Geschichten. Zart und tief.
🍑 Geschichte 1: Zwischen Pfirsich und Papier
Am Anfang war nur ihre Stimme.
Eine dieser Stimmen, die nicht laut sein müssen,
um hängen zu bleiben.
Sie sagte nicht viel – fast schüchtern –
doch ich merkte, wie meine Gedanken sich festhielten
an kleinen Pausen, an leiser Wärme.
Wir hatten uns bei einem Workshop gesehen –
so ein stilles Wochenende über Nähe und Präsenz,
wo man mehr atmet als redet,
und sich manchmal fragt,
ob das, was gerade zwischen zwei Körpern geschieht,
überhaupt einen Namen braucht.
Ich wusste kaum etwas über sie.
Nur, dass ihre Augen nicht wegsahen,
wenn man still war.
Und dass sie roch wie der Beginn eines Sommers –
ein Hauch Aprikose, ein wenig Salz.
Ich habe mir das nicht eingebildet.
Ich glaube, manche Düfte kleben nicht an der Haut,
sondern am Gefühl.
Drei Tage später schrieb ich ihr.
Keine großen Worte.
Nur ein:
„Du bist mir geblieben.
Ich weiß nicht wo, aber es ist warm dort.“
Sie antwortete:
„Ich wollte gerade ein Buch zur Seite legen.
Und dann kam deine Nachricht.
Vielleicht liegt es an dir,
dass ich das Gefühl habe,
heute wird mein Bauch gestreichelt –
von einem Satz.“
Von da an schrieben wir fast täglich.
Und irgendwann wurde daraus mehr.
Nicht mehr Buchstaben –
aber mehr Haut zwischen ihnen.
E-Mail vom 14. Juni, 22:48 Uhr
Betreff: Ein Pfirsich für deine Beine
Ich habe heute an dich gedacht.
An deine Innenschenkel –
ja, ich weiß, das ist direkt.
Aber ich habe mir vorgestellt,
wie du daliegst.
Vielleicht mit einem leichten Tuch über dir.
Vielleicht nackt.
Und dann war da dieser Pfirsich.
Ich nehme ihn aus dem Kühlschrank,
lasse ihn in meine Hand sinken,
spüre das Gewicht, die Kühle,
das weiche, gespannte Fell der Haut.
Und dann stelle ich mir vor,
ich lege ihn genau dorthin –
auf dich.
Lass ihn ein paar Sekunden liegen.
Dann führe ich ihn entlang deiner Linie,
die du manchmal ganz unbewusst spannst,
wenn du an etwas Schönes denkst.
Ich beiße nicht hinein. Noch nicht.
Ich lasse ihn kreisen.
Und irgendwann –
während du langsam ungeduldig wirst –
zerdrücke ich ihn ganz leicht
zwischen deinen Oberschenkeln.
Der Saft läuft langsam.
Und meine Zunge folgt.
Du sagst nichts.
Aber deine Beine sagen mir alles.*
Ich hörte nie auf, ihr zu schreiben.
Auch als wir uns längst gesehen hatten.
Vielleicht war das unsere eigentliche Nähe –
dass wir im Schreiben Dinge berühren konnten,
die im Alltag oft zu scheu sind.
„Sie wusste, dass er sie sehen würde –
nicht mit den Augen,
sondern mit dem Raum, den er in sich für sie geöffnet hatte.“
„Er spürte ihre Nähe noch bevor sie schrieb –
ein Flirren im Feld, wie ein Duft, der ihn erreichte,
obwohl sie weit entfernt war.“
Brief an eine, die ich noch nicht kenne
Ich weiß nicht, ob du das liest,
ob du zufällig hierhergefunden hast
oder ob etwas in dir gespürt hat,
dass hier ein anderer Ton mitschwingt.
Vielleicht bist du vorsichtig.
Vielleicht neugierig.
Vielleicht auch beides.
Ich schreibe dir nicht, um dich zu überzeugen.
Ich schreibe dir, weil ich es schön finde,
wenn ein Wort einen anderen Menschen erreicht
und nicht nur gelesen,
sondern gespürt wird.
Ich stelle mir vor, du sitzt irgendwo,
vielleicht auf dem Sofa,
vielleicht im Bett,
vielleicht draußen,
mit einer Decke um die Schultern
und einer stillen Sehnsucht,
die sich nicht genau benennen lässt.
Ich kenne das.
Diese feine Leere zwischen den Stunden.
Dieses „Ich will nicht einfach irgendwas“
und zugleich:
„Ich sehne mich nach Nähe.“
Es ist kein Hunger nach Körpern.
Es ist ein Verlangen nach Berührung,
die vorher lauscht.
Ich bin kein Mann,
der mit der Tür ins Herz fällt.
Ich höre lieber erst ein paar Takte deines Atems,
bevor ich antworte.
Wenn ich schreiben dürfte,
wenn ich beginnen dürfte,
dann würde ich dir vielleicht einfach erzählen,
wie es wäre, dich zu empfangen.
Nicht mit Händen,
sondern mit Geduld.
Vielleicht würden wir uns nicht sofort küssen.
Vielleicht würden wir nur sitzen.
Nah.
So, dass wir uns noch nicht berühren,
aber schon spüren.
Vielleicht würdest du irgendwann dein Bein ausstrecken,
ein wenig näher rücken.
Und ich würde nichts sagen,
nur mein Atem würde leiser.
Vielleicht würde ich dann deine Haare aus dem Gesicht streichen,
aber nicht, weil ich es wollte –
sondern weil sie mich darum baten.
Vielleicht würdest du in dem Moment erkennen,
dass ich dich nicht nehme,
sondern empfange.
Dass ich nicht male,
sondern mit dir das Bild entstehen lasse.
Und vielleicht –
wenn du magst –
würden wir irgendwann keine Wörter mehr brauchen.
Nur die Sprache der Haut,
der Stille,
der Früchte,
die zu langsamem Genuss einladen.
Aber heute, jetzt,
schreibe ich dir nur diesen ersten Brief.
Vielleicht antwortest du nie.
Vielleicht liest du ihn nur einmal.
Aber vielleicht spürst du,
dass da jemand ist,
der nichts von dir will,
aber alles mit dir fühlen würde –
wenn du willst.
In Verbundenheit
und ohne Eile
–
ich.