff wurde eine Bombe in das Lager abgeworfen, die einem von uns ein Bein abriss. Nach einiger Zeit brachen wir von dort auf und zogen noch weiter nach Süden. Arbeit mussten wir fast gar keine mehr verrichten, dafür wurde es mit dem Essen eng, und die Männer begannen, Pferde zu erschießen. Auch ich musste Pferdefleisch probieren. In den ersten Maitagen näherten wir uns der Weichsel. Eines Abends bestiegen wir ein Schiff und fuhren auf die offene See hinaus. Die Stimmung hellte sich ein wenig auf, und es gab eine gewisse Hoffnung, den uns verfolgenden Bolschewisten zu entkommen. Doch wir fuhren nicht lange; als wir eine Art Anlegestelle im Hafen erreichten, mussten wir von Bord gehen. Hier stellte sich heraus, dass wir uns ganz am Ende der Halbinsel Hela befanden, am dichtesten an der Weichselmündung. Von hier aus sollten wir gemäß einer entsprechenden Reihenfolge zur Insel Bornholm (dänisches Territorium) übersetzen, da der Ort völlig überlaufen von Soldaten aller Art war. Während wir auf diesen erlösenden Moment warteten, erfuhren wir, dass Hitler tot war und Großadmiral Dönitz an seiner Stelle das Kommando übernommen hatte. Es wurde klar, dass die Tage des Krieges gezählt waren. Und tatsächlich erfuhren wir am 8. Mai, während wir auf die Überfahrt zur Insel Bornholm warteten, dass der Krieg vorbei war. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, als wir vom Kriegsende erfuhren; jetzt konnten wir nirgendwo mehr hin fliehen, da wir uns bereits in den Händen der Bolschewisten befanden. Die bis dahin bestehende Hoffnung löste sich in Luft auf. Wir verstanden vollkommen, dass wir Kriegsgefangene sein würden, wenn nicht Schlimmeres, und dass uns Sibirien drohte. Wenn die Bolschewisten es bis hierher geschafft hatten, würden sie nicht mehr umkehren, und an ein unabhängiges Litauen war ebenfalls nicht mehr zu denken. Das ist die alte russische Expansionspolitik: Was sie sich einmal einverleibt haben, geben sie nicht freiwillig wieder her. Die Bolschewisten sind dabei noch schrecklicher, denn nach der Besetzung fremder Länder vernichten sie die Menschen dieser Regionen. Deshalb endete das alles zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.
In der Zeit, bis die Einheiten der russischen Armee anrückten, lebten wir ein freies Leben. Die Disziplin und die Ordnung brachen zusammen, und jeder tat, was er wollte. Im Hafen wurden Schuten mit Lebensmitteln entdeckt; durch diesen Fund versorgten wir uns für eine Weile mit Vorräten. Die Menge dieser Vorräte wurde jedoch durch die Transportmöglichkeiten begrenzt, da wir keine Mittel hatten, um sie zu befördern. Es tauchte noch eine weitere litauische Baueinheit auf, in der ich den einen oder anderen Bekannten traf. Wie sich herausstellte, hatte ihre Einheit die Insel Bornholm bereits erreicht, war von den Russen von dort jedoch wieder zurückgeschickt worden.
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Nach einigen Tagen trafen die Russen ein und machten sich zuerst an die Entwaffnung der deutschen Truppenteile und der lettischen Legion. Es war ein seltsamer Anblick zu beobachten, wie die Waffen wie nutzlose Prügel auf einen Haufen geworfen wurden. Danach begann die Aufteilung der hier befindlichen verschiedenen Einheiten. Wir wurden zusammen mit dem anderen litauischen Baubataillon, das von der Insel Bornholm zurückgekehrt war, der lettischen Legion zugeteilt. Auch wir hätten auf der Insel kaum etwas gewonnen, denn nachdem die Russen diese dänische Insel besetzt hatten, sammelten sie alle dort befindlichen Nicht-Dänen ein – in erster Linie Russen und Litauer. Bald wurde der Marschbefehl erteilt, und nach einigen Tagen erreichten wir Gdynia [Anm.: dt. Gotenhafen]. Auf dem Weg nach Danzig hielten wir auf freiem Feld zur Übernachtung an, und am späten Nachmittag des nächsten Tages erreichten wir Danzig selbst. Wir ernährten uns von unseren eigenen Vorräten, die sich dem Ende neigten. Nach einem kurzen Aufenthalt im völlig zerstörten Danzig begannen wir den Marsch nach Osten in Richtung Warschau. Nun hatten wir bereits einen russischen Begleiter – einen berittenen Rotarmisten. Wir fühlten uns nun als Kriegsgefangene im vollsten Sinne des Wortes, weshalb unsere Vorgesetzten uns anwiesen, die Schulterstücke und andere militärische Abzeichen abzunehmen. Das sahen wir auch selbst ein, besonders betraf dies die höheren Ränge.
Nach etwa anderthalb Wochen Fußmarsch erreichten wir Graudenz. Nach einigen Tagen Aufenthalt dort marschierten wir weiter nach Thorn, doch nach einer dort verbrachten Nacht wurde uns befohlen, wieder umzukehren. Schließlich landeten wir wieder in Graudenz, wo wir in ehemaligen Pferdeställen untergebracht wurden. Was uns weiter erwartete, war völlig ungewiss. Nach mehr als einem Monat Fußmarsch hatten wir nun zumindest die Möglichkeit, uns ein wenig auszuruhen. Das Gelände war recht groß und mit Draht umzäunt, aber es gab keine Bewachung, sodass wir uns frei in die Stadt oder anderswohin bewegen konnten. In der Nähe gab es einen kleinen See, und bei schönem Wetter gingen wir dort baden. Gelegentlich wurden kleine Gruppen zur Arbeit auf den Militärflugplatz geschickt. Einmal kam ich auch dorthin und konnte mir die russischen Jagdflugzeuge aus der Nähe ansehen.
Von Zeit zu Zeit organisierten die Russen Durchsuchungen und nahmen uns Wertsachen ab. Es gab auch vereinzelte Plünderer, besonders unter den Offizieren, die versuchten, uns durch Einschüchterung, Betrug und Ähnliches Wertsachen abzunehmen. Einmal trat ein solcher „Befreier“ auch an mich heran und verlangte, die Stiefel zu tauschen. Für zwei Dosen amerikanisches Dosenfleisch und abgetragene Segeltuchschuhe musste ich meine noch in Skuodas maßgefertigten Schaftstiefel aus Chromleder hergeben. Dieser Tausch endete für mich fast tödlich.
Etwa Mitte Juli 1945 erkrankte ich an einer unerklärlichen Krankheit: Nach und nach setzten Lähmungen ein, und innerhalb einer Woche konnte ich nicht mehr gehen. Ich wurde in eine nahe gelegene russische Militärambulanz gebracht und am nächsten Tag in ein Lazarett, da mein Zustand bereits sehr kritisch war. Meine gesamte kleine Habe: das Fotoalbum, das Flugbuch, das Abschlusszeugnis der Luftfahrtschule, das Tagebuch, das ich seit dem Tag der Abreise aus Litauen täglich geführt hatte, und andere Kleinigkeiten blieben in den Ställen zurück. Von der Ambulanz ins Lazarett begleiteten mich Leutnant Avižienis (er lebt heute in Kaunas) und Zubka (er lebt heute in Alytus); sie hätten meine Sachen problemlos ins Lazarett mitbringen können, aber ich hatte in dem Moment andere Sorgen. So blieben diese Gegenstände irgendwo verschollen. Später litt ich seelisch sehr unter diesem Verlust.
Im Lazarett fragte mich ein älterer Arzt sofort, wo meine Wunde sei, aber es gab keine Wunde – außer einem vom Segeltuchschuh leicht aufgeriebenen Zeh. Wie sich herausstellte, war dieser aufgeriebene Zeh der gesamte Ursprung der Krankheit, und es stand Spitz auf Knopf. Später erfuhr ich, dass ich an Wundstarrkrampf (Tetanus) erkrankt war. Ich muss sagen, dass die Behandlung und die Pflege tadellos waren.
Ich lag in einem Einzelzimmer, zur Schmerzlinderung spritzte man mir Morphium, und während der Krise wachte Tag und Nacht ununterbrochen ein Sanitätssergeant an meinem Bett, da ich zeitweise das Bewusstsein verlor. Damals war mir nicht bewusst, wie kritisch meine Lage war und dass ich an der Schwelle des Todes stand; die Ärzte gaben mir kaum Überlebenschancen und verlegten mich sogar schon auf die Sterbestation. Erschwert wurde die Behandlung zudem durch die Tatsache, dass ich sehr spät in das Lazarett eingeliefert worden war.
Nach einiger Zeit – es fällt mir heute schwer zu sagen, wann genau – kam der Wendepunkt, als ob ich aus einem tiefen Schlaf erwachte. Nach einigen Wochen ging es gesundheitlich bergauf; ich konnte mich wieder aus eigener Kraft auf die Seite drehen und sogar aufsetzen. Nach etwa einem Monat kam ich wieder auf die Beine; daraufhin wurde ich zu den Genesenden in einen großen Krankensaal verlegt, in dem ältere ukrainische Soldaten und einige Letten behandelt wurden. Anfangs, als das Gehen noch schwerfiel, wurde mir das Essen aufs Zimmer gebracht, und zum Mittagessen bekam ich zur Appetitanregung noch 30 Gramm Wodka, da meine Verdauung gestört war und ich keinen Appetit hatte. Als ich dann selbständig in den Speisesaal gehen konnte, wurde diese Ration gestrichen. Wie dem auch sei – der Zustand besserte sich zusehends. Wegen dieser unseligen eingetauschten Stiefel, durch die ich mich mit dieser Krankheit infiziert hatte, musste ich so viel durchstehen.
Ende August 1945 wurde ich aus dem Lazarett entlassen. Nach dem Bad erhielt ich soldatische Unterwäsche und getragene Schnürschuhe aus Kunstleder, da ich barfuß in das Lazarett eingeliefert worden war. Ich machte mir große Sorgen um meine im Gefangenenlager zurückgelassenen Sachen, besonders um das Fotoalbum und das Tagebuch aus der letzten Zeit. In dem Tagebuch war meine gesamte Odyssee in Ostpreußen niedergeschrieben.
Als ich in das Lager zurückkehrte, fand ich es leer vor; alle Gefangenen waren schon vor längerer Zeit in Richtung Grodno abmarschiert. Ich wurde in Baracken untergebracht, die weiter vom Lager entfernt lagen. Dort hatte sich der Filtrationsstab eingerichtet, den die aus Deutschland zurückkehrenden Flüchtlinge durchlaufen mussten. Ich traf noch etwa ein Dutzend Litauer aus unserem Baubataillon und sogar einige, die aus der britischen Zone zurückkehrten. Was uns erwartete, war völlig ungewiss. Schließlich wurde ich eines Tages zum Filtrationspunkt gerufen. An alle Einzelheiten des Gesprächs erinnere ich mich heute nicht mehr, aber es ging darum, wie und warum ich hier gelandet war und was ich getan hatte. Es war eine Art Verhör, da dort halbmilitärisch gekleidete Sicherheitsbeamte arbeiteten. Da ich eine Bescheinigung aus dem Lazarett besaß und immer noch recht geschwächt war, stellte dies einen mildernden Umstand zu meinen Gunsten dar – das heißt, für die Heimkehr. Nach dieser Befragung wartete ich auf die Ergebnisse, denn von hier aus allein und ohne Dokumente zu fliehen, noch dazu in der Uniform eines deutschen Soldaten, war extrem riskant und gefährlich. Einige von uns überlegten, sich als Pferdetreiber anzuwerben (die Russen transportierten alles aus Deutschland ab, was sie nur konnten), um auf diese Weise Litauen zu erreichen.
Etwa Anfang September 1945 wurde eine kleine Gruppe (4–5 Personen) zusammengestellt, denen die Heimreise gestattet wurde. In diese Gruppe wurde auch ich aufgenommen. Jedem wurde eine entsprechende Bescheinigung ausgestellt, und der Gruppenälteste erhielt zusätzlich eine Liste sowie eine Trockenverpflegung. Zum Gruppenältesten wurde ein Jude ernannt; woher und wie er an diesen Stützpunkt geraten war, weiß ich nicht. Zu dieser Zeit gab es keine Personenzüge und keinen regelmäßigen Verkehr, weshalb das Reisen kompliziert war. Von Deutschland nach Osten fuhren nur Güterzüge mit Beutegut und geplündertem Eigentum. Ungeachtet des Risikos und der Schwierigkeiten beschloss ich nach einem Reisetag gemeinsam mit einem anderen Litauer, Staponkus, mich von der Gruppe zu trennen, da alle anderen nach Russland fuhren, wir aber nach Žemaitija mussten. So blieben wir ohne offizielles Reisedokument und ohne Verpflegung zurück. Tatsächlich dauerte die Reise mit zahlreichen Umstiegen und ohne Essen in Güterwaggons oder auf deren Plattformen vier Tage und Nächte. Es kam vor, dass Rotarmisten uns nicht an den Zug heranließen, uns als Faschisten beschimpften oder einfach nicht sagten, wohin der im Bahnhof stehende Zug fahren würde. Zu dieser Zeit hatten auf fast allen polnischen Bahnhöfen ausschließlich russische Soldaten das Sagen – von Ostpreußen ganz zu schweigen, wo man überhaupt keinen Einheimischen mehr zu Gesicht bekam. Nach der Ankunft in Šiauliai gelang es mir leicht, meinen Staffelkammeraden Alfonsas Alekna zu finden, der mir zu essen gab und mir ein Quartier für die Nacht bot. Am nächsten Tag stieg ich am Bahnhof von Šiauliai bereits in einen Personenzug und setzte den letzten Teil der Reise in Richtung Šateikiai in meine Heimat fort. Wie sich die Dinge weiter entwickeln würden, war schwer abzusehen.
Die Nachkriegszeit
Ich kehrte nach Litauen in meine Heimat zurück. Es schien, als könne man sich nun freuen, da ich alle Angehörigen lebend vorfand, doch in Wirklichkeit war es nicht so. Zwar freuten sich meine Eltern, mein Bruder Ignas und meine Schwester Ona Duoblienė über meine Rückkehr, da sie fest davon überzeugt waren, ich sei gefallen oder irgendwo weit im Westen. Doch gleichzeitig erfuhr ich, dass mein Bruder Justinas Mikutis verhaftet worden war – jener Philosoph, der sich für keinerlei Politik interessierte und niemandem etwas Böses getan hatte. Er hatte zuletzt unweit von Beržoras an der Grigaičiai-Grundschule als Lehrer gearbeitet. Wir zerbrachen uns alle den Kopf, weswegen man ihn wohl verhaftet haben könnte, wem er geschadet haben sollte und wie ihm zu helfen war.
Litauen war voller russischer Armee, voller Sicherheitsbeamter jeglicher Art und deren Schergen – den einheimischen „stribai“, die sich selbst als „Volksbeschützer“ bezeichneten. All diese „Befreier“ terrorisierten die litauische Bevölkerung. Zudem waren zu dieser Zeit die litauischen Partisanen sehr aktiv und kämpften gegen die Eindringlinge, was die Besatzer nur noch mehr in Raserei versetzte. Es verging kein Tag, an dem nicht jemand verhaftet oder ermordet wurde. Mit einem Wort: In Litauen herrschte noch immer Krieg. Ich aber hatte geglaubt, ich hätte meinen Teil des Krieges hinter mir und könne nun in Frieden leben. Noch in Polen hatte es Erklärer gegeben, die meinten, die Bolschewiken seien nicht mehr dieselben wie im Jahr 1940. In Wirklichkeit war alles genau umgekehrt.
In dieser Lage konnte ich meinem Bruder Justinas in keiner Weise helfen, denn ich hätte bei jedem Schritt von den einheimischen Spitzeln verraten und ebenfalls verhaftet werden können. Ich hatte schlichtweg Angst, dem Sicherheitsdienst ins Auge zu fallen, da ich ohnehin nichts hätte ausrichten können. Wie sich später herausstellte, war Justinas von Provokateuren wegen angeblicher Kontakte zu den Partisanen angezeigt und Anfang 1946 zu 10 Jahren Konzentrationslager verurteilt worden. Erst im Sommer 1956 wurde seine Akte überprüft, die Vorstrafe gelöscht und er aus Workuta mit zerrütteter Gesundheit nach Hause entlassen.
Nachdem ich eine Weile in meiner Heimat verbracht hatte, begann ich mir Gedanken darüber zu machen, wie ich meine Ausweispapiere regeln und irgendwo eine Arbeit finden könnte, da ich lediglich die Bescheinigung des Filtrationspunktes über meine Entlassung nach Hause besaß. Deshalb fuhr ich in der ersten Oktoberhälfte 1945 nach Kretinga. Dort erklärte man mir bei der Miliz, dass Ausweispapiere an die Einwohner noch nicht ausgegeben werden, also musste ich erstmal warten. Da ich in Kretinga Bekannte hatte und es keinen Grund zur Eile gab, beschloss ich, einige Tage dort zu bleiben. Als ich mich eines Abends in der Klaipėda-Straße bei einer bekannten jungen Frau, Stefa Viknaitė, zu Besuch war, stürmten plötzlich drei zivil gekleidete Männer in die Wohnung und forderten mich auf mitzukommen. Ich begriff sofort, dass es sich um Sicherheitsbeamte handelte und die Sache unangenehm werden würde. Ich wunderte mich, wie leicht sie mich gefunden hatten; offenbar war ich ihnen aufgefallen, als ich durch die Stadt ging, und sie hatten mich beschattet. Noch mehr staunte ich, als man mich zu genau jenem Peldė-Haus brachte, in dem sich die Kommandantur der Litauischen Sonderbataillone [Vietinė rinktinė] befunden hatte, wo ich einst gearbeitet und gelebt hatte.
Nach einem kurzen Verhör brachten sie mich in den Keller, das sogenannte „KPZ“ [Anm.: vorläufige Haftanstalt], und sperrten mich ein. In dem halbdunklen Keller saßen bereits fünf oder sechs Verhaftete. Unter ihnen fand ich einen Bekannten, den ehemaligen Schüler des Franziskaner-Gymnasiums Kretinga namens Ramonas, sowie Antanėlis, den ehemaligen Direktor desselben Gymnasiums während der deutschen Besatzungszeit. Die anderen kannte ich nicht und wusste auch nicht, warum sie festgenommen worden waren.
Ich wurde von einem Russen in militärischer Kleidung ohne Rangabzeichen und einem Dolmetscher verhört, da ich damals noch kein Russisch sprach. Zuerst fragten sie mich aus, von welcher Kommandantur ich sei, was ich während der deutschen Besatzung gemacht habe und wie ich nach Deutschland geraten sei. Viele Fragen waren mir schlicht unverständlich. So setzten sie mir drei oder vier Tage lang zu und gaben mir nur Brot und Wasser. Da ich die Bescheinigung über meine Entlassung aus Polen und das Dokument über meinen Lazarettaufenthalt besaß, war es für sie schwierig, mir irgendwelche Verbindungen zu den „Waldbrüdern“ (so nannte man die litauischen Partisanen) anzudichten. Sie ließen mich laufen und befahlen, mich unverzüglich beim Militärkommissariat anzumelden. Nach diesem Vorfall wurde ich wesentlich vorsichtiger und gab mir Mühe, mich weniger in der Öffentlichkeit blicken zu lassen.
Aus unserem Dorf Rūdaičiai arbeitete Aldona Štambergaitė bei der Steuerinspektion des Bezirks Plateliai. Wir hatten als Kinder gemeinsam die Grundschule in Šateikiai besucht. Durch sie lernte ich den Leiter dieser Steuerinspektion, Povilas Pivorius, kennen. Angesichts meiner misslichen Lage erklärte sich Pivorius bereit, mich vorübergehend bei ihm einzustellen. Bei einer passenden Gelegenheit fuhr ich mit Pivorius zur Finanzabteilung nach Kretinga (damals gehörte der Bezirk Plateliai zum Kreis Kretinga). Dort traf ich meinen Klassenkameraden aus dem Franziskaner-Gymnasium Kretinga, Juozas Gudauskas, der dort arbeitete. Er stellte mich dem Leiter der Finanzabteilung, Vizgirda, vor, und als Ergebnis erhielt ich eine Anstellung bei der Steuerinspektion des Bezirks Salantai – das war ein großer Erfolg für mich.
In Salantai war damals Šeputis der leitende Steuerinspektor und Bortkevičius der zweite Steuerinspektor. Mit dessen älterem Bruder war ich in Kretinga im Gymnasium, und mit seinem Vater hatte ich 1944 in der Gemeindeverwaltung Palanga flüchtig zu tun gehabt, wo er als Sekretär arbeitete. Ich wurde der dritte Inspektor der Steuerinspektion von Salantai. Hier arbeitete ich bis Mitte Dezember 1945 und wurde danach als leitender Inspektor zur Steuerinspektion des Bezirks Kuliai versetzt. Kuliai war einer der abgelegensten Winkel von Žemaitija, ein Städtchen mitten in den Wäldern, weit weg von größeren Städten (Plungė 16 km, Kretinga etwa 30 km) und Hauptstraßen. Die eingenommenen Steuern mussten jede Woche mit einem Pferdeschlitten und unter entsprechender Begleitung der Miliz zur Bank nach Kretinga gebracht werden. Zum Glück wurden wir kein einziges Mal überfallen und das Geld wurde uns nicht geraubt.
Bei einer dieser Fahrten nach Kretinga erfuhr ich von Gudauskas, dass geplant war, zwei Inspektoren aus dem Kreis zu Finanzkursen nach Kaunas zu schicken. Mit Gudauskas' Hilfe gelang es mir, für diese dreimonatigen Kurse angenommen zu werden; der andere Kandidat war Pivorius aus Plateliai. Genau Ende Dezember begann die Miliz von Kuliai, den Einwohnern des Städtchens vorläufige Ausweispapiere auszustellen. Diese Gelegenheit nutzte auch ich. Auf Basis der Bescheinigung aus Graudenz gelang es mir, einen vorläufigen Pass zu erhalten – das war ein großer Meilenstein, der mir alle Wege in die weite Welt öffnete.
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Antanas Mikutis konnte 1960 zum Fliegen zurückkehren und war lange in Segelflugvereinen tätig, u.a. Vorsitzender des litauischen Luftfahrtveteranen-Verbands 1986-1999. 1994 schloss er im Alter von 77 Jahren seine Pilotenkarriere ab. Er blieb noch lange dem Sport als Schiedsrichter bei Segelflugwettbewerben sowie als Initiator, Leiter und Teilnehmer der Senioren-Segelflugmeisterschaften treu.