Geschichte

Die Tuberkulose gilt in Deutschland im Jahre 2011 als weitgehend besiegt. Wenig Spuren der einstigen Volkskrankheit „Schwindsucht“ findet man heute auf den ersten Blick noch in Berlin. In der Umgebung der Stadt ist das anders. Rings um Berlin in mehreren Radien, die sich bis zum Harz oder zum Thüringer Wald erstrecken findet man – vorzugsweise im Wald – großräumige Klinikanlagen. Diese Areale sind meist ungenutzt und verfallen, denn sie dienten einst nur der Behandlung der Tuberkulose. Abgelegen im Wald waren sie, da nicht nur Ansteckungsgefahr bestand, sondern da die gute Waldluft heilenden Einfluss auf die Genesung der Patienten haben sollte.

So auch in Grabowsee. Die Lungenheilstätte wurde im Jahre 1896 durch den Volksheilstättenverein vom Roten Kreuz gegründet. Generaloberarzt Dr. Schultes schreibt im Jahre 1930 über die Anlage: "Die Anstalt war zunächst nur als eine Versuchseinrichtung gedacht, insofern damals Erfahrungen noch nicht vorlagen, ob man die Lungentuberkulose auch in der norddeutschen Tiefebene mit Erfolg behandeln könnte, oder ob, wie damals noch allgemein angenommen wurde, die Lungenkranken auch künftig an die Gestade des Mittelmeeres (Nervi, Mentone, usw.), oder in das Hochgebirge (Arosa, Davos) zu ihrer Genesung geschickt werden müßten. Der Gedanke, in erste Linie für die minderbemittelte Bevölkerung Einrichtungen zu ihrer Genesung zu schaffen oder vorbeugend durch geeignete Pflege der Entstehung der Krankheit entgegenzuwirken, war, dank der durch die soziale Gesetzgebung gegebenen Möglichkeit, kaum erörtert worden, als der Volksheilstättenverein vom Roten Kreuz sich entschloß, ihn zur Tat werden zu lassen (...). Unter der tatkräftigen Mitarbeit sozial gesinnter Männer und Frauen und gefördert durch die Unterstützung der Industrie, erreichte es der energische, zielbewußte Generalsekretär des Roten Kreuzes, der kürzlich verstorbene Professor Dr. Pannwitz, ein Sohn der Mark, daß bereits im Frühjahr 1896 durch - in Pionierkommando 27 Militärlazarettbaracken am Ostufer des Grabowsees aufgestellt wurden."

Neu war um die Jahrhundertwende, dass erstmals Krankenversicherungen und Versorgungswerke als Bauherren dieses monumentalen Kliniken auftraten. Die Tuberkulose war längt nicht nur ein medizinisches, sondern auch wirtschaftliches Problem geworden. Eine rasche Genesung bedeutete natürlich auch einen zügigen Wiedereinstieg an den Arbeitsplatz. Die Entstehung dieser riesigen Areale im Wald – abgeschieden von jeglicher Zivilisation - war zeitprägend. Die pittoresken Klinikbauten, sollten sie doch Heimstatt“ für mehrmonatige Aufenthalte der Patienten bieten. Die Infrastruktur: Klinken ersetzten oft eine komplette Stadt mit Gebäuden von Post über Metzger bis hin zum klinkeigenen Vergnügungspark.

"Die Heilstätte bot damals ungefähr 200 Leicht- und Schwerkranken eine behagliche Unterkunft, und bei einem jährlichen Zugang von ungefähr 1000 Kranken dürften bis zum Krieg (1914) etwa 15-16.000 Angehörige der versicherten männlichen Bevölkerung in der Anstalt Aufnahme gefunden haben, nach dem Krieg sind es über 10.000. Von diesen sind 70-80% arbeitsfähig in ihren Beruf zurückgekehrt. (...)

Der Krieg und die ihm folgende Inflation brachte jedoch auch die Heilstätte in große wirtschaftliche Not (...). Der Volksheilstättenverein sah sich genötigt, den Verkauf der Anstalt in Aussicht zu nehmen und auf das Anerbieten der Landesversicherungsanstalt Brandenburg einzugehen. Seit dem 1. Juni 1920 ist nunmehr die Heilstätte Eigentum dieser Behörde. (...) Mit Erweiterungsbauten wurde 1926 begonnen. Wenn diese zurzeit (1930) auch noch nicht völlig durchgeführt sind, bietet die Anstalt doch im Sommer 1929 bereits für 321 Kranke Raum, am Ende der Bauzeit wird die Zahl der vorhandenen Betten etwa 420 betragen."

Dann folgt die Nutzung nach 1945: Dank der Antibiotika ist die Tuberkulose schneller heilbar geworden: Lange Klinikaufenthalte sind nicht mehr nötig, die Anlagen wurden nicht mehr medizinisch genutzt. In den Arealen, die zur sowjetischen Besatzungszone gehörten, zog oftmals die Rote Armee ein und nutze sie als Kasernen. Grabowsee wurde bis 1995 als sowjetisches Militärlazarett genutzt. Manche Anlagen wurden sukzessive heruntergewirtschaftet, sodass nach der Wende eine Neunutzung nicht ohne enormen Kostenaufwand möglich erschien.

Nur ganz wenige Gebäude sind heute genutzt, die meisten Komplexe verfallen und wurden in den letzten Jahren von Vandalen und Metalldieben heimgesucht. In Grabowsee ist die Wohltätigkeitsorganisation "KidsGlobe", die unter der Schirmherrschaft von Altbundespräsident Roman Herzog steht, eingezogen und versucht, die Anlage als pädagogische Einrichtung für Kinder sukzessive wieder herzurichten.

Bild oben: Ansichtskarte um 1910; Bild Mitte rechts: Luftbild um 1930; Bild links unten: die Heilstätte im Jahre 1929. Fotografen unbekannt, lesen Sie den Urheberrechtshinweis.


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