Die Geschichte



Nachdem das Deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg verlor, musste es, so wurde es im Versailler Vertrag 1919 von den Siegermächten beschlossen, große Teile jener Gebiete an seine Nachbarstaaten abtreten, in denen die deutsche Bevölkerung meist in der Minderheit war. Dazu gehörten im Nordosten Deutschlands die Provinzen Westpreußen, mit Kaschuben und Pomerellen sowie das Memelgebiet. Die Stadt Danzig wurde, als eigenständiger Stadtstaat als "freie Stadt" unter das Mandat des Völkerbundes gestellt. Damit bekam 1919 Polen nicht nur einen freien Zugang mit Pomerellen und der Hafenstadt Gdingen/Gdynia zum Meer, sondern Danzig war ab dato ein sowohl deutschen und polnischen Frachtgütern offen stehender Hafen. Memel, als Hauptstadt des Memellandes wurde die bedeutendste litauische Hafenstadt.

Durch die Gebietsverluste wurde Ostpreußen eine deutsche Exklave, umgeben vom neugegründeten Staat Polen und dem im sowjetischen Einflussbereich liegenden Litauen. Schon kurz nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages beschloss Weimarer Republik deshalb - in Vorahnung schwieriger politischer Verhältnisse - zwischen dem "Mutterland" und Ostpreußen eine Fährverbindung aufzunehmen. Die näher an Ostpreußen gelegenen pommerschen Häfen Stolpmünde, Rügenwalde und Kolberg waren aufgrund ihrer engen Hafeneinfahrten nicht ansteuerbar. Ursprünglich war das Ostseebad Leba in der engeren Auswahl, von hier sollte eine Eisenbahnfähre nach Pillau übersetzen, der Fischereihafen Leba erwies sich dann aber später als ebenfalls ungeeignet Gegen Stettin und Königsberg als Abfahrtsorte sprachen die häufig auftretenden Wiesennebel am Haff und die längere Fahrzeit der Schiffe ans Meer - im Vergleich zur Eisenbahn. Am 30. Januar 1920 war es soweit: Mit von Privatreedern gecharterten Schiffen ging der "Seedienst Ostpreußen", eine direkte Schiffsverbindung über die Ostsee in Betrieb, von Swinemünde nach Pillau. Einen Tag zuvor wurde der "Korridor" unter polnische Verwaltung gestellt. Die Anreise auf dem Landweg zwischen dem Deutschen Reich und seiner neuen Exklave sollte sich - wie geahnt - als äußerst schwierig gestalten. Züge wurden an den Grenzen zu Polen "verblombt" und während der Fahrt zwischen Berlin und Königsberg musste auf dem polnischen Abschnitt, der auch "Korridor" genannt wurde, die Gardinen zugezogen werden. Post und Güter wurden stunden- und tagelang bei Zollkontrollen aufgehalten. In den ersten Betriebsmonaten erfreute sich der neue Seedienst also konstant hoher Fahrgastzahlen. Viele Exil-Ostpreußen nutzten die Schiffe 1920 auch dazu, in ihrer alten Heimat bei der Volksabstimmung zum Verbleib bei Deutschland bzw. der Abtrennung Südostpreußens an Polen teilzunehmen. Für den hohen Fahrgastbedarf wurden zusätzliche Schiffe gechartert.

Als Gründervater des Seedienstes gilt der Konsul Oswald Haslinger von der HAPAG, er taufte die neue Schiffsverbindung auch "Seedienst Ostpreußen". Ab dem 12. Oktober 1920 war die HAPAG auch direkt mit dem Raddampger "Prinzessin Heinrich" und der "Bubeney" am Seedienst beteiligt, seit dem 1. Juni 1920 war schon der Mitbewerber, der Norddeutsche Lloyd mit dem Dampfer "Grüßgott" dabei. Mit den Schiffen "Odin" und "Hertha", die ab November 1920 hinzukamen, konnten erstmals auch Fahrten über Nacht angeboten werden. 50 Betten bot jedes Schiff, die waren bei 14-15 Stunden Fahrzeit auch bitter nötig, die zuvor angebotenen Über-Tag-Fahrten waren sehr beschwerlich. Das Deutsche Reise übernahm das Risiko der Fahrten, den Reedern wurden Verluste bis 15.000 Mark je Fahrt aus der Staatskasse ersetzt. Die zeigt die politische Relevanz der Strecke. Die Fahrgastzahlen nahmen nämlich immer weiter ab. Ab dem 11. April 1922 gab es deshalb 50% Rabatt für Studenten der Königsberger Uni auf Heimfahrten, man wollte die Schiffe vollbekommen. Eine Einzelfahrt kostete regulär 90 Mark, Hin und zurück innerhalb einer Woche nur 135 Mark. Außerdem kam eine zweite Schiffsverbindung von Danzig über Zoppot nach Swinemünde hinzu. Man wollte die Hansestadt Danzig (nach dem Versailler Vertrag ein freier Stadtstaat unter Völkerbundsmandat) auch ans Reich anbinden.

Vom 4. Juli 1921 bis zum 2. Februar 1922 liefen die Reedereien testweise Stolpmünde in Pommern an. Damit war es möglich, nicht die lange Gesamtstrecke zu fahren und einen Teil mit der Eisenbahn vorzufahren. Das der Hafen aber zu klein für die großen Seedienstschiffe war, mussten die Passagiere mit einem Beiboot zum Schiff gebracht werden - das war umständlich und nur bei ruhiger See möglich. Die Fahrgastzahlen des Seedienstes gingen immer weiter zurück, ab dem 1. November 1921 gab es nur noch zwei Fahrten pro Woche, am 7. Februar 1922 wurde die zweite Linie zwischen Danzig und Swinemünde eingestellt. Die "Grüßgott" wurde nach England verkauft. Aus politischen Gründen entschied man, Danzig am 8. Juni 1922 wieder ins Seedienstnetz aufzunehmen, aus Kostengründen mussten die Schiffe auf der Hauptlinie Pillau - Swinemünde ab dem 8. Oktober 1922 einen fast fünfstündigen Umweg über Danzig-Neufahrwasser machen. Die HAPAG steigt am 21. August 1922 aus dem Seedienst aus, der kleine Dampfer "Bubeney" sei zu häufig überfüllt und das wäre rufschädigend - anscheinend haben sich die Fahrgastzahlen stabilisiert. Ab 1923 wurde dann im Sommer das Ostseebad Zoppot statt Neufahrwasser angefahren. Die Linie war zwar weiterhin defizitär, aber selbst am 24. September des Inflationsjahrs 1923 wurde der politische Wille bekräftigt, die Linie auch im Winter verkehren zu lassen. Allerdings hielt die Politik nicht lange den wirtschaftlichen Unwägbarkeiten stand: Am 6. Januar 1924 musste der Seedienst inflationsbedingt eingestellt werden: nur noch ganze zwei Fahrgäste nutzen zuletzt die Verbindung. Zur Frühjahrsmesse in Königsberg ab dem 15. Februar 1924 wurde aber ein verbesserter Fahrplan erstellt und ein neuer Versuch gestartet. Am 31. Dezember 1924 stieg der Norddeutsche Lloyd aus dem Seedienst aus, dafür kam die  Reederei Braeunlich aus Stettin mit ins "Boot".

Eine Wendemarke stellt der Sommer 1927 dar. Zwei neue Schiffe, eigens auf den Bedarf des Seedienstes zugeschnitten, laufen vom Stapel. 1928 wird erstmals Plakatwerbung geschaltet. Ab 1929 wird auf einzelnen Ausflugsfahrten auch Estland angesteuert, es gibt auch extra Fahrten für Pressevertreter - die Staatslinie wirbt für sich, offenbar mit Wirkung: 1933 kommt das Nordseeschiff "Kaiser" zur Hilfe, der Seedienst floriert (1920 war der Kaiser in die Nordsee abgegeben worden, weil er zu groß für den Seediensteinsatz war). Die Streckenlänge wird verdoppelt - zweimal pro Woche verkehren die Schiffe im Westen nun  bis Travemünde, mit Halt in Warnemünde und Binz. Ab 1934 wird dann auch abwechselnd Kiel angesteuert (erst testweise, ab 1935 regulär). 1935 war erstmal die KfZ-Beförderung möglich, ab 1936 verkehrt der Seedienst sogar täglich nach Pillau. Seit dem Vorjahr gab es schon reguläre Fahrten nach Helsinki mit dem hundert Personen fassenden Dampfer "Sachsen" der Stettiner Reederei Rud. Christ. Gribel - er wurde eigens für die Finnlandfahrten vom Deutschen Reich gechartert und in "Ostpreußen" umgetauft - von Pfingsten bis September 1935 ging es einmal pro Woche nach Finnland, ab 1936 gibt es auch hier Regelverkehr, die Ostpreußen wurde vom MS Preußen unterstützt. Viele Schüleraustausche nutzten die Verbindung nach Skandinavien. Zwischen Pillau und Swinemünde gibt es erstmals auch eine Expressverbindung ohne Halt in Zoppot - ironischerweise wurden diese Expressfahrten ohne Halt in der Freistadt mit der MS Hansestadt Danzig durchgeführt.

Im Jahre 1936 wird ein weiteres großes Schiff namens "Tannenberg" gebaut, nach einigen Kinderkrankheiten erfreut es sich auch großer Beliebtheit. Insgesamt war der Seedienst Ostpreußen Ende der 1930er Jahre in der Hochphase ihres Bestehens. 1937 wurde sogar die Werbung für den Seedienst unterlassen, weil die Fahrtgastzahlen explodierten. Doch dann kam 1939 der Krieg, der Seedienst wurde eingestellt und die Schiffe von der Marine konfisziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keinen Bedarf mehr für den Seedienst. Heute gibt es nur noch einzelne Schiffsverbindungen von Travemünde über Gdingen nach Helsinki sowie von Saßnitz nach Pillau bzw. Memel, einen Ostseebadverkehr in Richtung Baltikum gibt es momentan noch nicht - die EU-Osterweiterung hat eine solche Verbindung wieder denkbar gemacht.


Fotos: Die beiden Seedienst-Haupthäfen Swinemünde (unten links) und Pillau (oben rechts)