RUF DER AHNEN
Ein Erinnerungsbuch in Trommelschlägen und Runen
Dieses Buch ist keine bloße Erzählung.
Es ist ein Resonanzkörper.
Ein Trommelschlag, der durch Generationen hallt.
Ein Erinnern an das, was fast verloren ging:
Stammesleben.
Kultur.
Ehre.
Herz.
Im Zentrum steht Aelrun ~ ein Mann zwischen Welten.
Geformt von Disziplin und Pflichterfüllung,
getragen von innerem Feuer und leiser Sehnsucht.
Er war kein Mann vieler Worte,
doch seine Hände, seine Blicke, seine Gesten ~
sie erzählten Geschichten aus einer Zeit,
die nicht vergangen ist,
sondern verdrängt.
In dichter, poetischer Sprache webt dieses Buch
Kindheit und Krieg,
Zucht und Freiheit,
Berg und See,
Vater und Sohn
zu einem lebendigen Erinnerungsgeflecht,
das mehr ist als ein Roman:
Es ist ein Klangkörper der Seele.
Ein rituelles Geschenk.
Ein Anker im Strom der Zeit.
Und mitten darin:
Die Trommel mit der Ziegenhaut.
Der Taktgeber.
Der Herzschlag des Buches.
„Aelrun ~ Der Ruf der Ahnen“
ist eine Einladung,
das eigene Erbe zu erinnern –
nicht im Staub der Geschichte,
sondern im Puls des Jetzt.
~ Leseprobe ~
Wenn der Wind ruft, trägt der Alte das Segel
aus: Die Lieder des Nordens
Der Morgen war klar.
Ein schmaler Streifen Nebel lag noch über dem Wasser,
als Aelrun den Steg betrat.
Der alte, schiefe Mann mit den rußigen Händen,
der früher Fäuste geschwungen hatte wie andere Männer das Schwert,
trug jetzt ein kleines Bündel bei sich:
Brot, eine dicke Decke,
und ein Messer mit einem Griff aus Runenholz.
„Wirst du wirklich auslaufen, Aelrun?“
Es war Eirik, der Schmied,
ein Jüngerer, aber mit grauen Brauen.
Aelrun blickte nicht zurück.
„Ich will nicht. Ich muss.“
„Du hättest auch hier bleiben können. Beim Feuer.“
„Das Feuer wärmt.
Doch das Wasser heilt.“
Er trat an sein Boot,
das aussah wie ein gestrandeter Traum:
die Planken aus dunklem Holz,
in Flicken mit Harz versiegelt,
die Segel nicht weiß,
sondern grau wie der Bart des Nordwindes.
Er nannte es "Stilllicht".
„Wohin willst du?“
„Wo die Berge im Wasser stehen.“
Eirik nickte.
„Dann grüß sie von mir.“
Und Aelrun legte ab.
Mit zitternden Händen ~
aber klarem Blick.
Das Ruder fühlte sich an wie ein Teil seines Arms,
der Wind kannte seinen Namen.
Die erste Nacht verbrachte er nahe einer Felseninsel,
auf der wilder Thymian wuchs.
Er machte ein kleines Feuer,
kochte Fischsuppe mit Kräutern,
und sprach leise mit sich selbst.
„Du hast lang gewartet, alter Freund.
Immer gedacht, dein Platz sei hinter dem Pflug,
unter dem Dach,
unter dem Blick der Frau,
unter dem Urteil der Söhne...
Aber nun hörst du endlich wieder
die Stimme des Wassers.“
Und das Wasser schwieg ~
doch es war ein warmes Schweigen.
In einer anderen Nacht,
nach stürmischer Fahrt,
fand er eine Bucht,
wo das Licht nicht von oben kam,
sondern aus dem Stein.
Er ging an Land.
Stellte sein Boot mit der Schnauze gegen den Wind.
Und schritt,
langsam,
zwischen moosbedeckten Felsen hindurch,
bis er ein altes Steinbild fand:
einen stehenden Mann
mit erhobener Faust
und einem leeren Schild.
„Du hast dich auch gewehrt, hm?
Gegen wen eigentlich?
Gegen Rom?
Gegen das Leben?
Oder gegen das,
was in dir nicht ruhen wollte?“
Er lachte leise.
Dann holte er sein Messer,
schnitzte eine kleine Rune in den Schild.
Es war die Rune für Stille.
Du hast mir nie erklärt, wie man lebt ~
aber du hast es mir gezeigt.
Du hast mich nicht mit vielen Worten gelehrt ~
aber mit deinen Händen.
Mit dem Flimmern in deinen Augen,
wenn das Feuer auf dem Wasser tanzte.
Mit dem Klang deiner Stimme,
wenn du Holz gespürt hast, das „gut geht“.
Mit dem Schweigen, das so schwer war,
und das ich doch heute verstehe.
Ich schreibe dir dieses Buch nicht,
weil ich etwas gerade rücken will.
Ich schreibe es,
weil ich dich in mir trage.
Weil ich gesehen habe,
wie du geschaufelt hast,
wie du gebaut hast,
wie du getragen hast ~
so vieles, das andere nicht gesehen haben.
Ich weiß heute:
Du warst nicht wütend auf die Welt.
Du warst wütend, weil du so viel Liebe hattest
und niemand dir gesagt hat, wohin damit.
Dieses Buch ist ein Kanu aus Runen,
ein Baumstamm auf der Zeit,
ein leiser Handstand auf dem Rücken der Erinnerungen.
Du darfst darauf stehen,
wie du früher standest ~
wenn niemand hinsah.
Und wenn du irgendwann wirklich gehst,
dann wird das Meer dich tragen.
Und meine Worte werden mit dir fließen.
Nicht um dich festzuhalten ~
sondern um dich weiterzugeben.
~
Dein Sohn
Naim