Wilhelm-Wundt-Haus

Ein Rettungsversuch für das Wilhelm Wundt-Haus in Großbothen bei Leipzig



Sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen,

bekannt ist, dass Wilhelm Wundt (1832-1920) an der Universität Leipzig seine historisch höchst bedeutsame Wirkung entfaltet hat und deshalb als die vielleicht größte Gründerpersönlichkeit der Psychologie gilt. Weniger bekannt ist, dass er in Leipzig nicht nur das weltweit erste Laboratorium für Experimentalpsychologie einrichtete, sondern auch der Initiator für die Entstehung einer kulturgeschichtlich orientierten Entwicklungspsychologie war, für die er die - heute nicht mehr gebräuchliche - Bezeichnung Völkerpsychologie einführte.

Die Häuser, in denen Wundt in Leipzig wohnte, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Erhalten blieb sein letztes Domizil, das in Großbothen bei Leipzig liegt. Dort lebte auch der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853-1932), mit dem Wundt eng befreundet war.

Das Gebäude ist im Stil seiner Zeit errichtet worden (vgl. Foto). Es befindet sich nicht im Besitz der Nachfahren Wundts und ist seit längerer Zeit unbewohnt. Es steht zwar unter Denkmalschutz, doch der jetzige Besitzer ist an einer Erhaltung des Hauses nicht interessiert und deshalb wahrscheinlich bereit, es zu einem angemessenen Preis zu verkaufen. Im Falle eines Erwerbs würden zwar hohe Sanierungskosten anfallen, aber die Deutsche Stiftung für Denkmalschutz hat im Vorfeld bereits signalisiert, dass sie ein derartiges Projekt finanziell großzügig unterstützen könnte.

Würde das Haus instandgesetzt, ließen sich Nutzungen in Betracht ziehen, die eng mit dem Namen Wundt verbunden sind. Es gibt zwar bereits den "Wilhelm-Wundt-Raum (Sammlung des Psychologischen Instituts Leipzig)“ und das Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie in Würzburg, doch es wäre sehr wünschenswert, wenn gleichsam parallel zu dem in Leipzig bereits bestehenden, eher biologisch ausgerichteten "Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie" ein Institut für eine kulturgeschichtlich orientierte Psychologie eingerichtet werden könnte. Hierfür würde ein dringender Bedarf bestehen und das Haus in Großbothen vielleicht als Standort infrage kommen.

Wilhelm Wundt war der erste, der im Jahre 1883* das Wort „Historische Psychologie“ prägte, und bis zu seinem Tod die Anwendung der "historisch-psychologischen Methode" für eine entscheidend wichtige Möglichkeit der Erkenntnisgewinnung hielt. Der ‚Altmeister‘ hatte schon früh begriffen, dass nicht die kurze akademische Disziplin- und Institutionsgeschichte der Psychologie, sondern die vergleichsweise unvorstellbar lange Gegenstandsgeschichte des Psychischen (so u.a. der soziokulturell überformten

inhaltlichen Wahrnehmungen, Kognitionen, Gefühle und Bedürfnisse) eine interessante Thematik darstellt und gerade deren Bearbeitung eine wichtige Forschungsaufgabe repräsentiert. Bereits im Jahre 1908 formulierte Wundt die folgenden Sätze: „Die Aufgaben der wissenschaftlichen Psychologie sind in den mannigfaltigen Gestaltungen des Seelenlebens selbst gegeben, nicht in den zufälligen Interessen, die gelegentlich im Kreis der Psychologen vorherrschen. Und vielleicht bedarf es keiner besonderen Sehergabe, um vorauszusagen, daß in nicht allzu ferner Zeit die experimentellen Gebiete der Psychologie gegenüber den völkerpsychologischen Problemen verhältnismäßig in den Hintergrund treten werden.“

Dass die hier zum Ausdruck gebrachte Annahme auch mehr als 100 Jahre danach noch nicht wahr geworden ist, lässt im Hinblick auf die Erforschung der Gegenstandsgeschichte der Psychologie zumindest auf einen stark verzögerten Erkenntnisprozess schließen, gleichzeitig aber auch Bemühungen um dessen Förderung und Beschleunigung dringlich erscheinen. Eine in dieser Richtung vorzunehmende Institutsgründung wäre eine wesentliche Voraussetzung für die höchst wünschenswerte Änderung der Situation. Ein derartiger Schritt böte nicht nur die Möglichkeit, ein völlig vernachlässigtes riesiges Forschungsgebiet systematisch zu erschließen und den hohen Wert des anderen Erbes endlich zu erkennen, sondern auch die Gelegenheit, das unvollständige Bild vom Lebenswerk Wilhelm Wundts zu ergänzen und damit verbundene Verzerrungen zu korrigieren. Ein aktueller Schritt in dieser Richtung ist u.a. der von Lange und Schwarz herausgegebene Sammelband über „Die menschliche Psyche zwischen Natur und Kultur“, der in diesen Tagen in der Reihe „Die Psychogenese der Menschheit“ erscheint.
Zur Rettung des Wundt-Hauses möchte ich ein sog. „Crowdfunding“ initiieren; das ist eine prinzipiell mögliche, zunächst nicht konkret, sondern nur virtuell durchgeführte Spendensammlung. Unter dem nachfolgenden Link könnten Sie angeben, ob und in welcher Form bzw. mit welchem Betrag Sie sich an dem Vorhaben beteiligen würden, falls es tatsächlich zustande käme. Wäre die Zahl derjenigen Psychologinnen und Psychologen, die dabei einen fiktiven Spendenbetrag nennen, groß genug, d.h. die Summe wahrscheinlich ausreichend, um eine Realisierung des Projekts zu ermöglichen, könnte der Versuch eines Ankaufs in die Wege geleitet werden. Nur dann, wenn solche Kaufverhandlungen erfolgreich wären, würde sich die weitere Frage an Sie ergeben, ob Sie nun auch wirklich bereit wären, sich mit dem von Ihnen genannten Betrag an dem Projekt zu beteiligen.

Bitte benutzen Sie den folgenden Link: http://www.user.tu-berlin.de/gerd.juettemann/

Mit freundlichen Grüßen

Gerd Jüttemann



Fotos: Andreas Jüttemann
im August 2015


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*) Jüttemann, Gerd (Hrsg.): Wilhelm Wundts anderes Erbe. Ein Missverständnis löst sich auf. Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2006.

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