22. März 2026, Predigt zum Sonntag "Judika", 5. der Passionszeit, in der Emmauskirche, Frankfurt a.M.-Eschersheim
22. März 2026, Predigt zum Sonntag "Judika", 5. der Passionszeit, in der Emmauskirche, Frankfurt a.M.-Eschersheim
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Den Predigttext zum heutigen Sonntag haben wir bereits gehört. Er steht im Hebräerbrief, im 13. Kapitel. Das ist ein sehr kurzer Auszug aus diesem Brief und ich lese ihn noch einmal vor.
„Jesus hat draußen vor dem Tor gelitten, damit er das Volk durch sein eigenes Blut heilige. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir".
Lasst uns einen Augenblick zunächst über den letzten Satz nachdenken: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“
Das ist die Begründung dessen, was in diesem Text vorangeht : „Denn wir haben…“… Auf den Anfang komme ich später noch zurück.
Der Gedanke an die zukünftige Stadt und an das Leben nach dem Tod ist ein zentraler Bestandteil unseres christlichen Glaubens.
Denken wir heute in unserem modernen Leben oft darüber nach?
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“
Wenn ich Sie darum bitten würde, Jesu Botschaft in drei kurzen Punkten zusammenzufassen, was würden Sie sagen? Was ist für Sie das Wesentliche an der Frohen Botschaft Jesu, zusammengefasst in drei Punkten? Was würden Sie sagen? Hier ist meine Antwort:
1) Erstens: Jesus verkündet einen lebendigen und wahren Gott, an den man sich wie an einen Vater oder eine Mutter wenden kann. Er lehrt uns das perfekte Gebet: „Vater unser im Himmel“. Dieser Vater steht seinen Kindern immer zur Seite. Er ist der gute Hirte. [Daher sorgt euch nicht um morgen, …, sondern lebt im Hier und Jetzt. Glaubt fest daran, dass ihr nicht allein seid, dass Gott sich um Euch kümmert.]
2) Zweitens: Wir sind alle dazu berufen, durch den Tod zu gehen und danach neu zu leben. Jesus ist uns den Weg des Lebens und des Todes | und der Auferstehung vorausgegangen. Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ist jedem Menschen offen. [Bei der eigenen Lebensführung soll man immer daran denken... ]
3) drittens, ganz kurz: Jesus lädt uns dazu ein, in allen Dingen der Liebe den Vorrang zu geben, wie er selbst es getan hat.
Der heutige Predigttext lädt uns ganz besonders dazu ein, über den zweiten Punkt nachzudenken. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“ Wir sind alle dazu berufen, diese irdische Stadt irgendwann zu verlassen, durch den Tod zu gehen und danach in der zukünftigen Stadt neu zu leben.
Es handelt sich nicht nur um eine individuelle Berufung. Es ist auch ein gemeinschaftliches, ein kollektives Schicksal, wie das Wort „Stadt“ andeutet. Denken wir oft an den Tod und an das Leben nach dem Tod?
Begeben wir uns jetzt auf eine kleine Reise ein Jahrtausend zurück und kehren wir für einen Moment ins Mittelalter zurück.
Im Mittelalter war das Leben nach dem Tod keine ferne oder abstrakte Vorstellung: Es gehörte für alle zum Alltag. Der Tod war im Mittelalter allgegenwärtig. Epidemien wie die Schwarze Pest, die die Hälfte der europäischen Bevölkerung auslöschte, aber auch Hungersnöte, Kriege und der Mangel an medizinischer Versorgung führten zu einer sehr niedrigen Lebenserwartung von etwa 35 bis 40 Jahren.
Die Kindersterblichkeit war besonders hoch. Etwa die Hälfte aller Kinder starb vor dem fünften Lebensjahr. Jeder Mensch, selbst ein Kind oder ein Jugendlicher, war daher mit dem Tod konfrontiert und hatte den Tod zumindest einiger seiner Angehörigen mit eigenen Augen gesehen. Jeder/jede Lebende, selbst ein zehnjähriges Kind, konnte sich daher als Überlebender betrachten. Der Tod ereignete sich direkt im Haus, in der Familie, bei einem jungen Paar, und die Friedhöfe befanden sich im Herzen der Dörfer, rund um die Kirche, wie hier auf dem Hof unserer schönen Barockdorfkirche.
Man konnte die Toten also nicht „vergessen“: Der Tod war Teil des sozialen und emotionalen Lebens, und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Franz Schubert hat Klavierlieder komponiert und Gedichte vertont, die dies auf absolut ergreifende Weise veranschaulichen.
In diesem historischen Kontext bot der christliche Glaube einen wichtigen Interpretationsrahmen. Das irdische Leben wurde ganz selbstverständlich als Übergang, als Vorbereitung auf das ewige Leben verstanden. Der Gedanke an das Jüngste Gericht, an Himmel und Hölle prägte die Mentalitäten zutiefst. Sprüche wie „memento mori“ („Bedenke, dass du sterben wirst“) luden jeden/jede dazu ein, im Bewusstsein der Endlichkeit des Daseins und der Notwendigkeit, sich spirituell darauf vorzubereiten, zu leben. Das war gut..
Die Menschen im Mittelalter lebten jedoch nicht in ständiger Angst vor dem Tod. Der Tod war ritualisiert und in das Gemeinschaftsleben integriert. Dies war auch der Grund der ungeheuer großen Macht der Kirche. Die Bestattungsriten für die Verstorbenen ermöglichten es, dem Tod einen Sinn zu geben und ihn in eine Hoffnung einzubetten. Der Glaube an das ewige Leben war eine Selbstverständlichkeit und somit eine Quelle des Trostes und des Vertrauens angesichts der Vergänglichkeit des Lebens. Das Problem jener Zeit bestand eher darin, den Wert des irdischen Lebens zu sehr zu relativieren, oder sogar es abzuwerten und zu verachten. Man konnte Leiden und Ungerechtigkeiten als Schicksal betrachten. Da die Herrscher oder Könige nichts oder viel zu wenig dagegen (gegen Leid und Ungerechtigkeit) unternahmen, richtete das Volk all seine Hoffnung auf die zukünftige Stadt im Jenseits.
Heute ist es jedoch genau umgekehrt. Gerechtigkeit, Gleichheit und Medizin haben enorme Fortschritte gemacht. Das Leben auf der Erde ist immer sicherer geworden, und es ist uns gelungen, den Tod in eine ferne Zukunft zu verbannen. Wenn ich die Konfirmand*innen frage, ob sie schon einmal den Tod gesehen haben, gibt es nur sehr wenige, oder gar keine, die beispielsweise ihren (Ur-)Großvater auf seinem Sterbebett im Krankenhaus gesehen haben. Übrigens wollen Eltern ihren Kindern diesen Anblick oft ersparen.
Ist es gut, länger und gesunder zu leben? Ja, ganz sicher.
Ist es gut, nicht mehr an die zukünftige Stadt zu denken und seine ganze Aufmerksamkeit und Energie und Leidenschaft ohne Distanz auf die gegenwärtige Welt zu richten? Nein, das glaube ich nicht.
Was also tun?
Vielleicht fragen Sie sich selbst: Gibt es wirklich ein Leben nach dem Tod? Kann man wirklich daran glauben? |||
Wenn ich von den Nahtoderfahrungen höre, bei denen die vielen Menschen, die sie erlebt haben, fast immer dasselbe erzählen, unabhängig von ihrer Kultur oder ihrem Herkunftsland, dann sage ich mir, dass es tatsächlich mit Sicherheit ein Leben nach dem Tod geben muss, dass der Tod nicht das Ende, sondern der Beginn eines neuen Lebens ist. Nahtoderfahrungen zeigen – trotz sehr unterschiedlicher Situationen – erstaunlich ähnliche Elemente. Viele Betroffene berichten von einem Gefühl tiefen Friedens, Geborgenheit und Schmerzlosigkeit. Sie bewegten sich durch einen Tunnel, und am Ende des Tunnels sahen sie ein helles, warmes Licht. Sie haben eine Ahnung der zukünftigen Stadt bekommen, u.a. durch Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen und mit einem geheimnisvollen Lichtwesen, Christus selbst, der ihnen eine unerschütterliche Gewissheit vermittelt hat, angenommen und bedingungslos geliebt zu werden. Sie haben auch eine intensive Verbundenheit mit all den lieben Menschen erlebt, die sie auf Erden kennen und lieben gelernt haben.
Viele haben diese Erfahrung als „realer als die normale Wirklichkeit“ beschrieben. Danach hat sich ihr Leben komplett verändert: sie haben dann keine Angst mehr vor dem Tod gehabt, stattdessen einen stärkeren Fokus auf Sinn statt Erfolg, eine größere Wertschätzung von Beziehungen und mehr Gelassenheit gegenüber materiellen Dingen, ja mehr Empathie und Mitgefühl, und dazu den Wunsch, anderen zu helfen. Nahtoderfahrungen sind kein Beweis des Lebens im Jenseits, ja klar, aber vielleicht sind sie ein kleiner Hinweis darauf.
Das lässt mich an eine Französin denken, an die heilige Therese von Lisieux. Sie sah den Tod nicht als Ende, sondern als Eintritt in das ewige Leben. Ihr berühmtestes Zitat lautet: „Ich sterbe nicht, ich trete ins Leben ein.“ („Je ne meurs pas, j’entre dans la vie“)
« Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige“.
Im ersten Teil des Textes wird übrigens ein Vergleich gezogen zwischen Jesus, der zur Kreuzigung außerhalb der Mauern Jerusalems geführt wurde, und unserer Berufung, die zukünftige Stadt zu suchen.
„Jesus hat draußen vor dem Tor gelitten, damit er das Volk durch sein eigenes Blut heilige. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen“.
Wir sind aufgerufen, das Lager, also die Stadt, zu verlassen und gewissermaßen außerhalb der Mauern, vor dem Tor, zu leben, auf der Suche nach der zukünftigen Stadt Jerusalem, nach dem Vorbild und in der Nachfolge Jesu. Es geht darum, eine gewissen Distanz zur irdischen Stadt zu wahren.
Mir scheint, wir sind dazu aufgerufen, nicht nur an uns selbst zu denken, sondern auch an diejenigen, die nach uns auf dieser Erde leben werden.
Und es geht auch darum, uns daran zu erinnern, dass wir nur für eine begrenzte Zeit hier auf der Erde sind.
Wir schauen ständig auf unser Handy, um zu sehen, wie viel Akku noch übrig ist.
Ist das nicht Ihnen aufgefallen? Es wird zu einer fast permanenten Sorge … Ich schaue auf mein Handy und gucke viel Akku ich noch habe.
Unser Handy ist eine Sache … und ich: Wie viel Akku habe ich noch?
Ich bin letztes Jahr 60 geworden, also habe ich nur noch 20 oder 30 wirklich produktive Jahre vor mir. Also sage ich mir, dass ich nur noch 25 % Akku habe, also ein Viertel! Das ist nicht viel. Ich versuche, das nicht zu vergessen, und die Frage, die mich beschäftigt, lautet:
Wie könnte ich die mir verbleibende Zeit sinnvoll nutzen? Diese Frage möchte ich auch Ihnen mit auf dem Weg geben.
Heißt das, dass man ständig an den Tod denken muss? Nein, natürlich nicht. Sich gut auf die zukünftige Stadt vorzubereiten bedeutet, in der vergänglichen Stadt gut zu leben, in der es darum geht, mit sich selbst und mit anderen gut umzugehen. Wir sind hier nicht nur als Individuum, sondern auch als Kollektives, als Gemeinschaft. Und dafür gebe ich euch zum Schluss die 20 Ratschläge eines buddhistischen Mönchs weiter. Ich habe eine französische Fassung gefunden und schlage Ihnen eine deutsche Übersetzung vor. Es sind 20 Tipps für ein gutes sinnvolles Leben in der irdischen Stadt.
1. Höre dir alles aufmerksam an, was andere dir sagen.
2. Behalte all das Gute, was du hörst, im Gedächtnis.
3. Vergiss die negativen Dinge, ohne sie immer wieder zu wälzen.
4. Sag nicht immer alles, was du denkst, behalte deine Geheimnisse für dich, aber sage immer die Wahrheit.
5. Akzeptiere und gestehe deine Fehler ein, ohne Angst zu haben, dich zu entschuldigen und um Vergebung zu bitten.
6. Behalte die Kontrolle über dich selbst und behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.
7. Anstatt zu kritisieren, lobe die Menschen in deiner Umgebung so oft es möglich und angemessen ist.
8. Fördere Hoffnung und Vertrauen bei anderen, oft ist das das Einzige, was sie besitzen.
9. Lass Wut, Groll und Hass hinter dir: Sie schaden dir selbst mehr als denen, gegen die du sie richtest.
10. Lerne, höflich und taktvoll NEIN zu sagen.
11. Lerne immer, „bitte“ und „danke“ zu sagen.
12. Schau den Menschen in die Augen.
13. Lebe im Hier und Jetzt und mache immer nur eine Sache auf einmal.
14. Was du begonnen hast, bringe zu Ende.
15. Tu das, was zu tun ist, in dem Moment, in dem es getan werden muss.
16. Wenn du verärgert, traurig oder wütend bist, triff keine Entscheidung, sondern warte, bis du dich beruhigt hast.
17. Achte auf deine Worte und auf die Chancen und guten Gelegenheiten, die sich immer wieder in deinem Leben bieten.
18. Denk daran, dass du das Recht hast, glücklich zu sein.
19. Entdecke und genieße die einfachsten Freuden des Lebens, nämlich: sehen, hören, atmen und riechen, berühren, genießen und schmecken.
20. Lerne Dankbarkeit und danke Gott dauernd für die Lektionen und Geschenke, die du erhältst.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus (Phil 4,7). Amen.
9. Mai 2024, Regionaler Himmelfahrtsgottesdienst, Hof Wietfeldt
9. März 2024, Wort zum Sonntag, Cellesche Zeitung :
29. Januar 2024, Wort zum Montag, Celleheute, „Puppenbriefe“ :
30. Dezember 2023, Gedanken zum neuen Jahr, Celler Kurier :
18. Dezember 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Der weise Hindu am Ganges“ :
13. November 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Verzicht“:
9. Oktober 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Luftballons“:
11. September 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Was wir aus dem Leben der Hunde lernen können“:
9. September 2023, Wort zum Sonntag, Cellesche Zeitung, „Das Gleichnis vom Schmetterling“:
7. August 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Heißt glauben auch können?“:
10. Juli 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Das Leben, ein Spiel mit fünf Bällen“:
29. Mai 2023, Wort zum Montag, Celleheute: „Geboren, um zu verlieren?“:
24. April 2023, Wort zum Montag, Celleheute: „Der Zeit hinterherlaufen“ :
13. März 2023, Wort zum Montag, Celleheute: „Der Kruger-Dunning-Effekt“:
13. Februar 2023, Wort zum Montag, Celleheute: „Kooperation“ :
16. Januar 2023, Wort zum Montag, Celleheute, „Die letzten Bonbons schmecken besser“ :
31. Dezember 2022, "Wort zum Sonntag", Cellesche Zeitung :
24. Dezember 2022, Weihnachtsgottesdienst des Ev.-luth. Kirchenkreises Celle:
12. Dezember 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „Das Staunen“:
7. November 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „Was ist Erfolg?“:
24. Oktober 2022, Wort zum Montag, Celleheute, den iranischen Frauen gewidmet :
26. September 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „Risikobereitschaft II“ :
29. Juli 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „Risikobereitschaft I“ :
4. Juli 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „Die drei Siebe des Sokrates“ :
18. April 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „vom Adler und der Krähe“ :
21. März 2022, Wort zum Montag, Celleheute. „Der wahre Wert“:
14. Februar 2022, Wort zum Montag, Celleheute. „Gedanken zum Valentinstag“ :
17. Januar 2022, Wort zum Montag, Celleheute, „Tradition und Glauben“ :
20. Dezember 2021
Wort zum Montag, Celleheute, „Martin der Schuster“ (Weihnachtsgeschichte aus Tolstoi, "Wo Liebe ist, da ist Gott", 1885) :
12. September 2021 : Wort zum Montag, Celleheute, „Beruf und Familie“
2. August 2021 : Wort zum Montag, Celleheute, „Muße“
21. Juin 2021: Wort zum Montag, Celleheute, „Der schwarze Punkt“
2. April 2021
Andacht zum Karfreitag
Hat Gott den Tod Jesu gewollt? Diese Frage dürfen wir uns an diesem Karfreitag stellen, an dem wir des Leidens und des Sterbens Jesu gedenken. Ich nehme jetzt ein Beispiel, das Sie vielleicht zunächst irritieren wird. 1918 soll Kaiser Wilhelm II., der für die gerade erlittene Katastrophe in Europa verantwortlich gemacht wurde, gesagt haben: "Ich habe das nicht gewollt". Dennoch hat er den Krieg begonnen, auch wenn er nicht der einzige Verantwortliche war. Der Krieg war nicht seine Idee… sein erstes Hauptziel, dennoch hat er ihm zugestimmt. Man könnte sagen, dass er ihn indirekt wollte.
Christen haben lange gedacht, dass Gott eine Haltung wie die des Kaisers zum Tod Jesu gehabt hätte. Der Tod Jesu schmerzt Gott, aber ohne diesen Tod hätte Gott seinen Zweck, die Menschheit zu retten, nicht erfüllen können. Er hätte den Tod Jesu gewollt, nicht um seiner selbst willen, sondern für das, was er dadurch erreichen konnte, also das Heil der Menschen. Es sei der zu zahlende Preis gewesen, um uns zu retten.
Eine Reihe von Konfessionen, sowohl protestantische als auch katholische, waren bis zum 19. Jahrhundert der Meinung, dass Gott seinen Sohn aufgab, um uns das ewige Leben zu geben, und dass es keinen anderen Weg gab, für unsere Sünden zu bezahlen als durch den Tod seines Sohnes.
Können wir heute dieser Auffassung noch zustimmen?
Nein, denn: Gott wollte nicht, dass Jesus stirbt, er wollte es auch nicht indirekt. Und es war nicht Teil Seiner Pläne und Absichten. Wie der Herr des Weinbergs im Gleichnis, der nach mehreren Boten seinen eigenen Sohn schickt, um zu den widerspenstigen Winzern zu sprechen und sie zu überzeugen (Lk 20,9-16), so schickt uns Gott seinen Sohn, in der Hoffnung, dass wir auf seine Worte hören. Aber seine Erwartung wurde enttäuscht. Die Kreuzigung Jesu war kein Plan Gottes, sondern ein Rückschlag für ihn. Am Abend des Karfreitags wird Gott scheinbar besiegt.
Tatsächlich hätte aber auch alles anders kommen können. Wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre, wäre er immer noch der Christus und Gott hätte in ihm immer noch seine Liebe zu den Menschen gezeigt. Bedeutet dies, dass Gott besiegt werden kann? In gewisser Hinsicht Ja. Und die vielen Niederlagen, die die Menschen Gott zufügen, gipfeln in der Verurteilung und Hinrichtung Jesu.
Gott ist jedoch nie völlig besiegt. Er ist nicht allmächtig, aber er ist mächtig und er wird nie müde und gibt nie auf. Er verliert Schlachten, aber nicht den Krieg. Seine Misserfolge sind nie endgültig. Er akzeptiert sie nicht, er reagiert und überwindet sie. Nach dem Ungehorsam Adams und Evas, nach dem Mord an Kain, nach dem goldenen Kalb, nach dem Verrat Israels und dem Versagen der Kirchen, gibt er nicht auf. Er fängt erneut an. Er hat die Menschen nicht im Stich gelassen nach dem, was sie seinem Gesandten Jesus angetan haben, nach der Tragödie von Golgatha.
Gott antwortet vielmehr auf das Kreuz, indem er Jesus von den Toten auferweckt.
Karfreitag und Ostern sind grundlegend für den christlichen Glauben, indem sie bekräftigen, dass Gottes Liebe niemals vergeht und dass seine Macht, obwohl nicht absolut, immer das letzte Wort hat. Gott will das Leben | und am Ende wird es triumphieren … auch wenn in der Zeit dieser schrecklichen Pandemie, wo vieles ungerecht und unbegreiflich erscheint…
Es gibt keinen Grund, keine Entschuldigung dafür, jemanden in den Tod zu schicken. Für Gott kann der Tod niemals ein Mittel sein. Das Kreuz von Golgatha wollte er nicht; und auch das, was uns quält und vernichtet, will er nicht. Vielmehr ließ er seinen Sohn auferstehen, und diese Auferstehung wird auch uns zuteil. Was für eine wunderbare Einladung zur Hoffnung!
Möge Gott uns in dieser unerschütterlichen Hoffnung bewahren!
Ihnen allen wünsche ich einen gesegneten Karfreitag.
29. Mars 2020: Andacht zum Sonntag "Judika": Vertrauen und Zuversicht