Warum ein gutes Buch manchmal nicht reicht und was uns im Kita-Alltag wirklich weiterbringt
Warum ein gutes Buch manchmal nicht reicht und was uns im Kita-Alltag wirklich weiterbringt
Ich werde oft gefragt, ob ich noch ein gutes Buch kenne. Eins, das man selbst lesen kann, oder eins, das man einer Kollegin in die Hand drücken möchte, mit diesem stillen Wunsch: „Vielleicht macht es dann ja klick."
Und ja, Bücher gibt es. Gute sogar. Es gibt Podcasts, Videos und Fortbildungen für fast jede Situation im Kita-Alltag. Tipps für Kinder, die hauen. Sätze für schwierige Elterngespräche. Methoden für den Morgenkreis, für Übergänge, für alles.
An Wissen fehlt es uns wirklich nicht.
Aber weißt du, was das Problem ist? Ein Buch steht nicht mit dir im Gruppenraum.
Ein Buch steht nicht neben dir, wenn ein Kind die Arme verschränkt und sagt: „Nein! Ich räume nicht auf!" Es hört nicht den Lärm von zwanzig Kindern. Es sieht nicht die drei Kleinen, die gleichzeitig etwas von dir wollen. Es merkt nicht, dass du seit halb sieben auf den Beinen bist, dein Kaffee längst kalt ist und du eigentlich nur einmal kurz nicht angesprochen werden möchtest.
In einem schlauen Buch steht dann vielleicht: „Erkenne das Bedürfnis hinter dem Verhalten des Kindes."
Stimmt ja auch. Aber in genau diesem Moment steht da kein Satz aus einem Buch. Da steht ein Kind. Mit diesem Blick. Mit diesem Nein. Mit diesem ganzen kleinen Körper, der sagt: „Mach du mal. Ich bewege mich hier nicht."
Und dann passiert etwas. Nicht nur beim Kind. Auch bei dir.
Vielleicht merkst du das gar nicht. Du denkst nicht: „Ich bin gerade total genervt." Du denkst: „Kinder müssen Verantwortung lernen." Du merkst nicht, dass du eigentlich keine Kraft mehr hast. Du sagst dir: „Aufräumen gehört nun mal dazu." Du spürst nicht, dass du dich gerade machtlos fühlst. Du denkst: „Ich muss jetzt konsequent sein."
Das kann alles stimmen. Natürlich brauchen Kinder Orientierung. Natürlich muss der Gruppenraum nicht jeden Tag aussehen wie nach einem kleinen Erdbeben.
Aber manchmal, und das kennen wir alle, geben wir unserer eigenen Erschöpfung oder unserem Ärger einfach einen pädagogischen Namen.
Dann klingt es nicht nach: „Ich bin am Limit." Dann klingt es nach: „Ich bin konsequent." Dann klingt es nicht nach: „Ich will, dass das Kind jetzt einfach macht, was ich sage." Dann klingt es nach: „Das Kind muss Verantwortung lernen."
Genau da wird es spannend.
Denn bevor ich das Bedürfnis des Kindes sehen kann, müsste ich erst mal merken, was gerade in mir passiert. Dass mich das stresst. Dass ich lauter werde. Dass ich schon halb im Machtkampf bin, obwohl ich mir erzähle, dass es nur ums Aufräumen geht.
Dieser winzige Moment dazwischen ist so entscheidend. Zwischen dem „Nein" des Kindes und meinem Tonfall, zwischen dem Satz einer Kollegin und meinem inneren Augenrollen, zwischen der Nachfrage von Eltern in der Abholsituation und meinem Gedanken: „Nicht schon wieder."
Da passiert die eigentliche Musik.
Da wird aus einem Kind, das nicht aufräumt, plötzlich ein Kind, das provoziert. Da wird aus einer Kollegin, die kurz zögert, plötzlich eine Kollegin, die blockiert. Da werden aus Eltern, die eine Frage stellen, plötzlich Eltern, die grundsätzlich schwierig sind.
Wir sehen dann alles Mögliche: das Kind, die Kollegin, die Eltern, den Lärm, den Personalmangel, den ganzen Kita-Alltag. Nur uns selbst sehen wir in diesem Moment oft nicht.
Und wenn ich mich selbst nicht sehe, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich richtig handle.
Deshalb bringt es oft wenig, jemandem im Team einfach noch ein Buch hinzulegen. Vor allem dann nicht, wenn die Person überzeugt ist, dass sie alles richtig macht. Die denkt ja nicht: „Ich brauche kein Wissen." Die denkt: „So macht man das eben. Das hat doch bisher auch funktioniert."
Dann kommt Wissen nicht als Hilfe an. Sondern als Angriff.
Auch gute Fragen helfen dann nicht automatisch. „Was hat das mit dir gemacht?" ist eine wichtige Frage, z.B. in der Teamsitzung oder im Reflexionsgespräch. Aber wenn jemand gar nicht merkt, dass überhaupt etwas mit ihm passiert ist, hängt diese Frage im Raum wie ein Luftballon nach dem Sommerfest. Da ist sie, aber keiner macht etwas damit.
Was hilft dann?
Manchmal brauchen wir keinen besseren Satz und keine neue Methode. Manchmal brauchen wir einen Spiegel.
Ein Spiegel hält keine Predigt. Ein Spiegel sagt nicht: „Jetzt reflektier dich doch mal." Ein Spiegel zeigt einfach nur, was da ist. Nicht mehr. Nicht weniger.
Wir brauchen in unseren Teams Menschen, die das können. Menschen, die freundlich und ohne Vorwurf sagen:
„Darf ich dir kurz sagen, was ich gerade gesehen habe?"
Nicht als Belehrung. Einfach als ehrliche Rückmeldung unter Kolleginnen.
„Als das Kind ‚Nein' gesagt hat, wurde dein Ton sofort lauter."
„Als die Kollegin gezögert hat, hast du direkt übernommen."
„Als die Eltern in der Abholsituation nachgefragt haben, warst du innerlich sofort bei: Die sind wieder schwierig."
Das ist kein Zaubertrick. Das ist erst mal nur ein Spiegel. Natürlich kann man wegschauen. Man kann sagen: „So war das gar nicht." Das passiert.
Aber manchmal bleibt jemand kurz stehen. Nur ganz kurz und sieht etwas, das vorher nicht sichtbar war. Nicht weil jemand die bessere Theorie hatte. Sondern weil plötzlich ein Moment sichtbar wird, der sonst einfach durchgerauscht wäre.
Echte Entwicklung im Kita-Alltag beginnt genau dort.
Nicht mit noch einem Buch. Nicht mit noch einer Fortbildung. Nicht mit noch einer schlauen Frage in der Teamsitzung.
Sondern mit diesem einen, ehrlichen Gedanken:
„Ach,so war das gerade. So habe ich reagiert. Das fing gar nicht beim Kind an. Das Erste ist in mir passiert."
Und genau das ist es, was ich mit Fachkräften übe.
Nicht die perfekte Theorie, nicht den perfekten Satz, sondern diesen Blick nach innen, mitten im Alltag. Diesen kurzen Moment, in dem du merkst, was gerade wirklich passiert. Bei dir. Nicht nur beim Kind.
Und dann auch: Wie du das für andere sein kannst, dieser Spiegel, diese Kollegin, die nicht belehrt, sondern einfach ehrlich zurückmeldet, was sie sieht.
Das kann man lernen. Nicht aus einem Buch, aber miteinander
und genau dafür bin ich da.