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Begriff, Regelfolgen und

Intentionalität – das

Privatsprachenargument

von Ludwig Wittgenstein.

Ludwig Wittgensteins Privatsprachenargument in den philosophischen Untersuchungen

Das Privatsprachenargument findet sich in Satz 202 in den Philosophischen Untersuchungen, in dem Ludwig Wittgenstein sich zu Privatsprache und Regelfolgen äußert:

"Darum ist >der Regel folgen< eine Praxis. Und der Regel zu folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel privatim folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen."

Was versteht Ludwig Wittgenstein unter einer Privatsprache? Nun, diese hat auf jeden Fall etwas mit den inneren Erlebnissen oder privaten Empfindungen zu tun.
 
Satz 243: „Die Wörter dieser Sprache sollen sich auf das beziehen, wovon nur der Sprechende wissen kann; auf seine unmittelbaren, privaten Empfindungen.“

Saul Kripke

Kripke ordnet das Privatsprachenargument der Philosophischen Untersuchungen als einen Spezialfall von weiteren Überlegungen zur Sprache ein. Die philosophischen Untersuchungen werden als kein systematisches Werk charakterisiert, sondern als dialektische Auseinandersetzung, in der Probleme mit einem imaginären Gesprächspartner artikuliert werden. Ein und dasselbe Thema wird immer wieder wiederholt und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.

Der logische Gehalt der Sprache ist für Vertreter der Sprachphilosophie eine viel diskutierte Selbstverständlichkeit. Kripke bringt nun ganz direkt die Addition ins Spiel. Gewohnt, endlich viele Additionen ausgeführt zu haben, die Regel jedoch legt die Antworten auf beliebig viele Rechenaufgaben fest. Kripke bringt nun einen exzentrischen Skeptiker ins Spiel, der den Sprachgebrauch von Addition und der gleich erläuterten Quaddition durcheinander bringt oder: skeptisch beleuchtet. 68 plus 57 sollte eigentlich 125 ergeben, Kripke oder der Skeptiker definieren die Addition um und sagen, ab einem gewissen Wert, 57, sei die Antwort 5.

Addition: 68 + 57 = 125< br> Quaddition: 68 * 57 = 5 – dies laut Definition: x * y = 5, x, y > 57

Der Sprachgebrauch, so der Skeptiker weiter, sei nun so, dass ich mit der neuen Definition meinen früheren Sprachgebrauch falsch interpretiere. Er nimmt noch das Hilfsmittel LSD oder einen Tobsuchtsanfall(!), was einen dazu verleitet habe, die frühere Verwendung misszuverstehen.

Hier stehen sich Common-sense und mögliche Euphorie gegenüber.

„Um dies zu erkennen, wollen wir die Common-sense-Hypothese annehmen, dass ich mit „+“ wirklich die Addition gemeint habe. Dann wäre es möglich –obgleich überraschend-, dass ich unter Einwirkung momentaner Euphorie alle meine bisherigen Verwendungen des plus-Zeichens als Symbolisierung der quus-Funktion missverstehe und sodann – in Widerspruch zu meinen bisherigen sprachlichen Intentionen– 5 aus 68 plus 57 errechne. (Mein Irrtum wäre allerdings kein mathematischer, sondern läge in der Annahme, dies stehe mit meinen bisherigen sprachlichen Intentionen in Einklang.) Der Skeptiker meint nun, ich hätte genau so einen Fehler gemacht, allerdings mit vertauschtem plus und quus.“ (Über Regeln und Privatsprache, S.20)

Gedanke ist also der, dass man die Vorstellung hat, z.B. eine Quaddition sei das Gemeinte und durch irgendetwas, z.B. einen Anfall habe sich der bisheriger Sprachgebrauch verändert. Ebenso gibt es andere Beispiele, der früheren und der jetzigen Sprachverwendung so z.B. das Beispiel „Grün“. Stelle ich mir „Grün“ vor, so rufe ich mir etwas ins Bewusstsein, wie ich das Wort gebrauche. Vielleicht aber meinte ich mit „Grün“ in der Vergangenheit eigentlich „Glau“.

„Vielleicht habe ich in der Vergangenheit mit „Grün“ Glau gemeint, und durch die in Wirklichkeit glaue Farbvorstellung sollte ich stets zur Anwendung des Wortes „grün“ auf glaue Objekte veranlasst werden.“ (Über Regeln und Privatsprache, S.32)

Der Skeptiker, den Kripke hier beschreibt ist auch durch und durch „skeptisch“. Vorschriften, die „5“ oder „125“ als Antworten erzwingen oder rechtfertigen, sind in Frage gestellt. Er stellt eine Hypothese auf, die den Sprachgebrauch verändern. Der Terminus „plus“ oder „grün“, den man in der Vergangenheit verwendete, war in Wirklichkeit das genannte „quus“ (oder „glau“). Frühere Arten der Sprachverwendung sollen in Frage gestellt werden, sonst werde man dem Problem nicht gerecht. Auch behavioristische Einschränkungen werden vom Skeptiker nicht akzeptiert.

Dies, so Kripke, stehe im Gegensatz zu Quines Unbestimmtheit der Übersetzung. Quine lege das Problem der Bedeutung auf den Sprachforscher, der auf das Verhalten der anderen Person rekurriert, während Wittgenstein das Problem auf sich selbst legt.

„Während Quine das Problem der Bedeutung durch Bezugnahme auf einen Sprachforscher darlegt, der aufgrund des Verhaltens einer anderen Person zu ergründen versucht, was sie mit ihren Worten meint, kann mir Wittgensteins Problemstellung als Frage in Bezug auf mich selbst nahe gebracht werden: Gibt es in der Vergangenheit eine Tatsache im Hinblick auf mich – etwa, was ich mit plus „gemeint habe“ -, die vorschreibt, was ich jetzt tun soll?“ (Über Regeln und Privatsprache, S.26)

Das Spiel bezüglich der Sprache geht auch noch weiter, so z.B. „Tisch“ und „Tishul“. In der Vergangenheit meinte ich immer „Tishul“, sagte aber „Tisch“ – nun stehe ich vor dem Eiffelturm und sehe dort ein Möbelstück ein Tisch oder ein Stuhl.

„Den Terminus „Tisch“ habe ich vermutlich so gelernt, dass er auf beliebig viele künftige Gegenstände anwendbar ist. Also kann ich den Terminus in einer neuen Situation anwenden, etwa wenn ich zum ersten Mal den Eiffelturm betrete und an seinem Fuß einen Tisch stehen sehe.“ (Über Regeln und Privatsprache)

Der Skeptiker nun sieht dies so. Ich habe bisher den Begriff Tisch verwendet, in der Vergangenheit jedoch Tishul gemeint. Das war ein Tisch, der sich nicht am Fuße des Eiffelturms befindet.

Ich vermute mal, dass der Gedanke des Skeptikers, den Kripke hier entwirft, durch diese drei Beispiele deutlich wurde. Man benutzt einen Begriff: plus, grün, Tisch, plötzlich bemerkt man, dass man einen Begriff benutzte, diese Benutzung jedoch nicht gerechtfertigt war, sondern man in Wirklichkeit etwas anderes meinte, nämlich quus, glau oder Tishul.

Donald Davidson

So würde ich nun gerne auf das Thema der Kommunikation kommen und Donald Davidson, als einen zeitgenössischen Philosophen betrachten.

Radikale Interpretation und das Prinzip der Nachsichtigkeit sollen für das Verständnis nun erläutert werden. Die radikale Interpretation Donald Davidsons geht auf Quine zurück. Kurz die Geschichte: Ein Feldforscher gerät in eine ihm unbekannte Gegend und soll ein Übersetzungsbuch für eine unbekannte Sprache einer ihm unbekannten Bevölkerung schreiben. Jedes Mal, wenn ein Kaninchen vorüber läuft, sagt einer der Leute dort den Einwortsatz: „Gavagai“. Was dies nun genau heißt, kann man nicht sagen, heißt es „Kaninchen“, „Hier läuft ein Kaninchen vorbei“ oder ähnliches. Radikal heißt diese Interpretation deswegen, da nicht vorausgesetzt wird, dass man denselben kulturellen Kontext hat. Donald Davidson nimmt nun diesen Gedanken auf und transformiert ihn insofern um, dass dieses Modell auch für die Kommunikation derselben Sprache sinnvoll sei.

„Die daraus resultierende Unbestimmtheit der Interpretation ist das semantische Gegenstück zu Quines Unbestimmtheit der Übersetzung. Bei meinem Ansatz wird das Ausmaß an Unbestimmtheit vermutlich geringer sein, als es von Quine in Betracht gezogen wird.“ (Wahrheit und Interpretation, S.222)

Der exakte Ausdruck für eine Verständigung wäre also letztlich nicht unbedingt notwendig. Übertragen in einen simpleren, alltäglicheren Kontext, hieße dies z.B., sagte jemand: „Ich arbeite am Pomcuter“ – so wäre dies durchaus verständlich, dass diese Person am Computer arbeitet oder ein anderes Beispiel: Es sagt jemand, There is a ship in the garden – so wird man eher auf einen Dialekt tippen, der aus Sheep – Schaf – Ship, Schiff macht – und versteht.

Donald Davidson formuliert dies so:

„Wenn man eine Ketsch vorbeisegeln sieht und der Begleiter sagt: „Sieh mal, die hübsche Yawl da!“, stehen wir vielleicht vor einem Interpretationsproblem. Eine offensichtliche Möglichkeit ist, dass der Freund die Ketsch mit einer Yawl verwechselt und eine falsche Überzeugung gewonnen hat. Doch wenn er gute Augen hat und die Sichtverhältnisse günstig sind, ist es sogar noch einleuchtender, dass er das Wort „Yawl“ nicht ganz genauso verwendet wie man selbst und gar keinen Fehler gemacht hat hinsichtlich der Position des Besanmasts auf dem vorüberfahrenden Segelboot.“ (Wahrheit und Interpretation, S.279)
 
Daran anschließend formuliert Davidson einen Satz, den ich eher kritisieren würde:
„Als Philosophen sind wir im Hinblick auf systematische Wortverdrehungen besonders duldsam und haben Übung in der Interpretation des Resultats.“ (Wahrheit und Interpretation, S.279)
 
Davidson nennt diese Ungenauigkeiten „Anomale Einzelheiten“:
„Solche Beispiele betonen die Interpretation anomaler Einzelheiten vor einem Hintergrund gemeinsamer Überzeugungen und einer geläufigen Übersetzungsmethode.“ (Wahrheit und Interpretation, S.279)

Es ist und bleibt eigentlich ein signifikanter Unterschied, ob man die Dinge exakt oder ungefähr benennt und genau dies sollte man kritisieren und richtig stellen. Dies ist sehr oft in kommunikativen Situationen, dass anhand des jeweiligen Ausdruckes das Verschiedene oder gleich Gemeinte sich äußert und es gerade nicht zu der von Davidson geforderten und erkannten Nachsichtigkeit kommt und noch weniger zu einer gelungenen Kommunikation aufgrund dieser feinen Unterschiede.

Allgemeine Einigkeit bezüglich der Überzeugungen wird vorausgesetzt, da eine Kenntnis der Überzeugungen erst mit der Fähigkeit zur Interpretation kommen kann.

„Da Kenntnis der Überzeugungen erst mit der Fähigkeit zur Interpretation der Wörter kommt, besteht anfangs die einzige Möglichkeit darin, hinsichtlich der Überzeugungen allgemeine Einigkeit vorauszusetzen.“ (Wahrheit und Interpretation, S.279)

Die Nachsichtigkeit ist eine Bedingung für die Theorie bezüglich des Interpreten im Hinblick auf den Sprecher einer anderen Sprache. Sie ist keine zur Auswahl stehende Möglichkeit.

„Da Nachsichtigkeit keine zur Auswahl stehende Möglichkeit ist, sondern eine Bedingung für das Verfügen über eine praktikable Theorie, ist es sinnlos zu suggerieren, wir könnten gewaltigen Irrtümern anheim fallen, wenn wir das Nachsichtigkeitsprinzip billigen.“ (Wahrheit und Interpretation, S.280)

Dies ist m.E. so zu verstehen, dass man nur gut und richtig den anderen verstehen kann, wenn man dies auch möchte, bzw die Davidson´schen Kriterien erfüllt. Aufgrund dieser Prinzipien, nun verteidige ich Davidson wieder, kann man erst versuchen, sich zu verstehen. Davidson verwahrt sich auch dagegen, dass seine Theorie ein Begriffsrelativismus sei oder eine simple Gleichmacherei. Manche in der Literatur interpretieren Donald Davidson auch noch stärker, dass die Rationalität und die Sprachfähigkeit des anderen eine unumstößliche Bedingung ist.

Nah verwandt mit diesen zwei Begriffen der radikalen Interpretation und des Prinzips der Nachsichtigkeit ist der bekannte Aufsatz Donald Davidsons über das Begriffsschema und was das soeben gesagte nochmals vertieft. Er findet sich auch in Wahrheit und Interpretation im Kapitelabschnitt Sprache und Realität, Was ist eigentlich ein Begriffsschema? (1974)

Das Begriffsschema

Eine These von D. Davidson wäre, dass Übersetzungen von einer Sprache in die andere prinzipiell möglich sind und zwar derart, dass kein Kontext zu fremd wäre, als dass dies nicht möglich wäre. Eine Möglichkeit wäre nun, dass eine Übersetzung von einem Schema ins andere ausgeschlossen ist, dass z.B. Überzeugungen, Hoffnungen, Kenntnisse keine echten Gegenstücke haben. Was in der einen Sprache leicht zu formulieren ist, könnte in der anderen schwer gehen.

“Sogar die Realität sei schemarelativ: Was in einem System als wirklich gilt, brauche in einem anderen nicht dafür gelten.” (Wahrheit und Interpretation)

Als Beispiel wird die Indianersprache angebracht. Wären z.B. diese Sprachen so fremd, dass die Sprachen nicht einander entsprechen. Hopi besitze eine Metaphysik, die der englischen Sprache so fremd ist, dass Hopi und Englisch nicht einander entsprechen.
“Whorf, der nachweisen möchte, dass die Hopisprache eine Metaphysik beinhaltet, die der unseren so fremd ist, dass Hopi und Englisch nicht einander entsprechend >adjustiert< werden können (wie er es formuliert), bedient sich des Englischen, um den Inhalt von Mustersätzen der Hopisprache mitzuteilen.” Ziel Davidsons wäre letztlich, das Prinzip der Nachsichtigkeit, Principle of Charity, für das Herbeiführen der Verständigung. Begriffe oder Überzeugungen sind eben nicht grundverschieden.

“Unter Voraussetzung der zugrunde liegenden Methodologie der Interpretation sind wir unmöglich imstande zu urteilen, andere hätten Begriffe oder Überzeugungen, die von unseren eigenen grundverschieden sind.” (Wahrheit und Interpretation)

Hierbei sei auch nochmals Davidsons Frage nach Teilübersetzbarkeit zu berücksichtigen. Donald Davidson geht auch der Frage nach Teilübersetzbarkeit nach und beantwortet diese ebenso zustimmend: Auch nur Teile einer Sprache können korrekt in die andere übersetzt werden.

Übersetzbarkeit und Verständnis des anderen weist auch zurück auf die Frage nach Begriffen, der Frage nach einer Privatsprache und diese kann somit eigentlich verneint werden. Wenn Kommunikation zwischen Sprachen und damit verschiedenen Kulturen möglich ist, so ist auch eine Verständigung innerhalb einer Kultur nicht überraschend. Sicher geht es bei der Thematik des Regelfolgens auch nochmals um die prinzipielle Möglichkeit einer Privatsprache, die tatsächlich existierende Sprache aber ist auch Maßstab. Nämlich insofern, da, wenn man eine Privatsprache für möglich hält, man auch bei jeglicher Kommunikation die Frage nach einer Verständigung anfragen kann, also ob Menschen, wenn sie sprechen irgendwo “geheim” sprechen oder die verwendeten Worte und Begriffe allgemein verständlich sind. Donald Davidson wird ganz oft bezüglich dieses Themas so charakterisiert, dass er eine Privatsprache verneint, individuelle Bezüge jedoch befürwortet.

Individuelle Bezüge könnten z.B. so aussehen:
- als jüngeres oder älteres Geschwisterchen geboren worden zu sein
- Mann oder Frau sein
- eine schwere oder leichte Kindheit gehabt haben
- arm oder reich sein
- unversehrt oder gefoltert worden sein
- nahe Menschen im Leben verloren zu haben oder nicht

Michael Esfeld - 20 Jahre Regelfolgen nach Kripkes Wittgenstein


Einen wichtigen Beitrag zur Diskussion von Kripkes Wittgenstein bietet Michael Esfelds Aufsatz Regelfolgen 20 Jahre nach Kripkes Wittgenstein. (Die folgenden Zitate sind diesem Text entnommen)Wie der Titel des Aufsatzes schon andeutet, geht es Esfeld hierbei um Regelfolgen und fasst wichtige Argumente aus der Diskussion zusammen. Wichtig ist hierbei folgender Gedanke:
“Es gibt an allem Mentalen - wie mentalen Ideen oder Repräsentationen - und allem Naturalen - wie Dispositionen zu einem bestimmten Verhalten - nichts, das über sich selbst hinausweist und determinieren könnte, was die korrekte Verwendung eines bestimmten Begriffs in einer neuen Situation ist. Der Grund ist, dass alles Naturale und alles Mentale unser Denken nur leiten kann, indem es als eine bestimmte Bedeutungsregel interpretiert wird. Jeder mentale und jeder naturale Kandidat für etwas, in dem die Bedeutung unserer Überzeugungen bestehen soll, ist jedoch endlich und kann demzufolge mit unendlich vielen logischen möglichen Bedeutungs-Regeln in Einklang gebracht werden. (...) Das Problem des Regelfolgens ist daher die Frage, wie wir im Verwenden von Begriffen und damit im Bilden von Überzeugungen bestimmten Bedeutungs-Regeln folgen können.”
Das Problem des Regelfolgens kann in zwei Aspekte unterschieden werden, in den Infinitäts-Aspekt und den Normativitätsaspekt. Der Infinitätsaspekt fragt nach der skeptischen Herausforderung nach Kripke. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Dinge zu formulieren und doch stimmen diese Möglichkeiten mit der einen Möglichkeit überein.
“Jede dieser Weisen stimmt mit der Regel überein, welches dieses Endliche instantiiert, unter einer Interpretation dessen, was diese Regel ist.”
Der Normativitätsaspekt fragt danach, was bestimmt, welches die korrekte Weise ist, einen Begriff in einer neuen Situation zu verwenden.
“Was bestimmt, welches die korrekte Weise ist, einen Begriff in einer neuen Situation zu verwenden, so dass die betreffende Person einer Regel folgt im Sinne dessen, dass ihr eine Unterscheidung zwischen korrektem und inkorrektem Regelfolgen zur Verfügung steht?”
Direkte und indirekte Lösung des Regelfolgens

Als Lösung des Problems des Regelfolgens gibt es zwei Möglichkeiten, eine direkte Lösung und eine skeptische Lösung. Direkte und skeptische Lösung erklären sich aus der je anderen Begründung.
Die direkte Lösung sieht folgendes vor: es gibt Wahrheitsbedingungen für Aussagen, die Personen Überzeugungen mit einer bestimmten Bedeutung zuschreiben.

„Wahrheitsbedingungen sind in diesem Zusammenhang als Wahrmacher in folgendem Sinne zu verstehen: Unabhängig davon, ob einer Person eine Überzeugung mit einer bestimmten Bedeutung zugeschrieben wird, gibt es ein Faktum dessen, das eine solche Zuschreibung wahr macht.“

Die skeptische Lösung widerspricht diesem:
“Eine skeptische Lösung bestreitet, dass es Wahrheitsbedingungen für solche Zuschreibungen gibt. Es werden lediglich Behauptbarkeitsbedingungen anerkannt. Dass eine Person eine Überzeugung mit einer bestimmten Bedeutung hat, ist genau dann behauptbar, wenn die Person an einer sozialen, sprachlichen Praxis teilnimmt, in der sie von anderen Personen so behandelt wird, dass sie Überzeugungen des betreffenden Typs hat.”

Für eine Gemeinschaft gibt es kein Kriterium des Begriffsgebrauchs. Der faktische Gebrauch ist der korrekte Gebrauch. Dies hat zur Folge, dass die skeptische Lösung den Schritt von Behauptbarkeits- zu Wahrheitsbedingungen nicht zulässt.

“Die skeptische Lösung lässt den Schritt von Behauptbarkeits- zu Wahrheitsbedingungen deshalb nicht zu, weil es für die Gemeinschaft kein Kriterium des Begriffsgebrauchs gibt. Durch den faktischen Gebrauch wird festgesetzt, was als korrekter Gebrauch zählt.”

Pragmatische Lösung des Regelfolgens Eine weitere Form wäre die pragmatische Lösung. Sie stellt eine Zwischenform von pragmatischer und skeptischer Lösung dar. Im Unterschied zu einer skeptischen Lösung erkennt die pragmatische Lösung Wahrheitsbedingungen für das Zuschreiben von Überzeugungen an.

Die direkte, skeptische, pragmatische Lösung im Zusammenhang mit dem Infinitäts- und Normativitätsaspekt

Diese drei Lösungen lassen sich in Verbindung mit dem Infinitäts- und Normativitätsaspekt besser begreifen oder zumindest weiter differenzieren:
- die direkte Lösung bezieht sich unmittelbar auf den Infinitätsaspekt. Die unendlich vielen Möglichkeiten werden so eingeschränkt, dass die Bestimmtheit der Bedeutung unserer Überzeugung rekonstruiert werden kann.

„Eine direkte Lösung bezieht sich unmittelbar auf den Infinitäts-Aspekt. Sie versucht, etwas aufzuweisen, das die unendlich vielen logisch möglichen Bedeutungen soweit einschränkt, dass die Bestimmtheit der Bedeutung unser Überzeugungen rekonstruiert werden kann. Wenn dieser Aufweis gelingt, dann gibt es etwas, das den semantisch korrekten Gebrauch eines Begriffes für unbestimmt viele neue Situationen festlegt.“
 
-die skeptische Lösung bestreitet dies. Normativität bezieht sich ausschließlich auf Übereinstimmung zwischen Individuum und Gemeinschaft.

„Eine skeptische Lösung geht davon aus, dass es so etwas nicht gibt. Daraus wird der Schluss gezogen, dass es keine rationalen und normativen Kriterien für den zukünftigen Gebrauch eines Begriffes gibt; die Normativität bezieht sich ausschließlich auf die jeweilige Übereinstimmung zwischen Individuum und Gemeinschaft.“

- eine pragmatische Lösung setzt beim Normativitäts-Aspekt an. Hierbei ist zentral der Aspekt der Sanktionen. Bestärkungen oder Zurückhaltungen regeln den korrekten Gebrauch.

„Sanktionen im Sinne von Bestärkungen oder Zurückhaltungen bestimmter Handlungsweisen sollen einer Person ein [135] Kriterium der Unterscheidung zwischen dem zur Verfügung stellen, was die Person selbst für korrekt hält, und dem, was korrekt ist in den Augen anderer. Sanktionen sollen auf diese Weise für die beteiligten Personen den Spielraum möglicher Bedeutungen eingrenzen: Sie sollen den beteiligten Personen ein praktisches Wissen vermitteln, welches es ihnen ermöglicht, einer Regel ohne Interpretation zu folgen, und welches festlegt, was der korrekte Gebrauch eines Begriffes in unbestimmt vielen neuen Situationen ist.“


Literatur:

Primärtexte:
Davidson, Donald: Wahrheit und Interpretation, Frankfurt 1990
Kripke, Saul: Wittgenstein über Regeln und Privatsprache, Frankfurt 2006
Kripke, Saul: Name und Notwendigkeit, Frankfurt 1981
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, Frankfurt 1984

sonstige Primärtexte:
Descartes, René: Meditationen, Stuttgart 1986
Dummett, Michael: Wahrheit
Frege, Gottlob: Die Grundlagen der Arithmetik, Stuttgart 1987
Quine, W.V.: Wort und Gegenstand, Stuttgart 1980
Ryle, Gilbert: Der Begriff des Geistes, Stuttgart 1969
Searle, John: Intentionalität, Frankfurt 1983
Searle, John: Sprechakte, Frankfurt 1991
Wittgenstein, Ludwig: Tractatus-logico-philosophicus, Frankfurt 1984
Wittgenstein, Ludwig: Vortrag über Ethik, Frankfurt 1984

zu Ludwig Wittgenstein:
Beckermann, Ansgar: Wittgenstein, Wittgensteinianism and the Contemporary Philosophy of Mind – Continuities and Changes, A. Coliva & E. Picardi (ed.) Wittgenstein today. Padova: Il Poligrafo 2004, 275-296
Crispin Wright, Wahrheit und Objektivität
Diamond, Cora, The realistic spirit
Hacker, PMS: Wittgenstein im Kontext der analytischen Philosophie, Frankfurt 1997
Savigny, Eike von: Ludwig Wittgenstein. Philosophische Untersuchungen
Savigny, Eike von: Der Mensch als Mitmensch.Wittgensteins 'Philosophische Untersuchungen'.
Sluga, Hans: The Cambridge Companion to Wittgenstein, 1997
Stern, David: Wittgenstein's "Philosophical Investigations". An Introduction (Cambridge Introductions to Key Philosophical Texts)

zu Saul Kripke:
Esfeld, Michael: Regelfolgen. 20 Jahre nach Kripkes Wittgenstein, erschienen in: Zeitschrift für philosophische Forschung 57 (2003), S. 128–138
Soames, Scott: Beyond Rigidity. The Unfinished Semantic Agenda of Naming and Necessity
Norris, Christopher: Fiction, Philosophy and Literary Theory: Will the real Saul Kripke please stand up?
Humphreys, Paul und Fetzer, J.H.:The New Theory of Reference: Kripke, Marcus, and Its Origins (Synthese Library)

zu Donald Davidson:
John McDowell, Geist und Welt, Frankfurt 2001
Glüer, Kathrin: Donald Davidson, Hamburg 1993
Glüer, Kathrin: Sprache und Regeln, 1999
Ralf Stoecker (Hrsg.): Reflecting Davidson: Donald Davidson Responding to an International Forum of Philosophers (Foundations of Communication), 1993 Gruyter
Ilic, Manoela: Was ist eigentlich ein Begriffsschema? Donald Davidson. Link: http://www-lehre.inf.uos.de/~milic/Coxi/Davidson_Begriffsschema_MIlic.pdf#search=%22Ilic%2C%20Manoela%3A%20Was%20ist%20eigentlich%20ein%20Begriffsschema%3F%20%22

sonstige Texte im Kontext der analytischen Philosophie:
Beckermann, Ansgar: Klassiker der Philosophie heute
Beckermann, Ansgar: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Berlin/New York 2000
Esfeld, Michael: Normativität der Bedeutung und normative Wissenschaftsphilosophie erschienen in Bernward Gesang (Hg.): Deskriptive oder normative Wissenschaftstheorie?, Frankfurt 2005 S. 205–223
Esfeld, Michael: Von einer pragmatischen Theorie der Bedeutung zur Philosophie des Geistes, erschienen in André Fuhrmann und Erik J. Olsson (Hg.): Pragmatisch denken. Frankfurt 2004, S. 147–168
Kann, Christoph: Fußnoten zu Platon, Hamburg 2001
Künne, Wolfgang: Abstrakte Gegenstände
Newen/Meixner: Seele, Denken, Bewusstsein, Berlin/New York 2003
Newen, Albert: Analytische Philosophie, Hamburg 2005
Perler, Dominik: Descartes, München 2006
Sluga, Hans: Heidegger´s Crisis – Philosophy and Politics in Nazi Germany, London 1993
Tarski, Alfred: Einführung in die mathematische Logik

sonstige Texte:
Lipton, Jasper: Robert B. Brandoms pragmatische Theorie sprachlicher Bedeutung
Soare, Luminita: Prosa; Die inferentialpragmatischen Sprachzustände der expressiven Vernunft, in der theoretischen und praktischen Wahrheitsauslegung des Robert Brandom
Karageorgoudis, Georgios: Robert Brandom, Expressive Vernunft, in: Widerspruch Nr. 36 Perspektiven postnationaler Demokratie, 2001
Puhl, Klaus: Selbstbewusstsein in der analytischen Philosophie in www.information-philosophie.de
May, Robert: Frege on identity statements, homepage von R. May oder: http://kleene.ss.uci.edu/%7Ermay/Frege.pdf
Feferman, Solomon: Tarski`s conception of Logic unter dem Link: http://math.stanford.edu/~feferman/papers/conceptlogic.pdf
Demmerling, Christoph, Zu den Grenzen einer Theorie der Bedeutung. Überlegungen zur Philosophie Donald Davidsons unter dem Link: http://www.momo-berlin.de/Demmerling_Davidson.html
Lipton Jasper, Minimaler Empirismus und radikale Interpretation

Copyright Bettina Müller, gehalten: Juni 2005, überarbeitet im November 2005, Literaturliste überarbeitet Sept. 2006, Literaturliste ueberarbeitet Sept. 2007

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